große Sache, der ich mich unterfangen habe. Und darauf bin ich
einigermaßen stolz –, man möge mir in meinem Unglück diese Eitelkeit
verzeihen! – Mit einer Göttin leben – als Mensch – es ist und bleibt ein
Wagestück. Ein Frevel wohl, auf solche Art Feuer und Wasser mischen zu
wollen, ein Frevel, den man mit der fast unerträglichen Ungewißheit im
Herzen bezahlt. Wie wird es gelingen? Wie weit halte ich denn
eigentlich? Ist es überhaupt auch nur möglich, daß es gelingt? – Aber
sieht man noch etwas näher zu, so entdeckt man, daß man in ebenderselben
Unsicherheit eigentlich allem in der Welt gegenübersteht, und daß die
Aufgabe schließlich gerade darin liegen mag, uns in dieser Schwebe zu
erhalten, in dieser Frage, die keine Antwort, in diesem Glauben, der
keinen Beweis zuläßt. Da ein letztes Eindringen nach jeder Richtung hin
unmöglich ist, besteht der ganze Unterschied nur darin, wie man den Satz
ertragen will, den ich damals im Hause Grothius über dem Tische zu sehen
glaubte, den Satz, „nicht von allem zu reden“. Die einen springen nervös
auf, noch vor der Haltestelle, die anderen bleiben mit gesunden,
ausgeruhten Sinnen auf ihrem Platz sitzen. – Mein Fall ist nur eine
besondere Verschärfung des allgemeinen. Abfinden muß sich ein jeder mit
dem Unverständlichen. Man kann das verdrießlich tun oder siegreich
lachend, oder halb im Schlaf, oder auf die verschiedensten anderen
Arten. Ich nun habe dieses Unverständliche außerdem noch geliebt, ich
habe ihm abends die Haarnadeln aus dem schönen blonden Haar genommen, um
sie sauber auf das Nachttischchen zu schichten, – das ist viel, dabei
kann einen schon einmal der Blitz erschlagen.
Manchmal aber gelang es mir ja, mich neben Jorinde zu behaupten, und
gerade aus der Schwierigkeit dieser Position am Rande des Unmöglichen
mehr als menschliche Kraft zu ziehen, mich zu wiegen im höchsten,
gefahrvollsten Glauben ohne Beweis. Das waren die erhabenen
Glücksminuten, die Gipfel, die Auslösungen nach all der Spannung,
Augenblicke von wunschloser Reinheit – wie etwa jenes Warten im
Automobil, in das sie sicher, sicher zurückkommen mußte. Hatte ich sehr
viel Leid der Unsicherheit ausgestanden, dann belohnte mich solch ein
goldener Sicherheitsrausch. Nicht nur damals in Augsburg, in der
Frohsinnstraße. Auch vorher oft genug. Dann trat ich morgens aus dem
Haus, und siehe! ich hatte den Glücksblick. Darauf kommt es nämlich an:
den Glücksblick zu haben – morgens, wenn man aus dem Hause tritt –, dann
sieht das ganze Leben ringsum anders aus als sonst. Alles ist gut. Das
Herz hüpft. Zukunft und Gegenwart mischen sich in hoffnungsreichen
Ausblicken. Alles ist gut. In solchen Momenten erscheint einem nicht nur
das eigene Schicksal in ungeahnter Klarheit, auch das aller anderer
Menschen entschleiert sich, und man erkennt ihre wahre Gestalt. Dann
merkt man beispielsweise und fühlt es mit unbezwinglicher Kraft: von
hundert Menschen, die jetzt auf meinem Weg in die Fabrik an mir
vorbeikommen, von diesen hundert Menschen, die ich bisher gezählt habe,
müßten neunundneunzig eigentlich in Sänften getragen werden, – so elend,
schwach und krank sind sie an Seele und Leib. Blickt man dann wieder um
sich, dann sieht man (weil man eben den Glücksblick im Auge hat) ein
ganz anderes Bild, ein wahreres als das, welches dem gemeinen Auge
erscheint. Man sieht, wie der Verkehr stockt, wie fast alle Menschen
plötzlich auf die Erde stürzen, alle wehklagend und wie mit
zerschmetterten Gliedern, – allen fehlt ja irgend etwas, wonach sie sich
sehnen, und geschickt und abgehetzt verbergen sie das tagaus tagein –
jetzt aber, da man den Glücksblick hat, erkennt man, wie ihnen in
Wahrheit zumute ist – nun verstellen sie sich so wenig wie der Säugling,
der ungehemmt seine Schmerzen hinausschreien darf. Nun liegen sie auf
dem Pflaster, und in ihren gequälten Mienen steht geschrieben: Weiter
kann ich nicht. Einen der Hingestürzten fasse ich ins Auge. Er ist
elegant, jung, mit rosigem Gesicht. Aber ohne Liebe zu Frau und Kind.
Für gewöhnlich verbirgt er diesen furchtbaren Schmerz, der sein ganzes
Leben einfach wertlos macht. Heute verrät er ihn mir. Denn ich selbst
habe ja in meinem Hause das, was ich brauche, – ich bin glücklich, und
deshalb ist mein Auge für alles Unglück der Welt geschärft, und allem
möchte ich abhelfen, da es mir selbst so gut geht und da ich Fülle und
Kraft in mir fühle, aus meinem Glück hervor allen, allen mit
unerschütterlicher Geduld gut zu sein. Nun aber dieser liebe, rosige,
elegante Herr vor mir, – was sehe ich denn, – ein anderer kommt des
Weges, findet den Gestürzten vor seinen Füßen liegen und, statt ihn
aufzuheben, versetzt er ihm Tritte, Püffe, empört darüber, in seinem
Lauf gehemmt zu sein. Ja, merkst du denn nicht, daß der Herr da so
hilflos ist, daß er sich nicht weiterschleppen kann? Nein, das siehst du
nicht, – du hältst ihn für kräftig und glaubst, daß er nur aus Bosheit
und Trotz dir den Weg verstellt. Wütend bist du über ihn, nennst den
Unglücklichen deinen Gegner, – fasse ich nun aber dich Ungestümen ins
Auge (ich mit dem Glücksblick), dann liegst ja auch du wie vom Schlag
gerührt auf der Erde und quäkst um Hilfe wie ein kleines Kind. Und es
zeigt sich, daß du nur aus eigenem Unglück deinem Nächsten wehe getan
hast, und nun stürmen andere heran und wüten wiederum gegen dich, da du
auf der Erde liegst in deiner wahren Gestalt. Sie aber sind ja auch,
wenn ich sie besser anschaue, auf die Erde hingemäht – und nur ihr Leid,
ihre Hilflosigkeit ist es, was aus ihnen tobt. _Ja, Unglückliche, die
einander unglücklich machen_, – einen besseren Namen wüßte ich nicht für
die Menschen insgesamt. Ich aber, für Momente wenigstens aus diesem
Höllenkreis ausgetreten, weil meine Göttin mich glücklich macht, ich
sehe alles, wie es wirklich ist, – ich trauere und, wenn man mir nur
Zeit läßt, will ich Abhilfe ersinnen.
Im nächsten Herbst schon, vor einem Jahr also, bekam Jorinde ihr erstes
Engagement. Und damit war die Blüte meines Glückes dahin. Denn nun mußte
sie von Berlin weg. An ein kleines Theater, nach Augsburg.
Es war natürlich auch Freude dabei. Ich hatte es ja gewünscht, daß sie
bald anfangen möge. – Der Agent, der Dramaturg, sogar der Direktor,
denen sie vorsprach, erklärten sie für ein Genie. Durch diesen ersten
schnellen Erfolg war ja eigentlich das erreicht, was ich immer ersehnt,
was ich ihr in ihren gewissenbedrückten Stunden vorausgesagt hatte: die
Hilfe, die ich ihr geboten, war geadelt, war vor jeder Selbstprüfung und
dem Forum der Welt, soweit sie künstlerisch und einigermaßen
vorurteilslos empfand, glänzend gerechtfertigt. Sie brauchte sich nicht
mehr zu schämen, von mir Geld angenommen zu haben ...
Dieses schmutzige Geld – wie oft hatte es sie gepeinigt, aber auch mich.
Denn Geld beschmutzt ja nicht nur den, der es nimmt, mehr noch (ich
wiederholte ihr das so manches Mal) den, der es gibt, wenn er es als
Kaufpreis für Liebe gibt. „Ich bin eine Dirne, ich nehme Geld von dir“,
schrie Jorinde in einem ihrer bösen Augenblicke. „Und was bin dann ich,“
sagte ich, „wenn ich dir Geld für Liebe anbiete?“ – Es lag klar zutage:
Unsere Beziehung konnte nur durch eins gerettet werden, – dadurch, daß
wir wußten, wie unabhängig unsere Liebe von der zufällig
danebenherlaufenden Tatsache war, daß Jorinde Geld brauchte und ich es
im Überfluß besaß. Das aber war eine Angelegenheit, die jeder von uns
beiden nur mit sich selbst ausmachen konnte, für seine eigene Person;
dem anderen konnte er, mußte er glauben, – wiederum dieser Glaube ohne
Möglichkeit eines Beweises!
Ich kann wohl sagen, daß Jorinde an all dem nie so sehr gelitten hat wie
ich. Und namentlich seit ihr das Engagement in Augsburg zeigte, daß sie
den richtigen Weg eingeschlagen hatte, schienen ihre letzten Skrupel
verschwunden. Tatsächlich hatte sie ja niemals daran zu zweifeln
gebraucht, daß meine Liebe zu ihr mit dieser ekelhaften Geldsache nicht
im geringsten zusammenhing. – Wie aber stand es bei ihr? Ich hatte
zuweilen das Gefühl, daß in ihre Art, mich zu lieben, viel Dankbarkeit
mit hineinspiele. Sie empfand ja gewiß nicht etwa Dankbarkeit allein.
