„Es ist hübsch, wenn einem die Kinder Freude machen,“ sagte er. „Ich

habe für sie geblüht und sie in meinem Schoße genährt. Jetzt müssen sie

selbst für das übrige sorgen. Wenn sie gleich auf die Erde fielen, dann

würden sie einander beim Aufwachsen ersticken. Darum habe ich jedem

von ihnen einen Fallschirm mitgegeben, der sie ein gutes Stück übers

Feld dahintragen kann. So zerstreut sich die Familie und beherrscht die

Welt. Komm, lieber Wind, und trage sie. Ich verlange nichts als eine

schöne kleine Sommerbrise.“

„Ich kann nicht,“ antwortete der Wind. Und er rührte sich nicht. Es

blieb still, ganz still.

„Du boshafter Wind!“ schalt der Löwenzahn. „Gestern hast du so

gestürmt, daß die ganze Wäsche der Pfarrersfrau verdorben ist, und

heute magst du nicht einmal meine leichten Kinderchen ein bißchen übers

Feld tragen. Schämen, schämen, schämen solltest du dich!“

„Ich kann nicht anders,“ seufzte der Wind.

*

Am Sonntag morgen lag der Wind hinter der Hecke. Daneben saß eine Maus

und leckte ihre Pfötchen.

„Wie du seufzest, Wind,“ sagte die Maus.

„Muß ich nicht seufzen?“ erwiderte der Wind. „Es gibt auf der ganzen

Welt kein Wesen, das so unglücklich ist, wie ich.“

„Du übertreibst wohl!“ sagte die Maus. „Ja ... ich kenne dich ja

nicht näher. Ich bin nur klein und halte mich an die Erde, so daß du

meistenteils über meinem Kopfe dahinfährst. Aber neulich hab ich jemand

in anderm Tone von dir sprechen hören.“

„Hat man mir etwas Gutes nachgesagt?“ fragte der Wind. „Wer war es?

Geschwind, erzähle!“

„Der Dichter war es,“ sagte die Maus. „Hier hat er mit seiner Liebsten

gesessen und ihr Verse vorgelesen, die er über dich verfaßt hatte.“

„Ach, der Dichter,“ sagte der Wind mißmutig. „Was hat in den Versen

gestanden?“

„Daß du lind und mild wärest, und daß du ihre Wange umfächeltest und

mit ihren Locken spieltest,“ sagte die Maus.

„Gewiß,“ sagte der Wind. „Und neulich hat er geschimpft, weil ich seine

Nase blau gefärbt und ihm die Frisur in Unordnung gebracht habe.“

„Es stand auch etwas davon in den Versen, wie schön und stolz du bist,

wenn du in all deiner Macht übers Meer braust,“ fuhr die Maus fort. „Er

sagte, er kenne nichts Herrlicheres, als wenn du die Wogen peitschst

und sie emporschäumen läßt.“

„Vorgestern hat er gesegelt,“ sagte der Wind. „Dabei ist er seekrank

geworden und hat mich elendiglich gescholten und verunglimpft. Nein, er

ist um kein Haar besser, als die andern.“

„Ja, wenn sie alle so zornig auf dich sind, so muß doch wohl etwas mit

dir nicht in Ordnung sein,“ meinte die Maus.

„Ach Gott, ach Gott!“ stöhnte der Wind.

Und er fuhr fort, zu seufzen und zu jammern, so daß es jämmerlich

anzuhören war.

„Vertrau’ dich mir an!“ sagte die Maus. „Das erleichtert immer ein

bißchen. Und ich stehe, wie gesagt, außerhalb des Ganzen. Mir hast du

niemals Böses oder Gutes erwiesen.“

„Ich bin das unglücklichste Wesen auf der Welt,“ begann der Wind. „Alle

betrachten mich als einen mächtigen Herrn und bitten mich bald um dies

und bald um jenes. Und doch bin ich nur ein armseliger Diener, der die

Befehle seines Herrn erfüllt, und keinen Finger auf eigene Hand rühren

kann.“

„Ei, ei,“ sagte die Maus. „Das hätte ich mir nicht träumen lassen.“

„Und doch ist es die reine Wahrheit,“ erwiderte der Wind. „Jeden Tag

verunglimpft man mich, weil ich die Wünsche meines Herrn erfülle.“

„Wer ist dein Herr?“ fragte die Maus.

