Dank, daß dieser Tag glücklich überstanden ist! Wir sind eine Masse
Pack losgeworden und können hier im Hügel wieder Atem holen. Zum Glück
ist im ganzen Hügel keine einzige Mannsperson mehr. Ich hätte bloß
gewünscht, daß wir die trotzige Prinzessin behalten hätten. Sie war die
beste von allen.“
* *
*
Doch die trotzige Prinzessin flog auf ihren Flügeln durch den Wald, und
das Leben erschien ihr gar köstlich.
Sie begegnete vielen anderen geflügelten Ameisen, die sie umschwärmten;
und mehr als einer der jungen Herren bewarb sich um ihre Hand.
„Schönen Dank für die Ehre, aber ich bin schon verheiratet! Mein Mann
ist tot, und nun ist nichts mehr mit mir anzufangen,“ antwortete sie
den Freiern und flog weiter.
Aber als sie einen Tag lang geflogen war, bekam sie das Umherschweifen
satt.
„Dieses Vagabundieren hat eigentlich nicht viel auf sich,“ sagte sie
sich. „Auch das ruhige Leben hat seine Annehmlichkeiten. Ich glaube,
ich gründe einen neuen Ameisenhügel.“
Wie gesagt, so getan.
Sie suchte sich in dem Tannenwalde eine Stelle aus, die ihr gefiel,
ließ sich auf der Erde nieder und begann, mit Füßen und Kiefern im
Boden zu graben.
„Die dummen Flügel sind mir lästig,“ sagte sie. „Ich weiß eigentlich
auch nicht, was für einen Zweck sie jetzt noch haben. Mir ist zumut,
als wäre ich jetzt alt und vernünftig und frei von allen Grillen. Ich
glaube, ich reiße sie aus.“
Sie legte sich platt auf den Bauch, breitete die Flügel aus, setzte
ihre Beine darauf und richtete sich mit einem Ruck empor.
Ratsch... da lagen die Flügel.
Dann grub sie weiter. Am Abend hatte sie ein niedliches kleines Loch
zustande gebracht, ungefähr so groß wie eine Walnuß.
„Nun ruhen wir uns von dem Stück Arbeit aus, und morgen legen wir
Eier,“ sagte sie.
Und am nächsten Morgen legte sie fünfzig nette Eierchen.
„Hm,“ meinte sie. „Es wäre ganz hübsch, wenn ich das alte Frauenzimmer
daheim und ein paar von ihresgleichen hier hätte; die könnten dann
auf die Eier achtgeben. Aber nun hilft es nichts, ich muß selber Hand
anlegen.“
Und sie griff gehörig zu, als ob sie ein einfacher Arbeiter wäre und
nicht eine stolze Königin.
Sie drehte die Eier um, deckte sie zu, wenn es regnete, und trug sie in
die Sonne. Als die Larven ausschlüpften, lief sie hin und holte Futter.
„Es reicht nicht,“ meinte sie mißmutig. „Ich kann sie nicht
sattbekommen.“
Einen Augenblick dachte sie darüber nach, was sie tun solle. Dann biß
sie entschlossen der einen Hälfte der Larven den Kopf ab und warf sie
den anderen fünfundzwanzig vor.
„Eßt,“ sagte sie, „und freut euch des Lebens!“
Die Fünfundzwanzig fraßen, gediehen und verpuppten sich. Und die
Königin sorgte für die Puppen, wie sie für die Larven gesorgt hatte,
bis der Tag kam, wo sie erwachsen waren. Da biß sie die Hüllen entzwei,
und heraus traten fünfundzwanzig niedliche kleine Arbeiterameisen.
„Sieh da,“ sagte sie. „Nun ist das Schlimmste überstanden. Ich hoffe,
ihr seid bereit, eurer Königin zu gehorchen?“
Da verneigten sich die Fünfundzwanzig bis auf die Erde.
„Gut. Nun legt Hand an! Ich will einen Hügel haben, so hoch wie den, in
dem ich geboren bin. Zunächst baut mir mal einen guten Keller... und
dann schleppt Tannennadeln herbei... Seid nur ja recht fleißig!“
Die Fünfundzwanzig sprangen eifrig an die Arbeit.
