„Fällt mir nicht ein. Ich hab’ wahrhaftig nicht den Kopf dazu, um

Geschichten zu erdichten. Sie müssen wissen, die Hälfte, die ich

verloren hatte -- das war, im Grunde genommen, gar nicht meine eigene.“

„Was war es nicht?“

„Nicht meine eigene, sondern eine, die ich das vorige Mal ergatterte,

als ich ins Unglück kam. Aber davor die vorige -- das war meine eigene.

Das war die, mit der ich geboren worden bin.“

„Das ist ja höchst merkwürdig,“ murrte der alte Hummer. „Dann will ich

nur hoffen, daß du deine hintere Hälfte oder eine fremde findest; --

denn dir ist es wohl gleichgültig, was für eine es sein wird.“

„Das will ich nicht gerade sagen,“ bemerkte der Sandwurm. „Meine eigene

war ein wenig verschlissen, drum: könnt’ ich eine jüngere und bessere

entdecken, so wäre das recht schön.“

„Na, dann Glück zu!“

„Danke sehr, danke sehr. Es tut immer wohl, Teilnahme zu finden. Es

hat mir vorhin auch ungeheure Freude gemacht, als Sie sagten, wir

wären alle gleich vor dem lieben Gott. Es ist so herrlich für einen

erbärmlichen Wurm, hie und da so etwas zu hören.“

„Nun -- ja,“ begann da der Hummer. „Gesagt hab’ ich das ganz gewiß.

Aber du mußt das nicht gar so buchstäblich nehmen. Dieser einfältige

Tümmler und der dumme Dorsch, die spielten sich so furchtbar auf. Denen

tat es gut, eins ausgewischt zu bekommen. Aber +das+ kannst du dir

doch niemals einbilden, daß zum Beispiel wir beide, du und ich, gleich

wären!“

„Also -- so war es nicht gemeint?“

„Du sagst das so wunderlich. Willst du dich wirklich mit einem

vornehmen Hummer vergleichen, der Scheren hat und Augen auf Stielen,

Fühler und vierzehn Beine, einen Schwimmschwanz mit Fächer, Panzer und

Schild und viele andere Herrlichkeiten? Du, der du ewig herumrennst

und nach deinem Hinterteil suchst und froh sein willst, wenn du ein

anderes findest?“

„Ach nein,“ sagte der Sandwurm. „Es mag ja etwas daran sein. Ich denke

noch an das, was Sie vorhin zu dem Dorsch sagten, und an das, was der

Dorsch zum Tümmler sagte. Ich kann es nur so verstehen, daß es doch ein

Vorteil für mich sein muß, wenn ich wieder mit meiner andern Hälfte

zusammenwachsen kann, sobald ich sie ausfindig mache -- da ich sie nun

mal verloren habe. Und es kann doch auch nie und nimmer mein Schaden

sein, daß ich eine andere brauchen kann, wenn ich nicht die eigene

finde.“

[Illustration]

„Du Tropf!“ sagte der Hummer. „Ich bereue, daß ich mich mit dir in

ein Gespräch eingelassen habe. Pack’ dich und find’ dich mit deinen

Hinterhälften zurecht, wie du magst!“

„Schönen Dank!“ rief der Sandwurm.

Damit kroch er weg. Der Seestern ließ die Auster fahren, weil nichts

mehr in ihr war.

„Der Sandwurm da hat dir eigentlich gut Bescheid gesagt,“ erklärte der

Seestern.

„Wen duzest du hier?“ raste der Hummer los.

Er vergaß, daß er noch weich war, und fuhr hervor und biß den einen Arm

des Seesterns ab.

„Au!“ rief der Seestern.

„Au!“ schrie der Hummer. „Nun ist meine schöne Schere vielleicht auf

Lebenszeit verdorben.“

„Und mein Arm ist weg,“ sagte der Seestern. „Aber ich werd’ mir schon

einen neuen verschaffen.“

Damit kroch er seiner Wege. Und der Hummer desgleichen, denn er hatte

die Gegend satt. Da war nun nichts anderes mehr als der abgebissene Arm

des Seesterns. Und nach einer Weile kam der Sandwurm zurück.

„Hast du deine Hälfte nicht gefunden?“ fragte der Seesternarm.

