Das versprach das Junge, und dann fraß es all das Futter, das die

Eltern mitgebracht hatten.

„Mehr, mehr!“ schrie der Nimmersatt. „Ich bin furchtbar hungrig!“

Und die Neuntöter stürzten fort, um seine Wünsche zu erfüllen.

Sie holten jetzt mehr Futter herbei als früher, als noch alle Kinder am

Leben gewesen waren; aber der große Bursche konnte nie genug bekommen.

Er wuchs und wuchs und wurde schließlich so groß, daß er keinen Platz

mehr im Neste hatte. Da kletterte er hinaus und setzte sich auf einen

Zweig daneben.

[Illustration]

„Gott erbarme sich,“ schrie die Neuntötermutter, als sie heimkehrte und

das große Junge dort sitzen sah. „Du wirst hinunterfallen und dir den

Hals brechen.“

„Du hast immer etwas an mir auszusetzen!“ antwortete der junge Vogel

ganz verzagt. „Ich hab’ es drinnen nicht mehr ausgehalten, weil es mir

da zu eng war. Ich mache alles verkehrt und kann doch nichts dafür. Ich

wünschte, ich wäre tot! -- Hast du mir etwas mitgebracht?“

Da halfen die beiden Alten ihm vorsichtig auf die Erde herunter und

baten das Junge, sich gut im Grase zu verstecken und nur ja nicht zu

schreien, damit der Fuchs seine Anwesenheit nicht bemerkte. Und von

nun an brachten sie ihm täglich mehr als hundertmal Futter, und der

junge Vogel wuchs immer mehr. Allmählich entwickelten sich auch seine

Flügel- und Schwanzfedern, so daß er quer über die Wiese flattern

konnte; die Eltern mußten oft nach ihm suchen und ihn rufen, wenn sie

mit Futter beladen zurückkehrten. Es sah gar sonderbar aus, wenn die

drei beisammen saßen; denn das Junge war jetzt doppelt so groß wie das

Neuntöterpärchen, so daß es nicht ganz einfach war, ihm das Futter in

den Schnabel zu stecken. Außerdem war es ganz graubraun gefärbt, mit

hellen Flecken auf Brust und Bauch.

Gar oft saß der Neuntötervater nachdenklich da und starrte den großen

Vogel an.

„Familienähnlichkeit hat er gar nicht,“ sagte er dann wohl zu seiner

Frau, die im Halbschlummer hockte; so müde war sie. „Wir sind nicht so

groß und haben auch eine andre Färbung.“

Eines Morgens schnappte das Junge nach einer großen, garstigen,

zottigen Larve, die im Grase umherkroch.

„Spuck’ sie aus! Spuck’ sie aus!“ schrie die Mutter. „Sie ist giftig!

Sie kann dir den Tod bringen!“

„Solche Larven habe ich schon oft gegessen,“ erwiderte das Junge ganz

ruhig. „Sie schaden mir nichts; und von dem, was ihr mir gebt, kann ich

nicht satt werden.“

„Ein merkwürdiger Neuntöter,“ erklärte der Vater und schüttelte den

Kopf.

„Es ist gar kein Neuntöter,“ sagte da auf einmal jemand ganz in der

Nähe.

Das Männchen blickte auf und gewahrte ein altes Zaunkönig-Mütterchen,

das sich auf einem Zweige schaukelte.

„Was ist es nicht?“ fragte er.

„Es ist gar kein Neuntöter,“ wiederholte der Zaunkönig.

„Was? Hat meine Frau nicht selbst das Ei in unser Nest gelegt, und

haben wir das Junge nicht ehrlich und redlich zusammen mit seinen

Geschwistern, die jetzt tot sind, erzogen?“

„Sind sie tot?“ fragte der alte Zaunkönig. „Herr Gott! Ja, so geht

es! Es ist die alte Geschichte und obendrein eine überaus häßliche

Geschichte.“

„Erzähle!“ bat der Neuntöter, flog hinauf und setzte sich neben den

Zaunkönig. Seine Frau flog mit, während das Junge lauschend im Grase

sitzenblieb und den Schnabel aufsperrte.

