Voranstalten getroffen: er war voraus in die Stadt geritten und hatte
sich, bei der Fülle des Dranges, gar bald überzeugt, dass hier
ordnungsgemäß, durch Wirksamkeit und guten Willen eines Quartieramts,
nichts zu hoffen sei; glücklicherweise aber sah er in dem Hof eines
schönen Hauses Anstalten zu einer herannahenden Abreise, er sprengte
zurück, bedeutete uns, wie wir fahren sollten, und eilte nun, sobald
jene Partei heraus war, das Hoftor zu besetzen, dessen Schließen zu
verhindern und uns gar erwünscht zu empfangen. Wir fuhren ein, wir
stiegen aus, unter Protestation einer alten Haushälterin, welche,
soeben von einer Einquartierung befreit, keine neue, besonders ohne
Billett, aufzunehmen Lust empfand. Indessen waren die Pferde schon
ausgespannt und im Stall, wir aber hatten uns in die oberen Zimmer
geteilt; der Hausherr, ältlich, Edelmann, Ludwigsritter, ließ es
geschehen: weder er noch Familie wollten von Gästen weiter wissen, am
wenigsten diesmal von Preußen auf dem Rückzug.
Den 10. Oktober.
Ein Knabe, der uns in der verwilderten Stadt herumführte, fragte mit
Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen
noch nicht gekostet hätten? Er führte uns darauf zu dem berühmtesten
Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem
große und kleine Öfen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in
der Mitte Tisch und Bänke zum frischen Genuss des augenblicklich
Gebacknen. Der Künstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung
höchst lebhaft aus, dass es ihm nicht möglich sei, uns zu bedienen,
da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schönsten Vorräte
des feinsten Weizenmehls; aber wozu nützten ihm diese ohne Milch und
Butter! Er rühmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der
Durchreisenden und bejammerte nur, dass er gerade jetzt, wo er sich
vor solchen Fremden zuzeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit
finde, gerade des Notwendigsten ermangeln müsste. Er beschwor uns
daher, Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur
ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon
irgendwo finden. Doch ließ er sich für den Augenblick zufrieden
stellen, als wir versprachen, bei längerem Aufenthalt von Jardin
Fontaine dergleichen herbeizuholen.
Unsern jungen Führer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und
sich ebenso wohl auf hübsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen
schien, befragten wir nach einem wunderschönen Frauenzimmer, das sich
eben aus dem Fenster eines wohl gebauten Hauses herausbog. "Ja,"
rief er, nachdem er ihren Namen genannt, "das hübsche Köpfchen mag
sich fest auf den Schultern halten: es ist auch eine von denen, die
dem König von Preußen Blumen und Früchte überreicht haben. Ihr Haus
und Familie dachten schon, sie wären wieder obendrauf, das Blatt
aber hat sich gewendet, jetzt tausch' ich nicht mir ihr." Er sprach
hierüber mit besonderer Gelassenheit, als wäre es ganz naturgemäß und
könne und werde nicht anders sein.
Mein Diener war von Jardin Fontaine zurückgekommen, wohin er, unsern
alten Wirt zu begrüßen und den Brief an die Schwester zu Paris
wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn
gutmütig genug, bewirtete ihn aufs beste und lud die Herrschaft ein,
die er gleichfalls zu traktieren versprach.
So wohl sollt' es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den
Kessel übers Feuer gehängt, mit herkömmlichen Ingredienzien und
Zeremonien, als eine Ordonnanz herein trat und im Namen des
Kommandanten, Herrn von Courbière, freundlich andeutete, wir möchten
uns einrichten, morgen früh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Höchst
betroffen, dass wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaßen
herstellen zu können, eiligst verlassen und uns wieder in die wüste
schmutzige Welt hinaus gestoßen sehen sollten, beriefen wir uns auf
die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte,
wir sollten diese baldmöglichst fortzubringen suchen, weil in der
Nacht die Lazarette geleert und nur die völlig intransportablen
Kranken zurückgelassen würden.
Uns überfiel Schrecken und entsetzen; denn bisher zweifelte niemand,
dass von Seiten der Alliierten man Verdun und Longwy erhalten, wo
nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere
bereiten müsse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal
Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von
den unzähligen Kranken und dem unglaublichen Tross befreien, um sie
alsdann mit der notwendigen Garnison besetzen zu können. Kämmerier
Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Kommandanten
überbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maßregeln
zu sehen. Was es aber auch im ganzen für einen Ausgang nähme, mussten
wir uns diesmal in unser Schicksal ergeben und speisten geruhig den
einfachen Topf in verschiedenen Absätzen und Trachten, als eine
andere Ordonnanz abermals herein trat und uns beschied, wir möchten
ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen früh um drei Uhr aus Verdun zu
kommen suchen. Kämmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den
Kommandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes
Bekenntnis, dass die Festung den Franzosen sogleich wieder würde
übergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben,
gedachten der schönen geputzten Frauenzimmer, der Früchte und Blumen
und betrübten uns zum ersten Mal recht herzlich und gründlich über
eine so entschieden misslungene, große Unternehmung.
Ob ich schon unter dem diplomatischen Korps echte und
verehrungswürdige Freunde gefunden, so konnt' ich doch, sooft ich sie
mitten unter diesen großen Bewegungen fand, mich gewisser neckischen
Einfälle nicht enthalten; sie kamen mir vor wie Schauspieldirektoren,
welche die Stücke wählen, Rollen austeilen und in unscheinbarer
Gestalt einhergehen, indessen die Truppe, so gut sie kann, aufs beste
herausgestutzt, das Resultat ihrer Bemühungen dem Glück und der Laune
des Publikums überlassen muss.
Baron Breteuil wohnte gegen uns über; seit der Halsbandsgeschichte
war er mir nicht aus den Gedanken gekommen. Sein hass gegen den
Kardinal von Rohan verleitete ihn zu der furchtbarsten Übereilung;
die durch jenen Prozess entstandene Erschütterung ergriff die
Grundfesten des Staates, vernichtete die Achtung gegen die Königin
und gegen die obern Stände überhaupt: denn leider alles, was zur
Sprache kam, machte nur das gräuliche Verderben deutlich, worin der
Hof und die Vornehmeren befangen lagen.
Diesmal glaubte man, er habe den auffallenden Vergleich gestiftet,
der uns zum Rückzug verpflichtete, zu dessen Entschuldigung man
höchst günstige Bedingungen voraussetzte: man versicherte, König,
Königin und Familie sollten freigegeben und sonst noch manches
Wünschenswerte erfüllt werden. Die Frage aber, wie diese großen
diplomatischen Vorteile mit allem übrigen, was uns doch auch bekannt
war, übereinstimmen sollten, ließ einen Zweifel nach dem andern
aufkeimen.
Die Zimmer, die wir bewohnten, waren anständig möbliert; mir fiel ein
Wandschrank auf, durch dessen Glastüren ich viele regelmäßig
beschnittene gleiche Hefte in Quart erblickte. Zu meiner Verwunderung
ersah ich daraus, dass unser Wirt als einer der Notablen im Jahre
1787 zu Paris gewesen; in diesen Heften war seine Instruktion
abgedruckt. Die Mäßigkeit der damaligen Forderungen, die
Bescheidenheit, womit sie abgefasst, kontrastierten völlig mit den
gegenwärtigen Zuständen von Gewaltsamkeit, Übermut und Verzweiflung.
Ich las diese Blätter mit wahrhafter Rührung und nahm einige
Exemplare zu mir.
Den 11. Oktober.
Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir früh um 3 Uhr eben im
Begriff, unsern gegen das Hoftor gerichteten Wagen zu besteigen, als
wir ein unüberwindliches Hindernis gewahr wurden; denn es zog schon
eine ununterbrochene Kolonne Krankenwagen zischen den zur Seite
aufgehäuften Pflastersteinen durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als
wir nun so standen, abzuwarten, was erreicht werden könnte, drängte
sich unser Wirt, der Ludwigsritter, ohne zu grüßen, an uns vorbei.
Unsere Verwunderung über sein frühes und unfreundliches Erscheinen
ward aber bald in Mitleid verkehrt; denn sein Bedienter, hinter ihm
drein, trug ein Bündelchen auf dem Stock, und so ward es nur allzu
deutlich, dass er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder
gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen
musste.
Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor
meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft, dass
sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren gegen Zucker und Kaffee
vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glücklich gewesen
sei. Die Tätigkeit des gewandten Liseurs war hierbei nicht zu
verkennen; auch durch ihn kamen wir diesmal vom Fleck: denn er
sprengte in eine Lücke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann
so lange zurück, bis wir sechs- und vierspännig eingeschaltet waren;
da ich mich denn frischer Luft in meinem leichten Wägelchen abermals
erfreuen konnte.
Nun bewegten wir uns mit Leichenschritt, aber bewegten uns doch; der
Tag brach an, wir befanden uns vor der Stadt in dem größtmöglichen
Gewirr und Gewimmel. Alle Arten von Wagen, wenig Reiter, unzählige
Fußgänger durchkreuzten sich auf dem großen Platz vor dem Tor. Wir
zogen mit unserer Kolonne rechts gegen Etain, auf einem beschränkten
Fahrweg mit Gräben zu beiden Seiten. Die Selbsterhaltung in einem so
ungeheuren Drange kannte schon kein Mitleiden, keine Rücksicht mehr:
nicht weit vor uns fiel ein Pferd vor einem Rüstwagen, man schnitt
die Stränge entzwei und ließ es liegen. Als nun aber die drei übrigen
die Last nicht weiterbringen konnten, schnitt man auch sie los, warf
das schwer bepackte Fuhrwerk in den Graben, und mit dem geringsten
Aufenthalt fuhren wir weiter und zugleich über das Pferd weg, das
sich eben erholen wollte, und ich sah ganz deutlich, wie dessen
Gebeine unter den Rädern knirschten und schlotterten.
Reiter und Fußgänger suchten sich von der schmalen, unwegsamen
Fahrstraße auf die Wiesen zu retten; aber auch diese waren zugrunde
geregnet, von ausgetretenen Gräben überschwemmt, die Verbindung der
Fußpfade überall unterbrochen. Vier ansehnliche, schöne, sauber
gekleidete französische Soldaten wateten eine Zeitlang neben unseren
wagen her, durchaus nett und reinlich, und wussten so gut hin und her
zu treten, dass ihr Fußwerk nur bis an die Knorren von der
schmutzigen Wallfahrt zeugte, welche die guten Leute bestanden.
Dass man unter solchen Umständen in Gräben, auf Wiesen, Feldern und
Angern tote Pferde genug erblickte, war natürliche Folge des
Zustands; bald aber fand man sie auch abgedeckt, die fleischigen
Teile sogar ausgeschnitten -- trauriges Zeichen des allgemeinen
Mangels!
So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten
eigenen Stockung selbst über Bord geworfen zu werden; unter welchen
Umständen freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu
rühmen und zu preisen war. Dieselbe betätigte sich denn auch zu
Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schönen, wohl
gebauten Städtchen durch Straßen und auf Plätzen ein Sinn
verwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten: die Masse wogte
hin und her, und indem alles vorwärts drang, ward jeder dem anderen
hinderlich. Unvermutet ließ unser Führer die Wagen vor einem wohl
gebauten Haus des Marktes halten; wir traten ein, Hausherr und Frau
begrüßten uns in ehrerbietiger Entfernung.
Man führte uns in ein getäfeltes Zimmer auf gleicher Erde, wo im
schwarz-marmornen Kamin behagliches Feuer brannte. In dem großen
Spiegel darüber beschauten wir uns ungern: denn ich hatte noch immer
nicht die Entschließung gefasst, meine langen Haare kurz schneiden zu
lassen, die jetzt wie ein verworrener Hanfrocken umher quollen; der
Bart, strauchig, vermehrte das wilde Ansehen unserer Gegenwart.
Nun aber konnten wir, aus den niedrigen Fenstern den ganzen Markt
überschauend, unmittelbar das grenzenlose Getümmel beinahe mit Händen
greifen. Aller Art Fußgänger, Uniformierte, Marode, gesunde aber
trauernde Bürgerliche, Weiber und Kinder drängten und quetschten sich
zwischen Fuhrwerk aller Gestalt; Rüst- und Leiterwagen, Ein- und
Mehrspänner; hunderterlei eigenes und requiriertes Gepferde,
weichend, anstoßend, hinderte sich rechts und links. Auch Hornvieh
zog damit weg, wahrscheinlich geforderte, weggenommene Herden. Reiter
sah man wenig; auffallend aber waren die eleganten Wagen der
Emigrierten, vielfarbig lackiert, vergoldet und versilbert, die ich
wohl schon in Grevenmachern mochte bewundert haben. Die größte Not
entstand aber da, wo die den Markt füllende Menge in eine zwar gerade
und wohl gebaute, doch verhältnismäßig viel zu enge Straße ihren Weg
einschlagen sollte. Ich habe in meinem Leben nichts Ähnliches
gesehen; vergleichen aber ließ sich der Anblick mit einem erst über
Wiesen und Anger ausgetretenen Strom, der sich nun wieder durch enge
Brückenbogen durchdrängen und im beschränkten Bett weiter fließen
soll.
Die lange, aus unsern Fenstern übersehbare Straße hinab schwoll
unaufhaltsam die seltsamste Woge; ein hoher zweisitziger Reisewagen
ragte über der Flut empor. Er ließ uns an die schönen Französinnen
denken; sie waren es aber nicht, sondern Graf Haugwitz, den ich mit
einiger Schadenfreude Schritt vor Schritt dahinwackeln sah.
Zum 11. Oktober.
Ein gutes Essen war uns bereitet, die köstlichste Schöpsenkeule
besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so
waren wir, neben dem größten Getümmel, in der schönsten Beruhigung:
wie man auch wohl der stürmenden See, am Fuß eines Leuchtturms auf
dem Steindamm sitzend, der wilden Wellenbewegung zusieht und dort und
da ein Schiff ihrer Willkür preisgegeben. Aber uns erwartete in
diesem gastlichen Haus eine wahrhaft herzergreifende Familienszene.
Der Sohn, ein schöner junger Mann, hatte schon einige Zeit,
hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den
Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die
Preußen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines
gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch
zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle
seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen müsse, eiligst
aufgeben, zurückkehren und diesseits für die gute Sache fechten. Der
Sohn, wider Willen, aus Pietät, kommt zurück, eben in dem Moment, da
Preußen, Österreicher und Emigrierte retirieren; er eilt
verzweiflungsvoll durch das Gedränge zu seinem Vaterhaus. Was soll er
nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu
sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrung,
ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger
Mann dem neuen Systeme günstig, kehrt er genötigt zu einer Partei
zurück, die er verabscheut, und eben als er sich in diese Schicksal
ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen,
weiß er sich schon in das Sünden- und Todesregister geschrieben; und
nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines
Vaters Haus gestoßen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen
möchten, müssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des
Wiedersehens, weiß nicht, wie er sich losreißen soll; die Umarmungen
sind Vorwürfe, und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht,
schrecklich.
Unmittelbar vor unserer Stubentüre ereignete sich das alles auf der
Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich
weinend entfernt, als eine Szene, fast noch wunderbarer,
auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und,
obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lächeln
abnötigte. Einige Bauersleute, Männer, Frauen und Kinder, drangen in
unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mit zu Füßen. Mit
der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie,
dass man ihr schönes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pächter eines
ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen: eben
treibe man sie vorbei, es hätten Preußen sich derselben bemächtigt;
ich solle befehlen, solle Hilfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich
zu besinnen, ans Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter
mich und sagte: "Verzeihen Sie! Ich habe Sie für den Schwager des
Königs von Preußen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirtung zu
finden. Die Bauern hätten freilich nicht hereinkommen sollen; aber
mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und schein
überzeugt von meinen Vorschlägen."