„Mein Herr ist die Sonne,“ sagte der Wind. „Sie ist schuld an all dem

Bösen, das ich tue, aber +ich+ bekomme Prügel dafür.“

„Erzähle,“ rief die Maus.

„Das ist bald erzählt. Siehst du, jetzt liege ich hier still und tue

keiner Katze etwas.“

„Das ist hübsch von dir,“ sagte die Maus. „Allerdings muß ich dir

sagen: wenn ich jemandem etwas Schlechtes wünsche, so ist es die Katze!“

„Es handelt sich für meine Person, gar nicht um hübsch oder nicht

hübsch,“ sagte der Wind. „Ich kann nichts von selbst tun. Aber höre zu:

wenn die Sonne drüben im Osten recht stark zu scheinen beginnt, dann

muß ich augenblicklich fort und muß Westwind sein, ich mag wollen oder

nicht.“

„Ich kann dir nicht folgen,“ sagte die Maus.

„Gewiß,“ fuhr der Wind fort. „Die Luft, die von der Sonne erwärmt

worden ist, steigt in die Höhe... das tut warme Luft immer, weil sie

leichter ist als kalte.“

„Ja, mir ist das gleichgültig,“ sagte die Maus, die sich gekränkt

fühlte, weil sie die Sache nicht verstand.

„Aber mir nicht,“ rief der Wind. „Denn da, wo vorher die Luft war,

entsteht ein leerer Raum, und dann heißt es sofort: ‚Pst, Wind, komm

geschwind mit frischer Luft hierher!‘ Und wenn ich still gelegen habe,

so soll ich auf und davon rennen; und wenn ich Ostwind gewesen bin, so

soll ich auf die Minute Kehrt machen und Westwind sein.“

„Aha,“ sagte die Maus. „So hängt die Sache zusammen. Da hast bloß zu

gehorchen.“

„Ganz richtig,“ sagte der Wind. „Niemals weiß ich, bevor die Order

kommt, wohin ich soll. Findet keine Erwärmung statt, so liege ich still

und muß mich darein finden, von denen ausgescholten zu werden, die

mich brauchen, und nicht begreifen können, wo ich bleibe. Sodann kommt

Befehl von Osten, ich fahre von Westen daher und höre unterwegs nichts

als die Verwünschungen derer, die mich von Osten erwartet haben.“

„Ja, das kann nicht gerade amüsant sein,“ sagte die Maus.

„Es ist fürchterlich,“ klagte der Wind. „Und siehst du... wenn die

Sonne nun ganz plötzlich den Einfall bekommt, irgendwo zu scheinen, und

wenn sie dann sehr stark scheint, dann muß ich rennen wie verrückt, um

zeitig genug zu kommen. Dann werde ich zum Sturm und fahre über Meere

und Länder dahin; die Bäume stürzen um, die Dächer werden von den

Häusern weggeweht, und die Schiffe scheitern. Dann beschuldigen die

Leute mich grauenhafter Bosheit und geben mir die Schuld an all dem

Unglück. Und ich kann doch gar nichts dafür.“

„Ich gebe zu, daß das ein hartes Los ist,“ sagte die Maus. „Die Sonne

verdient also die Prügel und nicht du.“

„Ganz gewiß. Aber die Sonne verehren sie und beten sie an.“

„Könntest du nicht jemand veranlassen, ihnen zu erklären, wie die Sache

zusammenhängt?“

„Wer sollte das wohl sein?“ fragte der Wind und schüttelte den Kopf.