Wohl aber Liebe und Dank nebeneinander, so argwöhnte ich. Mußte mir aber
gleichzeitig sagen, daß es unnatürlich gewesen wäre, wenn sie von
Dankbarkeit unberührt geblieben wäre. So war es also wohl richtig, wie
es war, – dennoch quälte es mich. Und namentlich in der Augsburger Zeit,
als das tägliche Beisammensein, der allerinnigste Zusammenhang wegfiel,
als zu der allgemeinen Unsicherheit unseres Verhältnisses auch noch die
furchtbare Last der _Abwesenheit_ trat, – da wuchs sich dieser Gedanke
zu einem Gespenst aus, das mir den Schlaf raubte: Wie kann man es
ertragen, daß man niemals weiß, wieweit am Gefühl der liebenden Frau
Liebe und wieweit Dankbarkeit Anteil hat? – O wie glücklich wäre ich
gewesen, wenn ich mir hätte sagen können: ich habe sie niemals auch nur
mit dem geringsten unterstützt, im Gegenteil, – ich bin auf ihren
Beistand angewiesen, und dennoch liebt sie mich. Wohl wußte ich um das
Nichtige meiner allzu feinen Bedenken. Sie waren so unlebendig; das
Leben bleibt ja von unseren Worten „Liebe“, „Dankbarkeit“ und
dergleichen unberührt, die Gefühle fließen ineinander und, was wir für
unvereinbar halten, gleicht sich in steter Bewegung aus. Zudem hatte ich
Jorinde in solcher Verzückung bei mir gesehen, daß es wirklich
blasphemisch war, an ihr und an meinem Glück herumzukritisieren. – Warum
nur kommt etwa Casanova niemals auf ähnliche Gedanken! Und viele seiner
Geschichten (die ich im Gegensatz zur allgemeinen Meinung durchaus nicht
für frivol, sondern für höchst erzieherisch halte) nehmen den Verlauf,
daß er ein Mädchen aus schrecklicher Gefahr, aus den Händen eines
gewissenlosen Entführers rettet, – oder daß er einer Pariser Bürgerfrau,
die ihn zuerst gar nicht mag, ihre Waren zu teuersten Preisen abkauft,
bis der Gatte selbst mit den gekauften Strümpfen auch die Frau ihm
zuschickt, – was Casanova nicht hindert, das Abenteuer köstlich und die
Frau sehr verliebt zu finden. Natürlich hat sie ihn dann auch wirklich
geliebt, er muß ja bezaubernd gewesen sein. Sein Zauber lag aber (unter
anderem) auch darin, daß er sich nie so wie ich den Kopf zerbrochen hat,
ob und wie Liebe und Dankbarkeit im Herzen einer Frau miteinander
auskommen.
Diese ganze Geldfrage spielte übrigens immer nur eine kleine Nebenrolle
in der großen Unsicherheit, die ich Jorinde gegenüber empfand. Ich
erwähne sie an dieser Stelle nur, weil sie in der Berliner Zeit eine
gemeinsam getragene Last gewesen war, seit dem Augsburger Engagement
aber auf mich allein zurückfiel. Obwohl Jorinde von da an meine Hilfe
natürlich erst recht benötigte. Nicht nur als Zuspruch und männlichen
Rat in den ersten Krisen mangelnden Selbstvertrauens, wie sie jeder
Anfänger erlebt, – auch in ganz grob wirtschaftlichen Dingen noch, zum
Beispiel für die ersten Theaterkostüme. Denn sie spielte zwar die
größten Rollen, wurde aber schlecht bezahlt. (Seltsamerweise war
„Iphigenie“ die erste Bühnengestalt, in der sie mir entgegentrat, – ich
fühlte mit Thoas, der nicht Dank will, sondern Liebe – ich benützte ja
damals, da Jorinde nicht mehr dauernd bei mir war, schon jede noch so
unwahrscheinliche Gelegenheit, um mich unglücklich und verstoßen zu
fühlen.) – Zunächst aber konnte ich ihr noch viel wirksamer als durch
Geschenke beistehen. Ich focht ihren Kampf gegen die Familie aus. Da ihr
Auftreten in dem München nahegelegenen Augsburg ohnehin nicht mehr
verborgen bleiben konnte, setzte ich durch, daß man ihr alles erlaubte
und das Studium, von dem man erst jetzt erfuhr, nachträglich verzieh.
Ihr Verhältnis zu Vater und Brüdern wurde seither noch kühler, – hatte
ja aber niemals einer besonderen Wärme bedurft, um sie zeitweilig
dennoch ganz in den Bann ihrer Jugenderziehung zu schlagen und mir zu
entfremden.
Entfremdung, Entfremdung – das war das Leid, das damals eine neuerliche
Steigerung erfuhr. Schon in unmittelbarer Gegenwart hatte ich mich ja
nicht immer mit Jorinde verständigen können. Die Verschiedenartigkeit
der Lebenskreise und Lebenskräfte, denen wir entstammten, kam in allem
zum Vorschein. Sogar im Sprachgebrauch. Einmal hatte ich sie, halb im
Scherz, halb ärgerlich ein „eigensinniges Frauenzimmer“ genannt – und
sie war tief beleidigt in Tränen ausgebrochen, behauptete (und ließ es
sich nicht widerlegen), daß „Frauenzimmer“ eine „Gefallene“ bedeute, was
wieder mit anderen Gedankengängen zusammentraf, die ihr manchmal das
Herz bedrückten. Solche Mißverständnisse, schon wenn man einander
gegenüberstand! Und nun vollends, da wir auf nichts anderes mehr als
Worte angewiesen waren, in Briefen, – nun lagen Fehlgriffe kaum
vermeidbar nahe. Jedes einigermaßen lebhafte Wort konnte verletzen, jede
stürmisch und wahrhaftig geäußerte Liebessehnsucht als „zu materiell“
mißfallen. Nach einigen Anstößen dieser Art, für die Jorinde jedesmal
durch längeres Stillschweigen strafte, gewöhnte ich mir denn auch eine
ängstliche, geradezu abgezirkelte Ausdrucksweise meiner Briefe an,
schrieb nie mehr eine Zeile aufs Geratewohl so hin, wie mir ums Herz
war, sondern bedachte Folgewirkung und Eindruck auf die Geliebte, machte
Konzepte und ging so weit, Abschriften meiner Briefe zurückzubehalten,
um mich nachher gegen etwaige Vorwürfe verteidigen zu können. – Solche
Vorsichtsmaßregeln erschienen mir ja zunächst entwürdigend. Überlegte
ich aber, welche mit nichts anderem zu vergleichende Wichtigkeit die
ungetrübte Fortdauer dieser Liebe für mich besaß, so fand ich mich
schließlich in das Notwendige und sagte mir dann wohl auch zuweilen, um
mich zu trösten: daß ein Briefwechsel mit einer Göttin billigerweise
anderen, strengeren Gesetzen unterworfen sein müsse als einer zwischen
gleich und gleich.
Wären ihre Briefe wenigstens regelmäßig gekommen, dreimal in der Woche,
wie wir es verabredet hatten! Aber Ordnung war in diese an sich einfach
anmutende Sache auf keine Art hineinzubringen, und jeden ihrer Briefe
habe ich bis in die letzte Zeit hin wie ein Geschenk aus der Hand des
Briefträgers entgegengenommen – woran ja schließlich nichts
Ungeziemendes war. Wäre dieses Geschenk nur immer dagewesen! Oh, alle
Tücken der Post und Eisenbahn habe ich in diesen Monaten kennengelernt:
Verspätungen, Fehlbestellungen, Verlust. Manchmal bildete ich mir ein,
der ganze Betriebsmechanismus habe sich gegen meine Sehnsucht
verschworen, – und gerade dann, wenn ich aufs allerdringlichste Antwort
auf einen meiner bang fragenden Briefe erwartete, gerade dann brach etwa
der Generalstreik aller Verkehrsmittel aus. Freilich, welche ihrer
Antworten hätte ich nicht aufs allerdringlichste erwartet! – Dieses
Warten nahm mir zuzeiten meine Arbeitslust, dörrte mich aus, ließ mich
weder schlafen noch essen. Jorinde aber erschien ganz schuldlos an
meiner Qual, die ihr dann immer auch sehr leid tat, sobald sie von ihr
erfuhr. Warum war ich denn gar so ungeduldig und ungestüm! „Ich kann Dir
nicht alle Tage dasselbe schreiben,“ lautete ihre vernünftige Antwort
auf meine sinnlosen Telegramme, „es ist wohl auch nach meinem
Dafürhalten infolge der sicheren Beweise, wie Du sie hast, überflüssig.“
Oder ein andermal: „Verzeih mir. Ich unterhalte mich im Geiste immer mit
Dir. Da dachte ich, daß ich Deinen letzten Brief schon beantwortet
hätte. Heute lese ich ihn nochmals und finde zu meinem Schreck, daß er
noch unbeantwortet ist.“ – Nichts einfacher als das! Ach, in ihrem Gemüt
lag ja alles so sicher und klar in einer Ruhe, die mir freilich
vollständig unerreichbar blieb, die mich aber doch wenigstens
einigermaßen hätte zur Besinnung bringen können und zur Anerkenntnis,
daß Jorinde ihre Gefühle auf andere Art ausdrücken mußte als ich. Das
verstand ich auch, theoretisch gewissermaßen; kam aber dann drei Tage
lang keine neue Nachricht, so verloren ihre so lieben Worte, die
geschriebenen, ihre Kraft. Eine geheimnisvolle Mattigkeit umschleierte
die Buchstaben. Ich las und las die Briefe noch einmal, las alle ihre
Briefe von Anfang an, aber selbst so süße unumwundene Geständnisse wie
das von den „sicheren Beweisen“ erschienen mir zwar reizend, zauberten
mir Jorindes ganze natürliche Unbefangenheit vor Augen, vermochten aber
meinen Durst nach neuen Beruhigungen nicht zu löschen. So lebte ich
statt von einem Vorrat alten Vertrauens immer nur gleichsam von der Hand
in den Mund. Mein Fehler, – ich weiß es wohl. Weiß aber zugleich, wie er
mit dem ganzen Aufbau dieser gefahrvollen Liebe zusammenhing.
Beim Zusammentreffen dann, – dieser unschuldige Blick der kindlichen
Augen! Das schmale blasse Gesicht, in das der Genius der Aufrichtigkeit
selbst die reinen Triumphbögen der Augenbrauen eingezeichnet zu haben
schien! – Wie hatte ich da nur zweifeln können, woran denn eigentlich,
ich Narr! Sagte mir nicht das erste hingebungsvolle Aufschimmern dieser
Augen, an der Bahnsteigsperre, im Menschenknäuel noch, in dem sie mich
erwartete: – sagte es mir nicht unverstellt und blumenrein: Ich liebe
dich ... Und dieser erste Kuß, auch noch im Menschengewirr, im
unterirdischen Durchgang unter den Schienen, dieser hastige, aber nicht
ganz kurze Kuß, in dem sich mir mit ihren sich öffnenden Lippen die
ganze Wärme ihres Inneren erschloß, gleichsam der einzige Wärme- und
Lebensherd inmitten einer kalten, halb erloschenen Welt.
Nur einmal im Monat oder höchstens in drei Wochen trafen wir einander.
Ich holte sie nur ab, und wir fuhren dann in eine nahe Stadt. Denn in
dem kleinen Augsburg war sie schon allzu bekannt. Es hätte Aufsehen
erregt, wenn sie sich mit einem Fremden gezeigt hätte. Wir hätten
nirgends unbeobachtet miteinander reden oder speisen können. Am
wenigsten durfte ihre Hauswirtin von mir wissen. – Kurz, wir waren
lästigerweise aus ihrem Wohnort ausgewiesen, und da dann doch immer
zumindest zwei, drei Tage mit solch einem Ausflug hingingen, war es
nötig, die Zusammenkünfte einzuschränken; denn Jorinde konnte sich
natürlich nicht leicht von Proben und abendlichem Auftreten frei machen.
