Sie war nicht da. –

„Ich hatte es ja nicht anders erwartet.“ Mehrmals sagte ich mir das vor.

– Zugleich fühlte ich, daß ich nur deshalb das Ungünstige so bestimmt

erwartet hatte, um mich dann vom Günstigen überraschen zu lassen. Es

geschieht ja immer das Unerwartete. Ein kluger Mann richtet seine

Erwartungen demgemäß ein ...

Nur jetzt nicht wahnsinnig werden! Jetzt nicht den Kopf verlieren!

Die ganze zehnstündige Fahrt, die hinter mir lag, pulsierte mir

fieberisch wüst in allen Gliedern, rüttelte an meinem Hirn.

Sie hätte eigentlich doch kommen können, – dachte ich. Wenn auch nur zum

Abschied – sie hätte kommen können. So grausam brauchte sie nicht zu

sein. Mich nach langer Fahrt hier einfach stehen zu lassen! – Tränen

waren mir nahe. Nein, sie hätte wirklich kommen müssen. Unbedingt. Eine

einfache Höflichkeitspflicht. In aller Ruhe: Adieu und ein freundliches,

friedliches Abschiedswort. Das war doch das mindeste, was ich nach all

der großen Liebe verlangen durfte. Ein Auseinandergehen ohne Gruß – das

war hart, geradezu überraschend hart, das hatte ich eigentlich doch in

meinen ärgsten Vorstellungen nicht erwartet ...

Es fiel mir ein, daß Jorinde vielleicht „Restaurant“ statt „Café“

gelesen haben konnte. Dicht neben dem Café, nur durch einen verglasten

Korridor getrennt, lag ein Weinrestaurant. Ich ging hinüber. – Das

Restaurant, schneeweiß gedeckt, war ganz kühl und leer.

Wie ich aber, vom Restaurant her zurückkehrend, den Korridor betrat, sah

ich Jorinde die Stiegen heraufkommen, den Regenschirm schließen und

eilig ins Café eintreten.

Leben mit einer Göttin · 第 6 / 13 题