baten die Korallen die Wellen, es doch auf die Insel zu werfen. Die
Wellen taten das auch, und es lag dann da oben, verfaulte und wurde zu
Erde. Die Seevögel kamen und sorgten für die Düngung; in dem Dünger
war ein Kirschstein, der schlug Wurzel und wuchs zu einem hübschen
Bäumchen heran.
Eines Tages kam ein großer, hohler Baumstamm angetrieben. Als er auf
der Insel lag und verfaulte, fielen eine Anzahl Grassamen heraus; und
nach einiger Zeit war die Insel ganz grün. In dem Baumstamm waren auch
zwei Eidechsen gewesen; die bekamen Kinder und fanden die Insel sehr
gemütlich und geeignet zum Wohnen.
Und dann kam die Kokosnuß wieder.
„Hebt mich hinauf!“ sagte sie zu den Wellen.
Und sie keimte und wurde ein prächtiger Baum. Ihre Nüsse fielen rings
nieder, und bald stand ein ganzer Hain von Kokospalmen auf der Insel.
Die Vögel bauten ihr Nest in den Bäumen; und Blumen, Bienen und
Schmetterlinge fanden sich ein.
Schließlich kam auch einmal ein Mann in einem Boote gesegelt.
Sein Schiff war untergegangen, und er war viele Tage lang auf dem Meere
umhergetrieben worden. Er war sehr hungrig und durstig; und als er die
Insel erblickte, geriet er ganz außer sich vor Freude, ging ans Land,
aß Kokosnüsse und Austern und baute sich ein Haus, in dem er wohnen
konnte, bis ein Schiff käme, das ihn in sein Vaterland brächte.
Unten im Wasser aber bauten die Korallen beständig weiter, denn sie
konnten die Insel nicht groß genug bekommen.
[Illustration]
„Ach, wenn doch unsere Ururahne das sehen könnte!“ sagten sie
zueinander.
Eine unglaubliche Geschichte.
Die Geschichte, die nun kommt, klingt ganz unglaublich.
Darum kann sie aber recht gut wahr sein. Ich kenne viele unglaubliche
Geschichten, in denen jedes Wort Wahrheit ist.
Die Geschichte ist auch sehr unheimlich.
Darum kann sie aber recht gut unterhaltend sein. Es gibt unheimliche
Geschichten, die sehr unterhaltend sind.
Die Geschichte beginnt ganz friedlich an einem schönen, warmen
Sommersonntag um halb neun Uhr morgens.
Da stand eine Mutter in ihrer Haustür und sagte zu ihrem kleinen
Jungen, der mit einem Korb in der Hand auf der Treppe stand: „Lauf
schnell zum Krämer, mein Junge, und denk daran, daß es Sonntag ist, und
daß er um neun Uhr zumacht. Es liegt ein Zettel im Korbe mit allem, was
du mitbringen sollst. Du kannst durch den Garten des Schmieds laufen,
dann bist du schneller da.“
Der Junge ging, wie die Mutter es wünschte, durch den Garten des
Schmieds.
[Illustration]
Es war ein sehr netter Junge, aber er sah etwas verschlafen aus. Und
das hatte auch seine Richtigkeit, denn er war wirklich schläfrig. Er
war spät zu Bett gekommen, weil er eine Waldpartie mitgemacht und
daher nicht ausgeschlafen hatte. Das konnte man auch an seinem Anzug
sehen, der gar nicht richtig saß. Seine Mutter hatte keine Zeit gehabt,
ihn nachzusehen. Denn es war ja Sonntag, und der Krämer schloß um neun
Uhr.
Als nun der Junge durch den Garten des Schmieds ging, sah er ein
schönes Stiefmütterchen auf dem Rasen.
Er ging darauf zu und pflückte es. Und er kniete nieder und sah sich
auch die andern Blumen an. Er guckte in die Luft, einer Libelle nach,
die vorbeischwirrte. Und wie es nun zuging, weiß niemand -- auf einmal
lag er auf dem Rücken und sah in die Wolken hinauf.
Kurz darauf schlief er ein. Neben ihm stand der Korb mit dem Zettel
darin. Die Sonne schien. Die Uhr auf dem Kirchturme schlug neun, der
Krämer setzte die Läden vor seine Fenster und schloß seine Tür. Die
Mutter aber saß zu Hause und wartete.