Um sie in den schwierigen Anfängen ihrer Laufbahn nicht zu stören,
verzichtete ich lieber, drang nicht auf häufigeres Beisammensein, reiste
bald ab, selbst wenn sie mich zurückhalten wollte, – reiste zurück in
meine nördliche Sehnsuchtseinsamkeit.
Es gab keine Sentimentalität des Abschieds, die ich nicht mit ganzer
Seele erlitten hätte. Ihr winkendes Taschentuch, das mit der
Bahnhofshalle zurückblieb, verlor ich nicht eine Sekunde aus dem Auge.
Verschwand es, so fühlte ich, wie im gleichen Moment der Tod in meinem
Herzen sich festsetzte.
Und dann – allein sein! Wie es fassen, daß ich in Berlin, in meiner
kalten Wohnung erwachte, mich wusch, um mein Frühstück klingelte ... und
während dieser ganzen Zeit nicht wußte, was Jorinde tat! Oft ergriff
mich grenzenloses Staunen: ich fühlte Jorinde so sehr als Teil meines
Daseins, fühlte mich so ganz ihr zugetan, daß es mir unbegreiflich
vorkam, kein Bewußtsein davon zu haben, was in diesem Augenblick mit ihr
geschah. Unmöglich, daß ich so selbständig hier – und sie in einer
anderen Stadt – jeder für sich hinlebte. Da fehlte offenbar ein Organ –
ein Organ seelischen Zusammenhangs. Während in meiner Seele alles dafür
vorbereitet war, mit Jorinde auch in die Ferne hin innigste Verbindung
zu bewahren, war durch irgendeinen albernen Zufall rein körperlich die
Vorrichtung an meinem Leib nicht vorhanden, die das ermöglicht hätte. O
namenloses Grauen, das mich dann befiel; die ganze Welt erschien mir im
Entwurf fehlerhaft, – mir war, als hätte ich hinter die Kulissen der
Schöpfung geschaut und dort einen Fehler, ein Flüchtigkeitsversehen
bemerkt. Denn eigentlich hätte es doch so sein müssen, daß ich durch
Signale oder sonstwie von jedem Schritt, den Jorinde ging, Kunde
erhielt. Damit, daß es so etwas nicht gab – obwohl doch in meiner Seele
offenbar alle Vorbedingungen dafür gegeben waren, – mit dieser Lücke in
meinem Organismus oder im Weltplan habe ich mich nie versöhnen können.
O verzweifelte Anstrengungen, die ich machte, um mir Jorinde in voller
Lebendigkeit vorzustellen. – An den ersten Trennungstagen sah ich sie ja
noch ganz leibhaftig vor mir. Einige ihrer Mienen, einige Bewegungen
waren gleichsam noch an meiner Netzhaut haftengeblieben: wie sie leicht
vorgebeugten Ganges in einem hellgelben Kleid vor mir aus der Konditorei
trat, in der Tür die Schultern ein wenig nach vorn zog – oder ihr
Lächeln, wobei in der einen Wange ein Grübchen erschien, in der anderen
nur die Andeutung davon. Das alles sah ich an den ersten Tagen deutlich,
ohne mein Dazutun. Dann aber konnte ich mich nur noch förmlich abstrakt
an sie erinnern. Ich wußte zwar noch: „Weiße Stirn“, – aber das Weiß sah
ich nicht mehr. Die ermüdete Netzhaut lieferte gleichsam keine Kopien
der Originalaufnahme mehr. Auch erinnerte ich mich dann nur noch an
Bewegungen, die ich mir schon in den ersten Trennungstagen
vergegenwärtigt hatte; kein neues Bild kam mehr dazu, – während in den
ersten Tagen die heranschwebenden Bilder wie aus einer unendlichen Fülle
der kürzlich erlebten lieblichen Wirklichkeit aufzusteigen schienen,
eine ganz zufällige Auswahl nur, durch andere Erinnerungen ablösbar.
Aber an diese zufällige Auswahl der ersten Tage blieb ich dann
unerwarteterweise gebunden. Nur noch an Erinnerungen erinnerte ich mich.
Weshalb ich später schon von vornherein darauf bedacht war, mir in den
ersten Tagen nach dem Abschied recht viele verschiedenartige
Augenblicksansichten Jorindes ins Gedächtnis zurückzurufen. Oh, ein
Wahnsinn, ein verderblicher Kult, dem ich mich da ergab. Ohne ihn aber
hätte ich nicht mehr leben können. – Ich bat Jorinde auch um
Photographien, erhielt eine ganze Anzahl aus früherer und letzter Zeit.
Die aber halfen gar nichts. Im Gegenteil: sie hinderten nur ihr
lebendiges Bild. Vertiefte ich mich ins Anschauen einer solchen
Photographie, so verschwand die noch bewegliche Erinnerung, kam oft
überhaupt nicht mehr zum Vorschein. Und am ehesten half mir eigentlich
noch das Bild einer fremden Dame, das ich in der Reklameausstellung
eines Photographen am Hochbahnhof Nollendorfplatz entdeckt hatte. –
Täglich, ehe ich ins Bureau fuhr, blieb ich vor diesem Porträt stehen,
in Träume verloren, die mir aus den Zügen der Unbekannten Jorindes
ähnliches Antlitz nebelhaft hervortreten ließen.
Kam dann aber ein Brief von ihr, so war das Bild aufgefrischt.
Namentlich wenn der Brief entzückt einen neuen Erfolg bejubelte oder
auch voll Wut gegen eine Kollegin Alarm blies, die die beste Rolle
weggeschnappt hatte. Jubel oder Wut, – in so extremen Gemütsbewegungen
konnte ich mir Jorinde noch am ehesten vorstellen, konnte teilnehmen an
ihrem Unglück oder Glück. Wie aber, wenn sie in mittlerer Stimmung war,
weder besonders froh noch besonders aufgeregt, – in dieser eigentlichen
Sphäre ihrer Existenz? Das fiel mir schwer. –
So war es ein Traumleben, das ich führte. Nicht das, was ich rings um
mich sah, war mir wichtig – sondern das, was ich nicht sah. „Denkst du
an mich – ich denke _immer_ an dich“ – wohlgesprochen, aber es ist doch
nur eine Redensart. Immer? Was soll das bedeuten? Nein, Minuten, Stunden
verstrichen, in denen ich mich trotz allem mit anderen Dingen
beschäftigte, beschäftigen mußte. Ein leichtes Erschrecken mahnte mich
plötzlich: Nun hast du ja schon eine ganze Weile nicht an Jorinde
gedacht. Es war beinahe ein Vorwurf. Und doch auch Glück dabei. Glück,
weil nun Jorinde neu in mir auftauchte, eine neue Jorinde, gleichsam die
Jorinde dieses Augenblicks, neu erschaffen durch mich, für mich. Wie vom
Blitz erleuchtet, stürzte ich mich auf dieses Bild. Und gleich darauf:
ob wohl auch Jorinde manchmal so erschrickt, jäh an mich erinnert wird?
Das war der eigentliche Sinn der Frage, die ich ihr in jedem Briefe
schrieb: „Denkst Du an mich?“ Und sie erwiderte regelmäßig: „Mein
Liebster, ich denke immer an Dich.“ – Unmöglich, ihr zu erklären, warum
diese glatte Antwort gerade in ihrer Leichtigkeit mich beunruhigte. –
„Zicküt“ sang die Nachtigall. Vor dem bangen angewurzelten Geliebten
trug die Hexe sie auf offener Handfläche davon ...
So häuften sich jedesmal in der Zeit, in der ich ihr fern war, eine
ganze Menge ungelöster Mißklänge auf. Ganz ohne Jorindes Dazutun.
Einfach nur dadurch (das wußte ich wohl), daß ich mich zuviel mit ihr
beschäftigte. Daß ich die menschlichen Gefühlen gesetzten Schranken
überschritt, gegen Zeit und Raum widersinnig anzukämpfen strebte ...
Manche von diesen Mißklängen nahmen dennoch bestimmtere Gestalt an. Sie
formten sich zu Fragen. „Was machst du am Vormittag, wenn die Probe, wie
du schreibst, abgesagt war?“ Oder: „Wie ist die Sache mit dem Regisseur
ausgefallen, der dich küssen wollte? Du hast dann nichts mehr davon
geschrieben.“ Und ähnlich. – Da ich bei aller Reizbarkeit immer noch
Takt und Stolz genug besaß, derartige Fragen, die den Anschein eines
Verhörs erwecken konnten, in meinen Briefen zu vermeiden, verfiel ich
auf den Ausweg, sie auf ein Blatt Papier niederzuschreiben,
gewissermaßen zu sammeln und dann, wenn wir beisammen waren,
gelegentlich eine nach der anderen ins Gespräch einzuflechten, wobei
mich später ein Blick auf das Papier überzeugen konnte, ob ich nichts
vergessen habe. Ganz erstaunlich ist es, daß dieses Mittel, das doch so
gut erdacht war, nicht das geringste half. In Jorindes Gegenwart
erschienen mir nämlich alle die vorbereiteten Fragen wie durch bloße
Anwesenheit und Atem der Geliebten erledigt – geradezu lächerlich leicht
von mir selbst beantwortbar. Einiges brachte ich vor, ich schämte mich
dabei geradezu. War ich dann einen Moment allein und konnte mein Papier
durchsehen, so fand ich beim besten Willen nichts, was wichtig genug
gewesen wäre, um ernstlich besprochen zu werden. – Auf der Heimreise
erst erhoben die ungelösten Zweifel wie neubelebt ihr drohendes Haupt.
Dann fiel mir auch ein, daß ich dieses und jenes Gespräch mit ihr
angefangen, aber nicht zu Ende geführt habe. Eine täuschende Ruhe, –
täuschend, das merkte ich erst jetzt – hatte in ihrer Gegenwart von mir
Besitz ergriffen. Es genügte fast, eine Frage zur Sprache gebracht zu
haben. Überflüssig, die Antwort zu vernehmen. Oft hatte ich kaum auf sie
hingehört, von der bloßen Anmut ihres sprechenden Mundes eingenommen.
Oft hatte statt aller Antwort Jorinde nur Tierstimmen nachgeahmt, lustig
gebellt, gekräht ... Sie hatte ja immer den einen Ausweg: sie selbst zu
sein, hell und leicht. Und ich rollte wie ein Erdkloß, von ihren
tanzenden Füßen aufgehoben, dann wieder zurückgeschleudert, vorbei.
Ich habe sie wohl allzusehr geliebt.
Mehr, als es einem Menschen erlaubt ist zu lieben.