„Die Geschichte ist bald erzählt,“ sagte der Zaunkönig. „Aber es ist

sehr gut, wenn recht viele sie erfahren. Der Jugend ist es dienlich,

den Alten zuzuhören.“

Und nun schrie das Zaunkönigweibchen, so laut es mit seinem dünnen

Stimmchen konnte; und von allen Seiten her flogen viele Zaunkönige,

Neuntöter, Lerchen, Zeisige, Stieglitze und manch andere kleine Vögel

herbei. Und sie ließen sich in den Büschen ringsum nieder und blickten

gespannt auf das Zaunkönigweibchen und lauschten.

„Kennt ihr nicht den großen grauen Vogel, der manchmal unsre Nester

umschleicht?“ fragte der Zaunkönig.

[Illustration]

„Ich kenne ihn recht gut. Das ist der Habicht,“ rief ein vorlauter

junger Stieglitz.

„Nein, du Naseweis!“ sagte der Zaunkönig. „Ich wollte, du hättest

recht! Das wäre viel besser für uns; denn dann würden wir einfach

gefressen, und damit gut. Der Habicht holt uns für seine Jungen, wie

wir Fliegen und Larven für +unsere+ Kinder fangen. Das ist ehrlich

Spiel, und so ist nun einmal der Lauf der Welt; dagegen läßt sich

nichts sagen, wenn es auch für den, der gefressen wird, recht traurig

ist. -- -- Nein, der Vogel, von dem ich rede, heißt +Kuckuck+. Er

sieht ungefähr aus wie ein Habicht, ist aber kein so verwegener

Räuber und überhaupt kein ehrenwerter Vogel, der seinen Kindern

Nahrung verschafft; er ist ein heimtückischer, fauler Patron, der

nicht arbeitet, sondern nur im Walde umherfliegt, sich brüstet und

‚Kuckuck‘ ruft. Glaubt nicht etwa, daß er ein Nest baut wie wir

anständigen Vögel. Noch nie hat er zwei Strohhalme aufeinandergelegt.

Noch nie hat er seine Eier ausgebrütet oder seine Jungen in den kalten

Nächten gewärmt oder ihnen eine Fliege in ihre kleinen gelben Schnäbel

gesteckt.“

„Gott erbarme sich!“ rief Frau Neuntöter dazwischen. „Was tut er denn?“

„Ja, du weißt das nicht, du arme Frau,“ erwiderte der alte Zaunkönig,

„aber du sollst es erfahren! Sobald er ein Ei gelegt hat, nimmt er es

in den Schnabel und trägt es in das Nest eines ehrbaren Vogelpärchens.

Dann brüten die beiden es aus und ziehen es zusammen mit ihren eigenen

Jungen groß. Alles tun sie ihm zuliebe; sie mühen sich von früh bis

spät, um für das große Untier genug Futter herbeizuschaffen. Und wißt

ihr, welchen Dank sie für all ihre Liebe ernten? Ich will es euch

sagen. Das Kuckucksjunge nimmt ihren eignen Kindern das Futter vor der

Nase weg; und wenn es groß genug geworden ist, pufft es sie zum Nest

hinaus, um es sich selbst recht bequem darin zu machen. -- Da habt ihr

die Geschichte!“

Die kleinen Vögel ringsum auf den Zweigen zitterten vor Entsetzen. Das

Neuntöterpärchen starrte den Zaunkönig sprachlos an, und die Federn der

beiden Vögel sträubten sich vor Schreck.

„Seht die beiden dort!“ rief der Zaunkönig und zeigte auf die

Neuntöter. „Die haben in diesem Sommer das Kuckuckskind in Pflege

gehabt. Seht, wie mager und zersaust sie aussehen! Fragt sie, wo ihre

eigenen Kinderchen geblieben sind! Wollt ihr aber das böse Pflegekind

sehen, das sitzt da unten im Grase und sperrt gierig den Schnabel auf.“

Da blickten alle Vögel auf das große Kuckucksjunge, und sie erhoben ein

lautes Geschrei:

„Kuckuckskind! Kuckuckskind!“

Der verspottete Vogel lief ein Stück weiter auf die Wiese hinaus,

drehte sich dann um und schrie:

„Es +ist+ nicht wahr! Es ist nicht wahr! Ich bin weder böse noch

undankbar!“

Aber die Vögel flogen hinter ihm her und wollten ihn tothacken. Allen

andern voran drang der junge Stieglitz mit lautem Geschrei auf ihn

ein. Ganz hinten folgten dem Schwarme die beiden Neuntöter. Obwohl sie

tief verzweifelt waren über das, was sie gehört hatten, baten sie doch

flehentlich, dem jungen Kuckuck nichts zuleide zu tun.

