Am 22. September

hörte man, die Generale Manstein und Heymann seien nach Dampiere in

das Hauptquartier von Kellermann, wo sich auch Dumouriez einfinden

sollte. Es war von Auswechseln der Gefangnen, von Versorgung der

Kranken und Blessierten zum Schein die Rede; im Ganzen hoffte man

aber mitten im Unglück eine Umkehr der Dinge zu bewirken. Seit dem

10. August war der König von Frankreich gefangen, grenzenlose

Mordtaten waren im September geschehen. Man wusste, dass Dumouriez

für den König und die Konstitution gesinnt gewesen; er musste also

seines eignen Heils, seiner Sicherheit willen die gegenwärtigen

Zustände bekämpfen, und eine große Begebenheit wäre es geworden, wenn

er sich mit den Alliierten alliiert und so auf Paris losgegangen wäre.

Seit der Ankunft der Equipage fand sich die Umgebung des Herzogs von

Weimar um vieles gebessert, denn man musste dem Kämmerier, dem Koch

und andern Hausbeamten das Zeugnis geben, dass sie niemals ohne

Vorrat gewesen und selbst in dem größten Mangel immer für etwas warme

Speise gesorgt. Hierdurch erquickt, ritt ich umher, mich mit der

Gegend nur einigermaßen bekannt zu machen, ganz ohne Furcht: diese

flachen Hügel hatten keinen Charakter, kein Gegenstand zeichnete

sich vor andern aus. Mich doch zu orientieren, forscht' ich nach der

langen und hoch aufgewachsenen Pappelallee, die gestern so auffallend

gewesen war, und da ich sie nicht entdecken konnte, glaubt' ich mich

weit verirrt, allein bei näherer Aufmerksamkeit fand ich, dass sie

niedergehauen, weggeschleppt und wohl schon verbrannt sei.

An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man großen

Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten

Tiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd, das sich in seinen

eigenen, aus dem verwundeten Leibe heraus gefallenen Eingeweiden mit

den Vorderfüßen verfangen hatte und so unselig dahinhinkte.

Im Nachhausereiten traf ich den Prinzen Louis Ferdinand im freien

Feld auf einem hölzernen Stuhl sitzen, den man aus einem untern Dorf

heraufgeschafft; zugleich schleppten einige seiner Leute einen

schweren, verschlossenen Küchenschrank herbei: sie versicherten, es

klappere darin, sie hofften, einen guten Fang getan zu haben. Man

erbrach ihn begierig, fand aber nur ein stark beleibtes Kochbuch, und

nun, indessen der gespaltene Schrank im Feuer aufloderte, las man die

köstlichsten Küchenrezepte vor, und so ward abermals Hunger und

Begierde durch eine aufgeregte Einbildungskraft bis zur Verzweiflung

gesteigert.

Den 24. September.

Erheitert einigermaßen wurde das schlimmste Wetter von der Welt durch

die Nachricht, dass ein Stillstand geschlossen sei und dass man also

wenigstens die Aussicht habe, mit einiger Gemütsruhe leiden und

darben zu können; aber auch dieses gedieh nur zum halben Trost, da

man bald vernahm, es sei eigentlich nur eine Übereinkunft, dass die

Vorposten Friede halten sollten, wobei nicht unbenommen bleibe, die

Kriegsoperationen außer dieser Berührung nach Gutdünken fortzusetzen.

Dieses war ihre Stellung verändern und uns besser einschließen

konnten, wir aber in der Mitte mussten still halten und in unserem

stockenden Zustand verweilen. Die Vorposten aber ergriffen diese

Erlaubnis mit Vergnügen. Zuerst kamen sie überein, dass, welchem von

beiden Teilen Wind und Wetter ins Gesicht schlage, der solle das

Recht haben, sich umzukehren und, in seinen Mantel gewickelt, von

dem Gegenteil nichts befürchten. Es kam weiter: die Franzosen

hatten immer noch etwas Weniges zur Nahrung, indes den Deutschen

alles abging; jene teilten daher einiges mit, und man ward immer

kameradlicher. Endlich wurden sogar mit Freundlichkeit von

französischer Seite Druckblätter ausgeteilt, wodurch den guten

Deutschen das Heil der Freiheit und Gleichheit in zwei Sprachen

verkündet war; die Franzosen ahmten das Manifest des Herzogs von

Braunschweig in umgekehrtem Sinn nach, entboten guten Willen und

Gastfreundschaft, und ob sich schon bei ihnen mehr Volk, als sie von

oben herein regieren konnten, auf die Beine gemacht hatte, so geschah

dieser Aufruf, wenigstens in diesem Augenblick, mehr, um den

Gegenteil zu schwächen als sich selbst zu stärken.

Zum 24. September.

Als Leidensgenossen bedauerte ich auch in dieser Zeit zwei hübsche

Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Sie hatten, als Requirierte,

mit vier schwachen Pferden meine leichte Chaise bis hierher kaum

durchgeschleppt und litten stille, mehr für ihre Tiere als für

sich; doch war ihnen so wenig als uns allen zu helfen. Da sie um

meinetwillen jedes Unheil ausstanden, fühlte ich mich zu irgendeiner

Pietät gedrungen und wollte jenes erhandelte Kommissbrot redlich mit

ihnen teilen; allein sie lehnten es ab und versicherten, dergleichen

könnten sie nicht essen, und als ich fragte, "was sie denn gewöhnlich

genössen?" versetzten sie: "Du bon pain, de la bonne soupe, de la

bonne viande, de la bonne bière." Da nun bei ihnen alles gut und

bei uns alles schlimm war, verzieh ich ihnen gern, dass sie mit

Zurücklassung ihrer Pferde sich bald darauf davonmachten. Sie

hatten übrigens manches Unheil ausgestanden, ich glaube aber,

dass eigentlich das dargebotene Kommissbrot sie zu dem letzten

entscheidenden Schritt, als ein furchtbares Gespenst, bewogen

habe. Weiß und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das

Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen.

Eine Bemerkung darf ich hier nicht unberührt lassen: wir kamen

freilich zur ungünstigsten Jahrszeit in ein von der Natur nicht

gesegnetes Land, das aber denn doch seine wenigen, arbeitsamen,

ordnungsliebenden, genügsamen Einwohner allenfalls ernährt. Reichere

und vornehmere Gegenden mögen eine solche freilich geringschätzig

behandeln; ich aber habe keineswegs Ungeziefer und Bettelherbergen

dort angetroffen. Von Mauerwerk gebaut, mit Ziegeln gedeckt sind die

Häuser, und überall hinreichende Tätigkeit. Auch ist die eigentlich

schlimme Landstrecke höchstens vier bis sechs Stunden breit und hat,

sowohl an dem Argonner Waldgebirge her als gegen Reims und Chalons

zu, schon wieder günstigere Gelegenheit. Kinder, die man in dem

ersten besten Dorfe aufgegriffen hatte, sprachen mit Zufriedenheit

von ihrer Nahrung, und ich durfte mich nur des Kellers zu Somme

Tourbe und des weißen Brotes, das uns ganz frisch von Chalons her

in die Hände gefallen war, erinnern, so schien es doch, als ob in

Friedenszeiten hier nicht gerade Hunger und Ungeziefer zu Hause

sein müsse.

Den 25. September.

Dass während des Stillstandes die Franzosen von ihrer Seite tätig

sein würden, konnte man vermuten und erfahren. Sie suchten die

verlorne Kommunikation mit Chalons wieder herzustellen und die

Emigrierten in unserm Rücken zu verdrängen oder vielmehr an uns

heranzudrängen; doch augenblicklich ward für uns das Schädlichste,

dass sie, sowohl vom Argonner Waldgebirge als von Sedan und Montmedy

her, uns die Zufuhr erschweren, wo nicht völlig vernichten konnten.

Den 26. September.

Da man mich als auf mancherlei aufmerksam kannte, so brachte man

alles, was irgend sonderbar scheinen mochte, herbei; unter andern

legte man mir eine Kanonenkugel vor, ungefähr vierpfündig zu achten,

doch war das Wunderliche daran, sie auf ihrer ganzen Oberfläche in

kristallisierten Pyramiden endigen zu sehen. Kugeln waren jenes Tags

genug verschossen worden, dass sich eine gar wohl hierüber konnte

verloren haben. Ich erdachte mir allerlei Hypothesen, wie das Metall

beim Guss oder nachher sich zu dieser Gestalt bestimmt hätte; durch

einen Zufall ward ich hierüber aufgeklärt.