Es ist und bleibt ja eine bequeme Binsenwahrheit, daß man einer Frau
niemals zeigen dürfe, wie sehr man sie liebt. Daß man gerade dadurch
jede Herrschaft über sie verliere. O dieses Gerede vom „starken Mann“,
den die Frauen brauchen. Eine Banalität, – wie so vieles, mit dem man
sich das Reich der Liebe und seinen tiefen Ernst wegzuschwatzen sucht.
Ein geheimer Sinn mag ja darin liegen, daß die meisten sich scheuen, in
das Innere dieses Liebesreiches einzutreten, – daß nicht viele so fühlen
wie ich, – daß ihnen meine Art, mich der Liebe ganz hinzugeben, als
unmännlich, weichmütig, schlaff erscheinen mag. Nun gut, das sind
gepanzerte Menschen Einen Vorteil hat ja der Panzer ganz gewiß, sonst
würde ihn niemand tragen. Nur für den, der sich ganz menschlich und
unverstellt bewegen will, der die Wahrheit des Lebens liebt, für den
taugt die schwere Rüstung nicht. – Es ist ja überdies auch fraglich, ob
alle Frauen gerade nur den herrschenden bestialischen Mann wollen, oder
ob nicht manche den vorziehen, der stark an Liebe ist, rückhaltlos in
seiner Liebe wie ich. Jorinde (das weiß ich) liebte mich so, wie ich
war. Es ist in diesen Aufzeichnungen vielleicht noch nicht ganz zum
Ausdruck gekommen, daß sie mich geliebt hat, – dennoch weiß ich mit
aller Bestimmtheit, daß es so gewesen ist. Unendlich und mit
abschließender Kraft hat sie mich geliebt ... Und da könnte ich nun
sagen oder vielmehr könnte tun, als sehe ich die Sache einmal auch von
diesem Standpunkte aus: Habe ich es nicht besonders raffiniert
angefangen, – habe ich nicht durch meinen Ernst und meine Güte mehr
erlangt als all die hochstaplerischen und „starken“ Laffen, mit denen
Jorinde bei den Dilettantenaufführungen zusammengetroffen war? Über alle
habe ich triumphiert. Alle haben ohne Erfolg abziehen müssen, und mir
ist das schöne Mädchen zugefallen, mir allein. Und wie oft hat sie mir
dafür gedankt, daß ich mich nicht so unmenschlich gezeigt habe und „nur
auf das eine los“, wie jene Gewohnheitseroberer und Verführer. Nicht
flüchtigen Genuß hatte sie mir bedeutet – sondern Anbetung, einen
dauernden Altar; – sollte es nicht etwa Instinkte der Frauen geben, mit
denen sie eine den ganzen Mann erschütternde Leidenschaft vor allen
anderen herausfühlen? Wenn ja, dann hätte also ich den richtigen Weg
eingeschlagen, um Glück zu haben und die Braut heimzuführen, und
vielleicht kommt es auch noch einmal an den Tag, daß ich all den
Liebeswahnsinn nur – zu diesem Zweck – simuliert habe? ... Eine lustige
Möglichkeit, in der Tat! Die Wahrheit aber ist: daß ich viel zu stolz
war, mich zu verstellen und aus Gründen irgendeiner Taktik Jorinde
gegenüber meine Gefühle zu verheimlichen. Nicht aus Schwäche geschah
das, sondern aus Kraft. Weil ich mich dem Rückschlag gewachsen fühlte,
der entstehen mußte, wenn ich allzu offen meine grenzenlose Liebe
eingestand – weil ich wollte, daß Jorinde mich allem Rückschlag und
aller Taktik zum Trotz liebe. Absichtlich trug ich mein Herz auf der
offenen Hand. Ich wußte, daß mir das bei Jorinde schaden konnte, – tat
es dennoch. Wie man es anstellt, um durch scheinbares Abgekühltsein eine
Frau neu aufflammen zu lassen, dieses kindische, nach festen Regeln sich
abwickelnde Spiel hatte ich ja in jenen Liebschaften genugsam erprobt,
die gar nicht verdienen, denselben oder einen ähnlichen Namen zu tragen
wie meine Beziehung zu Jorinde. – Wahrlich, mit bescheidenen
Vergnügungen geben sich die Menschen zufrieden. Ich aber wollte die
Lauterkeit, die schlackenlose Sonnenscheibe der Liebe, wollte das Herz
meines Herzens spüren. Daß das eine Gefahr ist, ahnte ich wohl, wiewohl
ich die Katastrophe damals durchaus nicht voraussah. –
Da nun meine Liebe von solcher Art war und ebenso echt erwidert wurde:
warum haben wir denn eigentlich nicht geheiratet. Die Frage liegt nahe,
und die Anklageschrift wirft sie auch tatsächlich auf, freilich nicht in
redlicher Absicht, sondern um mich herabzuwürdigen, wie diese
erbärmliche Darstellung meines Verbrechens überhaupt darauf ausgeht,
mich als charakterlos, unzuverlässig und so weiter zu schildern. – Nun,
es wäre vergeblich, einen Zusammenhang zwischen meinem Gefühl und der
Sittlichkeit, wie sie die Anklageschrift im Sinne der herrschenden
moderierten und ungefährlichen Liebesmoral meint, herstellen zu wollen.
Ich beschränke mich darauf, eine Antwort, die sehr einleuchtend scheint,
als unzutreffend abzulehnen. – Wahr ist, daß mein Beruf mich in Berlin,
Jorinde als Schauspielerin in Augsburg festhielt. Daß aber dies der
Grund oder ein Vorwand gewesen sein soll, um die Ehe aufzuschieben (die
formelle Eheschließung, die der Anklageschrift so wichtig ist), das hat
mit meinen wahren Beweggründen gar nichts gemein. Sogar das ist
unrichtig, daß eine formelle Eheschließung bei getrenntem Wohnort an den
tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert hätte. Ich lehne es ab, mich
auf so billige Art zu verteidigen. Im Gegenteil: schon bei bloß
formeller Eheschließung, ja selbst dann, wenn Jorinde nur einen Ring von
mir getragen hätte, wäre es nicht zur Katastrophe gekommen. Die letzte
Spannung während der unglücklichen Eisenbahnfahrt entstand ja nur
dadurch, daß Jorinde als vollständig unabhängig von mir, sozusagen als
Fremde mir gegenüber saß. Und war auch diese letzte Spannung, die ich
nicht mehr ertrug, nur ein Symbol für das ganze der Beziehung zu Jorinde
zugrunde liegende Spannungsverhältnis: dennoch ist nicht daran zu
rütteln, daß schon ein Ring genügt hätte, um die Katastrophe zu
verhindern, und niemand kann ja sagen, inwieweit ein schicksalsvoller
Augenblick Symbol und inwieweit es bloß rohe, zufällige Wirklichkeit
ist. – Das alles also entschuldigt mich nicht. Klar ist vielmehr: ich
hätte sie heiraten sollen. In der letzten Zeit, als die Zweifel in mir
zu überwiegen, allzu qualvoll zu werden begannen, da dachte ich wohl
auch allen Ernstes: ich muß sie heiraten, sonst habe ich sie nie. Aber
gleich darauf: was heißt denn das eigentlich – „eine Frau _haben_“?
Welch eine barbarische und überdies unwahre Vorstellung. Ich „habe“ sie
– oder gar „ich habe sie gehabt“ – als könne man die Frau in einen Sack
stecken und wegtragen, samt und sonders, so wie sie ist. Oh, ich
begreife eigentlich das Gefühl des Lustmörders: Jetzt, jetzt gib mir
alles, was du bist, was du empfindest, – bis zur Neige, bis zum letzten
Tropfen – und dann stirb, dann sei nichts mehr, empfinde nichts mehr,
zum Zeichen, daß du mir wirklich alles gegeben hast ... Ein verirrtes
Gefühl, aber ich begreife es ganz gut. Obwohl es nicht mein Gefühl ist,
nein, meines nicht. Nie könnte ich gegen das, was ich geliebt habe, die
Hand erheben. – So habe ich denn auch den Mechaniker getötet; Jorinde
nicht, Jorinde habe ich nicht berührt.
Ich will nun den Grund sagen, warum ich nicht geheiratet habe. – Ich bin
Witwer. Ich habe die Ehe verkostet. Dem Wunsche meines Vaters folgend,
der eine Vergrößerung der Fabrik durch die Mitgift meiner Frau anbefahl,
habe ich mit einem mir gleichgültigen Wesen zwei Jahre lang
zusammengelebt, bis es starb. Es ist zu wenig gesagt (finde ich), daß
Ehe mit Liebe nichts gemein hat. Sie ist das Gegenteil der Liebe, die
ich als ewige Unsicherheit, als Glauben an eine Göttin, als Glauben ohne
Beweis empfinde. Die Ehe dagegen – ist der Beweis ohne den Glauben. – In
der Liebe wird man niemals satt. Ehe ist der Versuch, Liebe durch
Sättigung zu ersetzen, wobei aber seltsamerweise weder Liebe noch
Sättigung entsteht. – Wie alles, worüber man jahrelang nachgedacht hat,
habe ich das zu scharf ausgedrückt. Und ich weiß auch, daß eine Ehe mit
Jorinde von anderer Art gewesen wäre als eine mit einer anbefohlenen
Frau. So kann ich letzten Endes nur sagen: daß ich mich vor meinem
Gewissen stets als mit Jorinde vermählt betrachtet habe, – wir schrieben
einander auch nie anders als: „Liebe Frau“ – „Mein lieber Mann“ – und
daß es keinen treueren Ehemann gegeben hat als mich, treu nicht nur der
Pflicht, sondern auch dem Gefühl nach, – denn alle anderen Frauen als
Jorinde kamen mir, mußte ich schon mit ihnen reden, lästig und
langweilig vor – und die Männer auch, nebenbei bemerkt, – von Jorinde
entfernt führte ich nur ein Traumleben, und war ich mit ihr beisammen,
so war ich doch niemals satt von ihr. Unerreichbar blieb mir ihre Seele,
unerreichbar eigentlich auch ihr Leib, mochte ich ihn auch noch so oft
(wie der dumme Ausdruck sagt) „besessen“ haben. Von einer schönen Frau
wird man nämlich niemals satt, – gegenteilige Behauptungen gehören (wie
die von den „starken Männern“ und der „Peitsche“ beim Weib) zu jenen,
mit denen man sich Ernst und Abgründe des Liebesreiches wegdisputieren
will.
Einmal brachte ich denn auch Jorinde einen glatten Goldreif nach
Augsburg. Das Datum des Tages, an dem wir einander kennengelernt hatten,
war eingraviert. Mein Vorname dazu. Ein richtiger Ehering also. –
Jorinde freute sich sehr, steckte den Ring an die rechte Hand, – dann an
die linke, – „als Verlobungsring,“ sagte sie, „das stimmt doch eher.
