Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein Ring?“

Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter den Kollegen erregt.

„Und bei Herrn Günther.“

„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge keinen Schritt mit mir, dazu

ist er viel zu ehrlich.“

„Nun also?“

„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge nicht?“

„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte! Das kannst du doch

auf keine Weise ausschließen. Bedenke, welche Verantwortung du auf dich

nimmst. Du machst ihn für sein ganzes Leben unglücklich.“

Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das mich an! Ich kann nichts dafür,

wenn mir die Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“

So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch hatte ich mich ihr überlegen

gefühlt, hatte gefürchtet, sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft, – nun

war ich wieder zu Furcht und Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte

sie mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so milderte sie das eben

Gesprochene, entschuldigte sich, führte immer wieder an, daß die letzten

Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten. Eine arme Schauspielerin, eine

geplagte Anfängerin, – aber nur Achtung, nicht übermütig werden, sonst

zeigt sie den Blitz und den schuppigen Ägisschild mit dem Gorgohaupt. –

Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung. Nicht ganz bis hin. Sie mochte in

der Gasse nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor halten. Ehe sie

ausstieg, umfing ich sie: „Und freust du dich auf heute abend?“

„Ich habe doch lange genug warten müssen.“

Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen, biegsamen Körper. – Sie

lachte mir noch zu, ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur, Natur!

Dieses eine Wort entschuldigte doch für alle Qual.

Nun allein im breiten Ledersitz des Autos – allein und doch auf so ganz

andere Weise allein als vor wenigen Stunden in der Bahn – denn nun war

es ja sicher, daß Jorinde in wenigen Minuten wieder da sein würde. O

Sicherheit, die mich umfing – nach all den Zweifeln und Aufstörungen der

letzten Zeit. Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese Sicherheit erst

richtig zu Bewußtsein. Es war eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede

Faser meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich zur Ruhe zurück.

Alles ringsum fühlte ich als vollständigen Frieden. – Da stellte der

Chauffeur draußen den Motor ab. Es war wie ein Schlag. Nun erst merkte

ich, daß der Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden war, tüchtig

durchgeschüttelt; und diesen Lärm, dieses Zittern hatte ich in meinen

vibrierenden Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt aber tauchte

ich in die wirkliche Stille unter wie in ein laues Bad. – Vielleicht war

es eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich kam wieder an die

Oberfläche. „Wie lange warten wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr,

zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es war mir auch einerlei. O

diesen Frieden genießen – bis ans Lebensende, – es wäre Glückes genug.

Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt nicht zurückkäme – oder

wenigstens noch lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue Frieden

des Himmelreichs. Der Regen fiel, kaum sichtbar, – nur ein leichtes

Abwärtswallen der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen an den großen

Glasfenstern, durch die ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch

beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde, so müde! Die Straße war fast

menschenleer. Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden

Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als ob ich schon einmal – vor Jahren,

als Kind vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht hatte ich die

Straßenansicht einmal geträumt. Das Schattenbild einer angenehmen

Erinnerung mischte sich mit lieblich gedämpften Farben in die Gegenwart.

Nun kam ein Radfahrer vorbei. Klar sah ich alles – und doch trunken. Er

hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand des Autos legte. So

stützte er sich leicht an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht

sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas. Der hatte offenbar nichts

dagegen, gab bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann fuhr der junge

Bursch davon.

Leben mit einer Göttin · 第 10 / 13 题