Nach einer kurzen Abwesenheit wieder in mein Zelt zurückkehrend,

fragte ich nach der Kugel; sie wollte sich nicht finden. Als ich

darauf bestand, beichtete man: sie sei, nachdem man allerlei an ihr

probiert, zersprungen. Ich forderte die Stücke und fand zu meiner

großen Verwunderung eine Kristallisation, die, von der Mitte

ausgehend, sich strahlig gegen die Oberfläche erweitete. Es war

Schwefelkies, der sich in einer freien Lage ringsum musste gebildet

haben. Diese Entdeckung führte weiter, dergleichen Schwefelkiese

fanden sich mehr, obschon kleiner, in Kugel- und Nierenform, auch in

andern weniger regelmäßigen Gestalten, durchaus aber darin gleich,

dass sie nirgends angesessen hatten und dass ihre Kristallisation

sich immer auf eine gewisse Mitte bezog; auch waren sie nicht

abgerundet, sondern völlig frisch und deutlich kristallinisch

abgeschlossen. Sollten sie sich wohl in dem Boden selbst erzeugt

haben, und findet man dergleichen mehr auf Ackerfeldern?

Aber ich nicht allein war auf die Mineralien der Gegend aufmerksam;

die schöne Kreide, die sich überall vorfand, schien durchaus von

einigem Wert. Es ist wahr, der Soldat durfte nur ein Kochloch

aufhauen, so traf er auf die klarste weiße Kreide, die er zu seinem

blanken und glatten Putz sonst so nötig hatte. Da ging wirklich ein

Armeebefehl aus: der Soldat solle sich mit dieser hier umsonst zu

habenden notwendigen Ware soviel als möglich versehen. Dies gab nun

freilich zu einigem Spott Gelegenheit: mitten in den furchtbarsten

Kot versenkt, sollte man sich mit Reinlichkeits- und Putzmitteln

beladen; wo man nach Brot seufzte, sich mit Staub zufrieden stellen.

Auch stutzten die Offiziere nicht wenig, als sie im Hauptquartier

übel angelassen wurden, weil sie nicht so reinlich, so zierlich wie

auf der Parade zu Berlin oder Potsdam erschienen. Die Oberen konnten

nicht helfen; so sollten sie, meinte man, auch nicht schelten.

Den 27. September.

Eine etwas wunderliche Vorsichtsmaßregel, dem dringenden Hunger zu

begegnen, ward gleichfalls bei der Armee publiziert: man solle

die vorhandenen Gerstengarben so gut als möglich ausklopfen,

die gewonnenen Körner in heißem Wasser so lange sieden, bis sie

aufplatzen, und durch diese Speise die Befriedigung des Hungers

versuchen.

Unserer nächsten Umgebung war jedoch eine bessere Beihilfe zugedacht.

Man sah in der Ferne zwei Wagen festgefahren, denen man, weil sie

Proviant und andere Bedürfnisse geladen hatten, gern zu Hilfe kam.

Stallmeister von Seebach schickte sogleich Pferde dorthin; man

brachte sie los, führte sie aber auch sogleich des Herzogs Regiment

zu; sie protestierten dagegen, als zur österreichischen Armee

bestimmt, wohin auch wirklich ihre Pässe lauteten. Allein man hatte

sich einmal ihrer angenommen; um den Zudrang zu verhüten und sie

zugleich festzuhalten, gab man ihnen Wache, und da sie auch von uns

bezahlt erhielten, was sie forderten, so mussten sie auch bei uns

ihre eigentliche Bestimmung finden.

Eilig drängten sich zu allererst die Haushofmeister, Köche und ihre

Gehilfen herbei, nahmen von der Butter in Fässchen, von Schinken und

andern guten Dingen Besitz. Der Zulauf vermehrte sich, die größere

Menge schrie nach Tabak, der denn auch um teuren Preis häufig

ausgegeben wurde. Die Wagen aber waren so umringt, dass sich zuletzt

niemand mehr nähern konnte; deswegen mich unsere Leute und Reiter

anriefen und auf das dringendste baten, ihnen zu diesem notwendigsten

aller Bedürfnisse zu verhelfen.

Ich ließ mir durch Soldaten Platz machen und erstieg sogleich, um

mich nicht im Gedränge zu verwirren, den nächsten Wagen; dort

bepackte ich mich für gutes Geld mit Tabak, was nur meine Taschen

fassen wollten, und ward, als ich wieder herab und spendend ins Freie

gelangte, für den größten Wohltäter gepriesen, der sich jemals der

leidenden Menschheit erbarmt hatte. Auch Branntwein war angelangt;

man versah sich damit und bezahlte die Bouteille gern mit einem

Laubtaler.

Den 27. September.

Sowohl im Hauptquartiere selbst, wohin man zuweilen gelanget, als bei

allen denen, die von dort herkamen, erkundigte man sich nach der Lage

der Dinge: sie konnte nicht bedenklicher sein. Von dem Unheil, das in

Paris vorgegangen, verlautete immer mehr und mehr, und was man

anfangs für Fabeln gehalten, erschien zuletzt als Wahrheit

überschwänglich furchtbar. König und Familie waren gefangen, die

Absetzung dessen schon zur Sprache gekommen; der Hass des Königtums

überhaupt gewann immer mehr Breite, ja schon konnte man erwarten,

dass gegen den unglücklichen Monarchen ein Prozess würde eingeleitet

werden. Unsere unmittelbaren kriegerischen Gegner hatten sich eine

Kommunikation mit Chalons wieder eröffnet, dort befand sich Luckner,

der die von Paris anströmenden Freiwilligen zu Kriegshaufen bilden

sollte; aber diese, in den grässlichen ersten Septembertagen, durch

die reißend fließenden Blutströme, aus der Hauptstadt ausgewandert,

brachten Lust zum Morden und Rauben mehr als zu reinem rechtlichen

Kriege mit. Nach dem Beispiel des Pariser Gräuelvolks ersahen sie

sich willkürliche Schlachtopfer, um ihnen, wie sich's fände,

Autorität, Besitz oder wohl gar das Leben zu rauben. Man durfte sie

nur undiszipliniert loslassen, so machten sie uns den Garaus.

Die Emigrierten waren an uns herangedrückt worden, und man erzählte

noch von gar manchem Unheil, das im Rücken und von der Seite

bedrohte. In der Gegend von Reims sollten sich zwanzigtausend Bauern

zusammengerottet haben, mit Feldgerät und wild ergriffenen

Naturwaffen versehen; die Sorge war gorß, auch diese möchten auf uns

losbrechen.

Von solchen Dingen ward am Abend in der Herzogs Zelt, in Gegenwart

von bedeutenden Kriegsobristen, gesprochen; jeder brachte seine

Nachricht, seine Vermutung, seine Sorge als Beitrag in diesen

ratlosen rat, denn es schien durchaus nur ein Wunder uns retten

zu können.

Ich aber dachte in diesem Augenblick, dass wir gewöhnlich in

misslichen Zuständen uns gern mit hohen Personen vergleichen,

besonders mit solchen, denen es noch schlimmer gegangen; da fühlt'

ich mich getrieben, wo nicht zur Erheiterung doch zur Ableitung, aus

der Geschichte Ludwigs des Heiligen die drangvollsten Begebenheiten

zu erzählen. Der König, auf seinem Kreuzzuge, will zuerst den Sultan

von Ägypten demütigen, denn von diesem hängt gegenwärtig das gelobte

Land ab. Damiette fällt ohne Belagerung den Christen in die Hände.

Angefeuert von seinem Bruder Graf Artois, unternimmt der König einen

Zug das rechte Nilufer hinauf, nach Babylon-Kairo. Es glückt, einen

graben auszufüllen, der Wasser vom Nil empfängt. Die Armee zeiht

hinüber. Aber nun findet sie sich geklemmt zwischen dem Nil, dessen

Haupt- und Nebenkanälen; dagegen die Sarazenen auf beiden Ufern des

Flusses glücklich postiert sind. Über die größeren Wasserleitungen zu

setzen wird schwierig. Man baut Blockhäuser gegen die Blockhäuser der

Feinde; diese aber haben den Vorteil des griechischen Feuers. Sie

beschädigen damit die hölzernen Bollwerke, Bauten und Menschen. Was

hilft den Christen ihre entschiedene Schlachtordnung, immerfort von

den Sarazenen gereizt, geneckt, angegriffen, teilweise in Scharmützel

verwickelt. Einzelne Wagnisse, Faustkämpfe sind bedeutend, Herz

erhebend, aber die Helden, der König selbst wird abgeschnitten. Zwar

brechen die Tapfersten durch, aber die Verwirrung wächst. Der Graf

von Artois ist in Gefahr; zu dessen Rettung wagt der König alles. Der

Bruder ist schon tot, das Unheil steigt aufs Äußerste. An diesem

heißen Tag kommt alles darauf an, eine Brücke über ein Seitenwasser

zu verteidigen, um die Sarazenen vom Rücken des Hauptgefechtes

abzuhalten. Den wenigen da postierten Kriegsleuten wird auf alle

Weise zugesetzt, mit Geschütz von den Soldaten, mit Steinen und Kot

durch Trossbuben. Mitten in diesem Unheil spricht der Graf von

Soissons zum Ritter Joinville scherzend: "Seneschall, lasst das

Hundepack bellen und blöken; bei Gottesthron!" -- so pflegte er zu

schwören -- "von diesem Tag sprechen wir noch im Zimmer vor den Damen."