„Es ist ja unser einziges!“ jammerte Mutter Neuntöter. „Ich habe es

ausgebrütet, und wir haben es großgezogen. Gewissermaßen ist es ja doch

nun einmal unser Kind.“

In diesem Augenblick versetzte der junge Kuckuck dem Stieglitz einen

Stoß mit dem Schnabel, daß er umfiel.

„Ich bin groß genug, mich allein zu verteidigen,“ rief er. „Ich sehe

aber, daß der Schein gegen mich ist; darum will ich meiner Wege gehen.

Ich danke meinen Pflegeeltern für alles Gute, das sie mir erwiesen

haben; aber ich glaube nicht an die Geschichte des Zaunkönigs; so wahr

ich lebe, will ich die Wahrheit an den Tag bringen, und wenn ich auch

bis ans Ende der Welt reisen müßte!“

Dann flog der junge Kuckuck davon -- über die Wiese und den Wald hin.

Im Fliegen merkte er an der Kraft seiner Flügel, daß er jetzt erwachsen

war. Über Felder, Wälder und Wiesen flog er weit fort in fremde Länder.

Sooft er sich niederließ, um auszuruhen, mußte er an die Geschichte

denken, die er gehört hatte. Er konnte und konnte sie weder verstehen

noch glauben; denn er wußte, daß er nicht schlechter war als die

anderen Vögel, und er konnte nicht begreifen, warum ihn seine Mutter

der Verachtung und dem Haß der andern Vögel preisgegeben hatte.

Dann hielt der Winter seinen Einzug im Norden.

Im Walde fielen die Blätter von den Bäumen, und die grüne Wiese verbarg

sich unter einer dicken weißen Schneedecke. Mitten aus dem Schnee ragte

der Dornbusch wie ein Bündel schwarzer Reiser in die Luft. Hier und da

hing an einem Zweig noch eine in der Kälte zusammengeschrumpfte Beere.

Die Schmetterlinge, Fliegen und Larven waren verschwunden; und von den

Vögeln waren nur die Sperlinge, Buchfinken und Meisen übrig und dann

noch die großen Krähen, die unaufhörlich krächzten und mit den Flügeln

um sich schlugen, um warm zu werden. Zaunkönig, Neuntöter, Stieglitz

und alle die andern waren gen Süden geflogen, wo die Sonne wärmer

scheint und die Blätter immer grün sind.

Dort in einem der warmen Länder saß der junge Kuckuck am

Weihnachtsabend auf einem hohen Baume und starrte traurig über die

Gegend hin. Die Sonne ging eben unter, und viel tausend Blumen

erstrahlten in ihrem Glanze. Aber der Kuckuck sah nichts von

alledem. Er hatte seine Mutter nicht gefunden, doch die Geschichte

des Zaunkönigs konnte er nicht vergessen. Er hatte drei andre junge

Kuckucke getroffen, die ganz dasselbe erlebt hatten wie er; und es kam

ihm so vor, als gehöre er zu einem fluchbeladenen Geschlecht, das nicht

wert sei, von der Sonne beschienen zu werden.

Wie er hier so seinen trübseligen Gedanken nachhing, da raschelte es

im Laube neben ihm, und ein großes altes Kuckucksweibchen streckte den

Kopf hervor und betrachtete ihn.

„Du siehst nicht besonders vergnügt aus,“ sagte die Alte. „Warum läßt

du den Schnabel hängen? Ist es dir hier etwa nicht warm genug, oder

findest du nicht genug zu essen?“

„Ich suche meine Mutter,“ erwiderte der junge Kuckuck.

Da hüpfte das alte Kuckucksweibchen auf den Zweig neben ihm und sah ihn

aufmerksam an.

„Vielleicht bin +ich+ deine Mutter. Ich hab’ dich schon heute mittag

im Walde beobachtet. Mein Herz sagt mir, daß du mein Fleisch und Blut

bist.“

„Wenn du meine Mutter bist, so hast du gar kein Herz. Meine Mutter ist

schlecht. Sie hat mir viel Böses angetan.“

Und dann erzählte der junge Kuckuck seine Geschichte. Das alte Weibchen

hörte ihm aufmerksam zu und nickte von Zeit zu Zeit.

