euch nehmen die halbtote Fliege vom vorigen Jahre, die dort liegt,
und tragen sie zu den Larven hinab. Die erste Kompagnie marschiert
hinaus und schafft Essen herbei. Ihr wagt mir nicht mit leeren Händen
heimzukommen. Die zweite Kompagnie bessert den Hügel auf der Nordseite
aus; der Schnee hat ihn ganz flachgedrückt. Die dritte Kompagnie öffnet
die übrigen Türen und lüftet den Hügel bis in den Keller hinunter. Die
vierte Kompagnie trägt die Puppen in den Sonnenschein hinauf. Aber
ihr haftet mir mit euerm Leben dafür, daß sie sich nicht erkälten.
Sobald ihr die kleinste Wolke am Himmel stehen seht, tragt ihr sie
augenblicklich wieder hinunter.“
Die Ameisen liefen, so schnell sie konnten, um die Befehle auszuführen;
aber es kamen immer mehr herauf, so daß der Hügel während der ganzen
Zeit von Ameisen wimmelte. Jetzt rückte bereits die vierte Kompagnie
mit den Puppen an, kleinen, runden weißen Dingern, die wie Eier
aussahen und auch wirklich die Eier der Ameisen waren; sie trugen
sie mit den Kiefern und legten sie vorsichtig in die Sonne, wo es am
trockensten war; und dann liefen sie gleich wieder hinunter, um noch
mehr Puppen zu holen.
„Sieh, sieh!“ rief der Buchfink. „Die Puppen da sehen sehr appetitlich
aus.“
„Ich rate dir: nimm dich in acht,“ sagte die alte Ameise. „Wir können
uns wehren; das kannst du glauben.“
„Ach was,“ meinte der Buchfink. „Einen freien Vogel wie mich lässest du
wohl fliegen.“
Beide Buchfinken beugten sich über den Hügel hinab und sperrten die
Schnäbel auf und schlugen mit den Flügeln. Aber die alte Ameise
kommandierte mit lauter Stimme:
„Erste Batterie... zum Batterieschießen parat ... protzt ab...“
Im selben Augenblick legten sich hundert Ameisen auf den Rücken und
streckten den Hinterleib in die Luft.
„Feuer!“ rief die alte Ameise.
Hundert feine Strahlen stiegen empor und trafen die Buchfinken in die
Augen und die geöffneten Schnäbel. Sie schrien und fauchten und flogen
höher in den Baum hinauf.
„Was ist das für eine Teufelei?“ schrie der Buchfink.
„Das ist Ameisensäure,“ rief die alte Ameise. „Laßt uns in Frieden!“
Schimpfend und halb blind flogen die Buchfinken in den Wald hinein.
Doch die alte Ameise dachte gar nicht mehr an sie, sondern fuhr fort
zu kommandieren, und die anderen liefen weg, kamen zurück und liefen
wieder weg.
Dann kehrte die erste Kompagnie mit dem Futter zurück.
„Die sechste Kompagnie tritt an und nimmt die Nahrungsmittel entgegen!“
befahl die Alte.
Darauf wandte sie sich der ersten Kompagnie zu.
„Brecht!“ kommandierte sie.
Und alle die Ameisen brachen aus, was sie gefunden hatten; und die
sechste Kompagnie nahm es und lief in den Hügel damit.
„Packt euch und holt mehr!“ befahl die alte Ameise. „Was nützt das
bißchen?“ Während dieser Worte kreuzte sie ihre Fühler und verneigte
sich tief.
[Illustration]
Durch die größte der Türen kam eine sehr große, fette Ameise ganz
langsam gegangen. Hinter ihr marschierten dreißig gewöhnliche Ameisen,
die sich verneigten, sooft jene große Ameise sich umwandte, und die
auf den kleinsten Wink ihrer Herrin achteten.
„Guten Tag, Majestät,“ sagte die Alte. „Willkommen im Sonnenschein!
Darf ich fragen, ob auch die anderen Majestäten unterwegs sind?“
„Weiß nicht, kümmere mich nicht darum,“ erwiderte die fette Ameise.
„Kümmere mich nicht um den Sonnenschein... kümmere mich um gar nichts.
