„Frohsinnstraße.“
Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, stand
in der Nähe und sah immer wieder in den Wagen herein. Was mochte sie
wollen, warum ging sie nur immer ein paar Schritte weit, blieb dann
wieder stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen? – Ach nein, sie
hatte nichts Böses im Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte mit. Ich
hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt, an der sie gewartet hatte.
Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir ängstigen uns grundlos. Es
gibt eine Frohsinnstraße. Die Hexe wird mitgenommen. Man erteilt
Auskünfte, Mensch und Mensch helfen einander unter gemütlichem Lachen.
Der Regen fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend. – Und
Jorinde – kommt sie denn wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon
gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen Rollenübernahme, ein wenig
Einpacken, das kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein, sie kommt
gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist bei Jorinde möglich, – das aber
scheint doch undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten ließe. Ich
spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit, – aber das ist nur ganz genau
jenes winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean von Sicherheit, in
dem ich schwimme, fühlbar zu machen.
Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel, die Lederkappe
aufgesetzt das Köfferchen in der Hand.
Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die Nacht, zum Bahnhof, zu den
Sternen. – Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich.
Man hört oft die Redensart: Othello, das Drama der Eifersucht. – Die so
reden, haben nie erlebt, was Eifersucht ist.
Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. Eifersucht spielt wohl
eine Rolle dabei, – doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp des
Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: daß er sich zum Schluß widerlegen
läßt, seine Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona für vollendet
treu hält. Wer so fühlen kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig
gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja eben darin, daß sie unter
allen Umständen unvergänglich und unwiderlegbar ist, daß sie sich
vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis und Nichtbeweis hält. So
wie es ein Vertrauen gibt, das eines Beweises nicht bedarf, so wie
wahrer Glauben den Versuch eines Beweises gar nicht erträgt, – so gibt
es auch ein Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. Wahre
Eifersucht hat daher etwas vom Rang des Religiösen an sich, freilich
nicht auf der Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre des
Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß man eine Frau für treulos
hält, ohne genügende Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, weiter
noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, daß es überhaupt niemals, durch
kein Mittel auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder nicht, daß es
nichts in ihrem Benehmen gibt, was nicht nach beiden Richtungen hin, als
Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet werden könnte, daß auch die
Frau, selbst wenn sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen Seele
ebensowenig weiß wie der, der sich um sie abhärmt, und daß daher jeder
Deutungsversuch ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl dagegen das einzig
Sichere, das Absolute ist. – Vielleicht ist dies allerdings schon eine
solche Definition der Eifersucht, wie sie nur ein Eifersüchtiger geben
kann. Gut, ich stecke eben in meiner Welt, – das leugne ich ja nicht.
Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde hatte nichts genützt. Gar
nichts.
Daß sie sofort und mit Freude mein war wie nur je, – daß also diese
schöne Frau mir angehörte, so oft es möglich war, – hätte mir das nicht
genügen können? – War es nicht phantastisch, die ausschließliche
Herrschaft über ihre Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an mich
gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach zu fragen, – und dabei nie
kontrollierbar – und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin war, meine
Sorge Tag und Nacht.
Eine Entscheidung hatten die schönen zwei Tage in R. nicht gebracht. –
Wohl sah ich Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden Bildern vor
mir, roch förmlich das rotbraune alte Hotelzimmer mit seinem schwachen
Seifen- und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten Bettwäsche,
dem Metall der kleinen elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte
nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, nochmals ihr Streicheln
über mein Haar, ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner anderen
Frau der Welt – sah mich am Morgen ihren goldenen Armreifen auf der
Marmorplatte vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre lieben
Scheltworte (sie war so ordentlich und sparsam, fand das kostbare Stück
ein wenig zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte nur meinen
sehnsüchtigen Schmerz.
Während ich mich mit Entzücken der geringsten Erinnerung hingab, dem
Surren und Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings auf den
Marmor, – ging sie wahrscheinlich mit dem Mechaniker spazieren. Denn es
war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß sie den Verkehr
fortsetzen würde.
Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in Hand? Und wenn sie einander nur
mit dieser gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in Aug’ schauen! –
Es ist doch unmöglich für einen jungen Mann, an Sommerabenden, neben
einem schönen Mädchen, – – ich zitterte vor Wut, wenn mir diese Szenerie
erschien. Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich auf.
Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von mir, den unbekannten
Einwirkungen einer fremden Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, das
sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um
wieviel beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. – Mir
wurde klar (woran ich in Augsburg und R. gar nicht gedacht hatte), daß
diese beiden Umstände einander unterstützten. Wen man duzt, den ruft man
auch mit dem Vornamen. – Und weiter: das Interesse an seiner
selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht genauer hingehört zu
haben, als sie von diesen Dingen sprach.
Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte ich davon, wenn ich nun
wirklich herausbrächte, daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß er
einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in Anspruch, also mir fortnimmt.
Wie könnte ich mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe mein Leben
ganz und gar auf sie gestellt. Das war eine Zeitlang so süß – immer,
immer sie vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den dringendsten Dingen
des Bedarfs zu verweilen – und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie ist
es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will ich mich aber von ihm
ablenken, so falle ich ins Leere, – es ist einfach rund um sie nichts
da, keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als einziger bewohnbarer
Fleck mitten im leeren Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen.
Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr bleiben, mag sie sein, wie sie
will. – Am Ende wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir am
wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte ja überhaupt nichts vom
Mechaniker zu schreiben. – Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich ihr
glaube: das ist die Frage dabei.“
Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. – Es gab
verzweifelte Stimmungen, in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß
sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung brauchte. Das
Geld, früher ein Grund zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer
Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so sehr hatte ich meine
Ansprüche, meine Auffassung von Ruhe und innerer Sicherheit
hinuntergestimmt. Der absurde Gedanke, die Geliebte durch einen Detektiv
beobachten zu lassen, kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich
niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. Eine solche
Veranstaltung hätte ja dem ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins
Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in dieser einen Hinsicht
aufrecht, so fühlte ich doch, wie sich alles Edle meiner Seele in
Zersetzung befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte ich
manchmal die Trümmerreste meines Glückes und fand sie immer noch –
beträchtlich genug. Das war schlimm. Das trieb mich zu einem Gefühl, das
mir vordem ganz fremd gewesen war: Selbstverachtung.
Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, – wozu er ja vermöge seiner
Tüchtigkeit auf dem besten Wege schien? – Dann hätte sie mich ja nicht
mehr gebraucht. – So gab es für jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um
deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich aufzuheben.
Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. Entweder auf der allerobersten
Stufe der Reinheit und des Glückes – oder gar nicht atmen können – jedes
Mittelding, jedes Durchschlüpfen war ausgeschlossen.
Wie oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe zu fassen. Etwa so: Jorinde
log nicht. Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. Immer wahrhaftig,
war sie doch immer eine andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit
wiederum knapp nach den Tagen in R. mich beglückt und – verwöhnt hatte,
in der Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu weichen begann.
Unmöglich, diesen Prozeß, der nach jedesmaligem Zusammentreffen
einsetzte, durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – Manchmal glaubte
ich klar zu sehen, daß ich sie ganz anders behandeln müßte, um sie mir
dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst treulos! – Aber wäre
mir auf diese Art nicht das beste meiner Liebe, die unendliche
Zärtlichkeit und Verehrung, die ich für Jorinde empfand,
verlorengegangen? Von allem abgesehen: meiner ganzen Natur nach war ich
eben unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll unverstellte,
lautere, das ganze Herz ergreifende, auf meine Art.