Man lächelte, nahm das Omen gut auf, besprach sich über mögliche

Fälle, besonders hob man die Ursachen hervor, warum die Franzosen uns

eher schonen als verderben müssten: der lange ungetrübte Stillstand,

das bisherige zurückhaltende Betragen gaben einige Hoffnung. Diese zu

beleben, wagte ich noch einen historischen Vortrag und erinnerte mit

Vorzeigung der Spezialkarten, dass zwei Meilen von uns nach Westen

das berüchtigte Teufelsfeld gelegen sei, bis wohin Attila, König der

Hunnen, mit seinen ungeheuren Heerhaufen im Jahr 452 gelangt, dort

aber von den burgundischen Fürsten unter Beistand des römischen

Feldherrn Aëtius geschlagen worden; dass, hätten sie ihren Sieg

verfolgt, er in Person und mit allen seinen Leuten umgekommen und

vertilgt worden wäre. Der römische General aber, der die Burgunder

Fürsten nicht von aller Furcht vor diesem gewaltigen Feind zu

befreien gedachte, weil er sie alsdann sogleich gegen die Römer

gewendet gesehen hätte, beredete einen nach dem andern, nach Hause zu

ziehen; und so entkam denn auch der Hunnenkönig mit den Überresten

eines unzählbaren Volkes.

In eben dem Augenblick ward die Nachricht gebracht, der erwartete

Brottransport von Grandpré sei angekommen; auch dies belebte doppelt

und dreifach die Geister: man schied getrösteter voneinander, und

ich konnte dem Herzog bis gegen Morgen in einem unterhaltenden

französischen Buch vorlesen, das auf die wunderlichste Weise in meine

Hände gekommen. Bei den verwegenen, frevelhaften Scherzen, welche

mitten in dem bedrängtesten Zustand noch Lachen erregten, erinnerte

ich mich der leichtfertigen Jäger von Verdun, welche Schelmlieder

singend in den Tod gingen. Freilich, wenn man dessen Bitterkeit

vertreiben will, muss man es mit den Mitteln so genau nicht nehmen.

Den 28. September.

Das Brot war angekommen, nicht ohne Mühseligkeit und Verlust; auf den

schlimmsten Wegen von Grandpré, wo die Bäckerei lag, bis zu uns heran

waren mehrere Wagen stecken geblieben, andere dem Feind in die Hände

gefallen und selbst ein Teil des Transports ungenießbar: denn im

wässerigen, zu schnell gebackenen Brot trennte sich Krume von Rinde,

und in den Zwischenräumen erzeugte sich Schimmel. Abermals in Angst

vor Gift, brachte man mir dergleichen Laibe, diesmal in ihren inneren

Hohlungen hochpomeranzenfarbig anzusehen, auf Arsenik und Schwefel

hindeutend, wie jenes vor Verdun auf Grünspan. War es aber auch nicht

vergiftet, so erregte doch der Anblick Abscheu und Ekel; getäuschte

Befriedigung schärfte den Hunger: Krankheit, Elend, Missmut lagen

schwer auf einer so großen Masse guter Menschen.

In solchen Bedrängnissen wurden wir noch gar durch eine unglaubliche

Nachricht überrascht und betrübt; es hieß, der Herzog von

Braunschweig habe sein früheres Manifest an Dumouriez geschickt,

welcher, darüber ganz verwundert und entrüstet, sogleich den

Stillstand aufgekündigt und den Anfang der Feinseligkeiten befohlen

habe. So groß das Unheil war, in welchem wir staken, und noch

größeres bevorsahen, konnten wir doch nicht unterlassen, zu

scherzen und zu spotten; wir sagten, da sehe man, was für Unheil

die Autorschaft nach sich ziehe! Jeder Dichter und sonstige

Schriftsteller trage gern seine Arbeiten einem jeden vor, ohne dass

er frage, ob es die rechte Zeit und Stunde sei; nun ergehe es dem

Herzog von Braunschweig ebenso, der, die Freuden der Autorschaft

genießend, sein unglückliches Manifest ganz zur unrechten zeit wieder

produzierte.

Wir erwarteten nun, die Vorposten abermals puffen zu hören, man

schaute sich nach allen Hügeln um, ob nicht irgendein Feind

erscheinen möchte; aber es war alles so still und ruhig, als wäre

nichts vorgegangen. Indessen lebte man in der peinlichsten

Ungewissheit und Unsicherheit, denn jeder sah wohl ein, dass wir

strategisch verloren waren, wenn es dem Feind im Mindesten einfallen

solle, uns zu beunruhigen und zu drängen. Doch deutete schon manches

in dieser Ungewissheit auf Übereinkunft und mildere Gesinnung; so

hatte man zum Beispiel den Postmeister von Sainte Menehould gegen die

am 20. zwischen der Wagenburg und Armee weggefangenen Personen der

königlichen Suite frei und ledig gegeben.

Den 29. September.

Gegen Abend setzte sich, der erteilten Order gemäß, die Equipage in

Bewegung; unter Geleit Regiments Herzog von Braunschweig sollte sie

vorangehen, um Mitternacht die Armee folgen. Alles regte sich, aber

missmutig und langsam; denn selbst der beste Wille gleitete auf dem

durchweichten Boden und versank, eh' er sich's versah. Auch diese

Stunden gingen vorüber: Zeit und Stunde rennt durch den rausten Tag!

Es war Nacht geworden, und auch diese sollte man schlaflos zubringen;

der Himmel war nicht ungünstig, der Vollmond leuchtete, aber hatte

nichts zu beleuchten. Zelte waren verschwunden, Gepäck, Wagen und

Pferde alles hinweg, und unsere kleine Gesellschaft besonders in

einer seltsamen Lage. An dem bestimmten Ort, wo wir uns befanden,

sollten die Pferde uns Aufsuchen; sie waren ausgeblieben. So weit wir

bei falbem Licht umher sahen, schien alles öd' und leer; wir horchten

vergebens: weder Gestalt noch Ton war zu vernehmen. Unsere Zweifel

wogten hin und her; wir wollten den bezeichneten Platz lieber nicht

verlassen als die Unsrigen in gleiche Verlegenheit setzen und sie

gänzlich verfehlen. Doch war es grauerlich, in Feindesland, nach

solchen Ereignissen, vereinzelt, aufgegeben, wo nicht zu sein, doch

für den Augenblick zu scheinen.

Wir passten auf, ob nicht vielleicht eine feindliche Demonstration

vorkomme, aber es rührte und regte sich weder Günstiges noch

Ungünstiges.

Wir trugen nach und nach alles hinterlassene Zeltstroh in der

Umgegend zusammen und verbrannten es, nicht ohne Sorgen. Gelockt

durch die Flamme, zog sich eine alte Marketenderin zu uns heran: sie

mochte sich beim Rückweg in den fernen Orten nicht ohne Tätigkeit

verspätet haben, denn sie trug ziemliche Bündel unter den Armen. Nach

Gruß und Erwärmung hob sie zuvörderst Friedrich den Großen in den

Himmel und pries den Siebenjährigen Krieg, dem sie als Kind wollte

beigewohnt haben, schalt grimmig auf die gegenwärtigen Fürsten und

Heerführer, die so große Mannschaft in ein Land brächten, wo die

Marketenderin ihr Handwerk nicht treiben könne, worauf es denn doch

eigentlich abgesehen sei. Man konnte sich an ihrer Art, die Sachen zu

betrachten, gar wohl erlustigen und sich für einen Augenblick

zerstreuen, doch waren uns endlich die Pferde höchst willkommen; da

wir denn auch mit dem Regiment Weimar den ahnungsvollen Rückzug

antraten.