Mag keine Eier mehr legen.“
„Das ist auch nicht nötig, Majestät,“ sagte die Alte. „Der Hügel ist
wahrhaftig voll genug. Wir haben unsere Mühe und Not damit, für alle
genug Nahrung zu schaffen. Ich hoffe, daß Majestät sich wohl befinden,
und daß das Gefolge gehorsam und untertänig ist?“
„Kümmere mich nicht darum,“ antwortete die Königin. „Wo sind meine
Flügel? Wünsche ein wenig in der Sonne umherzufliegen.“
„Das ist leider unmöglich, Majestät. Wie Majestät sich erinnern werden,
verloren Majestät die Flügel im vorigen Jahre bei einem bedauernswerten
Unglücksfall unmittelbar nach Ihrer Majestät Hochzeit.“
Die Folge dieser Worte war, daß die Königin mit ihren Kiefern nach
der Ameise biß; doch sie war zu dick und zu alt und konnte sie nicht
erreichen. „Unsinn, Geschwätz... alter Flegel... hab’ sie selber
abgerissen... wart’ nur...“
Dann watschelte sie weiter, von ihrem ehrerbietigen Gefolge begleitet.
Hinter ihr kamen noch andere Königinnen, die alle ein ähnliches Gefolge
hatten und von der Alten mit der größten Untertänigkeit begrüßt wurden.
Sie gingen umher, machten hier und da halt, faselten ein wenig, ließen
sich füttern und gingen dann wieder in den Hügel hinein.
„Ach ja,“ seufzte die Alte, als die Prozession vorüber war. „Sie taugen
nichts mehr. Aber das macht nichts, wir haben mehr neue, als wir
brauchen können.“
„Verzeihung,“ sagte der Buchfink, der wieder in der Tanne über dem
Hügel saß. „Sind deine Kanonen wieder eingefahren?“
„Wir tun keiner Katze ein Leid, wenn man +uns+ nur in Frieden läßt,“
erwiderte die Ameise.
„Ja, ich werd’ mich in acht nehmen,“ sagte der Buchfink. „Vorläufig
wenigstens. Wenn man das Nest voller Jungen hat, die vom Morgen bis zum
Abend vor Hunger schreien, weiß man ja allerdings nicht, auf was für
Gedanken man noch kommen kann.“
„Nein, das weiß Gott.“
„Was weißt du denn davon? Wer bist du eigentlich? Bist du eine
Mannsperson oder ein Frauenzimmer?“
„Ach, im Grunde bin ich gewiß ein Frauenzimmer, aber jetzt bin ich so
etwas wie ein geschlechtsloses Wesen, denke ich. Ich bin ein Arbeiter,
schufte vom Morgen bis zum Abend und denke an nichts anderes.“
„Das klingt ja höchst sonderbar,“ sagte der Buchfink. „Wer legt denn
eure Eier?“
„Das besorgen die Königinnen,“ antwortete die Ameise. „Das ist ihr
Beruf; sonst haben sie nichts zu tun.“
„Und wer sorgt für die Kinder?“
„Ich und meinesgleichen. Wir bauen den Hügel, beschaffen die Nahrung,
stopfen sie in die Familie hinein und halten das Ganze in Ordnung.“
„Habt ihr denn keine Mannsperson im Hause?“ fragte der Buchfink.
„Von der Sorte haben wir gerade genug.“
„Helfen die denn gar nicht?“
„Sie rühren sich nicht.“
„Dann muß es sich als Ameisenmann ja ganz angenehm leben lassen,“ sagte
der Buchfink nachdenklich.
„Aber wir haben auch keine Achtung vor ihnen,“ sagte die Ameise.
„Gleich nach der Hochzeit erwürgen wir sie alle, wenn sie nicht Reißaus
nehmen.“
„Au,“ sagte der Buchfink. „Dann will ich doch lieber bleiben, was ich
bin.“
„Tu’ du das! Und ich sorge für das Meine. Jetzt geht die Sonne unter,
da schließen wir den Hügel.“
Und sie befahl den anderen, die Türen vorzusetzen. Im Augenblick war
alles verschlossen, und der Ameisenhügel lag wieder wie tot da.
*
Einen Monat später ging es noch emsiger in dem Ameisenhügel zu.
Die Hälfte der Ameisen war in den Wald ausgerückt, um Nahrung
herbeizuschaffen. Die andere Hälfte hatte genug damit zu tun, die
Jungen, die mit jedem Tage wuchsen und gefräßiger wurden, zu pflegen
und zu füttern. Viele von ihnen waren bereits Puppen geworden und
aßen nichts, mußten aber unaufhörlich hin und her bewegt, gedreht und
gewendet werden; die Larven dagegen schrien den ganzen Tag nach Nahrung.