Dann drückt er mich nicht so.“ – Als ich dann aber das nächste Mal kam,
trug sie ihn überhaupt nicht. „Um überflüssigen Fragen auszuweichen“,
erklärte sie. Ich erwiderte nichts, Verzweiflung faßte mich an. Damals
nämlich war der letzte Akt schon in vollem Gang, Jorinde verkehrte schon
mit dem Mechaniker ...
Lächerlich ist es natürlich, zu glauben, daß die Ereignisse, die nun
eintraten, hätten ausbleiben können, wenn Jorinde meine rechtmäßige
Ehefrau gewesen wäre. Die Unsicherheit, der ich schließlich erlag, war
doch schließlich von ganz anderem Rang als die Bindung, die durch einen
Eheschluß geboten wird. Niemals konnten diese beiden Ebenen
ineinandergreifen. Das ist an sich unbezweifelbar. Und dennoch: Der
Ring, – der Ring hätte die Entscheidung zumindest aufgeschoben, durch
Aufschub vielleicht ganz verhindert. Das deutet darauf hin, daß hinter
meinen Erwägungen doch ein letzter unauflösbarer Rest zurückbleibt. Ich
sage mir das selbst – ohne jedoch über diesen Rest irgendwie klar werden
zu können.
Die erste Erwähnung des Mechanikers geschah in einem Brief Jorindes ganz
nebenbei, neben zwanzig Kleinigkeiten. Trotzdem fiel für mich diese
Mitteilung sofort aus dem Rahmen des übrigen heraus.
Bei einem Ausflug nach Göggingen, so schrieb Jorinde, habe sie den
jungen Mann getroffen, der dort in der großen Hessingschen
orthopädischen Heilanstalt als Mechaniker beschäftigt sei. Zu ihrer
Freude habe sie in ihm eine Art Jugendfreund wiedererkannt, den
ehemaligen Assistenten, oder besser gesagt, Diener ihres Vater, der ihr,
wenn sie als Kind ins Laboratorium kam, freundliche Worte gegeben, sie
herumgeführt habe. – „Ein merkwürdiges Wiedersehen“, schloß die
Bemerkung. „Mich freut es, daß er nicht nur bei meinem Vater etwas
gelernt, sondern auch aus Eigenem sich weitergebildet hat, so daß er
jetzt eine ganz selbständige und angesehene Stellung auf einem anderen
wissenschaftlichen Gebiete ausfüllen kann. Er erzählt sonderbare
Geschichten über seine Abenteuer in Amerika während des Krieges. Ich
werde ihn öfters sprechen, denn Göggingen ist von Augsburg aus mit der
Elektrischen in Minuten zu erreichen, und es sind sehr hübsche
Spaziergänge dort.“ –
Ich las die Stelle noch einmal. Augenblicklich wußte ich, wie mit einem
Gongschlag –: etwas Neues beginnt. Eifersüchtig war ich zwar auch bisher
schon bei gegebener Gelegenheit gewesen, – aber nicht im Ernst, nur als
„Spiel mit dem Feuer“. Ich hatte während der Eifersucht gleichsam
gewußt, daß sie grundlos sei, – so wie man manchmal im Traum weiß, daß
man schläft und träumt. Jetzt aber war außerdem, förmlich neben aller
Eifersucht, auch noch ein Grund zu ihr da.
Ich wurde traurig. Sehr düster wurde es in meiner Seele.
Zuerst freilich raffte ich mich zusammen. Ich beschloß, gegen den eben
aufgetauchten „Dritten“ zu kämpfen, indem ich ihn nicht ernst nahm.
Möglichkeiten dazu gab es ja genug. Tatsächlich konnte ich mir auch
wirklich kaum einreden, daß sich Jorinde mit ihren ausgesprochen
aristokratischen Neigungen für einen ehemaligen Diener mehr als flüchtig
und ganz von oben herab interessieren würde. Der Diener war freilich
durch eigene Kraft emporgestiegen, imponierte, hatte die Welt gesehen,
das deutschfeindliche Amerika während des Krieges überstanden und für
seine Person in gefahrvollen Abenteuern überwunden ... Nun, wie dem auch
sei: Ich unterstrich in meiner Antwort das Dienerhafte, machte gar einen
alten, weißbärtigen Diener aus ihm, den „treuen Diener seines Herrn“,
warnte die „Prinzessin“ vor dem „in Ehren ergrauten Pagen“ – und
ähnliche Späße mehr.
Der Brief war in ganz ähnlichem Tone gehalten wie meine Neckereien, wenn
Jorinde bei Ausflügen einen Herrn vom Nebentisch etwas zu lange
angeschaut hatte. Und war ebenso ungeschickt. Denn aus Jorindes
selbstverständlichem Widerspruch kam dann stets ein Ernst in die Sache,
der vor meiner sogenannten Neckerei, in deren Kern doch eigentlich nur
Angst pulsierte, ganz undenkbar gewesen wäre. – Jorinde protestierte,
noch immer lustig und auf den irreführend leichten Klang meines Angriffs
eingehend, gegen den weißen Bart; der Mechaniker sei im Gegenteil, so
hieß es, ein junger hübscher Mann, der ihr sehr gut gefalle und auf den
ich eifersüchtig sein solle ...
„Eifersüchtig“ – nun war das schreckliche Wort schon ausgesprochen. – An
sich vielleicht nicht so schrecklich wie in meinem besonderen Fall.
Meine Beziehung zu Jorinde vertrug ja keine weitere Belastung mehr; die
Spannung, die sich nur eben noch an der Grenze des Ertragbaren hielt,
durfte und konnte nicht weiter gesteigert werden. So viel Unsicherheit,
so viel Zittern vor meiner Göttin – und nun noch ein Dritter neben uns
beiden: das ging über meine Kraft.
So kehrte schon mein nächster Brief reumütig und geschlagen aus dem
Witzgefecht zu aufrichtigem Ernst zurück. Ich bat Jorinde rund heraus,
nicht mehr nach Göggingen zu fahren, sie solle den Verkehr abbrechen,
ehe er gefährliche Formen annehme, die sie selbst heute noch nicht
vorherzusehen imstande sei.
Dieser Brief kreuzte sich mit einem sehr heiteren und ironischen
Schreiben Jorindes. Sie erzählte mir, daß sie bei einem Spaziergang mit
dem Mechaniker in einer Bauernwirtschaft eingekehrt und dort zur Musik
eines großen Orchestrions stundenlang mit ihm getanzt habe. Sie sei ganz
froh, endlich wieder Gelegenheit zum Tanz gefunden zu haben, die es in
Augsburg gar nicht gebe, zumindest nicht in einer Art gebe, die ihr
passen könne. – Und viele, viele Küsse an mich. Ich solle mich nur nicht
ärgern. Sie sei munter und quietschvergnügt ...
Tücken des Briefwechsels: niemals ist ein Gespräch mit regelmäßiger
Frage und Antwort zu erzielen, sondern wenn man längst etwas ganz
anderes gefragt hat, trifft die gar nicht mehr passende Antwort auf eine
frühere Frage ein, völlig unzutreffend für die Stimmung von heute. Es
ist, als ob ein Kranker, dem täglich etwas anderes fehlt, immer wieder
mit den Heilmitteln für die Krankheit, die vorbei ist, kuriert würde. –
Und doch bleibt einem nichts anderes übrig, als durch möglichst
schnelles Hintereinanderherjagen der Briefe die davoneilende Zeit
gewissermaßen einholen zu wollen. Ein sinnloses Unternehmen, nur zur
eigenen Beruhigung für Momente gut genug, genau genommen eigentlich nur
für den Moment, in dem man den wohldurchdachten neuen Brief in den
Briefkasten wirft, – in diesem einen Augenblick hat man tatsächlich das
Gefühl, die Angelegenheit zu beherrschen, zusammengefaßt in der Hand zu
halten, – nachher aber weiß man ganz genau, daß Briefschreiben nichts
hilft, daß allzu großer Briefeifer eher noch schaden kann; denn je
häufiger man schreibt, desto seltener und kühler wird einem geantwortet
– ein Satz von geradezu naturwissenschaftlicher Sicherheit, den ich wohl
im Kopfe hatte und nach dem ich mich gleichwohl nicht zu richten
vermochte.
Endlich kam Jorindes Antwort auf meine ernste Bitte. – Sie schrieb sehr
rührend. Der Mangel an Vertrauen, den ich bewiesen habe, täte ihr weh.
Denn Liebe sei doch nichts anderes als gegenseitiges Vertrauen. „Die
ganze Sache ist eine solche Harmlosigkeit,“ fuhr der Brief fort, „daß Du
wirklich nicht den geringsten Anlaß hast, Dich aufzuregen oder unruhig
zu sein. Hätte ich Dir das Zusammentreffen verheimlichen wollen, – wer
konnte mich zwingen, Dir überhaupt davon zu schreiben. Du hättest nie
etwas davon erfahren. Aber das eben ist mein Lohn dafür, daß ich Dir
alles sage – Mißtrauen meines einzigen Freundes.“
Ich mußte ihr innerlich recht geben. Kühl betrachtet, war es wirklich
eine ganz häßliche Einmischung, wenn ich ihr vorschreiben wollte, mit
wem sie verkehren dürfe, mit wem nicht. – Der erste Eindruck, den dieser
Brief Jorindes auf mich machte, war denn auch ein vorzüglicher. Später
aber fiel mir ein, daß sie auf die Hauptsache, ob sie nämlich den
Verkehr mit dem Mechaniker aufgeben oder fortsetzen würde, überhaupt
nicht eingegangen war. Ich erschrak bei dieser peinlichen Feststellung.
Nun erst wurde mir klar, daß ich es eigentlich am liebsten gesehen
hätte, wenn ich ihr gegenüber vollständig ins Unrecht gedrängt worden
wäre, – dadurch, daß sie sich meinem Wunsche, den ich als Unrecht
anerkannte, gefügt hätte. Ich wollte also gleichsam im Tatsächlichen
recht behalten und nachher großmütig, reumütig mein Unrecht
eingestehend, um Verzeihung bitten. Nicht aber umgekehrt. – Diesen
Seelenzustand nun meiner Frau auseinanderzusetzen ... ich unternahm es
wohl, es konnte aber nicht gelingen. Was sie aus meinem Brief herauslas,
herauslesen mußte, war ein süßsaueres „Ja“, eine etwas verärgerte
Einwilligung zu ihren Ausflügen nach Göggingen. „Wenn es sein muß, wenn
es für Dein Seelenheil unbedingt nötig ist, – meinetwegen, ich wende
nichts mehr ein.“ – Es war wohl ein Fehler, mit den geringen Reserven,
die ich noch besaß, den Starken, den Gleichgültigen spielen zu wollen.