Das war nun schon ziemlich unheimlich. Aber es kommt noch +viel+ ärger.
Wie der Junge so dalag und in den Tag hinein schlief, setzte sich eine
Fliege auf seine Nase. Die Nase wurde krausgezogen; aber die Fliege
blieb, wo sie war.
[Illustration]
„Der Himmel mag wissen, wozu wir eigentlich hier liegen,“ sagte die
Nase. „Das ist ja eine ganz abscheuliche Stelle.“
„Wir sind zugefallen,“ sagten die Augenlider, „und damit lag das Ganze
im Schlaf.“
Als die Augenlider das gesagt hatten, entstand eine merkwürdige
Munterkeit in dem ganzen Jungen.
Es war nicht so, wie wenn ein Junge, der wach ist, lacht, auch nicht,
wie wenn ein Junge im Schlafe lacht. Es lachte ringsumher in dem Jungen
auf die sonderbarste Art. Die Beine lachten, und die Hände lachten,
die Zähne grinsten, die Nase schnob, das Herz hüpfte im Leibe vor
Lustigkeit, die Ohren lachten, der Magen gluckste... kurz, es war keine
Faser an dem Jungen, die nicht vor Lachen über die Wichtigtuerei der
Augenlider vergehen wollte.
„Himmel!“ riefen die Beine, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Wie
können die Leute nur so eingebildet sein! Man muß doch wirklich ein
arger Einfaltspinsel sein, wenn man nicht sehen kann, daß +wir+ das
Ganze tragen. Wenn wir gehen, geht das Ganze. Und wenn wir den Dienst
versagen, dann sitzt ihr sämtlich in der Patsche.“
„Allerdings haben sich die Augenlider lächerlich gemacht,“ sagte der
Magen, der langsam und mit großer Würde sprach. „Aber eigentlich seid
ihr doch auch nicht viel klüger, ihr guten Beine, wenn ihr glaubt, daß
+ihr+ den ganzen Jungen regiertet. Was haltet ihr denn von mir? Was
wollt ihr ohne mich anfangen?“
„Wir würden viel geschwinder laufen,“ erwiderten flugs die Beine.
„Schon oft haben wir uns darüber geärgert, daß wir an so einem Klotz
von Magen zu schleppen hatten.“
„Ihr schwatzt, wie ihr es versteht,“ sagte der Magen. „Von mir habt ihr
alle eure Kräfte. Von mir kommt die Nahrung, und die Nahrung sind die
Kräfte. Wenn ich nicht will, steht alles still.“
„Du eingebildeter Knirps!“ riefen die Beine.
„Wohl möglich,“ sagte der Magen. „Ich weiß wohl, daß ich klein bin,
und ich werde es auch noch geraume Zeit bleiben, solange unser kleiner
Junge so klein ist. Aber wartet nur, ihr mißgünstigen Seelen! Seht
seinen Vater an! Sein Bauch rundet sich schon recht hübsch unter der
Weste. Und seht unseren Onkel Kommerzienrat an. Er ist der vornehmste
Mann in der Stadt, und hat den größten Bauch unter allen Einwohnern.
Ich kann euch erzählen, daß er niemals Kommerzienrat geworden wäre,
wenn er nicht einen so guten, ausdehnungsfähigen Magen gehabt hätte.“
„Uns vergißt du wohl, guter Magen,“ sagten die Zähne. „Wenn wir nicht
das Essen kauen, kannst du gar nichts damit anfangen.“
„Wer sieht, wo das Essen steht?“ fragten die Augen.
„Wer hört, wenn zu Tisch gerufen wird?“ fragten die Ohren.
„Wer nimmt das Essen und tut es in den Mund?“ riefen die Hände.
[Illustration]
„Wer trägt euch allesamt zum Tisch und setzt euch dorthin?“ fragten
höhnisch die Beine.
