kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich
denn auch bei gegenwärtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, sowie
denn überhaupt das Zurückschauen in jene früheren Tage beiden Teilen
einige angenehme Stunden gewährte. Er, nach wie vor immer nur mit
sich selbst beschäftigt, hatte viel zu erzählen und mitzuteilen.
Ihm war geglückt, im Lauf der Jahre sich den Rang eines geachteten
Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte älterer
Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich
zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfänge und Urzustände der
Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bücher, die er mir, wie sie
herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene
Bemühungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte.
Seine gegenwärtigen Zustände fand ich auch keineswegs behaglich: er
hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versäumt und
abgelehnt, endlich mit wütender Anstrengung erstürmt und durch dieses
geistige Unmaß sein Physisches zerrüttet. Zudem schienen seine
ökonomischen Umstände nicht die besten, wenigstens erlaubte sein
mäßiges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu
schonen; auch hatte sich das düstere jugendliche Treiben nicht
ganz ausgleichen können: noch immer schien er einem Unerreichbaren
nachzustreben, und als die Erinnerung früherer Verhältnisse
endlich erschöpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung
stattfinden. Meine gegenwärtige Art, zu sein, konnte fast noch
entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden
jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verließ ich in Furcht
und Sorge wegen der drangvollen Zeit.
Den verdienten Merrem besuchte ich gleichfalls, dessen schöne
naturhistorische Kenntnisse alsbald eine frohere Unterhaltung
gewährten. Er zeigte mir manches Bedeutende vor, schenkte mir sein
Werk über die Schlangen, und so ward ich aufmerksam auf seinen
weitern Lebensgang, woraus mir mancher Nutzen erwuchs; denn das ist
der höchst erfreuliche Vorteil von Reisen, dass einmal erkannte
Persönlichkeiten und Lokalitäten unsern Anteil zeitlebens nicht
loslassen.
Münster, November 1792.
Der Fürstin angemeldet, hoffte ich gleich den behaglichsten Zustand,
allein ich sollte noch vorher eine zeitgemäße Prüfung erdulden:
denn, auf der Fahrt von mancherlei Hindernissen aufgehalten,
gelangte ich erst tief in der Nacht zur Stadt. Ich heilt nicht für
schicklich, durch einen solchen Überfall gleich beim Eintritt die
Gastfreundschaft in diesem Grad zu prüfen; ich fuhr daher an einen
Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bett durchaus versagt wurde: die
Emigrierten hatten sich in Masse auch hierher geworfen und jeden
Winkel gefüllt. Unter diesen Umständen bedachte ich mich nicht lange
und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer
noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach
und Fach nichts zu finden war.
Auf diese geringe Entbehrung erfuhr ich den andern Morgen das
Allerbeste. Die Fürstin ging mir entgegen, ich fand in ihrem Haus zu
meiner Aufnahme alles vorbereitet. Das Verhältnis von meiner Seite
war rein, ich kannte die Glieder des Zirkels früher genugsam, ich
wusste, dass ich in einen frommen sittlichen Kreis herein trat, und
betrug mich darnach. Von jener Seite benahm man sich gesellig, klug
und nicht beschränkend.
Die Fürstin hatte uns vor Jahren in Weimar besucht, mit von
Fürstenberg und Hemsterhuis; auch ihre Kinder waren von der
Gesellschaft. Damals verglich man sich schon über gewisse Punkte und
schied, einiges zugeben, anderes duldend, im besten Vernehmen. Sie
war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff
machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat, die man nicht richtig
beurteilt, wenn man eben diese Individualität nicht in Verbindung
sowie im Konflikt mit ihrer Zeitumgebung betrachtet. Von Fürstenberg
und Hemsterhuis, zwei vorzügliche Männer, begleiteten sie treulich,
und in einer solchen Gesellschaft war das Gute sowie das Schöne
immerfort wirksam und unterhaltend. Letzterer war indessen gestorben,
jener, nunmehr umso viel Jahre älter, immer derselbe verständige,
edle, ruhige Mann; und welche sonderbare Stellung in der Mitwelt!
Geistlicher, Staatsmann, so nahe, den Fürstenthron zu besteigen.
Die ersten Unterhaltungen, nachdem das persönliche Andenken früherer
Zeit sich ausgesprochen hatte, wandten sich auf Hamann, dessen Grab,
in der Ecke des entlaubten Gartens, mir bald in die Augen schien.
Seine großen, unvergleichlichen Eigenschaften gaben zu herrlichen
Betrachtungen Anlass, seine letzten Tage jedoch bleiben ungesprochen:
der Mann, der diesem endlich erwählten Kreis so bedeutend und
erfreulich gewesen, ward im Tod den Freunden einigermaßen unbequem;
man machte sich über sein Begräbnis entscheiden, wie man wollte, so
war es außer der Regel.
Den Zustand der Fürstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als
liebevoll betrachten: sie kam früh zum Gefühl, dass die Welt uns
nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurückziehen, dass man in
einem innern, beschränkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein
müsse. Beides hatte sie erfasst; das höchste Zeitliche fand sie im
Natürlichen, und hier erinnere man sich Rousseauscher Maximen über
bürgerliches Leben und Kinderzucht. Zum einfältigen Wahren wollte man
in allem zurückkehren, Schnürbrust und Absatz verschwanden, der Puder
zerstob, die Haare fielen in natürlichen Locken. Ihre Kinder lernten
schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. Diesmal
hätte ich die Tochter kaum wieder gekannt. Sie war gewachsen
und stämmiger geworden, ich fand sie verständig, liebenswert,
haushälterisch, dem halb klösterlichen Leben sich fügend und widmend.
So war es mit dem zeitlich Gegenwärtigen; das ewige Künftige hatten
sie in einer Religion gefunden, die das, was andere lehrend hoffen
lassen, heilig beteuernd zusagt und verspricht.
Aber als die schönste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste
Wohltätigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik: das Leben
füllte sich aus mit Religionsübung und wohl tun; Mäßigkeit und
Genügsamkeit sprach sich aus in der ganzen häuslichen Umgebung; jedes
tägliche Bedürfnis ward reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung
selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst benötigt ist,
erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man
anständig zur Miete wohne. Eben dies galt von Fürstenbergs häuslicher
Umgebung: er bewohnte einen Palast, aber einen fremden, den er seinen
Kindern nicht hinterlassen sollte. Und so bewies er sich in allem
sehr einfach, mäßig, genügsam, auf innerer Würde beruhend, alles
Äußere verschmähend, so wie die Fürstin auch.
Innerhalb dieses Elementes bewegte sich die geistreichste,
herzlichste Unterhaltung, ernsthaft, durch Philosophie vermittelt,
heiter durch Kunst, und wenn man bei jener selten von gleichen
Prinzipien ausgeht, so freut man sich, bei dieser meist
Übereinstimmung zu finden.
Hemsterhuis, Niederländer, fein gesinnt, zu den Alten von Jugend auf
gebildet, hatte sein Leben der Fürstin gewidmet, sowie seine
Schriften, die durchaus von wechselseitigem Vertrauen und gleichem
Bildungsgang das unverwüstlichste Zeugnis ablegen.
Mit eigener scharfsinniger Zartheit wurde dieser schätzenswerte Mann
dem Geistig-Sittlichen sowie dem Sinnlich-Ästhetischen unermüdet
nachzustreben geleitet. Muss man von jenem sich durchdringen, so soll
man von diesem immer umgeben sein; daher ist für einen Privatmann,
der sich nicht in großen Räumen ergehen und selbst auf Reisen einen
gewohnten Kunstgenuss nicht entbehren kann, eine Sammlung
geschnittener Steine höchst wünschenswert: ihn begleitet überall das
Erfreulichste, ein belehrendes Kostbares ohne Belästigung, und er
genießt ununterbrochen des edelsten Besitzes.
Um aber dergleichen zu erlangen, ist nicht genug, dass man wolle; zum
Vollbringen gehört, außer dem Vermögen, vor allen Dingen Gelegenheit.