„Halt!“ rief die Königin. „Sucht mir zuerst ein paar Blattläuse! Ich
brauche Limonade.“
Und sie bekam sie.
„Nun sputet euch mit dem Bau!“ sagte sie. „Denn jetzt lege ich Eier!“
Und die Arbeiter bauten, und sie legte Eier. Aus den Eiern wurden
Larven und Puppen und Arbeiter; und bald stand ein kleiner Hügel da;
und dieser Hügel wuchs und wuchs, bis er ebenso groß war wie der, den
die Königin verlassen hatte.
Die Korallen.
Es war einmal vor vielen, vielen Jahren draußen im Meer, -- im
richtigen Meer, das so tief ist, daß man sich gar keine rechte
Vorstellung davon machen kann, und so groß, daß der Schiffer tagelang
fahren kann, ohne Land zu erblicken; und zwar war es das tropische
Meer, wo das Wasser fast ebenso heiß ist, wie bei uns zu Hause in einem
warmen Bade.
Aber nur an der Oberfläche scheint die Sonne und erwärmt das Wasser.
Tief unten ist es eisig kalt und dunkler als die schwärzeste Nacht. Und
das Meer ist auch nicht überall gleich tief, denn auf dem Grunde sind
hohe Berge und tiefe Täler, genau so wie auf dem Lande.
Nun war da draußen im Meer eine Stelle, wo ein hoher Berg vom Grunde
bis dicht an die Oberfläche reichte. Wenn man hinaufschaute, sah man
auf allen Seiten nur Wasser, nichts als Wasser.
Nach unten hin aber war desto mehr zu sehen.
Auf dem Berge wuchsen nämlich ungeheure Tangwälder, die sich meilenweit
die Hänge hinan und hinab erstreckten. Wenn die Wogen rollten, dann
fächelten die Blätter im Wasser, wie die Blätter der Bäume oben am
Lande im Winde wehen. Doch die Stämme der Tangbäume waren bei weitem
nicht so dick und steif wie die der Buchen und Eichen, und daher
wehten sie mit hin und her, wohin die Wellen sie trieben.
Die Tangbäume waren viel höher als die Bäume am Lande, wuchsen aber nie
über die Oberfläche des Meeres hinauf. Denn wenn ihre Blätter an die
Luft kamen, trockneten sie ein und verwelkten. Wenn aber das Wasser
still war, breiteten sie sich aus und leuchteten in prächtigen Farben,
roten und gelben, grünen und braunen, wie sie auch das Laub unserer
Wälder im Herbste aufweist. Und zwischen den Kronen der Tangbäume
schwammen eine Menge Fische von einem Baum zum andern -- gerade so, wie
die Vögel im Walde umherfliegen.
Aber das waren keine so langweiligen grauen Burschen, wie Dorsch, Hecht
und Aal. Viele von ihnen glänzten wie Gold und Silber; der eine war
himmelblau, der andere scharlachrot. Und dann war da der Igelfisch, der
sich zu einer Kugel aufblasen, die Stacheln nach allen Seiten kehren
und den andern Tieren einen ungeheuern Schrecken einjagen konnte.
Denn es waren noch viele, viele andere Tiere in dem Tangwalde.
Da waren Muscheln mit ganz unglaublich drolligen Schalen und Schnecken
mit großen, bunten Häusern. Da waren Tintenfische, die mit riesiger
Geschwindigkeit rückwärts durch das Wasser herangeschossen kamen;
Krebse, die gleichfalls rückwärtsschwammen und mit ihren großen Scheren
schnitten, und schiefe, flache Krabben, die seitlich krochen und
trotzdem vorwärtskamen.
Zuweilen kam eine ganze Herde von einigen hundert großen, unbeholfenen
Schildkröten, die in dem Tangwalde weideten, wie die Kühe auf der Wiese.
Es kam auch vor, daß ein gewaltiger Walfisch herangeschwommen kam. Dann
wurde es dunkel, als ob eine Wolke vor die Sonne träte, wo der Wal den
Tangwald durchbrach. Und wenn er mit seinem starken Schwanz um sich
schlug, erzitterten die Tangbäume, als ob ein Erdbeben tobte.
Einmal passierte es auch, daß ein Schiff über den Tangwald segelte.