„Du solltest einmal mit dem Dichter reden.“

„Das würde viel helfen! Glaubst du, der Dichter macht sich etwas

daraus, wie die Sache zusammenhängt? Er richtet die Dinge so ein, daß

er sie in Verse setzen kann. Und dazu läßt sich ja auch nichts sagen.

Ein jeder stiehlt in seinem Gewerbe. Er schildert mich als mild und

sanft und lieblich. Oder als stolzen, übermütigen Herrn. Würde er

erzählen, daß ich in Wirklichkeit nur ein elender Diener bin, der auf

Befehl seines Herrn von einem Ende der Welt bis zum andern rennt --

was, glaubst du, würde dann aus den Versen werden?“

„Daran mag etwas Wahres sein,“ sagte die Maus nachdenklich.

„Gib nur acht! Dort kommen die Leute aus der Kirche. Hör zu, was sie

sagen, dann wirst du sehen, daß ich nicht übertreibe.“

Der Wind versteckte sich hinterm Zaun; und die Maus lugte unter einem

Huflattichblatt hervor, während die Leute vorbeigingen.

[Illustration]

Da kam die Pfarrersfrau und die Mutter des kleinen kranken Jungen. Es

kam der Schiffer, und es kam der Müller, und es kamen noch viele andere.

„Wie geht es Ihrem Jungen?“ fragte die Pfarrersfrau.

„Danke,“ sagte die Mutter. „Es geht besser, aber nur langsam. Bei dem

scharfen Winde konnte er ja nicht ins Freie.“

„Ach ja, der Wind, der Wind!“ meinte die Pfarrersfrau. „Denken Sie

sich... am Freitag morgen hänge ich meine ganze Wäsche auf die Wiese.

Es war wunderschönes Wetter, so ein trockener Wind, wissen Sie. Und

dann kam ein solcher Sturm, daß mir alles verdorben wurde. Bloß des

widerwärtigen Windes wegen müssen wir die ganze Wäsche noch einmal

waschen.“

„Entschuldigen Sie, daß Sie das Mehl noch nicht gekriegt haben,“ sagte

der Müller zum Bauer. „Es ist nicht meine Schuld, sondern die des

Windes. Man kann sich keine Stunde lang auf ihn verlassen.“

„Der Wind ist der unzuverlässigste Geselle von der Welt,“ sagte der

Schiffer. „Braucht man Ostwind, so kann man zehn gegen eins wetten, daß

Westwind herrscht. Soll der Wind sich legen, so weht er. Soll er wehen,

so legt er sich. Will man Stille haben, so bekommt man Sturm.“

Die Leute gingen weiter. --

„Das sind wahre Worte,“ sagte der Apfelbaum. „Dienstag hat mir der Wind

alle meine schönen Blüten weggenommen.“

„Der Wind ist das größte Ungeheuer der Welt,“ rief der Löwenzahn.

„Sonnabend hat er es mir abgeschlagen, mit meinen Samen in die Welt zu

fliegen.“ -- --

„Hörst du’s nun?“ fragte der Wind.

„Ich habe es gehört,“ erwiderte die Maus. „Und ich bedaure dich

aufrichtig.“

„Und doch gibt es noch Schlimmeres,“ sagte der Wind. „Nun kennst du

also mein Schicksal. Du weißt, daß es nicht meine Schuld ist, wenn ich

den Leuten Übles zufüge, und daß ich den Zorn über meines +Herrn+ Taten

geduldig auf mich nehmen muß. Kann es dich da befremden, wenn ich hier

und da einmal zusammenbreche?“

„Nein, wirklich nicht,“ entgegnete die Maus. „Ein anderer könnte es ja

überhaupt nicht ertragen.“

„Gut. Ich stöhne auch so manches liebe Mal. Mein unverdientes Geschick

quält mich dann so, daß ich brüllend auf dem Meere in der Takelage

hause, heulend in die Schornsteine fahre und durch alle Ritzen und

Spalten pfeife. Weißt du, was dann die Leute sagen?“

„Nein.“

„Dann sagen sie: Hört, wie böse der Sturm brüllt... hört, wie häßlich

der Wind heult.... wie unheimlich er pfeift!“

„Armer Wind!“

Der Wind sagte nichts mehr, sondern seufzte bloß. Auch die Maus sagte

nichts, denn sie wußte keinen Trost für ihn.