„In einem Dornbusch, sagst du? In einem großen, großen Walde hoch im

Norden? Ja, das paßt alles. Du bist mein Kind. Wie groß und schön du

geworden bist!“

Der alte Kuckuck strich dem jungen zärtlich mit dem Schnabel über

den Flügel; doch dieser flog mit einem lauten Schrei in die Höhe und

schüttelte sein Gefieder.

„Rühr’ mich nicht an,“ schrie er. „Du bist schlecht, ich hasse dich!“

„Herr Gott!“ sagte die alte Kuckucksmutter, ohne den Zorn ihres Kindes

zu beachten. „Es ist mir, als ob es gestern gewesen wäre. Wie lange

bin ich mit dem Ei, worin du lagst, umhergeflogen und habe nach einem

Neste gesucht! Ich mußte ja ein Nest finden, in dem die Eier den

meinen ähnlich sahen; sonst hätten die fremden Eltern es bemerkt und

hinausgeworfen. Das dauerte sehr lange; und zuletzt bin ich so müde

geworden, daß ich Angst bekam, es zu verlieren.“

„Ich wünschte, du hättest es verloren!“ schrie der junge Kuckuck. „Dann

wäre ich nie zur Welt gekommen, hätte meine lieben Pflegegeschwister

nicht umgebracht und die armen, treuen Neuntöter nicht zu quälen

brauchen. Es wäre mir erspart geblieben, mitanzuhören, wie man meine

Mutter einen schlechten, faulen Vogel schimpfte, ohne daß ich ein Wort

zu ihrer Verteidigung anführen konnte.“

Der alte Kuckuck sagte nichts, sondern starrte bloß sein erzürntes Kind

an.

„Warum hast du dir kein Nest gebaut wie andere ordentliche Vögel?“

fragte der junge Kuckuck. „Und deine Eier ausgebrütet? Und deinen

Kindern Futter gebracht? Warum hast du das nicht getan?“

Die alte Kuckucksmutter schüttelte schwermütig den grauen Kopf und

seufzte:

„Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Es ist nicht so leicht, ein Kuckuck zu

sein, das kannst du mir glauben! Ja, du wirst es noch selbst erfahren,

wenn du im Sommer wieder nach Norden ziehst und Eier legen mußt.“

„Glaubst du etwa, daß ich mich dabei ebenso garstig benehmen werde wie

du?“ fragte der junge Kuckuck höhnisch.

„Du kannst mir glauben, daß ich mir lieber ein Nest gebaut und meine

Kinder bei mir behalten hätte, bis sie erwachsen gewesen und in die

Welt hinausgeflogen wären!“ rief die Alte. „Schweren Herzens lege ich

jeden Sommer die Eier in fremde Nester; und es betrübt mich stets,

nichts darüber zu erfahren, was aus ihnen wird.“

„Warum tust du es denn dann?“

„Ich kann ja nicht anders,“ sagte der alte Kuckuck. „Das ist eben das

traurige Geheimnis unseres Geschlechtes. Hör’ mich an, dann will ich

es dir erzählen! Sieh mal, ich kann nur jeden achten Tag ein Ei legen.

Begreifst du nun, daß das eine Ei verfaulen würde, bis das nächste

gelegt ist, und daß ich sie nicht selber ausbrüten kann?“

„Warum legst du die Eier denn nicht schneller?“ fragte der junge

Kuckuck. „Hast du keine Lust dazu? Der Zaunkönig sagte, du wärest faul.“

„Ich möchte es ja so gerne! Und ich täte alles, um nur meine Kinder

bei mir behalten zu dürfen. Aber ich kann nicht. In meinem Körper ist

jedesmal nur Platz für +ein+ Ei; und jedes Ei braucht acht Tage, bis es

entwickelt ist.“

Der junge Vogel sah den alten mißtrauisch an.

„Ich glaube dir nicht,“ sagte er bestimmt. „Das sind alles leere

Ausflüchte! Der Neuntöter ist kaum halb so groß wie du, und er legt

seine Eier im Handumdrehen.“

„Allerdings tut er das,“ erwiderte die Kuckucksmutter, „und er kann

Gott dafür danken, daß er imstande dazu ist. Aber der frißt auch nicht

so große giftige Larven wie wir Kuckucke. An denen ist nicht viel

Fleisch, verstehst du; und darum brauchen wir so viele davon. Und aus

diesem Grunde muß unser Magen so groß sein; da bleibt für die Eier nur

ganz wenig Platz übrig.“

„Ob ich dir wohl wirklich Glauben schenken darf?“ fragte der junge

Kuckuck.