„Wer spricht da?“ fragte der Sandwurm. „Ich sehe niemand.“

„Nur ich bin es! Ich bin der fünfte Arm des Seesterns. Der Hummer hat

mich abgebissen, weil du ihn in Wut versetzt hattest.“

„Herr Gott, du armes Wesen,“ sagte der Sandwurm. „Nun ist es also aus

mit dir!“

„Na--a,“ sagte der Seesternarm. „So arg ist’s nun auch nicht gerade! --

Hast du deine Hälfte gefunden?“

„Nein,“ erwiderte der Sandwurm. „Und auch keine andere. Es wird aber

wohl eine neue wachsen. Wenn ich bloß nicht zu alt dazu bin, -- dann

muß ich mich ja so behelfen.“

„Das täte mir leid für dich,“ sagte der Seesternarm.

„Ich danke dir für deine Freundlichkeit! Übrigens scheint es mir,

als könntest du all das Mitleid, das du auftreiben kannst, selber

gebrauchen. Aus dir kann doch nie mehr was Rechtes werden.“

„Warum denn nicht?“ fragte der Seesternarm. „Man soll nie die Hoffnung

aufgeben. Der, zu dem ich gehört habe, bekommt bald genug einen neuen

Arm; und ich denke wirklich auch nicht daran, zu krepieren.“

„Eigentlich scheinst du mir rechte Veranlassung dazu zu haben. Dir

fehlen... laß mal sehen, dir fehlen vier Arme...“

„Und Mund und Magen und das Ganze.“

„Das heißt, dir fehlt das ganze Tier bis auf den Stumpf, der du bist!“

„Jawohl. Und was einem fehlt, soll man sich verschaffen. Wenn du sehen

könntest, würd’ ich dir zeigen, daß ich schon ein ganz klein wenig

auszuwachsen angefangen habe.“

„Kannst +du+ denn sehen?“

„Gewiß doch,“ war die Antwort des Seesternarms. „Ich habe ein Auge,

-- jeder von uns hatte eins, und meines hab’ ich -- Gott sei Dank! --

behalten, weil es ganz an der Spitze sitzt. Und ein Stück Darm habe

ich auch in mir, so daß es gar kein so schlechter Anfang ist.“

„Ja, Glück zu!“ sagte der Sandwurm.

„Danke,“ wehrte der Seesternarm ab. „Es wird sich schon machen. --

Hättest du nur deine hintere Hälfte!“

„Hör’ einmal, Freundchen,“ begann nun der Sandwurm. „Ist’s nicht

ein bißchen eingebildet von dir, dich mit +meinen+ Siebensachen zu

beschäftigen, da du selber in der Patsche sitzest? Kümmer’ dich

gefälligst nicht um meine hintere Hälfte, und denk’ an den ganzen

Seestern, der dir fehlt!“

„Herr Gott,“ sagte der Seesternarm, „machst du dich nun auch wichtig?“

„Wichtig?“ fragte der Sandwurm. „Wichtig mach’ ich mich nicht. Aber ich

kann es nicht leiden, wenn jemand sich so anstellt. Es gibt denn doch

auch Unterschiede.“

„Sooo?“ sagte der Seesternarm. „Ich meine, zum Hummer hättest du

gesagt...“

„Du solltest nicht auf das hören, was ordentliche Leute reden, wenn

du es nicht verstehen kannst,“ rief der Sandwurm zornig. „Was ich

zum Hummer sage, ist etwas für sich; was ich zu dir sage, etwas ganz

anderes. Du bist nichts als ein elender Stumpf von einem Weichtier, und

ich bin ein Wurm... hörst du?... wenn auch zurzeit nur ein halber Wurm!

Himmelhoch steh’ ich über dir, der daliegt und vegetiert, ohne Arme,

ohne Magen, ohne Mund und alles, bis es eines Tages wieder an dir

auswächst, diesen oder jenen Weg -- es ist dir wohl ganz egal.“

„Du darfst nicht böse auf mich werden,“ bat da der Seesternarm. „Du

kannst deine Hälfte wiederbekommen. -- Aber wenn ich nun +alles+

bekomme, was ich verloren habe, so ist das doch ganz tüchtig von mir...

findest du nicht? Mich dünkt, je schlimmer es einem ergangen ist, desto

tüchtiger ist der, der sich durchfindet. -- War das nicht so ähnlich,

was du zu dem alten Hummer sagtest?“

„Weichtier! Idiot!“ schrie der Sandwurm.

Dann kroch er fort.

