„Ich darf das Fenster nicht öffnen, mein Junge. Darüber würde der

Doktor sehr böse werden, weil es noch so kalt ist. Siehst du, wie der

Mond hereinscheint?“

Der Junge bat nochmals, das Fenster zu öffnen. Sie setzten sich auf den

Bettrand, streichelten seine Wangen und redeten ihm gut zu.

Und dann schwieg er wie vorhin. Er sehnte sich bloß danach, daß sie

wieder gehen möchten, damit er mit dem Sauerstoff reden könnte. Darum

schloß er die Augen, als ob er schliefe. Als sie eine Weile seinen

regelmäßigen Atemzügen gelauscht hatten, da glaubten sie es und

schlichen still hinaus.

„Sauerstoff,“ fragte bald darauf der Junge, „bist du da?“

„Gewiß,“ entgegnete der Sauerstoff. „Sonst wär’ es um dich und mehrere

andre übel bestellt. Aber gut geht es mir nicht.“

„Ist der Stickstoff auch hier?“ fragte der Junge.

„Allerdings,“ antwortete der Stickstoff.

„Und die Kohlensäure?“ forschte der Junge.

„Es lohnt nicht, von mir zu sprechen,“ sagte mit kleiner, dünner Stimme

die Kohlensäure. „Ich bin zu unbedeutend.“

„Du bist schlimmer als der Stickstoff,“ meinte der Sauerstoff. „Das

muß ich sagen, obwohl du mein eignes Kind bist. Wenn es nur bald Tag

werden möchte! Wenn die Sonne kommt, trinkt die Pelargonie so viel

Kohlensäure, wie sie kriegen kann.“

Der Junge lag lauschend da und sagte nichts.

Seine Wangen brannten wie Feuer. Von seiner Stirn troff der Schweiß

herab, und seine Augen strahlten erschreckend klar. Auch durstig war

er. Darum griff er zum Milchglase und trank ein wenig. Aber Angst hatte

er nicht mehr.

Es schien ihm, als bekämen die Dinge Stimmen, ganz wie im Märchen. Er

dachte, der Sauerstoff, der Stickstoff und die Kohlensäure seien drei

verzauberte Prinzen. Wenn er doch nur das rechte Wort fände, so würde

er ihnen ihre eigentliche Gestalt wiedergeben... Wie amüsant das sein

würde, wenn sie morgen hier säßen beim Eintritt des Vaters und der

Mutter... und des Doktors! Und dann: wie schön würde es in der Schule

werden. Denn die Prinzen müßten natürlich seine Schule besuchen, die

ja die vornehmste in der Stadt war. Neben ihm würden sie sitzen... Na,

vielleicht war es doch am besten, noch ein bißchen zu warten; denn

er war augenblicklich nicht unter den Ersten der Klasse; und auf den

unteren Bänken konnten Prinzen doch nicht gut sitzen. Aber im nächsten

Monat wollte er sich Mühe geben, um heraufzukommen ...

Weil ihn solche Gedanken beschäftigten, war er nicht im geringsten

erstaunt, als der Kanarienvogel aufwachte, dreimal zwischen seinen

Stäben umherhüpfte, was dasselbe ist, wie wenn ein kleiner Junge sich

die Augen reibt, und sagte:

„Ich finde, die Luft ist heute nacht sehr schlecht hier im Zimmer.“

Und auch die Pelargonie stimmte mit ein. Sie war derselben Meinung.

„Aha,“ dachte der Junge. „Das sind auch Prinzen. Jetzt kommt allmählich

Leben in die Bude.“

Aber er sagte vorläufig nichts, um die beiden nicht zu erschrecken,

sondern drehte bloß den Kopf, sah sie an und freute sich auf das, was

nun kommen sollte.

Und doch kam es anders, als er erwartet hatte.

Die Lampe schnalzte plötzlich leicht auf mit der Feuerzunge und sagte:

„Ja, ich habe mir schon lange meine Gedanken darüber gemacht, während

ich hier stand und ein kleines Schläfchen hielt. Es ist nur merkwürdig,

daß der Junge nichts davon merkt. Die +Menschen+ sind doch in der Regel

sonst die ersten, die ein großes Lamento anstellen, wenn mit der Luft

irgend etwas nicht in Ordnung ist.“

„Jungen sind keine richtigen Menschen,“ sagte der Kanarienvogel.