Vorsichtsmaßregeln, bedeutende Befehle ließen fürchten, dass die

Feinde unserm Abmarsch nicht gelassen zusehen würden. Mit Bangigkeit

hatte man noch am Tag das sämtliche Fuhrwerk, am bänglichsten aber

die Artillerie, in den durchweichten Boden einschneidend, sich

stockend bewegen sehen; was mochte nun zu Nacht alles vorfallen? Mit

Bedauern sah man gestürzte, geborstene Bagagewagen im Bachwasser

liegen, mit Bejammern ließ man zurückbleibende Kranke hilflos. Wo man

sich auch umsah, einigermaßen vertraut mit der Gegend, gestand man,

hier sie gar keine Rettung, sobald es dem Feind, den wir links,

rechts und im Rücken wussten, belieben möchte, uns anzugreifen; da

dies aber in den ersten Stunden nicht geschah, so stellte sich das

hoffnungsbedürftige Gemüt schnell wieder her, und der Menschengeist,

der allem, was geschieht, Verstand und Vernunft unterlegen möchte,

sagte sich getrost, die Verhandlungen zwischen den Hauptquartieren

Hans und Sainte Menehould seien glücklich und zu unseren Gunsten

abgeschlossen worden. Von Stunde zu Stunde vermehrte sich der Glaube;

und als ich Halt machen, die sämtlichen Wagen über dem Dorf St. Jean

ordnungsgemäß auffahren sah, war ich schon völlig gewiss, wir würden

nach Hause gelangen und in guter Gesellschaft (_devant les Dames_)

von unseren ausgestandenen Qualen sprechen und erzählen dürfen. Auch

diesmal teilt' ich Freunden und Bekannten meine Überzeugung mit, und

wir ertrugen die gegenwärtige Not schon mit Heiterkeit.

Kein Lager ward bezogen, aber die Unsrigen schlugen ein großes Zelt

auf, inwendig und auswendig umher die reichsten, herrlichsten

Weizengarben zur Schlafstätte gebreitet. Der Mond schien hell durch

die beruhigte Luft, nur ein sanfter Zug leichter Wolken war

bemerklich, die ganze Umgebung sichtbar und deutlich, fast wie am

Tage. Beschienen waren die schlafenden Menschen, die Pferde, vom

Futterbedürfnis wach gehalten, darunter viele weiße, die das Licht

kräftig wiedergaben; weiße Wagenbedeckungen, selbst die zur Nachtruhe

gewidmeten weißen Garben, alles verbreitete Helle und Heiterkeit über

diese bedeutende Szene. Fürwahr, der größte Maler hätte sich

glücklich geschätzt, einem solchen Bild gewachsen zu sein.

Erst spät legt' ich mich ins Zelt und hoffte des tiefsten Schlafes zu

genießen; aber die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre

schönsten Gaben ausgestreut, und so gehört zu den ungeselligsten

Unarten des Menschen, dass er schlafend, eben wenn er selbst am

tiefsten ruht, den gesellen durch unbändiges Schnarchen wach zu

halten pflegt. Kopf an Kopf, ich innerhalb, er außerhalb des Zeltes,

lag ich mit einem Mann, der mir durch ein grässlich Stöhnen die so

nötige Ruhe unwiederbringlich verkümmerte. Ich löste den Strang vom

Zeltpflock, um meinen Widersacher kennen zu lernen: es war ein

braver, tüchtiger Mann von der Dienerschaft, erlag, vom Mond

beschienen, in so tiefem Schlaf, als wenn er Endymion selbst gewesen

wäre.

Die Unmöglichkeit, in solcher Nachbarschaft Ruhe zu erlangen, regte

den schalkischen Geist in mir auf; ich nahm eine Weizenähre und

ließ die schwankende Last über Stirn und Nase des Schlafenden

schweben. In seiner tiefen Ruhe gestört, fuhr er mit der Hand

mehrmals übers Gesicht, und sobald er wieder in Schlaf versank,

wiederholt' ich mein Spiel, ohne dass er hätte begreifen mögen, woher

in dieser Jahreszeit eine Bremse kommen könne. Endlich bracht' ich es

dahin, dass er, völlig ermuntert, aufzustehen beschloss. Indessen war

auch mir alle Schlaflust vergangen: ich trat vor das Zelt und

bewunderte in dem wenig veränderten Bild die unendliche Ruhe am Rande

der größten, immer noch denkbaren Gefahr; und wie in solchen

Augenblicken Angst und Hoffnung, Kümmernis und Beruhigung

wechselweise auf- und abgaukeln, so erschrak ich wieder, bedenkend,

dass, wenn der Feind uns in diesem Augenblick überfallen wollte,

weder eine Radspeiche noch ein Menschengebein davonkommen würde.

Der anbrechende Tag wirkte sodann wieder zerstreuend, denn da zeigte

sich manches Wunderliche. Zwei alte Marketenderinnen hatten mehrere

seidene Weiberröcke buntscheckig um Hüfte und Brust übereinander

gebunden, den obersten aber um den Hals und oben darüber noch ein

Halbmäntelchen. In diesem Ornat stolzierten sie gar komisch einher

und behaupteten, durch Kauf und tausch sich diese Maskerade gewonnen

zu haben.

Den 30. September.

So früh sich auch mit Tagesanbruch das sämtliche Fuhrwerk in Bewegung

setzte, so legten wir doch nur einen kurzen Weg zurück; denn schon um

neun Uhr hielten wir zwischen Laval und Wargemoulin. Menschen und

Tiere suchten sich zu erquicken, kein Lager ward aufgeschlagen. Nun

kam auch die Armee heran und postierte sich auf einer Anhöhe;

durchaus herrschte die größte Stille und Ordnung. Zwar konnte man an

verschiedenen Vorsichtsmaßregeln gar wohl bemerken, dass noch nicht

alle Gefahr überstanden sei: man rekognoszierte, man unterhielt sich

heimlich mit unbekannten Personen, man rüstete sich zum abermaligen

Aufbruch.

Den 1. Oktober.

Der Herzog von Weimar führte die Avantgarde und deckte zugleich den

Rückzug der Bagage. Ordnung und Stille herrschten diese Nacht, und

man beruhigte sich in dieser Ruhe, als um zwölf Uhr aufzubrechen

befohlen ward. Nun ging aber aus allem hervor, dass dieser Marsch

nicht ganz sicher sei wegen Streifpartien, welche vom Argonner Wald

herunter zu befürchten waren. Denn wäre auch mit Dumouriez und den

höchsten Gewalten Übereinkunft getroffen gewesen, welches nicht

einmal als ganz gewiss angenommen werden konnte, so gerhorchte doch

damals nicht leicht jemand dem andern, und die Mannschaft im

Waldgebirge durfte sich nur für selbständig erklären, einen Versuch

machen zu unserm Verderben, welches niemand damals hätte missbilligen

dürfen.

Auch der heutige Marsch ging nicht weit; es war die Absicht, Equipage

und Armee zusammen sollten auch gleichen Schritt mit den

Österreichern und Emigrierten halten, die, uns zur linken Seite

parallel, gleichfalls auf dem Rückzug begriffen waren.

Gegen acht Uhr heilten wir schon, bald nachdem wir Rouvroy hinter uns

gelassen hatten; einige Zelte wurden aufgeschlagen, der Tag war schön

und die Ruhe nicht gestört.

Und so will ich denn hier auch noch anführen, dass ich in diesem

Elend das neckische Gelübde getan: man solle, wenn ich uns erlöst und

mich wieder zu Hause sähe, von mir niemals wieder einen Klagelaut

vernehmen über den meine freiere Zimmeraussicht beschränkenden

Nachbargiebel, den ich vielmehr jetzt recht sehnlich zu erblicken

wünsche; ferner wollt' ich mich über Missbehagen und Langeweile im

deutschen Theater nie wieder beklagen, wo man doch immer Gott danken

könne, unter Dach zu sein, was auch auf der Bühne vorgehe. Und so

gelobt' ich noch ein Drittes, das mir aber entfallen ist.

Es war noch immer genug, dass jeder für sich selbst in dem Grad

sorget und Ross und Wagen, Mann und Pferd nach ihren Abteilungen

regelmäßig zusammenblieben, und so auch wir, sobald still gehalten

oder ein Lager aufgeschlagen ward, immer wieder gedeckte Tafeln und

Bänke und Stühle fanden. Doch wollte uns bedünken, dass wir gar zu

schmal abgefunden würden, ob wir uns gleich bei dem bekannten

allgemeinen Mangel bescheiden darein ergaben.

Indessen schenkte mir das Glück Gelegenheit, einem bessern Gastmahl

beizuwohnen. Es war zeitig Nacht geworden, jedermann hatte sich

sogleich auf die zubereitete Streue gelegt; auch ich war

eingeschlafen, doch weckte mich ein lebhafter, angenehmer Traum: denn

mir schien, als röch' ich, als genöss' ich die besten Bissen, und

als ich darüber aufwachte, mich aufrichtete, war mein Zelt voll des

herrlichsten Geruchs gebratenen und versengten Schweinefettes, der

mich sehr lüstern machte. Unmittelbar an der Natur musste es uns

verziehen sein, den Schweinehirten für göttlich und Schweinebraten

für unschätzbar zu halten. Ich stand auf und erblickte in ziemlicher

Ferne ein Feuer, glücklicherweise oder dem Wind: von da her kam mir

die Fülle des guten Dunstes. Unbedenklich ging ich dem schein nach

und fand die sämtliche Dienerschaft um ein großes, blad zu Kohlen

verbranntes Feuer beschäftigt, den Rücken des Schweins schon beinahe

gar, das übrige zerstückt, zum Einpacken bereit, einen jeden aber

tätig und handreichend, um die Würste bald zu vollenden. Unfern

des Feuers lagen ein paar große Baumstämme; nach Begrüßung der

Gesellschaft setzt' ich mich darauf, und ohne ein Wort zu sagen, sah

ich einer solchen Tätigkeit mit Vergnügen zu.