Und der Seesternarm lag und wuchs; und es dauerte nur ein paar Tage,

bis alles an ihm wieder ausgewachsen war. Nun war er ebensogut ein

Seestern wie die andern; nur der alte Arm war viel größer als die vier

neuen. Aber das besserte sich ja gewiß noch mit der Zeit.

Froh ging er in die Welt hinaus, um jemanden zu finden, vor dem er sich

aufspielen konnte.

☐

Die Buche und die Eiche.

Es war in der guten alten Zeit, als es noch keine Städte mit Häusern,

Straßen und ragenden Kirchtürmen gab. Es gab auch noch keine Schulen.

Denn es gab nicht viele Jungen; und die wenigen, die da waren, lernten

von ihrem Vater mit dem Bogen schießen und den Hirsch in seinem

Versteck aufstöbern, sie lernten den Bären erlegen und sich Kleider

aus seinem Pelze anfertigen und lernten zwei Stücke Holz aneinander

reiben, bis sie sich entzündeten. Wenn sie das konnten, dann hatten sie

ausgelernt.

[Illustration]

Auch keine Eisenbahnen gab es damals, keine bebauten Felder, keine

Schiffe auf dem Meere und keine Bücher; denn es war ja niemand da, der

sie lesen konnte.

Eigentlich gab es nur Bäume.

Aber davon waren auch genug da. Bäume standen überall bis an die

Meeresküste, spiegelten sich in den Bächen und Seen und streckten ihre

mächtigen Zweige zum Himmel. Am Strande neigten sie sich, sie tauchten

ihre Zweige in das schwarze Moor; und von den hohen Hügeln schauten sie

stolz über die Lande hin.

Die Bäume waren alle vertraut miteinander, denn sie gehörten zu einer

großen Familie; und darauf waren sie sehr stolz.

„Wir sind samt und sonders Eichbäume,“ sagten sie und brüsteten sich

gehörig. „Uns gehört das Land, wir sind die Herrscher.“

Und das war auch richtig, denn damals gab es nur ganz wenige Menschen

und sonst nur noch wilde Tiere. Der Bär, der Wolf und der Fuchs gingen

auf die Jagd, und der Hirsch graste am Moore. Die Waldmaus saß vor

ihrer Tür und nagte an Eicheln, und der Biber führte seine Bauten am

Ufer des Baches auf.

Da kam eines Tages der Bär dahergetrottet und legte sich, so lang er

war, unter einem hohen Eichbaum nieder.

„Bist du schon wieder da, du Räuber?“ rief die Eiche und schüttelte

einen Haufen welker Blätter über ihn.

[Illustration]

„Du solltest nicht so leichtsinnig mit deinen Blättern umgehen, lieber

Freund,“ sagte der Bär und leckte seine Pfoten. „Das ist noch das

einzige, daß man in deinem Schatten liegen kann.“

„Wenn ich dir nicht passe, kannst du ja deiner Wege gehen,“ antwortete

die Eiche stolz. „Ich bin Herr im Lande; und wohin du siehst, siehst du

nur meine Brüder.“

„Ganz recht,“ brummte der Bär; „das ist gerade das Langweilige an der

Sache. Ich habe eine kleine Reise ins Ausland gemacht, weißt du;

und nun bin ich ein wenig verwöhnt. Es war mehr im Süden -- da hielt

ich einmal ein kleines Schläfchen unter den Buchen. Das sind große,

schlanke Bäume, keine krummen alten Burschen wie ihr. Und ihre Kronen

sind so dicht, daß die Sonnenstrahlen gar nicht hindurchkommen können.

Es war ein reines Vergnügen, darunter sein Mittagsschläfchen zu halten.“

„Buchen?“ fragte die Eiche neugierig. „Was sind das für Bäume?“

„Froh sein würdest du, wenn du nur halb so schön wärest wie eine

Buche!“ sagte der Bär. „Aber jetzt mag ich nicht mehr mit dir

schwatzen. Ich hab’ über eine Meile traben müssen des verfluchten

Jägers wegen, der mich mit seinem Pfeil ins Hinterbein getroffen

hatte. Jetzt will ich schlafen, und du bist wohl so freundlich, mich

wenigstens in Ruhe zu lassen, da du mir doch nicht viel Schatten geben

kannst.“

Der Bär reckte sich und schloß die Augen; aber aus dem Schlafen

wurde diesmal nicht viel. Denn die anderen Bäume hatten gehört,

was er erzählt hatte; und es begann ein Schwatzen und Plaudern und

Blätterrauschen wie noch nie zuvor im Walde.