„Wenigstens nicht in dieser Beziehung. Sie können unglaublich schlechte

Luft vertragen.“

„Nicht, wenn sie krank sind,“ bemerkte die Pelargonie. „Und der Junge

ist krank. Das weiß ich bestimmt. Seine Mutter hat es auf dem Markt zu

der Frau gesagt, von der sie mich kaufte.“

„+Ich+ sollte nicht wissen, daß er krank ist?“ versetzte der

Kanarienvogel. „Ich, sein Liebling? Der Doktor sagte, ich müsse

hinausgetragen werden, aber der Junge wollte es nicht haben, und

darum blieb ich. Und ich sollte auch jeden Abend mit einem gräßlichen

schwarzen Tuch bedeckt werden. Aber er bat, es nicht zu tun, damit er

mich sehen könne. Wenn ich nicht wüßte, wie es um den Jungen steht, wer

sollte es denn dann wissen?“

„+Ich+,“ rief die Lampe und schnalzte abermals mit der Feuerzunge.

„Die Pelargonie ist erst gestern gekommen und kennt nur das Gewäsch,

das sie auf dem Markt gehört hat. Der Kanarienvogel ist auch erst seit

dem letzten Geburtstag des Jungen da, aber ich bin von Anfang an hier

gewesen.“

„Bist du denn so alt?“ fragte die Pelargonie.

„Allerdings,“ zischelte die Lampe. „In der Nacht, als er geboren

wurde, habe ich in der Schlafkammer gestanden. Ich habe die Hebamme

beschienen. Und ihn selber, als er als kleiner roter Bursche da lag und

sein erstes Gebrüll von sich gab. Damals war ich vornehmer als jetzt.

Es war mehr Bronze an meinem Fuß, und meine Glocke war auch noch nicht

entzwei. Als es anfing, mit mir bergab zu gehen, kam ich in dieses

Zimmer.“

„Herrgott,“ schrie der Kanarienvogel.

„Und ich klage nicht. Es ist ein sehr guter Platz für eine ältere

Lampe. Hier ist nicht mehr Arbeit zu verrichten, als ich bewältigen

kann. Im Sommer werde ich nie angezündet, und im Winter bloß, wenn

der Junge Schularbeiten zu machen hat, und dann, wenn er zu Bett muß.

Aber an den Aufgaben lernt er nicht besonders lange, und ins Bett

geht er im Geschwindmarsch, und dann löscht Mutter mich aus. Manchmal

werde ich freilich wieder angezündet, wenn wir in der Küche ein paar

Streichhölzer gemaust haben und im Bett noch etwas lesen wollen... Das

ist ein sehr großes Verbrechen und darum unvergleichlich schön. Wird

es entdeckt, so bekommt der eine von uns Prügel, und der andre wird

sofort ausgeblasen. Aber in der jetzigen Zeit steh’ ich Nacht für Nacht

angezündet und muß bis zum frühen Morgen brennen, wenn auch nur mit

halber Flamme.“

„Ja, das ist eben das Unglück,“ sagte der Sauerstoff.

„Wie?“ rief die Lampe. „Wer spricht da? Wer wagt es, eine hochachtbare,

alte, pflichttreue Lampe ein Unglück zu nennen?“

„Ich bin’s nicht gewesen,“ sagte die Pelargonie.

„Ich wahrhaftig auch nicht,“ fiel der Kanarienvogel ein.

„Der Sauerstoff war’s,“ sagte der Junge.

„Gewiß,“ bestätigte der Sauerstoff.

„Und wer bist denn du?“ fragte die Lampe; „ich kann dich nicht sehen.“

„Das kannst du freilich nicht. Und doch kannst du mich nicht entbehren.