Teils wollten mir die guten Leute wohl, teils konnten sie den

unerwarteten Gast schicklicherweise nicht ausschließen, und wirklich,

da es zum Austeilen kam, reichten sie mir ein kostbares Stück, auch

war Brot zu haben und ein Schluck Branntwein dazu: es fehlte eben

an keinem Guten. Nicht weniger ward mir ein tüchtiges Stück Wurst

gereicht, als wir uns noch bei Nacht und Nebel zu Pferde setzten; ich

steckte es in meine Pistolenhalfter, und so war mir die Begünstigung

des Nachtwindes gut zustatten gekommen.

Den 2. Oktober.

Wenn man sich auch mit einigem Essen und Trinken gestärkt und den

Geist durch sittliche Trostgründe beschwichtigt hatte, so wechselten

doch immer Hoffnung und Sorge, Verdruss und Scham in der schwankenden

Seele: man freute sich, noch am Leben zu sein; unter solchen

Bedingungen zu leben verwünschte man. Nachts um zwei Uhr brachen wir

auf, zogen mit Vorsicht an einem Wald vorbei, kamen bei Vaux über die

Stelle unseres vor kurzem verlassenen Lagers und bald an die Aisne.

Hier fanden wir zwei Brücken geschlagen, die uns aufs rechte Ufer

hinüberleiteten. Da verweilten wir nun zwischen beiden, die wir

zugleich übersehen konnten, auf einem Sand- Und Weidenwerder, das

lebhafteste Küchenfeuer sogleich besorgend. Die zartesten Linsen, die

ich jemals genossen, lange, rote, schmackhafte Kartoffeln waren bald

bereitet. Als aber zuletzt jene von den österreichischen Fuhrleuten

aufgebrachten, bisher streng verheimlichten Schinken gar geworden,

konnte man sich genugsam wieder herstellen.

Die Equipage war schon herüber; aber bald eröffnete sich ein so

prächtiger als trauriger Anblick. Die Armee zog über die Brücken,

Fußvolk und Artillerie, die Reiterei durch einen Furt, alle Gesichter

düster, jeder Mund verschlossen, eine grässliche Empfindung

mitteilend. Kamen Regimenter heran, unter denen man Bekannte,

Befreundete wusste, so eilte man hin, man umarmte, man besprach sich,

aber unter welchen Fragen, welchem Jammer, welcher Beschämung, nicht

ohne Tränen!

Indessen freuten wir uns, so marketenderhaft eingerichtet zu sein, um

Hohe wie Niedere erquicken zu können. Erst war die Trommel eines

allda postierten Piketts die Tafel, dann holte man aus benachbarten

Orten Stühle, Tische und machte sich's und den verschiedenartigsten

Gästen so bequem als möglich. Der Kronprinz und Prinz Louis ließen

sich die Linsen schmecken, mancher General, der von weitem Rauch sah,

zog sich darnach. Freilich, wie auch unser Vorrat sein mochte, was

solle das unter so viele? Man musste zum zweiten und dritten Mal

ansetzen, und unsere Reserve verminderte sich.

Wie nun unser Fürst gern alles mitteilte, so hielten's auch seine

Leute, und es wäre schwer, einzeln zu erzählen, wie viel der

unglücklichen vorbeiziehenden Kranken durch Kämmerier und Koch

erquickt wurden.

So ging es nun den ganzen Tag, und so ward mir der Rückzug nicht etwa

nur durch Beispiel und Gleichnis, nein, in seiner völligen

Wirklichkeit dargestellt und der Schmerz durch jede neue Uniform

erneuert und vervielfältigt. Ein so grauenvolles Schauspiel sollte

denn auch seiner würdig schließen: der König und sein Generalstab

ritt von weiten her, hielt an der Brücke eine Zeitlang still, als

wenn er sich's noch einmal übersehen und überdenken wollte, zog dann

aber am Ende den Weg aller der Seinen. Eben so erschien der Herzog

von Braunschweig an der andern Brücke, zauderte und ritt herüber.

Die Nacht brach ein, windig aber trocken, und ward auf dem traurigen

Weidenkreis meist schlaflos zugebracht.

Den 3. Oktober.

Morgens um sechs Uhr verließen wir diesen Platz, zogen über eine

Anhöhe nach Grandpré zu und trafen daselbst die Armee gelagert. Dort

gab es neues Übel und neue Sorgen: das Schloss war zum Krankenhaus

umgebildet und schon mit mehreren hundert Unglücklichen belegt, denen

man nicht helfen, sie nicht erquicken konnte. Man zog mit Scheu

vorüber und musste sie der Menschlichkeit des Feindes überlassen.

Hier überfiel uns abermals ein grimmiger Regen und lähmte jede

Bewegung.

Den 4. Oktober.

Die Schwierigkeit, vom Platz zu kommen, wuchs mehr und mehr; um den

unfahrbaren Hauptwegen zu entgehen, suchte man sich Bahn über Feld.

Der Acker, von rötlicher Farbe, noch zäher als der bisherige

Kreideboden, hinderte jede Bewegung. Die vier kleinen Pferde konnten

meine Halbchaise kaum erziehen, ich dachte sie wenigstens um das

Gewicht meiner Person zu erleichtern. Die Reitpferde waren nicht zu

erblicken; der große Küchenwagen, mit sechs tüchtigen bespannt, kam

an mir vorbei. Ich bestieg ihn, von Viktualien war er nicht ganz

leer, die Küchenmagd aber stak sehr verdrießlich in der Ecke. Ich

überließ mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers

physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen

Fällen ist ein Wörterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden

Augenblick eine Unterbrechung vorfällt, und dann gewährt er wieder

die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern führt.

Man hatte sich auf den zähen, hie und da quelligen roten Tonfeldern

notgedrungen unvorsichtig eingelassen; in einer solchen Falge musste

zuletzt auch dem tüchtigen Küchengespann die Kraft ausgehen. Ich

schien mir in meinem Wagen wie eine Parodie von Pharao im Roten Meer,

denn auch um mich her wollten Reiter und Fußvolk in gleicher Farbe

gleicher Weise versinken. Sehnsüchtig schaut' ich nach allen

umgebenden Hügelhöhen: da erblickt' ich endlich die Reitpferde,

darunter den mir bestimmten Schimmel; ich winkte sie mit Heftigkeit

herbei, und nachdem ich meine Physik der armen, krankverdrießlichen

Küchenmagd übergeben und ihrer Sorgfalt empfohlen, schwang ich mich

aufs Pferd, mit dem festen Vorsatz, mich sobald nicht wider auf eine

Fahrt einzulassen. Hier ging es nun freilich selbständiger, aber

nicht besser noch schneller.

Grandpré, das nun als ein Ort der Pest und des Todes geschildert war,

ließen wir gern hinter uns. Mehrere befreundete Kriegsgenossen trafen

zusammen und traten im Kreis, hinter sich am Zügel die Pferde

haltend, um ein Feuer. Sie sagen, dies sei das einzige Mal gewesen,

wo ich ein verdrießlich Gesicht gemacht und sie wieder durch Ernst

gestärkt, noch durch Scherz erheitert habe.

Den 4. Oktober.

Der Weg, den das Heer eingeschlagen hatte, führte gegen Buzancy, weil

man oberhalb Dun über die Maas gehen wollte. Wir schlugen unser Lager

unmittelbar bei Sivry, in dessen Umgegend wir noch nicht alles

verzehrt fanden. Der Soldat stürzte in die ersten Gräten und verdarb,

was andere hätten genießen können. Ich ermunterte unsern Koch und

seine Leute zu einer strategischen Furagierung: wir zogen ums ganze

Dorf und fanden noch völlig unangetastete Gräten und eine reiche,

unbestrittene Ernte. Hier war von Kohl und Zwiebeln, von Wurzeln und

andern guten Vegetabilien die Fülle; wir nahmen deshalb nicht mehr,

als wir brauchten, mit Bescheidenheit und Schonung. Der Garten war

nicht groß, aber sauber gehalten, und ehe wir zu dem Zaun wieder

hinaus krochen, stellt' ich Betrachtungen an, wie es zugehe, dass in

einem Hausgarten doch auch keine Spur von einer Türe ins anstoßende

Gebäude zu entdecken sei. Als wir, mit Küchenbeute wohl beschwert,

wieder zurückkamen, hörten wir großen Lärm vor dem Regiment. Einem

Reiter war sein vor zwanzig Tagen etwa in dieser Gegend requiriertes

Pferd davon gelaufen, es hatte den Pfahl, an dem es gebunden gewesen,

mit fortgenommen; der Kavallerist wurde sehr übel angesehen, bedroht

und befehligt, das Pferd wiederzuschaffen.

