Zu meiner Überraschung: „Ja.“

Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das genügt wohl ...“ Ich fühlte

die Zimmerdecke auf mich stürzen ...

Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das hast du dir wohl gedacht?

Aber nein, wir sagen natürlich Sie zueinander.“

Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie zuerst gesagt, oder die

Berichtigung, als sie mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine

dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins. „Kannst du es mir

schwören?“ – „Ja.“ „Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“ – „Beim

Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ – War es die kurze Antwort, dieses „Ja“,

das zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen Strom von neuer

Unruhe den Weg zu sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß nur, daß von

dieser Gesprächswendung etwas Unaufgelöstes in meinem Herzen

zurückblieb. – Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz. Ich hatte sie

küssen wollen. Sie wehrte ab. So ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie

selbst mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich dasselbe wollte, wies

sie angstvoll auf den Spiegel an der fernen gegenüberliegenden Wand: man

könnte uns vom Korridor aus sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte

mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ – Also hatte auch er sie geküßt

– oder zumindest küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei ihrem Irrtum

gar nicht verlegen wurde. Nie werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr

ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter Treue, – an der Hauptsache

dieser Treue zweifelte ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich nur

alles für einen Moment, dann wurde es wieder klar. Ich hatte

Selbstbeherrschung genug, von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden.

Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie, wie sie den Mechaniker

anspreche.

„Herr Schmidt.“

„Anders nicht?“

„Manchmal auch Herr Günther.“

„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg – Günther?“

„Nein, das nie.“

„Wirklich nicht?“

„Glaubst du, daß ich lüge?“

Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich verhört habe. Ja, ich muß

die Möglichkeit zugeben, daß ihr Aufschrei im Moment des Kusses

vielleicht weder „Herr Günther“ noch „Günther“ gelautet hat, sondern

irgendwie ganz anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich nie von

Jorinde gehört.

Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie nie mit ihm Briefe

gewechselt habe, – sie ließ auch nie zu, daß er für sie zahle, – das

hätte eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? – Ein einziges Mal!

Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich einen Augenblick lang, – so

deutlich war es, daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte, daß

mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die Episode mit dem Mechaniker viel

bedeutungsloser war, als ich je hätte glauben können. Gerade Ausdrücke,

die Jorinde so nebenher gebrauchte, bestärkten mich in dieser neuen

glücklichen Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie von ihm. Oder: „Er

ist ein Kind. Du kannst dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer

Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine Frau nicht von einem Mann,

der ihr etwas bedeutet.

„Aber er liebt dich.“

„Ich weiß es nicht.“

„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“

„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen und fühlen wie du. Ein

kleiner Mechaniker. Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht ja eine

reiche Frau, um selbständig zu werden. Das ist seine Hauptsorge. Davon

spricht er, von nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen denken

nur an Liebe wie du.“

Leben mit einer Göttin · 第 9 / 13 题