Da entstand ein ungeheurer Spektakel in dem Jungen;
unbegreiflicherweise wachte er dennoch nicht auf. Das war ärgerlich für
ihn, aber gut für die Geschichte. Als es wieder ein bißchen stiller
geworden war, sagte das Herz: „Ihr schwatzt alle, soweit euer Verstand
reicht. Ich bin der Vornehmste in dem ganzen Jungen. Wenn ich aufhöre
zu schlagen, dann ist alles vorbei. Es gibt Leute, die keine Augen
haben, und Leute, die keine Beine haben, Leute, die keine Hände haben,
Leute, die keine Ohren haben, und Leute, die keine Zähne haben. Es gibt
Leute, deren Magen keinen roten Heller wert ist. Aber Leute, die kein
Herz haben, sind schlechthin geliefert.“
„Ah!“ höhnten die Beine. „Du bist ja auch immer so voll von edlen
Gefühlen und dergleichen.“
„Durchaus nicht,“ erwiderte das Herz. „Das ist Unsinn. Ich bin ein
einfaches Pumpwerk, nicht mehr und nicht weniger. Wollt ihr zuhören, so
werd’ ich euch alles erklären.“
„Erzähle!“ sagten die Beine. „Aber sei nur nicht zu weitschweifig.“
„Beeile dich, ehe wir uns heben!“ sagten die Augenlider.
Da lachten alle, und dann fing das Herz an zu erzählen: „So ein kleiner
Junge, wie der, zu dem wir gehören --“
„Halt mal ein wenig,“ riefen die Beine. „Uns gefällt deine
Ausdrucksweise nicht. Du mußt lieber sagen, daß der Junge zu uns
gehört. Was wäre er ohne uns? Wenn wir verabredeten, unsrer Wege
zu gehen, jeder nach einer andern Seite hin, was würde dann aus dem
Jungen?“
„Gut,“ antwortete das Herz. „Das Vergnügen kann ich euch machen.
Also: so ein kleiner Junge, wie wir einer sind, gleicht einer sehr
verwickelten Maschine mit einer Menge Räder, Stangen und merkwürdigen
Apparaten. Unaufhörlich arbeitet die Maschine. Die Räder schnurren,
die Stangen gehen ihren Gang. Allerorten werden die Teile abgenützt,
allerorten muß nachgesehen und repariert werden; denn wenn nur ein
einziges Rad anhält, sieht es schlimm aus für die ganze Maschine.“
„Was für eingebildetes Zeug ist das?“ riefen die Beine. „Das verstehe,
wer kann!“
„Wir verstehen es wohl,“ sagten die Augen, die sich in der Welt
umgesehen hatten.
„Na also,“ rief das Herz. „Und nun müßt ihr wissen, daß +ich+ die
Aufsicht und die Reparaturen besorge.“
„Natürlich -- Prahlhans!“ schalt der Magen.
„Was der Bursche sich einbildet,“ riefen die Beine.
„Laßt uns nun die Geschichte zu Ende hören,“ verlangten die Augen.
„Ja,“ fuhr das Herz fort. „Es ist ganz richtig, daß die Augen die
Nahrung sehen, und daß die Ohren hören, wenn zu Tisch gerufen wird, und
die Beine hingehen und die Hand die Nahrung in den Mund steckt und die
Zähne sie kauen und der Magen sie verdaut.“
„Das ist ja sehr schön,“ sagte der Magen spöttisch. „Aber was tust du
denn eigentlich, mein Freund?“
„Das ist nicht schwer zu verstehen,“ sagte das Herz. „Willst du mir
einmal sagen, mein lieber Magen -- was könnte es nützen, daß die
Nahrung wohl verdaut in dir läge, nachdem du und die Zähne und die
Augen und die Ohren und die Beine und die Hände ihre Pflicht getan und
sie dahin gebracht haben? Das könnt ihr euch an den Fingern abzählen:
es nützt nicht ein bißchen! Die Nahrung muß in den Körper hinein, das
muß sie -- muß in die Runde in dem ganzen Jungen, zu jedem einzigen
Rade hin, das schnurrt und sich abnützt. Und +das+ besorge ich.“
Da war es ein Weilchen still in dem Jungen. Dann sagten die Beine:
„Darf ich deine Beine einmal sehen? Du mußt gute Beine haben, um so
rundherum laufen zu können.“
„Ich habe gar keine Beine,“ erwiderte das Herz. „Ich habe nur mein
+Blut+, und das ist vollkommen hinreichend. Wenn der Magen die Nahrung
verarbeitet hat, saugt mein Blut sie auf. Und dann peitscht das Blut
mit ihr in dem ganzen Jungen herum. Überall habe ich in ihm Adern
angelegt, das sind feine Kanäle, die bis in seine Nasenspitze reichen
und in seine kleine Zehe und die Spitze seines kleinen Fingers.