Ganz verstohlen hoffte ich natürlich, daß meine Gleichgültigkeit dazu
beitragen würde, ihr den neuen Gesellschafter uninteressant zu machen.
Dazu aber reichte offenbar der Grad meiner Gleichgültigkeit nicht mehr
aus. Die Richtung meines Vorgehens war vielleicht gut, aber auf halbem
Wege brach ich in die Knie.
Jorinde also kam weiter mit meinem Feinde zusammen – und jeder Brief,
der mir die Fortdauer dieses Umgangs erklären sollte, steigerte meine
Qual. Die Gründe, die Jorinde vorbrachte, machten die Sache nur noch
ärger. Übrigens führte sie diese Begründungen in aller Argslosigkeit an,
– denn wiewohl ich meine Unruhe nicht ganz verhehlte, schämte ich mich
doch, all meine Furcht um sie, meinen ganzen bejammernswürdigen Zustand
einzugestehen. Es hätte mich in ihren wie in meinen eigenen Augen allzu
tief herabgesetzt. Ihre Forderung, daß ich Vertrauen zu ihr haben müsse,
war ja unwiderleglich, – kam geradezu aus dem Mittelpunkt unserer
Beziehung heraus, die sich doch völlig auf Glauben, ja auf Glauben ohne
Beweis aufbaute. Es hätte nur leider eines stärkeren Herzens bedurft, um
diese Stellung zu halten, – das sah ich ein. Wußte aber zugleich, daß es
etwas anderes als diese höchst gefahrvolle Stellung für mich, ja für
jeden wahrhaft Liebenden gar nicht geben könne. So mühte ich mich denn
weiter, solange es eben gehen mochte, – nahm mir vor, alle die kleinen,
wahnsinnig schmerzhaften Nadelstiche, die ihre Briefe mir (in aller
Arglosigkeit) zufügten, nicht zu beachten, erst bei der nächsten
Zusammenkunft mündlich die ganze Sache mit ihr zu besprechen. – Zu
meinem Unglück war aber gerade diesmal diese nächste Zusammenkunft in
ziemliche Ferne gerückt. Bei unserem letzten Beisammensein hatten wir
beschlossen, – in dem vollkommenen, geradezu kameradschaftlich wohligen
Einverständnis, das damals zwischen uns geherrscht hatte, damals ganz
besonders, damals mehr als je vorher – hatten beschlossen, daß wir uns
vor den Sommerferien nicht mehr sehen und mit voller Kraft nur unseren
schwierigen Berufsaufgaben widmen würden, um uns dann am Ende der
Arbeitssaison für so viel Entsagung durch eine herrliche Sommerreise
nach Holland und an die Nordsee belohnen zu können. Jorinde studierte
damals zum erstenmal eine moderne Rolle, – die Hauptrolle in Max Brods
neuem Lustspiel „Klarissas halbes Herz“. Die Gestalt der kapriziösen,
dabei aber nicht oberflächlichen, sondern von großer Leidenschaft
besessenen „Klarissa“ stellte ungeheuere Anforderungen, verlangte Blut
und Mark der Schauspielerin (nebenbei bemerkt: auch diesem Stück, in dem
so viel von Untreue die Rede ist, schob ich zu einem gewissen Teil die
Schuld an meiner inneren Unruhe zu. Die Wankelmütigkeit der Bühnenfigur
mußte ja in irgendeiner Weise auf die Darstellerin abfärben. Den Gemahl
Klarissas aber beneidete ich um seine eisernen Nerven). – Und so wie
meine Frau, stand auch ich vor wichtigen Entscheidungen. Meine beiden
jüngeren Brüder bedrohten mich mit einem Prozeß. Ich hatte sie nach dem
Tode des Vaters aus der Erbschaft vollständig abgefunden. Nun aber
machten sie trotzdem Ansprüche auf die Fabrik geltend. Das Aufblühen des
Unternehmens stach ihnen wohl gewaltig in die Augen. Sie wünschten als
Kompagnons einzutreten, mit ganz minimalen Einlagen, die ihnen als Rest
des väterlichen Vermögens geblieben waren, aber mit vollen
Herrenrechten. Die Früchte meiner Arbeit, auf die Jorindes
Sonnenstrahlen herabgeleuchtet hatten, sollten mir abgenommen werden.
Mehr als das: meine wissenschaftlichen Experimente waren bedroht, wenn
die rein kaufmännisch denkenden Brüder als gleichberechtigte Inhaber
neben mich traten. – So setzte ich mich denn kräftig zur Wehr, und
Jorinde hatte bisher Anteil an meinem Kampf genommen, tat dies wohl auch
weiterhin ... nur ich war unterhöhlt, mich selbst beschäftigte nur noch
ausschließlich die Beobachtung des „Dritten“, der, täglich und stündlich
von mir verwünscht, in immer neuer Darstellung aus Jorindes Briefen
hervorgrinste. Es war allerdings in diesen Briefen nicht viel die Rede
von ihm. Nur hie und da widmete ihm Jorinde ein Wort. Mir aber schien
es, als ob die Briefe von nichts andrem mehr handelten.
Ihre Gründe, – arglos vorgebracht, wie ich schon sagte, aber um so
peinigender für mich: daß sie blutarm sei, an Schlaflosigkeit leide –
der Arzt habe ihr Spaziergänge verordnet – sie habe aber keine Lust,
allein spazierenzugehen. Und mit Theaterleuten wolle sie außerhalb des
Theaters nichts zu tun haben. „Die gehn mir schon ohnehin auf die
Nerven“, schrieb sie. „Du wirst doch begreifen, daß man sich manchmal
nach Abwechslung sehnt. Es ist mir so sympathisch, einmal mit einem
Menschen zu reden, der mit der Hand arbeitet, nicht immer nur mit dem
Kopf.“
Und ich? – notierte ich an den Rand dieses Briefes ...
Oh, ich verstand Jorinde nur allzu gut. – Hier tat sich der Abgrund
zwischen ihr und mir auf. Wir gehörten eben jeder doch in eine andere
Welt. Das Abendessen im Hause ihres Vaters tauchte vor meinen Augen auf.
Die dunklen Möbel, – der junge Privatdozent mit dem edlen, kühnen
Landsknechtgesicht, Pfeife rauchend, – der Vater, der wie ein Förster
aussah, der die Stadt verabscheute und im bayrischen Wald auf die Jagd
ging. Auch der Mechaniker, der seine Hand nach meiner Jorinde
ausstreckte, kam aus den Tiefen dieses undurchdringlichen Waldes. Er
holte nun meine Frau heim. Mit ihm war sie tief innerlich verbunden,
durch ihre Einfachheit, ländliche Stille, – es war kein Zufall, daß er
früher bei ihrem Vater gearbeitet hatte, daß er Kindheitserinnerungen in
ihr weckte. Nein, sie gehörten beide gleichsam zu derselben großen
Familie. – Ich dagegen, der schmächtige Berliner aus der glattgewalzten
nordischen Sandwüste, ich, der Natur entfremdet, vergeblich bemüht, aus
meinem ausgedörrten Herzen Vertrauen zur großen Mutter Erde, zu meiner
Göttin heraufzupumpen ... was hatte ich im Grunde mit Jorinde gemein.
Nur lieben konnte ich sie, dunkel lieben, grenzenlos, – das Herz sehnte
sich nach der großen Mutter, ohne daß mein Kopf dahin nachzufolgen
vermochte, wo es meinem Herzen so wohl tat. Wo war der Weg, der zu ihr
führte! Wie anders hätte der Mechaniker sie besessen, – besaß sie
vielleicht schon! Waldströme rauschten um seine mächtige Gestalt, wie
ein brauner Holzfäller im finsteren Bergtal trat er, die blanke Axt
geschultert, aus dem Dickicht, – so erschien er mir im Traum. Ich wollte
mit ihm ringen. Aber er berührte mich kaum, er ging mit Jorinde vorbei;
sie hatte mich gar nicht angesehen.
Unmöglich, zu ihr zu gelangen. Es war nicht meine Welt. – Eine klare
Erkenntnis: sie lebte in dem „anderen Deutschland“. Es gibt ja zwei
verschiedene Staaten dieses Namens. Berlin – und: Deutschland ohne
Berlin. Solange man in Berlin ist, merkt man dieses andere Deutschland
nicht. Aber es ist nicht minder da. Grundverschieden, trotz äußerlicher
Ähnlichkeit mit Berlin, wie sie sich etwa im Bau neuer Stadtviertel
zeigt oder in der sauberen Maschinenschrift der Gutachten von Professor
Grothius. Das ist nur Mimikry. Alle deutschen Städte treiben eine Art
Mimikry, sind berlinähnlich – im Innersten aber, ebenso wie das ganze
ungeheuere Feld- und Waldland ringsum, etwas ganz anderes als Berlin. –
Es war natürlich vergebliche Mühe, durch solche Überblicke allgemeinster
Art die Herrschaft über mich selbst oder gar über Jorinde erlangen zu
wollen. – Jeder neue Brief warf mich aus meiner erkünstelten Ruhe. „Wäre
es Dir vielleicht lieber, wenn ich meine freie Zeit mit der frivolen
Theaterclique verbrächte?“ schrieb Jorinde. Gewiß wäre es mir lieber,
hundertmal lieber – antwortete ich. Und ich fühlte es wirklich so. Oder
bildete mir zumindest ein, so zu fühlen. Ausführlich stellte ich ihr
meine Motive dar. Theater – das wäre im Umkreis ihres Berufs gelegen!
Ein Verkehr, den man pflegen muß, um nicht durch Separation allzuviel
Feindseligkeiten zu erregen. Der Verkehr mit dem Mechaniker aber war –
freiwillig, in einem gewissen Sinn überflüssig. Gerade das war es, was
mich erregte. Auf Theaterleute wäre ich nie eifersüchtig gewesen.
Wiewohl ich diese Art von Verkehr kenne, – man spricht da mit einer
hübschen Frau nie anders, als indem man sie streichelt, indem man mit
der Hand an ihrem Ärmel auf- und abfährt. Doch gerade diese zur
Konversation gehörigen Liebesbezeugungen stumpfen ab. – Nein, nein,
niemals hätte ich es mir beifallen lassen, auf ihre Kollegen vom Theater
eifersüchtig zu sein. So verrückt sei ich denn doch nicht ...