Unser Freund entbehrte dieser nicht: auf der Scheide von Holland und
England wohnend, die fortdauernde Handelsbewegung, die darin auch
hin und her wogenden Kunstschätze beobachtend, gelangte er nach und
nach durch Kauf- und Tauschversuche zu einer schönen Sammlung von
etwa siebzig Stücken, wobei ihm Rat und Belehrung des trefflichen
Steinschneiders Natter für die sicherste Beihilfe galt.
Diese Sammlung hatte die Fürstin zum größten Teil entstehen sehen,
Einsicht, Geschmack und Liebe daran gewonnen und besaß sie nun als
Nachlass eines abgeschiedenen Freundes, der in diesen Schätzen immer
als gegenwärtig erschien.
Hemsterhuis' Philosophie, die Fundamente derselben, seinen Ideengang
konnt' ich mir nicht anders zu eigen machen, als wenn ich sie in
meine Sprach übersetzte. Das Schöne und das an demselben Erfreuliche
sei, so sprach er sich aus, wenn wir die größte Menge von
Vorstellungen in einem Moment bequem erblicken und fassen; ich aber
musste sagen: das Schöne sei, wenn wir das gesetzmäßig Lebendige in
seiner größten Tätigkeit und Vollkommenheit schauen, wodurch wir,
zur Reproduktion gereizt, uns gleichfalls lebendig und in höchste
Tätigkeit versetzt fühlen. Genau betrachtet, ist eins und eben
dasselbe gesagt, nur von verschiedenen Menschen ausgesprochen, und
ich enthalte mich, mehr zu sagen; denn das Schöne ist nicht sowohl
leistend als versprechend, dagegen das Hässliche, aus einer Stockung
entstehend, selbst stocken macht und nichts hoffen, begehren und
erwarten lässt.
Ich glaubte mir auch den "Brief über die Skulptur" hiernach meinem
Sinn gemäß zu deuten; ferner schien mir das Büchlein "Über das
Begehren" auf diesem Weg klar: denn wenn das heftig verlangte Schöne
in unsern Besitz kommt, so hält es nicht immer im einzelnen, was es
im ganzen versprach, und so ist es offenbar, dass dasjenige, was uns
als Ganzes aufregte, im einzelnen nicht durchaus befriedigen wird.
Diese Betrachtungen waren umso bedeutender, als die Fürstin ihren
Freund heftig nach Kunstwerken verlangen, aber im Besitz erkalten
gesehen, was er so scharfsinnig und liebenswürdig in obgemeldetem
Büchlein ausgeführt hatte. Dabei hat man freilich den Unterschied zu
bedenken, ob der Gegenstand des für ihn empfundenen Enthusiasmus
würdig sei: ist er es, so muss Freude und Bewunderung immer daran
wachsen, sich stets erneuen; ist er es nicht ganz, so geht das
Thermometer um einige Grade zurück, und man gewinnt an Einsicht, was
man an Vorurteil verlor. Deshalb es wohl ganz richtig ist, dass man
Kunstwerke kaufen müsse, um sie kennen zu lernen, damit das Verlangen
aufgehoben und der wahre Wert festgestellt werde. Indessen muss
auch hier Sehnsucht und Befriedigung in einem pulsierenden Leben
miteinander abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen,
damit der einmal Betrogene nicht aufhöre, zu begehren.
Wie empfänglich die Sozietät, in der ich mich befand, für solche
Gespräche sein mochte, wird derjenige am besten beurteilen, der von
Hemsterhuis' Werken Kenntnis genommen hat, welche, in diesem Kreis
entsprungen, ihm auch Leben und Nahrung verdankten.
Zu den geschnittenen Steinen aber wieder zurückzukehren, war
mehrmals höchst erfreulich, und man musste dies gewiss als einen der
sonderbarsten Fälle ansehen, dass gerade die Blüte des Heidentums
in einem christlichen haus verwahrt und hochgeschätzt werden sollte.
Ich versäumte nicht, die allerliebsten Motive hervorzuheben, die aus
diesen würdigen, kleinen Gebilden dem Auge entgegen sprangen. Auch
hier durfte man sich nicht verleugnen, dass Nachahmung großer,
würdiger, älterer Werke, die für uns ewig verloren wären, in diesen
engen Räumen juwelenhaft aufgehoben worden; und es fehlte fast an
keiner Art. Der tüchtigste Herkules, mit Efeu bekränzt, durfte seinen
kolossalen Ursprung nicht verleugnen; ein ernstes Medusenhaupt,
ein Bacchus, der ehemals im Medicischen Kabinett verwahrt worden,
allerliebste Opfer und Bacchanalien und zu allem diesen die
schätzbarsten Porträte von bekannten und unbekannten Personen mussten
bei wiederholter Betrachtung bewundert werden.
Aus solchen Gesprächen, die ungeachtet ihrer Höhe und Tiefe nicht
Gefahr liefen, sich ins Abstruse zu verlieren. Schien eine
Vereinigung hervorzugehen, indem jede Verehrung eines würdigen
Gegenstandes immer von einem religiösen Gefühl begleitet ist. Doch
konnte man sich nicht verbergen, dass die reinste christliche
Religion mit der wahren bildenden Kunst immer sich zwiespältig
befinde, weil jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebt,
diese nun aber das sinnliche Element als ihren eigentlichsten
Wirkungskreis anerkennt und darin beharren muss. In diesem Geist
schrieb ich nachstehendes Gedicht augenblicklich nieder:
Amor, nicht das Kind, der Jüngling, der Psychen verführte,
Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt;
Eine Göttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schöne,
Venus Urania war's, und er entbrannte für sie.
Ach! Die Heilige selbst, sie widerstand nicht den Werben,
Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt.
Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor,
Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt.
Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft,
Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst.
Mit diesem allegorischen Glaubensbekenntnis schien man nicht ganz
unzufrieden; indessen blieb es auf sich selbst beruhen, und
beide Teile machten sich's zur Pflicht, von ihren Gefühlen und
Überzeugungen nur dasjenige hervorzukehren, was gemeinsam wäre und zu
wechselseitiger Belehrung und Ergötzung, ohne Widerstreit, gereichen
könnte.
Immer aber konnten die geschnittenen Steine als ein herrliches
Mittelglied eingeschoben werden, wenn die Unterhaltung irgend
lückenhaft zu werden drohte. Ich von meiner Seite konnte freilich nur
das Poetische schätzen, das Motiv selbst, Komposition, Darstellung
überhaupt beurteilen und rühmen, dagegen die Freunde dabei noch ganz
andere Betrachtungen anzustellen gewohnt waren. Denn es ist für den
Liebhaber, der solche Kleinodien anschaffen, den Besitz zu einer
würdigen Sammlung erheben will, nicht genug zur Sicherheit seines
Erwerbs, dass er Geist und Sinn der köstlichen Kunstarbeit einsehe
und sich daran ergötze, sondern er muss auch äußerliche Kennzeichen
zu Hilfe rufen, die für den, der nicht selbst technischer Künstler im
gleichen Fach ist, höchst schwierig sein möchten. Hemsterhuis hatte
mit seinem Freunde Natter viele Jahre darüber korrespondiert, wovon
sich noch bedeutende Briefe vorfanden. Hier kam nun erst die Steinart
selbst zur Sprache, in welcher gearbeitet worden, indem man sich der
einen in frühern, der andern in folgenden Zeiten bedient; sodann war
vor allen Dingen eine größere Ausführlichkeit im Auge zu halten,
wo man auf bedeutende Zieten schließen konnte, so wie flüchtige
Arbeit bald auf Geist, teils auf Unfähigkeit, teils auf Leichtsinn
hindeutete, frühere oder spätere Epochen zu erkennen gab. Besonders
legte man großen Wert auf die Politur vertiefter Stellen und glaubte
darin ein unverwerfliches Zeugnis der besten Zeiten zu sehen. Ob aber
ein geschnittener Stein entschieden antik oder neu sei, darüber wagte
man keine festen Kriterien anzugeben; Freund Hemsterhuis habe selbst
nur mit Beistimmung jenes trefflichen Künstlers sich über diesen
Punkt zu beruhigen gewusst.
