„Klar sah ich alles – und doch trunken“
Mein geehrter Herr Verteidiger!
Meinen Dank zuvor und meine Anerkennung. Sie haben sich sehr menschlich
zu mir benommen! Dies der unmittelbare Anlaß für die folgenden
Aufzeichnungen, denen Sie alles entnehmen, wonach Sie mich die letzten
Wochen lang unablässig und immer wieder und immer ohne Erfolg gefragt
haben.
Ja, Ihre Neugierde, vielmehr Ihre Amtsneugierde – denn ich weiß sehr
gut, daß kein häßlich persönliches Motiv, sondern nur Pflichtbewußtsein
Sie angetrieben hat – Ihre Amtsneugierde wird durch die Darstellung, die
ich jetzt, um Mitternacht, beginne, vollkommen befriedigt werden, soweit
dies in meiner Macht liegt. Und ich hoffe ernstlich, ohne alle Ironie,
Ihnen damit einen Gefallen zu tun – Ihnen auf die einzige, mir noch
mögliche Art für die Vornehmheit, mit der Sie mich in dieser Zeit
behandelt haben, zu danken.
Sie sind von meinen Brüdern zu meinem Verteidiger bestellt.
Ich begreife durchaus Ihre Verlegenheit. Tagelang haben Sie kein Wort
aus mir herausbekommen. Wie, womit, in welcher Gegend menschlicher
Entschuldigungsgründe sollten Sie nun meine Verteidigung aufbauen? Ich
stelle Ihnen das Zeugnis aus, daß Sie kein Mittel unversucht gelassen
haben, mich zum Reden zu bringen. Sie haben freundschaftliches Zureden,
Philosophie ins Treffen geführt, auch Überraschungen, auch leise
Drohung. – Ganz offen gesprochen: Ihren Eifer verstehe ich nicht. Was
gehe ich Sie an? – Das Honorar also? Nun, wenn ich sterbe, was doch so
ziemlich sicher, hoffentlich ganz sicher ist, dann fällt mein Vermögen
an meine zwei Brüder und Kompagnons, die mir ganz gleichgültig sind und
denen ich so wenig bedeute, daß ich sehr bezweifle, ob man die Höhe
Ihres Entgelts nach den Anstrengungen bemessen wird, die Sie zur
Erhaltung meines Lebens gemacht haben. Man wird Ihnen ja gewiß auch
nicht weniger geben, wenn Sie sich sehr bemühen; dazu sind meine Brüder
viel zu anständig, viel zu korrekt; aber voraussichtlich auch nicht um
einen Pfennig mehr. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat man bereits ein
gewisses Fixum im vorhinein bestimmt, eine Post zur Tragung dieses
notwendigen, wenn auch unerwarteten Aufwandes im Budget unserer Fabrik
ausgeworfen. Fixum, Budgetpost, Vorausberechnung nach kaufmännisch
soliden Grundsätzen – das ist ja die Welt meiner Brüder. War auch die
meinige, äußerlich zumindest. Nun gut, ich wollte Sie nur vor
übertriebenen Hoffnungen warnen. Ihre Funktion wird bezahlt werden,
nicht die Intensität Ihres Interesses. Berufsinteresse vielleicht? Dies
die Erklärung? Möglich – für mich jedoch völlig dunkel. Kommt es denn
wirklich vor, daß man sich für seinen Beruf ehrlich, in voller
Befriedigung interessiert? Besser gesagt: ist es möglich, sich für etwas
anderes zu interessieren als für Angelegenheiten der Liebe? Von Herzen
zu interessieren, meine ich, nicht nur oberflächlich, halb im Wachen und
halb im Traum? – Hoffentlich verstehen Sie, was ich damit meine. Sonst
lesen Sie lieber gar nicht weiter; Sie würden auch das Folgende nicht
verstehen ...
Doch um eines bitte ich Sie noch, ehe ich weiterschreibe: Bitte,
besuchen Sie mich nicht mehr! Nehmen Sie diesen Brief nicht etwa als
mehr oder weniger verhüllten Anknüpfungsversuch, als eine Art
Aufforderung, den Verkehr mit mir fortzusetzen, vielmehr eigentlich erst
jetzt so richtig anzufangen; denn bisher ist es ja ein durchaus
einseitiger Verkehr gewesen – Sie redeten stundenlang auf mich ein und
ich antwortete nicht. Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie dabei niemals
grob, niemals auch nur unfreundlich gegen mich geworden sind. O das war
so gut von Ihnen! Das hat Ihnen mein Vertrauen verschafft! – Nur ein
einziges Mal haben Sie so etwas wie „störrischer Kerl“ zu Ihrem
Begleiter geflüstert. Ich gestehe, daß mich das sehr geärgert hat. Als
Chef meines Unternehmens war ich ja seit je gewöhnt, von meiner Umgebung
immer mit der größten Hochachtung, ja mit einer gewissermaßen
kirchlichen Bewunderung angesprochen zu werden. Angestellte wie
Geschäftsfreunde, alle wollen immer etwas von einem haben, und da
ergeben sich die allerhöflichsten Formen von selbst. Nun im
Untersuchungsgefängnis, das weiß ich wohl, hat man ja auf eine derartig
gewählte Behandlung keinen Anspruch. Dennoch hat es mich, gerade heraus,
gewundert, daß Sie, ein gebildeter Mann, Akademiker sogar, sich so weit
gehen ließen ... Ich muß allerdings zugeben, daß ich ziemlich
empfindlich bin. Und somit basta, ich habe mich nun erleichtert, ich
habe mir das einzige, was ich gegen Sie hatte, von der Seele gesprochen,
– es wird mir nun hoffentlich nicht mehr schwer fallen, Ihnen ohne
Rückhalt das zu erzählen, wonach Sie ein so starkes Bedürfnis an den Tag
gelegt haben. Wie zu einem Freund will ich nun zu Ihnen sprechen. Was
Sie dann von all meinen Mitteilungen für Ihr Plaidoyer an die
Geschworenen verwenden wollen, was nicht, – bleibt Ihnen anheimgestellt.
Nur fragen Sie nicht mehr, lassen Sie sich nicht mehr in meine Zelle
bringen, wehren Sie doch lieber alle Besuche ab, die mir noch etwa
drohen. Ich will allein sein. Die Anwesenheit von Menschen quält mich.
Auch die Ihrige hat mich, trotz Ihres musterhaften Vorgehens, namenlos
gequält. Ich will Ihnen gleich sagen, warum. Ich will Ihnen in diesem
Brief alles sagen, was über mich, was über den rätselhaften Kriminalfall
zu sagen ist, in dessen Mittelpunkt ich stehe. Ich habe einen mir ganz
fremden Menschen umgebracht, einen Menschen, der, wie man sagt, auch
meiner Frau fast gänzlich fremd war. Sie werden gleich lesen, wie es zu
solch einer unerhörten Tat kommen konnte, kommen mußte. Alles werden Sie
lesen. Nur, um Gottes willen, keine Fragen mehr, keine Besuche. Ersparen
Sie mir alles Weitere! Sonst hätte auch dieser Brief sein Ziel verfehlt,
– im Kleinen ebenso sein Ziel verfehlt wie im Großen mein ganzes Leben.
Herr Verteidiger! Ja, ich fühle mich schuldig.
Ein Teil der Qual, die Sie mir verursachen (obwohl, wie ich immer wieder
hervorhebe, Ihr ganzes Trachten darauf abzielte, mir nicht wehezutun, –
obwohl ich in Wahrheit nie einen so gütigen, so geduldigen Menschen wie
Sie gesehen habe, – einen Menschen, der mich vielleicht gerettet hätte,
wenn ich früher mit ihm zusammengetroffen wäre, und dem ich daher dies
alles nicht seiner Berufsstellung wegen mitteile, – das war Unsinn,
womit ich vorhin anfing, – nein, aus Liebe, aus Liebe zu Ihnen, zu Ihrem
unbegreiflich sanften, erbarmenden Blick, der auf mir ruhte, dem
„störrischen Kerl“ – aus Liebe schreibe ich dies. Ohne Liebe würde ich
offenbar nicht die Nacht in ein Schreibheft schlagen, ohne Liebe würde
ich überhaupt nichts tun, habe ja alles nur aus Liebe getan und beichte
also auch nur, weil ich zum erstenmal etwas wie Freundschaft, wie Liebe
zu einem Mann, zu Ihnen, im Herzen spüre) – die Qual also, die Sie mir
verursachten, beruht vor allem darauf, daß Ihre Einstellung gegen mich
eine vollständig falsche ist.
Sie suchen Entlastungsgründe für mich.
Ich aber fühle mich schuldig, und ich suche Tatsachen, die mich belasten
könnten.
Nun sehe ich Sie lächeln. Belastende Tatsachen? Als wäre das Verbrechen
an sich nicht belastend genug. „Seltsame Verblendung“, – höre ich Sie
sagen. „Ein Mord, und noch dazu auf die furchtbare, ja bestialische Art
ausgeführt, von der die Anklageschrift so viel spricht – genügt ihm das
wirklich nicht zur Belastung vor Gott und Welt?“ – Nun, ganz nebenbei
bemerkt, gerade diese „bestialische Art“, von der so viel Aufhebens
gemacht wird, müßte meiner Ansicht nach eher für als gegen mich zeugen.
Sie beweist doch ganz klar, daß ich nicht darauf ausging zu morden, daß
ich auf einen solch traurigen Schluß der Angelegenheit nicht im
mindesten vorbereitet war.
Hätte ich die Absicht gehabt, den Mechaniker zu töten, so hätte ich
wahrscheinlich einen Revolver mitgenommen. Ich hatte aber keine Waffe
bei mir. Leider! So geschah es denn, wie es geschehen mußte.