Denn das ist doch das Schönste von allem: ganz aufgehen in Arbeit und
Sorgfalt um die Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen,
sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, – so daß man ihr guten
Erfolg in allem wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – so daß man
fähig wird, jeden Schritt, den sie nach vorwärts macht, als Bereicherung
des eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu genießen, die über die
Dankbarkeit für eigenes Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft
menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre Liebe zu sein. Doch ist es
nicht Menschlichkeit im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe,
mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme an unserem Nebenmenschen zu tun
– es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, nicht ein Mensch –, es
ist ein frevelhaftes Emporsteigen in die heidnischen Berge Thessaliens,
von denen man schnell wieder hinabgeschleudert werden kann, wie Tantalus
in den Hades hinab, – o wie deutlich mischt sich das Feuer der
Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde der Fremdheit noch in die
vertrauliche Hilfsbereitschaft. Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte
oder in ängstliche Spannung versetzte, mußte ich mich in
Verteidigungszustand gegen sie setzen – und das war das Schreckliche: Da
wo es mich drängte, mein Herz in süßestem Wohlwollen zu verströmen, wie
Tantalus an seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die Fähigkeit in
mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, da mußte ich mich wehren, Böses
ersinnen, vergiftenden Trotz.
Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch klar blieb, daß die Schuld an
diesem Verfall nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich,
ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde war richtig, so wie sie
war. Wäre nun auch ich richtig, wäre ich stärker, kälter,
vertrauensvoller gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten,
die das Leben mit einer Göttin, – oder vielleicht das Leben schlechthin
stellt ...
Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die schlaflosen Nächte ließen
einen einseitigen Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf der
rechten Seite schmerzte der Kopf, das Rückgrat, die Hüfte, sogar der
Schenkel. – Jorinde foltert mich! Geradezu körperlich tut sie mir weh!
Es ist nicht nur die seelische Spannung, die ich nicht länger ertrage, –
auch dieses Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen halte ich nicht
mehr aus!
Als ein besonderes Mißgeschick erschien es mir, daß um diese Zeit die
Photographie der unbekannten Dame, die mich immer so tröstend an Jorinde
erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle am Nollendorfplatz verschwand.
Aller Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...
Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost in der Religion, befaßte
mich mit verschiedenen Philosophien, – doch was ich auch hörte und las,
es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: Frieden ist nur im Schoß
der Geliebten.
Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, und so sterbe
ich gern.
Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich auf der Suche nach einem
beruhigenden Wort. Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, – von
verzehrender, unterjochender Liebe, wie ich sie meine, – und bei den
älteren, die wohl das Wesentliche davon empfunden haben (so scheint es),
stieß mich die fremdartige Umgebung ab. Nur ein einziges Mal empfing ich
aus einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich dürstete. An einem
schönen Frühlingssonntag spielte man in einem Vormittagskonzert
Beethovens letztes, schönstes Quartett, das Quartett des Abschieds. Ich
kannte es längst und sehr genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, –
aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand ich es. Welch
ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, – dann sofort ein die Brust
weitendes Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam der Idealzustand
der heiteren Ruhe, der für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen
leichte punktierte Figuren auf, man glaubt Anklänge an die
Pastoralsymphonie gleicher Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war
Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. Traut aber irgendwer dem
aufsteigenden Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit,
Energie vorspiegelt? Nein, nein, – bald setzen die schwermütigen
Anfangstakte ein, durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie immer
mehr an die Oberfläche, beherrschen die Durchführung, – und der arglose
Schluß dieses Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel ab.
Donner und Blitz, Feuerwerk aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn
auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen springt, die Bässe
poltern monoton. Ein rasender Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach
Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der unbegreiflichen Eingebung des
Lento der „Abschied“ wirklich da ist, in all seiner Melancholie süß und
zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis ans Sternengewölbe entfaltet.
Klagt nicht das herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? Das
Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen wallen, von Kerzen düster erhellt, –
hinab, hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb war, alles, woran
meine Gedanken sich anklammerten, woraus sie Kraft und Erquickung sogen!
Das liebliche Bild der Geliebten erscheint nochmals, von Sopranfiguren
umspielt. Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz dem Wahnsinn
geöffnet. Die trügerische Reinheit der Dur-Harmonien baut
Phantasiefreuden auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr stillbare
Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung an ihren Erinnerungen
hängt. – Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven zu sprechen:
„Der schwer gefaßte Entschluß.“ „Muß es sein? – Es muß sein! Es muß
sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender und immer dringender
gestellt. Dann setzt mutig und frisch die Antwort ein. Weg mit allen
kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun doch einmal unser Teil
ist! Wie nun mit einemmal der Bann gebrochen ist, ein quellender Strom
neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend bis zu dem in sich gefaßten,
schrittweisen, wundervoll männlichen Marschthema in A-Dur. „Es muß sein,
es muß sein!“ bekräftigt immer wieder eine oder die andere Stimme dazu,
treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine neue Landschaft. Welch ein
Aufbruch! Welch eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen
Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten bewundere, ist Beethovens
Seelenerkenntnis: sich losreißen von der Geliebten – das erscheint
anfangs ziemlich leicht und einfach. So folgt auf die pathetische, doch
einfach harmonisierte Frage „Muß es sein?“ recht schnell die nicht
einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro „Es muß sein“. Gewissermaßen
so: „Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es war ja sehr nett, was
wir miteinander erlebt haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt
gestaltet hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen Sie doch
wohl selbst ein. Wir quälen einander nur gegenseitig. Also ist es das
beste, wenn wir einander frischweg die Hände zum Abschied reichen.
Nichts für ungut, vielleicht auch mal auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa
klingt mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach der Reprise verdüstert
sich das Bild sehr schnell. Das Marschthema bekommt schon einen leise
sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere Lagen, sequenzartig,
Moll, von tiefen Trillern untermalt, unheimlich. – Und nun die
erschütterndste Episode: die Frage „Muß es sein?“ taucht nochmals auf,
jetzt aber gewaltiger, im Glanz eines furchtbaren Tremolo aller
Oberstimmen. Und die Antwort: „Es muß sein!“ klingt nun nicht mehr kurz
und schnell, – ach, sie hat vielmehr das Tempo der Frage („Grave“)
angenommen, nur leise, vorsichtig, ohne Impetus. Klage, nichts als
tränenreiche, widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. Sie muß
sich auf den Baß der Frage stützen, sonst bräche sie in sich zusammen. –
O Schauer, Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest du wissen, daß
es so und nicht anders ist: zunächst so leicht der Entschluß, dieser
Liebe ein Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in seinem ganzen
gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen Schmerzhaftigkeit erkannt!
Erst leicht, dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so lehrt
wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte Stümperpsychologie das
Umgekehrte voraussetzen würde. Solcherart sind die Einblicke, die das
Werk des Genius von dem bloßer Talente scheiden. – Und nun zu Ende:
nochmals Zusammenraffen aller guten Kräfte, um den Wahnsinnskeim zu
überwinden. Sieg! Sieg! Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft
ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, in süßer, schon
unirdischer Schwebe: „Es muß sein.“ Und dann _pizzicato_, leicht und
fein trippelt der Meister aus der Welt davon, entfernt sich still aus
dem Leben, ohne viel Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind wohl
das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben hat. Ein Lächeln erfüllt
sie, ein sacht verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas
spieldosenhaft Liebliches, – die Spieluhr einer anderen Welt erklingt.