„Gott weiß, was das für Bäume sein mögen!“ meinte der eine.

„Ach, der Bär will uns natürlich etwas weismachen!“ der andere.

„Was können das nur für Bäume sein, wo die Blätter so dicht sind, daß

die Sonnenstrahlen nicht durchkommen können?“ fragte eine kleine Eiche,

die zuhörte, wie die Gefährten zusammen sprachen.

Aber daneben stand ein alter, knorriger Baum, der gab der kleinen Eiche

einen Klaps mit einem seiner untersten Zweige.

„Willst du wohl schön den Mund halten,“ sagte er, „wart’, bis du so alt

bist, daß du mitreden kannst! Und ihr anderen müßt dem Bären seinen

Schnickschnack nicht glauben. Ich bin viel größer als ihr, und ich kann

den ganzen Wald übersehen. Aber soweit ich sehen kann, sind da nichts

als Eichbäume.“

Die kleine Eiche war ganz eingeschüchtert und schwieg, und die anderen

großen Bäume flüsterten leise zusammen, denn sie hatten großen Respekt

vor dem Alten.

Aber der Bär erhob sich und rieb sich die Augen.

„Nun habt ihr mir mein Mittagsschläfchen gestört,“ brummte er grimmig,

„und ihr könnt mir’s glauben, rächen werd’ ich mich dafür! Wenn ich

wiederkomme, werde ich Buchensamen mitbringen; und ich weiß, ihr werdet

alle gelb vor Neid werden, wenn ihr seht, wie schön die neuen Bäume

sind.“

Damit trollte er von dannen. Aber die Eichen sprachen den lieben langen

Tag von den lächerlichen Bäumen, von denen er ihnen erzählt hatte.

„Wenn sie kommen, nehme ich ihnen Licht und Luft weg!“ versicherte der

kleine Eichbaum; aber gleich hatte er seinen Klaps von der alten Eiche

weg.

„Wenn sie kommen, dann bist du höflich gegen sie, du Grünschnabel!“

sagte sie. „Aber sie kommen nicht.“

* *

*

Darin behielt die alte Eiche nun doch nicht recht, denn sie kamen

wirklich.

Als es Herbst wurde, kam der Bär zurück und legte sich unter der alten

Eiche nieder.

„Ich soll dir einen Gruß von da unten bringen,“ sagte er und holte ein

paar sonderbare Dingelchen aus seinem zottigen Pelze hervor. „Sieh mal,

was ich hier für dich habe!“

„Was ist das?“ fragte die Eiche.

„Das sind Bucheckern,“ erwiderte der Bär, „die Buchensamen, die ich dir

versprochen habe.“

Damit stampfte er sie in den Erdboden hinein und schickte sich an,

wieder zu gehen.

„Es ist schade, daß ich nicht länger bleiben und mit ansehen kann,

wie ihr euch krank ärgert,“ brummte er. „Aber das Menschenpack ist so

zudringlich geworden. Neulich haben sie mir meine Frau und den einen

von meinen Brüdern erschlagen, und ich muß mich nach einem ruhigen

Plätzchen umsehen. So ein ehrlicher Bär ist fast nirgends seines

Lebens mehr sicher. Lebt wohl, ihr alten Murrpeter!“

Als der Bär davongetrollt war, sahen die Bäume einander nachdenklich an.

„Jetzt wollen wir sehen, was daraus wird!“ sagte die alte Eiche.

Und dabei beruhigten sie sich. -- Dann kam der Winter und beraubte sie

all ihrer Blätter; der Schnee lag fußhoch, und jeder Baum stand in

seine Wintergedanken versunken da und träumte vom Frühling.

Und als der Frühling kam, prangte das Gras in seinem frischen Grün,

und die Vögel sangen da weiter, wo sie das letztemal aufgehört hatten.

Die Blumen schossen zu Tausenden hervor, und alles strahlte in üppiger

Frische.

Nur die Eiche hatte noch keine Blätter.