Unaufhörlich pumpe und pumpe ich das Blut in die Adern hinaus und
wieder zurück. Schlag auf Schlag geht es, -- viele Schläge in der
Minute. Wohin das Blut kommt, da gibt es ein wenig Nahrung an alle
Teile ab. Auf diese Weise wird alles, was in dem Jungen verschlissen
ist, repariert, und so wächst er nach und nach, bis er ein ganzer Mann
wird. -- Was sagt ihr zu der Erklärung?“
Zunächst sagte keiner etwas. Aber dann fingen sie sämtlich an,
durcheinander zu schreien, und der Spektakel wurde noch ärger als
zuvor. Keiner wollte sich vor dem andern beugen. Jeder meinte, daß er
der Wichtigste sei, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sich
nicht plötzlich eine wohltuend ruhige Stimme hätte vernehmen lassen,
die bisher noch nichts gesagt hatte: „Vielleicht darf ich auch ein Wort
mitreden!“
Es war das Gehirn. Und ob sie nun im voraus Respekt vor ihm hatten, ob
ihnen seine ruhige Stimme imponierte, oder ob sie so sehr geschrien
hatten, daß sie nicht mehr konnten, genug: sie schwiegen sämtlich, und
es wurde ganz still.
„Das mag ja alles recht gut und schön sein, was ihr da gesagt habt,“
fuhr das Gehirn fort. „Und ich habe den größten Respekt vor euch allen,
die ihr zusammen mit mir unsern kleinen Jungen ausmacht.“
„Der spricht doch wenigstens wie ein gebildeter Mensch,“ sagten die
Beine.
„Man kann doch verstehen, was er sagt,“ riefen die Ohren.
„Laßt ihn fortfahren,“ sagte der Magen.
„Wir wollen hören, was er sagt,“ meinten die Ohren.
„Wir versprechen, uns nicht zu heben, ehe er fertig ist,“ versicherten
die Augenlider.
„Vielen Dank!“ versetzte das Gehirn. „Zuerst muß ich jetzt bemerken,
daß ich alles unterschreiben kann, was mein vortrefflicher Kollega, das
Herz, gesagt hat -- mit Ausnahme seiner Behauptung, daß es selbst das
vornehmste Stück des Jungen sei.“
„Hört, hört! Bravo!“ rief der Magen.
Und sie riefen sämtlich, das sei richtig, nur das Herz natürlich nicht;
das schlug und sagte nichts.
„Das vornehmste Stück bin nämlich ich,“ verkündete das Gehirn, „was ich
nun die Ehre haben werde der Versammlung zu beweisen.“
„Aa--h!“ riefen da die Beine, und „Aa--h!“ riefen auch alle andern.
Aber sie schwiegen doch und lauschten dem, was nun noch kam.
„Wie das Herz seine Adern in alle Ecken und Enden des Jungen aussendet,
so beherrsche ich sämtliche Nerven,“ erklärte das Gehirn. „Nur sind
meine Nerven viel zahlreicher und feiner als die Adern. Meine Nerven
sind Telegraphendrähte, versteht ihr! Die Hauptstation -- das bin ich.
Die Endstationen liegen rings in dem Bürschchen. Es geschieht nichts
mit ihm, ohne daß ich es zu wissen bekäme. Er unternimmt nicht das
geringste, ohne daß ich es bestimmte.“
„Herr im Himmel! -- Er ist doch der Eingebildetste von der ganzen
Gesellschaft!“ riefen die Beine.
„Wenn ich bestimme, daß wir gehen sollen, so telegraphiere ich das den
Beinen, und dann gehen wir,“ fuhr das Gehirn fort. „Bin ich müde --
wupps! so ruhen wir uns aus oder schlafen, wie es nun gerade kommt. Es
kostet mich nur einen Befehl, und es geschieht.“
„Sollen wir ihm noch weiter zuhören?“ fragten die Ohren.
„Wir wollen sehen, wie weit er die Sache treiben wird,“ meinten die
Augen.
Das Gehirn ließ sich indessen durchaus nicht stören:
„Vielleicht kann ich es am allerbesten an einem Beispiel zeigen.
Gestern -- vielleicht wissen die Beine es noch -- nahm Nachbars Peter
eine Stecknadel und stach damit in die Beine unsres Jungen, ganz oben,
wo sie am dicksten sind.“
[Illustration]
„Sprich nur gerade heraus, du Zieraffe,“ riefen die Beine.