Ein Matrose fiel über Bord, und er wurde sofort von einem großen
Hai verschlungen, der dann mit dem besten Gewissen von der Welt
weiterschwamm.
Ja, es herrschte ein lustiges, buntes Leben und Treiben in dem
Tangwalde. Aber still war es, ganz still; denn kein einziges der Tiere
schrie oder sang.
Mitten im Walde war ein kleiner, gemütlicher, offener Platz zwischen
den Kronen der Bäume, nicht sehr weit von der Oberfläche entfernt. Das
Wasser dort war warm und klar, und der Platz lag so, daß selten jemand
dorthin kam.
Auf diesem Platze spielten täglich vier Kinder miteinander und
unterhielten sich, so gut sie es verstanden.
Alle vier waren so klein, daß man sie nicht mit bloßem Auge sehen
konnte. Und selbst wenn einer mit einem Vergrößerungsglase gekommen
wäre und sie beobachtet hätte, so würde er trotzdem Mühe gehabt haben,
sie voneinander zu unterscheiden, falls er nicht eine ganze Menge
Naturgeschichte wußte.
Denn es waren vier runde, durchsichtige Wesen mit feinen Härchen, aber
ohne Kopf, Beine, Augen und alles das, was zu einem ordentlichen Tier
gehört, und was auch der Mensch nicht gut entbehren kann.
Trotzdem gehörten sie durchaus nicht zu einer und derselben Familie.
Das eine der Wesen war das Kind einer Sternkoralle, das zweite war das
Kind einer Qualle und das dritte war ein Seestern. Das vierte aber war
ein echter kleiner Austernsproß.
Eines Tages sprachen die Vier davon, was sie werden wollten, wenn sie
groß sein würden.
„Ich will ein Räuber werden!“ schrie das Seesternkind. „Ich will
mich im Tangwald verstecken und auf Muscheln und kleine Fische und
alles, was ich kriegen kann, losstürzen und sie bis auf den letzten
Blutstropfen aussaugen.“
Die kleine Qualle rief: „Ich will umherschwimmen und hübsch aussehen.
Und wenn mir jemand zu nahe kommt, dann wird er sich schön an mir
verbrennen.“
„Ich bin zu etwas Höherem bestimmt!“ sagte das Austernkind und spielte
sich dabei so auf, wie es nur möglich ist, wenn man weder ein Gesicht
noch Augen hat.
„Sooo?“ fragte der Seestern. „Woher weißt du denn das?“
„Das ist einem angeboren,“ erwiderte die Auster. „Ich will euch etwas
sagen: ich bin so eine Art Haustier bei den Menschen. Ihr glaubt nicht,
wie sie mich schätzen. Sie liegen alle auf dem Bauche vor mir. Einige
von ihnen wissen sogar nichts Besseres zu tun, als mich zu züchten und
zu hegen und zu verkaufen; andere wieder tun nichts lieber als mich
verspeisen. Die Menschen bauen wunderschöne große Wasserhöfe für mich
mit Stöcken, an denen ich mich festsetzen kann.“
„Dann finde ich eigentlich, daß du den Menschen dienst?“ meinte darauf
die kleine Qualle. „Aber jeder nach seinem Geschmack! +Ich+ möchte
nicht auf so einem Stocke festsitzen.“
Das Austernkind aber erwiderte: „Mir geht nichts über ein ruhiges Leben
und Stillsitzen, bis ich gegessen werde.“
Nur das Korallenkind schwieg die ganze Zeit über; es fächelte mit
seinen Härchen im Wasser und hörte den andern zu. Und denen fiel seine
Schweigsamkeit auch nicht weiter auf, denn die Sternkoralle war als
sehr stilles Wesen bekannt; darum nahm auch niemand an, daß jemals
etwas Rechtes aus ihr werden könne. Schließlich sagte jedoch der
Seestern:
„Na, kleine Koralle, was sagst du denn eigentlich? Was wird aus dir
einmal werden? Hast du schon je darüber nachgedacht?“
„Ich denke nie an etwas anderes,“ erwiderte das Korallenkind.
„I, du Grundgütiger!“ rief der Seestern. „Ist es erlaubt, deine
Gedanken zu erfahren?“
„Ihr würdet sie doch nicht verstehen, wenn ich sie euch auch
mitteilte,“ war die Antwort der Koralle.