„Es ist am vornehmsten, wenn man zuletzt kommt,“ sagten sie. „Der König

des Waldes stellt sich erst ein, wenn die ganze Gesellschaft beisammen

ist.“

Aber schließlich kam auch ihre Zeit. Die Blätter brachen aus den dicken

Knospen hervor, und die Bäume sahen sich an und sagten sich gegenseitig

Schmeicheleien, wie schön sie sich ausnähmen. Die kleine Eiche war um

ein großes Stück gewachsen. Darauf bildete sie sich nicht wenig ein und

meinte, jetzt dürfe sie mitreden.

„Aus den Buchen des Bären wird nichts,“ verkündete sie spöttisch,

aber schielte gleich ängstlich zu der alten Eiche hinauf, die es ja

gewöhnlich auf ihren Kopf abgesehen hatte.

Die alte Eiche hörte wohl, was der kleine Nachwuchs sagte, und die

anderen Bäume hörten es auch. Aber sie schwiegen. Keiner hatte

vergessen, was der Bär ihnen erzählt hatte; und jeden Morgen, wenn die

Sonne schien, guckten sie verstohlen hinunter, um nach den Buchen zu

sehen. Eigentlich war ihnen recht beklommen ums Herz, aber sie waren zu

stolz, es sich anmerken zu lassen.

Und eines Tages kamen endlich die zarten Keime zum Vorschein. Die Sonne

schien darauf, und der Regen tränkte sie; es dauerte gar nicht lange,

so schossen sie ein ordentliches Stück in die Höhe.

„Nein, wie niedlich die sind!“ riefen die großen Eichen und verdrehten

ihre krummen Zweige noch mehr, damit sie sie ordentlich zu sehen

bekämen.

„Ihr sollt uns willkommen sein!“ sagte die alte Eiche und nickte den

Buchen gnädig zu. „Ihr sollt meine Pflegekinder sein und sollt es

ebenso gut wie meine eigenen Kinder haben.“

„Wir danken euch!“ flüsterten die kleinen Buchen; mehr sagten sie nicht.

Aber die kleine Eiche wollte nichts von den fremden Bäumen wissen.

„Das ist ja unheimlich, wie ihr in die Höhe schießt!“ rief sie der

nächsten Buche ganz beleidigt zu. „Ihr reicht mir ja schon fast bis an

den Leib. Wollt ihr nicht gefälligst daran denken, daß ich viel älter

bin und außerdem von alteingesessener Familie!“

[Illustration]

Die Buche lachte mit ihren winzigen grünen Blättern, aber sie sagte

nichts.

„Soll ich meine Zweige ein bißchen beiseitenehmen, damit die Sonne

euch besser bescheinen kann?“ fragte die alte Eiche höflich.

„Vielen Dank!“ antworteten die Buchen. „Wir wachsen so wunderschön hier

im Schatten.“

Und der ganze Sommer verging und wieder einer und noch mehrere. Die

Buchen fuhren fort zu wachsen und wuchsen endlich der kleinen Eiche

ganz über den Kopf.

„Weg mit euren Blättern!“ schrie die Eiche. „Ihr nehmt mir das

Sonnenlicht fort, und das vertrage ich nicht. Ich brauche viel

Sonnenschein. Weg mit den Blättern! Sonst gehe ich zugrunde.“

Doch die Buchen lachten nur und wuchsen weiter. Zuletzt schlossen sie

sich ganz über dem Kopfe der kleinen Eiche, und da starb sie ab.

„Das war nicht schön von euch!“ riefen die großen Eichen und

schüttelten vor Zorn ihre Zweige.

Aber die alte Eiche nahm ihre Pflegekinder in Schutz.

„Das ist die gerechte Strafe,“ sagte sie. „Das hat sie nun für ihr

Prahlen. Ich sage das, obwohl es mein eigen Fleisch und Blut war. Aber

jetzt müßt ihr euch auch gut aufführen, ihr kleines Buchenvolk, denn

sonst habt ihr einen Klaps von mir weg.“

Die Jahre vergingen, die Buchen wuchsen weiter, und es wurden schlanke

Bäumchen daraus, die bis mitten zwischen die Zweige der alten Eiche

reichten.