Ich bin der Sauerstoff. Ich bin die Luft.“

„Bist du die Luft?“ meinte die Lampe nachdenklich. „Ja, dann bist du

allerdings ebenso wichtig für mich wie das Petroleum und der Docht und

das Streichholz.“

„Er lügt, er lügt,“ rief der Stickstoff. „Er bildet nur ein lumpiges

Fünftel der Luft. Ich bin die Luft. Stickstoff heiße ich; und schämen

solltet ihr euch, daß ihr mich nicht kennt.“

„Wem soll ich nun Glauben schenken?“ fragte die Lampe. „Der da zuletzt

redete, hat einen garstigen Namen; und ich kann mir nicht denken, daß

ich Verwendung für ihn habe.“

„Die hast du auch nicht,“ erklärte der Sauerstoff. „Und während du

schwatzest, verstreicht die Zeit; und es endigt übel. Hier drinnen

bildet sich mit jeder Minute mehr Kohlensäure; und sie ist noch viel

ärger als der Stickstoff.“

„Ganz recht,“ sagte der Stickstoff. „Der Sauerstoff vergißt nur zu

erzählen, daß er selber die Kohlensäure erzeugt. Er erzeugt Kohlensäure

ebenso wie die Lampe und die Pelargonie und der Kanarienvogel und der

kranke Junge.“

„Gewiß tu’ ich das,“ sagte der Sauerstoff. „Ich bewirke, daß die Lampe

+brennt+, und daß die andern +atmen+. Fehle ich, so ist es mit ihnen zu

Ende; und die widerwärtige Kohlensäure gehört ebensogut ihnen wie mir.“

„Warum nennst du mich widerwärtig?“ fragte die Kohlensäure. „Ich habe

hier in der Welt ebensogut wie du meine Aufgabe zu erfüllen. Frage die

Pelargonie! Sie trinkt mich den ganzen Tag aus der Luft. Sie kann mich

durchaus nicht entbehren. Sie lebt geradezu von mir.“

„Das tu’ ich allerdings,“ gab die Pelargonie zu.

„Ja,“ fuhr die Kohlensäure fort. „Sobald es hell wird, trinkst du

Kohlensäure und fährst fort, es zu tun, bis die Nacht kommt. Und das

gleiche tun alle grünen Pflanzen der Welt, vom größten Baume bis zum

kleinsten Grashalm. Sie alle trinken Kohlensäure, als wären sie nicht

recht gescheit, und atmen Sauerstoff in die Luft aus. Darum ist es so

wunderschön frisch im Walde.“

„Hört ihr wohl. +Ich+ bewirke, daß es so frisch ist,“ sagte der

Sauerstoff fröhlich.

„Ja, aber mich trinken sie,“ beteuerte die Kohlensäure.

„Aber aus mir sind sie erzeugt... aus mir sind sie erzeugt,“ rief der

Stickstoff.

„Piep,“ sagte der Kanarienvogel. „Ich kann nicht klug daraus werden.

Ich bin so traurig.“

„Auch mir geht es nicht gut,“ versicherte die Pelargonie. „Und ich

begreife nicht, was wir anfangen sollen.“

„Es übersteigt meinen Verstand,“ klagte die Lampe. „Aber ich merke, daß

die Luft schlechter und schlechter wird. Ich flackre. Ich gehe aus.“

„Noch nicht,“ fiel da der Sauerstoff ein. „Aber es wird so kommen.

Alles, was der Stickstoff und die Kohlensäure erzählen, mag sein, wie

es will; es hat mit der Sache nichts zu schaffen. Die Stube ist nur

klein, und ich bin nur ein Fünftel der Luft, wie ihr gehört habt.

Die Lampe kann nicht ohne mich brennen, und ihr könnt nicht ohne

mich atmen. Je mehr Wesen mich brauchen, desto schneller bin ich

+aufgebraucht+. Darum wollte der Doktor, daß der Kanarienvogel

hinausgebracht würde. Darum hätte die Pelargonie heute nacht nicht im

Zimmer stehen dürfen. Darum war es dumm von der Mutter des kranken

Jungen, daß sie die Lampe in die Höhe schraubte. Und darum bleibt

nichts andres übrig, als nach ihr zu klingeln, damit sie hereinkommt

und das Fenster öffnet. Da draußen ist viel Sauerstoff. Hier drin aber

ist nur noch wenig; und wenn der verbraucht ist, so erstickt ihr.

Punktum.“

Der Junge lag regungslos da und lauschte und starrte. Jetzt glaubte

er nicht länger, daß es ein Märchen sei. Er atmete schwer auf; und er

bekam Tränen in die Augen, als er sah, wie der Kanarienvogel den Kopf

hängen ließ und die Blätter der Pelargonie immer schlaffer wurden,

während die alte Lampe flackerte und flackerte.