„Versuch es doch einmal!“ sagte der Seestern.
Und die kleine Auster und die Qualle sagten dasselbe.
„Wenn ich groß sein werde, will ich eine Insel bauen,“ erzählte nun das
Korallenkind.
„Was willst du bauen?“ fragten alle drei durcheinander.
„Eine Insel!“ wiederholte die Koralle.
„Billiger tust du es wohl nicht?“ sagte lachend der Seestern, so daß
sein ganzer kleiner Körper bebte. „Wie willst du das denn anfangen?“
„Das weiß ich noch nicht!“ sagte die Koralle. „Aber eine Insel will ich
unbedingt bauen... eine richtige Insel, die über das Wasser aufragt,
und die feststeht, wenn die Wellen gegen sie anstürmen.“
„Wie kannst du nur so etwas tun wollen!“ rief die Auster.
Und die kleine Qualle fiel ein: „Es schaudert mich, wenn ich nur davon
höre.“
So neckten die drei die kleine Koralle, doch diese machte sich nichts
daraus, sie ließ ihre Härchen im Wasser fächeln und fuhr ganz ruhig
fort:
„Eine richtige Insel soll es werden. Eine Insel mit Palmen und Vögeln.
Rings im Wasser sollen Seesterne und Quallen schwimmen, und die Wellen
sollen sie an die Küste spülen, und da sollen sie in der Sonne liegen
und verfaulen. Und auf der Insel werden Menschen wohnen, die Austern
essen.“
Dann schwieg das Korallenkind; und weil die andern es müde waren, es
zu necken, wurden sie wieder gute Freunde, schwammen auf dem kleinen
Fleck im Tangwalde umher, fraßen Tiere, die noch kleiner waren als sie
selbst, und freuten sich ihrer Jugend und des Lebens.
Nach einiger Zeit waren die vier Kinder im Tangwalde erwachsen.
[Illustration]
Die Auster hatte eine Schale bekommen. Sie saß auf einem Felsen auf
dem Meeresgrunde, gähnte und ließ das Salzwasser in ihr Inneres
hereinströmen. Der Seestern hatte jetzt fünf spitze Arme, die nach
allen Seiten ins Wasser ragten, so daß er aussah wie der Stern an der
Spitze des Weihnachtsbaumes. Zweimal hatte ein Fisch einen der Arme
abgebissen. Aber der Seestern machte sich nichts daraus. Der Arm wuchs
immer wieder von neuem, und dann war das Tier wieder so gut wie vorher,
es kroch auf den Tangbäumen umher und wurde ein gewaltiger Räuber, wie
es in seiner Jugend geträumt hatte.
Der kleinen Qualle war es nicht so gut gegangen. Eines Tages, als sie
irgendwo im Tangwalde in einer Kindergesellschaft war, wurde sie von
einem Wal gefressen, der mit geöffnetem Rachen herbeigeschwommen kam.
Es waren hunderttausend Quallenkinder in der Gesellschaft, und alle
verschwanden in dem Schlunde des Walfisches.
Und das Korallenkind? Als das merkte, daß es erwachsen war, schwamm es
fort aus der traulichen Gegend, wo es seine Kindheit verbracht hatte,
und ließ sich von den Wogen vor den Tangwald tragen.
Lange trieb die kleine Koralle umher und suchte nach einer Stelle, wo
sie gerne wohnen mochte. Schließlich fand sie auch einen solchen Ort --
ganz auf der andern Seite des Berges. Da wuchs kein Tang. Das Wasser
war klar und rein, salzig und wunderschön warm. Dort ließ sie sich
nieder.
Sie bekam Arme wie der Seestern, aber viel mehr als dieser, und sie
saßen alle im Kranz um ihren Mund herum. Denn jetzt hatte sie einen
Mund und auch einen Magen. Allmählich merkte sie, daß sie unten und
innen ganz hart und fest wurde; und ehe sie sich dessen versah, hatte
sie ein ordentliches Stück Kalk in sich.
„Nun kommt es!“ dachte sie vergnügt. „Das ist der Anfang zur Insel!“
Eines Tages trieb sie eine Knospe auf der einen Seite hervor -- genau
so wie die Bäume auf dem Lande. Und die Knospe wurde zur niedlichsten
Sternkoralle mit Armen, Mund und Magen und einem Kalkstück im Innern.