Ich sage das aber durchaus nicht zu meiner Entschuldigung. Dieser ganz
nebensächliche Umstand beweist nur, wie gedankenlos die Anklageschrift
gegen mich verfaßt ist, so gedankenlos und halb und unausgetragen, wie
eben alles, was aus „Berufsinteresse“ geschieht. Für mich selbst jedoch
und meine eigene Beurteilung meiner Schuld ist dieser Umstand
vollständig bedeutungslos. Für mich ist nämlich die ganze Tatsache, daß
ein Mensch, ein fremder Mensch an mir gestorben, mir zum Opfer gefallen
ist, – verzeihen Sie die Aufrichtigkeit – eine Nebensache. Nicht des
Mordes fühle ich mich schuldig, – obwohl ich selbstverständlich zugeben
muß, ein Mörder zu sein, – aber das liegt nur an der Oberfläche meiner
Schuld. Und gerade heute, wo einige Millionen junger Menschen am
Weltkrieg gestorben sind, unter direkter oder indirekter Mitwirkung von
uns allen, die wir ihn überlebt haben, erscheint mir ein einzelner
Totschlag nicht gerade als das Aufregendste und Auffallendste an mir und
unserer Zeit.
Wahrhaft schuldig fühle ich mich eigentlich einer anderen Sache wegen: –
schuldig, weil ich mich bedingungslos in die Gewalt einer Frau gegeben
habe, weil ich meine Wollust daraus zog, ihr zu dienen mit meinem ganzen
Wesen und Wollen.
Ja, das ist wahr. Indessen: Die volle Wahrheit ist es doch nicht. –
Schuldig, mich in die Gewalt einer Frau begeben zu haben? – Habe ich
mich denn wirklich in diese Gewalt wissentlich und mit Willen begeben? –
Ich bin seit je sehr abhängig von Frauen gewesen. – Einen „_homme à
femmes_“ hat mich einmal ein Freund, – nein, kein Freund, ein
satirischer Beobachter – genannt. Ich weiß nicht, woher er diesen
Ausdruck hatte, – vielleicht ist es nicht einmal ein korrekt
französischer Ausdruck, – ich verstand ihn jedenfalls so, daß ein Mann
damit gemeint sei, für den Frauen das einzige sind, was er ernst nimmt.
Kein Wüstling, – eher das Gegenteil eines solchen. Ich habe niemals
ausschweifend gelebt. Und vor allem war mir immer die Verbindung von
Zynismus und Liebe – oder Humor und Liebe – oder Alkohol und Liebe oder
ähnliches ganz fremd. Liebe, die einer Verbindung mit liebesfremden
Stimulantien bedarf, scheint mir geradezu verächtlich. Liebe allein,
Liebe um ihrer selbst willen, Liebe und Sehnsucht und Begeisterung und
zuletzt bei Jorinde sogar auch noch randvolles Glück und das
unermeßliche Unglück der Liebe, – – wahrhaftig, es hat mir genügt, ein
Leben auszufüllen. Andere Leidenschaften verstehe ich nicht. Es sind
wohl auch noch nur unbedeutende Gemütsbewegungen, denen man diesen Namen
irrtümlich, mißbräuchlich verleiht. Ich kenne sie nicht, ich verstehe
sie nicht. Weder Ehrgeiz noch Spiel, weder Trinken noch Rauchen, weder
Sammeln noch Reisen. Die Leidenschaft jedoch, die ich meine, – beruht
sie auf meiner freien Wahl? War sie wirklich meine Schuld? Gerade die
Einzigkeit, mit der ausschließlich sie allein von mir Besitz ergriffen
hatte, beweist vielleicht, daß ich nicht anders konnte als ihr völlig
unterliegen.
Kurz und gut ... wenn ich selbst an meiner Schuld irre werde (und Sie
tun recht daran, das Vorhergehende als einen schüchternen
Rechtfertigungsversuch anzusehen – nicht vor dem Gericht freilich, wohl
aber vor meinem eigenen Gewissen), wenn ich selbst die belastenden
Tatsachen nicht auffinden kann, die ich suche, deren ich so dringend
bedarf, um zur Klarheit über mich und meine Untat zu gelangen, – dann
genügt es schließlich doch immer, mir eine einzige Szene vor Augen zu
stellen. Denke ich an die zurück, so ist mir allerdings meine Schuld
ganz unzweifelhaft klar. Eine äußerlich sehr unscheinbare Szene, – ich
sitze allein im Automobil, das an einer Straßenecke hält, im lauen
Frühlingsregen und warte auf Jorinde – daran scheint ja eigentlich gar
nichts zu sein, – aber der Jubel, der unermeßliche Jubel, der mich diese
Stunde lang (oder vielleicht war es auch nur eine halbe, eine
Viertelstunde) erfüllte! Dieser Jubel ist allerdings an sich noch keine
Sünde, aber er hängt doch im Innersten mit meiner Sünde zusammen.
Ich warte auf Jorinde, und ich weiß, daß sie in wenigen Minuten bei mir
sein wird, neben mir, auf dem weichen Sitz des Autos. Denn sie ist ja
eben noch neben mir gesessen, hat mich nur hier warten heißen, nur für
ein Weilchen, während sie ihre Sachen zusammenpackt, um dann mit mir
abzureisen. Jetzt, sofort wird sie um die Ecke biegen, an der
Litfaßsäule vorbei. Um ein paar Tage lang ganz mein zu sein. O diese
Erwartung, diese ganz bestimmte Erwartung einer wundervollen Zeit, zum
Greifen nahe vor mir. Diese Erwartung, so nahe an der Erfüllung, daß sie
nicht mehr getrogen werden kann, und die ja dann auch tatsächlich in
Erfüllung gegangen ist. O kaum faßbares Glück einer solchen Gewißheit, –
zumal wenn man fünf Tage und fünf schlaflose Nächte vorher im Fieber der
Ungewißheit gelegen ist. Diese peinvolle Zeit der Zweifel gehört ja
wahrscheinlich als Vorbedingung mit dazu. Wie dem auch sei, genug, die
bloße Erinnerung an meinen Herzjubel damals genügt mir auch heute noch,
um mich für alle Qualen vor und nach dieser Stunde, selbst für alle
Gewissensqualen und für meinen schimpflichen Tod reichlich zu
entschädigen. O mehr als das! Es gibt einfach nichts, was ich nicht
hingeben würde für das Erlebnis dieser einen Stunde. Meine ewige
Seligkeit, – hin, hin für eine einzige Sekunde solchen irdischen Glücks!
Es war kein Rausch damals; ich fühlte mich vielmehr ganz klar bei
Bewußtsein, meine Gedanken jagten nur zehnmal schneller als sonst und
doch in so träumerischer Gelassenheit durch meinen Kopf. Einer von ihnen
etwa so: Würde ich in diesem Augenblick gelähmt werden, von einer
Krankheit befallen, die mich von jetzt an bis an mein Lebensende
jahrzehntelang in einem Lehnsessel festhielte, – ich wollte dennoch
niemals wider Gott murren, nie mein Schicksal beklagen, immer nur danken
dafür, daß ich einmal eine Stunde lang so unbeschreiblich frei und
gerettet im Vollmaße der Seligkeit habe leben dürfen.
In Augsburg war es, an der Ecke der Gabelsberger- und der
Frohsinnstraße. Ja, sie heißt wirklich so: Frohsinnstraße. Der Name ist
nicht erfunden. – In der Dämmerung eines grauen, regnerischen
Frühlingsabends ist es geschehen. Ich werde davon berichten, sobald ich
an diese Stelle meiner Schicksalserzählung gelangt bin. Vielleicht kann
übrigens gerade hievon nichts oder nichts Wesentliches erzählt werden. –
Ich habe ja auch nichts anderes sagen wollen, als daß die Erinnerung an
diesen Jubel genügt, um mir mit aller Deutlichkeit meine Sünde vor Augen
zu führen. Im wesentlichen scheint es etwa darauf hinauszukommen, daß
ich mich einer zu großen Sache vermessen habe. – Ich habe mehr auf mich
genommen, als ich zu leisten vermag. Auch das werde ich zu seiner Zeit
zu erklären versuchen.
Wie ich Jorinde kennengelernt habe, gehört wohl nicht ganz zur Sache.
Ich will mich daher kurz fassen.
Es war vor zwei Jahren, im Frühherbst, – in demselben Monat vielleicht,
in dem es jetzt zu Ende geht.
Damals kam ich nach München, um mit Professor Grothius zu sprechen.
Grothius, eine der ersten akademischen Autoritäten auf dem Gebiete der
Nahrungsmittelchemie, machte seit Jahren die bedeutenderen Analysen für
unsere Präparate. Obwohl wir (das heißt: die Fabrik) in ziemlich regem
geschäftlichen Briefwechsel mit ihm standen, war ich doch nie persönlich
mit ihm zusammengetroffen. Eine außergewöhnlich wichtige Angelegenheit
hatte diesmal meine Reise veranlaßt. Es handelte sich um eine uns
angebotene Erfindung, in der wir Millionen investieren sollten. Die
Sache drängte. Und so nötig meine Anwesenheit in unserem Berliner
Betrieb jahraus jahrein war: diesmal mußte ich mich losmachen, um die
mit dem Gutachten des Professors zusammenhängenden Entscheidungen an Ort
und Stelle zu treffen.
Mein Gefühl, als ich zum erstenmal dem großen alten Herrn mit dem grauen
Wotansbart und den leuchtenden, hellblauen, immer etwas feuchten Augen
gegenüberstand, war eine Art Erstaunen darüber, daß ich es mit einem
lebendigen Menschen zu tun hatte. – Von Berlin, von meinem Fabrikkontor
aus gesehen, war er (wie so ziemlich alles) eine Nummer
in der Registratur gewesen. Grothius, Analysen, Briefe in
Schreibmaschinenschrift, Ziffern mit sehr vielen Dezimalstellen, denen
man blindlings vertraute, vertrauen mußte, – eine Art Maschine, eine
nützliche Institution des Vaterlandes, die den Titel „Professor“ führte.