Was war zu tun? Überrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und
schien über die Umstände nachzudenken. Wird doch, sagt' ich zu mir
selbst, List und Verschlagenheit im Krieg gerühmt! Wer sich durch
Schelme bedienen lässt, kommt in Gefahr, von ihnen irregeführt
zu werden. Ein Schakal, unnütz und beschämend, ist hier zu
vermeiden. Und wie der Arzt in verzweifelten Fällen wohl noch ein
Hoffnungsrezept verschreibt, entließ ich die guten Menschen mehr
pantomimisch als mit Worten; dann sagt' ich mir zu meiner Beruhigung:
Hatte doch bei Sivry der echte Thronfolger den bedrängten Leuten ihr
Pferd nicht zusprechen können, so dürfte sich der untergeschobene
Schwager des Königs wohl verzeihen, wenn er die Hilfsbedürftigen mit
irgendeiner klugen, eingeflüsterten Wendung abzulehnen suchte.
Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster
waren hell, zum Zeichen, dass alle Zimmer besetzt seien. An jeder
Haustüre ward protestiert von den Einwohnern, die keine neuen Gäste,
von den Einquartierten, die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne
viel Umstände aber drang unser Husar ins Haus, und als er einige
französische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie
zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, eine Platz am Kamin
einzuräumen. Wir traten zugleich herein; sie warne freundlich und
rückten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche
Positur, ihre aufgehobenen Füße gegen das Feuer zu strecken. Sie
liefen auch wohl einmal im Saal hin und wider und kehrten bald in
ihre vorige Lage zurück, und nun konnt' ich bemerken, dass es ihr
eigentliches Geschäft sei, den unteren Teil ihrer Gamaschen zu
trocknen.
Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt: es waren eben
dieselbigen, die heute früh neben unserm Wagen im Schlamm so zierlich
einher traten. Nun, früher als wir angelangt, hatten sie schon
am Brunnen die untersten Teile gewaschen und gebürstet, trockneten
sie nunmehr, um morgen früh neuem Schmutz und Unrat galant
entgegenzugehen. Ein musterhaftes Betragen, an das man sich in
manchen Fällen des Lebens wohl wieder zu erinnern hat! Auch dacht'
ich dabei meiner lieben Kriegskameraden, die den Befehl zur
Reinlichkeit murrend aufgenommen hatten.
Doch uns dergestalt untergebracht zu haben, war dem klugen,
dienstfertigen Liseur nicht genug; die Fiktion des Mittags, die sich
so glücklich erwiesen hatte, ward kühnlich wiederholt: die hohe
Generalsperson, der Schwager des Königs, wirkte mächtig und vertrieb
eine ganze Masse guter Emigrierten aus einem Zimmer mit zwei Betten.
Zwei Offiziere von Köhler nahmen wir dagegen in demselben Raum auf,
Ich aber begab mich vor die Haustüre zu dem alten erprobten
Schlafwagen, dessen Deichsel, diesmal nach Deutschland gekehrt, mir
ganz eigene Gedanken hervorrief, die jedoch durch ein schnelles
Einschlummern gar bald abgeschnitten wurden.
Den 12. Oktober.
Der heutige Weg erschien noch trauriger als der gestrige: ermattete
Pferde waren öfter gefallen und lagen mit umgestürzten Wagen häufiger
neben der Hochstraße auf den Wiesen. Aus den geborstenen Decken der
Rüstwagen fielen gar niedliche Mantelsäcke, einem Emigriertenkorps
gehörig, hervor; das bunte, zierliche Ansehen dieses herrenlosen,
aufgegebenen Gutes lockte die Besitzlust der Vorbeiwandernden, und
mancher bepackte sich mit einer Last, die er zunächst auch wieder
abwerfen sollte. Daraus mag denn wohl die Rede entstanden sein, auf
dem Rückzug seien Emigrierte von Preußen geplündert worden.
Von ähnlichen Vorfällen erzählte man auch manches Scherzhafte. Ein
schwer beladener Emigrantenwagen war ebenermaßen an einer Anhöhe
stecken geblieben und verlassen worden. Nachfolgende Truppen
untersuchen den Inhalt, finden Kästchen von mäßiger Größe, auffallend
schwer, belästigen sich gemeinschaftlich damit und schleppen sie mit
unsäglicher Mühe auf die nächste Höhe. Hier wollen sie nun in die
Beute und in die Last sich teilen: aber welch ein Anblick! Aus jedem
zerschlagenen Kasten fällt eine Unzahl Kartenspiele hervor, und die
Goldlustigen trösten sich im wechselseitigen Spott durch Lachen und
Possen.
Wir aber zogen durch Longuyon nach Longwy; und hier muss man, indem
die Bilder bedeutender Freudenszenen aus dem Gedächtnis verschwinden,
sich glücklich schätzen, dass auch widerwärtige Gräuelbilder sich vor
der Einbildungskraft abstumpfen. Was soll ich also wiederholen, dass
die Wege nicht besser wurden, dass man nach wie vor zwischen
umgestürzten wagen abgedeckte und frisch ausgeschnittene Pferde aber-
und abermals rechts und links verabscheute! Von Büschen schlecht
bedeckte, geplünderte und ausgezogene Menschen konnte man oft genug
bemerken, und endlich lagen auch die vor dem offenen Blick neben der
Straße.
Uns sollte jedoch auf einem Seitenweg abermals Erquickung und
Erholung werden, dagegen aber auch traurige Betrachtungen über den
Zustand des wohlhabenden, gutmütigen Bürgers in schrecklichem,
diesmal ganz unerwartetem Kriegsunheil.
Den 13. Oktober.
Unser Führer wollte nicht freventlich seine braven, wohlhabenden
Verwandten in dieser Gegend gerühmt haben; er ließ uns deshalb einen
Umweg machen über Arlon, wo wir in einem schönen Städtchen, bei
ansehnlichen und wackern Leuten, in einem wohl gebauten und gut
eingerichteten Haus, von ihm angemeldet, gar freundlich aufgenommen
wurden. Die guten Personen freuten sich selbst ihres Vetters,
glaubten gewisse Besserung und nächste Beförderung schon in dem
Auftrag zu sehen, dass er uns mit zwei Wagen, so viel Pferden und,
wie er ihnen glauben gemacht hatte, mit vielem Geld und Kostbarkeiten
aus dem gefährlichsten Gewirr herauszuführen beehrt worden. Auch wir
konnten seiner bisherigen Leitung das beste Zeugnis geben, und ob wir
gleich an die Bekehrung dieses verlorenen Sohnes nicht sonderlich
glauben konnten, so waren wir ihm doch diesmal so viel schuldig
geworden, dass wir auch seinem künftigen Betragen einiges Zutrauen
nicht ganz verweigern durften. Der Schelm verfehlte nicht, mit
schmeichelhaftem Wesen das Seinige zu tun, und erhielt wirklich in
der Stille von den braven Leuten ein artiges Geschenk in Gold. Wir
erquickten uns dagegen an gutem, kaltem Frühstück und dem
trefflichsten Wein und beantworteten die Fragen der freilich auch
sehr erstaunten, wackeren Leute wegen der wahrscheinlichen nächsten
Zukunft so schonend als möglich.
Vor dem Haus hatten wir ein paar sonderbare Wagen bemerkt, länger und
teilweise höher als gewöhnliche Rüstwagen, auch an der Seite mit
wunderlichen Ansätzen geformt. Mit rege gewordener Neugier fragte ich
nach diesem seltsamen Fuhrwerk; man antwortete mir zutraulich, aber
mit Vorsicht: es sei darin die Assignatenfabrik der Emigrierten
enthalten, und bemerkte dabei, was für ein grenzenloses Unglück
dadurch über die Gegend gebracht worden. Denn da man sich seit
einiger Zeit der echten Assignate kaum erwehren könne, so habe man
nun auch, seit dem Einmarsch der Alliierten, diese falschen in Umlauf
gezwungen. Aufmerksame Handelsleute hätten dagegen sogleich, ihrer
Sicherheit willen, diese verdächtige Papierware nach Paris zu senden
und sich von dorther offizielle Erklärung ihrer Falschheit zu
verschaffen gewusst; dies verwirre aber Handel und Wandel ins
Unendliche: denn da man bei den echten Assignaten sich nur zum Teil
gefährdet finde, bei den falschen aber gewiss gleich um das Ganze
betrogen sei, auch beim ersten Anblick niemand sie zu unterscheiden
vermöge, so wisse kein Mensch mehr, was er geben und was er empfangen
solle; dies verbreite schon bis Luxemburg und Trier solche
Ungewissheit, Misstrauen und Bangigkeit, dass nunmehr von allen
Seiten das Elend nicht größer werden könne.