Ohne Leidenschaft und Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – Und
das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl noch: „Möge auch mir solch seliges
Ende beschieden sein!“
Der letzte und _entscheidende_ Brief Jorindes lautete:
„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit, daß ich ein Zimmer in
Bobingen gemietet habe, wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen
und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen Geschäftssachen fertig bist.
Dann fahren wir zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich freue, gelt?
Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um in diesen letzten Wochen der Saison
gelegentlich einen oder zwei Tage dort verbringen zu können. Meine
Nerven sind kaputt. Wenn es nur der Spielplan häufiger erlaubte
hinauszufahren! Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in der Stadt
–, er fand, daß ich sehr elend aussähe und hat mir dann dieses Zimmer
verschafft, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört Verwandten
von ihm. Ich erhalte da auch sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie
in der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für neun bis zehn Mark das
Liter, während es hier nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht
böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die Miete), ohne Dich
vorher anzufragen. Es eilte, denn schon machen sich überall Sommergäste
unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich nicht einmal in meinem
Sommersitz besuchen? Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht
berückend. Um so schöner wird dann die Reise nach Holland mit Dir, dann
hast Du auch wenigstens eine Frau mit, die nicht ein bloßes
Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur, die ich jetzt mache.
Also, nicht böse sein! Schreibe bald, viel und lieb. Und schone Dich
doch ein wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht auf. Es ist
wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn
Du wieder so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war doch gänzlich
unnütz und überflüssig. Hoffentlich siehst Du das nun ein. – Es küßt
Dich
Deine dankbare Jorinde.
PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen, nicht mit der
Elektrischen.“
Ich war natürlich im Augenblick entschlossen, nach Augsburg zu reisen,
und zwar unverzüglich.
Es hätte des verräterischen Gleichklanges (Bobingen, Göggingen) nicht
bedurft: ich wußte, noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen
hatte, daß diese beiden Orte nicht weit voneinander entfernt waren. –
Was bedeutete nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes Brief? Sollte
sie den Verdacht ablenken? – Sie konnte allerdings auch bedeutend
harmloser aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie in ihrem
„Sommersitz“ zu besuchen. Also gab sie mir naturgemäß auch die nähere
Anweisung, wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische doppelte
Auslegung, die überall möglich war! Bedeutsam aber war das Wort
„Sommersitz“ (wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses
gab). Wies „Sommersitz“ nicht auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde
Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu ihm zurückkehren? Daß sie
an dieser unserer gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, gab
mir seltsamerweise keinen Trost. Alles wurde überwogen durch den
Eindruck, daß sie ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte dem Rate
jenes Dritten angepaßt hatte, daß er schon Autorität genug besaß, sie zu
raschem Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber sind Liebe und
Autoritätsglauben bei einer Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem
erreichbar, mitten in jener bayrischen Landschaft, der sie beide
entsprossen waren, wohnte ständig da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur,
und noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, was mich am meisten
aufregte: Die vage Vorstellung von Familienvertrautheit mit jenem
anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir unzugänglich, von einem
gemeinsamen Spiel, das ich nicht durchschauen konnte, von einer
Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren ja alle zusammen eine
Familie gegen mich! – Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis zur
Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – von denen Jorinde so obenhin
sprach, obwohl ich ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß
gegen meine Brüder genommen, mehrmals ausführlich geschrieben hatte. –
Nein, nein, sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“
nicht abhalten lassen, sofort zur Stelle zu sein, – ich hatte kein
Interesse mehr an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen Position
behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt nicht mehr zu halten ist? So
beauftragte ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes meinen
Rechtsanwalt, einen Vergleich zu schließen, – meine Brüder sollten alles
nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen Anteil lassen; die
geistige Leitung der Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie
ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch froh sein, wenn ich
Kompagnons bekam, die mir die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und
mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war da. Ein Plan schwebte mir
vor, – in Augsburg oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für mich zu
nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, fern von ihr zu leben. Das war
das einzige Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen schwirrten
allerdings rings um ihn. Mit ihr zusammen von vorn anfangen, –
vielleicht, wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, daß dies im
Wesen nicht viel ändern konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art wie
bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte ich es nur so lange ertragen
können – keine Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – ein
Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, daß das Liter Milch in
Bobingen um zwei Mark billiger war als in der Stadt, genügte, um mein
Lebensglück, dem ich gern all mein Hab und Gut geopfert hätte, über
Nacht zu vernichten, – auch hier allerdings jene verfluchte
Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau las: es hieß dort, daß gute
Milch in der Stadt „nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. Was
bedeutete, um aller Heiligen willen, was bedeuteten hier die Worte
„ober“ und „nur“? Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie dieses
ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde und mir. Verzaubert war ich,
verzaubert die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen meiner
Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. Das ging über
Menschenkraft hinaus! Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, nichts
anderes mehr zu schaffen, als Jorinde für immer und in tiefster
Einigkeit bei mir festzuhalten. –
Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch noch eine Art Beruhigung für
die tobenden Nerven.
Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde war diesmal weder im
Kaffeehaus noch im Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer
vorigen Begegnung huschte durch den bläulichen Glaskorridor, saß
schattenhaft am weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – Es war
natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, daß Jorinde gerade am Tage
meiner Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm nicht erhalten
würde. Ich hatte es vorhergesehen. – Dennoch: was hätte ich nicht darum
gegeben, von ihr auch diesmal wieder mit solch einem sanften ehelichen
Kuß empfangen zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung
überflüssig macht oder wenigstens von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße hinunter, bestellte Kaffee in
der prunkvollen Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel Drei
Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte unerwartete Gegenkräfte in mir
ausgelöst. Ich wußte plötzlich, _wußte_ bestimmt, daß Jorinde mich
liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, dann kann ja alles vergehen. Es
war unmöglich ... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun einen
zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten Schreck ganz entgangen war. Die
Anrede gleich „Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal wiederholte ich
mir die vier Worte.
Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie überraschen! – Der Gedanke,
daß ich sie mit dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir
schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich sein; nur ihn
sehen, diesen Eindringling, – das schon schien mir in seiner brutalen
Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? War in der Stadt – und nur
ein Zufall hatte sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – Eine
neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück bei dem Einfall, daß ich sie
vielleicht in ihrer Wohnung finden würde. Wiewohl es doch ersichtlich
nichts Böses sein mußte, wenn sie in ihr Landheim hinausgefahren war:
ich flehte Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen sein möge, –
sonst ja, aber heute, gerade heute, möge es nicht geschehen sein!
Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so wiederholen, wie es damals,
bei unserem letzten glücklichen Zusammentreffen gewesen war, ließ ich
den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße halten. Oh, solche
Wiederholungen haben etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen
gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße hinein, – denselben Weg,
den sie damals gegangen war, um den Koffer zu packen – an der Ecke noch
hatte sie sich umgewandt und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem
Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. Ich sah es zum erstenmal;
denn so nahe heran hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also lebte
sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu dem alle meine Briefe, all
meine unendliche Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. – Da
mischte sich der wütende Gedanke ein, daß vielleicht, nein sicherlich,
auch die Sehnsucht eines anderen denselben Weg, dasselbe Ziel hatte. –
Wie unrein war doch alles, ach, ohne meine Schuld, – nichts in der Welt
konnte sich rein erhalten!
Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, sehr großer und dürrer Mann
die Tür, an der ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit heute
morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst wisse er nichts, gar nichts ... Er
höre auch schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
So blieb also doch nichts übrig, als nach Bobingen hinauszufahren.
Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten Zug. Möglicherweise
verfehlte ich sie nun erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen,
die jetzt gegen Abend von Bobingen in der Richtung Augsburg
zurückfuhren. – Doch gab es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose
Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab ich bald auf. – So wie es
kommen muß, kommt es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre
ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. Nun, jedenfalls sehe
ich sie heute noch vor Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe
ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. Schon ein Zusammentreffen
in Augsburg fand sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und nun
erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem Dorfe, besucht die
Schauspielerin ... Dazu macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde
wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht nicht ernst gemeint
oder hatte gewisse Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es wäre wohl
das beste, mich diesmal gar nicht als ihr Bekannter einzuführen. Ich
kann ihr ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito da bin, – ein
Fremder.
Und warum bin ich gekommen? Nun, es wäre doch lächerlich, in Augsburg zu
bleiben, wenn ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, und sie
nichts davon wissen zu lassen. Ich komme nur, um sie zu benachrichtigen.
Draußen müssen wir gar nichts miteinander reden, sehen einander nur im
Einverständnis an, – dann fahren wir in demselben Zug, aber scheinbar
ohne Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg zurück. Von dort
vielleicht sofort weiter nach R. Vielleicht genügt auch ein kurzes
Gespräch in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz bescheiden sein. In
drei, vier Sätzen muß sich alles sagen lassen. – Wenn ich aber von
Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal (es wäre das
_erste_mal) verfehlten: dann würde doch auch Jorinde dies übelnehmen,
sich über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich komme. Immer hat sie
sich so ehrlich damit gefreut. Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen
lassen und nach Berlin zurückkehren sollen, ohne sie zu sehen?
Undenkbar! Jorinde wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt nur
der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig in ihre Nähe schleichen,
mich bemerkbar machen – und sie dann gleich nach Augsburg oder
sonstwohin mitnehmen.
So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. Oder war es Wahrheit? –
Jedenfalls hatte ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, in
der ich nun _gezwungen_ war, eine Art _ungewollter Spionage_ zu treiben.
Der Detektiv, den ich früher als tief unter der Würde unserer Liebe
stehend abgelehnt hatte, dieser Detektiv war nun – ich selbst.
Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ ich den Bahnhof.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof führte, kamen zwei Menschen in
langsamem Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne Jorinde in
weißem Kleid – und ihn, den Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum,
ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht im Schlußarm, sondern
ungefähr einen Schritt voneinander entfernt. Ich konnte nicht
unterscheiden, ob sie miteinander sprachen oder nicht. Während sie an
mir vorübergingen, schwiegen sie.
Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes Aussehen zu prüfen, fand ich, daß
sie leicht abgebrannt war, – die blonden schlanken Augenbrauen flammten
im gebräunten Gesicht. Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas
voller als sonst, – die sehnsuchterweckende Kindlichkeit ihrer Arme,
ihrer Hüften, ihres Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger
zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die einstens mein gewesen war ...
Warum hatte sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? Es
peinigte mich, weil in diesem Augenblick alles darauf ankam, ob man
Jorindes Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen schenken könne oder
nicht.
Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, da waren die beiden
schon im Bahnhofsgebäude verschwunden.
Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall in der Welt war es schön,
nur hier nicht.
Hinter den Nadelwäldern sank die Sonne eines reinen Sommerabends. Die
Landschaft schien aufzuatmen, sobald die beiden in den Bahnhof traten. –
Ich aber mußte ihnen nach. Von der betäubenden Tatsache, daß ich nun
wirklich wie in meinen schlimmsten Träumen meine Frau mit einem fremden
Mann gesehen hatte, von diesem wahnwitzig schmerzenden Druck befreite
mich weder das leise Blasen der Landluft noch der weite Ausblick in die
grünen Hügel ringsum. – Zwar hatte ich nichts Böses gesehen. Und doch:
ich hatte gesehen, wie es sich ausnahm, wenn meine Frau nicht an mich
dachte. Das war grauenvoll. Und so leicht, so natürlich nahm es sich aus
wie alles, was sie tat! Nun hatte ich also gleichsam die mir abgewendete
Seite ihrer Seele gesehen. Es war mir, als stürze ich in einen Sumpf,
dessen schmutzige Wellen mir über das vor Scham erglühende Gesicht
schlugen ...
Und doch mußte ich hinter den beiden her. Es war ein Verhängnis,
begründet in der Logik der Situation. – Denn nun würde entweder der
Mechaniker heimfahren, der Jorinde besucht hatte, und nachher könnte ich
dann hier im Ort mit Jorinde sprechen (wovon nur? ich wußte eigentlich
gar nicht, wovon), oder Jorinde fuhr weg, und der Mechaniker blieb bei
seinen Verwandten. Dann mußte ich doch in denselben Zug springen, um
gleichzeitig mit Jorinde nach Augsburg zu kommen und möglichst bald mit
ihr zu reden, möglichst bald, – denn die Spannung in mir war nicht mehr
lange ertragbar. Jedenfalls also hatte ich den Abschied der beiden zu
beobachten, um mein weiteres Verhalten danach einzurichten. – Das aber
war es, was mich eigentlich anzog, wenn ich nachträglich ganz ehrlich
gegen mich sein will: es reizte mich, ihren Abschied zu beobachten. Beim
Abschied mußte sich doch zeigen, in welchem Verhältnis sie zueinander
standen, ob sie einander bloß die Hand drückten, kurz – oder lang, sehr
lang – oder ob sie einander gar küßten ... Nun stand die Entscheidung
über mein Leben unmittelbar bevor. Ausflüchte, verschiedenfache Deutung
würde es dann nicht mehr geben. O wie fürchtete ich mich vor der
Entscheidung, und wie wünschte ich sie herbei ...
Ich löste, nach allen Seiten spähend, eine Fahrkarte, lugte durch die
Tür in den geringeren Warteraum, vergewisserte mich, daß sie nicht
dasaßen, – und hatte schon die dunkle Ecke dieses Zimmers entdeckt, von
der aus ich am halb offenen roten Vorhang des Büfetts vorbei in den
Wartesaal zweiter Klasse blicken konnte. Dort hatten die beiden an der
dem Vorhang gegenüberliegenden Wand Platz genommen, unter einem
goldgerahmten Spiegel, ziemlich weit weg von mir. – Obwohl sie in der
Nähe des Fensters, im Licht saßen, sah ich sie infolge der Entfernung
durch die rauchige Stubenluft hin nicht deutlich. Noch weniger
allerdings konnten sie mich in meinem finsteren Winkel erkennen; hätten
mich selbst dann nicht erkannt, wenn sie geahnt hätten, daß ich in der
Nähe war. – Sie benahmen sich völlig unbefangen, sehr ruhig. Saßen nicht
nahe beieinander, sondern durch die Tischecke getrennt. Nun bemerkte
ich, daß sie sprachen. Doch offenbar war es kein aufregendes Gespräch,
denn sie tranken in regelmäßigen Abständen ihren Tee, – was mir
natürlich nicht gelang. – Eigentlich hatte ich den Eindruck, daß sie
sich miteinander langweilten. Doch gibt es ja auch ein Schweigen
zuzweit, das auf den höchsten Grad der Vertrautheit hindeutet. – Ihre
Gesichtszüge verschwammen, ich konnte die beiden Schatten, die, wie mir
vorkam, seit einer Ewigkeit einander etwas erzählten und die noch eine
Ewigkeit lang so beisammen sitzen würden, nicht enträtseln. Ich bemerkte
nur, daß Jorinde ihren Hut abgenommen hatte. Ihr blondes Haar glänzte in
der Halbdämmerung.
