Ich zuckte die Achseln.
Plötzlich sah sie sich um, schüchtern, – der Korridor war leer, – da
hatte sie sich zu mir gebeugt, und ich fühlte ihren weichen Kuß auf
meinem Mund. Nicht ganz kurz, aber auch nicht leidenschaftlich, nicht
lüstern gehaucht, – eine volle Berührung der Lippen mit ehrlicher Kraft.
Es war der selbstverständliche Kuß zweier Ehegatten, ohne jeden
Hintergedanken. Süßeres habe ich in meinem ganzen Leben nicht gehabt als
diesen unerwarteten Kuß. Nicht als ob sie mich besonders beglücken oder
erlösen wollte, hatte sie mich geküßt. Nein, ein Kuß wie immer, – ein
Kuß, weil Küssen zur Begrüßung unter uns üblich und weil eben alles beim
alten war. Nach diesen allerqualvollsten verworrenen Stunden der Nacht
und Bahnfahrt – nichts konnte so wohl tun wie dieser einfache klare
wiesenblumenhafte Kuß.
Ich hatte mir während der ganzen Reise vorgenommen, vom Mechaniker
überhaupt nicht zu sprechen. Nur ihrer Wohnung wegen war ich gekommen.
Da sie etwas von „schlecht und recht einquartiert“ geschrieben hatte,
war ich eben besorgt. Der Streit mit ihrer Wirtin, die neue Krise ...
ich redete drauflos, von nichts anderem als ihren Wohnungssorgen. Mochte
sie es glauben oder nicht: kein anderer Grund hatte mich veranlaßt,
unserer Verabredung zum Trotz noch vor der Sommerreise zu kommen.
Wir saßen an einem breiten Ecktisch des großen, vollständig leeren
Speiselokals.
„Nein, wie du aber schlecht aussiehst“, unterbrach mich Jorinde öfters.
Hörte sie überhaupt zu?
„Nein Wunder“, erwiderte ich. „Die Fabrik macht mir große Sorgen. Du
weißt: der Prozeß.“
War es denn nur möglich! Nach all den wahnsinnigen Ausschreitungen
meiner Phantasie bewegte ich mich nun wieder auf der Bahn des
Alltäglichen. Die Fabrik, der Prozeß! Wie leicht ging das! Und neben
mir, an der nächsten Tischkante saß Jorinde. – Der Kellner kam, man
bestellte – Jorinde legte die Jacke ihres helldrappen Kostüms ab, der
Kellner und ich halfen ihr – ihre Bewegungen fächelten mir das so lange
vermißte Aroma ihres Puders, den Erdbeerduft ihres Leibes zu – nun in
der weißen Seidenbluse, in der die zarten Schultern sich abzeichneten –
so schlank – war es wirklich dasselbe Wesen, an das sich all meine
grausamen Befürchtungen hefteten? – Und jetzt, mit welcher Einfachheit
reichte sie mir über den Tisch hin die rechte Hand, die innere
Handfläche nach oben gekehrt, eine schlichte Aufforderung, meine Hand in
die ihre zu legen wie zur Erneuerung alter, nie unterbrochener
Freundschaft. Mein Gott, war es am Ende möglich, daß alle die Qual
meiner aufgestachelten Einbildungskraft – durchaus grundlos gewesen
wäre? ...
„Auch du siehst nicht besonders aus“, sagte ich, indem ich ihr prüfend
in die leicht umschleierten Augen sah.
„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am Rand mit meiner Kraft.“
„So viel Mühe hast du?“
„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater so anstrengen würde.“
Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte das nicht, daß sie auch im
Leben nicht leichtsinnig sein konnte?
„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich gab ihr die Hand, nach der sie
die ihre ausgestreckt hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie
aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf –“
„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und sah mich dabei mit
schelmischem Lächeln an, das zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu
passen schien. Aber sehr weich und zärtlich hielt sie meine Hand fest
... Nun bot sie mir, leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen. Wie
von einem leichten Traum umfangen, bewegte sich ihr Gesicht lieblich mir
entgegen. – Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich gefahren sein
mochte. Alle unterdrückte Wut kam in mir empor, die Wut eines
Sklavenaufstandes gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen, –
zitternd, meiner selbst nicht mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie
gleich jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich gewesen wäre –
mit heißem Griff riß ich das Mädchen an mich – es war nicht der kühle
Kuß wie im Vorraum – sondern meine Zähne drangen in ihre Lippen, während
gleichzeitig meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie schrie leise auf,
machte sich los. Blut färbte ihr Taschentuch, das sie an den Mund führte
... Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung. Kaum gewonnen,
sollte sie mir wieder verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich –
sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich getan habe, ich weiß nicht,
was mit mir los ist ...“
Sie schwieg lange, – war es ein strafendes Schweigen oder war sie nur so
erschreckt? Abgewendet, stumm, – wie ich aber bat, sie solle mir doch
zur Strafe, zur Vergeltung gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie
plötzlich auf.
„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit jäher Energie. „Oder bist
du mir böse?“
„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie innig.
Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich nicht der mindeste
Grund vor, einander böse zu sein. Man verdüstert sich nur ganz
mutwilligerweise das Leben, – rätselhaft, warum. Bei Licht betrachtet,
besaßen wir doch alle Vorbedingungen eines großen reinen Glückes. Wir
liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht arm ...