Da es beschlossen war, den 5. in der Gegend zu rasten, so wurden wir

in Sivry einquartiert und fanden nach so viel Unbilden die

Häuslichkeit gar erfreulich und konnten den französisch-ländlichen,

idyllisch-homerischen Zustand zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung

abermals genauer bemerken. Man trat nicht unmittelbar von der Straße

in das Haus, sondern fand sich erst in einem kleinen, offenen,

viereckigen Raum, wie die Türe selbst das Quadrat angab; von da

gelangte man durch die eigentliche Haustüre in ein geräumiges, hohes,

dem Familienleben bestimmtes Zimmer; es war mit Ziegelsteinen

gepflastert, links, an der langen Wand, ein Feuerherd, unmittelbar an

Mauer und Erde; die Esse, die den Rauch abzog, schwebte darüber. Nach

Begrüßung der Wirtsleute zog man sich gern dahin, wo man eine

entschieden bleibende Rangordnung für die Umsitzenden gewahrte.

Rechts am Feuer stand ein hohes Klappkästchen, das auch zum Stuhl

diente; es enthielt das Salz, welches, in Vorrat angeschafft, an

einem trocknen Platz verwahrt werden musste. Hier war der Ehrensitz,

der sogleich dem vornehmsten Fremden angewiesen wurde; auf mehrere

hölzerne Stühle setzten sich die übrigen Ankömmlinge mit den

Hausgenossen. Die landsittliche Kochvorrichtung, _pot au feu_,

konnt' ich hier zum ersten Mal genau betrachten. Ein großer eiserner

Kessel hing an einem Haken, den man durch Verzahnungen erhöhen und

erniedrigen konnte, über dem Feuer; darin befand sich schon ein gutes

Stück Rindfleisch mit Wasser und Salz, zugleich aber auch mit weißen

und gelben Rüben, Porree, Kraut und andern vegetabilischen

Ingredienzien.

Indessen wir uns freundlich mit den guten Menschen besprochen,

bemerkt' ich erst, wie architektonisch klug Anrichte, Gossenstein,

Topf- und Tellerbretter angebracht seien. Diese nahmen sämtlich den

länglichen raum ein, den jenes Viereck des offenen Vorhauses inwendig

zur Seite ließ. Nett und alles der Ordnung gemäß war das Gerät

zusammengestellt; eine Magd oder Schwester des Hauses besorgte alles

aufs zierlichste. Die Hausfrau saß am Feuer, ein Knabe stand an ihren

Knien, zwei Töchterchen drängten sich an sie heran. Der Tisch war

gedeckt, ein großer irdener Napf aufgestellt, schönes weißes Brot in

Scheibchen hinein geschnitten, die heiße Brühe drüber gegossen und

guter Appetit empfohlen. Hier hätten jene Knaben, die mein

Kommissbrot verschmähten, mich auf das Muster von bon pain und bonne

soupe verweisen können. Hierauf folgte das zu gleicher Zeit gar

gewordene Zugemüse, sowie das Fleisch, und jedermann hätte sich an

dieser einfachen Kochkunst begnügen können.

Wir fragten teilnehmend nach ihren Zuständen: sie hatten schon das

vorige Mal, als wir solange bei Landres gestanden, sehr viel

gelitten und fürchteten, kaum hergestellt, von einer feindlichen

zurückziehenden Armee nunmehr den völligen Untergang. Wir bezeigten

uns teilnehmend und freundlich, trösteten sie, dass es nicht lange

dauern werde, da wir, außer der Arrieregarde, die letzten seien, und

gaben ihnen Rat und Regel, wie sie sich gegen Nachzügler zu verhalten

hätten. Bei immer wechselnden Sturm und Regengüssen brachten wir den

Tag meist unter Dach und am Feuer zu, das Vergangene in Gedanken

zurückrufend, das Nächstbevorstehende nicht ohne Sorge bedenkend.

Seit Grandpré hatte ich weder Wagen noch Koffer noch Bedienten wieder

gesehen, Hoffnung und Sorge wechselten deshalb augenblicklich ab. Die

Nacht war herangekommen, die Kinder sollten zu Bett gehen; sie

näherten sich Vater und Mutter ehrfurchtsvoll, verneigten sich,

küssten ihnen die Hand und sagten: "Bon soir, Papa! Bon soir,

Maman!" mit wünschenswerter Anmut. Bald darauf erfuhren wir, dass

der Prinz von Braunschweig in unserer Nachbarschaft gefährlich krank

liege, und erkundigten uns nach ihm. Besuch lehnte man ab und

versicherte zugleich, dass es mit ihm viel besser geworden, so dass

er morgen früh unverzüglich aufzubrechen gedenke.

Kaum hatten wir uns vor dem schrecklichen Regen wieder ans Kamin

geflüchtet, als ein junger Mann herein trat, den wir als den jüngeren

Bruder unseres Wirts wegen entschiedener Ähnlichkeit erkennen

mussten; und so erklärte sich's auch. In die Tracht des französischen

Landvolks gekleidet, einen starken Stab in der Hand, trat er auf, ein

schöner junger Mann. Sehr ernst, ja verdrießlich wild saß er bei uns

am Feuer, ohne zu sprechen; doch hatte er sich kaum erwärmt, als er

mit seinem Bruder auf und ab, sodann in das nächste Zimmer trat. Sie

sprachen sehr lebhaft und vertraulich zusammen. Er ging in den

grimmigen Regen hinaus, ohne dass ihn unsere Wirtsleute zu halten

suchten.

Aber auch wir wurden durch ein Angst- und Zetergeschrei in die

stürmische Nacht hinaus gerufen. Unsere Soldaten hatten unter dem

Vorwand, Furage auf den Böden zu suchen, zu plündern angefangen, und

zwar ganz ungeschickter Weise, indem sie einem Weber sein Werkzeug

wegnahmen, eigentlich für sie ganz unbrauchbar. Mit Ernst und einigen

guten Worten brachten wir die Sache wieder ins gleiche: Denn es waren

nur wenige, die sich solcher Tat unterfingen. Wie leicht konnte das

ansteckend werden und alles drunter und rüber gehen!

Da sich mehrere Personen zusammengefunden hatten, so trat ein

weimarscher Husar zu mir, seines Handwerks ein Fleischer, und

vertraute, dass er in einem benachbarten Haus ein gemästetes Schwein

entdeckt habe: er feilsche darum, könne es aber von dem Besitzer

nicht erhalten; wir möchten mit Ernst dazu tun, denn es würde in den

nächsten Tagen an allem fehlen. Es war wunderbar genug, dass wir, die

soeben der Plünderung Einhalt getan, zu einem ähnlichen Unternehmen

aufgefordert werden sollten. Indessen, da der Hunger kein Gesetz

anerkennt, gingen wir mit dem Husar in das bezeichnete Haus, fanden

gleichfalls ein großes Kaminfeuer, begrüßten die Leute und setzten

uns zu ihnen. Es hatte sich noch ein anderer weimarscher Husar,

namens Liseur, zu uns gefunden, dessen Gewandtheit wir die Sache

vertrauten. Er begann in geläufigem Französisch von den Tugenden

regulierter Truppen zu sprechen und rühmte die Personen, welche nur

für bares Geld die notwendigsten Viktualien anzuschaffen verlangen;

dahingegen schalt er die Nachzügler, Packknechte und Marketender, die

mit Ungestüm und Gewalt auch die letzte Klaue sich zuzueignen gewohnt

seien. Er wolle daher einem jeden den wohlmeinenden Rat geben, auf

den Verkauf zu sinnen, weil Geld noch immer leichter zu verbergen sei

als Tiere, die man wohl auswittere. Seine Argumente jedoch schienen

keinen großen Eindruck zu machen, als seine Unterhandlung seltsam

genug unterbrochen wurde.

An der fest verschlossenen Haustüre entstand auf einmal ein heftiges

Pochen: man achtete nicht darauf, weil man keine Lust hatte, noch

mehr Gäste einzulassen; es pochte fort, die kläglichste Stimme rief

dazwischen, eine Weiberstimme, die auf gut Deutsch flehentlich um

Eröffnung der Türe bat. Endlich erweicht, schloss man auf: es drang

eine alte Marketenderin herein, etwas in ein Tuch gewickelt auf dem

Arm tragend; hinter ihr eine junge Person, nicht hässlich, aber blass

und entkräftet, sie heilt sich kaum auf den Füßen. Mit wenigen, aber

rüstigen Worten erklärte die Alte den Zustand, indem sie ein nacktes

Kind vorwies, von dem jene Frau auf der Flucht entbunden worden.