„Ich will nicht ersticken,“ jammerte der Kanarienvogel. „Könnte ich nur

wieder vors Fenster kommen! Da war viel bessere Luft. Könnte ich nur

aus dem Bauer hinausschlüpfen und durch die Scheibe fliegen... Ja, dann

würden mich freilich die häßlichen Spatzen tothacken, aber das wäre

doch besser, als hier zu ersticken.“

„Ich will lieber sterben als meinen Kanarienvogel missen,“ sagte der

Junge und warf ihm einen zärtlichen Blick zu.

„Ich will nicht ersticken,“ verkündete die Pelargonie. „Ich bin so jung

und habe so wunderschöne rote Blüten. Ich freute mich so, als ich heute

morgen auf dem Markte stand, obwohl es da bei weitem nicht so schön war

wie in dem Treibhaus des Gärtners, wo ich groß geworden bin. Aber ich

will nicht ersticken... ich will nicht ersticken.“

„Ersticken?“ sagte die alte Lampe. „Das bedeutet wohl dasselbe wie

ausgelöscht werden. Dann bin ich wirklich oft im Leben erstickt.

Gewöhnlich einmal am Tage. Es ist wirklich nicht so gefährlich. Man

wird einfach wieder angezündet. Aber ich gehe ungern aus, bevor ich

muß. Denn wenn sie kommen und sehen, daß ich Petroleum und Docht genug

habe, und trotzdem ausgegangen bin, so glauben sie natürlich, daß ich

ganz altersschwach bin, und setzen mich in die Rumpelkammer.“

„Daran läßt sich nichts ändern,“ sagte der Sauerstoff.

„Kann ein kleiner Junge auch wieder angezündet werden, wenn er

erloschen ist?“ erkundigte sich der Junge.

„Nein,“ belehrte ihn der Sauerstoff. „Wenn ein Junge erloschen ist,

so ist er weg. Und genau ebenso ist es mit der Pelargonie und dem

Kanarienvogel. Die +Lampe+ kann wieder angezündet werden, aber dann hat

sie eben niemanden mehr zu bescheinen.“

Der Junge streckte die Hand aus, um die Schelle zu ergreifen. Er stieß

daran, so daß sie auf den Fußboden fiel und ganz unters Bett rollte.

Sie machte ja freilich Spektakel, aber niemand hörte es. Eine Weile

lauschte er, ob Mutter nicht kommen werde, aber sie kam nicht. Er

wollte rufen, aber die Stimme fror in seinem Halse fest, so große

Furcht hatte er.

Und die Luft in der Stube wurde immer dumpfiger.

„Was geschieht jetzt mit uns?“ fragte der Junge.

„Jetzt ersticken wir,“ sagte der Sauerstoff.

„Blaff, blaff,“ sagte die Lampe.

„Piep,“ schrie der Kanarienvogel.

Und die Pelargonie duftete so süß, wie noch keine Pelargonie in der

Welt geduftet hatte, weil sie glaubte, daß es jetzt zu Ende sei.

Der Junge aber lag da und überlegte sich, daß er nicht gern ersticken

wolle.

Es konnte ja nicht mehr lange dauern, dann wurde der Wald grün. Ende

Mai sollte der Schulspaziergang in den Wald stattfinden, und da

wollte er mitgehen. Die Botanisiertrommel ganz voller Butterbrote.

Und mit einer Flasche Saft. Und mit einer Mark in der Tasche... Und

dann spielten sie Räuber und Soldaten... Er wollte Räuber sein...

Räuberhauptmann...

Auf seinen dünnen, bloßen Beinen stand er zitternd auf dem Fußboden.

Er hielt sich mit der einen Hand am Tisch und mit der andern am Bett

fest... dann an einem Stuhl... dann an der Kommode... Und dann stand er

drüben am Fenster.

[Illustration: -- -- „Dann stieß er mit der geballten Hand das Fenster

ein.“]

Er konnte den Haken nicht losbekommen. Er versuchte und versuchte

immer wieder und war im Begriff, umzufallen, so matt war er in den

Knien.

Dann stieß er mit der geballten Faust das Fenster ein.

Er hörte die Glasscherben klirren und auf den Hof fallen. Und er sah

das Blut auf seiner Hand. Aber wie er wieder ins Bett unter die Decke

kam, das wußte er nicht und erfuhr er auch nie.

„Ah --,“ sagte die Pelargonie.

„Ah --,“ rief der Kanarienvogel.

„Ah --,“ die alte Lampe atmete auf.

„Es war doch ein tüchtiger Junge,“ sagte der Sauerstoff.