„Ihr fangt an, mir etwas lästig zu werden!“ sagte eines Tages die

Eiche. „Ihr solltet lieber anfangen, ein wenig in die Breite zu

wachsen, und nicht immer weiter in die Höhe schießen. Seht mal an,

wie voll eure Zweige hängen! Ihr müßt sie ordentlich biegen, wie ihr

es bei uns seht! Was wollt ihr denn anfangen, wenn ein ordentlicher

Sturm kommt? Ihr wißt nicht, wie der Wind unsere Wipfel rüttelt und

schüttelt! Oft haben sogar meine alten Glieder geknarrt; wie wird es

euch erst gehen mit eurem dünnen Firlefanz da in der Luft?“

„Jeder wächst auf seine Manier und wir auf die unsre,“ antworteten die

jungen Buchen. „So ist’s nun mal Sitte in unserm Heimatlande, und wir

brauchen darum wohl nicht schlechter zu sein als ihr.“

„Sehr höflich behandelt ihr mich bemoostes Haupt gerade nicht,“ sagte

die Eiche. „Ich bereue schon, daß ich so gut zu euch war. -- Wenn ihr

auch nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe habt, so seid so gut und nehmt

eure Blätter ein wenig beiseite! In diesem Jahre haben meine untersten

Zweige fast gar keine Knospen gehabt, weil ihr mir das Licht wegnehmt.“

„Wir verstehen nicht recht, was das uns angeht!“ antworteten die

Buchen. „Jeder hat doch genug mit sich selber zu tun. Taugt er zu

seiner Arbeit, und hat er Glück, so geht’s ihm gut. Wenn nicht, so muß

er sich darein finden, daß es ihm schlecht geht. Das ist der Welt Lauf.“

Und die untersten Zweige der Eiche starben ab; der alte Baum fing an,

wirklich in Besorgnis zu geraten.

„Ihr seid mir ein paar nette Bürschchen!“ schalt er. „Wie lohnt ihr

mir denn meine Gastfreundschaft? Als ihr klein wart, habe ich euch zu

meinen Füßen wachsen lassen und habe euch vor dem Sturm geschützt. Ich

habe die Sonne auf euch scheinen lassen, so viel sie wollte, und hab’

euch wie meine eigenen Kinder behandelt. Und jetzt wollt ihr mich zum

Dank ersticken!“

„Dummes Zeug!“ sagten die Buchen.

Und sie trugen Blüten und Früchte; und als die Früchte reif waren,

rüttelte der Wind in den Zweigen und streute sie weit umher.

„Ihr seid flinke Burschen, so wie ich!“ rief der Wind. „Drum mag ich

euch leiden und helfe euch gern.“

[Illustration]

Und als der Fuchs sich am Fuße der Buche rollte und wälzte, war sein

Fell im Nu voll von den stachlichten Früchten, und er lief mit ihnen

weit ins Land hinein. Und ebenso machte es der Bär; und der lachte

obendrein noch die alte Eiche aus, als er im Schatten der Buchen sein

Ruhestündchen hielt. Die Waldmaus war ganz entzückt über das neue

Gericht und meinte, Bucheckern schmeckten viel besser als Eicheln.

[Illustration: „Der Bär legte sich, so lang er war, unter einem hohen

Eichbaum nieder.“]

Ringsumher schossen neue kleine Buchen hervor, die ebenso schnell wie

ihre Eltern wuchsen. Sie sahen so frisch und vergnügt aus, wie wenn sie

nichts von einem bösen Gewissen wüßten.

Aber die alte Eiche schaute traurig über den Wald hin. Überall kamen

die hellen Buchenblätter hervor, und die Eichen seufzten und klagten

sich gegenseitig ihre Not.

„Sie reißen die Herrschaft an sich!“ schrien sie und schüttelten sich,

soweit die Buchen es zuließen. „Das Land ist nicht mehr unser.“

Ein Zweig nach dem andern starb ab, und der Sturm brach die Äste ab und

warf sie zu Boden. Die alte Eiche hatte jetzt nur noch ein paar Blätter

am Wipfel.

„Bald ist’s aus mit mir!“ sagte sie ernst.

Aber jetzt gab es viel mehr Menschen im Lande als früher; und die

beeilten sich, die Eichen zu fällen, solange noch welche da waren.

„Eichenholz ist besser als Buchenholz,“ meinten sie.

„Da haben wir wenigstens endlich einmal etwas Anerkennung gefunden,“

sagte die alte Eiche. „Aber wir werden’s mit dem Leben bezahlen müssen.“

Und zu den Buchen sagte sie:

„Was habe ich doch nur gemacht, daß ich euch geholfen habe, als ihr

klein wart! Was bin ich doch für ein alter Tor gewesen! Früher waren

wir Eichbäume die Herren im Lande, und jetzt muß ich Jahr für Jahr

sehen, wie meine Brüder rings im Kampfe mit euch den kürzeren ziehen.