Die alte Ameise kam selten aus dem Hügel heraus.
Draußen nahm die Arbeit ja sowieso ihren stetigen Verlauf; das
Wichtigste war, in den Stuben Ordnung zu halten. Der Hügel reichte
doppelt so tief unter die Erde wie darüber; und er bestand aus
unendlich vielen Gängen und Kammern.
Aber die alte Ameise irrte sich nie. Sie wußte ganz genau, wo die
Larven waren, die Arbeiter werden sollten, wie sie selbst, und wo sich
die Larven befanden, die dazu bestimmt waren, Königinnen zu werden, und
wo sich die Männchen befanden. Sie sorgte für Ordnung, so daß nicht die
geringste Verwirrung oder Störung entstand. Tag und Nacht trippelte
sie umher und steckte ihre Nase in alles hinein. Die einzigen, um die
sie sich nicht kümmerte, waren die alten Königinnen.
Die riefen fortwährend nach ihr und beklagten sich oder schalten; aber
sie tat so, als hörte sie es nicht. Eines Tages befahl sie sogar, daß
die dreißig Ameisen, die die Leibwache der Königinnen bildeten, bei der
Arbeit im Hügel mithelfen sollten.
Die Königinnen schrien wie besessen:
„Wir sterben vor Hunger! Wir sterben vor Hunger!“
Doch die Alte verbeugte sich bis auf die Erde und erwiderte:
„Wenn Ew. Majestäten vor Hunger zu sterben geruhen, so sterben Ew.
Majestäten vor Hunger. Ich kann nichts dafür. Ew. Majestäten haben
während Ihrer glorreichen Regierung so viele Eier gelegt, daß der
Hügel mit Jungen überfüllt ist, und wir keinen einzigen Mann entbehren
können.“
Darauf verneigte sie sich untertänigst. Die Königinnen aber schrien
sich tot; und als sie tot waren, da befahl die Alte:
„Die erste Kompagnie tritt an und trägt die hochseligen Leichen in
die untersten Larvenkammern, wo der Hunger am größten ist. Die zweite
Kompagnie hält die Ehrenwache. Sputet euch ein wenig! Sobald die
Hochseligen aufgefressen sind, begibt sich jeder schleunigst an seine
gewohnte Arbeit.“
„Du läßt deinen Königinnen ja eine niedliche Behandlung zuteil werden,
alter Schlingel,“ sagte eine große Puppe, die in der Kammer nebenan lag.
„Ew. Gnaden dürfen nicht böse werden,“ sagte die alte Ameise. „Die
hochseligen Königinnen wären doch eines Tages gestorben, und der Hügel
ist so voll Jugend, daß wir keinen Rat wissen. Bevor der Monat um ist,
sind Ew. Gnaden hoffentlich selbst Königin; und dann werde ich nicht
verfehlen, Ihnen allen nur möglichen Respekt zu erweisen.“
„Ich will nicht Königin hier im Hügel sein,“ sagte die Puppe. „Ich will
in die Welt hinaus und mir selber einen Hügel gründen, in dem ich eine
bessere Justiz üben werde.“
„Das können Ew. Gnaden machen, wie Sie wollen. Hier sind Prinzessinnen
genug. Wenn wir nur zwanzig behalten, so sind wir ganz zufrieden. Aber
jetzt bitte ich, mich zu entschuldigen. Ich muß zu den Herren hinunter.
Die schreien, als säße ihnen das Messer an der Kehle.“
Und auf ihren alten Beinen lief sie nach den Kammern, wo die Männchen
lagen, die nach Nahrung schrien.
„Haltet den Mund, ihr Wichte!“ gebot die Alte. „Freut euch, daß ihr
überhaupt etwas bekommt, obwohl ihr nur so geringen Nutzen stiftet! Ich
schäme mich, daß so viele Kammern mit euch Taugenichtsen gefüllt sind.“
Und dann lief sie weiter. Eine Ameise hielt sie auf und zeigte auf ein
paar große weiße Würmer, die an einem verfaulten Holzstücke nagten.
„Darf ich die den Prinzessinnen vorwerfen?“ fragte die Ameise.