Ich konnte nicht verbergen, dass ich hier in ein ganz frisches Feld
gerate, wo ich mich höchst bedeutend angesprochen fühle und nur die
Kürze der Zeit bedaure, wodurch ich die Gelegenheit mir abgeschnitten
sehe, meine Augen sowohl als den innern Sinn auch auf diese
Bedingungen kräftiger zu richten. Bei einem solchen Anlass äußerte
sich die Fürstin heiter und einfach: sie sei geneigt, mir die
Sammlung mitzugeben, damit ich solche zu Hause mit Freunden und
Kennern studieren und mich in diesem bedeutenden Zweig der bildenden
Kunst, mit Zuziehung von Schwefel- und Glaspasten, umsehen und
bestärken möchte. Dieses Anerbieten, das ich für kein leeres
Kompliment halten durfte und für mich höchst reizend war, lehnt' ich
jedoch dankbarlichst ab; und ich gestehe, dass mir im Innern die Art,
wie diese Schatz aufbewahrt wurde, eigentlich das größte Bedenken
gab. Die Ringe waren in einzelnen Kästchen, einer allein, zwei, drei,
wie es der Zufall gegeben hatte, nebeneinander gesteckt: es war
unmöglich, beim Vorzeigen am Ende zu bemerken, ob wohl einer fehle;
wie denn die Fürstin selbst gestand, dass einst, in der besten
Gesellschaft ein Herkules abhanden gekommen, den man erst späterhin
vermisst habe. Sodann schien es bedenklich genug, in gegenwärtiger
Zeit sich mit einem solchen Wert zu beschweren und eine höchst
bedeutende, ängstliche Verantwortung zu übernehmen. Ich suchte daher
mit der freundlichsten Dankbarkeit die schicklichsten ablehnenden
Gründe vorzubringen, welche Einrede die Freundin wohlwollend in
Betracht zu ziehen schien, indem ich nun um desto eifriger die
Aufmerksamkeit auf diese Gegenstände, insofern es sich nur
einigermaßen schicken wollte, zu lenken suchte.
Von meinen Naturbetrachtungen aber, die ich, weil auch wenig Glück
für sie hier am Ort zu hoffen war, eher verheimlichte, war ich doch
genötigt einige Rechenschaft zu geben. Von Fürstenberg brachte zur
Sprache, dass er mit Verwunderung, welche beinahe wie Befremden
aussah, hie und da gehört habe, wie ich der Physiognomik wegen
die allgemeine Knochenlehre studiere, wovon sich doch schwerlich
irgendeien Beihilfe zu Beurteilung der Gesichtszüge des Menschen
hoffe lasse. Nun mocht' ich wohl bei einigen Freunden, das für einen
Dichter ganz unschicklich gehaltene Studium der Osteologie zu
entschuldigen und einigermaßen einzuleiten, geäußert haben, ich sei,
wie es denn wirklich auch an dem war, durch Lavaters Physiognomik in
dieses Fach wieder eingeführt worden, da ich in meinen akademischen
Jahren darin die erste Bekanntschaft gesucht hatte. Lavater selbst,
der glücklichste Beschauer organisierter Oberflächen, sah sich, in
Anerkennung, dass Muskel- und Hautgestalt und ihre Wirkung von dem
entschiedenen inneren Knochengebilde durchaus abhängen müsse,
getrieben, mehrere Tierschädel in sein Werk abbilden zu lassen und
selbige mir zu einem flüchtigen Kommentar darüber zu empfehlen. Was
ich aber gegenwärtig hiervon wiederholen oder in demselben sinn
zugunsten meines Verfahrens aufbringen wollte, konnte mir wenig
helfen, indem zu jener Zeit ein solcher wissenschaftlicher Grund
allzu weit ablag und man, im augenblicklichen geselligen Leben
befangen, nur den beweglichen Gesichtszügen, und vielleicht gar nur
in leidenschaftlichen Momenten, eine gewisse Bedeutung zugestand,
ohne zu bedenken, dass hier nicht etwa bloß ein regelloser Schein
wirken könne, sondern dass das Äußere, Bewegliche, Veränderliche als
ein wichtiges, bedeutendes Resultat eines innern entschiedenen Lebens
betrachtet werden müsse.
Glücklicher als in diesen Vorträgen war ich in Unterhaltung größerer
Gesellschaft: geistliche Männer von Sinn und Verstand, heranstrebende
Jünglinge, wohlgestaltet und wohlerzogen, an Geist und Gesinnung viel
versprechend, waren gegenwärtig. Hier wählte ich unaufgefordert die
römischen Kirchenfeste Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter
Paul; sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus-
und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen
charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich
ging darauf aus, ein "römisches Jahr" zu schreiben, den Verlauf
geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch,
sogleich jene Feste nach einem reinen, direkten Eindruck darzustellen
imstande, meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten
Bildern ebenso zufrieden sah als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja,
einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau
bekannt, hatte im Stillen gefragt: ob ich denn wirklich katholisch
sei? Als die Fürstin mir dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein
anderes: Man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie
solle sich vor mir in Acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu
stellen, dass man mich für religiös, ja für katholisch halten könne.
"Geben Sie mir zu, verehrte Freundin," rief ich aus, "ich stelle
mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fällt nicht schwer,
mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und
sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafte
Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener
Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider.
Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was
ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit
erkennen: da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso recht
haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich
nach der meinigen." Hierdurch war man denn auch wegen dieses Punkts
aufgeklärt, und eine freilich keineswegs zu lobende heimliche
Einmischung in unsere Verhältnisse hatte gerade im Gegenteil, wie sie
Misstrauen erregen wollte, Vertrauen erregt.
In einer solchen zarten Umgebung wär' es nicht möglich gewesen, herb
oder unfreundlich zu sein; im Gegenteil fühlt' ich mich milder als
seit langer Zeit, und es hätte mir wohl kein größeres Glück begegnen
können, als dass ich nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen
endlich wieder fromme menschliche Sitte auf mich einwirken fühlte.
Einer so edlen, guten, sittlich-frohen Gesellschaft war ich jedoch in
einem Punkt ungefällig, ohne dass ich selbst weiß, wie es zugegangen
ist. Ich war wegen eines glücklichen, freien, bedeutenden Vorlesens
berühmt, man wünschte mich zu hören, und da man wusste, dass ich die
"Luise" von Voß, wie sie im Novemberheft des "Merkur" 1784 erschienen
war, leidenschaftlich verehrte und sie gerne vortrug, spielte man
darauf an, ohne zudringlich zu sein; man legte das Merkurstück unter
den Spiegel und ließ mich gewähren. Und nun wüsst' ich nicht zu
sagen, was mich abhielt; mir war wie Sinn und Lippe versiegelt, ich
konnte das Heft nicht aufnehmen, mich nicht entschließen, eine Pause
des Gesprächs zu meiner und der andern Freude zu nutzen, die Zeit
ging hin, und ich wundere mich noch über diese unerklärliche
Verstocktheit.
Der Tag des Abschieds nahte heran: man musste doch sich einmal
trennen. "Nun," sagte die Fürstin, "hier gilt keine Widerrede! Sie
müssen die geschnittenen Steine mitnehmen, ich verlange es." Als ich
aber meine Weigerung auf das höflichste und freundlichste fort
behauptete, sagte sie zuletzt: "So muss ich Ihnen denn eröffnen,
warum ich es fordere. Man hat mir abgeraten, Ihnen diesen Schatz
anzuvertrauen, und eben deswegen will ich, muss ich es tun; man hat
mir vorgestellt, dass ich Sie doch auf diesen Grad nicht kenne, um
auch in einem solchen Fall von Ihnen ganz gewiss zu sein. Darauf habe
ich," fuhr sie fort, "erwidert: Glaubt ihr denn nicht, dass der
Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei als diese Steine?