Endlich eine Bewegung! – In angestrengtem Hinschauen hatte sich das
ganze Zimmer, in dem ich saß, samt dem Nebenraum, samt allen Gruppen
wartender Bauern und Bäuerinnen wie in Stein verwandelt. Nun fuhr der
Zug ein, und mir war es eine Befreiung, mit den anderen zusammen
aufstehen, auf den Bahnsteig hinausstürmen zu dürfen.
Im Gedränge stand ich dicht hinter den beiden.
Der Zug hielt ganz kurz. Nun also mußte es geschehen! – Doch ich sollte
noch länger auf die Folter gespannt werden. Eine Möglichkeit, auf die
ich nicht gerechnet hatte, – aber dabei freilich von Anfang an die
wahrscheinlichste von allen: der Mechaniker stieg zusammen mit Jorinde
ein. – Es gab gar keinen Abschied zwischen ihnen. Es war ein gemeinsamer
Ausflug gewesen, und nun fuhr er mit ihr zurück.
Ich hatte gerade noch Zeit, mich in einen anderen Waggon zu stürzen.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Die unerwartete Wendung steigerte in mir das Gefühl von Jorindes
Treulosigkeit, – ich gab mir keine Rechenschaft, warum. Bisher war ja
nichts, rein nichts geschehen, was nicht vollständig der Darstellung in
Jorindes Briefen entsprochen, worauf ich nicht hätte vorbereitet sein
müssen.
Nun führte also derselbe Zug uns drei dahin. – Wäre er doch entgleist! –
In meinem Kopf tauchten wirre Sätze auf, wie etwa „Es könnte ja ein
Eisenbahnglück geschehen“ – und andere Verdrehungen.
Wenn nun der Zug entgleiste – und ich würde nicht gerettet, stürbe mit
ihr zugleich – das wäre freilich sehr schön –, aber das Totenkleid
könnte ich ihr nicht nähen lassen – nach ihren Angaben: aus schwerem
weißen Taft, viereckig tief ausgeschnitten, mit weißen Rosen unter der
Brust, – o du liebe Eitelkeit du, ich weiß ja, daß ich es dir
versprochen habe, aber nun siehst du doch: alle Versprechen habe ich
gehalten, wie ich sie dir damals bei unserem ersten Abendessen in der
Reginabar gegeben habe, alle, alle getreu, nur dieses eine kann ich
nicht halten, weil ich doch selbst mit zerschmetterten Rippen daliege
...
Aber der Zug fuhr lustig weiter und nichts geschah.
Nur ich stand auf, setzte mich, fand keine Ruhe und stand wieder auf. –
Dann begann ich den Verbindungsgang durch den ganzen Zug
hinzuschreiten. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, in die
hellerleuchteten Coupés hineinzuschauen. Obwohl dies ja nun ohne alle
Beschönigungsmöglichkeit nichts als nackte Spionage war ...
Die beiden saßen in einem leeren, glänzend lackierten Abteil dritter
Klasse.
Ich sah hinein, ging weiter, – kehrte zurück und sah wieder hinein. –
Sie saßen nebeneinander auf derselben Bank, aber wiederum nicht dicht
beisammen, nicht Hand in Hand, – sondern in ruhigem und, wie es schien,
wenig angeregtem Gespräch. – Sie waren ja allerdings den ganzen Tag lang
beisammen gewesen und hatten Zeit gehabt, einander über alles ihre
Meinung zu sagen.
Es war ein furchtbarer Anblick. Die beiden so zusammengehörig – und ich,
von Jorinde aus betrachtet, eigentlich in Berlin, – so fern, gar nicht
in Betracht kommend.
Da stehe ich nun, dachte ich – und es ist wirklich wie im Märchen.
Festgebannt stehe ich – und Jorinde, mein Glück, trägt man mir vor
meinen Augen davon wie ein gefangenes Vöglein auf offener Hand. Und ich
kann die Glieder nicht regen, nicht einmal den Mund öffnen zu
schmerzlichem Schrei ...
Mit einem Male merkte ich, daß Jorinde, die am Fenster saß, vom
Mechaniker halb verdeckt, ihre glänzenden blauen Augen, in die in diesem
Augenblick die volle Deckenbeleuchtung einstrahlte, emporhob und auf
mich zu richten begann.
Sie überlegte wohl ... eine Ahnung stieg in ihr auf ...
Ich hatte mich vom seitlichen Türpfosten aus trotz aller Vorsicht etwas
zu weit nach vorn geschoben, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie
mich erkannt hatte.
So trat ich denn ein.
Im Eintreten legte ich, streng blickend, einen Finger an die Lippen –
dann wandte ich mich sofort mit dem Rücken gegen die beiden,
beschäftigte mich nur damit, umständlich meinen Hut im Gepäcknetz
unterzubringen. So schnitt ich jede Begrüßung ab.
Ich wollte fremd sein. – Ursprünglich wohl, um ihr alle Verlegenheit zu
ersparen; denn ich wußte, daß Jorinde dem Mechaniker von meiner Existenz
nichts erzählt hatte. – Sie trug ja auch den Ehering oder Verlobungsring
nicht an der Hand. Es war das erste, wonach ich im Eintreten sah. Hätte
sie diesen Ring an der Hand gehabt, so wäre mir nicht sofort klar
gewesen, daß sie dem Mechaniker gegenüber das ledige, Werbungen
zugängliche Mädchen spielte, – so hätte mich das Gefühl der Fremdheit,
das ja auch sonst stets gegenwärtig war, bei diesem letzten Zusammensein
nicht übermeistert. Ich hätte mich einfach als ihr Mann oder ihr
Verlobter vorgestellt, und alles wäre gut gewesen. Der Ring, der Ring
hätte uns gerettet. Aber Jorinde trug den Ring nicht. Sie war von mir
abgerückt, – ihre Art war niemals die meine gewesen, – allerdings liebte
ich sie gerade darum, – doch für die maßlosen Qualen, die daraus
entsprangen, mußte ich mich nun auch rächen.
Und so war es neben dem Bestreben, ihr eine gesellschaftliche
Peinlichkeit zu ersparen, auch noch das deutliche Bewußtsein, sie zu
bedrängen, was mich erfüllte. Denn ich sah, daß sie Angst hatte. Vor
meiner Miene vielleicht. Jedenfalls vor meinen Absichten, die sie nicht
erraten konnte, – die freilich auch mir unbekannt waren, von Moment zu
Moment neu hervorschossen.
Ein Lächeln, das sie wagte, erwiderte ich nicht.
Plötzlich erhob sie sich, streckte die Hand aus und nannte (nein, wie
geistesgegenwärtig) einen falschen Namen, – fragenden Tons, als erkenne
sie mich erst jetzt und nicht ganz sicher. „Herr Bühler?“ Damit wäre ich
in die Unterhaltung einbezogen worden – und jede Gefahr vorbei.
Aber gerade das wollte ich nicht.
Ich verbeugte mich: „Gnädige irren wohl“ – und nannte einen anderen,
gleichfalls falschen Namen.
Damit rückte ich, jede Annäherung durch eine Gebärde ausschließend, in
meine Ecke ab.
Der Mechaniker nahm das unterbrochene Gespräch mit ihr wieder auf.
Ich begriff Jorindes Angst. – Wie, wenn er ein Wort sagte, das
unmißverständlich eine nahe Beziehung zwischen ihnen andeutete ...