„Das kannst du!“ erwiderte die Mutter. „So verhält es sich und nicht

anders! Das eine beruht auf dem andern, siehst du; man muß es sich nur

richtig klarmachen. Dann kann man es ertragen, so schwer es auch ist.“

„Ja, dann hast du ja wirklich gar keine Schuld,“ sagte der junge

Kuckuck, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. „Und ich muß dich um

Verzeihung bitten, weil ich so zornig auf dich gewesen bin. Aber ich

finde es hart, daß die +anderen+ Vögel das nicht wissen und uns darum

verkennen müssen.“

Da setzte die Alte ein sehr ernstes Gesicht auf und erwiderte:

„So geht es oft hier in der Welt. Die Leute schwatzen, so gut sie’s

verstehen; und man muß sie eben schwatzen lassen. Das kann man auch,

wenn man ein reines Gewissen hat und seiner Arbeit nachgeht. Und die

Arbeit des Kuckucks besteht nun einmal darin, schädliche Larven zu

fressen.“

Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und es wurde dunkel. Die

beiden Kuckucke saßen noch lange beieinander und unterhielten sich

über den Ernst des Lebens. Dann schliefen sie ein. Dem jungen Kuckuck

träumte, er flöge mit seinem Ei im Schnabel umher und suchte nach dem

Nest des Stieglitzes, um das Ei hineinzulegen. Und der Kuckucksmutter

träumte, daß die Zeit gekommen sei, wo sie keine Kinder mehr zu

bekommen und nicht in ewiger Angst und Sorge zu schweben brauchte.

[Illustration]

Der Seestern.

Irgendwo auf dem Grunde des Meeres trafen sich ein großer Dorsch, ein

alter Hummer, ein Seestern und ein halber Sandwurm.

Der Dorsch stand übersatt im Wasser und starrte mit seinen dummen Augen

vor sich hin; er mochte sich nicht vom Flecke rühren.

Der Seestern hatte seine fünf Arme um eine Auster geschlungen und war

im Begriff, sie auszusaugen. Die Auster hatte zunächst ihre Schalen

fest geschlossen; aber da spritzte der Seestern etwas Giftiges auf die

Stelle, an der sich die Schalen schlossen, und nun konnte die Ärmste

nicht mehr. Schon war sie halb ausgesogen; und der Seestern fing an,

sich nach weiterer Nahrung umzusehen. Das konnte er, denn er hatte ein

Auge auf der Spitze eines jeden seiner Arme.

Dem Hummer ging es nicht gut.

[Illustration]

Er hatte vor einigen Tagen die Schale gewechselt, und das neue Gehäuse

war noch ganz weich. Darum verbarg dieser Herr sich unter einem großen

Stein, aß nicht und war ziemlich verdrießlich, wenn jemand ihn anredete.

Um den Sandwurm aber war es ganz schlimm bestellt.

Der hatte nämlich gestern seine hintere Hälfte eingebüßt. Wie das

zugegangen war, wußte er selbst nicht. Augen hatte er nicht; es war

allerdings auch kein Grund vorhanden, über diesen Mangel Tränen zu

vergießen. Denn der Sandwurm hatte ganz und gar keine Verwendung für

die Augen, weil er gewöhnlich im Sande wühlte. Und dann war’s auch im

übrigen ein armseliger, weicher Bursch, der das Leben hinnehmen mußte,

wie es kam, und dem es auch nicht einfiel, sich zu beklagen.

Aber natürlich suchte er nach seiner Hälfte. Man büßt ja ungern

ein, was man hat. Und je weniger man hat, desto mehr Wert legt man

begreiflicherweise auf seine Siebensachen.

Wie nun die vier Leutchen sich da unten aufhielten und jeder genug mit

seinen Angelegenheiten zu tun hatte, da kam ein großer Tümmler zu ihnen

hinunter.

Er jagte allen einen gehörigen Schreck ein. Der Dorsch machte einen

Schlag nach der Seite, der Hummer kroch ganz unter den Stein, und der

Seestern war nahe daran, die Auster fahren zu lassen. Der Sandwurm

endlich merkte wohl an der Bewegung des Wassers, daß etwas los war,

wußte aber wie gewöhnlich nicht Bescheid.