Sollt' ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch
hinterdrein gehen." Ich konnte nun weiter nichts erwidern, indem
sie durch eine solche Äußerung in eben dem Grad mich zu ehren und
zu verpflichten wusste. Jedes übrige Hindernis räumte sie weg;
vorhandene Schwefelabgüsse, katalogisiert, waren zu Kontrolle,
sollte sie nötig befunden werden, in einem sauberen Kästchen mit den
Originalen eingepackt, und ein sehr kleiner Raum fasste die leicht
transportablen Schätze.
So nahmen wir treulich Abschied, ohne jedoch sogleich zu scheiden;
die Fürstin kündigte mir an, sie wolle mich auf die nächste Station
begleiten, setze sich zu mir im Wagen, der ihrige folgte. Die
bedeutenden Punkte des Lebens und der Lehr kamen abermals zur
Sprache: ich wiederholte mild und ruhig mein gewöhnliches Credo, auch
sie verharrte bei dem ihrigen. Jedes zog nun seines Weges nach Hause;
sie mit dem nachgelassenen Wunsch, mich wo nicht hier, doch dort
wieder zu sehen.
Diese Abschiedsformel wohl denkender freundlicher Katholiken war mir
nicht fremd, noch zuwider: ich hatte sie oft bei vorübergehenden
Bekanntschaften in Bädern und sonst meist von wohlwollenden, mir
freundlichst zugetanen Geistlichen vernommen, und ich sehe nicht ein,
warum ich irgendjemand verargen sollte, der wünscht, mich in seinen
Kreis zu ziehen, wo sich nach seiner Überzeugung ganz allein ruhig
leben und, einer ewigen Seligkeit versichert, ruhig sterben lässt.
* * * * *
Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem
Postmeister nicht allein rasch gefördert, sondern auch durch
Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und
höchst notwendig war. Denn ich hatte bei schöner, freundschaftlicher,
friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstürme;
und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich
immer weiter nach Deutschland hineindrängte und gegen welche die
Postillione ebenso wenig als am Rhein günstig gesinnt waren. Gar oft
kein gebahnter Weg, man fuhr blad hüben bald drüben, begegnete und
kreuzte sich. Heidegebüsch und Gesträuche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor
und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch
ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab.
Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe:
er glaubte, die schönen Französinnen, die er in Düsseldorf in den
traurigsten Umständen wieder angetroffen, seien abermals im Fall,
seines Beistandes zu bedürfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht
wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen
und geängstigt, endlich über den Rhein geworfen worden.
Hier aber in dieser Wüste erschien sie nicht: einige alte ehrwürdige
Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten
und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte,
weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen,
mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit
wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen würden; denn ob er es
gleich mit uns redlich meine, so ständ' er doch in dieser Wüstenei
für nichts.
Glücklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine
Anzahl westfälischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein
bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht.
An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der
kostbare Schatz, den wir mit uns führten, so leicht, um in einer
leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wünscht' ich mir
mein böhmisches Wägelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil,
welches wichtige Schätze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art
von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die
Notiz von Überschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und
Kostbarkeiten jederzeit überlieferte. Nun aber wurden wir wegen
vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des
schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig
vorwärts gedrängt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoßen,
da uns denn wirklich der bängliche Fall begegnete, dass der
Postillion in düsterer Nacht schwur, er könne das Ding nicht weiter
fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren
Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein hätten
Schaudern erregen können. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen
erquicklich: man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man
vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit
Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute
sich an ihren Vorzügen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da
fühlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem
kummervollen Zustand. Wie düster aber auch in der letzten und
schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so
wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert
und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem
Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines
bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines
jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die
behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit
jedoch ward mir für einige Zeit gestört, als ich auf dem prächtigen
tageshellen Königsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: der
anmeldende Diener kehrte zurück mit der Erklärung, es sei kein Platz
zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr
höflich an den Schlag und bat in schönen französischen Phrasen um
Entschuldigung, da es nicht möglich sei, mich aufzunehmen. Ich
erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern müsse, dass
in einem so großen Gebäude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem
fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. "Sie sind
ein Deutscher!" rief er aus, "das ist ein anderes!" und sogleich
ließ er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir
ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: er sei fest
entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei
höchst anmaßend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend,
da sie nicht wüssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrügen sie
sich noch immer, als hätten sie von einem eroberten Land Besitz
genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg
nach Eisenach weniger Zudrang der so häufig und unversehens heran
getriebenen Gäste.
Meine Ankunft in Weimar sollte auch nicht ohne Abenteuer bleiben; sie
ereignete sich nach Mitternacht und gab Anlass zu einer
Familienszene, welche wohl in irgendeinem Roman die tiefste
Finsternis erhellen und erheitern würde.
Nun fand ich das von meinem Fürsten mir bestimmte, erneuerte, wohl
eingerichtete Haus schon meistens bewohnbar, ohne dass mir die Freude
ganz versagt gewesen wäre, bei dem Ausbau mit- und einzuwirken. Die
Meinigen entgegneten mir munter und gesund, und als es an ein
Erzählen ging, kontrastierte freilich der heitere, ruhige Zustand, in
welchem sie die aus Verdun gesendeten Süßigkeiten genossen, mit
demjenigen, worin wir, die sie in paradiesischen Zuständen glaubten,
mit aller denkbaren Not zu kämpfen hatten. Unser stiller häuslicher
Kreis war nun umso reicher und froher abgeschlossen, indem Heinrich
Meyer, zugleich als Hausgenosse, Künstler, Kunstfreund und
Mitarbeiter, zu den Unsrigen gehörte und an allem Belehrenden sowie
an allem Wirksamen kräftigen Anteil nahm.
Das weimarsche Theater bestand seit dem Mai 1791; es hatte sowohl den
Sommer genannten Jahres als auch den des laufenden in Lauchstädt
zugebracht und sich durch Wiederholung damals gangbarer, meist
bedeutender Stücke schon ziemlich gut zusammengespielt. Ein Rest der
Bellomoschen Gesellschaft, also schon aneinander gewöhnter Personen,
gab den Grund; andere teils schon brauchbare, teils viel
versprechende Glieder füllten schicklich und gemächlich die
entstandene Lücke.
Man kann sagen, dass es damals noch ein Schauspielerhandwerk gab,
wodurch befähigt, sich Glieder entfernter Theater gar bald in
Einklang setzten, besonders wenn man so glücklich war, für
die Rezitation Niederdeutsche, für den Gesang Oberdeutsche
herbeizuziehen; und so konnte das Publikum für den Anfang gar wohl
zufrieden sein. Da ich teil an der Direktion genommen, so war es mir
eine unterhaltende Beschäftigung, gelind zu versuchen, auf welchem
Weg das Unternehmen weitergeführt werden könnte. Ich sah gar bald,
dass eine gewisse Technik aus Nachahmung, Gleichstellung mit andern
und Routine hervorgehen konnte; allein es fehlte durchaus an dem, was
ich Grammatik nennen dürfte, die doch erst zum Grund liegen muss, ehe
man zu Rhetorik und Poesie gelangen kann. Da ich auf diesen
Gegenstand zurückzukehren gedenke und ihn vorläufig nicht gern
zerstückeln möchte, so sage ich nur so viel: dass ich eben jene
Technik, welche sich alles aus Überlieferung aneignet, zu studieren
und auf ihre Elemente zurückzuführen suchte und das, was mir klar
geworden, in einzelnen Fällen, ohne auf ein Allgemeines hinzuweisen,
beobachten ließ.