So hatte ich ihn im Kopf, war nicht darauf gefaßt, ein Wesen von Fleisch
und Blut vorzufinden, das nebst den Dezimalstellen, die es produzierte,
auch noch andere Interessen hatte – so zum Beispiel: mich sofort zum
Abendessen einlud. Ich wußte mich zuerst gar nicht zu benehmen. Aus den
Scharnieren meines Berliner Kommando- und Kompendiumtones gerissen, in
dem persönliche Beziehungen nicht vorkamen, rang ich nach Haltung. Ich
fand sie schließlich darin, daß ich dem gemütlichen Herrn mit einem
gewissen Respekt (denn er war ja ein berühmter Hochschullehrer),
schließlich aber doch nur wie einem besseren Angestellten begegnete
(denn er wurde doch von meinem Unternehmen bezahlt). Es war eine
Mischung von Bewunderung und Hochmut, wie sie etwa die Hausfrau dem
großen Tenor gegenüber empfinden mag, der – gegen hohes Honorar – ihren
Gästen nach dem Dessert zwei Arien vorsingt. – Ich erwähne dieses
besondere Gefühl, weil ich es dann auch auf die Tochter des Professors
übertrug. Der Tochter gegenüber überwog freilich von Anfang an
bewundernde Angst und Scheu.
Dora Grothius war sehr schön – von jener Art Schönheit, über die unter
Männern keinen Augenblick lang ein Zweifel bestehen kann. Ich konnte mir
denken, daß sie, in einen Ballsaal eintretend, sofort alle Blicke auf
sich ziehen müßte. Woran mag es wohl liegen, daß von zwei Gesichtern,
die einander sehr ähnlich sehen, das eine blitzartig im Lichte der
Schönheit erscheint, das andere wie in Schatten getaucht bleibt, aus dem
es vielleicht erst allmählich als „interessant“ oder „eigenartig“ zum
Vorschein kommt? Doras Schönheit hatte nichts von dieser Unklarheit,
dieser allmählich sich durchsetzenden Wirkung an sich. Ihre hohe
schlanke Gestalt, das mattglänzende Blondhaar, der fein geschnittene,
blaßrosige Mund im weißen Gesicht und die blauen Augen von ebenso
wundervoller Form, – das alles sprach wie ein Typus, wie die Vollendung
eines Typus an. Man schlürfte diese Art von Schönheit gleichsam gelassen
ein, sagte sich nach der ersten Minute: „Nun, dich habe ich ganz erfaßt,
du gibst keine Rätsel auf“, – aber gerade dieses Wohlbehagen, dieses
scheinbar Nicht-Irritierende betäubte wie ein Narkotikum, und ganz
berauscht von dem Sicherheitsgefühl, daß man sich jeden Moment von einem
so einfachen und einleuchtenden Anblick losreißen könne, kam man
überhaupt nicht mehr los ...
So flößte mir Doras Erscheinung, von der ersten schlagartigen Freude
abgesehen, dumpfe Angst ein.
Dies der Grund, weshalb ich sie immer „Jorinde“ genannt habe, zuerst im
stillen, bald auch von Mund zu Mund. Sie erinnerte mich an eines der
Grimmschen Märchen, das ich als Kind stets nur beklommen mir habe
vorlesen lassen. „Jorinde und Joringel“ heißt das Märchen. Ganz habe ich
ja nie verstehen können, warum ich mich vor diesem Märchen, ja schon vor
den Seiten, auf denen es in meinem alten Märchenbuch gedruckt war, so
sehr gefürchtet habe. Andere Geschichten handeln doch von grauslicheren
Dingen! Diese freilich ist so süß-grauslich wie keine. Ach, mein
Kinderherz bebte vor wonniger Bangigkeit, wenn ich die beiden jungen
Leute, Joringel und seine geliebte Jorinde, dem Zauberwald zuschreiten
sah, um vertraut miteinander reden zu können, wie das Märchen sagt, – in
den Zauberwald, in dem die alte Hexe wohnt. Wenn jemand auf hundert
Schritt ihrem Schloß nahe kam, so mußte er stille stehen und konnte sich
nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach. So erging es dann
auch dem Jüngling, während seine Geliebte vor seinen Augen in eine
Nachtigall verwandelt wird, „zicküt, zicküt“ singt – und dann tritt die
Hexe aus dem Busch, fängt die Nachtigall und trägt sie auf der Hand
fort. Joringel aber kann nichts sagen, er steht festgebannt auf seinem
Platz, wehrlos und fremd. – Ich weiß nicht, warum gerade dieses eine
Märchen, das ich seit Kindestagen nicht mehr gesehen habe, so fest in
mir haftengeblieben ist, weiß nicht, warum Dora die angstvolle
Erinnerung daran in mir aufgeweckt hat. Später allerdings wurden mir
einige Zusammenhänge klar. Doch das Gefühl war ja vom ersten Moment an
dagewesen.
In Anwesenheit ihres Vaters sehr zurückhaltend, sprach Dora bei der
ersten Begegnung im Laboratorium kaum ein Wort. Die Einladung zum
Abendessen nahm ich aber nur ihretwegen an. Ich mußte, um mir den Abend
frei zu machen, einem Geschäftsfreund absagen, der schon Karten für ein
Kabarett besorgt hatte.
Nachmittags empfand ich dann doch ein gewisses Unbehagen vor dem Besuch,
und abends wollte ich noch an der Schwelle umkehren. Ich hatte
inzwischen allerlei über den alten Grothius reden gehört: daß er zu den
führenden Münchener Monarchisten gehöre – wenn auch nicht zu ihren
tätigen Parteigängern, so doch zu denen, die mit ihrem Namen der
reaktionären Bewegung neues Ansehen verschafft hatten. – Ich selbst
kümmere mich ja gar nicht um Politik. Und die Revolution hat mir in
meinem Geschäftsbetrieb eher geschadet als genützt. Aber als Berliner
gehöre ich gewissermaßen von selbst zu jenem andern Deutschland, das
vorwärts will, und ohne mir viel Gedanken darüber zu machen, hätte ich,
wenn gefragt, immer nur für linke Parteien gestimmt. Politische
Auseinandersetzungen aber sind und waren mir immer unangenehm, und ich
bereute schon, in persönlichen Verkehr mit dem Professor getreten zu
sein und diesen Verkehr durch einen in seinem Hause verbrachten Abend
nun förmlich zu bekräftigen. Aus einer Sinnesart, die mich so entlegen
anmutete, mußte (so schien es mir) bei Näherrücken Verstimmung
entstehen, während der Geschäftsverkehr aus unwirksamer Ferne sich immer
so angenehm glatt abgewickelt hatte.
Indessen verlief der Abend völlig ruhig, ohne Störung, ganz ereignislos.
Was mich überraschte, war die Natürlichkeit, die im Hause Grothius
herrschte, – eine Natürlichkeit, die Widerspruch nicht herausforderte,
im Ernstfalle aber wohl auch nicht vertragen hätte, – eine gleichsam
unscheinbare und doch kräftige Natürlichkeit, entsprechend etwa der
dunklen Tönung, in der sich die mit Holz getäfelten, sonst bescheidenen
Wohnräume repräsentierten. „Man muß ja nicht von allem reden“, – schien
als unsichtbarer Leitspruch über Wohnung und einfacher Mahlzeit zu
schweben. Ein Satz, der mir ebenso einleuchtend erschien, wie er mir
bisher nie eingefallen war. Hatte ich es doch für selbstverständlich
gehalten, mit dem Professor zuerst gerade von dem zu reden, was uns
meiner Ansicht trennen mußte. Ihm aber genügte es scheinbar vollauf,
wenn ich seinen Jagdgeschichten zuhörte. In der grauen, mit Hornknöpfen
besetzten Jägerjoppe, die er als Hausrock trug, die lange Pfeife
rauchend, den Maßkrug vor sich, – so schloß sich seine im weißen
Laboratoriumskittel etwas bizarr auseinanderfallende Figur zu dem
durchaus glaubwürdigen Bild irgendeines Gutsinspektors oder Försters
zusammen.
Er sprach gelegentlich auch von seinem Heimatdorf in den Alpen, von der
alten Bauernfamilie, der er entstammte. München mochte er nicht. Es war
allzusehr von „Ausländern“ überschwemmt. Nur der Beruf hielt ihn da
fest, die Ferien verbrachte er im Gebirge. – Was er sagte, erschien mir
ganz selbstverständlich. Ein Mann, der so aussah wie er, mit solch einem
faltenreichen, bärtigen Gesicht, aus dem die Äuglein wie kleine Enziane
hervorzwinkerten, ein solcher Mann konnte nicht anders reden. Er sprach
laut und entschieden, sagte aber nichts Aufregendes, nichts
Auffallendes. Es hatte den Anschein, als sei überhaupt in diesen Zimmern
jedes Hervortretenwollen, jede Unterschiedlichkeit verpönt. Sogar der
jüngste Sohn, der mit am Tisch saß, Privatdozent (drei andere Söhne
waren alle als Offiziere der Reichswehr auswärts garnisoniert) –, sogar
dieser junge Mann mit dem glattrasierten, scharfgeschnittenen
Landsknechtgesicht fiel durch nichts auf; es hatte vielmehr den
Anschein, als eifere er danach, dem Vater möglichst ähnlich zu werden.
Auch er trug einen Jägerrock, rauchte aus langer Pfeife, sprach laut und
langsam von Hunden und Gemsböcken und, da der Vater mich freundlich
behandelte, ging er noch ein Schrittchen weiter und forderte mich auf,
im Sommer die Familie in ihrem dörflichen Feriensitz zu besuchen.
Dora hielt sich durchaus im Hintergrund. Auch bei diesem zweiten
Zusammentreffen sprach sie nicht viel. Nur ein leises beifälliges Lachen
fiel mir auf, sooft der Vater eine der vielen scherzhaften
Dialektanwendungen oder Witze verwendete, die ich meist nicht verstand,
wie ich denn überhaupt der fremden Mundart wegen dem Gespräch trotz
seines sehr gemächlichen Tempos nur mit Anstrengung zu folgen vermochte.