Bei allen solchen erlittenen und noch zu fürchtenden Unbilden zeigen
sich diese Personen in bürgerlicher Würde, Freundlichkeit und gutem
Benehmen zu unserer Verwunderung, wovon uns in den französischen
ernsten Dramen alter und neuer Zeit ein Abglanz herüber gekommen ist.
Von einem solchen Zustand können wir uns in eigener vaterländischer
Wirklichkeit und ihrer Nachbildung keinen Begriff machen. Die petite
ville mag lächerlich sein, die deutschen Kleinstädter sind dagegen
absurd.
Den 14. Oktober.
Sehr angenehm überrascht fuhren wir von Arlon nach Luxemburg auf der
besten Kunststraße und wurden in diese sonst so wichtige und
wohlverwahrte Festung eingelassen wie in jedes Dorf, in jeden
Flecken. Ohne irgend angehalten oder befragt zu werden, sahen wir uns
nach und nach innerhalb der Außenwerke, der Wälle, Gräben,
Zugbrücken, Mauern und Tore, unserm Führer, der Mutter und Vater hier
zu finden vorgab, das weitere vertrauend. Überdrängt war die Stadt
von Blessierten und Kranken, von tätigen Menschen, die sich selbst,
Pferde und Fuhrwerk wieder herzustellen trachteten.
Unsere Gesellschaft, die sich bisher zusammengehalten hatte, musste
sich trennen; mir verschaffte der gewandte Quartiermeister ein
hübsches Zimmer, das aus dem engsten Höfchen, wie aus einer
Feueresse, doch bei sehr hohen Fenstern genugsames Licht erhielt.
Hier wusste er mich mit meinem Gepäck und sonst gar wohl einzurichten
und für alle Bedürfnisse zu sorgen; er gab mir den Begriff von den
Haus- und Mietleuten des Gebäudes und versicherte, dass ich gegen
eine kleine Gabe so bald nicht ausgetrieben und wohl behandelt werden
sollte.
Hier konnt' ich nun zum ersten Mal den Koffer wieder aufschließen und
mich meiner Reisehabseligkeiten, des Geldes, der Manuskripte wieder
versichern. Das Konvolut zur Farbenlehre bracht' ich zuerst in
Ordnung, immer meine früheste Maxime vor Augen: die Erfahrung zu
erweitern und die Methode zu reinigen. Ein Kriegs- und Reisetagebuch
mocht' ich gar nicht anrühren. Der unglückliche Verlauf der
Unternehmung, der noch Schlimmeres befürchten ließ, gab immer neuen
Anlass zum Wiederkäuen des Verdrusses und zu neuem Aufregen der
Sorge. Meine stille, von jedem Geräusch abgeschlossene Wohnung
gewährte mir wie eine Klosterzelle vollkommenen Raum zu den ruhigsten
Betrachtungen, dagegen ich mich, sobald ich nur den Fuß vor die
Haustüre hinaussetzte, in dem lebendigsten Kriegsgetümmel befand und
nach Lust das wunderlichste Lokal durchwandeln konnte, das vielleicht
in der Welt zu finden ist.
Den 15. Oktober.
Wer Luxemburg nicht gesehen hat, wird sich keine Vorstellung
von diesem an- und übereinander gefügten Kriegsgebäude machen.
Die Einbildungskraft verwirrt sich, wenn man die seltsame
Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der sich das Auge des
hin und her gehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Plan und
Grundriss vor sich zu nehmen wird nötig sein, nachstehendes nur
einigermaßen verständlich zu finden.
Ein Bach, Petrus genannt, erst allein, dann, verbunden mit dem
entgegenkommenden Fluss, die Elze, schlingt sich mäanderartig
zwischen Felsen durch und um sie herum, bald im natürlichen Lauf,
bald durch Kunst genötigt. Auf dem linken Ufer liegt hoch und flach
die alte Stadt; sie, mit ihren Festungswerken nach dem offenen Lande
zu, ist andern befestigten Städten ähnlich. Als man nun für die
Sicherheit derselben nach Westen Sorge getragen, sah man wohl ein,
dass man sich auch gegen die Tiefe, wo das Wasser fließt, zu
verwahren habe; bei zunehmender Kriegskunst war auch das nicht
hinreichend, man musste, auf dem rechten Ufer des Gewässers, nach
Süden, Osten und Norden auf ein- und ausspringenden Winkeln
unregelmäßiger Felspartien neue Schanzen vorschieben, nötig immer
eine zur Beschützung der andern. Hieraus entstand nun eine Verkettung
unübersehbarer Bastionen, Redouten, halber Monde und solches Zangen-
und Krakelwerk, als nur die Verteidigungskunst im seltsamsten Fall zu
leisten vermochte.
Nichts kann deshalb einen wunderlichern Anblick gewähren, als das
mitten durch dies alles am Fluss sich hinab ziehende enge Tal, dessen
wenige Flächen, dessen sanft oder steil aufsteigende Höhen zu Gärten
angelegt, in Terrassen abgestuft und mit Lusthäusern belebt sind; von
wo aus man auf die steilsten Felsen, auf hoch getürmte Mauern rechts
und links hinaufschaut. Hier findet sich so viel Größe mit Anmut, so
viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden, dass wohl zu wünschen wäre,
Poussin hätte sein herrliches Talent in solchen Räumen betätigt.
Nun besaßen die Eltern unseres lockeren Führers in dem Pfaffental
einen artigen abhängigen Garten, dessen Genuss sie mir gern und
freundlich überließen. Kirche und Kloster, nicht weit entfernt,
rechtfertigte den Namen dieses Elysiums, und in dieser geistlichen
Nachbarschaft schien auch den weltlichen Bewohnern Ruh' und Friede
verheißen, ob sie gleich mit jedem Blick in die Höhe an Krieg, Gewalt
und Verderben erinnert wurden.
Jetzt nun aber aus der Stadt, wo das unselige Kriegsnachspiel
mit Lazaretten, abgerissenen Soldaten, zerstückten Waffen,
herzustellenden Achsen, Rädern und Lafetten, zugleich mit sonstigen
Trümmern aller Art aufgeführt wurde, in eine solche Stille zu
flüchten, war höchst wohltätig; aus den Straßen zu entweichen, wo
Wagner, Schmiede und andere Gewerke ihr Wesen öffentlich unermüdet
und geräuschvoll trieben, und sich in das Gärtchen im geistlichen Tal
zu verbergen, war höchst behaglich. Hier fand ein Ruh- und
Sammlungsbedürftiger das willkommenste Asyl.
Den 16. Oktober.
Die allen Begriff übersteigende Mannigfaltigkeit der auf- und
aneinander getürmten, gefügten Kriegsgebäude, die bei jedem Schritt
vor- oder rückwärts, auf- oder abwärts ein anderes Bild zeigten,
riefen die Lust hervor, wenigstens etwas davon aufs Papier zu
bringen. Freilich musste diese Neigung auch wieder einmal sich regen,
da seit so viel Wochen mir kaum ein Gegenstand vor die Augen
gekommen, der sie geweckt hätte. Unter andern fiel es sonderbar auf,
dass so manche gegeneinander über stehende Felsen, Mauern und
Verteidigungswerke in der Höhe durch Zugbrücken, Galerien und gewisse
wunderliche Vorrichtungen verbunden waren. Irgendjemand vom Metier
hätte dieses alles mit Kunstaugen angesehen und sich mit
Soldatenblick der sichern Einrichtung erfreut; ich aber konnte nur
den malerischen Effekt ihr abgewinnen und hätte gar zu gern, wäre
nicht alles Zeichnen an und in den Festungen höchlich verpönt, meine
Nachbildungskräfte hier in Übung gesetzt.
Den 19. Oktober.
Nachdem ich nun also mehrere Tage in diesen Labyrinthen, wo Naturfels
und Kriegsgebäu wetteifernd seltsam steile Schluchten gegeneinander
aufgetürmt und daneben Pflanzenwachstum, Baumzucht und Luftgebüsch
nicht ausgeschlossen, mich sinnend und denkend einsam genug herum
gewunden hatte. Fing ich an, nach Hause kommend, die Bilder, wie sie
sich der Einbildungskraft nach und nach einprägten, aufs Papier zu
bringen, unvollkommen zwar, doch hinreichend, das Andenken eines
höchst seltsamen Zustandes einigermaßen festzuhalten.
