gab unser Fürst große Tafel: drei der vornehmsten geistlichen Herren
waren eingeladen, sie hatten köstliches Tischzeug, sehr schönes
Porzellanservice hergegeben; von Silber war wenig zu sehen, Schätze
und Kostbarkeiten lagen in Ehrenbreitstein. Die Speisen von den
fürstlichen Köchen schmackhaft zubereitet; Wein, der uns früher hatte
nach Frankreich folgen sollen, von Luxemburg zurückkehrend, ward hier
genossen; was aber am meisten Lob und Preis verdiente, war das
kostbarste weiße Brot, das an den Gegensatz des Kommissbrots bei Hans
erinnerte.
Ich hatte mich, als ich nach Trierscher Geschichte in diesen Tagen
forschte, notwendig auch um die Abtei St. Maximin bekümmern müssen;
ich konnte daher mit meinem geistlichen Nachbar ein ganz
auslangendes, geschichtliches Gespräch führen. Das hohe Alter des
Stifts ward vorausgesetzt; dann gedachte man seiner mannigfaltig
wechselnden Schicksale, der nahen Lage des Stifts and er Stadt,
beiden Teilen gleich gefährlich; wie es denn im Jahr 1674
niedergebrannt und völlig verwüstet wurde. Von dem Wiederaufbau und
der allmählichen Herstellung in den gegenwärtigen Zustand ließ ich
mich auch unterrichten. Dazu konnte man viel Gutes sagen und die
Anstalten preisen, welches der geistliche Herr auch gern vernahm;
von den letzten Zeiten aber wollte er nichts Rühmliches wissen: die
französischen Prinzen waren da lange im Quartier gelegen, und man
hatte von manchem Unfug, Übermut und Verschwendung zu hören.
Bei Abwechslung des Gesprächs daher ging ich wieder ins
Geschichtliche zurück; als ich aber der früheren Zeit erwähnte, wo
das Stift sich dem Erzbischof gleichgesetzt und der Abt Reichsstand
des Römisch-Deutschen Reichs gewesen, wich er lächelnd aus, als wenn
er eine solche Erinnerung in der neusten Zeit für verfänglich halte.
Die Sorge des Herzogs für sein Regiment ward nun tätig und klar; denn
als die Kranken zu Wagen fortzubringen unmöglich war, so ließ der
Fürst ein Schiff mieten, um sie bequem nach Koblenz zu transportieren.
Nun aber kamen andere auf eine eigene Weise presshafte Kriegsmänner
an. Auf dem Rückzug hatte man gar blad bemerkt, dass die Kanonen
nicht fortzubringen seien: die Artilleriepferde kamen um, eines nach
dem andern, wenig Vorspann war zu finden, die Pferde, auf dem Hinzug
requiriert, beim Herzug geflüchtet, fehlten überall. Man griff zu der
letzten Maßregel: Von jedem Regiment musste eine starke Anzahl Reiter
absitzen und zu Fuß wandern, damit das Geschütz gerettet werde. In
ihren steifen Stiefeln, die zuletzt nicht mehr durchhalten wollten,
litten diese braven Menschen bei dem schrecklichen Wege unendlich;
aber auch ihnen erheiterte sich die Zeit, denn es ward Anstalt
getroffen, dass auch sie zu Wasser nach Koblenz fahren konnten.
November.
Mein Fürst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten,
eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu
erkundigen. Bei später Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten,
ward ich bei diesem mir früher nicht ungewogenen, bedeutenden Mann
eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing,
war wohltätig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfüllung
meiner Wünsche. Er entließ mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne
mich im mindesten zu fördern, und man wird mir zutrauen, dass ich
darauf vorbereitet gewesen.
Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermüdeten Reiter eifrig
betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefühl, es sei wohl am
besten getan, einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern ließ
ich meine Chaise zurück, die man mir aber nach Koblenz nachzusenden
versprach, und mietete ein einmänniges Boot, wo mir denn beim
Einschiffen meine sämtlichen Habseligkeiten, gleichsam vorgezählt,
einen sehr angenehmen Eindruck machten, indem ich sie mehr als einmal
verloren glaubte oder zu verlieren fürchtete. Zu dieser Fahrt
gesellte sich ein preußischer Offizier, den ich als alten Bekannten
aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine
Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewöhnlich den
Kaffee wollte präsentiert haben.
Das Wetter war leidlich, die Fahrt ruhig, und man erkannte die Anmut
dieser Wohltat umso mehr, je mühseliger auf dem Landweg, der sich dem
Fluss hie und da näherte, die Kolonnen dahin zogen oder auch wohl von
Zeit zu Zeit stockend verweilten. Schon in Trier hatte man geklagt,
dass bei so eiligem Rückmarsch die größte Schwierigkeit sei, Quartier
zu finden, indem gar oft die einem Regiment angewiesenen Ortschaften
schon besetzt gefunden worden, wodurch große Not und Verwirrung
entstehe.
Die Uferansichten der Mosel waren längs dieser Fahrt höchst
mannigfaltig; denn obgleich das Wasser eigensinnig seinen Hauptlauf
von Südwest nach Nordost richtet, so wird es doch, da es ein
schikanöses gebirgisches Terrain durchstreift, von beiden Seiten
durch vorspringende Winkel bald rechts bald links gedrängt, so dass
es nur im weitläufigen Schlangengang fortwandeln kann. Deswegen ist
denn aber auch ein tüchtiger Fährmeister höchst nötig; der unsere
bewies Kraft und Gewandtheit, indem er bald hier einen vorgeschobenen
Kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler Felswand
herflutenden Strom zu schnellerer Fahrt kühn zu benutzen wusste. Die
vielen Ortschaften zu beiden Seiten gaben den muntersten Anblick; der
Weinbau, überall sorgfältig gepflegt, ließ auf ein heiteres Volk
schließen, das keine Mühe schont, den köstlichen Saft zu erzielen.
Jeder sonnige Hügel war benutzt, bald aber bewunderten wir schroffe
Elsen am Strom, auf deren schmalen vorragenden Kanten, wie auf
zufälligen Naturterrassen, der Weinstock zum allerbesten gedieh.
Wir landeten bei einem artigen Wirtshaus, wo uns eine alte Wirtin
wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrierten
aber besonders alles Böse gönnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem
Wirtstisch gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen
Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf
geworfen, so dass sie und ihre Mägde es nachher mit Tränen
zusammengekehrt.
Und so ging es mit gutem Glück und Mut immer weiter hinab bis zur
Dämmerung, da wir uns denn aber in das mäandrische Flussgewinde, wie
es sich gegen die Höhen von Montroyal herandrängt, verschlungen
sahen. Nun überfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder
auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster, eingeengt wussten
wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm,
bisher schon ruckweise verkündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach:
bald schwoll der Strom im Gegenwind, bald wechselten abprallende
Windstöße niederstürzend mit wütendem Sausen; eine Welle nach der
anderen schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnässt. Der
Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer
größer, je länger sie dauerte, und der Drang war aufs höchste
gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er
sei, noch wohin er steuern solle.
Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefasst. Wir
schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir
schienen, dass Massen über mir doch noch etwas dunkler als
der verfinsterte Himmels ich dem Auge bemerkbar machten; dies
gewährte jedoch wenig Trost und Hoffnung: zwischen Land und Fels
eingeschlossen zu sein, drang sich immer ängstlicher auf. Und so
wurden wir im Stockfinstern lange hin und her geworfen, bis sich
endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun
ward nach Möglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich
Paul nach Kräften tätig erwies.