„Man kann doch eigentlich nicht einmal recht deutsch“, sagte ich mir
ärgerlich. „Was kann man also eigentlich?“ – Übrigens machte Dorn,
obwohl sie sich dem Anschein nach vollständig in diese Umgebung
einfügte, doch nur einen etwas gedrückten Eindruck auf mich. Immer wurde
nur von männlichen Vergnügungen geredet oder vom militärischen Rang der
Söhne, der so viel Geldzuschüsse von daheim erforderte. Auf Dora nahm
das Gespräch keine Rücksicht. Was mochte für sie hier übrigbleiben? Die
Arbeit wohl, – die Vesorgung des ganzen Hauswesens, da die Mutter nicht
mehr lebte. – Die kleine weiße Latzschürze stand ihr ausgezeichnet:
dennoch dachte ich mehr als einmal daran, daß es doch eine seltsame Welt
sei, in der schlanke, weiße, feingegliederte Frauen derartig
ungeschlachten Männern gleichsam als Kriegsbeute anheimfallen und dies
obendrein noch ganz in der Ordnung finden. Der Gedanke verfolgte mich,
wiewohl er offenbar keinen rechten Sinn hatte.
Hauptsächlich um Dora eine Freude zu machen, bat ich die Familie, mich
am nächsten Abend für ihre Gastfreundschaft revanchieren zu dürfen. Ich
würde eine Loge ins Theater nehmen, dann könnten wir in der Reginabar
speisen. Man nahm an. Bald darauf verabschiedete ich mich.
Nach anstrengenden Geschäftskonferenzen gelangte ich am nächsten Abend
ins Theater. Die Logennummer hatte ich schon am Mittag der Familie
Grothius durch einen Boten bekanntgegeben.
Zu meinem Erstaunen war nur Dora da. Sie stand im Couloir vor der Loge,
wartete offenbar auf mich.
„Sie haben wohl unsere Absage nicht bekommen?“ empfing sie mich.
„Nein.“
„Wir haben ins Hotel geschickt.“
„Ich war seit Mittag nicht zu Hause.“
„Mein Vater ist nämlich erkrankt –“
„Ach, das tut mir leid.“
„– so heißt es in der Absage. Aber Sie brauchen nicht besorgt zu sein.
Die Krankheit ist ganz ungefährlich.“
„Wirklich?“
„Und nehmen Sie mich nun trotzdem in Ihre Loge mit?“
Ihre Augen strahlten zauberhaft lustig. Es war ein ganz anderes Gesicht,
und doch, so schien es mir, hatte ich auch gestern schon hinter ihren
geschlossen ernsten Zügen diesen Übermut, diese Feuerblicke aus den
Augenwinkeln hervor geahnt. Sie trug auch eine andere Frisur:
kurzgeschnittenes Haar fiel blondbuschig von den Schläfen in die Wangen,
das übrige war in einen großen Knoten geschlungen. Die modischen kurzen
Locken waren gestern wohl unter glatten Flechten verborgen gelegen. Und
wie sie sich bewegte, wie gelenkig und schnell im Vergleich zu ihrer
gestrigen stillen Getragenheit. Ganz eilig trat sie mit mir in die Loge
ein, setzte sich an die Brüstung. „Wie konnte Ihnen nur einfallen, uns
Karten zu solch einem Stück anzubieten?“
Ich unterdrückte das beschämende Geständnis, daß ich noch jetzt nicht
wisse, was denn eigentlich gespielt werde.
„Zu einem Revolutionsstück“, fuhr sie fort. „Von Sternheim. Bei der
Premiere war doch ein richtiger Theaterskandal, wie bei allen modernen
Stücken, die man jetzt in München spielt.“
„Das habe ich nicht gewußt. Sie müssen entschuldigen.“
„Nun aber wissen Sie, warum wir nicht kommen konnten.“
Ich sah ihr ins Gesicht. Es verriet keine Spur von Ironie. „Sie sind ja
aber doch gekommen“, wollte ich eben sagen, – da ging der Vorhang auf.
Ich merkte, daß sie sich sofort mit ganzem Interesse der Bühne zuwandte
und machte daher keine weitere Bemerkung. – Doch konnte ich keinen
Augenblick lang dem Stück folgen. Mit dem schönen Mädchen allein zu
sein, verwirrte mich allzusehr.
Endlich Pause.
„Sie fühlen sich wohl sehr einsam in Ihrer Familie?“
Und nun das Unbegreifliche, die erste Offenbarung des Tatbestands, der
so entscheidende Gewalt über mein Leben und Schicksal gewonnen hat: –
Dora verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Ihre tiefe Überraschung
bei meiner Frage war es, was mich geradezu elementar ergriff. Einsam in
der Familie, – nein, der Gedanke war ihr offenbar noch nie aufgetaucht.
Nun ja, sie war ins Theater gekommen, weil Theater ihre einzige große
Leidenschaft war. Was denn weiter! Daß darin zumindest eine
Eigenmächtigkeit, eine Art Protest gegen die strenge Zucht zu Hause,
vielleicht sogar mehr: eine gewisse Treulosigkeit gegen den Vater lag, –
das kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein. Und meine Sache konnte es
natürlich an diesem Abend nicht sein, sie auf solche Ideen zu bringen. –
Aber daß sie selbst den Widerspruch nicht merkte, daß sie mir ganz
vergnügt erzählte, zu Hause glaube man sie bei einer Freundin zu Besuch,
nebenher aber wieder auf „Ausländer und Juden“ schimpfte, „die die
besten Plätze besetzt hätten“ (und so waren alle ihre Beobachtungen von
dem abhängig, was sie zu Hause gehört haben mochte), – das hatte etwas
tief Beunruhigendes, Unverständliches für mich. Und das Merkwürdigste
dabei: nicht daß sie selbst ganz ehrlicherweise die Widersprüche nicht
merkte, in denen sie sich bewegte, – nein, daß auch ich, wenn ich näher
hinsah, sie nicht mehr oder nicht mehr immer auffinden konnte. So sehr
ergriff einen die Selbstverständlichkeit, die von Dora ausging. Es gab
Momente, in denen auch für mich alles in eins zusammenfloß. So etwa
dachte ich: gut, sie will zur Bühne (das gestand sie mir mit beinahe
kindlicher Übereiltheit sofort ein), die ist ihre größte, ihre einzige
Sehnsucht, und offenbar paßt ein solcher Wunsch sehr wenig in den
traditionellen Stil der Familie Grothius. Aber Dora weiß das nicht. Oder
kümmert sich nicht darum. Jedenfalls gelingt es ihr, sozusagen in einem
Atem, von ihrem Bruder-Major wie von geheimen Dilettantenaufführungen zu
schwärmen, an denen sie teilnahm. Wie das vereinbaren? – Dann aber, wenn
ich nur für einen Augenblick diesen sichtenden Standpunkt aufgab und
mich in Doras schöne Hand oder den feinen Nacken „verschaute“, dann
verstand ich eigentlich wieder nicht, was da unvereinbar sein solle.
Konnte es denn nicht strenge, zuchtvolle Schauspielkünstlerinnen geben?
Ich kannte zwar das Leben hinter den Kulissen genau – leider –, aber
warum nicht an die Möglichkeit von Ausnahmen glauben! – So riß mich von
Anfang an die Annäherung an Doras Gefühlswelt hin und her. Ihre
Erscheinung war unklar, schwankte –, aber da ich sie selbst mit solcher
Einfachheit und Leichtigkeit leben und fortschreiten sah, in einer
überirdischen Leichtigkeit der Existenz, die mir das Bewundernswürdigste
an ihr schien, fiel alles Unsichere, das ich ihr gegenüber empfand, auf
mich selbst zurück. Ich war befangen, mußte ihre Art als etwas, was über
mein Begriffsvermögen hinausging, verehren; zumindest anerkennen, daß es
jenseits meines Verständnisses durch kräftige Lebensäußerung hinreichend
und in aller Selbstverständlichkeit gestützt sei. Das ist es, weshalb
ich den Lebensabschnitt, der an jenem Theaterabend begann, in meiner
Seele so oft „Leben mit einer Göttin“ genannt habe. Unverständlich und
großartig ist mir Dora immer geblieben, mochte ich ihr noch so nahe
gekommen sein. So wurde sie mir zur Göttin, – freilich nicht nur aus
diesem einen Grund.
Bei lebhaftem Gespräch in den Zwischenakten gelangten wir noch so weit,
daß ich ihr meine Hilfe zur Erreichung ihres Ziels anbieten konnte. –
Dann fuhren wir in die Reginabar. Das Souper war ja schon bestellt. Kein
Grund lag vor, es verfallen zu lassen. Im Dunkel des Wagens küßte ich
sie zum erstenmal, und sie erwiderte die Küsse mit einer Leichtigkeit,
für die ich ihr dankbar war. Eine glückliche Zeit sah ich vor mir
aufblühen. Enttäuscht von all den Liebschaften, die ich dem Brauch
meiner Kreise entsprechend mit allerlei Berliner Film- und
Operettendamen gehabt hatte, sehnte ich mich seit je nach einer starken,
von den Gewürzen der üblichen Koketterie verschonten Liebe. Dora war
rein von Berechnungen und Unechtheiten, das fühlte ich sofort. Wie
herrlich schien es mir, daß sie sozusagen keine Geschichten machte, daß
sie in aller Einfachheit ihrer Jugend und ganz unbedenklich zu erkennen
gab, daß ich ihr gefiel ... Die Folgerung aber, die ich daraus zog: daß
keine Schwierigkeiten in diesem Verhältnis zu überwinden sein würden,
erwies sich bald als der verrückteste Einfall, den ich je gehabt habe.
Ohne Schwierigkeiten das Leben mit einer Göttin – welch eine geradezu
gotteslästerliche Idee! Schon an jenem Abend zeigte sich das.
Noch ganz berauscht von den Küssen und Anpressungen der Wagenfahrt saß
ich ihr im Restaurant gegenüber –, im hellerleuchteten Lokal aber war
ihre Miene sofort wieder wohlerzogen und fromm geworden. Ich schrieb
etwas auf meine Papierserviette, da ich von der in meinem Herzen
erwachten Liebe über den Tisch hinweg nicht reden konnte. Sie erwiderte
durch eine Bemerkung auf derselben Serviette. Eine Übertrumpfung meiner
heißen Liebesworte hatte ich erwartet. Was las ich aber – in steiler,
großer Mädchenschrift: „Achtung und Freundschaft.“ Mit Ernst, ohne zu
lächeln, reichte sie mir diese Antwort, die mich verblüffte.