„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“
„Ich?“
„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe dich gelangweilt hat. Das war
doch schon sehr arg.“
Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr versprach, diesen ihren
häßlichen Brief zu vernichten, zu verbrennen. – Sie sei eben nervös
gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich wisse doch, daß sie niemand
als mich habe, auf der ganzen weiten Welt niemand sonst ...
„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen bin – obwohl es anders
vereinbart war?“
„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie das sprach!
„Heute abend fahren wir nach R. Bist du einverstanden?“
Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich nur noch nach Hause gehen und
meine Sachen für die Nacht zusammenpacken. – Morgen spiele ich nicht,
für übermorgen mach’ ich mich auch noch frei.“
Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen. Wir sprachen eine Weile ganz
sachlich nur von den möglichen Abendzügen nach R. – Mein Gott! In meinen
kühnsten Träumen hätte ich gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr
als eine Viertelstunde für mich Zeit haben würde. Und schon diese
Viertelstunde hätte mich namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort nur,
ein kurzes, klärendes Gespräch – das war das äußerste, was ich
bestenfalls erwartet hätte. Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung
– welch eine Nacht knapp vor mir! – und dabei so selbstverständlich, so
ohne jeglichen Sturm, als könne es gar nicht anders sein – nun saß ich
neben ihr, und wir berieten in aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr
oder schon um sieben fahren sollten, ob wir bei einiger Eile noch zum
ersten Zuge zurecht kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit über
allen Räuschen der Welt, eine Ruhe, stürmisch lebendiger als alle
Kunstmittel der Nervenmassage, – diesen höchsten aller Räusche genoß ich
nun.
Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch nie im Leben habe ich um diese
Zeit einen Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du siehst ja ganz
verhungert aus. Wie kannst du nur so unvernünftig sein, – während der
ganzen Fahrt nichts essen!“
„Auch gestern nicht – seit deinem letzten Brief.“
„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du hast es mir zugesagt. – Nein,
so unvernünftig zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen Reden
schnitt sie mir den Braten, fütterte mich geradezu. Aber ich konnte
schon das erste Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich wohl, aber
nicht den mindesten Appetit.
„Bitte, so iß doch.“
„Ich kann nicht.“
„Du mußt.“
„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“
„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst komme ich heute abend nicht mit.“
Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende Aussprüche großer
Staatsmänner können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen als mir
diese lieben Sätzchen Jorindes, die so besorgt klangen, deren
freundlicher Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen des
Briefwechsels – welch eine Ruhestunde, welche Erholung! Es war, als
würden die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis dahin in
unnatürlich zusammengedrückter Haltung schmerzend festgehalten hatten.
Nun streckte sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf
wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein dazu, dessen blühender Schein auf
das feine Linnen des Tischtuchs fiel.
Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig weh davon tat. Das große
Lokal, für Abendbeleuchtung bestimmt, – im kalten nüchternen Tageslicht
lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit, gleichsam übertrieben unfestlich
da – dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein unfreundlicher
Regennachmittag – und all dies, was sonst melancholisch gemacht hätte,
wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das Schweigen in einer Kirche, –
zauberhaft alles und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst zu
zittern schien, in völlig unmateriellen Farben, kaum mehr der Erde
angehörig und ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie tausend
andere: das Paradies! –
Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker. Ich weiß nicht, ob sie oder
ich damit begann. Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten.
„Wie heißt er denn eigentlich?“
„Günther Schmidt.“
„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben – wie er heißt. Und
dabei behauptest du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“
„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn.
Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie lächerlich erschien mir
plötzlich die ganze Angelegenheit. „Alles“ schreiben, – was sollte das
denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte denn „alles“ zu schreiben? Und
war der Namen nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig dies und
jenes, wenn Jorinde neben mir saß und ich ihre Hand hielt! Ich hörte
denn auch kaum auf sie hin, als sie Näheres über den Mechaniker
erzählte, von der Hessingschen Anstalt, an der er arbeite, von Hessing
selbst, dem genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand
hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte Glieder anzufertigen
gewußt als alle diplomierten Chirurgen der Welt, – von der Tradition
seiner Anstalt, die den Fachmann der Praxis über den Akademiker stelle,
– so daß auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten dort
bekleide, sondern einer der ersten sei ...
„Er interessiert dich?“
„Aber nein, – er ist mir doch vollständig gleichgültig.“
Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade dies das rechte Wort
gewesen, das ich erwartet hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn
das nie geschrieben?“
„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug geschrieben habe.“
Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie so überzeugend geklungen
wie in diesem Augenblick.
„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie. „Anfangs habe ich die
Sache in meinen Briefen ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut,
dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“
„Nachher?“
„Nachher wurde es zuviel des Guten.“
„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig wurde, – wie du mich
doch haben wolltest.“
„Ja.“
„Einfach ja?“
„Ja.“
Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz glatt hingehen zu lassen.
Nicht etwa, weil ich gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand, auch
nur den Schimmer einer Angst um meine Frau, – wohl aber der Zukunft
wegen. „Und wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten wurde,“ sagte ich,
„da hast du die Sache in deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“
„Nein, – die bloße Wahrheit!“
„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles zu regulieren ist. Fängt man
einmal mit so etwas an, so weiß man nicht, wo man endet. Ich meine das
auf die ganze Beziehung zwischen dir und ihm.“ Wunder wie verständig
redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation. Nun durfte ich eine
gefährliche Frage stellen, wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen
Punkt unter keiner Bedingung einzugehen. „Wie verkehrt ihr eigentlich
miteinander? Ihr sagt einander: „Du?“