„Welche Ausdrücke ich wähle,“ sagte das Gehirn, „kann euch ganz
gleichgültig sein, wenn wir uns nur verstehen und über die Sache einig
sind. Also: Peter stach mit der Stecknadel. Das wurde augenblicklich
an mich telegraphiert. Ich telegraphierte auf der Stelle an den Mund,
der ‚Au!‘ sagte. Und zugleich sandte ich eine Depesche an die Augen ab,
daß sie nachsehen sollten, wer der Schlingel sei. Sie gehorchten mir
augenblicklich und meldeten, daß es Peter sei, der nicht so groß ist,
daß wir ihn nicht recht gut durchbläuen könnten.“
„Das ist richtig,“ sagten die Augen.
„Wir haben ihn schon oft durchgebläut,“ sagten die Hände.
„Sofort traf ich alle Anstalten für Peters Hiebe,“ sagte das Gehirn.
„Ich befahl den Beinen, ihm nachzulaufen, der linken Hand, ihn am
Kragen zu packen, der rechten, ihm eine tüchtige Ohrfeige zu geben,
dem Mund, ihn mit den ärgsten Scheltworten auszuschimpfen, die uns im
Augenblick einfielen. -- Und geschah das nicht alles?“
„Ja,“ bestätigten die Beine und Hände und der Mund.
„Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?“ fragte der Magen.
[Illustration]
„Warte bitte einen Augenblick!“ erwiderte das Gehirn. „Die Geschichte
ist noch nicht zu Ende. Seht ihr -- während Peter seine wohlverdienten
Hiebe bekam, befahl ich den Augen, gut aufzupassen, ob jemand käme.
Denn ich wußte ja, daß Peter einen großen Bruder hat, der viel stärker
ist als unser kleiner Junge!“
„Das ist richtig,“ sagten die Beine. „Wir sind oft vor ihm
davongelaufen.“
„Aber ihr konntet ihm nicht weglaufen!“ sagte das Gesäß. „Das bekam
+ich+ zu spüren!“
„Er hat uns oft zwischen den Fingern gehabt,“ versicherten die Ohren.
„Wir haben ihn auch gesehen,“ sagten die Augen.
„Allerdings,“ bestätigte das Gehirn. „Und kaum hattet ihr das an mich
telegraphiert, so gab ich auch schon den Händen Befehl, augenblicklich
mit den Hieben aufzuhören, und den Beinen, Reißaus zu nehmen, so
schnell sie konnten. Und +wie+ wir Reißaus nahmen! Ich ließ die Augen
nach allen Seiten hin aufpassen, damit wir die verschlagensten Wege
finden konnten. Nicht hinter eine Hecke sprangen wir, nicht hinter
einen Strauch krochen wir, nicht einen Sprung machten wir ohne meinen
ausdrücklichen Befehl.“
[Illustration]
„Das ist richtig,“ sagten die Beine. „Aber es ist merkwürdig --“
„Ich bin noch nicht fertig,“ sagte das Gehirn. „Vielleicht wißt ihr
noch, daß wir an Sörensens vorbeikamen, die gerade beim Backen von
Apfelschnitten waren.“
„Das weiß ich noch recht gut,“ bestätigte der Magen.
„Freut mich,“ antwortete das Gehirn. „Aber -- ich habe eine Endstation
in unserer Nase, wie ich sie an allen anderen Stellen in uns habe, und
die hat mir ja sofort Nachricht über die Apfelschnitten gegeben. Nun
ließ ich die Ohren horchen, ob sie noch die Tritte des großen Bruders
hören könnten, und die Augen ließ ich Ausguck halten, ob er noch in
Sicht sei. Als ich mich so überzeugt hatte, daß keine Gefahr von dieser
Seite her drohte, befahl ich den Beinen, uns zur Tür hin zu tragen,
der Hand, höflich anzuklopfen, dem Rücken, vor Mutter Sörensen eine
schöne Verbeugung zu machen, und den Augen, nach den Apfelschnitten zu
schielen. -- Da bekamen wir denn auch ein paar.“
„Sie schmeckten wunderschön!“ sagte die Zunge.