Ihre Kühle, die durchaus nicht gespielt schien, reizte mich auf. Das
prinzessinnenhafte Benehmen beim Essen, beim zierlichen Erfassen des
Trinkglases, der vornehme Anstand, die gleichmäßige, beherrschte
Freundlichkeit ihrer Worte, – war es nicht ein geradezu unglaubwürdiger
Kontrast zu dem, was eben zwischen uns vorgefallen war? Wieder solch ein
Widerspruch. Und wieder einer, der bei näherem Hinsehen dahinzuschmelzen
schien. Sehr einfach: benimmt man sich denn nicht im dunkeln Wagen
natürlicherweise anders als in einem eleganten Restaurant? Gerade das
war ja das Besondere an Dora: daß der rasche Wechsel ihrer Stimmungen
nie einen launenhaft willkürlichen Eindruck machte, sondern wie eine
Naturnotwendigkeit wirkte, vor der man sich ganz klein erschien.
Wenigstens gedanklich wollte ich aber den innigen Zusammenhang zwischen
uns festhalten, der doch nach der eben erlebten leidenschaftlichen Szene
nicht sofort verflogen sein konnte. An solche Unbegreiflichkeiten habe
ich mich ja späterhin gewöhnen müssen. Damals aber war mir der
plötzliche Umschwung noch zu neu; so spornte ich meinen armen Kopf, um
das herauszufinden, womit ich sie fester an mich binden könnte. Ich
sprach von ihrer Zukunft. In dieser einen Richtung wenigstens hatte ich
mich nicht getäuscht: für sie und ihre Hoffnungen gab es in der Familie
wirklich kein Geld, da alles nur den Erfolgen der Söhne dienstbar
gemacht wurde. So konnte ich mit dem Vorschlag herausrücken, ihr die
Mittel für ihre Bühnenausbildung zur Verfügung zu stellen, leihweise
natürlich, bis zum ersten großen Engagement. An ihrem Talent zweifelte
sie nicht, sie hatte schon mehr als einmal berühmten Lehrern mit Erfolg
vorgesprochen. Doch in München konnte sie nicht studieren. Der Vater war
durchaus dagegen, hielt sie als Assistentin im wissenschaftlichen
Hilfsdienst fest, der ihr nur Langeweile und Qual bereitete. – Ein
Einfall! Sie könne nach Berlin kommen – unter dem Vorwande, eine Stelle
im Laboratorium meiner Fabrik anzunehmen. „Das wird Ihr Vater erlauben.
Denn die Fabrik zahlt besser als die Universität. Und wenn Sie erst
einmal in Berlin sind, können Sie tun, wozu Sie Lust haben.“ – Sie hatte
gegen meinen Vorschlag, der mich selbst mit Seligkeit erfüllte, nichts
einzuwenden. Doch entzückt war sie nicht. Das setzte mich aufs neue in
Erstaunen. Wenn man einem Menschen die Erfüllung seines Traumes
anbietet, den er eigentlich nur noch ungläubig im Herzen getragen hat,
dann sollte doch eigentlich große Begeisterung zum Vorschein kommen.
Dora aber sprach plötzlich von anderen Dingen. Ob ich die Glocken auf
der Bühne gehört hätte, ob sie nicht auch mir wie Totenglocken geklungen
hätten ... „Sie sind wahrhaftig Jorinde“, sagte ich und erzählte ihr von
dem Mädchen, das plötzlich (das Märchen sagt noch gar nicht, worum) zu
weinen und zu klagen beginnt. „Ja, das tue ich sehr oft“, erwiderte Dora
und sah mir traurig, tief in die Augen. Da wurde mir wirklich ganz so
bang wie beim Lesen des Märchens, wenn der Abend beschrieben wird, der
hell ins dunkle Grün des Waldes hereinscheint, während die Turteltaube
auf den alten Maibuchen gar kläglich singt, die beiden Liebenden aber
sich im Sonnenschein hinsetzen (halb steht die Sonne noch über dem
Berge, und halb ist sie unten) und in ihrer Bestürzung ihnen zumute ist,
als ob sie sterben sollten. Da merken sie denn auch, daß sie sich schon
zu nahe an das Schloß herangewagt haben, und todbang können sie sich
nicht rühren, warten verzaubert auf das, was nun mit ihnen geschehen
soll. – „Jorinde“, sagte ich und nahm ihre Hand. Sie hatte Tränen im
Auge. „Sie sind so gut zu mir“, flüsterte sie, „und kennen mich doch
noch kaum.“ Und nun ergaben wir uns beide einer süßen, schamhaften
Niedergeschlagenheit, die uns näher zusammenbrachte als alle die heißen
Küsse vorher; so hat es ja auch später manchmal, gerade wenn wir sehr
traurig waren, solche kurze, innige Minuten gegeben, in denen das Fremde
und Unverständliche zwischen uns in nichts zusammenfiel und Jorinde mir
ganz menschlich, ganz so wie ich selbst erschien. „Eines versprich mir“,
sagte sie dann, als ich sie durch dunkle Gassen heimbegleitete. „Wenn
ich sterbe, mußt du mir ein weißes Kleid machen lassen, ganz aus
schwerem, weißem Taft, – so viereckig ausgeschnitten wie das Kleid, das
ich heute trage, – und eine Reihe weißer Rosen unter der Brust.“ Ich
mußte es ihr versprechen, mußte die genaue Beschreibung wiederholen, auf
die sie großen Wert zu legen schien. Die Sache mit dem Theater hatte sie
ganz vergessen. Immer seltsamere Dinge waren es, von denen sie sprach.
Ob ich nicht die Hände sähe, die nach ihr griffen, – aus den Häusern,
aus den Haustoren hervor. Plötzlich begann sie zu laufen, als seien
Verfolger hinter uns her. Ich durfte nichts reden. Sie hielt mir den
Mund zu, jedem Wort von mir verwehrte sie durch energisches Schütteln
ihres Kopfes schweigend den Weg. Sie lief sehr schnell und dabei so
leicht, daß es aussah, als schwebten ihre Fußspitzen über dem
nachtdunklen Pflaster. Ihr Gesicht war von furchtbarer Angst verzerrt.
Mir wurde unheimlich ums Herz, denn alles, was ich ihr zum Trost begann,
vermehrte nur ihr Entsetzen. So mußte ich schließlich stumm neben ihr
herlaufen, um sie nur nicht ganz zu verlassen. Während sie mit ihrem
Schlüssel hastig das Haustor aufsperrte, küßte ich ihre Hand. Sie sah
mich nicht mehr an. „Jorinde, Jorinde“, rief ich, während sie wie
geistesabwesend mit ihrer heißen Hand über meine Stirn strich und sich
dann eilig an mir vorbei ins geöffnete Tor drängte.
Der Frühling, der diesem Herbst folgte, war dann die glücklichste Zeit
meines Lebens.
Nicht unheimlich wirkte Jorinde auf mich. Nein, das war durchaus nicht
der Grundzug ihres Wesens. Es ist nur ein Zufall, vielmehr eine
Ungeschicklichkeit von mir, daß ich gerade diese eine unheimliche Szene
so ausführlich geschildert habe. – Solche Szenen wiederholten sich zwar
auch später noch zuweilen. Mehr als einmal schrie Jorinde aus dem Schlaf
auf, ich mußte sie dann wecken, mußte anhören, daß ihr die heilige
Mutter Gottes erschienen sei, zu der sie als strenge Katholikin oft
betete, und daß Strafe und Unglück aus dem verehrten Mund der
Immergnädigen auf sie niedergeregnet wären. – Einmal gar, auf einer
unserer kleinen Reisen, als die gänzlich überflüssige bayrische
Kriminalpolizei zum Morgenbesuch in unserem Zimmer erschien und das arme
Mädchen durch die Frage: „Sind Sie die Frau?“ erschreckte, – sah sie
nachher bei hellem Tageslicht ihre eigene Mutter hinter dem
Fenstervorhang stehen und wie aus dem Grabe hervor drohend den vom
Totenhemd umwehten Arm erheben.
Doch solche Märchen- und Legenden-Schrecknisse wirkten nie lange nach,
versanken zum Glück ebenso unvermittelt, wie sie gekommen waren, und
überließen uns schnell unserem holderen Schicksal, einer
Liebesseligkeit, wie ich sie eigentlich nie für möglich gehalten habe.
In Berlin wurde Jorinde bald ganz mein. Eine Zeitlang widerstrebte sie
natürlich, doch es war kein bösartiges Sichsträuben, es gehörte nur
gleichsam mit zum Laufe der Dinge und ging vorbei wie ein leichter
Frühlingsregen. Nach kurzem Kampf war sie dann ebenso hingebungsvoll
glücklich wie ich. Ja, ein kindlicher Frohsinn, der sie in jenen Tagen
ihrer Weibwerdung ergriff, hob sie über mich hinaus. Und wie er sie
verschönte! Die bläulichen Schatten um die Augen, die Schalkhaftigkeit
der Mundwinkel und hübsche Röte auf den sonst so blassen Wangen, – es
war eine berückende Mischung von Wehmut und gesunder Lebensfreude.
Und mit welcher Kraft ergriff sie gleichzeitig das neue, tätige Leben.
Eifrig nahm sie dramatischen und Sprechunterricht, studierte bei Held,
und es gehörte gewissermaßen mit zu dem Glück, mit dem mir damals alles
gelang, daß sie wirklich ein außerordentliches Talent bewies und
schnelle Fortschritte machte. Alle Lehrer bewunderten die Reife ihrer
Auffassung, die trotz ihrer kaum zwanzig Jahre von tiefster
Instinktsicherheit zeugte und nur der technischen Schule, niemals
irgendwelcher prinzipieller Anweisungen bedurfte.