Aber sie hing fest mit der alten Koralle zusammen und saß darauf, wie
der Zweig auf dem Baume sitzt.
Die alte Koralle war außerordentlich vergnügt.
„Nun geht alles gut!“ rief sie aus. „Nun sind wir zu zweien!“
Und dann erzählte sie der neuen Koralle von der Insel, die sie bauen
wolle; und die neue Koralle war ganz einverstanden mit ihren Plänen.
Und sie trieben beide Knospen auf Knospen, bis eines Tages ein schöner
Korallenbaum mit vielen Zweigen dastand, die alle voll Sternkorallen
waren. Den ganzen Tag über fächelten sie mit den Armen im Wasser und
jagten winzige Tierchen in ihren Mund hinein und fraßen sie.
Als der Seestern vorüberkroch, blieb er verwundert stehen und rief:
„So ein lächerlicher Baum mit Blumen!“
„Ich bin kein Baum,“ erwiderte die Koralle. „Ich bin eine Sternkoralle.“
„Herr Gott, bist du es!“ sagte der Seestern. „Du hast dich aber gehörig
verändert! Ich habe dich wirklich nicht wiedererkannt!“
„Mir ist es ebenso gegangen. Erst jetzt sehe ich, wen ich vor mir habe.
Aber wir haben uns ja auch nicht gesehen, seit wir klein waren. Ich bin
jetzt im Begriff, meine Insel zu bauen.“
„Denkst du noch immer an die Dummheiten?“ fragte der Seestern lachend.
„Ich hatte geglaubt, du wärest mit den Jahren vernünftiger geworden. Du
hast ja übrigens Gesellschaft bekommen.“
„Ja,“ entgegnete die Koralle. „Ich habe Knospen und Zweige getrieben...
Alle die Blumen, die du siehst, sind Korallentiere, die mit mir
zusammen die Insel bauen.“
„So so! Du hast ein Aktienunternehmen gegründet! Das ist sehr
vernünftig von dir, denn allein hättest du doch nie etwas erreicht. --
Kommt ihr gut zusammen aus?“
„Ausgezeichnet! Bessere Familienverhältnisse kann man sich nicht
vorstellen. Wir gehen zusammen durch Dick und Dünn. Denk einmal: Wenn
einer von uns gut ißt, dann haben auch alle die andern ihr Vergnügen
davon.“
„Mir scheint, das heißt die Kompagnieschaft übertreiben! Wenn ich einen
Leckerbissen gefunden habe, dann wünsche ich durchaus nicht, daß er in
den Magen eines andern spaziert.“
„Du verstehst mich nicht,“ sagte die Koralle.
„Adieu!“ rief der Seestern ihr zu. „Und viel Glück beim Inselbau!“
Die alte Koralle aber, die unten an der Wurzel des Baumes saß,
flüsterte derjenigen der Knospen zu, die ihr zunächst war:
„Du bist ich, und ich bin du, und wir können nie voneinander getrennt
werden. Wir gehören zusammen und haben +ein+ Ziel vor uns... Wir wollen
die +Insel+ bauen.“
Die Knospe sagte es der nächsten Knospe, und die ließ es weitergehen,
so daß schließlich alle Korallentierchen auf dem Baume Bescheid wußten.
Und während der Baum immer mehr Zweige bekam, bekamen die Tiere Junge,
die ins Wasser hinausschwammen, winzige, durchsichtige, runde Wesen
mit feinen Härchen. Sie genossen ihre Freiheit, solange sie Kinder
waren; aber alle hatten die Insel im Kopf. Und sobald sie erwachsen
waren, setzten sie sich neben der alten Koralle fest, trieben Knospen
und wurden zu Bäumen wie sie.
„Nun kann ich nicht mehr!“ sagte die alte Koralle eines Tages.
Rings um sie herum wuchs ein ganzer Wald von Sternkorallen. Die weißen
Zweige waren fest miteinander verbunden, und von allen leuchteten die
niedlichsten Sternblumen. Es wuchsen immer neue Knospen, und viele
Millionen kleiner Korallenkinder wurden in die Welt gesetzt. Und
während die Korallen bauten und bauten, dachten sie beständig an die
Insel.