Um den Abschied hatten sie mich betrogen ... Nun aber hielt ich mehr als
den Abschied in der Hand: ihr Gespräch.
Ich tat, als sähe ich durch die Tür in den Gang hinaus, in die roten
Funkengarben, die draußen in der Nacht am Fenster vorbeiflogen. Dabei
lauschte ich auf jedes Wort, – lauschte auf die unheimliche Stille, die
bald entstand. – Denn Jorinde antwortete nicht. Blaß geworden, starrte
sie vor sich hin.
Sie tat mir leid, – aber nun war es zu spät. Ich konnte doch jetzt nicht
hintreten und mich nachträglich als ihr Ehemann verbeugen. Die
Fremdheit, von uns wissentlich gestiftet, wuchs nun als ein eigenes
lebendiges Wesen, unabhängig von uns, ins Gigantische.
Es waren ganz leere Dinge, von denen der Mechaniker sprach, – von einer
Schwester erzählte er ihr, die nun bald heiraten würde, von den
Vorbereitungen in seinem Dorf, – auch er würde zur Hochzeit fahren und
freute sich schon darauf. – Daß Jorinde sich ängstigte, merkte er gar
nicht. – Jetzt erst sah ich ihn an. Das also war er – der Dritte, die
Maus im Zimmer! Er sah wirklich aus wie eine Maus. So unansehnlich, so
klein. Wohl um zwei Köpfe kleiner als ich. Sein Gesicht war gelblich und
mager, die Augen blaß. – Jorinde hatte einmal gesagt, daß sie helle
Augen nicht mochte, nie einen Mann mit hellen Augen lieben könnte. Und
einen Augenblick, ganz vorübergehend, beruhigte mich diese Erinnerung.
Auch sie also liebte das Fremde wie ich. Sie liebte meine schwarzen, ich
ihre blauen Augen. In einer anderen Situation hätte ich mich vielleicht
daran gehalten. Hier aber war es schon zu wild!
– Ich starrte, starrte auf den Fremden. Sein Gesicht hatte einen
traurigen, verfallenen Ausdruck. War das wirklich der Mann, der so große
Abenteuer in Amerika bestanden hatte? – Jetzt erst merkte ich, wie diese
Briefworte, über allem folgenden schwebend, seine Gestalt in mir
bestimmt hatten. – Nein, der mächtige Holzfäller aus dem bayrischen
Wald, wie ich mir ihn vorgestellt hatte, der braune Riese mit
geschulterter Axt war er keineswegs. Vielleicht litt er nicht minder als
ich. Von Jorinde gequält wie ich. Und so mußte er mich, mußte ich sie
nun quälen ... „Unglückliche, die einander unglücklich machen“ – hatte
ich nicht einmal mit Erkenntnisblick der ganzen Menschheit diesen Namen
gegeben – und nun wir drei, in ein und demselben dahinsausenden
Zugabteil, einer dem anderen zur Pein, – einer die Qual, die er vom
nächsten erleidet, auf den dritten übertragend und so im Kreis rundum –
oh, wir Menschen! wir unglückseligen!
Und Jorinde schwieg noch immer.
Auch der Bursche war jetzt verstummt, – es fiel ihm wohl nichts mehr
ein.
Plötzlich erkannte ich oder argwöhnte, daß Jorinde vielleicht nicht aus
Schreck und Reue schwieg, – sondern nur aus Klugheit. Um eben zu
verhindern, daß ich dem Gespräch anmerkte, wie es zwischen ihnen stand.
– Was hatten sie denn bisher geredet? Nichts Persönliches. Sogar eine
Anrede war bisher nicht vorgekommen. Sagten Sie einander „Sie“ oder
„Du“? Nicht einmal das hatte ich erfahren. – So redet, redet doch! Es
ist doch undenkbar, daß auch diese Probe kein Ergebnis bringt, – daß wir
drei, die wir einander so wichtig sind, hier auf engem Raum
beieinandersitzen, äußerlich teilnahmslos und doch aufeinander lauernd,
– eine Filmsituation geradezu – und daß wir wieder auseinandergehen,
ohne daß sich der Knoten gelöst hätte, der uns würgt ...
Bei jedem Laut schrak ich nun zusammen. War es nur ein Stiefelknarren –
oder war es ein Wort, das alles verraten konnte? – Ein Wort wie
„Liebste“ oder eine Bitte um die nächste Nacht. –
Aber der Handwerksbursche (wie ein Handwerksbursche erschien er mir)
schwieg beharrlich. Plötzlich fiel mir ein: Jorinde brauchte doch nur
aufzustehen und mir um den Hals zu fallen, in einer großmütigen
Aufwallung, die alles verziehe, auch meine Spionage und Rachsucht, – sie
brauchte nur aufzustehen und wahrhaftig, der Bann wäre gebrochen! Nur
schämen dürfte sie sich nicht. Müßte vor dem Mechaniker alles
eingestehen, offen sagen, wer ich bin, nicht aber mich mit erfundenem
Namen als „Herr Bühler“ anreden. Nein, keine Klugheit jetzt! Eine große
Bewegung der Liebe, der flammenden Leidenschaft, vor der alle Vorurteile
zusammenfielen, – das war es, das allein konnte noch retten! Mein Gott
und Herr, warum tat sie das nicht, das einzig Richtige in diesem
Augenblick! In ihrer Hand lag es, – sie konnte, sie durfte endlich
einmal alle Rücksichten beiseite lassen, klar und wahr sich zu mir
bekennen, – warum, warum tat sie das nicht?
Sie sah mich nicht an. Ich aber, so schien es mir, drang mit den Blicken
in ihr Haar, in ihren Kopf, ich wollte ihr mit all meiner Kraft den
Gedanken einflößen, den einzigen Ausweg. Jetzt, jetzt zeige, daß du mich
wirklich liebst! Kein Stolz jetzt, – bestehe die Probe ... Doch ich
fühlte fast, wie sie mir entwich. Die schwarzen Bäume, die draußen in
der Nacht vorbeiflogen, einsame Weiler, dunkle Ebenen, das war ihr
Reich. Es war mir einen Augenblick, als könne sie sich auf diese Dörfer
und rauschenden Wälder, an denen wir vorbeifuhren, rechtmäßig berufen
wie auf etwas, was sie beherrsche, ja was sie geschaffen habe. Ich
dagegen, was hatte ich in meiner Zimmerluft hervorgebracht seit je:
Geschäftsbriefe, Papier. Und da wagte ich, auf ihre Unterwerfung,
Demütigung zu hoffen. Welche Vermessenheit. Und schon glaubte ich um
ihre Lippen ein feindliches, ironisches Lächeln zu sehen. – War es
möglich? – Auf diesen Lippen, die mich so zart und dann wieder so
heißglühend zu küssen gewußt! ... Fremdheit in unserer Beziehung hatte
ich ja immer zu ertragen gehabt. Aber diese auf die Spitze getriebene
Fremdheit, ihr eiskaltes Lächeln zerriß die letzten Fäden meiner
Widerstandskraft.
Mochte der Mechaniker auch unschuldig sein, – nicht wissen, was er
angerichtet hatte, – er hatte sich eingedrängt, er hatte gestört! Alles
war so schön, so herzenswarm und frei gewesen, ehe er kam. Er, er hatte
alles besudelt. Er wußte nichts davon, – aber auch der Raupenfraß, der
die Wälder befällt, weiß nicht, was er vernichtet, und dennoch ist er
widerlich und muß ausgerottet werden.