Den 20. Oktober.
Ich hatte Zeit gewonnen, das kurz Vergangene zu überdenken, aber je
mehr man dachte, je verworrener und unsicherer ward alles vor dem
Blick. Auch sah ich, dass wohl das Notwendigste sein möchte, sich auf
das unmittelbar Bevorstehende zu bereiten. Die wenigen Meilen bis
Trier mussten zurückgelegt werden; aber was mochte dort zu finden
sein, da nun die Herren selbst mit andern Flüchtlingen sich
nachdrängten!
Als das Schmerzlichste jedoch, was einen jeden, mehr oder weniger
resigniert wie er war, mit einer Art von Furienwut ergriff, empfand
man die Kunde, die sich nicht verbergen ließ, dass unsere höchsten
Heerführer mit den vermaledeiten, durch das Manifest dem Untergang
gewidmeten, durch die schrecklichsten Taten abscheulich dargestellten
Aufrührern doch übereinkommen, ihnen die Festungen übergeben mussten,
um nur sich und den Ihrigen eine mögliche Rückkehr zu gewinnen. Ich
habe von den Unsrigen gesehen, für welche der Wahnsinn zu fürchten
war.
Den 22. Oktober.
Auf dem Weg nach Trier fand sich bei Grevenmachern nichts mehr von
jener galanten Wagenburg; öde, wüst und zerfahren lagen die Anger,
und die weit und breiten Spuren deuteten auf jenes vorübergegangene
flüchtige Dasein. Am Posthaus fuhr ich diesmal mit requirierten
Pferden ganz im stillen vorbei, das Briefkästchen stand noch auf
seinem Platz, kein Gedränge war umher, man konnte sich der
wunderlichsten Gedanken nicht erwehren.
Doch ein herrlicher Sonnenblick belebte soeben die Gegend, als mir
das Monument von Igel, wie der Leuchtturm einem nächtlich
Schiffenden, entgegenglänzte.
Vielleicht war die Macht des Altertums nie so gefühlt worden als an
diesem Kontrast: ein Monument, zwar auch kriegerischer Zeiten, aber
doch glücklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens
rühriger Menschen in dieser Gegend.
Obgleich in später Zeit, unter den Antoninen, erbaut, behält es immer
noch von trefflicher Kunst so viel Eigenschaften übrig, dass es uns
im ganzen anmutig-ernst zuspricht und aus seinen, obgleich sehr
beschädigten Teilen das Gefühl eines fröhlich-tätigen Daseins
mitteilt. Es hielt mich lange fest; ich notierte manches, ungern
scheidend, da ich mich nur desto unbehaglicher in meinem erbärmlichen
Zustand fühlte.
Doch auch jetzt wechselte schnell wieder eine freudige Aussicht in
der Seele, die blad darauf zur Wirklichkeit gelangte.
Den 23. Oktober.
Wir brachten unserm Freunde, Leutnant von Fritsch, den wir auf seinem
Posten widerwillig zurückgelassen, die erwünschte Nachricht, dass er
den Militär-Verdienstorden erhalten habe, mit Recht, wegen einer
braven Tat, und mit Glück, ohne an unserm Jammer teilgenommen zu
haben. Die Sache verhielt sich aber also.
Die Franzosen, weil sie uns weit genug ins Land vorgedrungen, uns in
bedeutender Entfernung, in großer Not wussten, versuchten im Rücken
einen unvermuteten Streich. Sie näherten sich Trier in bedeutender
Anzahl, sogar mit Kanonen. Leutnant von Fritsch erfährt es, und mit
weniger Mannschaft geht er dem Feind entgegen, der, über die
Wachsamkeit stutzend, mehr anrückende Truppen befürchtend, nach
kurzem Gefecht sich bis Merzig zurückzieht und nicht wieder
erscheint. Dem Freund war das Pferd blessiert, durch dieselbe Kugel
sein Stiefel gestreift, dagegen er aber auch, als Sieger
zurückkehrend, aufs beste empfangen wird. Der Magistrat, die
Bürgerschaft erzeigen ihm alle mögliche Aufmerksamkeit; auch die
Frauenzimmer, die ihn bisher als einen hübschen jungen Mann gekannt,
erfreuen sich nun doppelt an ihm als einem Helden.
Sogleich berichtet er seinem Chef den Vorfall, der, wie billig, dem
König vorgetragen wird, worauf denn der blaue Kreuzstern erfolgt. Die
Glückseligkeit des braven Jünglings, dessen lebhafteste Freude
mitzufühlen, war ein ungemeiner Genuss; ihn hatte das Glück, das uns
vermied, in unserm Rücken aufgesucht, und er sah sich für den
militärischen gehorsam belohnt, der ihn an einer untätigen Lage zu
fesseln schien.
Den 24. Oktober.
Der Freund hatte mir bei jenem Kanonikus abermals Quartier
verschafft. Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz
frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.
In diesen ruhigen Stunden nahm ich sogleich die kurzen Bemerkungen
vor, die ich bei dem Monument zu Igel aufgezeichnet hatte.
Soll man den allgemeinsten Eindruck aussprechen, so ist hier Leben
dem Tod, Gegenwart der Zukunft entgegengestellt und beide
untereinander im ästhetischen Sinn aufgehoben. Dies war die herrliche
Art und Weise der Alten, die sich noch lange genug in der Kunstwelt
erhielt.
Die Höhe des Monuments kann 70 Fuß betragen, es steigt in mehreren
architektonischen Abteilungen obeliskenartig hinauf: erst der Grund,
auf diesem ein Sockel, sodann die Hauptmasse, darüber eine Attike,
sodann ein Fronton und zuletzt eine wundersam sich aufschlingende
Spitze, wo sich die Reste einer Kugel und eines Adlers zeigen. Jede
dieser Abteilungen ist mit den Gliedern, aus denen sie besteht,
durchaus mit Bildern und Zierraten geschmückt.
Diese Eigenschaft deutet denn freilich auf spätere Zeiten: denn
dergleichen tritt ein, sobald sich die reine Proportion im Ganzen
verliert, wie denn auch hier daran manches zu erinnern sein möchte.
Dessen ungeachtet muss man anerkennen, das dieses Werk auf eine erst
kurz vergangene, höhere Kunst gegründet ist. So waltet denn auch über
das Ganze der antike Sinn, in dem das wirkliche Leben dargestellt
wird, allegorisch gewürzt durch mythologische Andeutungen. In dem
Hauptfeld Mann und Frau von kolossaler Bildung, sich die Hände
reichend, durch eine dritte, verloschene Figur, als einer Segnenden,
verbunden. Sie stehen zwischen zwei sehr verzierten, mit übereinander
gestellten tanzenden Kindern geschmückten Pilastern.
Alle Flächen sodann deuten auf die glücklichsten
Familienverhältnisse, überein denkende und -wirkende Verwandte,
redliches, genussreiches Zusammenleben darstellend.
Aber eigentlich waltet überall die Tätigkeit vor; ich getraue mir
jedoch nicht alles zu erklären. In einem Feld scheinen sich
Geschäft-überlegende Handelsleute versammelt zu haben; offenbar aber
sind beladene schiffe, Delphine als Verzierung, Transport auf
Saumrossen, Ankunft von waren und deren Beschauen, und was sonst noch
Menschliches und Natürliches mehr vorkommen dürfte.
Sodann aber auch im Zodiak ein rennendes Pferd, das vielleicht
vormals Wagen und Lenker hinter sich zog, in Friesen, sodann
sonstigen Räumen und Giebelfeldern Bacchus, Faunen, Sol und Luna, und
was sonst noch Wunderbares Knopf und Gipfel verzieren und verziert
haben mag.