„Was faselst du da?“ rief die Alte. „Das sind ja die Jungen unseres
Freundes, des Rosenkäfers. Sie bringen dem Hügel Glück; und wer sie
anrührt, hat seinen Hals verwirkt.“
Gegen Abend saß die Alte auf ihrem gewöhnlichen Platze auf der Spitze
des Hügels und blickte über die Gegend hin.
„Nun kommt bald die Blattläusezeit,“ sagte sie vor sich hin.
Dann drehte sie sich um und rief in den Hügel hinein:
„Alle Melkmägde herauf!“
Augenblicklich wimmelten Hunderte von Ameisen hervor, die auf nähere
Befehle warteten.
„Seht ihr den Rosenstrauch drüben an der Hecke?“ begann die Alte.
„Dahin begebt ihr euch jetzt und paßt mir gut auf, bis die Blattläuse
kommen! Es dauert nur noch wenige Tage, dann verlassen die Herrschaften
die Puppenhüllen, und wir müssen süßen Saft für sie bereit haben.“
Die Ameisen liefen davon.
„Du hast ja furchtbar viel zu tun,“ sagte der Buchfink oben von seinem
Tannenzweig her.
„Ja,“ entgegnete die Ameise. „Das Leben besteht aus Arbeit.“
„Jetzt geht die Sonne unter. Willst du nicht die Türen schließen?“
„Nein. Es ist zu warm. Wir lassen sie offen stehen, aber vor jeder Tür
steht eine Wache; und du weißt wohl noch, wie wir Räuber behandeln.“
„Gewiß, ich danke,“ meinte der Buchfink.
Nun machte die Alte die Runde und sah nach, ob die Nachtwachen auf
ihrem Posten seien. Dann ging sie hinein und wanderte während der
ganzen Nacht in den Gängen umher.
Einige Larven waren noch nicht satt, und die anderen wollten sich
verpuppen; und da waren auch Puppen, die aus ihrer Hülle herauswollten.
Die Alte half den einen und ermahnte die andern, redete den Vornehmen
gut zu und gab den Niederen Schläge, ohne sich auch nur einen
Augenblick Ruhe zu gönnen.
*
Es war Ende Juni, und im Walde prangte der Sommer.
Überall war ein Duften und Sprießen und Singen ohnegleichen; alle
Nester waren voller Jungen. Durch die Luft summten und tanzten Fliegen,
Bienen, Wespen und Schmetterlinge. An der Hecke und im Graben standen
Tausende von Blumen, und vom Himmel fiel Sonnenschein und Regen.
„Puh!“ stöhnte der Buchfink. „Sechs Kinder! Das ist eigentlich
reichlich für Buchfinkenleute.“
Doch die alte Ameise rief ihm zu: „Ich glaube, wir haben zwanzigtausend
Junge im Hügel.“
„Grundgütiger Himmel!“ rief da der Buchfink.
Aber die Alte hatte heute wenig Zeit zum Schwatzen.
Sie sandte Boten zum Rosenstrauch hinüber und ließ fragen, ob die
Melkmägde die Blattläuse bereit hätten; und sie erhielt den Bescheid,
daß jederzeit mit dem Melken begonnen werden könne.
„Gut!“ sagte die Alte. „Heute nacht, glaube ich, wird es losgehen.
Es ist unmöglich, die jungen Herrschaften noch länger in den Hüllen
zurückzuhalten. Ach, das wird eine furchtbare Nacht werden. Und an den
morgigen Tag wage ich gar nicht zu denken.“
Dann rief sie die ältesten und vernünftigsten Ameisen zusammen und
schärfte ihnen ein, wie sie sich zu verhalten hätten.
„Heut nacht geht ihr herum und schneidet alle Puppenhüllen entzwei...