Was mir bei diesem Unternehmen aber besonders zustatten kam, war der
damals überhand nehmende Natur- und Konversationston, der zwar höchst
lobenswert und erfreulich ist, wenn er als vollendete Kunst, als eine
zweite Natur hervortritt, nicht aber, wenn ein jeder glaubt, nur sein
eigenes nacktes Wesen bringen zu dürfen, um etwas Beifallswürdiges
darzubieten. Ich aber benutzte diesen Trieb zu meinen Zwecken, indem
ich gar wohl zufrieden sein konnte, wenn das angeborne Naturell sich
mit Freiheit hervortat, um sich nach und nach, durch gewisse Regeln
und Anordnungen, einer höhern Bildung entgegenführen zu lassen. Doch
darf ich hiervon nicht weiter sprechen, weil was getan und geleistet
worden, sich erst nach und nach aus sich selbst entwickelte und also
historisch dargestellt werden musste.
Umstände jedoch, die für das neue Theater sich höchst günstig
hervortaten, miss ich kürzlich anführen. Iffland und Kotzebue blühten
in ihrer besten Zeit, ihre Stücke, natürlich und fasslich, die einen
gegen ein bürgerlich rechtliches Behagen, die andern gegen eine
lockere Sittenfreiheit hingewendet; beide Gesinungen waren dem Tage
gemäß und erhielten freudige Teilnahme; mehrere noch als Manuskript
ergötzten durch den lebendigen Duft des Augenblicks, den sie mit sich
brachten. Schröder, Babo, Ziegler, glücklich energische Talente,
lieferten bedeutenden Beitrag; Bretzner und Jünger, ebenfalls
gleichzeitig, gaben anspruchslos einer bequemen Fröhlichkeit Raum.
Hagemann und Hagemeister, Talente, die sich auf die Länge nicht
halten konnten, arbeiteten gleichfalls für den Tag und waren, wo
nicht bewundert, doch als neu geschaut und willkommen. Diese
lebendige, sich im Zirkel herumtreibende Masse suchte man mit
Shakespeare, Gozzi und Schiller Geister zu erheben; man verließ die
bisherige Art, nur Neues zum nächsten Verlust einzustudieren, man war
sorgfältig in der Wahl und bereitete schon ein Repertorium vor,
welches viele Jahre gehalten hat. Aber auch dem Mann, der uns diese
Anstalt gründen half, müssen wir eine dankbare Erinnerung nicht
schuldig bleiben. Es war F. J. Fischer, ein Schauspieler in Jahren,
der sein Handwerk verstand, mäßig, ohne Leidenschaft, mit seinem
Zustand zufrieden, sich mit einem beschränkten Rollenfach begnügend.
Er brachte mehrere Schauspieler von Prag mit, die in seinem Sinn
wirkten, und wusste die einheimischen gut zu behandeln, wodurch ein
innerer Friede sich über das Ganze verbreitete.
Was die Oper anlangt, so kamen uns die Dittersdorfischen Arbeiten auf
das Beste zustatten. Er hatte mit glücklichem Naturell und Humor für
ein fürstliches Privattheater gearbeitet, wodurch seinen Produktionen
eine gewisse leichte Behaglichkeit zuteil ward, die auch uns zugute
kam, weil wir unser neues Theater als eine Liebhaber-Bühne zu
betrachten die Klugheit hatten. Auf den Text, im rhythmischen und
prosaischen Sinn, wendete man viel Mühe, um ihn dem obersächsischen
Geschmack mehr anzueignen; und so gewann diese leichte Ware Beifall
und Abgang.
Die aus Italien wiedergekehrten Freunde bemühten sich, die leichteren
italienischen Opern jener Zeit, von Paesiello, Cimarosa, Guglielmi
und andern, herüberzuführen, wo denn zuletzt auch Mozarts Geist
einzuwirken anfing. Denke man sich, dass von diesem allem wenig
bekannt, gar nichts abgebraucht war, so wird man gestehen, dass die
Anfänge des weimarschen Theaters mit den jugendlichen Zeiten des
deutschen Theaters überhaupt oder zugleich eintraten und Vorteile
genossen, die offenbar zu einer natürlichen Entwickelung aus sich
selbst den reinsten Anlass geben mussten.
Um nun aber auch Genuss und Studium der anvertrauten Gemmensammlung
vorzubreiten und zu sichern, ließ ich gleich zwei zierliche
Ringkästchen verfertigen, worin die Steine mit einem Blick übersehbar
nebeneinander standen, so dass irgendeine Lücke sogleich zu bemerken
gewesen wäre; worauf alsdann Schwefel- und Gipsabgüsse in Mehrzahl
verfertigt und der Prüfung durch stark vergrößernde Linsen
unterworfen wurden, auch vorhandene Abdrücke älterer Sammlungen
vorgesucht und zu Rate gezogen. Wir bemerkten wohl, dass hier für uns
das Studium der geschnittenen Steine zu gründen sei; wie groß aber
die Vergünstigung der Freundin gewesen, wurde erst nach und nach
eingesehen.
Das Resultat mehrjähriger Betrachtung sei deshalb hier eingeschaltet,
weil wir wohl schwerlich unsere Aufmerksamkeit so bald wieder auf
diesen Punkt wenden dürften.
Aus innern Gründen der Kunst sahen sich die weimarschen Freunde
berechtigt, wo nicht alle, doch bei weitem die größte Anzahl dieser
geschnittenen Steine für echt antike Kunstdenkmale zu halten, und
zwar fanden sich mehrere darunter, welche zu den vorzüglichsten
Arbeiten dieser Art gerechnet werden durften. Einige zeichneten sich
dadurch aus, dass sie als wirklich identisch mit ältern
Schwefelpasten angesehen werden mussten; mehrere bemerkte man, deren
Darstellung mit andern antiken Gemmen zusammentraf, die aber deswegen
immer noch für echt gelten konnten. In den größten Sammlungen kommen
wiederholte Vorstellungen vor, und man würde sehr irren, die einen
als Original, die andern als moderne Kopien anzusprechen.
Immer müssen wir dabei die edle Kunsttreue der Alten im Sinn tragen,
welche die einmal glücklich gelungene Behandlung eines Gegenstandes
nicht oft genug wiederholen konnte. Jene Künstler hielten sich für
original genug, wenn sie einen originellen Gedanken aufzufassen und
ihn auf ihre Weise wieder darzustellen Fähigkeit und Fertigkeit
empfanden. Mehrere Steine zeigten sich auch mit eingeschnittenen
Künstlernamen, worauf man seit Jahren großen Wert gelegt hatte. Eine
solche Zutat ist wohl immer merkwürdig genug, doch bleibt sie meist
problematisch: denn es ist möglich, dass der Stein alt und der Name
neu eingeschnitten sei, um dem Vortrefflichen noch einen Beiwert zu
verleihen.
Ob wir uns nun gleich hier wie billig alles Katalogisierens
enthalten, da Beschreibung solcher Kunstwerke ohne Nachbildung wenig
Begriff gibt, so unterlassen wir doch nicht, von den vorzüglichsten
einige allgemeine Andeutungen zu geben.
Kopf des Herkules. Bewundernswürdig in Betracht des edlen, freien
Geschmacks der Arbeit, und noch mehr zu bewundern in Hinsicht auf die
herrlichen Idealformen, welche mit keinem der bekannten Herkulesköpfe
ganz genau übereinkommen und eben dadurch die Merkwürdigkeit dieses
köstlichen Denkmals noch vermehren helfen.
Brustbild des Bacchus. Arbeit, wie auf den Stein gehaucht, und in
Hinsicht auf die idealen Formen eines der edelsten antiken Werke.
Es finden sich in verschiedenen Sammlungen mehrere diesem ähnliche
Stücke, und zwar, wenn wir uns recht erinnern, sowohl hoch als tief
geschnitten; doch ist uns noch keines bekannt geworden, welches vor
dem gegenwärtigen den Vorzug verdiente.
Faun, welcher einer Bacchantin das Gewand rauben will. Vortreffliche
und auf alten Monumenten mehrmals vorkommende Komposition, ebenfalls
gut gearbeitet.
Eine umgestürzte Leier, deren Hörner zwei Delphine darstellen, der
Körper oder, wenn man will, der Fuß Amors Haupt, mit Rosen bekränzt;
zu derselben ist Bacchus' Panther, in der Vorderpfote den Thyrsusstab
haltend, zierlich gruppiert. Die Ausführung dieses Steins befriedigt
den Kenner, und wer zarte Bedeutung liebt, wird gleichfalls seine
Rechnung finden.