„Ha! ha!“ rief der Dorsch. „Was bist du für ein Fisch?“

„Ich bin gar kein Fisch, wenn ich bitten darf,“ erwiderte der Tümmler.

„Aber Fischfasson hast du doch, wenn’s auch ein bißchen plump ist,“

erklärte der Dorsch.

„Ich weiß wohl, der Schein ist gegen mich,“ sagte der Tümmler. „Das hat

mich schon oftmals geärgert. Es geht so weit, daß die Leute mich und

meine Verwandten, die anderen Delphine, Walfische nennen. Und ich bin

doch in Wirklichkeit ein vollkommen normales Säugetier.“

[Illustration]

„Was ist das?“ fragte der Dorsch.

„Das Säugetier ist das vornehmste aller Tiere,“ entgegnete der Tümmler.

„Wir können überhaupt nicht im Wasser atmen, wie die Fische und das

andre Getier hier unten. Wir müssen hinauf, um Luft zu schnappen.“

„Armer Kerl!“ ließ der Dorsch sich vernehmen.

„Ich komme dir arm vor, du dummer Dorsch?“ brauste da der Tümmler auf.

„Ja, du bist zu bedauern!“ sagte der Dorsch. „Wo du dazu bestimmt

bist, im Wasser zu leben -- und daß du das bist, kann ich ja an deiner

Gestalt sehen -- da muß es doch greulich lästig sein, jeden Augenblick

hinauf zu müssen, um Atem zu holen. Da finde ich denn doch, daß ich

besser daran bin.“

„Findest du? Ja, jeder nach seinem Geschmack! Es war recht dumm von

mir, mich mit einer Person, wie dir, einzulassen. Wie solltest du das

Leben und die Gefühle vornehmer Leute verstehen können! Nun geh’ ich

wieder. ’s war ganz zufällig, daß ich hier herunterkam.“

„Adieu!“ rief der Dorsch. „Verlier’ die Luft nicht, bis du

hinaufkommst, um dir neue zu holen!“

Der Tümmler schwamm hinauf, und die anderen lachten über den Besucher.

„So einer!“ spottete der Dorsch. „Wie idiotisch vornehme Leute sein

können! Da segelt der Tümmler umher und bildet sich ein, daß er besser

daran sei als wir, weil er im Wasser keine Luft kriegen kann.“

„Ja, so ein Dünkel ist eine schlimme Sache,“ sagte der Hummer. „Wenn

man älter wird, sieht man das am besten ein und lernt, daß wir alle

gleich sind vor dem lieben Gott.“

„Na--a,“ fiel der Dorsch ein. „Das, scheint mir, heißt wieder ein

bißchen zu weit gehen. Du hast selber gehört, wie ich diesen Prahlhans

vorhin zurechtgewiesen habe; denn ich bin ein einfacher, rechtliebender

Mann. Aber alle Unterschiede kann man nun doch nicht aus der Welt

schaffen.“

„Dann also nicht,“ sagte der Hummer. „Ja, mir ist es gleichgültig; erst

muß ich meine Schalen wieder haben.“

„Ja, du bist dabei, die Schalen zu wechseln,“ erwiderte der Dorsch.

„Das kann nicht amüsant sein.“

„Nein, das kannst du mir glauben, besonders in meinem Alter. Hier geht

man nun Tag für Tag sozusagen im bloßen Hemde umher und ist dem Zugwind

ausgesetzt und all den anderen Unannehmlichkeiten. Es ist das siebente

Mal, daß ich die Geschichte durchzumachen habe.“

„Herr Gott! Und das läßt sich gar nicht vermeiden?“

„Nein, wie sollte das zugehen!“ erwiderte der Hummer. „Auf diese Weise

wachsen wir ja.“

„Ganz recht,“ bemerkte der Dorsch, „das vergaß ich. Ich dachte nicht

daran, daß du zu den +niederen+ Tieren gehörst. Da kannst du’s selbst

sehen, wie schlicht und aufrichtig ich bin.“

„Bin ich niedriger als du?“ fragte der Hummer.

„Selbstverständlich!“ war die Antwort. „Du kannst das am allerbesten an

deiner Entwicklung sehen. Die niederen Tiere machen die Sache eben so

im Sprunge ab. Sie +verwandeln+ sich oder werfen das ganze Skelett ab,

wie du jetzt. Bei den höheren Tieren geht alles mehr gleichmäßig zu.