So kam der Plan, den ich in der Münchener Reginabar nur in die Luft
skizziert hatte, ohne an ihn zu glauben, mit voller Ausführlichkeit zu
wirklichem Leben. Alles traf ein, was ich mir in jener hellsichtigen
Stunde vorgenommen hatte, – wie es überhaupt im Wesen unserer Beziehung
zu liegen schien, daß alles Äußere, alles Umrißhafte immer tadellos
„klappte“, – so zum Beispiel haben wir (um eine Kleinigkeit zu nennen),
bei Verabredungen einander fast nie verfehlt, selbst bei komplizierten
Reiseverabredungen nicht, zu denen wir von verschiedenen Städten aus zu
bestimmter Stunde an einem bestimmten Bahnhof erscheinen mußten. Das
alles ging immer exakt und so leicht, – ich selbst hatte zwar manchmal
einige Angst, daß Jorinde nicht kommen würde, denn sie war keine
Freundin von unterstrichenen Zusagen, warf nur wie von ungefähr ein „Ja“
hin und mochte dann über dieselbe Sache nicht zweimal reden, – aber
später legte ich diese Art von Bangigkeit ab, da ich merkte, daß
derartige Dinge äußerer Natur sozusagen ausnahmslos gut abliefen, daß
seltsamerweise sogar dann, wenn ein Mißverständnis vorkam, die drohende
Störung durch ein anderes, in entgegengesetzter Richtung wirkendes
Mißverständnis gutgemacht zu werden pflegte. Übrigens diente diese
Leichtigkeit des äußeren Rahmens, diese Leichtigkeit, die mir wie eine
zarte Ausstrahlung von Jorindes Wesen erschien, gleichsam nur dazu, um
das im Kern Unentwirrbare und Problematische unserer Liebe um so
deutlicher hervortreten zu lassen. – Und dennoch: auch heute kann ich es
nicht als Fehler ansehen, daß ich damals mein ganzes Herz diesem
zauberhaften Geschöpf zugewendet, daß ich förmlich alles auf die eine
Karte gesetzt habe. Das Glück, das sich mir anbot, war zu groß, als daß
ich es nicht mit ganzer Kraft der Seele hätte ergreifen müssen. Käme ich
heute noch einmal in dieselbe Lage: ich würde keinen Augenblick zögern,
mich genau ebenso zu entscheiden, würde noch einmal alle Tiefen und
Höhen des Gefühls in eine, eine einzige Richtung werfen, dem leuchtenden
Stern entgegen, dessen blauer Blick mit so schmeichlerischem Segen und
Wohlgefühl und Gelingen mich angelockt hat.
Ja, in dieser guten ersten Zeit gelang alles, und es ging ganz merklich
aufwärts mit mir. Kräfte wuchsen mir zu, und es setzte mich nicht in
Erstaunen, daß auch in meinem Beruf Erfolg auf Erfolg eintraf. Bald
konnte ich die Fabrik nicht unbeträchtlich vergrößern, überseeische
Verbindungen neu anknüpfen. Auch meine wissenschaftlichen Forschungen
nahm ich wieder auf.
Diese Forschungen, – nun, sie haben schließlich doch zu keinem Ergebnis
geführt, und so wäre es lächerlich, mich hier über sie auszulassen. Nur
so viel sei gesagt, daß mir eine bessere Ausnützung der in den
Lebensmitteln enthaltenen Energien vorschwebte. Verbilligung des
Genusses, allgemein ausgiebigere Volksernährung und Volksgesundung wären
die Folgen gewesen. – Es ist nichts, gar nichts daraus geworden. Die
wahnsinnige Inanspruchnahme durch kommerzielle Sorgen für meine Fabrik
hat mir niemals recht Zeit dazu gelassen, meinen Ideen und
Anfangsversuchen nachzugehen. Trotzdem glaube ich (soweit man in solchen
Dingen über sich selbst Klarheit haben kann), daß ich für die Fabrik nur
gearbeitet habe, um Geldmittel zur Wiederholung meiner Experimente im
allergrößten Umfang zu erlangen. Daneben war ich ja freilich fanatischer
Geschäftsmann, von meinem Vater zu nichts anderem als kaufmännischen
Interessen erzogen. Und jahrelang hatte ich mich mit einer Art von
Verbohrtheit (von einer gewissen Vorliebe für Musik und besonders
häusliche Kammermusikaufführungen abgesehen) ausschließlich nur im Kreis
des von ihm gegründeten Familienunternehmens bewegt. Ich wäre geradezu
menschenscheu geworden, wenn nicht ein gewisser Verkehr mit
Geschäftsfreunden notwendig gewesen und durch diesen Verkehr der Weg in
die Garderobe galanter Theaterschönheiten nahegebracht worden wäre.
Meine Liebesabenteuer aber, die ich regelmäßig viel zu ernst nahm, hatte
ich damals nur als Störung in dem forschen, nervenerregenden Großbetrieb
der Fabrik empfunden, diese wieder als Störung meiner wissenschaftlichen
Bestrebungen – und zuzeiten auch wieder umgekehrt. Erst durch Jorinde
war in das ganze Chaos mit einemmal Ordnung eingezogen. Sie, sie war der
Mittelpunkt, – ihr, die ich schon im Glanz des ihr sicheren
Künstlerruhms sah, wollte ich mich durch große Entdeckertat an die Seite
stellen, – die Fabrik sollte als sichere finanzielle Grundlage für meine
wie auch ihre Bestrebungen ausgebaut werden. Nun stand plötzlich alles
in dem richtigen Unter- und Überordnungsverhältnis ein für allemal fest,
die Liebe als Beherrscherin inmitten meines ganzen Seins. Von diesem
Zeitpunkt glaubte ich eigentlich erst mein wahres Leben zu beginnen, –
vorher hatte es nur ein mechanisches Herumtappen gegeben. Erst die Liebe
zu Jorinde machte mich gleichsam darauf aufmerksam, daß das Leben etwas
ist, was einen tiefen Wert haben kann. Ich lebte nur um dieser Liebe
willen. Um der Liebe willen wurde mir natürlich auch noch vieles andere
wichtig. Aber nur um der Liebe willen. Liebe ist der Atlas, der den
Menschen und alle seine Lebensäußerungen tragen muß, sollen sie nicht
zur Lüge werden und sich gegen ihn und sein Aufblühen kehren. – Ich
brauche nur die sinnlose, zerfahrene Art, in der ich vor Jorindes
Erscheinen arbeitete, mit meinen methodischen, freudigen, innerlich als
notwendig empfundenen, ehrlichen und deshalb wohl auch erfolgreichen
Unternehmungen nachher zu vergleichen, – um die Wahrheit dieses Satzes
(für mich wenigstens) einzusehen. Diese ganze Wandlung und das Glück,
das damals alle meine Vorsätze und Wünsche begünstigte, schien mir
übrigens durchaus nicht so besonders verwunderlich. Es muß doch
irgendwie auch im Erfolg zum Ausdruck kommen, wenn man mit einer Göttin
lebt.
Wie selig machte mich Jorindes Liebe; aber ihr oft überschwenglich
geäußerter Dank beschämte mich. Selbstverständlich tat ich alles für
sie, wonach sie nur den leisesten Wunsch äußerte, – während von ihrem
Vater niemals ein Zuschuß eintraf, vielmehr verlangt wurde, daß sie die
Kosten ihres Berliner Aufenthalts mit ihrem Gehalt aus dem angeblichen
Posten in meiner Fabrik bestreite. Aber hätte ich nicht gern noch viel
mehr für sie getan! Sie war ja so bescheiden in ihren Ansprüchen, – und
obendrein auch noch Dank? Nebstdem: alle Dienste, die ich ihr erweisen
konnte, verwandelten sich gleich auf der Stelle in ebenso viele
Glücksfälle für mich. So war es nun einmal, weder sie noch ich wären
imstande gewesen, etwas dazu oder hinweg zu tun. Von meiner Freude über
ihre gut fortschreitenden dramatischen Studien war schon die Rede. Aber
bis in unwichtige, halbspielerische Kleinigkeiten reichte diese seltsame
Verkettung von Dienst und sofortigem Lohn. (Wer kann übrigens von
Angelegenheiten der Liebe sagen, daß diese wichtig, jene unwichtig sei.)
Ging ich etwa mit ihr ins Theater, – welch ein Genuß für sie; aber für
mich doch nicht minder, ihre jugendliche Begeisterung einzuatmen oder
dies eine nur: – ihre Gegenwart zu fühlen! Und welch ein Glück, an ihrer
Seite die großen Modeateliers zu besuchen, unermüdlich Modellkleider
anzusehen. Es ist seltsam: man kann derartiges nicht sagen, ohne daß
sich ein frivoler Nebenton einmischte. Und doch erlebt man es in aller
Innigkeit und Herzenseinfalt, ganz ohne diesen Nebenton, und gerade das
ist ja das Schöne dabei. Wäre ich Schriftsteller, ich würde über der
Beschreibung einer solchen Episode verrückt werden. Aber vielleicht
haben gerade nur die Schriftsteller durch ihr ewiges Herabsetzen aller
Gefühle, die man in der Stadt erlebt, durch ihre an sich berechtigte,
aber zu absichtlicher Kontrastwirkung mißbrauchte Lobpreisung ländlichen
Glückes es verschuldet, daß man diese Dinge in ihrer lauteren Süße zwar
empfinden, aber nicht ausdrücken kann. Wie dem auch sei: Reinheit und
unendliche Liebeserfülltheit brausten in mir bei diesen Besorgungsgängen
durch Warenhäuser und das nüchterne Ankleidekabinett war mir kein
unpassenderer Hintergrund für meiner Seele Entzücken als etwa einem
jungverliebten Bauernpaar abends der Lindenbaum vor dem Dorf. Ja, nicht
anders war mir zumute, wenn ich – als rechtmäßiger Gatte – ins
Probierzimmerchen mitgenommen wurde, unter Vorantritt einer ältlichen,
geschäftsmäßig lächelnden, sehr höflichen Verkäuferin, – wenn ich nun in
einem Sessel zur Seite Platz nahm und, während Dora ihr Kleid abtat,
ihre weißen, ganz zarten, wie für Vogelflug gebauten Schultern und das
kleine, kaum sichtbare blonde Nest unter ihnen bewunderte, – die tiefe,
geschmeidige Teilungslinie oben in der Mitte des Rückenanfangs –, und
nun konnte ich oder mußte vielmehr recht gleichgültig tun – in einer
Situation, die ich sonst nur in Zittern und Herzklopfen erlebe, – mußte
mich soweit beherrschen (und es ging ja ganz leicht), nur hie und da
eine sachkundige Bemerkung zu machen, nur hie und da, scheinbar ganz
nachlässig und zufällig, in die Spiegel zu schauen, die im äußerst
vorteilhaft aufgefangenen Tageslicht dieses sonst ganz schmucklosen
Raumes meine Geliebte mit jedem neuen Kleid, das sie an- und ablegte, in
immer neuer Schönheit, ja wie das Urbild alles Lächelns, aller Grazie
auf Erden erstehen ließen. – Ich glaube: in einer einzigen solchen
Stunde offenbarte sich mir von Kräften und Stolz der Schöpfungspracht
mehr als in meinem ganzen Leben zuvor. Und es berührte mich seltsam, daß
mir Jorinde nachher für ein einfaches Kostüm oder ein Sommerkleid
dankte, das wir mitnahmen. Aber solches unauffälliges Hinweggleiten über
den wahren Tatbestand gehörte vermutlich mit zum Wesen ihrer
Göttlichkeit.