Das Ganze ist höchst erfreulich, und man könnte, auf der Stufe, wo
heutzutage Bau- und Bildkunst stehen, in diesem Sinn ein herrliches
Denkmal den würdigsten Menschen, ihren Lebensgenüssen und Verdiensten
gar wohl errichten. Und so war es mir denn recht erwünscht, mit
solchen Betrachtungen beschäftigt, den Geburtstag unserer verehrten
Herzogin Amalie im Stillen zu feiern, ihr Leben, ihr edles Wirken und
wohl Tun umständlich zurückzurufen; woraus sich denn ganz natürlich
die Aufregung ergab, ihr in Gedanken einen gleichen Obelisk zu widmen
und die sämtlichen Räume mit ihren individuellen Schicksalen und
Tugenden charakteristisch zu verzieren.
Trier, den 25. Oktober.
Die mir nunmehr gegönnte Ruh' und Bequemlichkeit benutzte ich nun,
ferner manches zu ordnen und aufzubewahren, was ich in den wildesten
Zeiten bearbeitet hatte. Ich rekapitulierte und redigierte meine
chromatischen Akten, zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln,
die ich oft genug veränderte, um das, was ich darstellen und
behaupten wollte, immer anschaulicher zu machen. Hierauf dacht' ich
denn auch, meinen dritten Teil von Fischers physikalischem Lexikon
wieder zu erlangen. Auf Erkundigung und Nachforschen fand ich endlich
die Küchenmagd im Lazarett, das man mit ziemlicher Sorgfalt in einem
Kloster errichtet hatte. Sie litt an der allgemeinen Krankheit, doch
waren die Räume luftig und reinlich; sie erkannte mich, konnte aber
nicht reden, nahm den Band unter dem Haupt hervor und übergab mir ihn
so reinlich und wohl erhalten, als ich ihn überliefert hatte, und ich
hoffe, die Sorgfalt, der ich sie empfahl, wird ihr zugute gekommen
sein.
Ein junger Schullehrer, der mich besuchte und mir verschiedene der
neuesten Journale mitteilte, gab Gelegenheit zu erfreulichen
Unterhaltungen. Er verwunderte sich, wie so viel andere, dass ich von
Poesie nichts wissen wolle, dagegen auf Naturbetrachtungen mich mit
ganzer Kraft zu werfen schien. Er war in der Kantischen Philosophie
unterrichtet, und ich konnte ihm daher auf den Weg deuten, den ich
eingeschlagen hatte. Wenn Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft"
der ästhetischen Urteilskraft die teleologische zur Seite stellt, so
ergibt sich daraus, dass er andeuten wolle: ein Kunstwerk solle wie
ein Naturwerk, ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert
eines jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet
werden. Über solche Dinge konnte ich sehr beredet sein und glaube,
dem guten jungen Mann einigermaßen genutzt zu haben. Es ist
wundersam, wie eine jede Zeit Wahrheit und Irrtum aus dem kurz
Vergangenen, ja dem längst Vergangenen mit sich trägt und schleppt,
muntere Geister jedoch sich auf neuer Bahn bewegen, wo sie sich's
denn freilich gefallen lassen, meist allein zu gehen oder einen
Gesellen auf eine kurze Strecke mit sich fortzuziehen.
Tier, den 26. Oktober.
Nun durfte man aber aus solchen ruhigen Umgebungen nicht
heraustreten, ohne sich wie im Mittelalter zu finden, wo
Klostermauern und der tollste unregelmäßigste Kriegszustand
miteinander immerfort kontrastierten. Besonders jammerten
einheimische Bürger sowie zurückkehrende Emigrierte über das
schreckliche Unheil, was durch die falschen Assignaten über Stadt und
Land gekommen war. Schon hatten Handelshäuser gewusst, dergleichen
nach Paris zu bringen, und von dort die Falschheit, völlige
Ungültigkeit, die höchste Gefahr vernommen, sich mit dergleichen nur
irgend abzugeben. Dass die echten gleichfalls dadurch in Misskredit
gerieten, dass man bei völliger Umkehrung der Dinge auch wohl die
Vernichtung aller dieser Papiere zu fürchten habe, fiel jedermann
auf. Dieses ungeheure Übel nun gesellte sich zu den übrigen, so dass
es vor der Einbildungskraft und dem Gefühl ganz grenzenlos erschien:
ein verzweiflungsvoller Zustand, demjenigen ähnlich, wenn man eine
Stadt vor sich niederbrennen sieht.
Trier, den 28. Oktober.
Die Wirtstafel, an der man übrigens ganz wohl versorgt war, gab auch
ein Sinne verwirrendes Schauspiel: Militärs und Angestellte, allerart
Uniform, Farben und Trachten, im stillen missmutig, auch wohl in
Äußerungen heftig, aber alle wie in einer gemeinsamen Hölle
zusammengefasst.
Daselbst begegnete mir ein wahrhaft rührendes Ereignis. Ein alter
Husarenoffizier, mittlerer Größe, grauen Bartes und Haares und
funkelnden Auges, kam nach Tisch auf mich zu, ergriff mich bei der
Hand und fragte: ob ich denn das alles auch mit ausgestanden habe?
Ich konnte ihm einiges von Valmy und Hans erzählen, woraus er
sich denn gar wohl das übrige nachbilden konnte. Hierauf fing
er mit Enthusiasmus und warmem Anteil zu sprechen an, Worte,
die ich nachzuschreiben kaum wage, des Inhalts: es sei schon
unverantwortlich, dass man sie, deren Metier und Schuldigkeit es
bleibe, dergleichen Zustände zu erdulden und ihr Leben dabei
zuzusetzen, in solche Not geführt, die vielleicht kaum jemals erhört
worden; dass aber auch ich -- er drückte seine gute Meinung über
meine Persönlichkeit und meine Arbeiten aus -- das hätte mit erdulden
sollen, darüber wollt' er sich nicht zufrieden geben. Ich stellte
ihm die Sache von der heiteren Seite vor, von der Seite, mit meinem
Fürsten, dem ich nicht ganz unnütz gewesen, mit so vielen wackren
Kriegsmännern, zu eigner Prüfung diese wenigen Wochen her geduldet zu
haben; allein er blieb bei seiner Rede, indessen ein Zivilist zu uns
trat und dagegen erwiderte: man sei mir Dank schuldig, dass ich das
alles mit ansehen wollen, indem man sich nun gar wohl von meiner
geschickten Feder Darstellung und Aufklärung erwarten könne. Der alte
Degen wollte davon auch nichts wissen und rief: "Glaubt es nicht, er
ist viel zu klug! Was er schreiben dürfte, mag er nicht schreiben,
und was er schreiben möchte, wird er nicht schreiben."
Übrigens mochte man kaum hie und da hinhorchen, der Verdruss war
grenzenlos. Und wie es schon eine verdrießliche Empfindung erregt,
wenn glückliche Menschen nicht ablassen, uns ihr Behagen
vorzurechnen, so ist es noch viel unausstehlicher, wenn uns ein
Unheil, das wir selbst aus dem Sinn schlagen möchten, immer
wiederkäuend vorgetragen wird. Von den Franzosen, die man hasste, aus
dem Land gedrängt zu sein, genötigt, mit ihnen zu unterhandeln, mit
den Männern des 10. Augusts sich zu befreunden, das alles war für
Geist und Gemüt so hart, als bisher die körperliche Duldung gewesen.
Man schonte der obersten Leitung nicht, und das Vertrauen, das man
dem berühmten Feldherrn so lange Jahre gegönnt hatte, schien für
immer verloren.
Trier, den 29. Oktober.
Als man sich nun auf deutschem Grund und Boden wieder fand und
aus der ungeheuersten Verwirrung zu entwickeln hoffen durfte,
traf uns die Nachricht von Custinens verwegenen und glücklichen
Unternehmungen. Das große Magazin zu Speyer war in seine Hände
geraten, er hatte darauf gewusst, eine Übergabe von Mainz zu
bewirken. Diese Schritte schienen die grenzenlosesten Übel nach sich
zu ziehen, sie deuteten auf einen außerordentlichen, so kühnen als
folgerechten Geist, und da musste denn schon alles verloren sein.
Nichts fand man wahrscheinlicher und natürlicher, als dass auch schon
Koblenz von den Franken besetzt sei -- und wie sollten wir unsern
Rückweg antreten! Frankfurt gab man in Gedanken gleichfalls auf;
Hanau und Aschaffenburg an einer, Kassel an der anderen Seite
sah man bedroht, und was nicht alles zu fürchten! Vom unseligen
Neutralitätssystem die nächsten Fürsten paralysiert, desto
lebendig-tätiger die von revolutionären Gesinnungen ergriffene Masse.