Versteht ihr? Natürlich müßt ihr sehr vorsichtig zu Werke gehen, damit
niemand Schaden erleidet. Ein jeder nimmt eine Puppe. Wenn die Sonne
aufgeht, muß alles in Ordnung sein.“
Die Ameisen nickten. Und die Alte trocknete den Schweiß von ihren
Fühlern und ging weiter im Text:
„Also morgen feiern wir Hochzeit im Hügel. Gebt acht, daß die Gänge
frei sind, damit die jungen Herrschaften mit ihren Flügeln durchkommen
können. Laßt sie +alle+ hinaus, zuerst die Prinzessinnen und dann die
jungen Herren. Zuletzt natürlich die Arbeiter, um die ihr euch übrigens
gar nicht zu kümmern braucht. Nun aber kommt das Wichtigste: Wenn die
jungen Leute ausgeschlüpft sind, wollen sie fortfliegen. Laßt sie ruhig
gewähren! Wir können gar nicht so viele ernähren. Aber +dreißig+ von
den Prinzessinnen haltet zurück... Ich werd’ euch noch näher angeben,
+welche+ es sein sollen. Die dürft ihr nicht aus den Augen lassen,
verstanden? Wollen sie fortfliegen, so haltet ihr sie fest... in aller
Untertänigkeit natürlich.... aber haltet sie fest! Was dann später
geschehen soll, darüber bekommt ihr noch Bescheid. Richtet euch nur
nach mir und gehorcht meinen Befehlen!“
Am Abend saß die Alte auf ihrem gewöhnlichen Platze vor der Tür. Sie
war so müde, daß sie kein Glied rühren konnte.
Plötzlich glänzte und leuchtete es vor ihren Augen.
„Was nun?“ rief sie.
„Wir sind es!“ sagten dreizehn dünne Stimmchen. „Wir kommen, um uns zu
bedanken und um Lebewohl zu sagen.“
Und den Hügel verließen in langer Reihe dreizehn kleine Rosenkäfer, die
sich vor der alten Ameise verneigten und zum Zeichen der Freundschaft
die Fühler mit ihr kreuzten.
„Herrgott, seid ihr es!“ rief die Ameise. „Wie hübsch ihr seid! Ich
hatte euch in der Verwirrung ganz vergessen. Na, nun wäret ihr so
weit! Ja, ihr handelt sehr vernünftig, wenn ihr heute eurer Wege geht.
Morgen wird es hier im Hügel unerträglich sein. Glückliche Reise!“
„Schönen Dank!“ sagten die Rosenkäfer. „Vielen Dank für Logis und Kost!
Dürfen wir kommen und unsere Eier in den Hügel legen?“
„Ja, das dürft ihr,“ sagte die Ameise. „Ich habe erzählen hören, daß
die Menschen sich freuen, wenn der Storch auf ihrem Dache sein Nest
baut. Sie glauben, daß ihnen das Glück bringt. Das gleiche glauben wir
von den Rosenkäfern... Aber sehen meine alten Augen denn recht... Ich
meinte, ihr wäret siebzehn gewesen?“
„Neulich, als wir gar zu hungrig waren, haben wir die vier
aufgefressen,“ erzählten die Rosenkäfer.
„Nun ja, das ist der Lauf der Welt,“ meinte die Alte seufzend. „Lebt
wohl! Und Gott sei mit euch!“
„O, diese Schmarotzer,“ rief der Buchfink.
„Das sind unsere Gastfreunde,“ erwiderte die alte Ameise.
„Du führst eigentlich ein sonderbares Leben,“ sagte der Buchfink. „Vom
Morgen bis zum Abend mußt du dich abrackern für dich und deine vielen
Tausend Schwestern. Möchtest du nicht lieber leben wie ich: mit einer
lieben kleinen Frau und sechs Kinderchen? und möchtest du nicht lieber
ein paar Flügel haben, die dich über den ganzen Wald hintragen könnten?“
„Mit sechs Kindern?“ wiederholte die Ameise. „Was sollte daraus
werden? Ich bin ans Rechnen mit ganz anderen Zahlen gewöhnt. Und wenn
ich etwas haben sollte, müßte es wohl ein Mann sein, da man mich ja
doch als Frauenzimmer anzusehen hat, wenn ich auch nur eine ausgediente
Magd bin. Aber ich kenne die Männer. Es ist kein Staat mit ihnen zu
machen. Warte nur bis morgen; dann wirst du sehen, wie wenig Achtung
wir hier im Hügel vor ihnen haben. Und dann wirst du auch +Flügel+ zu
sehen bekommen, das kannst du mir glauben. Aber die Flügel und die
Liebesgeschichten sind nur ein kurzes, armseliges Vergnügen; und ich
bin sehr zufrieden mit meiner Jungfernschaft und meiner Arbeit. -- Gute
Nacht!“
Die Nacht, die nun folgte, war die fürchterlichste in der ganzen
Geschichte des Hügels.
Es entstand ein Wirrwarr und Spektakel ohnegleichen. Keine der Ameisen
tat ein Auge zu. Man schnitt die Puppenhüllen entzwei, half den jungen
Ameisen heraus und schleppte die Hüllen fort. Denn es sollte in allen
Winkeln fein sauber sein für das große Hochzeitsfest.