Dieses unauffällige, in sich verborgene Wesen, – in aller Stille hat es
auf mich gewirkt, mich belehrt, in manchem vielleicht auch umgewandelt,
soweit eben bei so entgegengesetzter Anlage ein Wandel überhaupt noch
möglich ist. Von Anfang an war ihm ja meine großstädtische Hast, meine
Nervosität, mein ewiges Drängen und Nachdrückenwollen durchaus
entgegengesetzt. – Das zeigte sich sozusagen bei jedem Schritt. Fuhr ich
mit Jorinde in der Elektrischen, so konnte ich sicher sein, daß ich
schon einige Minuten vor der Haltestelle aufsprang, um mich zwecklos und
geradezu krankhaft im Wagen zwischen den Menschen hin und her zu drehen.
Jorinde dagegen blieb geduldig und mit einem gewissen Behagen auf ihrem
Platz, stand erst dann auf, wenn es nötig wurde, um ruhig und ohne
jemand zu stören auszusteigen. Wir sprachen nie über diese Beobachtung.
Ich aber weiß seither, daß man die Menschen in zwei Gruppen einteilen
kann, und daß in dieser Unterscheidung mehr Weisheit liegt als in so
manchen gründlichen Charakteristiken. Es gibt Menschen, die in der
Elektrischen bis zur Haltestelle sitzenbleiben und solche, die viel zu
bald vorher aufstehen.
Von Jorinde habe ich gelernt, nicht immer und allem zuvorkommen, nicht
immer nachhelfen zu wollen. Es kam etwa so: wenn wir stritten und ich
ihr nachher gut zuredete, auch wohl manchmal mich entschuldigen wollte,
so hörte sie immer nur in stummem Zorne zu oder wandte sich ganz ab.
Einige Stunden oder den ganzen Tag nachher kam kein Wort von ihren
Lippen. Mochte ich mich anstellen, wie ich wollte: es half nichts. Am
Tag darauf aber sprach sie schon mit mir, sprach von gleichgültigen
Dingen, wich auch dem eigentlichen Streitgegenstand nicht aus und redete
recht vernünftig von ihm, gar nicht mehr gereizt. Auch gab sie öfters
zu, unrecht gehabt zu haben, ohne dies aber für eine besonders wichtige
Eröffnung zu halten. In den folgenden Tagen nahmen dann ihre Worte immer
mehr den zärtlichen, weichen Klang an, der mir unentbehrlich war, und
nach Ablauf seiner gewissen, bald längeren, bald kürzeren Zeit war das
gute, alte Einvernehmen vollständig wiederhergestellt, – obwohl es am
Anfang immer so aussah, als sei der Bruch ein endgültiger. Auch war sie
dann imstande, sich ganz und gar vor mir zu demütigen, mir abzubitten
oder durch ganz besonders liebevolle Einfälle ihre Hingabe auszudrücken,
so daß nicht selten ein Glücksrausch, eine Steigerung, die ich gar nicht
mehr für denkbar gehalten, das Ende solcher Zerwürfnisse war. Dieses
glückliche Ende aber irgendwie zu beschleunigen, die qualvolle
Wartefrist abzukürzen, – das lag gänzlich außerhalb aller Möglichkeiten,
mochte sich dieser Vorgang noch so oft abgespielt haben und sein Verlauf
immer genau derselbe sein. Spät erst erkannte ich das und lernte, daß es
keinen Zweck habe, auf ein Geschehen drücken zu wollen, das seinen
naturgesetzlichen Gang nehmen muß. Wie ein Gewitter losbricht und in der
Zeit seines Wütens als etwas Ewiges am schwarzen Himmel steht, durch
keine Macht der Welt wegzubringen, wie es aber dann doch vorbeizieht und
erfrischte, klare Luft nachher den vollen Sonnenschein herausbringt, als
sei gar nichts geschehen, – so schwangen bei einem gesunden Menschen wie
Jorinde Gemütserregungen allmählich aus, von Argumenten freilich
unbeeinflußbar, desto zugänglicher aber dem ruhigen Walten der großen
Natur, die ganz von selbst auf Störungen neuen Frieden folgen läßt. Dies
lernte ich. Lernte: abwarten. Lernte: nicht gleich trostlos werden,
nicht gleich den Kopf verlieren, wenn Jorinde mir fern und
unverständlich war. Lernte überhaupt: ein gewisses Zutrauen zur Natur.
Lernte gleich auch eine ganze Fülle von Nutzanwendungen dazu.
Wenn zum Beispiel eine Frau etwas Allgemeines oder auf die Zukunft
Bezügliches sagt, so gilt es doch nur für den Augenblick. „In Pärken
küßt man nicht“, sagte Jorinde einmal ganz streng. Aber es war gar nicht
so gemeint, es bedeutete nur: „Heute und hier habe ich zufällig keine
Lust, mich von dir küssen zu lassen.“ Man muß die Ausdrucksweise der
Frauen richtig verstehen. Frauen reden ja nur scheinbar dieselbe Sprache
wie wir, dieselben Worte bedeuten bei ihnen oft ganz anderes als im
Redegebrauch der Männer. Als wir damals auf der Reise den kleinen
Konflikt mit der Kriminalpolizei hatten (schon ihr Name eine
Taktlosigkeit), geriet Jorinde in begreifliche Aufregung und rief: „Nie
mehr, nie mehr reise ich mit dir zusammen wie Mann und Frau.“ Es wäre
ganz verfehlt von mir gewesen, daraufhin traurig zu werden, an der
Fortdauer ihrer Liebe zu zweifeln und so fort. Was sie gesagt hatte,
bedeutete ja, in meine Sprache übersetzt, nichts als: „Es ist mir
augenblicklich etwas sehr Peinliches zugestoßen.“ Über die Gegenwart
sagte es etwas aus, gar nichts für die Zukunft ... Ach, mein Gott, wie
hübsch läßt sich das alles niederschreiben und dozieren. Nur vergesse
ich dabei, daß mein Unglück wahrscheinlich doch nur darauf beruht, daß
ich schließlich kein mehr als durchschnittlicher Schüler gewesen und
Jorindes Kurs zu bald entlaufen bin.
Denn dieser Kurs war manchmal sehr schwer. – Ja, es scheint mir
zuweilen, als hätte ich nur einige Äußerlichkeiten ihres göttlich
stillschweigenden Unterrichts erfaßt, – die Hauptlehren aber seien mir
unzugänglich geblieben. Unzugänglich, rätselhaft und so gefährlich, daß
ich schließlich an Unkenntnis ihres geheimen Kerns untergehen mußte.
Dies habe ich übrigens von Anfang an dunkel geahnt.
Manchmal stellte mich nämlich Jorinde auf die Probe. Wortlos natürlich.
Aber anderes als eine Probe kann das, was dann zwischen uns vorfiel,
nicht gewesen sein. Anders kann ich es nicht auffassen. Nun aber ist es
so, daß ich niemals solch eine Probe bestanden habe. Obwohl ich nachher
zugeben mußte, daß sie eigentlich nicht so besonders schwer zu bestehen
gewesen wäre, wenn – ja, wenn ich mich nur ein wenig mehr in der Hand
gehabt hätte. Aber ich zitterte ja um Jorinde und habe das nie verbergen
können. Nun, ich zitterte eben wie einer, der alles auf eine Karte
gesetzt hat. So unbegreiflich ist das ja nicht. Sah nun etwa Jorinde,
bei einem Ausflug, unbekannte Herren am Nachbartisch etwas länger als
üblich an, so geriet ich schon in Eifersucht. Ihrer Ansicht nach aber
war Liebe mit Vertrauen gleichbedeutend. Vertrauen sollte ich haben. War
sie denn nicht mein, – so sagte sie später, wenn die Krise vorbei war, –
mein für immer! Während des Ausflugs aber sagte sie so etwas Herzliches
nicht, was meine Aufregung sofort besänftigt hätte, nein, es schien ihr
Freude zu machen, meine Eifersucht zu reizen, mir immer neue
Wahrscheinlichkeiten für sie zu geben, etwa daß sie den oder jenen Herrn
schon von früher her kenne und dergleichen. Es war ganz absurd. Ich
wußte auch schon, daß sie mich nachher auslachen würde. Aber in meinem
Wahnsinn ging ich blindlings auf die dümmsten Andeutungen ein. Zuerst
nur scherzend, gleichsam, um ein Gesprächsthema, eine Abwechslung zu
haben. O wie rächte sich aber dann dieses kleine Amüsement, das zuerst
nur als Neckerei gedacht war, dieses „Mit-dem-Feuer-Spielen“.
Unvermittelt, ich wußte selbst nicht wie, geriet ich in heißesten Ernst.