Wir wachsen von Tag zu Tag, unmerklich und stetig. Sollte ich mich so

schinden müssen wie du, so stürbe ich auf der Stelle. Ich bin feiner

organisiert, verstehst du.“

„Was faselt der Dorsch?“ fragte der Hummer und kroch ganz unter

den Stein, obwohl er noch ziemlich weich war und jedes Sandkorn

spüren konnte, das ihn berührte. „Soll es ein Zeichen deiner feinen

Organisation sein, daß du stirbst, wenn du den Rock abwirfst?“

„Natürlich,“ erwiderte der Dorsch.

„Dann bin ich überaus glücklich, daß ich nicht so fein organisiert

bin,“ sagte der Hummer. „Einen ähnlichen Unsinn habe ich noch niemals

gehört. Alles in allem bist du ja ein ebenso großer Narr wie der

Tümmler.“

„Wir verstehen einander gewiß nicht,“ meinte der Dorsch. „Aber darin

liegt ja an und für sich nichts Merkwürdiges. Leute verschiedenen

Standes müssen überhaupt nicht zusammen schwatzen, nur das

Allernotwendigste. Die Tieferstehenden können das selten vertragen; sie

werden eingebildet und naseweis davon.“

„Hat man schon je so etwas gehört?“ rief der Hummer.

„Adieu,“ sagte der Dorsch, vollführte einen gewaltigen Schlag mit dem

Schwanz und war im selben Augenblick verschwunden.

„Gott mag wissen, was der sich einbildet!“ brummte der alte Hummer.

„Ja, ja,“ seufzte der Sandwurm.

„Wer ist das?... Ach so, du bist es, mein guter Sandwurm.“

„Ja, so ist es.“

„Wie geht es dir?“

„Ach,“ erwiderte der Sandwurm, „ich kann wirklich nicht klagen. Sand

gibt es ja immer genug; und wenn man +das Ganze+ frißt, so müßt’

es doch sonderbar zugehen, wenn nicht auch ein bißchen für den Darm

darunter wäre. Es ärgert mich nur, daß ich meine hintere Hälfte

verloren habe.“

„Gott behüte,“ meinte der Hummer. „Du armes Tier! Ich vertrag’ es

nicht, von dergleichen zu hören, solange ich noch weich bin. Was machst

du denn ohne Hinterteil?“

„Ja -- man schlägt sich durch, so gut man kann.“

„Wie ist das nur zugegangen?“ fragte der Hummer.

„Was weiß ich davon,“ entgegnete der Pierer. „Ein armer Kerl wie ich

muß die Dinge hinnehmen, wie sie kommen, und muß froh sein, daß man das

Leben behält. Könnt’ ich nur meine Hälfte wiederfinden!“

„Was in aller Welt willst du mit ihr?“

„Jösses, ich will natürlich wieder mit ihr zusammenwachsen. Was denn

sonst?“

„Kannst du das?“

„Ja, natürlich kann ich das. Wenn ich sie nicht ausfindig mache, muß

ich mich daran geben, eine neue wachsen zu lassen. Aber das dauert

selbstverständlich länger. Mit der alten wär’ es leichter.“

„Merkwürdig, merkwürdig,“ sagte der Hummer. „Ich habe wohl gehört, daß

man ein Bein oder ein Fühlhorn einbüßen kann, und daß das dann wieder

wächst, -- aber die ganze hintere Hälfte?“

„Ja,“ fiel der Sandwurm ein, „und doch ist es so. Na, man darf die

Hoffnung nicht aufgeben. Kann ja sein, daß ich sie doch noch finde.

Oder vielleicht auch eine andere.“

„Was sagst du?“

„Ich sage, ich kann ja Glück haben und ein anderes Hinterteil finden,“

erklärte der Sandwurm. „Es ist doch gar nicht unwahrscheinlich, daß

ein anderer Sandwurm dasselbe Malheur gehabt hat, wie ich. Unser sind

wahrlich gar viele, und arme Wesen sind wir alle.“

„Gott erbarme sich!“ rief der Hummer. „Wenn du auch eine fremde

Hinterhälfte findest -- was kann sie dir nützen?“

„I, ich kann doch mit ihr zusammenwachsen,“ sagte der Sandwurm. „Was

sollte dem im Wege stehen?“

„Du machst mir was weis.“

Der Zweifüßler und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 8 / 13 段