Endlich stiegen wir in Trarbach glücklich ans Land, wo man uns in
einem leidlichen Gasthof Henne mit Reis alsobald anbot. Ein
angesehener Kaufmann aber, die Landung von Fremden in so tiefer
stürmischer Nacht vernehmend, nötigte uns in sein Haus, wo wir bei
hellem Kerzenschein, in wohl geschmückten Zimmern englische schwarze
Kunstblätter, in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen, mit Freude,
ja mit Rührung gegen die kurz vorher erduldeten finsteren
Gefährlichkeiten begrüßend erblickten. Herr und Frau, noch junge
Leute, beeiferten sich, uns gütlich zu tun; wir genossen des
köstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefährte, der eine
Wiederherstellung freilich am nötigsten haben mochte, besonders
erquickte.
Paul gestand, dass er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir
scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich
denn freilich nur allein möchte durchgebracht haben.
Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon
wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der
freundliche Wirt wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte
vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch
von einer benachbarten Höhe die weiteste, schönste Aussicht übe rein
bedeutend Gelände und manches andere, was uns zur Erquickung und
Zerstreuung hätte dienen können. Aber es ist wunderbar: wie sich der
Mensch an ruhige Zustände gewöhnt und in denselben verharren mag, so
gibt es auch eine Gewöhnung zum Unruhigen; es war in mir die Nötigung
zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte.
Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, nötigte uns der wackere
Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige
Bequemlichkeit hätten; die Frau gab solche nicht gerne her, welches
ihr, da der Barchent neu und schön, gar nicht zu verdenken war. Und
so ereignet sich's oft in Einquartierungsfällen, dass bald der eine,
bald der andere Gatte dem aufgedrungenen Gast mehr oder weniger wohl
will.
Bis Koblenz schwammen wir ruhig hinunter, und ich erinnere mich nur
deutlich, dass ich am Ende der Fahrt das schönste Naturbild gesehen,
was mir vielleicht zu Augen gekommen. Als wir gegen die Moselbrücke
zu fuhren, stand uns dieses schwarze mächtige Bauwerk kräftig
entgegen; durch die Bogenöffnungen aber schauten die stattlichen
Gebäude des Tals, über der Brückenlinie sodann das Schloss
Ehrenbreitstein im blauen Duft durch und hervor. Rechts bildete die
Stadt, an die Brücke sich anschließend, einen tüchtigen Vorgrund.
Dieses Bild gab einen herrlichen, aber nur augenblicklichen Genuss,
denn wir landeten und schickten sogleich gewissenhaft die Matratzen
unversehrt an das von den wackeren Trarbachern uns bezeichnete
Handelshaus.
Dem Herzog von Weimar war ein schönes Quartier eingeräumt, worin auch
ich ein gutes Unterkommen fand. Die Armee rückte nach und nach heran;
die Dienerschaft des fürstlichen Generals traf ein und konnte nicht
genug von den Unbilden erzählen, die sie erleiden müssen. Wir
segneten uns, die Wasserfahrt eingeschlagen zu haben, und die
glücklich überstandene Windsbraut schien nur ein geringes Übel gegen
eine stockende und überall gehinderte Landfahrt.
Der Fürst selbst war angekommen, um den König versammelten sich viele
Generale. Ich aber, in einsamen Spaziergängen den Rhein hin,
wiederholte mir die wunderlichen Ereignisse der vergangenen Wochen.
* * * * *
Ein französischer General, Lafayette, Haupt einer großen Partei, vor
kurzem der Abgott seiner Nation, des vollkommensten Vertrauens der
Soldaten genießend, lehtn sich gegen die Obergewalt auf, die allein
nach Gefangennehmung des Königs das Reich repräsentiert; er
entflieht, seine Armee, nicht stärker als 23000 Mann, bleibt ohne
General und Oberoffiziere, desorganisiert, bestürzt.
Zur selbigen Zeit betritt ein mächtiger König, mit einem 80000 Mann
starken verbündeten Heer, den Boden von Frankreich; zwei befestigte
Städte, nach geringem Zaudern, ergeben sich.