In ihrer Antwort lachte sie mich aus (wie sie überhaupt in ihren Briefen
den guten Humor nicht verlor. Ich glaubte sogar zu bemerken, daß sie
seit der Begegnung mit dem Holzfäller-Mechaniker in wesentlich
fröhlicherer Stimmung war als vordem). – „Du hast mich doch ganz, mit
Leib und Seele“, hieß es dann an einer anderen Stelle, ernsthaft, in dem
Brief. – Ja, ja, du bist mein, rief es in mir. Ein Jubel, ein frischer
Atemzug, der mich erquickte nach all der Not. Wie Duft des Meeres, wenn
man zerarbeitet, müde, zum erstenmal nach langem Stadttagewerk zur Düne,
zum Strand hinunterläuft, direkt vom Bahnhof, – um den reinen brausenden
Sturm einzuatmen, der über die ungeheuere Wasserfläche fährt. Mein Gott,
Jorinde ist ja mein, ist ja noch mein. Das Holde, Unübersehbare,
Unausdenkbare meines Glückes kam mir wieder plötzlich zu Bewußtsein, wie
neu geschenkt. – Doch gleich darauf klemmten sich mir die Lungen ein.
Ich hatte weitergelesen: „Er liebt mich, – doch weiß er, daß ich nie
heiraten werde.“
Da stand es nun also, schwarz auf weiß. Da stand es, was ich gefürchtet
hatte. Mein Argwohn war also nicht, wie ich insgeheim doch gehofft,
übertrieben gewesen, – zu einem Teil war er schon in Erfüllung gegangen,
zu einem wesentlichen Teil. – Er liebte sie. Eigentlich ganz
selbstverständlich. Kann man mit Jorinde verkehren, ohne von ihrer
einleuchtenden Schönheit überwunden zu werden? – Und nun wuchs meine
Unruhe ins Grenzenlose. Der eine Satz im Brief Jorindes eröffnete
tausend Fragen. Es war klar, und es ging ja auch deutlich genug aus dem
Brief hervor, daß Jorinde sich dieser neuen Liebe gegenüber abwehrend
verhielt. Aber kam es denn nur auf sie an? Der Dritte war ja gleichfalls
ein lebendiger Mensch, keine Puppe, – gewiß entfaltete er Kräfte, seinem
Charakter gemäß, über den ich mir aus den spärlichen Andeutungen
Jorindes leider gar kein Bild machen konnte. Sie betonte zwar immer, daß
sie „alles schrieb“, – schrieb aber gar nichts Wesentliches, so schien
es mir nun, – nicht einmal, wie der Mechaniker hieß, wußte ich bis
jetzt. Nicht einmal den Namen, o mein Herr und Gott! ... Das tat
freilich nichts zur Sache. Und auch auf seinen Charakter kam es
eigentlich nicht so sehr an, – mochte er auch der bescheidenste,
unzuversichtlichste Mensch der Welt sein, ganz ängstlich vor Jorinde,
noch ängstlicher als ich, – die Tatsache, daß er ein lebendiges Wesen
war, genügte ja durchaus, um mich auf das fürchterlichste zu stören.
Auch eine Maus ängstigt sich ja vor Menschen, – dennoch schläft man
nicht gern in einem Zimmer, in dem man eine lebendige Maus knabbern
hört. Daß sie ein lebendiges Wesen ist, daß man nicht weiß, was sie im
nächsten Augenblick machen, wohin sie spazieren wird, – – ja, ganz
ebenso unheimlich war mir der Dritte, der sich, und sei es noch so
behutsam, in meinem und Jorindes dunklem Schlafzimmer zu rühren begann.
In allem merkte ich von nun an seine Wirkungen, – Jorindes Briefe
schienen mit nicht so zärtlich wie zuvor. Geheimnisvollerweise war es ja
seither so gewesen, daß die Liebe, die aus ihren Briefen sprach, sich in
auf- und absteigender Linie bewegte. Es nahm immer denselben Verlauf:
die Briefe, die unmittelbar auf einen Abschied folgten, glühten
geradezu, – es gab da Wendungen wie „Ich zittere nach Deinem Mund“ –
„Ich kann die Nacht nicht überleben nach so sonnigen Tagen“ – Wendungen,
wie ich selbst sie gern geschrieben hätte, hätte ich mir nicht längst
schon angewöhnt, meine Gefühle brieflich nur gedämpft auszudrücken, um
Jorinde nicht zu verstimmen. Doch es nutzte ja nichts. Die Abkühlung
ließ nicht auf sich warten. Die folgenden Briefe waren nicht nur
gleichgültiger, – das könnte man für eine bloße Einbildung halten, –
nein, sie waren geradezu meßbar mit geringerer Lust, geringerem
Mitteilungsbedürfnis geschrieben: nämlich kürzer, mit großem, freiem
Rand, großen Buchstaben, großen Zwischenräumen zwischen den Zeilen und
ohne jenen Briefschmuck, den ich am meisten liebte, nämlich ohne diese
quer an den Rand gesetzten, manchmal rings um den ganzen Briefbogen
herumführenden Nachschriften, die so richtig das Gefühl vermitteln, daß
sich der Briefschreiber aus dem Zusammenhang mit dem Adressaten nicht
lösen mag, daß er verweilt, daß ihm immer noch etwas Neues einfällt, wie
in lebendigem Gespräch unter vier Augen. – Dies alles also fehlte bei
späteren Briefen. Ich sah die Ebbe jedesmal kommen, wurde aber immer neu
von ihr überrascht.
Es war wohl ein natürlicher Vorgang, was sich in Jorindes Briefen
ausdrückte und was nur mir in meiner Perspektive als widerspruchsvoll
erschien, es war ein Naturablauf der Gefühle, wie Blühen, Reifen und
Verwelken von Pflanzen. Aber diesem Naturablauf gewachsen zu sein, – das
eben war die Aufgabe, die meine Kräfte überstieg. Und auf dem
abwärtsgleitenden, wankenden Boden eines nur mit Mühe und äußerster
Selbstbeherrschung zu führenden Briefwechsels tauchten nun überdies die
Auswirkungen des „Dritten“ auf. Sie ließen sich nicht konkret
feststellen, – ließen sich aber ahnen. Gab man sich Ahnungen hin, dann
waren diese Emanationen, diese Überschattungen durch eine fremde Ansicht
freilich überall da. So etwa in Jorindes Schrift, die schon begonnen
hatte, der meinen ähnlich zu werden (süßeste Entdeckung! geheimste
Freude!), und die nun wieder ihre alten, von mir unabhängigen oder ganz
fremden Buchstabenformen annahm. – Oder wenn ich ihr allerlei
Medikamente gegen ihre Schlaflosigkeit schickte, sie aber Medikamente
überhaupt ablehnte und an den Spaziergängen als viel gesünderem
Heilmittel festhielt, – was lag näher, als darin die Beeinflussung durch
Meinungen eines Naturburschen zu sehen, wie dieser Mechaniker einer sein
mochte! Gewiß mußten seine Ansichten (einfach die Kraft seiner
Gegenwart) allmählich die Oberhand gewinnen, mich und meine besondere
Ideenwelt bei Jorinde verdrängen.
Gerade das aber war es, was sie nie zugab. Ihrer Ansicht nach liebte sie
mich „immer gleich“. Es gab für sie kein Auf und Ab der Gefühle. Wenn
sie doch wenigstens dieses Auf und Ab zugegeben hätte, – ich glaube,
dieses bloße Zugeständnis, dieses Einsehen, daß es so sei, hätte mich
schon ein wenig getröstet, über das ärgste hinweggebracht. „Schau, du
mußt doch selbst bemerken, daß deine Briefe vor einem Monat ganz anders
geklungen haben als heute, viel inniger, viel mehr für mich Partei
ergreifend, mich entschuldigend, da wo es not tat, meine Vorzüge gegen
meine Schwächen ausspielend.“ Aber nein, das merkte sie nicht. „Ich
liebe dich immer gleich.“ Es war mir, als trüge sie eine Maske wie aus
Zement; hinter diesem Satz aber „Ich liebe dich immer gleich“, hinter
der Oberfläche der Maske bröckelte es, unaufhaltsam. – Dabei war es ja
durchaus keine Lüge, wenn sie „immer gleich“ sagte. Ehrlicherweise sagte
sie das. Schließlich mußte ich ihr ja zugestehen, auf ihre Art zu leben
und zu lieben, – und in ihren Augen waren eben gewisse Verschiebungen,
Änderungen, die bei mir unendlich viel bedeuteten, so gut wie gar
nichts. – Leider konnte mir auch diese Einsicht nicht helfen. Denn
zugegeben, daß sie selbst überzeugt davon ist, mich „immer gleich“ zu
lieben, daß sie die geringen Stufen der Abschwächung, die mich so
besorgt machen, gar nicht empfindet, – so könnte es doch eines Tages
geschehen, daß ihr wie mit einem Ruck das allmählich, nun aber schon
merklich gesunkene Niveau ihrer Liebe fühlbar wird. Was dann!? Sie wird
gleichsam in ihrer versperrten Vorratskammer von Liebe nachsehen, die
sie gefüllt glaubt, und plötzlich bemerken, daß diese Kammer ausgeraubt
ist. Und sie, – sie wird das so natürlich hinnehmen wie den ganzen
Lebenslauf. Ich aber – ich habe ja zusehen müssen, offenen Auges, wie
man aus dieser Kammer Stück für Stück das, was mir gehört, weggetragen
hat, – und ich darf mich gar nicht zur Wehr setzen, denn die Herrin
sieht den wochenlang fortgesetzten Diebstahl nicht, will ihn nicht sehen
– und die ganze Welt lacht mich aus und schreit: „Eifersucht!
Eifersucht!“
Ja, ja, – alle Qualen der Eifersucht lernte ich nun kennen. Nicht daß
sie den anderen liebt, – nicht das ist ja der Schmerz des
Eifersüchtigen, – sondern daß sie mich nicht mehr so sehr liebt wie
früher, daß mir durch ein anderes Gefühl, sei es auch an sich gering,
ein Anteil an ihrem Herzen, das vordem ganz mein eigen war, entzogen
wird, daß ich nicht mehr Alleinherrscher bin und daß man nicht absehen
kann, wohin, zu welcher Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse dieses
Abzwacken von Nebengefühlen im Laufe der Zeit führen mag ... O mein
Gott, nun war es wohl endgültig um meinen Seelenfrieden geschehen.
Ich ging keinen Augenblick so weit, auch in meinen schwärzesten
Befürchtungen nicht, zu glauben, daß Jorinde dem Mechaniker das gewährt
hatte, was sie „das Materielle“ nannte und gewissermaßen verabscheute.