Da auf einmal kam Unruhe in die Luft.

„Hallo!“ rief der Wind. „Jawohl... nach Süden?... Ich komme, ich komme!“

Die Maus lief hervor, um Ausschau zu halten, wurde aber dermaßen

herumgewirbelt, daß sie beinahe den Rückweg in ihr Erdloch nicht

wiedergefunden hätte. Als sie schließlich wieder zu Hause war, zitterte

sie vor Wut.

„Der garstige Wind!“ sagte sie. „Da sitze ich und höre mir geduldig

seine dummen Geschichten an, und dann überfällt mich plötzlich der rohe

Bursche. Undank ist der Welt Lohn!“

☐

Der gute Mann.

Es war einmal ein Mann, der war so entsetzlich gut, daß er es nicht

aushielt in diesem Leben und in dieser Welt.

Wohin er sah, sah er nichts als Hader und Zank unter den Menschen. Ein

jeder sorgte für sich und suchte den Nachbar zu übervorteilen. Krieg

tobte zwischen den Königen, Krieg zwischen den Völkern und Krieg auch

zwischen den Krämern drüben an der Ecke. Keiner half dem andern. Keiner

verzieh dem andern.

Schließlich bekam der Mann die Welt so satt, daß er beschloß, sich

irgendwo weit draußen auf dem Lande anzusiedeln, um so wenig wie

möglich mit den Menschen zu tun zu haben.

Gesagt, getan.

Er suchte sich ein erstaunlich kleines Haus irgendwo in einem fernen

Tannenwalde, dicht am Meer. Das mietete er von dem Bauern, dem es

gehörte, und zog auf der Stelle ein. Und da wohnte er nun, rauchte

seine Pfeife, saß am Strande und blickte aufs Meer hinaus und dachte,

jetzt solle sein gutes Herz nicht wieder gekränkt werden durch

Schlechtigkeit und Grausamkeit.

[Illustration]

Nun hatte der Mann neben manchen anderen guten Dingen einen prächtigen,

mildgesalzenen Schinken mitgenommen, der im Keller stand, damit er

nicht verdürbe. Eines Tages bekam der Mann in aller Unschuld Lust auf

ein Stückchen Schinken. Doch als er ihn im Keller holen wollte, war der

Schinken nicht mehr da, d. h. der Knochen lag noch im Keller, sonst

aber auch nichts. Und als er sich im Keller umsah, gewahrte er noch

eben den Schwanz einer Maus, die in einem Loche verschwand.

Das war eine überaus ärgerliche Geschichte. Und damit es mit dem

nächsten Schinken nicht genau so abliefe, ging er zu dem Bauern hin,

von dem er das Haus gemietet hatte.

[Illustration]

Auf des Bauern Hoftor saß des Bauern Katze und spann. Die grüßte er und

sagte:

„Hör mal, Kätzchen -- in meinem Keller sind Mäuse.“

„Ah!“ sagte die Katze.

„Willst du sie fressen?“

„Gewiß!“ rief die Katze.

Da gingen er und die Katze in das kleine Haus, hinüber; und es dauerte

nicht lange, so war die Maus gefressen.

„Schönen Dank,“ sagte der Mann.

„Miau-mank,“ sagte die Katze.

Am folgenden Tage ging der Mann unter den Tannen spazieren. Er ging zu

einem Vogelnest hin, das sich ein Ende über der Erde befand, und in dem

drei niedliche kleine Goldammern lagen. Oft schon hatte er dagestanden

und die Jungen betrachtet; nur zu dicht war er nicht herangetreten,

damit die Mutter nicht erschrecken und davonfliegen sollte.