Nun erscheint ein wenig gekannter General, Dumouriez; ohne jemals
einen Oberbefehl geführt zu haben, nimmt er, gewandt und klug, eine
sehr starke Stellung; sie wird durchbrochen, und doch erreicht er
eine zweite, wird auch daselbst eingeschlossen und zwar so, dass der
Feind sich zwischen ihn und Paris stellt.
Aber sonderbar verwickelte Zustände werden durch anhaltendes
Regenwetter herbeigeführt; das furchtbare alliierte Heer, nicht
weiter als sechs Stunden von Chalons und zehn von Reims, sieht sich
abgehalten, diese beiden Orte zu gewinnen, bequemt sich zum Rückzug,
räumt die zwei eroberten Plätze, verliert über ein Drittel seiner
Mannschaft, und davon höchstens 2000 durch die Waffen, und sieht sich
nun wieder am Rhein. Alle diese Begegnisse, die an das Wunderbare
grenzen, ereignen sich in weniger als sechs Wochen, und Frankreich
ist aus der größten Gefahr gerettet, deren seien Jahrbücher jemals
gedenken.
Vergegenwärtige man sich nun die vielen tausend Teilnehmer an solchem
Missgeschick, denen das grimmige Leibes- und Seelenleiden einiges
Recht zur Klage zu geben schien, so wird man sich leicht vorstellen,
dass nicht alles im stillen abgetan ward, und so sehr man sich auch
vorzusehen gedachte, doch aus einem vollen Herzen der Mund zuzeiten
überging.
Und so begegnete denn auch mir, dass ich an großer Tafel neben einem
alten trefflichen General saß und vom Vergangenen zu sprechen mich
nicht ganz enthielt, worauf er mir, zwar freundlich, aber mit
gewisser Bestimmtheit antwortete: "Erzeigen Sie mir morgen früh die
Ehre, mich zu besuchen, da wir uns hierüber freundlich und aufrichtig
besprechen wollen." Ich schien es anzunehmen, blieb aber aus und
gelobte mir innerlich, das gewohnte Stillschweigen so bald nicht
wieder zu brechen.
Auf der Wasserfahrt sowie auch in Koblenz hatte ich manche Bemerkung
gemacht zum Vorteil meiner chromatischen Studien; besonders war mir
über die epooptischen Farben ein neues Licht aufgegangen, und ich
konnte immer mehr hoffen, die physischen Erscheinungen in sich zu
verknüpfen und sie von andern abzusondern, mit denen sie in
entfernterer Verwandtschaft zu stehen schien.
Auch kam mir des treuen Kämmerier Wagner Tagebuch zu Ergänzung des
meinigen gar wohl zustatten, das ich in den letzten Tagen ganz und
gar vernachlässigt hatte.
Des Herzogs Regiment war herangekommen und kantonierte in den Dörfern
gegen Neuwied über. Hier bewies der Fürst die väterlichste Sorgfalt
für seine Untergebenen: jeder einzelne durfte seine Not klagen, und
soviel nur möglich ward abgestellt und nachgeholfen. Leutnant von
Flotow, in der Stadt auf Kommando stehend und dem Wohltäter am
nächsten, erwies sich tätig und hilfreich. Dem Hauptbedürfnis an
Schuhen und Stiefeln wurde dadurch abgeholfen, dass man Leder kaufte
und die im Regiment sich findenden Schuster unter den Meistern der
Stadt arbeiten ließ. Auch für Reinlichkeit und Zierde war gesorgt,
gelbe Kreide angeschafft, die Kolletts gesäubert und gefärbt, und
unsere Reiter trabten wieder ganz schmuck einher.