Die jungen Arbeiter durften in ihren Kammern sitzen und sich gütlich
tun, bevor sie an ihr Werk gingen. Doch die Prinzessinnen und die
jungen Herren waren nicht zu bändigen. Sie liefen in den Gängen umher,
schlugen mit ihren feinen Flügeln um sich und verlangten, sofort in den
Sonnenschein geführt zu werden.
„Die Sonne scheint gar nicht, meine Herrschaften,“ sagte die alte
Ameise. „Es ist finstre Nacht, und die Sonne geht erst in zwei Stunden
auf. Wenn Sie auf eine alte, erfahrene Ameise hören wollen, so tun
Sie am allerbesten daran, wenn Sie ganz still sitzenbleiben und sich
allergnädigst ein wenig darin üben, mit den Flügeln zu schlagen. Sie
sind ja noch so jung, meine Herrschaften, und kennen so wenig vom
Leben!“
Aber die jungen Leute wollten keine Vernunft annehmen.
„Wir wollen hinaus, wir wollen hinauf... verschafft uns Sonnenschein!“
schrien sie.
Am allerschlimmsten benahm sich die Prinzessin, die sich bereits in der
Puppe ungebärdig aufgeführt hatte.
„Bin ich eine Prinzessin, oder bin ich es nicht?“ schrie sie. „Sieh
zu, daß du sofort Sonnenschein herbeischaffst; oder ich lasse dich
hinrichten.“
„Ew. Gnaden verlangen etwas Unmögliches,“ erwiderte die Alte. „Selbst
die Machtbefugnis einer Königin hat ihre Grenzen, und die Sonne kann
sie nicht kommandieren.“
„Dann will ich keine Königin sein,“ heulte die Prinzessin. „Dann will
ich die Sonne sein.“
„Auf die müßt ihr gut achtgeben!“ flüsterte die Alte mehreren jungen
Ameisen zu. „Die dürft ihr nicht wegfliegen lassen. In der steckt
echtes Königinnenblut... Die behalten wir.“
Dreißig Ameisen schlossen sofort einen Kreis um die Prinzessin und
ließen sie nicht mehr aus den Augen. Sie aber lief in den Gängen umher
und schimpfte und lärmte, so daß man hören konnte, daß sie wirklich
eine vornehme Person war.
„Das beste ist, wir schließen die Türen,“ sagte die Alte. „Sonst
riskieren wir, daß die jungen Tollköpfe hinauslaufen und in der Nacht
umkommen.“
Schließlich brach der Morgen an.
Die Alte ging hinaus und sah, was für Wetter es war. Der Himmel war
blau, und die Sonne lachte.
„Besseres Hochzeitswetter hätten wir nicht bekommen können,“ sagte sie.
„Öffnet jetzt!“
Da flogen alle Türen des Hügels auf, und heraus wimmelten Tausende von
geflügelten Ameisen. Es waren so viele, daß der ganze Erdboden rings
um den Hügel im Nu mit ihnen bedeckt war. Sie liefen und flogen und
hüpften, und die Sonne schien auf ihre feinen, durchsichtigen Flügel.
„Das Leben ist herrlich!“ rief die ungebärdige Prinzessin. „Ich will
nie mehr in den finstern Hügel hinab.“
„Gebt auf sie acht!“ mahnte die Ameise.
Bald war die Erde um den Hügel herum so voller geflügelter Ameisen, daß
sie aufeinander traten. Da rief eine von ihnen:
„Wir wollen in die grünen Bäume hinauffliegen und Hochzeit dort feiern.
Wozu haben wir denn Flügel?“
Sofort flog eine große Schar empor. Es sah aus, als schwebe ein
Wölkchen über den Wald dahin. Die andern aber starrten ihnen nach.