„Sie lagen etwas schwer in mir,“ meinte der Magen. „Ich hatte
grauenhafte Mühe mit ihnen. Es zwickte mich gehörig!“
„Jetzt bin ich fertig mit der Geschichte,“ schloß das Gehirn. „Habt ihr
etwas einzuwenden?“
Sie schwiegen alle eine Weile, überwältigt von dem, was das Gehirn
gesagt hatte und worin, wie sie ja nicht leugnen konnten, jedes einzige
Wort richtig war.
Aber dann fing der Magen an zu knurren:
„Das mag alles wirklich so sein, wie du es erzählt hast. Aber überall
hast du nun doch nicht das Kommando, du eingebildetes Hirn! Wenn ich
die Nahrung verdaue, frage ich dich nicht um Erlaubnis zu allem, was
ich tue.“
„Ich frage dich auch nicht jedes Schlages wegen, den ich tue,“ stimmte
das Herz ein.
„Das, was ihr da sagt, ist vollkommen richtig,“ entgegnete das Gehirn,
ruhig wie zuvor. „Ich habe auf sehr vieles aufzupassen und muß an
vielen Stellen zugleich sein. In Wirklichkeit habe ich noch viel mehr
zu leisten, als ich hier erwähnt habe. Ich soll ja zum Beispiel auch
dafür sorgen, daß unser kleiner Junge etwas lernt und ein rechter Mann
wird. Darum überlasse ich es für gewöhnlich euch, eure eignen Geschäfte
zu besorgen. Aber darum müßt ihr euch nicht einbilden, daß ihr tun
könnt, was ihr wollt. Ich habe ein Auge auf euch, müßt ihr wissen! Ich
habe telegraphische Verbindung mit jedem Stückchen von euch, und sobald
das Allergeringste nicht stimmt, werde ich sofort davon in Kenntnis
gesetzt.“
„So ein Geschwätz!“ riefen die Augen.
„Die reine Prahlerei!“ schrie der Magen.
„Ihr irrt euch durchaus,“ versetzte das Gehirn. „Und ich kann es
euch leicht beweisen. Habt ihr zum Beispiel jemals gehört, daß ein
kleiner Junge Magenschmerzen hat, ohne daß er heult? -- Da seht ihr’s!
Ich bekomme es zu wissen, daß mit dem Magen etwas verkehrt ist,
telegraphiere dem Mund, daß er heulen soll -- und er heult. Die Mutter
des Jungen kommt und erfährt, daß er zu viel Kuchen gegessen hat. --
Brauch’ ich noch weiterzugehen?“
„Nein,“ versicherte sehr ernst das Gefäß.
Da sagte das Gehirn nichts mehr, denn nun hatte es gesagt, was zu sagen
war. Aber die andern schwatzten weiter und wurden so laut, daß der
Junge schließlich aufwachte.
[Illustration]
Mit einem Ruck richtete er sich empor und rieb sich die Augen. Er sah
zum Himmel und rings im Grase umher. Und er sah auf den Korb, der
dastand und ihn mit dem Zettel darin angähnte.
Plötzlich wurde es dem Jungen klar, daß er geschlafen hatte.
Wie lange, wußte er nicht; aber er hatte eine unheimliche Ahnung
davon, daß er nun zu spät zum Krämer kommen werde. Es waren keine Leute
mehr auf dem Wege. Angenommen nun, der Krämer hätte schon seinen Laden
geschlossen....
[Illustration]
Mit Blitzesschnelle war er auf den Beinen und stürzte von dannen.
Die Beine sprangen, das Herz schlug, die Augen starrten, die Ohren
horchten, die Arme ruderten, das Gehirn telegraphierte....
„Hallo!“ sagten die Beine. „Was ist denn auf einmal los, wer rumort
denn da gar so fürchterlich? Wer ist denn das?“
„Das bin ich,“ sagte eine neue Stimme, die keiner vorher gehört hatte.
„Wer bist du?“ fragte der Magen.
„Ich bin unser schlechtes Gewissen,“ sagte die Stimme.
„Wo steckst du?“ fragte das Gehirn.
Aber es war keine Zeit zu weiteren Erklärungen. Es ging im Galopp.
[Illustration]
„Ich fürchte, ich werde die ganze böse Suppe, die sich unser Junge
eingebrockt hat, wieder einmal ausessen müssen,“ sagte melancholisch
das Gefäß.
Und darin behielt es recht.
☐
Der Wind.
Am Montag morgen stand der Fischer in seinem Boot, spuckte ins Wasser
und fluchte, daß es sich grauenhaft anhörte.