Sollte man, wie Mainz bearbeitet worden, nicht auch die Gegend und
die nächst anstoßenden Provinzen zu Gesinnungen vorbereiten und die
schon entwickelten schleunig benutzen? Das alles musste zum Bedanken,
zur Sprache kommen.
Öfters hört' ich wiederholen: sollten die Franzosen wohl ohne große
Überlegung und Umsicht, ohne starke Heeresmacht solche bedeutende
Schritte getan haben? Custinens Handlungen schienen so kühn als
vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als
weise, kräftige, konsequente Männer. Die Not war groß und Sinne
verwirrend, unter allen bisher erduldeten Leiden und Sorgen ohne
Frage die größte.
Mitten in diesem Unheil und Tumult fand mich ein verspäteter
Brief meiner Mutter, ein Blatt, das an jugendlich-ruhige,
städtisch-häusliche Verhältnisse gar wundersam erinnerte. Mein Oheim,
Schöff Textor, war gestorben, dessen nahe Verwandtschaft mich von der
ehrenhaft wirksamen Stelle eines Frankfurter Ratsherrn bei seinen
Lebzeiten ausschloss, worauf man, herkömmlich löblicher Sitte gemäß,
meiner sogleich gedachte, der ich unter den Frankfurter Graduierten
ziemlich weit vorgerückt war.
Meine Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei mir anzufragen: ob ich
die Stelle eines Ratsherrn annehmen würde, wenn mir, unter die
Losenden gewählt, die goldene Kugel zufiele? Vielleicht konnte eine
solche Anfrage in keinem seltsamern Augenblick anlangen als in dem
gegenwärtigen; ich war betroffen, in mich selbst zurückgewiesen,
tausend Bilder stiegen mir auf und ließen mich nicht zu Gedanken
kommen. Wie aber ein Kranker oder Gefangener sich wohl im Augenblick
an einem erzählten Märchen zerstreut, so wahr auch ich in andere
Sphären und Jahre versetzt.
Ich befand mich in meines Großvaters Garten, wo die reich mit
Pfirsichen gesegneten Spaliere des Enkels Appetit gar lüstern
ansprachen und nur die angedrohte Verweisung aus diesem Paradies, nur
die Hoffnung, die reifste, rotbäckigste Frucht aus des wohltätigen
Ahnherrn eigner Hand zu erhalten, solche Begierde bis zum endlichen
Termin einigermaßen beschwichtigen konnte.
Sodann erblickt' ich den ehrwürdigen Altvater um seine Rosen
beschäftigt, wie er gegen die Dornen mit altertümlichen Handschuhen,
als Tribut überreicht von Zoll befreiten Städten, sich vorsichtig
verwahrte, dem edlen Laertes gleich, nur nicht wie dieser sehnsüchtig
und kummervoll. Dann erblickt' ich ihn im Ornat als Schultheiß, mit
der goldnen Kette, auf dem Thronsessel unter des Kaisers Bildnis;
sodann leider im halben Bewusstsein einige Jahre auf dem Krankenstuhl
und endlich im Sarg.
Bei meiner letzten Durchreise durch Frankfurt hatte ich meinen Oheim
im Besitz des Hauses, Hofes und Gartens gefunden, der als wackrer
Sohn, dem Vater gleich, die höheren Stufen freistädtischer Verfassung
erstieg. Hier, im traulichen Familienkreis, in dem unveränderten, alt
bekannten Lokal riefen sich jene Knabenerinnerungen lebhaft hervor
und traten mir nun neukräftig vor die Augen.
Sodann gesellten sich zu ihnen andere jugendliche Vorstellungen, die
ich nicht verschweigen darf. Welcher reichstädtische Bürger wird
leugnen, dass er, früher oder später, den Ratsherrn, Schöff und
Bürgermeister im Auge gehabt und, seinem Talent gemäß, nach diesen,
vielleicht auch nach minderen Stellen emsig und vorsichtig gestrebt:
denn der süße Gedanke, an irgendeinem Regiment teilzunehmen, erwacht
gar bald in der Brust eines jeden Republikaners, lebhafter und
stolzer schon in der Seele des Knaben.
Diesen freundlichen Kinderträumen konnt' ich mich jedoch nicht lange
hingeben; nur allzu schnell aufgeschreckt, besah ich mir die
ahnungsvolle Lokalität, die mich umfasste, die traurigen Umgebungen,
die mich beengten, und zugleich die Aussicht nach der Vaterstadt
getrübt, ja verfinstert. Mainz in französischen Händen, Frankfurt
bedroht, wo nicht schon eingenommen, der Weg dorthin versperrt und
innerhalb jener Mauern, Straßen, Plätze, Wohnungen, Jugendfreunde,
Blutverwandte vielleicht schon von demselben Unglück ergriffen, daran
ich Longwy und Verdun so grausam hatte leiden sehen -- wer hätte
gewagt, sich in solchen Zustand zu stürzen!
Aber auch in der glücklichsten Zeit jenes ehrwürdigen Staatskörpers
wäre mir nicht möglich gewesen, auf diesen Antrag einzugehen; die
Gründe waren nicht schwer auszusprechen. Seit zwölf Jahren genoss ich
eines seltenen Glückes, des Vertrauens wie der Nachsicht des Herzogs
von Weimar. Dieser von der Natur höchst begünstigte, glücklich
ausgebildete Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen
Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches
unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen wäre;
meine Dankbarkeit war ohne Grenzen, so wie die Anhänglichkeit an die
hohen Frauen Gemahlin und Mutter, an die heranwachsende Familie, an
ein Land, dem ich doch auch manches geleistet hatte. Und musste ich
nicht zugleich jenes Zirkels neu erworbener höchst gebildeter Freunde
gedenken, auch so manches andern häuslich Lieben und Guten, was sich
aus meinen treu beharrlichen Zuständen entwickelt hatte! Diese bei
solcher Gelegenheit abermals erregten Bilder und Gefühle erheiterten
mich auf einmal in dem betrübtesten Augenblick: denn man ist schon
halb gerettet, wenn man aus traurigster Lage im fremden Land einen
hoffnungsvollen Blick in die gesicherte Heimat zu tun aufgeregt wird;
so genießen wir diesseits auf Erden, was uns jenseits der Sphären
zugesagt ist.
In solchem Sinn begann ich den Brief an meine Mutter, und wenn sich
diese Beweggründe zunächst auf mein Gefühl, auf persönliches Behagen,
individuellen Vorteil zu beziehen schienen, so hatt' ich noch andere
hinzuzufügen, die auch das Wohl meiner Vaterstadt berücksichtigten
und meine dortigen Gönner überzeugen konnten. Denn wie sollt' ich
mich in dem ganz eigentümlichen Kreis tätig wirksam erzeigen, wozu
man vielleicht mehr als zu jedem andern treulich herangebildet sein
muss? Ich hatte mich seit so viel Jahren zu Geschäften, meinen
Fähigkeiten angemessen, gewöhnt, und zwar solchen, die zu städtischen
Bedürfnissen und Zwecken kaum verlangt werden möchten. Ja, ich durfte
hinzufügen, dass, wenn eigentlich nur Bürger in den rat aufgenommen
werden sollten, ich nunmehr jenem Zustand so entfremdet sei, um mich
völlig als einen Auswärtigen zu betrachten.
Dieses alles gab ich meiner Mutter dankbar zu erkennen, welche sich
auch wohl nichts anderes erwartete. Freilich mag dieser Brief spät
genug zu ihr gelangt sein.
Trier, den 29. Oktober.
Mein junger Freund, mit dem ich gar manche angenehme
wissenschaftliche und literarische Unterhaltung genoss, war auch im
Geschichtlichen der Stadt und Umgebung gar wohl erfahren. Unsere
Spaziergänge bei leidlichem Wetter waren deshalb immer belehrend,
und ich konnte mir das Allgemeinste merken.