Maske, mit großem Bart und weit geöffnetem Mund; eine Efeuranke
umschlingt die kahle Stirn. In seiner Art mag dieser Stein einer der
allervorzüglichsten sein, und ebenso schätzbar ist auch
Eine andere Maske mit langem Bart und zierlich aufgebundenen Haaren;
ungewöhnlich tief gearbeitet.
Venus tränkt den Amor. Eine der lieblichsten Gruppen, die man sehen
kann, geistreich behandelt, doch ohne großen Aufwand von Fleiß.
Cybele, auf dem Löwen reitend, tief geschnitten: ein Werk, welches
als vortrefflich den Liebhabern durch Abdrücke, die fast in allen
Pastensammlungen zu finden sind, genugsam bekannt ist.
Gigant, der einen Greif aus seiner Felsenhöhle hervorzieht. Ein Werk
von sehr vielem Kunstverdienst und als Darstellung vielleicht ganz
einzig. Die vergrößerte Nachbildung desselben finden unsere Leser vor
dem Voßschen Programm zu der Jenaischen A. L. Z. 1804, IV. Band.
Behelmter Kopf im Profil, mit großem Bart. Vielleicht ist's eine
Maske; indessen hat sie im geringsten nichts Karikaturartiges,
sondern ein gedrungenes heldenmäßiges Angesicht, und ist vortrefflich
gearbeitet.
Homer, als Herme, fast ganz von vorne dargestellt und sehr tief
geschnitten. Der Dichter erscheint hier jünger als gewöhnlich, kaum
im Anfang des Greisenalters; daher diese Werk nicht allein von Seiten
der Kunst, sondern auch des Gegenstandes wegen schätzbar ist.
In Sammlungen von Abdrücken geschnittener Steine wird oftmals der
Kopf eines ehrwürdigen bejahrten Mannes mit langem Bart und
Haaren angetroffen, der -- jedoch ohne dass Gründe dafür angegeben
werden -- das Bildnis des Aristophanes sein soll. Ein ähnlicher, nur
durch unbedeutende Abweichungen von jenem sich unterscheidender Kopf
ist in unserer Sammlung anzutreffen und in der Tat eins der besten
Stücke.
Das Profil eins Unbekannten ist vermutlich über der Augenbraune
abgebrochen gefunden und in neuerer Zeit wieder zum Ringstein
zugeschliffen worden. Großartiger und lebenvoller haben wir nie
menschliche Gestalt auf dem kleinen Raum einer Gemme dargestellt
gesehen, selten den Fall, wo der Künstler ein so unbeschränktes
Vermögen zeigte. Von ähnlichem Gehalt ist auch
Der ebenfalls unbekannte Porträtkopf mit übergezogener Löwenhaut;
derselbe war auch so wie der vorige über dem Auge abgebrochen, allein
das Fehlende ist mit Gold ergänzt.
Kopf eines bejahrten Mannes von gedrungenem, kräftigem Charakter, mit
kurz geschornen Haaren. Außerordentlich geistreich und meisterhaft
gearbeitet; besonders ist die kühne Behandlung des Barts zu bewundern
und vielleicht einzig in ihrer Art.
Männlicher Kopf oder Brustbild ohne Bart, um das Haar eine Binde
gelegt, das reich gefaltete Gewand auf der rechten Schulter geheftet.
Es ist ein geistreicher, kräftiger Ausdruck in diesem Werk und Züge,
wie man gewohnt ist dem Julius Cäsar zuzuschreiben.
Männlicher Kopf, ebenfalls ohne Bart, die Toga, wie bei Opfern
gebräuchlich war, über das Haupt gezogen. Außerordentlich viel
Wahrheit und Charakter ist in diesem Gesicht, und kein Zweifel, dass
die Arbeit echt alt und aus den Zeiten der ersten römischen Kaiser
sei.
Brustbild einer römischen Dame; um das Haupt doppelte Flechten von
Haaren gewunden, das Ganze bewunderungswürdig fleißig ausgeführt und
in Hinsicht des Charakters voll Wahrheit, Behaglichkeit, Naivität,
Leben.
Kleiner, behelmter Kopf, mit starkem Bart und kräftigem Charakter,
ganz von vorne dargestellt und schätzbare Arbeit.
Eines neuern vortrefflichen Steines gedenken wir zum Schluss: das
Haupt der Meduse in dem herrlichsten Karneol. Es ist solches der
bekannten Meduse des Sosikles vollkommen ähnlich, und geringe
Abweichungen kaum zu bemerken. Allerdings eine der vortrefflichsten
Nachahmungen antiker Werke: denn für eine solche möchte er unerachtet
seiner großen Verdienste doch zu halten sein, da die Behandlung etwas
weniger Freiheit hat und überdies ein unter dem Abschnitt des Halses
angebrachtes N doch wohl auf eine Arbeit von Natter selbst schließen
lässt.
An diesem Wenigen werden wahre Kunstkenner den hohen Wert der
gepriesenen Sammlung zu ahnen vermögen. Wo sie sich gegenwärtig
befindet, ist uns unbekannt; vielleicht erhielte man hierüber einige
Nachricht, die einen reichen Kunstfreund wohl anreizen könnte, diesen
Schatz, wenn er verkäuflich ist, sich zuzueignen.
Die weimarschen Kunstfreunde zogen, solange diese Sammlung in ihren
Händen war, allen möglichen Vorteil daraus. Schon in dem laufenden
Winter gab sie der geistreichen Gesellschaft, welche sich um die
Herzogin Amalie zu vereinigen pflegte, ausgezeichnete Unterhaltung.
Man suchte sich in dem Studium geschnittener Steine zu begründen,
wobei uns das Wohlwollen der trefflichen Besitzerin sehr zustatten
kam, indem sie uns mehrere Jahre diesen Genuss gönnte. Doch ergötzte
sie sich kurz vor ihrem Ende noch an der schönen anschaulichen
Ordnung, worin sie die Ringe in zwei Kästchen auf einmal, wie sie
solche nie gesehen, vollständig gereiht wieder erblickte und also des
geschenkten großen Vertrauens sich edelmütig zu erfreuen hatte.
Auch nach einer andern Seite wendeten sich unsere Kunstbetrachtungen.
Ich hatte die Farben genugsam in unterschiedenen Lebensverhältnissen
beobachtet und sah die Hoffnung, auch endlich ihre Kunstharmonie,
welche zu suchen ich eigentlich ausgegangen war, zu finden. Freund
Meyer entwarf verschiedene Kompositionen, wo man sie teils in einer
Reihe, teils im Gegensatz zu Prüfung und Beurteilung aufgestellt sah.
Am klarsten ward sie bei einfachen landschaftlichen Gegenständen, wo
der Lichtseite immer das Gelbe und Gelbrote, der Schattenseite
das Blau und Blaurote zugeteilt werden musste, aber wegen
Mannigfaltigkeit der natürlichen Gegenstände gar leicht durchs
Braungrüne und Blaugrüne zu vermitteln. Auch hatten hier schon große
Meister durch Beispiel gewirkt, mehr als im Historischen, wo der
Künstler bei Wahl der Farben zu den Gewändern sich selbst überlassen
bleibt und in solcher Verlegenheit nach Herkommen und Überlieferung
greift, sich auch wohl durch irgendeine Bedeutung verführen lässt und
dadurch von wahrer harmonischer Darstellung öfters abgeleitet wird.
Von solchen Studien bildender Kunst fühle ich mich denn doch
gedrungen, wieder zum Theater zurückzukehren und über mein eigenes
Verhältnis an demselben einige Betrachtungen anzustellen, welches
ich erst zu vermeiden wünschte. Man sollte denken, es sei die beste
Gelegenheit gewesen, für das neue Theater und zugleich für das
deutsche überhaupt als Schriftsteller auch etwas von meiner Seite zu
leisten: denn, genau besehen, lag zwischen oben genannten Autoren und
ihren Produktionen noch mancher Raum, der gar wohl hätte ausgeführt
werden können; es gab zu natürlich einfacher Behandlung noch
vielfältigen Stoff, den man nur hätte aufgreifen dürfen.