Meine Studien jedoch sowohl als die heitere Unterhaltung mit den
Kanzlei- und Hausgenossen wurden gar sehr belebt durch den Ehrenwein,
welcher, von trefflicher Moselsorte, unserem Fürsten vom Stadtrat
gereicht ward und welchen wir, da der Fürst meist auswärts speiste,
zu genießen die Erlaubnis hatten. Als wir Gelegenheit fanden, einem
von den Gebern darüber ein Kompliment zu machen, und dankbar
anerkannten, dass sie sich bei solcher Gelegenheit um unsertwillen
mancher guten Flasche berauben wollen, vernahmen wir die Erwiderung:
dass sie uns dies und noch viel mehr gönnten und nur die Fässer
bedauerten, welche sie an die Emigrierten wenden müssen, welche zwar
viel Geld, aber auch viel Unheil über die Stadt gebracht, ja den
Zustand derselben völlig umgekehrt; besonders aber wollte man
ihr Betragen gegen den Fürsten nicht rühmen, an dessen Stelle
sie sich gewissermaßen gesetzt und gegen seine Willen kühnlich
Unverantwortliches unternommen.
In der letzten, Unheil drohenden Zeit, war er auch nach Regensburg
abgereist, und ich schlich, zu schöner heiterer Mittagsstunde, an
sein Schloss hin, das auf dem linken Rheinufer, etwas oberhalb der
Stadt, wunderschön, seitdem ich diese Gegen nicht betreten, aus der
Erde gewachsen war. Es stand einsam und als die allerneuste, wenn
auch nicht architektonische, doch politische Ruine da, und ich hatte
nicht den Mut, mir von dem umherwandelnden Schlossvogt den Eingang zu
gewinnen. Wie schön war die nähere und weitere Umgebung, wie angebaut
und gartenreich der Raum zwischen Schloss und Stadt, die Aussicht den
Rhein stromauf ruhig und besänftigend, gegen Stadt und Festung aber
prächtig und aufregend.
In der Absicht, mich übersetzen zu lassen, ging ich zur fliegenden
Brücke, ward aber aufgehalten oder hielt mich vielmehr selbst auf, in
Beschauung eines österreichischen Wagentransportes, welcher nach und
nach übergesetzt wurde. Hier ereignete sich ein Streit zwischen einem
preußischen und österreichischen Unteroffizier, welcher den Charakter
beider Nationen klar ins Licht setzte.
Vom Österreicher, der hierher postiert war, um die möglich schnelle
Überfahrt der Wagenkolonne zu beaufsichtigen, aller Verwirrung
vorzubeugen und deshalb kein anderes Fuhrwerk dazwischen zu lassen,
verlangte der Preuße heftig eine Ausnahme für sein Wägelchen, auf
welchem Frau und Kind mit einigen Habseligkeiten gepackt waren. Mit
großer Gelassenheit versagte der Österreicher die Forderung, auf die
Order sich berufend, die ihm dergleichen ausdrücklich verbiete; der
Preuße ward heftiger, der Österreicher wo möglich gelassener; er litt
keine Lücke in der ihm empfohlenen Kolonne, und der andere fand sich
einzudrängen keinen Raum. Endlich schlug der Zudringliche an seinen
Säbel und forderte den Widerstehenden heraus: mit Drohen und
Schimpfen wollte er seinen Gegner ins nächste Gässchen bewegen, um
die Sache daselbst auszumachen; der höchst, ruhige, verständige Mann
aber, der die Rechte seines Postens gar wohl kannte, rührte sich
nicht und hielt Ordnung nach wie vor.
Ich wünschte diese Szene wohl von einem Charakterzeichner aufgefasst,
denn wie im Betragen so auch in Gestalt unterschieden sich beide: der
Gelassene war stämmig und stark, der Wütende -- denn zuletzt erwies
er sich so -- hager, lang, schmächtig und rührig.