Mit mir selbst ist es nun auch bald aus, und nicht eine von meinen

Eicheln hat in eurem Schatten keimen können. Aber bevor ich sterbe,

möchte ich doch wissen, wie ihr so ein Benehmen eigentlich nennt?“

„Das ist bald gesagt, alter Freund!“ antworteten die Buchen. „Wir

nennen’s Konkurrenz, und wir haben sie nicht erfunden. Sie erhält und

regiert die Welt.“

„Ich verstehe eure Fremdwörter nicht,“ sagte die Eiche. „Ich nenne es

schnöde Undankbarkeit.“

Damit starb sie.

☐

Der Ameisenhügel.

Es war im April.

Der Stachelbeerstrauch war schon lange grün, aber das ist ja nun einmal

so ein Prahlhans. Von den andern Sträuchern hatte noch keiner Blätter

und auch von den Bäumen nicht. Aber sie hatten dicke Knospen, und ihre

Stämme und Zweige glänzten vor Nässe; denn der Regen hatte soeben ein

großes Frühjahrsreinemachen veranstaltet.

Jetzt schien die Sonne recht lustig. Ringsum erhoben die Anemonen ihre

feinen Köpfchen aus der Erde, und der Star war schon lange da; mit

jedem Tage wurden neue Zugvögel erwartet.

Am Rande des Waldes, da, wo die großen Tannen standen, lag ein

gewaltiger Ameisenhügel.

Der war aus vielen Tausend Tannennadeln erbaut, und seine Spitze

reichte bis an den untersten Zweig des Baumes. Aber er war feucht wie

die Stämme und Zweige; und es sah aus, als wäre er ganz ausgestorben.

Nicht eine einzige Ameise kroch darauf herum.

Auf dem Zweige über dem Hügel saß der Buchfink mit seiner Braut. Seine

Brust begann sich schon zu röten, und er übte die Hochzeitstriller ein.

„Herr Gott, wie hübsch du bist!“ flötete sie und sah ihn verliebt an.

[Illustration]

„Ja, jetzt ist es auch das beste, daß wir an die Hochzeit denken,“

sagte er. „Wo sollen wir unser Nest aufhängen?“

„Was schwatzest du da!“ sagte sie. „Meinetwegen können wir das Nest

hier aufhängen. Aber es ist gewiß zu früh! Die Ameisen haben ja noch

nicht einmal aufgemacht.“

Die beiden schauten auf den Hügel hinab. In diesem Augenblick öffnete

sich ein Türchen des Hügels und eine große alte Ameise kam heraus. Sie

streckte ihre Beine, gähnte und bewegte ihre Kiefer, um zu sehen, ob

sie in Ordnung wären.

„Guten Tag,“ rief der Buchfink ihr zu. „Du brauchst keine Angst zu

haben, ich werd’ dich nicht fressen.“

„Ich bin auch gar nicht ängstlich,“ erwiderte die Ameise. „Denn ich bin

dir viel zu sauer.“

„Willst du ein bißchen im Sonnenschein umherfliegen?“

„Ich habe keine Flügel und habe auch keine Verwendung für so etwas.“

„Nichts für ungut,“ rief der Buchfink. „Ich meinte bloß, ob du nicht

ausziehen und dir einen Schatz suchen wolltest.“

„Ich mache mir nichts aus einem Schatz,“ antwortete die Ameise.

„Gott behüte,“ sagte das Buchfinkenfräulein. „Dann kannst du dich ja

nie verheiraten.“

„Nein,“ war die Antwort der Ameise.

„Und kannst keine Eier legen? und keine Junge bekommen?“

„Nein.“

„Herr Gott. Das muß ja ein trauriges Leben sein.“

„Das Leben besteht aus Arbeit,“ sagte die Ameise. „Und ich bin ein

Arbeiter. Obendrein der älteste im ganzen Hügel.“

Nach diesen Worten drehte sie sich um und rief etwas in den Hügel

hinein. Einen Augenblick später öffneten sich hundert Türchen;

und aus ihnen wimmelten lauter Ameisen hervor. Sie liefen hin und

her und reckten sich und streckten sich und freuten sich über den

Frühlingssonnenschein.

Der Zweifüßler und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 9 / 13 段