Dadurch versäumt, waren sie, misshandelt von Bauern, in dieser Nacht

endlich an unsere Pforte gekommen. Die Mutter hatte, weil ihr die

Milch verschwunden, dem Kind, seitdem es Atem holte, noch keine

Nahrung reichen können. Jetzt forderte die Alte mit Ungestüm Mehl,

Milch, Tiegel, auch Leinwand, das Kind hineinzuwickeln. Da sie kein

Französisch konnte, mussten wir in ihrem Namen fordern, aber ihr

herrisches Wesen, ihre Heftigkeit gab unseren Reden genug

pantomimisches Gewicht und Nachdruck: man konnte das Verlangte nicht

geschwind genug herbeischaffen, und das Herbeigeschaffte war ihr

nicht gut genug. Dagegen war auch sehenswert, wie behänd sie verfuhr.

Uns hatte sie blad vom Feuer verdrängt; der beste Sitz war sogleich

für die Wöchnerin eingenommen, sie aber machte sich auf ihrem Schemel

so breit, als wenn sie im Haus allein wäre. In einem Nu war das Kind

gereinigt und gewickelt, der Brei gekocht; sie fütterte das kleine

Geschöpf, dann die Mutter, an sich selbst dachte sie kaum. Nun

verlangte sie frische Kleider für die Wöchnerin, indes die alten

trockneten. Wir betrachteten sie mit Verwunderung: sie verstand sich

aufs Requirieren.

Der Regen ließ nach, wir suchten unser voriges Quartier, und kurz

darauf brachten die Husaren das Schwein. Wir zahlten ein Billiges;

nun sollte es geschlachtet werden; es geschah, und als im Nebenzimmer

am Tragebalken ein Kloben eingeschraubt zu sehen war, hing das

Schwein sogleich dort, um kunstmäßig zerstückt und bereitet zu werden.

Dass unsere Hausleute bei dieser Gelegenheit sich nicht verdrießlich,

vielmehr behilflich und zutätig erwiesen, schien uns einigermaßen

wunderbar, da sie wohl Ursache gehabt hätten, unser Betragen roh und

rücksichtslos zu finden. In demselbigen Zimmer, wo wir die Operation

vornahmen, lagen die Kinder in reinlichen Betten, und aufgeweckt

durch unser Getöse, schauten sie artig furchtsam unter den Decken

hervor. Nahe an einem großen zweischläfrigen Ehebett, mit grünem

Rasch sorgfältig umschlossen, hing das Schwein, so dass die Vorhänge

einen malerischen Hintergrund zu dem erleuchteten Körper machten. Es

war ein Nachtstück ohnegleichen. Aber solchen Betrachtungen konnten

sich die Einwohner nicht hingeben; wir merkten vielmehr, dass sie

jenem Haus, dem man das Schwein abgewonnen, nicht sonderlich

befreundet seien und also eine gewisse Schadenfreude hierbei obwalte.

Früher hatten wir auch gutmütig einiges von Fleisch und Wurst

versprochen; das alles kam der Funktion zu statten, die in wenig

Stunden vollendet sein sollte. Unser Husar aber bewies sich in seinem

Fach so tätig und behänd, wie die Zigeunerin drüben in dem ihrigen,

und wir freuten uns schon auf die guten Würste und Braten, die uns

von dieser Halbbeute zuteil werden sollten. In Erwartung dessen

legten wir uns in der Schmiedewerkstatt unseres Wirtes auf die

schönsten Weizengarben und schliefen geruhig bis an den Tag. Indessen

hatte unser Husar sein Geschäft im Innern des Hauses vollendet, ein

Frühstück fand sich bereit, und das übrige war schon eingepackt,

nachdem vorher den Wirtsleuten gleichfalls ihr Teil gespendet worden,

nicht ohne Verdruss unserer Leute, welche behaupteten: bei diesem

Volk sei Gutmütigkeit übel angewendet, sie hätten gewiss noch Fleisch

und andere gute Dinge verborgen, die wir auszuwittern noch nicht

recht gelernt hätten.

Als ich mich in dem innern Zimmer umsah, fand ich zuletzt eine Türe

verriegelt, die ihrer Stellung nach in einen Garten gehen musste.

Durch ein kleines Fenster an der Seite konnt' ich bemerken, dass ich

nicht irre geschlossen hatte: der Garten lag etwas höher als das Haus,

und ich erkannt' ihn ganz deutlich für denselben, wo wir uns früh mit

Küchenwaren versehen hatten. Die Türe war verrammelt und von außen so

geschickt verschüttet und bedeckt, dass ich nun wohl begriff, warum

ich sie heute früh vergebens gesucht hatte. Und so stand es in den

Sternen geschrieben, dass wir, ungeachtet aller Vorsicht, doch in das

Haus gelangen sollten.

Den 6. Oktober früh.

Bei solchen Umgebungen darf man sich nicht einen Augenblick Ruhe,

nicht das kürzeste Verharren irgendeines Zustandes erwarten. Mit

Tagesanbruch war der ganze Ort auf einmal in großer Bewegung: die

Geschichte des entflohenen Pferdes kam wieder zur Sprache. Der

geängstigte Reiter, der es herbeischaffen oder Strafe leiden und zu

Fuß gehen sollte, war auf den nächsten Dörfern herumgerannt, wo man

ihm denn, um die Plackerei selbst loszuwerden, zuletzt versicherte,

es müsse in Sivry stecken; dort habe man vor so viel Wochen einen

Rappen ausgehoben, wie er ihn beschreibe; unmittelbar vor Sivry

habe nun das Pferd sich losgemacht, und was sonst noch die

Wahrscheinlichkeit vermehren mochte. Nun kam er, begleitet von einem

ernsten Unteroffizier, der, durch Bedrohung des ganzen Ortes, endlich

die Auflösung des Rätsels fand. Das Pferd war wirklich hinein nach

Sivry zu seinem vorigen Herrn gelaufen; die Freude, den vermissten

Haus- und Stallgenossen wieder zu sehen, sagen sie, sei in der

Familie grenzenlos gewesen, allgemein die Teilnahme der Nachbarn.

Künstlich genug hatte man das Pferd auf einen Oberboden gebracht und

hinter Heu versteckt; jedermann bewahrte das Geheimnis. Nun aber ward

es, unter Klagen und Jammern wieder hervorgezogen, und Betrübnis

ergriff die ganze Gemeinde, als der Reiter sich darauf schwang und

dem Wachtmeister folgte. Niemand gedachte weder eigener Lasten noch

des Keineswegs aufgeklärten allgemeinen Geschickes: das Pferd und

der zum zweiten Mal getäuschte Besitzer waren der Gegenstand der

zusammengelaufenen Menge.

Eine augenblickliche Hoffnung tat sich hervor: der Kronprinz von

Preußen kam geritten, und indem er sich erkundigen wollte, was die

Menge zusammengebracht, wendeten sich die guten Leute an ihn mit

Flehen, er möge ihnen das Pferd wieder zurückgeben. Es stand nicht in

seiner Macht, denn die Kriegsläufe sind mächtiger als die Könige; er

ließ sie trostlos, indem er sich stillschweigend entfernte.

Nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten Hausleuten das Manöver

gegen die Nachzügler; denn schon spukte das Geschmeiß hin und wieder.

Wir rieten: Mann und Frau, Magd und Geselle sollten in der Türe

innerhalb des kleinen Vorraums sich halten und allenfalls ein Stück

Brot, einen Schluck Wein, wenn es gefordert würde, auswendig reichen,

den eindringenden Ungestüm aber standhaft abwehren. Mit Gewalt

erstürmten dergleichen Leute nicht leicht ein Haus; einmal

eingelassen aber werde man ihrer nicht wieder Herr. Die guten

Menschen baten uns, noch länger zu bleiben, allein wir hatten an uns

selber zu denken: das Regiment des Herzogs war schon vorwärts und der

Kronprinz abgeritten; dies war genug, unsern Abschied zu bestimmen.

Wie klüglich dies gewesen, wurde uns noch deutlicher, als wir, bei

der Kolonne angelangt, zu hören hatten, dass der Vortrab der

französischen Prinzen gestern, als er eben den Pass Le Chêne Populeux

und die Aisne hinter sich gelassen, zwischen les Grandes und les

Petites Armoises von Bauern angegriffen worden; einem Offizier solle

das Pferd unterm Leib getötet, dem Bedienten des Kommandierenden eine

Kugel durch den Hut gegangen sein. Nun fiel mir's aufs Herz, dass in

vergangner Nacht als der bärbeißige Schwager ins Haus trat, ich einer

solchen Ahnung mich nicht erwehren konnte.

Zum 6. Oktober.