Weit entfernt war dieser Verdacht. Ich kannte ja Jorindes Stolz. Sie
schätzte sich selbst viel zu hoch ein, als daß sie sich zur Frau zweier
Männer erniedrigt hätte. – Aber gab es denn nicht andere, für mich
ebenso schreckliche Möglichkeiten der Hingabe? Oh, unendlich süße
Möglichkeiten, wenn Jorinde es war, die in ihnen erschien, – ein Kuß
etwa – unvorstellbar, wahnsinnig, daß ein anderer als ich sie küssen
sollte. Und doch wußte ich ja, daß sie über Küsse ganz anders dachte als
ich. „Was liegt denn an einem Kuß“ – ich konnte diesen Ausspruch von ihr
aus meinem Gedächtnis leider nicht wegbringen. – Ich raste bei dieser
Erinnerung! Und malte sie weiter aus. Ja, genügte denn nicht ein
Händedruck, – oder der Tanz – oder ein langes, in guter Ruhe über
Stunden hin geführtes Gespräch, in dem die Seele sich ergießt, Zeit hat,
mit allem, was sie wünscht und hofft, ans Licht zu kommen. Oh, war es
nicht fürchterlich, – ein anderer konnte mit Jorinde reden, so oft er
Lust dazu hatte, und ich, ich mit all meiner Sehnsucht war eingesperrt
in die Ferne der Kilometer, ein Gefangener, der gegen das Gitter des
Raumes tobt. – „Denkst du immer an mich?“ Diese Frage war ja niemals zu
beantworten, schon damals nicht, als nur Jorinde und ich allein einander
gegenübergestanden waren, – schon damals hatten sich alle erdenklichen
Gegenstände zwischen uns geschoben, um unsere Gedanken abzulenken, –
schon damals war das bloße Nichtwissen um jede Minute des anderen mir
wie ein fürchterlicher Mangel in der Struktur des Menschen erschienen –
jetzt aber wußte ich ja überdies noch, daß sie zu gewisser Zeit ganz
bestimmt nicht an mich, sondern an den anderen dachte, geistig mit ihm
beschäftigt war. Es war anders nicht möglich. Sie mußte zur Haltestelle
der Elektrischen gehen, seinetwegen, – mußte danach streben, die
festgesetzte Stunde nicht zu versäumen, – o Qual, o Qual, – ja, fühlte
sie denn nicht, waren ihre Sinne wirklich so stumpf, dies nicht zu
erkennen, daß sie mit jedem Schritt zu dieser Station der Elektrischen
hin einen grauenvollen Diebstahl an meinem, meinem Gut beging! Daß jede
Bemerkung, dem anderen zugeflüstert, ein Verrat an mir war!
Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich schrieb ihr offen, wie ich
es fühlte.
Ihre Antwort brachte mich zur Verzweiflung. – Ich könne mir eben nicht
vorstellen, so klagte sie, in welch einer peinlichen, lähmenden Umgebung
sie lebe. Die unangenehmen Kollegen – und zu Hause die Wirtin, über die
sie schon immer geklagt hatte, ein unfreundliches, zanksüchtiges
Geschöpf. „Du mußt doch einsehen, daß man das Bedürfnis hat, einmal auch
ein schlichtes, vernünftiges Wort zu reden – nicht ewig Klatsch und
Niedrigkeit anzuhören. Aber Du gönnst mir die Freude nicht, obwohl ich
Dir wiederhole, daß es nichts Gleichgültigeres geben kann als diesen
Umgang. In den letzten Tagen war er meine einzige Rettung.“ (Welche
Widersprüche in den paar Zeilen: meine Randbemerkung.) „Ich danke Gott
auf den Knien, daß der Mechaniker mich nicht verlassen hat. Ich hatte
Streit mit der Wirtin, ich mußte sofort ausziehen. Und da ist er vom
Morgen bis zum Abend mit mir gelaufen, Wohnung suchen, bis ich endlich
schlecht und recht einquartiert bin. Ich wohne jetzt in der Gabelsberger
Straße, ganz nett. Ohne den Mechaniker wäre ich verloren gewesen. Du
siehst also, wie unrecht es von Dir ist“ u. s. f.
Ich war empört. Das wenigstens hatte ich bisher für mich in Anspruch
genommen: der einzige zu sein, der ihr half. Meine Göttin war ja in
einer gewissen, rein äußerlichen Hinsicht mein Geschöpf. Von dem
Gespräch in der Reginabar an hatte ich ihr Schicksal bestimmt, ihre Bahn
Schritt für Schritt ermöglicht. Und nun mischte sich ein anderer ein.
Ich erklärte, dies unter keinen Umständen dulden zu wollen ...
Nicht daß in ihrer Antwort viel von meiner Herzlosigkeit die Rede war,
daß sie sich aufs neue über mein Mißtrauen beschwerte, nicht ihre
Auflehnung gegen meine „Eifersüchtelei“ (mit diesem zahmen Worte
benannte sie es merkwürdigerweise) brachte mich nun vollends aus der
Fassung. Ein Satz am Anfang ihres Briefes war es, der mich ganz tief
erschreckte. Da hieß es: „Dein Schreiben, für das ich Dir danke, hat
mich sehr gelangweilt. Es ist immer nur der alte Trödel.“ – Was für ein
Ton! Es war die erste Grobheit in unserem Briefwechsel, der bisher nie
verwildert, nie ausgeartet war – bei aller Erregung nie. Und nun –
„gelangweilt!“ – Das hieß doch offenbar, daß der andere schon von ihrem
Herzen Besitz ergriffen hatte. Liebe konnte so nicht sprechen! Es war
gewiß nicht bloße Empfindlichkeit von mir, daß ich dies sofort ganz
scharf spürte. Mochte sie es wissen oder nicht, sie war mir verloren. –
Alle Selbstbeherrschung schwand. Berufsarbeit war lächerlich unwichtig.
Ich mußte sie sehen! Retten, was zu retten ist. Mit dem nächsten Zug
nach Augsburg. – An diesem Tage ging keiner mehr. – Es blieb nichts
übrig, als den Morgen abzuwarten.
In schlafloser Nacht (schlaflos wie schon eine ganze Reihe von Nächten
vorher, nur noch bohrender, noch fieberhafter als die anderen) gab es
eine einzige Hilfe für mich, ein einziges Mittel, nicht irrsinnig zu
werden. Ich mußte mir vorstellen, daß zwischen uns beiden wirklich
Schluß war. Auf alle günstigen Umstände, die Zweifel an diesem düsteren
Ende wecken konnten, auf die Liebesbeteuerungen (selbst noch in ihrem
letzten Briefe) durfte ich vorläufig, für diese Nacht, keine Rücksicht
nehmen, absichtlich mußte ich sie zu vergessen suchen. Nur kein
Schwanken! Nur nicht jetzt das unermeßliche heilige Glück sehen, die
große offene Fläche, gut zu leben – und im nächsten Augenblick
hinuntergeschleudert, für immer aus dem Licht verdrängt sein. Gerade
diese Zweifel zwischen Ja und Nein peinigten mich ja am meisten. – Zu
Ende, zu Ende! Mit diesem tödlichen Schmerz des Abschieds in der Brust
fand ich noch am allerehesten einen Zustand, der zwar nicht Ruhe genannt
werden kann, der aber doch noch innerhalb des Faßbaren und Möglichen
lag. Jorinde geht mich nichts mehr an. Weg, alle Gedanken an sie weg!
Sie ist nicht, ist nie gewesen. – Da schrak ich zusammen. Das wäre doch
noch gräßlicher als alles. Daß sie nicht lebt, daß das Ganze eine bloße
Einbildung von mir gewesen ist – nein, lieber leiden, lieber verzichten
und ganz weggehen, als ihre Existenz aufgehoben sehen. Aus diesem
tiefsten „Nein“ zum bloßen Abschied, aus dunkelstem Schwarz in
gemäßigtes Grau mich erhebend – so dämmerte ich dem Morgen entgegen.
Wie habe ich nur die zehn Stunden Eisenbahnfahrt zwischen Berlin und
Augsburg überleben können!
Jemand sprach mit mir, und ich antwortete. Ein freundlicher alter Herr
mit weiß umrandeter Glatze, den ich (ich wußte nur nicht, woher)
ziemlich gut kannte. Seine Freude über die Fortschritte der
Elektrifizierung in Deutschland konnte ich freilich nicht so recht
teilen; dennoch war ich froh, daß ich mir nicht ganz allein überlassen
blieb. Ich bat öfters um Entschuldigung für meine Zerstreutheit. Ich
erwartete eine Frage. Es war mir unmöglich, nicht _davon_ zu reden – und
schließlich deutete ich an, daß ich sehr traurig sei und einer
furchtbaren Entscheidung entgegenfahre. „Es wird schon gut ausfallen“,
tröstete mich der Alte. Wie mir schien, mit echtem Mitleid. Ich war
geneigt, seine Worte als Orakel zu nehmen. Es konnte ja vielleicht
wirklich noch alles ins Rechte gebracht werden. Ich gestattete mir
probeweise diesen Gedanken, kurz nur spielte ich mit ihm, – immerhin
ertrug ich bei Tag die Unsicherheit eher als in der Nacht. „Glauben Sie
das im Ernst?“ fragte ich aufatmend. Er lächelte: „Warum nicht?“ Dann
sprach er wieder von der neuen Schnellbahn zwischen Leipzig und Halle.
Stundenlang hielt ich mich aufrecht. Der Mann half mir, indem er mich
zwang, meine Gedanken doch einigermaßen ihm zuzuwenden. – Nur einmal
noch konnte ich mich nicht enthalten, von mir zu reden. Der Zug hielt in
R. Diesen Ort hatten wir so oft zum Zielpunkt unserer Ausflüge von
Augsburg aus gemacht. Erregt verließ ich das Abteil, stand im Gang
draußen und betrachtete, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte,
sehnsüchtig den Platz vor dem Bahnhof, der für einen Moment sichtbar
wurde. Als ich wieder eintrat, sagte ich: „Hier in R. war ich einmal
sehr glücklich.“ – „Erinnerungen?“ fragte mein Freund. – „Schöne
Erinnerungen, die machen mich jetzt traurig.“ – „Ach, gehen Sie, es gibt
doch nichts Besseres als solche Erinnerungen.“ Da verstummte ich, –
hörte ihm aber auch nicht mehr zu.
Ich hatte Jorinde telegraphisch gebeten, sie möge mich „genau halb fünf“
im Café Königshof erwarten.
Im Grunde zweifelte ich nicht daran, daß sie _nicht_ da sein würde. Da
alles vorbei war ...
Nun mußte die Entscheidung fallen. Nur noch Minuten! – Aber die wenigen
Minuten von der Bahn bis zum Café erschienen mir länger als die ganze
Reise. Es war, als kämen die Pferde überhaupt nicht vorwärts. Atemlos
saß ich im Wagen, atemlos wie im schnellsten Lauf. Regen schlug an die
klappernden Glasscheiben. Unter diesem Regen war die Luft wie
zusammengepreßt, so schwer, kaum in die Lunge einzuziehen.
Der Wagen hielt vor dem Café.
Ich trat ein, durchlief den Raum mit einem Blick, – ging dann prüfend
von Tisch zu Tisch, denn das Café war dicht besetzt, es konnte also eine
einzelne Person in der Menge sehr leicht dem Auge entgehen. – Nein,
lauter fremde Menschen – sie war nicht da, wiewohl die Uhr schon einige
Minuten über halb fünf zeigte.