Die alte Koralle konnte auf ihr Werk stolz sein. Denn sie war ja die
Ururahne der ganzen Korallenfamilie.
„Vergeßt die Insel nicht!“ schärfte sie ihren Nachkommen bis zuletzt
ein.
Dann starb sie. Das Wasser spülte ihre Leiche fort, aber da, wo sie
gesessen hatte, blieb auf dem Korallenstamm ein Zeichen wie ein Stern
zurück.
*
Viele, viele Jahre vergingen.
Die Wogen des Meeres aber rollten unaufhörlich weiter, die Sonne
schien, der Sturm sang, und die Kronen des Tangwaldes fächelten im
Wasser.
Die Tangbäume, zwischen denen das Korallenkind gespielt hatte, waren
freilich längst heraufgerückt und fortgespült worden; aber andere waren
dort, wo sie standen, aufgewachsen. Die Schildkröten, die dort geweidet
hatten, waren längst gestorben, aber neue Schildkröten waren an ihre
Stelle getreten. Die Auster war weg, der Seestern war weg, und auch
die bunten Fische, die einst zwischen den Bäumen umherschwammen, waren
verschwunden. Der gewaltige Walfisch, der alle die Quallenkinder mit
einemmal verschlungen hatte, war durch eine Harpune getötet und zu Tran
gekocht worden.
Wenn sie aber auch alle fort waren, so waren doch die Nachkommen ihrer
Kindeskinder da, und die sahen genau so aus wie sie selbst und benahmen
sich auch ebenso, so daß man keine Veränderung im Tangwalde wahrnehmen
konnte.
Nur da, wo das Korallenkind sich festgesetzt hatte, um seine Insel zu
bauen, sah es anders aus.
Eine ungeheure Menge Korallenbäume standen da, und es kamen immer neue
hinzu. Millionen kleiner Korallenkinder schwammen in die Welt hinaus,
kehrten wieder heim und setzten sich neben ihren Eltern und Vorfahren
fest. Millionen der Tiere starben. In vielen der Korallenbäume war kein
einziges lebendes Tier mehr, aber alle die harten Kalkzweige waren
dort, wo sie gesessen hatten, voll von Sternen.
Und die Wellen hatten die toten Bäume umgestürzt und in Stücke
geschlagen und zwischen und auf die anderen geworfen. Nach und nach
wurde das Ganze zu einer großen, starken Kalkklippe, die beständig
wuchs; denn die neuen Korallenkinder setzten sich auf den alten Bäumen
fest und bauten fleißig weiter.
Eines schönen Tages waren sie bis dicht unter die Oberfläche gelangt.
„Nun haben wir die Insel!“ sagten sie froh zueinander. „Wenn das unsere
Ururahne erlebt hätte!“
Aber sie hatten sich etwas zu früh gefreut.
Als sie nämlich über das Wasser emporwachsen wollten, da konnten sie
nicht. Die kleinen Tiere konnten nicht vertragen, daß die Sonne auf sie
schien; und soviel Mühe sie sich auch gaben, sie kamen und kamen nicht
weiter.
„Nun wollen wir euch helfen!“ sagten da die Wellen.
Und die Wellen hoben ein paar große Korallenblöcke aus dem Meeresgrunde
herauf und warfen sie auf die andern.
Jetzt endlich lag die Insel da. Groß war sie ja nicht, aber weiß und
hübsch glänzte sie in der Sonne, und rings um sie her, soweit man
blicken konnte, war nichts als Wasser zu sehen. Und eines Tages kam
eine große, weiße Möwe geflogen und setzte sich auf die Insel.
[Illustration]
Um dieselbe Zeit geschah es, daß die Erde -- die große, runde Erde,
die im Weltraum um die Sonne kreist, den Mond immer mit sich ziehend
-- äußerst schlechter Laune war. Der Mond neckte sie in einem fort,
und sie hatte ihren Ärger über den Kometen noch nicht verwunden, der in
Stücke ging, bevor er erzählt hatte, was er auf seiner Reise gesehen.
Als nun die Erde eines Tages ihren Bauch anschaute, da entdeckte sie am
Äquator einen kleinen Knoten, den sie bisher nie bemerkt hatte.