„Laßt sie nur fliegen,“ sagte die Alte. „Hier sind noch genug. Gebt nur
auf die dreißig acht, ihr wißt ja!“
„Jetzt fliege ich,“ rief die ungeduldige Prinzessin. „Ich habe mir
einen Mann ausgesucht und will auf die Hochzeitsreise gehen. Leb’ wohl,
du alter Hügel!“
Bei diesen Worten lüftete sie ihre Flügel, aber im selben Augenblick
wurde jedes ihrer Hinterbeine von einer Ameise ergriffen; und die sechs
Ameisen verneigten sich bis auf die Erde und riefen:
„Ew. Gnaden dürfen uns unter keinen Umständen verlassen. Wir haben
beschlossen, daß Sie die erste von unseren dreißig neuen Königinnen
sein sollen, und wir würden ganz untröstlich sein, wenn Sie wegflögen.“
„Laßt mich los!“ schrie die Prinzessin. „Ich will oben in den grünen
Bäumen Hochzeit halten.“
Da kam die alte Ameise aufgeregt herzugelaufen und rief:
„Nicht daran zu denken... +Sofort+ wird die Hochzeit gefeiert, meine
Liebe!“
Doch dann erschrak sie ob ihrer unehrerbietigen Worte; und demütig
fügte sie hinzu:
„Wollen sich Ew. Gnaden nicht beruhigen! Nur noch einen Augenblick, und
die herrlichste Blattlauslimonade wird für Sie ausgeschenkt werden.
Wenn Sie geruhen wollen, Ihre Hochzeit hier beim Hügel abzuhalten, so
werden Ihre Getreuen Ihnen sofort als der +ersten+ Königin huldigen.“
Aber die Prinzessin schrie: „Laßt mich los! Laßt mich los!“
Doch die Ameisen ließen sie nicht los. In der Umgebung des Hügels
spielte sich genau der gleiche Vorgang mit den neunundzwanzig andern
Ameisen ab, die die Alte zu Königinnen des Hügels erwählt hatte. Sie
wollten fortfliegen, aber die Wachen hielten sie zurück.
Als sie eine Zeitlang gewütet hatten, fügten sie sich, und ihre
Hochzeit wurde mit großer Feierlichkeit begangen. Blattlauslimonade
floß in Strömen, und die alte Ameise hielt eine Rede nach der andern
und stellte den jungen Königinnen die verschiedenen Kompagnien vor.
Gegen Abend waren ihre Männer ganz berauscht und ließen die Flügel
hängen.
„Bringt die Königinnen zur Ruhe!“ befahl die Alte. „Führt sie in
die Gemächer, die für sie instand gesetzt sind; dann wollen wir
untertänigst den Augenblick abwarten, da sie gerufen werden, mit dem
Eierlegen zu beginnen.“
„Was sollen wir mit den Männern anfangen?“ fragte eine der Ameisen.
„Beißt sie tot,“ erwiderte die Alte. „Was haben wir denn von diesen
Vielfraßen!“
Und eins, zwei, drei! waren die Männer ins Jenseits hinüberbefördert;
und es begann der feierliche Einmarsch in den Hügel.
Aber wer sich widersetzte, das war jene trotzige, ungebärdige
Prinzessin.
„Ich +will+ nicht in den Hügel hinein,“ sagte sie. „Ich habe mit meinen
eigenen Augen gesehen, wie ihr die alten Königinnen habt hungern
lassen, und wie ihr sie hernach aufgefressen habt. Und jetzt habt ihr
meinen lieben Mann ermordet. Ich will fort.“
Mit einem gewaltigen Satz riß sie sich von der Wache los und schwang
sich in die Lüfte.
„Schade, schade!“ seufzte die Alte. „Es war Rasse in ihr. Aber wir
haben ja -- Gott sei Dank! -- noch die anderen neunundzwanzig.“
Dann gab sie Befehl, die Wache, die so schlecht achtgegeben hatte,
sofort hinzurichten. Und sobald das geschehen war, verneigte sie sich
tief vor den neunundzwanzig jungen Königinnen und sagte:
„Die Majestäten werden es uns verzeihen, daß wir Ihnen jetzt die Flügel
ausreißen. Sie würden den Majestäten im Hügel, wo doch kein Platz zum
Fliegen ist, nur lästig fallen. Es tut ja zwar ein bißchen weh, aber
die Majestäten werden später einsehen, daß es zu Ihrem eigenen Besten
geschehen ist.“
Da schrien die Königinnen ganz entsetzlich, aber es half ihnen nichts.
In der nächsten Minute lagen alle Flügel neben den Leichen der Männer.
„Und nun gehen wir hinein!“ rief die Alte.
Die Ameisen stellten sich in zwei Reihen auf und verbeugten sich tief
mit gekreuzten Fühlern, während die jungen Königinnen in den Hügel
hineingingen.