„Da ist Göggingen“, sagte der Mechaniker. Es war das erste Wort nach
langer Pause, und es durchfuhr mich wie ein Blitz.
Schon verlangsamte der Zug seine Fahrt.
„Wann sehe ich Sie wieder?“ setzte der Mechaniker fort und reichte
Jorinde die Hand.
Sie! – Sie!
Aber das bewies ja nichts! – In Gesellschaft – und sei es auch in
Gesellschaft Unbeteiligter – sagt ein Liebespaar einander nicht ungern
und wie zum Spiele Sie. Und vielleicht hatte Jorinde ihm einen leisen
Wink gegeben, ein Zeichen mit den Augenwimpern nur, während ich, von
ihnen abgewendet, den Funken nachgesehen hatte. – Ja, es gab eigentlich
nichts, was im _günstigen_ Sinn beweisen konnte. Alle guten Umstände
waren wegdeutbar. Ein einziges „Du“ aber, ein Kuß, eine Umarmung, – das
allerdings wäre nicht mehr wegdeutbar gewesen. Ein einziger ungünstiger
Umstand war vollgültiger Beweis ...
Und nun – der Zug fuhr schon ganz langsam in die Station ein – nun mußte
es ja zum Abschied kommen, – nun stieg offenbar der Mechaniker aus und
Jorinde fuhr nach Augsburg weiter, nun drohte die Enthüllung, nun faßte
mich innerliche Bangigkeit vor ihr, nun hätte ich sie gern verhindert, –
nun konnte eine einzige unbeherrschte Bewegung der beiden – oder des
Burschen allein – mein Unglück besiegeln.
Und das war jener äußerste Grad von Spannung, den ich nicht mehr ertrug,
– der deutlich über das Maß hinausging, dem ich gewachsen war.
Als der Mechaniker die Tür öffnete und durch Lächeln und eine Geste
Jorinde, die wie erstarrt in der Fensterecke sitzengeblieben war,
einzuladen schien, – ihm zu folgen oder ihm sonst irgendwie nahe zu sein
–, da war mir, als stelle sich der Eisenbahnwagen auf die Spitze, rolle
seine Räder oben in der leeren Luft, – meine Augen verdunkelten sich,
und nur, um ein Ende zu machen, um nichts mehr zu hören und zu sehen,
fiel ich den Nichtsahnenden an. – Ich tat mit ihm, wie es die
Anklageschrift des näheren beschreibt.
Von allem, was folgte, sehe ich nur eines noch vor mir: die Menge stürzt
sich auf mich – im kleinen Bahnhof tobt’s – alles steigt aus, drängt
gegen mich los – Jorinde aber deckt mich mit ihrem Leib. Noch einmal
fühle ich ihre Umarmung. Sie reißt mich mit sich, bis sie mich endlich
den schützenden Beamten übergibt ...
Daß sie nun doch also ganz auf meiner Seite stand, – ach, auch dafür
gibt es natürlich eine Menge einander widersprechender Erklärungen.
Ich will nicht mehr darüber nachdenken, ich will Jorinde nicht mehr
sehen.
Sie könnte mir nichts sagen. – Es würde mich nicht überraschen, wenn sie
mir bewiese, daß sie völlig schuldlos und daß der Mechaniker ihr
wirklich gänzlich gleichgültig war, – wie es ja auch Ihre Ansicht, Herr
Verteidiger, und die Ansicht der ganzen Welt ist. Beweisen läßt sich
alles. Und ebenso läßt sich auch jede Ansicht der ganzen Welt als deren
Ansicht in den Mund legen. – Nein, nichts mehr mit Jorinde reden.
Vielleicht liebt sie mich wirklich. Nur, daß es sich nicht beweisen läßt
...
Es ist alles Sache des Vertrauens; – und mein Vertrauen ist erkrankt. Es
reicht nicht hin für die schweren Aufgaben, die man ihm stellt ...
Es würde mich auch nicht überraschen, zu erfahren, daß Jorinde zu ihrem
Vater geflüchtet ist, der Bühne entsagt hat, – entsetzt von ihren
Erfahrungen in der Welt, in der man sich nicht zu zügeln weiß, – daß sie
in die strenge Zucht ihrer braunen altbayrischen holzgetäfelten Zimmer
zurückgekehrt ist, aus denen sich ja ihre Seele oder die eine Hälfte
ihrer Seele nie ganz entfernt hat. Und es würde mich nicht überraschen,
daß sie mich trotzdem weiterhin und vielleicht nun erst recht liebt. –
All das ist möglich. Nur ich, mit meinem erkrankten Vertrauen, – ich bin
das Unmögliche dabei.
Da fällt mir eben ein, daß Jorinde mehr als einmal gesagt hat: „Ohne
dich bin ich nichts. Wenn du stirbst, mußt du mich mitnehmen.“ – Ja, das
wäre vielleicht ein Beweis? – Nein, auch das nicht. –
Ich bin zu Ende.
Bitte, keine Fragen mehr. Ich war ausführlich genug. Lassen Sie den
„störrischen Kerl“ (so haben Sie mich ja tituliert), lassen Sie ihn doch
um Gottes willen am Ende aller Ende in Ruhe.
Daß ich mit niemand mehr sprechen will, – auch mit Ihnen nicht, Herr
Verteidiger, – davon bin ich bei diesen Aufzeichnungen ausgegangen.
Lassen Sie meine Mühe nicht verschwendet sein!
Beim nochmaligen Lesen bemerke ich übrigens mit Genugtuung, daß meine
Schrift nichts Entlastendes im Sinne der üblichen Gerichtsmoral enthält.
Das Gegenteil hätte auch meiner Absicht durchaus widersprochen. Ich
bestätige vielmehr nochmals und mit allem Nachdruck: ich bin schuldig –
die Tat ist bei vollkommen klarem Bewußtsein geschehen – ich fühle mich
schuldig. Und wenn auch nicht im Sinne der Justiz schuldig: noch viel
weniger bin ich unschuldig vor mir selbst als schuldig in irgendeinem
beliebigen, noch so albernen Sinn.
Ich werde Ihnen vor Gericht in die Rede fallen, wenn Sie die Tatsachen,
die ich Ihnen nun wahrheitsgetreu vorgelegt habe, plädoyermäßig zu
verdrehen suchen sollten. Aber ich bitte Sie, Herr Verteidiger, tun Sie
das nicht. Geben Sie mir ein gutes Wort, wenn es möglich ist, – ein
rechtfertigendes vermeiden Sie. Und gönnen Sie mir, der den einzigen
Frieden verloren hat, den es gibt (ich habe gesagt, welches dieser
Frieden ist), – mir, der den Selbstmord auf eigene Faust rechtzeitig
auszuführen verabsäumt hat, – gönnen Sie mir, ich bitte darum, den
Selbstmord unter staatlicher Assistenz.
Denn eigentlich bin ich ja schon längst tot – und das Papier, auf dem
ich schreibe, knistert wie die Weidenbäume am Bach, wenn die Gespenster
nachts aus dem Wasser steigen.
Mit allen Krankheiten im Leibe kann man leben. Nur mit erkranktem
Vertrauen nicht. – Das ist die einzige Krankheit, die absolut tödlich
wirkt, und zwar sofort, im ersten Augenblick, in dem sie den Menschen
befällt. Manche Menschen leben nachher allerdings noch ein
gespenstisches Nachspiel – wie zum Beispiel ich. Aber das ist nichts
Wesentliches mehr. Geheilt wird diese Krankheit niemals. Wenn die
Uhrfeder überdreht und gesprungen ist, dann kann noch so gelindes
Aufziehen die Uhr nicht wieder in Gang bringen.