Da er nun an das Nest kam, war es leer, ganz leer.

Er begriff wohl, daß ein Unglück geschehen sein mußte; denn die Jungen

waren noch lange nicht flügge gewesen. Die Goldammernmutter saß denn

auch im Wipfel der Tanne und piepste gar jämmerlich.

Als der Mann eben traurigen Sinnes fortgehen wollte, gewahrte er die

Katze des Bauern, die auf dem Zaune saß und spann.

„Hör’ mal, Kätzchen,“ sagte er. „Gestern lagen drei Goldammern im Nest!“

„Ah,“ sagte die Katze.

„Die hast du gefressen.“

„Ja,“ sagte die Katze.

„Und darum wirst du jetzt Schläge kriegen.“

„Lügen!“ rief die Katze.

Da ergriff der Mann einen Stein und warf nach ihr, traf sie aber nicht.

Denn wupps! war sie auf einen Baum geklettert. Da saß sie nun und

grinste ihn an.

[Illustration]

„Ich kann dir nicht sagen, wie traurig mich dein Benehmen macht,“ sagte

der Mann. „Vor der Menschen Bosheit und Grausamkeit bin ich in die

friedliche Natur geflohen und stoße da auf einen Banditen wie dich.

Du hast wahrlich kein Herz im Leibe; denn du hattest keine Freude an

den kleinen unschuldigen Goldammern, die eben zur Welt gekommen waren,

und an ihrer Mutter, die so glücklich darüber war. Ehrgefühl kennst du

auch nicht... Geziemt sich’s denn für eine alte, ergraute Katze, drei

winzigkleine Vogeljunge zu morden?“

Er ergriff wieder einen Stein und warf, traf aber auch diesmal nicht.

Die Katze lief höher in den Baum hinauf.

„Hör’ auf mit den Steinen!“ sagte sie. „Du könntest einmal fehlwerfen

und mich treffen. Setz’ dich nur auf den Zaun, so will ich dir etwas

erzählen.“

„Hast du etwas zu deiner Entschuldigung anzuführen, so soll’s mich

freuen,“ meinte der Mann.

„Ich denke gar nicht daran, mich zu entschuldigen,“ erwiderte die

Katze. „Ich habe nichts andres getan, als was ich tun darf; dagegen

will ich +dich+ angreifen, heuchlerischer Patron du.“

„Was sagst du?“ rief der Mann und setzte sich auf den Zaun.

„Jawohl,“ sagte die Katze, „du bist mir ein nettes Bürschchen. Gestern

kamst du zu unsrem Hof hinüberspaziert und holtest mich, damit ich die

Mäuse in deinem Keller fräße. Da meintest du, ich wäre eine prächtige

Katze und eine gute Katze und gerade so, wie eine Katze sein soll.

Als ich mit der Arbeit fertig war, an die du mich gesetzt hattest, da

streicheltest du mich und lobtest mich. Keinen Augenblick fiel es dir

ein, mich einen Banditen zu nennen. Und heute schiltst und schimpfst du

nach Herzenslust, weil ich drei elende Goldammernjunge gefressen habe.“

„Die Maus hatte meinen Schinken verzehrt,“ sagte der Mann.

„Und damit, glaubst du, wäre es gut? Darf ich fragen... was bekamst du

gestern zu Tisch?“

„Es gab junge Hähnchen,“ sagte der Mann.

„Allerdings!“ sagte die Katze. „Ich habe selber gehört, wie du beim

Bauern warst und sie bestelltest. Und mit diesen meinen Augen sah ich,

wie die Magd ihnen den Kopf abdrehte. Willst du nicht so liebenswürdig

sein, mir zu erzählen, ob auch die Hähnchen deinen Schinken verzehrt

oder dir sonst etwas Böses zugefügt haben?“

„Nein, nein,“ sagte nachdenklich der Mann.