„Nun hab’ ich acht Tage hier müßig gelegen und auf Ostwind gewartet,“
sagte er. „Aber Morgen für Morgen kommt der Wind von Westen. Die Fische
verfaulen mir im Schiff, und ich werde ein armer Mann. Willst du dich
denn nicht drehen, Wind?“
„Ich kann nicht,“ sagte der Wind betrübt.
„Du böser, garstiger Wind!“ rief der Schiffer.
*
Am Dienstag morgen öffneten sich die Knospen des Apfelbaums.
„Dies ist für mich der wichtigste Tag im Jahre,“ sagte der Baum.
„Heute entscheidet sich mein Schicksal. Lieber, guter Wind... heute
blühe ich, da darfst du um Gotteswillen nicht wehen. Wenn meine Blüten
heruntergeweht werden, bekomme ich ja keine Äpfel. Jetzt sei hübsch
still, bloß heute.“
„Ich möchte ja so gern, wenn ich nur könnte,“ erwiderte der Wind.
Damit fegte er über den Apfelbaum hin, und alle die weißen Blüten
flogen in die Luft.
„Du bist ein recht, recht böser Wind,“ klagte der Apfelbaum.
Am Mittwoch morgen stand der Müller auf seiner Mühle und betrachtete
den Himmel.
„Jetzt mach’ ein wenig flink, mein lieber Wind!“ sagte er. „Heute
müssen wir mahlen. Ich bin nicht so unvernünftig wie der Schiffer.
Mir ist es ganz gleichgültig, ob du von Nord oder Süd, Ost oder West
kommst, +wenn+ du nur kommst. Ich drehe einfach die Mühlenhaube. Aber
wenn du +gar nicht+ wehst, dann werde ich wütend.“
„Hier bin ich, hier bin ich,“ sagte der Wind, und die Mühle ging.
„Braver Wind!“ rief der Müller.
[Illustration]
„Ach, nun muß ich mich wieder legen,“ sagte der Wind.
Und weg war er, und die Mühle stand still.
„Du garstiger Wind,“ klagte der Müller.
*
Am Donnerstag morgen stand der kranke Knabe hinterm Fenster und guckte
hinaus.
„Woher kommst du heute, Wind?“ fragte er.
„Von Osten,“ entgegnete der Wind.
„Lieber, guter Wind, du mußt dich drehen oder dich legen,“ sagte der
Knabe. „Ich bin sehr krank gewesen. Und der Doktor sagt, daß ich bei
Ostwind nicht hinaus darf. Und ich möchte so gerne hinaus. Ich bin
in diesem Jahre noch gar nicht im Walde gewesen und habe nicht ein
einziges Mal mit dem wunderschönen Bogen geschossen, den ich zu meinem
Geburtstag bekommen habe. Lieber, lieber Wind, du kannst das einem
kranken, kleinen Jungen, doch nicht abschlagen.“
„Ich kann dir nicht helfen,“ heulte der Wind.
Da weinte der Junge und stampfte auf den Fußboden.
„Wie ich dich hasse, du garstiger Wind!“ rief er.
*
Am Freitag morgen hängte die Pfarrersfrau ihre Wäsche zum Trocknen auf
die Wiese.
„Der Wind weht gerade richtig so,“ sagte sie. „Heute nachmittag ist
alles trocken. Dann können wir wirklich sagen, daß wir diesmal Glück
mit der Wäsche gehabt haben.“
Gegen Mittag wurde der Wind zum Sturm.
[Illustration]
Die Pfähle stürzten um, die Leinen zerrissen, und die Wäsche flog auf
die Erde. Die Pfarrersfrau lief verzweifelt umher und sammelte sie auf.
„Ach, Herrgott, Herrgott!“ sagte sie. „Wie sieht sie aus! Da bleibt
mir nichts anderes übrig, als die ganze Wäsche wieder in den Zuber zu
stecken. Der Henker soll den elenden Sturm holen.“
„Ich kann nichts dafür,“ brüllte der Sturm.
*
Am Sonnabend morgen waren die Samen des Löwenzahns fertig.
Niedlich saßen sie mit ihren Regenschirmchen da und warteten darauf,
daß der Wind sie in die Welt hinaustragen sollte. Es waren ihrer viele,
und sie waren recht schön; der Löwenzahn war sehr stolz auf sie.