Die ganze Sache bekam eine Kulisse von Möglichkeit, die ich (der Teufel
mag raten, aus welchem Magazin) in immer neuen Farben aufzuführen
verstand. Manches lag daran, daß Jorinde eine Art hatte, mich ablenken
zu wollen, die mich erst recht in Hitze brachte. So etwa, wenn sie
sagte: „Ich weiß gar nicht, wie du mir so etwas zumuten kannst. Kennst
du mich denn nicht? Weißt du denn nicht,“ dies flüsterte sie nur, „wie
wenig sinnlich ich bin. Bei mir ist doch wirklich keine Gefahr ...“ Mit
einem gewissen bescheidenen Stolz pflegte sie darauf zu bestehen, daß
sie so etwas wie eine Heldin von abnormer Kälte sei. Sehr selten, nur in
Momenten größter Vertraulichkeit sprach sie davon – und gewiß war es
stets ein Zeichen ehrlichen Versöhnungsversuchs, wenn sie von selbst auf
dieses ihr peinliche Thema zu reden kam. Sprach sie aber schon davon,
dann immer in diesem Sinne. Und das Merkwürdige, Aufreizende: daß unsere
Nächte sie Lügen straften. „Für mich brauchte das gar nicht zu
existieren, das Materielle“ – (dies der Ausdruck, den sie erfunden
hatte). Ich aber hatte es ganz unzweifelhaft anders erlebt. Daran durfte
ich sie natürlich nicht erinnern. War sie doch ohnehin bei der
geringsten Anspielung auf unkeusche Dinge beleidigt. Aber in gewissen
Stunden, das war ja eben das ungeheuerste Glück, brach durch all ihre
Schamhaftigkeit der Urtrieb durch, und sie konnte aufpeitschende Worte
stammeln oder auch bloß Laute ausstoßen, deren bloßer Erinnerungsklang
mir noch heute alles Blut zu Kopfe treibt. War der richtige Augenblick
gekommen, so verwandelte sie sich in ein Hexenwesen. Heidnische Freude
durchglühte ihre weiße Brust, wie Stahl hielt der schmale zarte Leib
meinen wildesten Umarmungen stand, immer neuen Ansturm herausfordernd.
Und ein paar Stunden später auf der Gasse: der kalte Blick einer Nonne,
die aufrecht stolze Haltung einer Hofdame. Eine etwas zu tief
ausgeschnittene Bluse einer Vorübergehenden konnte ihre Verachtung
herausfordern. Ebenso Disziplinlosigkeit am Schalter der Bahn, – alles,
was sich vordrängte oder nicht von sauberstem Geschmack war. Dabei log
sie weder mit ihrem Nacht- noch mit ihrem Tagbenehmen. Auf natürlichste
Art vollzog sich der Wechsel – mit geänderter Situation. Nie wäre ihr
klarzumachen gewesen, daß sie sich widersprach. Sie fühlte das eben
nicht als Widerspruch, und so war es auch keiner. Ist es ein
Widerspruch, daß das Meer heute stürmt, morgen klarblau wie ein Flüßchen
daliegt? Es ist das Geheimnis des Meeres, aber darum doch nur für uns
ein Widerspruch.
Man hält im allgemeinen Frauen vom Typus Carmen für besonders
gefährlich. Ungehemmte Elementarkraft, Wedekinds Lulu ... Unsittlich,
zerstörend, verschwenderisch. Mich langweilt das grenzenlos ... Die
Unterstrichenheit und Eindeutigkeit der sogenannten dämonischen Frau hat
für mein Gefühl etwas von der Routine des Gewerbes, das (auch bei
Gratisausübung) selbst die stolzeste dieser Gestalten verdunkelt. – Wie
anders lockt, wie zauberhaft verführt jene rätselhafte Frau, deren
asketisches Bewußtsein in tiefem Gegensatz zu ihrer naturheidnischen
Sinnlichkeit steht, ohne daß ihre Tugend von ihrem Trieb, ihre
Ausschweifung von ihren Prinzipien Notiz nähme. Die als Weib lebt und
beglückt, – und seltsam mischt sich in ihre Kraft die strenge Zucht
einer religiösen Tradition, einer ernsten Familie, einer angeborenen und
anerzogenen Verschlossenheit. Da ist es dann wohl unmöglich, seine fünf
Sinne beisammenzuhalten. Mich zumindest ließ das fremde ferne
Lebensgesetz, das ich in Jorinde ahnte, nie mehr zur Ruhe kommen.
Und auch auf andere hat es ja nicht anders gewirkt. Jorinde brauchte nur
von den Dilettantenaufführungen in München zu reden, an denen sie
mitgewirkt hatte, und ich sah leibhaftig die von ihr angerichteten
Verheerungen. – Wie viele beunruhigte Herzen hatte sie zurückgelassen!
Welch einem Sturm die Stirn geboten! Fast unglaublich – und doch war es
geschehen –, daß sie mir als erstem mit ihrem ganzen Leib zugefallen
war. Von Küssen allerdings wußte sie manches zu erzählen. „Was liegt
denn an einem Kuß!“ Oh, aber man konnte nicht sagen, daß sie je ihren
strengen Grundsätzen untreu geworden war. Immer reserviert,
entschlossen, nie alles zu sagen, im entscheidenden Augenblick dem Mann
turmhoch überlegen: – ich konnte mir vorstellen, welche Verzweiflung sie
damit entfesselt hatte. Sprach sie nur von solchen „letzten Szenen“
einer bis dahin zufriedenstellenden „anständigen“ Beziehung, so hatte
sie unwillkürlich ein hochmütiges Gesicht, trotzig, die Nase gerümpft.
Im Namen der Moral verachtete sie völlig aufrichtig alle Männer mit
ihren „materiellen“ Wünschen. Daß sie bei Spaziergängen mit oder ohne
Kuß, beim Tanz vorher, den sie leidenschaftlich liebte, diese Wünsche
geweckt hatte, daß sie selbst ganz bedenkenlos einem solchen Wunsch sich
hingegeben hätte, wenn nur der richtige Mann gekommen wäre (wie sie es
dann auch wirklich getan hat, ohne Koketterie, ohne Ziererei), das hatte
sie ganz einfach nicht im Kopf, wenn sie von Moral sprach. Und wenn sie
wortlos ihrer Natur folgte, so waren die sauber geschlichteten
Moralsätze in irgendeinem Fach versperrt, wurden nicht verletzt, weil
sie gar nicht hervorgezogen wurden. An dieser Verbindung von Keuschheit
und Foxtrott rannten sich denn auch alle die Köpfe wund. – Und ich, der
ich dieses unmögliche Amalgam jeden Augenblick an ihr merkte, der jeden
Augenblick aufs neue sie nicht verstand (wie sie etwa mit ihren Berliner
Studien den Vater, schlicht gesprochen, hinterging – und dabei dennoch
in ihren eigenen Augen, von Momentvisionen abgesehen, das strengerzogene
gute Kind blieb), ich war diesem Rätsel verfallen mit Seele und Leib.
Zum erstenmal begriff ich, daß man einer Frau, die man liebt, niemals
sicher ist, auch dann nicht, wenn man sie tags zuvor restlos besessen
hat –, daß man nachher ebenso durstig von ihr geht, wie man gekommen
ist, – daß überhaupt kein Grad von Vertraulichkeit denkbar ist, der
einen ganz befriedigen könnte, solange man eben liebt; – und hat man ihr
auch abends die Haarnadeln aus dem dichten, leise verwirrten Haar nehmen
dürfen, und spürt man noch in den Fingerspitzen die Wärme ihrer
Kopfhaut, die auch ihre Haare wärmt – vor dem Schlafengehen im Bett,
wenn alles an ihr sich in Wärme und blonde Süßigkeit aufzulösen scheint
– und bringt man ihr morgens den Kaffee ans Bett und sieht sie lachen
und hört die Übermütige, die in diesem Augenblick nach gesundem Schlaf
eine Art Tiergöttin ist und alle möglichen Tierstimmen nachahmt, bellt,
grunzt, gackert und besonders kunstvoll kräht, – all das ist doch
nichts, ist nur ein leichter Nebel, der ihre tiefinnere Fremdheit
verhüllt, der bei kleinem Windstoß auseinanderweicht und den trostlos
unendlichen Ozean dort zeigt, wo man festes Land zu sehen geglaubt.
Und nun kann ich sagen, worin meine eigentliche Schuld besteht.
Meine Schuld: daß gerade diese Fremdheit es war, was ich so sehr geliebt
habe.
Diese Fremdheit, diese Unsicherheit, diese Spannung, in der das Herz
kaum mehr zu schlagen vermag, – ich habe eigentlich von Anfang an
gefühlt, daß es Sünde ist, die Seele an Zustände von solch tödlicher
Reizkraft zu gewöhnen.
Dennoch sage ich nicht, daß es unrichtig war, so zu leben, wie ich es
begonnen habe und nur leider nicht habe durchführen können. Ich bin
vielmehr überzeugt, daß es die Bestimmung des Menschen ist, nicht etwa
sündenlos zu leben, sondern _mit_ der Sünde (so wie viele unserer Organe
ohne Bazillen gar nicht funktionieren könnten). – Mit der Sünde leben:
das heißt, – so daß man die Sünde neben sich und auch wohl in sich hat,
den mächtigen Wirbel und Bewegungsstrom benützt, der von ihr ausgeht, –
ohne sie jedoch groß werden zu lassen. _Das ist die Kunst: ohne sie groß
werden zu lassen._ Denn die Sünde hat, sobald man sich mit ihr einläßt,
ebenso wie die Bazillen, die Tendenz, sich maßlos zu vermehren, ins
Ungeheuerliche zu wachsen, und es ist dann sehr schwer, „Herr über sie“
zu sein, wie die Bibel es verlangt. Das Sprichwort weiß es auch. Der
Teufel, so sagt es, dem man einen Finger gereicht hat, will gleich die
ganze Hand. – Aber das darf kein Grund sein, ihm nicht einmal einen
Finger zu reichen. _Reiche den Finger und verweigere die Hand_, – so,
nun habe ich gar ein neues Sprichwort erfunden, wie mir scheint. Dazu
also reicht meine Kraft: Sprichworte zu erfinden. Nun aber dem Teufel
wirklich den Finger zu reichen und die Hand zu verweigern, – das
leuchtet mir allerdings als höchste Lebensweisheit ein. Es auszuführen
jedoch, dazu gehört wahrscheinlich doch nur ein ganz anderer Kerl als
ich.