„Brüderlein!“ rief die Katze.

Der Mann ließ den Stein fallen, den er der Katze hatte nachwerfen

wollen, und saß mit der Hand unterm Kinn da und dachte nach.

Aber die Katze hörte nicht auf, ihn zu necken: „Vielleicht hast du auch

die Freundlichkeit, mir zu erzählen, woher der Schinken stammte, den du

für deinen eignen Magen bestimmt hattest, und der in den Magen der Maus

kam?“

„Der stammte von einem Schwein,“ sagte der Mann.

„Ganz recht. Ich kannte das Schwein wohl... es hauste drüben auf unserm

Hof und grunzte und fraß und krümmte keiner Katze ein Haar. Ich sah

auch, wie sie es schlachteten. Darf ich mir die Frage erlauben: Was hat

das Schwein dir Böses getan, daß du den Schinken verzehren wolltest?“

„Du hast eigentlich recht,“ sagte der Mann.

„So bist du,“ fuhr die Katze fort. „Mich lobst du, wenn ich Mäuse

fresse; und du schiltst mich, wenn ich Goldammernjunge verzehre. Du

selbst aber machst dich mit gutem Gewissen über Schweine und Hähnchen

her. Und du bist doch ein +Mensch+ und willst klüger sein als wir

Tiere!“

Der Mann sah wohl ein, daß er mit der Katze nicht fertig würde. Da

ging er in sein Häuschen und setzte sich hin und sann nach über die

Dinge... Er hatte das alles satt. Denn es war gar häßlich anzuhören,

wie die Goldammermutter im Tannenwipfel jammerte und schrie. Und auch

die Hähnchen hatten eine Mutter, die jetzt umherschlich und ihnen

nachtrauerte. Und die Maus hatte vielleicht Kinderchen, die verhungern

mußten, weil niemand mehr da war, um für sie zu sorgen. Und auch das

war nicht von der Hand zu weisen, daß trauernde Hinterbliebene das

Schwein beweinten.

Dem Manne wurde ganz weh um sein gutes, gutes Herz, wenn er daran

dachte. Und als er eine Zeitlang nachgedacht hatte, erhob er sich und

schlug auf den Tisch.

„Ich will nie mehr Fleisch essen,“ sagte er.

Aber all der Kummer und das Grübeln hatten ihn über die Maßen hungrig

gemacht. Er ging darum in seinen Garten, um sich eine Handvoll Salat

und ein paar Radieschen zu holen und auch einen Teller mit Erdbeeren zu

füllen.

Wie er sich da nun niederbeugte und schon die Hand um ein paar

prächtige, saftige Salatpflanzen gelegt hatte, da hörte er eine Stimme

rufen:

„O Gott, o Gott! Muß ich jetzt sterben?“

Der Mann wich zurück und starrte entsetzt auf den Salat.

„Bist auch du lebendig?“ fragte er.

„Warum sollt’ ich denn nicht?“ sagte der Salat. „Etwa weil ich nicht

fliege wie ein Vogel, oder laufe wie eine Maus, oder miaue wie eine

Katze? Siehst du nicht, wie ich wachse und gedeihe? Ich nehme Nahrung

auf mit meinen Wurzeln, wie du mit deinem Munde, und verarbeite sie in

meinen Blättern, wie du in deinem Magen. Ich freue mich an der Sonne so

gut wie der Vogel und du. Läßt man mich am Leben, so treibe ich Blüte

und Samen, und die Samen sind meine Kinder. Aber jetzt soll ich also

sterben!“

„Nie und nimmermehr,“ rief der Mann. „Nicht um alles in der Welt will

ich dir ein Leids antun. Ich begnüge mich eben mit den Radieschen.“

Er machte, daß er zum Radieschenbeet hinüberkam, und zog eines der

größten heraus.

„O weh!“ seufzte das Radieschen, und dann starb es.