Und warum ist mein Vertrauen erkrankt? – Abgesehen davon, daß es
Antworten auf Fragen dieser Art nicht gibt, glaube ich manchmal zu
fühlen, daß ich an einer lasterhaften Ausschweifung gestorben bin: an
einer besonders stark angespannten und strenge Anforderungen stellenden
Liebe. An der Liebe zur Fremdheit und daher Göttlichkeit einer Frau. An
der Liebe, bei der Vernunft und alle anderen Hilfen und
Sicherheitsmittel versagen müssen, weil Vertrauen, – Vertrauen zur Natur
das einzige ist, was verlangt wird. In dieser furchtbaren Anspannung
hält das Vertrauen eben aus – oder es erkrankt. Meines ist erkrankt. Wie
es Menschen gibt, die der Weinrausch zugrunde richtet, so war mein Genuß
– der Genuß der Fremdheit – ein tödlicher Genuß. Dennoch ist er das
einzige in der Welt, auch heute noch, was mir eines Wunsches, eines
Gefühls wert erscheint. Wie dem Trinker die Flasche, die ihn vergiftet.
– Nur haben die Trinker doch alle, wie ich glaube, ein schlechtes
Gewissen. Es ist etwas so Schmutziges im Schnaps. Die Trinker spüren
denn auch, daß sie auf dem falschen Wege sind. Ich aber – ich habe mich
eigentlich, ehrlich gesprochen, auf dem guten Wege gefühlt. Haben auch
meine Kräfte nicht ausgereicht, – der Weg war gut, der Weg ins Ferne,
ins Fremde hin, – und auch das Fremde lieben, nichts so heiß wie das
Fernste und Fremdeste und das Geheimnis des Nebenan. Ob das nicht der
wahrhaftige Weg der Menschenliebe ist, – nicht derjenigen, die in den
Schulbüchern steht, – nein, der brennenden, die mit sehnsüchtiger Kraft
sich selbst nicht aufgibt und doch auch den anderen erfassen, umfangen
will, weil alles Leben, das eigene wie das fremde, ihr wunderbar groß
und leuchtend erscheint. O Jorinde, Jorinde! Wie hat mir gebangt um
dich, weil ich dich immer nur außerhalb meiner gefühlt habe, – und
selbst im heißesten Augenblick: „Bist du jetzt mein?“ „Ja.“ „Ganz mein“,
in diesem heiligen Augenblick deines Ja-Hauches warst du mir noch durch
Länder und Meere und Jahrtausende entrückt. Und dennoch flog meine Seele
immer wieder gegen dieses dicke Glas zwischen uns und wollte nicht
ablassen, dich zu gewinnen, nicht ablassen, sich selbst hinzugeben für
dich, – und wenn es jetzt auch nur auf eine ziemlich entehrende Art
geschieht: genug, es geschieht, es geschieht! Totenhochzeit wird es
geben. Wenn der Henker mich packt, so will ich dein sein, – du wirst es
nicht wissen, nicht ahnen, und doch will ich dann, dann erst dein sein
wie noch nie. Und die großen Augenblicke meiner tödlich berauschenden
Liebe ziehen noch einmal auf: ich warte an der Ecke der Frohsinnstraße –
oder ich nähere mich im Eilzug dem Bahnhof Augsburg, in dem du mich
erwartest, und ich sehe die Bahnhofskuppel und kann es nicht fassen, daß
dieses Bauwerk dich enthalten soll, dich, Jorinde, mein Leben dich –
dieses glanzlos gemeine Eisenrippenwerk, dem man von außen gar nichts
ansieht, so wenig wie allen anderen Bahnhofskuppeln der Welt ... Und
noch eines, Jorinde: jener Abend am Wannsee, jenes einzige Dankgebet an
Gott, das ich in meinem ganzen Leben gebetet habe. Es war kurz, aber
aufrichtig, dieses Dankgebet. Nachts auf der Landungsbrücke stand ich
allein, – du tanztest im Restaurant drinnen, mit fremden Menschen – ich
konnte dich sehen, durch die hell beleuchteten Scheiben sah ich das
Schattenbild deiner Gestalt kommen und vorbeischweben. Der Himmel war
schwarz, ein Gewitter zog auf. Es regnete nicht; doch wie ich nun
niederkniete zum Gebet, war das Holz der Brücke naß, von einem früheren
Regen vielleicht. Ich kniete nieder und dankte Gott für dich. In der
Fülle meines Glücks war ich ins Freie gestürzt. Du warst so lieb zu mir
gewesen, Jorinde, und wenn du nun auch mit einem anderen tanztest –
nein, falsch, gerade daß du mit einem anderen tanztest, das war das süße
Fremde an dir, und dennoch warst du ja mein, das fühlte ich ganz genau.
Gott dankte ich, daß er mir nach all den Fehlschlägen meines Lebens
endlich das gegeben, was ich brauchte. Ich dankte ihm für das
fremdartige Leben dort drinnen in der leuchtenden Tanzhalle, – für dein
Leben, Jorinde, das mich so beglückte gerade dadurch, daß es
_unabhängig_ von mir war, unverständlich im tiefsten Grunde, mir fern
und dennoch mein. Dieser Kuß aus dunkelster Fremdheit hervor ist das
Beste, was das Leben, was Gott zu geben hat, – denn dieser Kuß ist
glaubhaft wahr; er kann, weil er so tief aus Fremdartigem hervorkommt,
nicht anders sein als echt, kann nicht Einbildung, nicht Illusion sein!
Da fühlte ich, wie Liebe mich überschwemmt, – fühlte, daß es Liebe in
der Welt gibt, in Wirklichkeit, nicht bloß in meiner Phantasie, – ich
fühlte diese Liebe mich heiß überrieseln, von außen her kam sie, nicht
in mir war die Quelle. Die Liebe ist da, ist da, – auch wenn ich nicht
da wäre, wäre die Liebe da! O jubelnde Erkenntnis! Und daß ich nun doch
auch noch das unverdiente Glück hatte, da zu sein, neben dir, Jorinde,
dafür dankte ich Gott in jener Minute. Ich mußte es tun, mußte
niederknien, von niemand gesehen, – ganz kurz nur kniete ich, denn sowie
ich den nassen Boden merkte, erhob ich mich wieder. – Sah dann noch
lange das dunkle Wasser, den Himmel, die erleuchteten Fenster, den
einzigen Menschenfleck im riesigen schwarzen Nichts der Nacht – und
fühlte die Wärme hinter diesen Fenstern, fühlte dich, mein fernes und
dennoch mein Glück! Und so danke ich dir denn, Jorinde, – denn
deinetwegen ist es mir ja möglich gewesen, wenigstens einmal,
minutenlang, mit voller Redlichkeit, Gott zu danken für mein
qualvoll-süßes Leben in dieser fremden Welt. Ich danke dir, Jorinde, und
nichts mehr tut mir weh. Ich habe das gehabt, was ein Mensch sich nur
wünschen kann: meinen Rausch, meine Trunkenheit. Nun laßt mich
versinken, laßt mich vorbei. Die Göttin, mit der ich gelebt habe,
geleitet mich in den Tod. Keine Ablenkung mehr! Laßt mich allein.