„Was zum Kuckuck ist das denn nun wieder?“ rief die Erde ärgerlich.
Es war nichts anderes als die Koralleninsel. Als die Erde aber erfuhr,
wie die Sache zusammenhing, da wurde sie fürchterlich zornig.
„Jetzt wird es mir denn doch zu toll!“ rief sie aus. „Es war schon
arg genug, daß man sich von dem großsprecherischen Kometen zum Narren
halten lassen und sich darein fügen mußte, monatlich von so einem
elenden Mond ausgelacht zu werden... es genügte gerade, daß die
Menschen in meinen Eingeweiden wühlten und Land zu Wasser und Wasser zu
Land machten und schalteten und walteten, wie sie Lust hatten... Aber
darein will ich mich denn doch nicht finden, daß so ein Korallenjunges,
das man nur durch ein Vergrößerungsglas sehen kann, meine Figur umformt
und mir eine regelrechte Insel mitten auf meinen Bauch setzt! So ein
jämmerliches Weichtier! +Der+ Sache wollen wir ein Ende machen!“
Und im selben Augenblick senkte die Erde da, wo die Koralleninsel lag,
den ganzen Meeresboden.
Den Schreck der Korallen kann man sich vorstellen.
Die Insel verschwand im Meere; und die Möwe, die darauf saß, flog mit
einem lauten Schrei empor. Die Korallenblöcke stürzten durcheinander
und gingen in Stücke. Fische, Krebse und Schildkröten flüchteten, so
schnell sie konnten, und jedes Blatt im Tangwalde zitterte.
Als es im Wasser aber wieder ruhig geworden war, da flüsterten die
Korallentiere einander zu:
„Vergeßt die Insel nicht!“
Unverdrossen begannen sie, von neuem zu bauen. Und als einige Zeit
vergangen war, waren sie wieder oben an der Oberfläche, die Wellen
schleuderten gewaltige Blöcke hinauf, und die Insel lag wieder da.
„Nun soll doch...“ rief die Erde.
Und damit senkte sie den Meeresgrund noch mehr.
„Denkt an die Insel!“ flüsterten die Korallen.
Und nach einiger Zeit lag die Insel wieder da.
„Wollt und könnt ihr das immer so weiter treiben?“ fragte die Erde.
„O, gewiß!“ erwiderten die Korallen.
„Dann ergeb’ ich mich, denn da komm’ ich nicht mit!“ sagte die Erde.
Und nun blieb die Insel liegen, wo sie lag. Die Korallen bauten
unaufhörlich weiter, die Wellen schleuderten immer mehr Blöcke an die
Oberfläche, und die Insel wurde immer größer.
Eines Tages kam ein großes, rundes, braunes Wesen angesegelt und
klopfte an die eine Seite der Insel.
„Wer da?“ fragten die Korallen unten aus dem Wasser her.
„Ich bin es!“ sagte das Wesen.
„Ja, wer denn?“ fragten die Korallen wieder.
„Kennt ihr mich nicht? Ich bin die Kokosnuß und bin in der ganzen Welt
berühmt. Ich baue Inseln, die auf die Landkarten eingezeichnet werden
und in der Geographiestunde vorkommen. Sogar Lieder sind über mich
gedichtet worden.“
„Das mag alles sein,“ sagten die Korallen. „Davon wissen wir nichts.
Wir haben selber eine Insel gebaut und nie Zeit gehabt, Lieder zu
singen.“
„Ja, es ist unglaublich, wieviel Unwissenheit in der Welt existiert,“
entgegnete die Kokosnuß. „Na, habt ihr denn Erde genug, daß ich darin
Wurzel schlagen kann und zu einer Palme werden kann?“
„Aha!“ flüsterten die Korallen. „Es ist die Palme!“
Da baten sie sie höflich, in einiger Zeit wiederzukommen; dann wollten
sie ihr Bestes tun, um ihr Erde zu verschaffen, in der sie wachsen
könne.
„Gut!“ sagte die Kokosnuß. „Dann treibe ich mich noch ein bißchen im
Meere herum. In einem Jahr ist meine Schale so dick, daß ich alles
vertragen kann.“
Mit diesen Worten schwamm sie weiter.