Um aber ganz deutlich zu werden, gedenk' ich meiner ersten
dramatischen Arbeiten, welche, der Weltgeschichte angehörig, zu sehr
ins Breite gingen, um bühnenhaft zu sein; meine letzten, dem tiefsten
inneren Sinn gewidmet, fanden bei ihrer Erscheinung wegen allzu
großer Gebundenheit wenig Eingang. Indessen hatte ich mir eine
gewisse mittlere Technik eingeübt, die etwas mäßig Erfreuliches dem
Theater hätte verschaffen können; allein ich vergriff mich im Stoff,
oder vielmehr ein Stoff überwältigte meine innere sittliche Natur,
der allerwiderspenstigste, um dramatisch behandelt zu werden.
Schon im Jahr 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das
Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhört frevelhafte Beginnen sah ich
die Würde der Majestät untergraben, schon im voraus vernichtet, und
alle Folgeschritte von dieser Zeit an bestätigten leider allzu
sehr die furchtbaren Ahnungen. Ich trug sie mit mir nach Italien
und brachte sie noch geschärfter wieder zurück. Glücklicherweise
ward mein "Tasso" noch abgeschlossen, aber alsdann nahm die
weltgeschichtliche Gegenwart meinen Geist völlig ein.
Mit Verdruss hatte ich viele Jahre die Betrügereien kühner Phantasten
und absichtlicher Schwärmer zu verwünschen Gelegenheit gehabt und
mich über die unbegreifliche Verblendung vorzüglicher Menschen bei
solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert. Nun
lagen die direkten und indirekten Folgen solcher Narrheiten als
Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestät vor mir, alle
zusammen wirksam genug. Um den schönsten Thron der Welt zu
erschüttern.
Mir aber einigen Trost und Unterhaltung zu verschaffen, suchte ich
diesem Ungeheuren eine heitere Seite abzugewinnen, und die Form der
komischen Oper, die sich mir schon seit längerer Zeit als eine der
vorzüglichsten dramatischen Darstellungsweisen empfohlen hatte,
schien auch ernstern Gegenständen nicht fremd, wie an "König Theodor"
zu sehen gewesen.
Und so wurde denn jener Gegenstand rhythmisch bearbeitet, die
Komposition mit Reichardt verabredet, wovon denn die Anlagen einiger
tüchtigen Bass-Arien bekannt geworden; andere Musikstücke, die außer
dem Kontext keine Bedeutung hatten, blieben zurück, und die Stelle,
von der man sich die meiste Wirkung versprach, kam auch nicht
zustande: das Geistersehen in der Kristallkugel vor dem schlafend
weissagenden Cophta sollte als blendendes Final vor allen glänzen.
Aber da waltete kein froher Geist über den Ganzen, es geriet ins
Stocken, und um nicht alle Mühe zu verlieren, schreib ich ein
prosaisches Stück, zu dessen Hauptfiguren sich wirklich analoge
Gestalten in der neuen Schauspielergesellschaft vorfanden, die denn
auch in der sorgfältigsten Aufführung das Ihrige leisteten.
Aber eben deswegen, weil das Stück ganz trefflich gespielt wurde,
machte es einen um desto widerwärtigern Effekt. Ein furchtbarer und
zugleich abgeschmackter Stoff, kühn und schonungslos behandelt,
schreckte jedermann, kein Herz klang an; die fast gleichzeitige Nähe
des Vorbildes ließ den Eindruck noch greller empfinden, und weil
geheime Verbindungen sich ungünstig behandelt glaubten, so fühlte
sich ein großer respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie
das weibliche Zartgefühl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer
entsetzte.
Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten
gleichgültig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese
letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand; ja
ich ergötzte mich an einer heimlichen Schadenfreude, wenn gewisse
Menschen, die ich dem Betrug oft genug ausgesetzt gesehen, kühnlich
versicherten, so grob könne man nicht betrogen werden.
Aus diesem Ereignis zog ich mir jedoch keine Lehre; das, was mich
innerlich beschäftigte, erschien mir immerfort in dramatischer
Gestalt, und wie die Halsbandsgeschichte als düstre Vorbedeutung,
so ergriff mich nunmehr die Revolution selbst als die grässlichste
Erfüllung: den Thron sah ich gestürzt und zersplittert, eine große
Nation aus ihren fugen gerückt und nach unserm unglücklichen Feldzug
offenbar auch die Welt schon aus ihren Fugen.
Indem mich nun dies alles in Gedanken bedrängte, beängstigte, hatte
ich leider zu bemerken, dass man im Vaterland sich spielend mit
Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns ähnliche Schicksale
vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemüter, die sich gewissen
aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache zu
begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Subjekte
bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen strebten.
Als ein Zeugnis meines ärgerlich-guten Humors ließ ich den
"Bürgergeneral" auftreten, wozu mich ein Schauspieler verführte,
namens Beck, welcher den Schnaps in den "beiden Billetts" nach
Florian mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, indem selbst
seine Fehler ihm dabei zustatten kamen. Da ihm nun diese Maske so gar
wohl anstand, brachte man des gedachten kleinen, durchaus beliebten
Nachspiels erste Fortsetzung, den "Stammbaum" von Anton Wall, hervor,
und als ich nun auf Proben, Ausstattung und Vorstellung dieser
Kleinigkeit ebenfalls die größte Aufmerksamkeit wendete, so konnte
nicht fehlen, dass ich mich von diesem närrischen Schnaps so
durchdrungen fand, dass mich die Lust anwandelte, ihn nochmals zu
produzieren. Dies geschah auch mit Neigung und Ausführlichkeit; wie
denn das gehaltreiche Mantelsäckchen ein wirklich französisches war,
das Paul auf jener Flucht eilig aufgerafft hatte. Inder Hauptszene
erwies sich Malkolmi als alter wohlhabender, wohlwollender
Bauersmann, der sich eine gesteigerte Unverschämtheit als Spaß auch
einmal gefallen lässt, unübertrefflich und wetteiferte mit Beck in
wahrer, natürlicher Zweckmäßigkeit. Aber vergebens! Das Stück brachte
die widerwärtigste Wirkung hervor, selbst bei Freunden und Gönnern,
die, um sich und mich zu retten, hartnäckig behaupteten: ich sei
der Verfasser nicht, habe nur aus Grille meinen Namen und einige
Federstriche einer sehr subalternen Produktion zugewendet.
Wie mich aber niemals irgendein Äußeres mir selbst entfremden konnte,
mich vielmehr nur strenger ins Innere zurückwies, so blieben jene
Nachbildungen des Zeitsinnes für mich eine Art von gemütlich
tröstlichem Geschäft. Die "Unterhaltungen der Ausgewanderten,"
fragmentarischer Versuch, das unvollendet Stück "Die Aufgeregten"
sind ebensoviel Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen
vorging; wie auch späterhin "Hermann und Dorothea" noch aus
derselbigen Quelle flossen, welche denn freilich zuletzt erstarrte.
Der Dichter konnte der rollenden Weltgeschichte nicht nacheilen und
musste den Abschluss sich und andern schuldig bleiben, da er das
Rätsel auf eine so entschiedene als unerwartete Weise gelöst sah.
Unter solchen Konstellationen war nicht leicht jemand, in so weiter
Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils, gedrückter als
ich; die Welt erschien mir blutiger und blutdürstiger als jemals, und
wenn das Leben eines Königs in der Schlacht für tausende zu rechnen
ist, so wird es noch viel bedeutender im gesetzlichen Kampf. Ein
König wird auf Tod und Leben angeklagt: da kommen Gedanken in Umlauf,
Verhältnisse zur Sprache, welche für ewig zu beschwichtigen sich das
Königtum vor Jahrhunderten kräftig eingesetzt hatte.