Die Stadt an sich hat einen auffallenden Charakter: sie behauptet,
mehr geistliche Gebäude zu besitzen als irgendeine andere von
gleichem Umfang, und möchte ihr dieser Ruhm wohl kaum zu leugnen
sein; denn sie ist innerhalb der Mauern von Kirchen, Kapellen,
Klöstern, Konventen, Kollegien, Ritter- und Brüdergebäuden belastet,
ja erdrückt, außerhalb von Abteien, Stiftern, Kartausen blockiert,
ja belagert. Dieses zeugt denn von einem weiten geistlichen
Wirkungskreis, welchen der Erzbischof sonst von hier aus beherrschte;
denn seine Diözes war auf Metz, Toul und Verdun ausgedehnt. Auch dem
weltlichen Regiment fehlt es nicht an schönen Besitztümern, wie denn
der Kurfürst von Trier auf beiden Seiten der Mosel ein herrliches
Land beherrscht; und so fehlt es auch Trier nicht an Palästen, welche
beweisen, dass zu verschiedener Zeit von hier aus die Herrschaft sich
weit und breit erstreckte.
Der Ursprung der Stadt verliert sich in die Fabelzeit; das
erfreuliche Lokal mag früh genug Anbauende hierher gelockt haben. Die
Trevirer waren ins Römische Reich eingeschlossen, erst Heiden, dann
Christen, von Normannen und von Franken überwältigt, und zuletzt ward
das schöne Land dem Römisch-Deutschen Reiche einverleibt.
Ich wünschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen
Tagen zu sehen, ihre Bürger näher kennen zu lernen, welche von jeher
den Ruf haben, freundlich und fröhlich zu sein. Von erster
Eigenschaft finden sich in diesem Augenblick wohl noch Spuren, von
der zweiten kaum; und wie sollte Fröhlichkeit sich in einem so
widerwärtigen Zustand erhalten!
Freilich, wer in die Annalen der Stadt zurücksieht, findet
wiederholte Nachricht von Kriegsunheil, das diese Gegend betroffen,
da das Moseltal, ja der Fluss selbst dergleichen Züge begünstigt.
Attila sogar aus dem fernsten Osten hatte mit seinem unzählbaren
Heere Vor- und Rückzug, wie wir, durch diese Flussregion genommen.
Was erduldeten die Einwohner nicht im Dreißigjährigen Kriege, bis zu
Ende des siebzehnten Jahrhunderts, indem sich der Fürst an
Frankreich, als den nachbarlichsten Alliierten, angeschlossen hatte
und darüber in langwierige österreichische Gefangenschaft geriet.
Auch an inneren Kriegen erkrankte die Stadt mehr als einmal, wie es
überall in bischöflichen Städten sich ereignen musste, wo der Bürger
mit geistlich-weltlicher Obergewalt sich nicht immer vertragen konnte.
Mein Führer, indem er mich geschichtlich unterrichtete, machte mich
auf Gebäude der verschiedensten Zeit aufmerksam, wovon das meiste
kurios und daher wohl merkwürdig schien, weniges aber dem
Geschmacksurteil erfreulich zusagte, wie vorher an dem Monumente zu
Igel gerühmt werden konnte.
Die Reste des römischen Amphitheaters fand ich respektabel; da aber
das Gebäude über sich selbst zusammengestürzt und wahrscheinlich
mehrere Jahrhunderte als Steinbruch behandelt war, ließ sich
nichts entziffern. Bewundernswert jedoch war noch immer, wie die
Alten, ihrer Weisheit gemäß, große Zwecke mit mäßigen Mitteln
hervorzubringen suchten und die Naturgelegenheit eines Tals zwischen
zwei Hügeln zu nutzen gewusst, wo die Gestalt des Bodens an
Exkavation und Substruktion dem Baumeister vieles glücklich ersparte.
Wenn man nun von den ersten Höhen des Martisberges, wo diese Ruine
gelegen, etwas weiter aufsteigt, so sieht man über alle Reliquien der
Heiligen, über Dom, Dächer und Schirme nach dem Apolloberg hinüber,
und so behaupten beide Götter, den Merkur zur Seite, ihres Namens
Gedächtnis: die Bilder waren zu beseitigen, der Genius nicht.
Zu Betrachtung der Baukunst früherer Mittelzeit bietet Trier
merkwürdige Monumente: ich habe von solchen Dingen wenige Kenntnis,
und sie sprechen nicht zum gebildeten Sinn. Mich wollte der Anblick
bei einiger Teilnahme verwirren; manches davon ist verschüttet,
zerstückt, zu anderem Gebrauch gewidmet.
Über die große Brücke, auch noch im Altertum gegründet, führte man
mich im heitersten Moment, hier nun sieht man deutlich, wie die Stadt
auf einer mit ausspringendem Winkel nach dem Fluss zudrängenden
Fläche, welche denselben gegen das linke Ufer hinweist, erbaut ist.
Nun überschaut man vom Fuß des Apolloberges Fluss, Brücke, Mühlen,
Stadt und Gegend, da sich denn die noch nicht ganz entlaubten
Weinberg, sowohl zu unsern Füßen als auf den ersten Höhen des
Martisberges gegenüber, gar freundlich ausnahmen, anschaulich
machten, in welcher gesegneten Gegend man sich befinde, und ein
Gefühl von Wohlfahrt und Behagen erweckten, welches über den
Weinländern in der Luft zu schweben scheint. Die besten Sorten
Moselwein, die uns nun zuteil wurden, schienen nach diesem Überblick
einen angenehmern Geschmack zu haben.
Trier, den 29. Oktober.
Unser fürstlicher Heerführer kam an und nahm Quartier im Kloster St.
Maximin. Diese reichen und sonst überglücklichen Menschen hatten denn
freilich schon eine gute Zeit her große Unruhe erduldet: die Brüder
des Königs waren dort einquartiert gewesen, und nachher war es nicht
wieder leer geworden. Eine solche Anstalt, aus Ruh' und Frieden
entsprungen, auf Ruh' und Friede berechnet, nahm sich freilich unter
diesen Umständen wunderlich aus, da, man mochte noch so schonend
verfahren, ein gewaltiger Gegensatz des Ritter- und Mönchtums sich
hervortat. Der Herzog wusste jedoch hier wie überall, selbst als
ungebetener Gast, durch Freigebigkeit und freundliches Betragen sich
und die Seinigen angenehm zu machen.
Mich aber sollte auch hier der böse Kriegsdämon wieder verfolgen.
Unser guter Obrist von Gotsch war gleichfalls im Kloster
einquartiert; ich fand ihn zur Nacht seinen Sohn bewachend und
besorgend, welcher an der unglücklichen Krankheit gleichfalls hart
daniederlag. Hier musst' ich nun wieder die Litanei und Verwünschung
unseres Feldzugs aus dem Mund eines alten Soldaten und Vaters
vernehmen, der die sämtlichen Fehler mit Leidenschaft zu rügen
berechtigt war, die er als Soldat einsah und als Vater verfluchte.
Auch die Isletten kamen wieder zur Sprache, und es musste wirklich
ein jeder, der sich diesen unseligen Punkt deutlich machte, durchaus
verzweifeln.
Ich erfreute mich der Gelegenheit, die Abtei zu sehen, und fand ein
weitläufiges, wahrhaft fürstliches Gebäude; die Zimmer von
bedeutender Größe und Höhe, und die Fußboden getäfelt, Samt und
damastne Tapeten, Stuckatur, Vergoldung und Schnitzwerk nicht
gespart, und was man sonst in solchen Palästen zu sehen gewohnt ist,
alles doppelt und dreifach in großen Spiegeln wiederholt.
Auch ward den einquartierten Personen ganz wohl dahier; die Pferde
jedoch konnten nicht sämtlich untergebracht werden, sie mussten unter
freiem Himmel aushalten, ohne Lagerstätte, Raufen und Tröge.
Unglücklicherweise waren die Futtersäcke gefault, und so musste der
Hafer von der Erde aufgeschnopert werden.
Wenn aber die Stallungen unbedeutend waren, so fand man die Keller
desto geräumiger. Noch über die eigenen Weinberge genoss das Kloster
die Einnahme von vielen Zehnten. Freilich mochte in den letzten
Monaten gar manches Stückfass geleert worden sein, es lagen deren
viele auf dem Hof.