Aus der gefährlichen Klemme waren wir nun heraus, unser Rückzug

jedoch noch immer beschwerlich und bedenklich, der Transport unseres

Haushaltes von Tag zu Tage lästiger; denn freilich führten wir ein

komplettes Mobiliar mit uns: außer dem Küchengerät noch Tisch und

Bänke, Kisten, Kasten und Stühle, ja ein paar Blechöfen. Wie sollte

man die mehreren Wagen fortbringen, da der Pferde täglich weniger

wurden! Einige fielen, die überbliebenen zeigten sich kraftlos. Es

blieb nichts übrig, als einen wagen stehen zu lassen, um die andern

fortzubringen. Nun ward geratschlagt, was wohl das Entbehrlichste

sei, und so musste man einen mit allerlei Gerät wohl bepackten Wagen

im Stich lassen, um nicht alles zu entbehren. Diese Operation

wiederholte sich einige Mal, unser Zug ward um vieles kompendioser,

und doch wurden wir aufs neue an eine solche Reduktion gemahnt, da

wir uns an den niedrigen Ufern der Maas mit größter Unbequemlichkeit

fortschleppten.

Was mich aber in diesen Stunden am meisten drückte und besorgt

machte, war, dass ich meinen Wagen schon einige Tage vermisste. Nun

konnt' ich mir's nicht anders denken, als mein sonst so resoluter

Diener sei in Verlegenheit geraten, habe seine Pferde verloren, und

andere zu requirieren nicht vermocht. Da sah ich denn in trauriger

Einbildungskraft meine werte böhmische Halbchaise, ein Geschenk

meines Fürsten, die mich schon so weit in der Welt herumgetragen, im

Kot versunken, vielleicht auch über Bord geworfen, und somit, wie ich

da zu Pferde saß, trug ich nun alles bei mir. Der Koffer mit

Kleidungsstücken, Manuskripten jeder Art und manches durch Gewohnheit

sonst noch werte Besitztum, alles schien mir verloren und schon in

die Welt zerstreut.

Was war aus der Brieftasche mit Geld und bedeutenden Papieren

geworden? Aus sonstigen Kleinigkeiten, die man an sich herumsteckt?

Hatte ich das alles nun recht umständlich und peinlich durchgedacht,

so stellte sich der Geist aus dem unerträglichen Zustand bald wieder

her. Das Vertrauen auf meinen Diener fing wieder an, zu wachsen, und

wie ich vorher umständlich den Verlust gedacht, so dacht' ich nunmehr

alles durch seine Tätigkeit erhalten und freute mich dessen, als läg'

es mir schon vor Augen.

Den 7. Oktober.

Als wir eben auf dem linken Ufer der Maas aufwärts zogen, um an die

Stelle zu gelangen, wo wir übersetzen und die gebahnte Hauptstraße

jenseits erreichen sollten, gerade auf dem sumpfigsten Wiesenfleck,

hieß es, der Herzog von Braunschweig komme hinter uns her. Wir

heilten an und begrüßten ihn ehrerbietig; er heilt auch ganz nahe vor

uns stille und sagte zu mir: "Es tut mir zwar leid, dass ich Sie in

dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn

erwünscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwürdigen Mann mehr

weiß, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den

Elementen überwunden worden."

Er hatte mich in dem Hauptquartier zu Hans vorbeigehend gesehen und

wusste überhaupt, dass ich bei dem ganzen traurigen Zug gegenwärtig

gewesen. Ich antwortete ihm etwas Schickliches und bedauerte noch

zuletzt, dass er, nach so viel Leiden und Anstrengung, noch durch die

Krankheit seines fürstlichen Sohnes sei in Sorgen gesetzt worden,

woran wir vorige Nacht in Sivry großen Anteil empfunden. Er nahm es

wohl auf, denn dieser Prinz war sein Liebling, zeigte sodann auf ihn,

der in der Nähe hielt; wir verneigten uns auch vor ihm. Der Herzog

wünschte uns allen Geduld und Ausdauer, und ich ihm dagegen eine

ungestörte Gesundheit, weil ihm sonst nichts abgehe, uns und die gute

Sache zu retten. Er hatte mich eigentlich niemals geliebt, das musste

ich mir gefallen lassen; er gab es zu erkennen, das konnt' ich ihm

verziehen: nun aber war das Unglück eine milde Vermittlerin geworden,

die uns auf eine teilnehmende Weise zusammenbrachte.

Den 7. und 8. Oktober.

Wir hatten über die Maas gesetzt und en Weg eingeschlagen, der aus

den Niederlanden nach Verdun führt; das Wetter war furchtbarer als

je, wir lagerten bei Consenvoye. Die Unbequemlichkeit, ja das Unheil

stiegen aufs höchste: die Zelte durchnässt, sonst kein Schirm, kein

Obdach; man wusste nicht, wohin man sich wenden sollte; noch immer

fehlte mein Wagen, und ich entbehrte das Notwendigste. Konnte man

sich auch unter einem Zelt bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu

denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgendeinem

Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den

kalten, feuchten Boden niederzulegen!

Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein

praktisches Hilfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern

sei; ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie

zusammenbrachen, dann setzt' ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich

hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede

Stelle wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen

war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der

herrlichste Schlaftrunk sein.

Zwei Tage und zwei Nächte hatten wir auf diese Weise verlebt, als der

traurige Zustand einiger Kranken auch Gefunden zugute kommen sollte.

Des Herzogs Kammerdiener war von dem allgemeinen Übel befallen, einen

Junker, vom Regiment hatte der Fürst aus dem Lazarett von Grandpré

gerettet; nun beschloss er, die beiden in das etwa zwei Meilen

entfernte Verdun zu schicken. Kämmerier Wagner wurde ihnen zur Pflege

mitgegeben, und ich säumte nicht, auf gnädigste vorsorgliche

Anmahnung, den vierten Platz einzunehmen. Mit Empfehlungsschreiben

and en Kommandanten wurden wir entlassen, und als beim Einsitzen der

Pudel nicht zurückbleiben durfte, so ward aus dem sonst so beliebten

Schlafwagen ein halbes Lazarett und etwas Menagerieartiges.

Zur Eskorte, zum Quartier- und Proviantmeister erhielten wir jenen

Husaren, der, namens Liseur, aus Luxemburg gebüritg, der Gegend

kundig, Geschick, Gewandtheit und Kühnheit eines Freibeuters

vereinigte; mit Behagen ritt er vorauf und machte dem mit sechs

starken Schimmeln bespannten Wagen und sich selbst ein gutes Ansehen.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wusst' ich von keiner

Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem

Zustand eine hilfreiche Maxime; mir stellte sich, sobald die Gefahr

groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt,

dass Menschen, die ein durchaus gefährliche Metier treiben, sich

durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen. Die

mahomedanische Religion gibt hiervon den besten Beweis.

Den 9. Oktober.

Unsere traurige Lazarettfahrt zog nun langsam dahin und gab zu

ernsten Betrachtungen Anlass, da wir in dieselbe Heerstraße fielen,

auf der wir mit so viel Mut und Hoffnung ins Land eingetreten waren.

Hier berührten wir nun wieder dieselbe Gegend, wo der erste Schuss

aus den Weinbergen fiel, denselben Hochweg, wo uns die hübsche Frau

in die Hände lief und zurückgeführt worden; kamen an dem Mäuerchen

vorbei, von wo sie uns mit den Ihrigen freundlich und zur Hoffnung

aufgeregt begrüße. Wie sah das alles jetzt anders aus! Und wie

doppelt unerfreulich erschienen die Folgen eines fruchtlosen Feldzugs

durch den trüben Schleier eines anhaltenden Regenwetters!

Doch mitten in diesen Trübnissen sollte mir gerade das Erwünschteste

begegnen. Wir holten ein Fuhrwerk ein, das mit vier kleinen,

unansehnlichen Pferden vor uns herzog; hier aber gab es einen Lust-

und Erkennungsauftritt, denn es war mein Wagen, mein Diener. "Paul!"

rief ich aus, "Teufelsjunge, bist du's! Wie kommst du hierher?"

Der Koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten Stelle: welch

erfreulicher Anblick! Und als ich mich nach Portefeuille und anderem

hastig erkundigte, sprangen zwei Freunde aus dem Wagen, geheimer

Sekretär Weyland und Hauptmann Vent. Das war eine gar frohe Szene des

Wiederfindens, und ich erfuhr nun, wie es bisher zugegangen.

Seit der Flucht jener Bauerknaben hatte mein Diener die vier Pferde

durchzubringen gewusst und sich nicht allein von Hans bis Grandpré,

sondern auch von da, als er mir aus den Augen gekommen, über die

Aisne geschleppt und immer so fort verlangt, begehrt, furagiert,

requiriert, bis wir zuletzt glücklich wieder zusammentrafen und nun,

alle vereint und höchst vergnügt, nach Verdun zogen, wo wir genugsame

Ruhe und Erquickung zu finden hofften.

Kampagne in Frankreich · 第 5 / 9 题