Aber auch aus diesem grässlichen Unheil suchte ich mich zu retten,
indem ich die ganze Welt für nichtswürdig erklärte, wobei mir denn
durch eine besondere Fügung "Reineke Fuchs" in die Hände kam. Hatte
ich mich bisher an Straßen-, Markt- und Pöbelauftritten bis zum
Abscheu übersättigen müssen, so war es nun wirklich erheiternd, in
den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das
Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz
natürlich vorträgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch
heiter zu, und nirgends fühlt sich der gute Humor gestört.
Um nun das köstliche Werk recht innig zu genießen, begann ich
alsobald eine treue Nachbildung; solche jedoch in Hexametern zu
unternehmen, war ich folgenderweise veranlasst.
Schon seit vielen Jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks
Einleitung sehr lässliche Hexameter; Voß, indem er sich wohl auch
dergleichen bediente, ließ doch hie und a merken, dass man sie besser
machen könne, ja er schonte sogar seine eigenen vom Publikum gut
aufgenommenen Arbeiten und Übersetzungen nicht. Ich hätte das gar
gern auch gelernt, allein es wollte mir nicht glücken. Herder und
Wieland waren in diesem Punkte Latitudinarier, und man durfte der
Voßschen Bemühungen, wie sie nach und nach strenger und für den
Augenblick ungelenk erschienen, kaum Erwähnung tun. Das Publikum
selbst schätzte längere Zeit die Voßschen früheren Arbeiten, als
geläufiger, über sie späteren; ich aber hatte zu Voß, dessen Ernst
man nicht verkennen konnte, immer ein stilles Vertrauen und wäre, in
jüngeren Tagen oder anderen Verhältnissen, wohl einmal nach Eutin
gereist, um das Geheimnis zu erfahren. Denn er, aus einer zu ehrenden
Pietät für Klopstock, wollte, solange der würdige, allgefeierte
Dichter lebte, ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen: dass man in der
deutschen Rhythmik eine striktere Observanz einführen müsse, wenn
sie irgend gegründet werden solle. Was er inzwischen äußerte, waren
für mich sibyllinische Blätter. Wie ich mich an der Vorrede zu den
Georgiken abgequält habe, erinnere ich mich noch immer gerne, der
redlichen absicht wegen, aber nicht des daraus gewonnenen Vorteils.
Da mir recht gut bewusst war, dass alle meine Bildung nur praktisch
sein könne, so ergriff ich die Gelegenheit, ein paar tausend
Hexameter hinzuschreiben, die bei dem köstlichsten Gehalt selbst
einer mangelhaften Technik gute Aufnahme und nicht vergänglichen Wert
verleihen durften. Was an ihnen zu tadeln sei, werde sich, dacht'
ich, am Ende schon finden; und so wendete ich jede Stunde, die mir
sonst übrig blieb, an eine solche schon innerhalb der Arbeit
vorläufig dankbare Arbeit, baute inzwischen und möbilierte fort, ohne
zu denken, was weiter mit mir sich ereignen würde, ob ich es gleich
gar wohl voraussehen konnte.
So weit wir auch ostwärts von der großen Weltbegebenheit gelegen
waren, erschienen doch schon diesen Winter flüchtige Vorläufer
unserer ausgetriebenen westlichen Nachbarn; es war, als wenn sie
sich umsähen nach irgendeiner gesitteten Stätte, wo sie Schutz
und Aufnahme fänden. Obgleich nur vorübergehend, wussten sie
durch anständiges Betragen, duldsam-zufriedenes Wesen, durch
Bereitwilligkeit, sich ihrem Schicksal zu fügen und durch irgendeine
Tätigkeit ihr Leben zu fristen, dergestalt für sich einzunehmen,
dass durch diese einzelnen die Mängel der ganzen Masse ausgelöscht
und jeder Widerwille in entschiedene Gunst verwandelt wurde. Dies
kam denn freilich ihren Nachfahrern zeugte, die sich späterhin in
Thüringen festsetzten, unter denen ich nur Mounier und Camille Jordan
zu nennen brauche, um ein Vorurteil zu rechtfertigen, welches man für
die ganze Kolonie gefasst hatte, die sich, wo nicht den Genannten
gleich, doch derselben keineswegs unwürdig erzeigte.
Übrigens lässt sich hierbei bemerken, dass in allen wichtigen
politischen Fällen immer diejenigen Zuschauer am besten dran sind,
welche Partei nehmen: was ihnen wahrhaft günstig ist, ergreifen sie
mit Freuden, das Ungünstige ignorieren sie, lehnen's ab oder legen's
ob oder legen's wohl gar zu ihrem Vorteil aus. Der Dichter aber, der
seiner Natur nach unparteiisch sein und bleiben muss, sucht sich von
den Zuständen beider kämpfenden Teile zu durchdringen, wo er denn,
wenn Vermittlung unmöglich wird, sich entschließen muss, tragisch zu
endigen. Und mit welchem Zyklus von Tragödien sahen wir uns von der
tosenden Weltbewegung bedroht!
Wer hatte seit seiner Jugend sich nicht vor der Geschichte des Jahres
1649 entsetzt, wer nicht vor der Hinrichtung Karls I. geschaudert und
zu einigem Troste gehofft, dass dergleichen Szenen der Parteiwut sich
nicht abermals ereignen könnten! Nun aber wiederholte sich das alles,
gräulicher und grimmiger, bei dem gebildetsten Nachbarvolke wie vor
unsern Augen, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Man denke sich,
welchen Dezember und Januar dijenigen verlebten, die, den König zu
retten, ausgezogen waren und nun in seinen Prozess nicht eingreifen,
die Vollstreckung des Todesurteils nicht hindern konnten.
Frankfurt war wieder in deutschen Händen; die möglichsten
Vorbereitungen, Mainz wieder zu erobern, wurden eifrigst besorgt. Man
hatte sich Mainz genähert und Hochheim besetzt. Königstein musste
sich ergeben. Nun aber war vor allen Dingen nötig, durch einen
vorläufigen Feldzug auf dem linken Rheinufer sich den Rücken frei
zu machen. Man zog daher am Taunusgebirge hin auf Idstein, über
das Benediktinerkloster Schönau nach Kaub, sodann über eine wohl
errichtete Schiffbrücke nach Bacharach; von da an gab es fast
ununterbrochene Vorpostengefechte, welche den Feind zum Rückzug
nötigten. Man ließ den eigentlichen Hunsrück rechts, zog nach
Stromberg, wo General Neuwinger gefangen wurde. Man gewann Kreuznach
und reinigte den Winkel zwischen der Nahe und dem Rhein; und so
bewegte man sich mit Sicherheit gegen diesen Fluss. Die Kaiserlichen
waren bei Speyer über den Rhein gegangen, und man konnte die
Umzingelung von Mainz den 14. April abschließen, wenigstens vorerst
die Einwohner mit Mangel, als dem Vorläufer größerer Not, in Angst
setzen.
Diese Nachricht vernahm ich zugleich mit der Aufforderung, mich an
Ort und Stelle zu zeigen, um, wie früher an einem beweglichen Übel,
so nun an einem stationären teilzunehmen. Die Umzingelung war
vollbracht, die Belagerung konnte nicht ausbleiben; wie ungern ich
mich dem Kriegstheater abermals näherte, überzeuge sich, wer etwa die
zweite nach meinen Skizzen radierte Tafel in die Hand nimmt. Sie ist
einem sehr genauen Federumriss nachgebildet, den ich wenige Tage vor
meiner Abreise sorgfältig auf Papier gebracht hatte. Mit welchem
Gefühl, sagen die wenigen dazu gedichteten Reimzeilen:
Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus,
Von Tür zu Türe sieht es lieblich aus;
Der Künstler froh die stillen Blicke hegt,
Wo Leben sich zum Leben freundlich regt.
Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn,
Da kommt es her, da kehrt es wieder hin;
Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke,
Der Enge zu, die uns allein beglücke.