Mit einem Schrei ließ der Mann es los.

„Warst du auch lebendig?“ fragte er.

Darauf konnte es selber nicht antworten, denn es war tot. Doch eins von

den andern, die auf dem Beet standen, nahm das Wort:

„Natürlich sind wir lebendig. Was denn sonst? Aber wir wissen wohl, daß

wir sterben müssen. Wir sind bloß ausgesät, um zu wachsen und einst den

Menschen als Nahrung zu dienen... diesen fürchterlichen Essern, die nie

an etwas anderes als an Magenzufuhr denken und alles verzehren, was

in ihre Nähe kommt. Schlimmere Räuber und Mörder gibt es nicht in der

ganzen Welt.“

„Ich bin kein Räuber und kein Mörder,“ versicherte der Mann. „Ich werde

euch niemals mehr essen! Ich will meinen Hunger mit ein paar Erdbeeren

stillen...“

„Natürlich,“ sagte das Radieschen. „Mord muß sein. Glaubt er, törichtes

Menschenkind, daß die Erdbeeren etwa nicht lebendig seien?“

Da lief der Mann aus dem Garten ins Haus, und er setzte sich in seine

Stube und weinte. Er meinte, sterben zu müssen vor Hunger, da er nicht

zum Mörder werden wollte, seines guten Herzens wegen.

Doch da er nicht gleich starb und der Hunger immer stärker wurde, ging

er an seinen Schrank und ergriff einen wunderschönen roten Apfel, den

er den ganzen Winter über verwahrt hatte.

„Den werde ich essen können,“ sagte er.

Doch kaum hatte er die Zähne angesetzt, als der Apfel tief und wehmütig

zu seufzen begann.

„Ach ja, ach ja!“ sagte der Apfel. „Dacht’ ich es mir doch! Ich wußte

es schon damals, als die Mörder mich vom Baum herunterrissen. Nun ißt

man mich, und meine Kerne kommen in den Spucknapf anstatt in die gute,

schwarze Erde. Niemals werden niedliche Apfelbäumchen daraus werden.“

Der Mann ließ den Apfel fallen, so daß er durchs Zimmer rollte.

Eine Weile saß der Mann da und starrte dem Apfel nach. Dann blickte er

auf; drüben vom offnen Fenster her ertönte Geräusch.

Es war die Katze, die auf das Fensterbrett gesprungen war.

„Na?“ fragte sie. „Wie geht es? Hast du was zu essen gekriegt?“

„Nei--n,“ sagte der Mann.

„Aha, Brüderlein!“ sagte die Katze.

„Ich habe nicht genug Kraft, um nach dir zu werfen,“ rief der Mann.

„Nein,“ erwiderte die Katze, „die hast du nicht. Über ein Weilchen bist

du verhungert. Was spekulierst du dich dumm? Lebe, wie der liebe Gott

dich geschaffen! Tu du das deine, und laß den andern das ihre! Die Maus

frißt den Schinken, wenn man sie gewähren läßt, und die Katze frißt die

Maus, wenn sie sie erwischen kann! Das Leben ist Krieg und Kampf und

sonst nichts.“

[Illustration]

Einen Augenblick starrte der Mann die Katze an.

Dann sprang er auf, öffnete die Küchentür und rief:

„Ane... Ane... koch mein Mittagessen, geschwind! ... Ich bin am

Verhungern. Erst will ich Radieschen haben... und dann ein Stück von

dem neuen Schinken... und dann Hähnchen... mit Salat natürlich... und

dann eine große, große Portion Erdbeeren... mach schnell, Ane!“

Als er dem Mädchen Bescheid gegeben, nahm er den Apfel vom Boden auf

und verschlang ihn in drei Bissen.

Das Kerngehäuse warf er der Katze nach, und er traf sie direkt auf die

Nase, so daß sie niesen mußte und schleunigst den Rückzug antrat.

☐

Der Zweifüßler und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 13 / 13 段