Die auf diesen Spaziergang zu verwendende Zeit war zum Teil schon
verstrichen, und mir vertrieb die Frucht vor ähnlichen Retardationen
bei der Rückkehr jede Lust, das sonst so geliebte Tal zu besuchen,
das doch nur das Gefühl schmerzlichen Entbehrens erregt und mich
fruchtlos zu Betrachtung früherer Jahre aufgeregt hätte; doch stand
ich lange hinüberschauend, friedlicher Zeiten mitten im verwirrenden
Wechsel irdischer Ereignisse treulich eingedenk.
Und so traf es zufällig, dass ich von den Maßregeln zum ferneren
Feldzug auf dem rechten Ufer näher unterrichtet ward. Des Herzogs
Regiment rüstete sich, hinüberzuziehen; der Fürst selbst mit seiner
ganzen Umgebung sollte folgen. Mir bangte vor jeder Fortsetzung des
kriegerischen Zustandes, und das Fluchtgefühl ergriff mich abermals.
Ich möchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins
Weite statt ins Enge. Ich stand, der herrliche Fluss lag vor mir: er
geleitete so sanft und lieblich hinunter, in ausgedehnter breiter
Landschaft; er floss zu Freunden, mit denen ich, trotz manchem
Wechseln und Wenden, immer treu verbunden geblieben. Mich verlangte
aus der fremden, gewaltsamen Welt an Freundesbrust, und so mietete
ich, nach erhaltenem Urlaub, eilig einen Kahn bis Düsseldorf, meine
noch immer zurückbleibende Chaise Koblenzer Freunden empfehlend, mit
Bitte, sie mir hinabwärts zu spedieren.
Als ich nun mit meinen Habseligkeiten mich eingeschifft und sogleich
auf dem Strom dahin schwimmen sah, begleitet vom getreuen Paul und
einem blinden Passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband,
heilt ich mich für glücklich und von allem Übel befreit.
Indessen standen noch einige Abenteuer bevor. Wir hatten nicht lange
flussabwärts gerudert, als zu bemerken war, dass der Kahn ein starkes
Leck haben müsse, indem der Fährmann von Zeit zu Zeit das Wasser
fleißig ausschöpfte. Und nun entdeckte ich erst, dass wir, bei
übereilt unternommener Fahrt, nicht bedacht hatten, wie auf die weite
Strecke hinab vom Koblenz bis Düsseldorf der Schiffer nur ein altes
Boot zu nehmen pflegt, um es unten als Brennholz zu verkaufen und,
sein Fährgeld in der Tasche, ganz leicht nach Hause zu wandern.
Indessen fuhren wir getrost dahin. Eine sternhelle, doch sehr kalte
Nacht begünstigte unsere Fahrt, als auf einmal der fremde Ruderer
verlangte, ans Land gesetzt zu werden, und sich mit dem Schiffer zu
streiten anfing, an welcher Stelle es denn eigentlich für den Wandrer
am vorteilhaftesten sei; worüber sie sich nicht vereinigen konnten.
Unter diesen Händeln, die mit Heftigkeit geführt wurden, stürzte
unser Fährmann ins Wasser und wurde nur mit Mühe herausgezogen. Nun
konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat
dringend um die Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu dürfen, um sich zu
trocknen und zu erwärmen. Mein Diener ging mit ihm in eine
Schifferkneipe, ich aber beharrte, unter freiem Himmel zu bleiben,
und ließ mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So
groß ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten
sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor
Dach und Zimmer graute. Diesmal aber entstand daraus für mich ein
neues Unheil, welches man freilich hätte vorhersehen sollen: den Kahn
hatte man zwar soweit als möglich auf den Strand gezogen, aber nicht
so weit, dass er nicht durch das Leck noch hätte Wasser einnehmen
können.
Nach einem tiefen Schlaf fand ich mich mehr als erfrischt, denn das
Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine
Habseligkeiten durchnässt. Ich war daher genötigt, aufzustehen, das
Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glühwein
schlürfender Gesellschaft so gut als möglich zu trocknen, worüber
denn der Morgen ziemlich herankam und eine verspätete Reise durch
frisches Rudern eifrig beschleunigt wurde.