„Es ist Stickstoff in ihm,“ triumphierte der Stickstoff.

*

Es war Morgen.

Die Sonne war aufgegangen, und das Licht strömte in die kleine Kammer

herein, so daß sich die alte Lampe daneben ganz jämmerlich ausnahm.

Der Kanarienvogel trillerte lustig, die Pelargonie entfaltete zwei

neue Knospen und ein kleines grünes Blatt, und der Junge schlief ruhig

und fest, die dünnen Hände auf dem Laken vor sich. Der Sauerstoff, der

Stickstoff und die Kohlensäure schwiegen still; und darum kann man wohl

annehmen, daß sie sich über nichts zu beklagen hatten.

Doch als Mutter hereinkam und bemerkte, daß die Scheibe entzwei war und

die Hand ihres Jungen blutete, da bekam sie natürlich fürchterliche

Angst. Sie rief den Vater herbei, und beide standen vor dem Bett,

betrachteten besorgt den Jungen und lauschten seinem Atem. Aber er

schlief ruhig und atmete leicht und frei.

Er schlief noch, als der Doktor kam.

„In acht Tagen ist er gesund,“ sagte der Doktor, als er ihn untersucht

hatte.

Und so kam es auch.

Aber der Junge erzählte keinem Menschen, was er in dieser Nacht erlebt

hatte.

Im Examen jedoch bekam er in den Naturwissenschaften die beste Zensur.

☐

Der Kuckuck.

Tief im Walde mitten auf einer grünen Wiese stand ein großer alter

Dornbusch, und in ihm baute sich das Neuntöterpärchen sein Nest.

An dem ersten Maitage, an dem die Sonne ordentlich schien, wurde das

Nest fertig; und nachdem sie ein Weilchen beisammen gesessen und die

Zukunft besprochen hatten, legte Frau Neuntöter drei gute Eier.

„So,“ sagte sie und seufzte so tief, wie ein Neuntöter überhaupt

seufzen kann. „Nun ist es vorbei mit der Jugend und ihren Torheiten;

der Ernst des Lebens beginnt.“

Ihr Mann tröstete sie, so gut er konnte, während sie sich verdrießlich

auf den Eiern zurechtsetzte und nicht auf ihn hören wollte.

„Ihr Männer schwatzt, wie ihr’s versteht,“ sagte sie. „Ihr solltet es

selber einmal versuchen; aber ihr begnügt euch mit schönen Reden und

überlaßt +uns+ das Brüten. Mach’ kein so verliebtes Gesicht! Es steht

dir nicht und macht mich nervös. Spute dich und fang’ mir eine fette

Fliege!“

Am Abend war sie ganz außer sich vor Wut.

„Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, so hätte ich mich nicht

verheiratet, und wenn du noch so schön gesungen hättest,“ schrie sie.

„Ich halte es nicht aus! Ich halte es nicht aus! Ich fliege fort!“

Der Neuntöter hörte sie ruhig an. Mit seinen früheren Frauen hatte

er dieselbe Geschichte erlebt -- denn ein Neuntöter nimmt in jedem

Frühjahr ein neues Weibchen --; und er wußte, daß diese Aufregung sich

wieder legen würde.

„Du kannst heute noch recht gut einen kleinen Ausflug unternehmen,“

schlug er vor. „Aber dann mußt du während der übrigen Zeit auch hübsch

still sitzen; sonst kommen nie und nimmer Junge aus den Eiern. Meine

vorige Frau -- --“

„Bitte, verschone mich mit dem Frauenzimmer!“ schrie sie.

Im selben Augenblick flog sie auf, und der Neuntöter folgte ihr

schleunigst; denn er fürchtete, sie könne in ihrer Aufregung zu Schaden

kommen.

Aber als die beiden soeben fortgeflogen waren, setzte sich ein andrer

Vogel neben das Nest und starrte hinein.

Er war viel größer als der Neuntöter und ganz graubraun mit hellen

Flecken auf Brust und Bauch. Im Schnabel trug er ein Ei, das er

vorsichtig neben die anderen Eier ins Nest legte. Es war nicht größer

als sie und glich ihnen aufs Haar.

[Illustration]

Einen Augenblick blieb der fremde Vogel noch sitzen und betrachtete

traurig das kleine, warme Nest, in das er sein Ei gelegt hatte. Dann

lüftete er die Flügel und flog über die Wiese in den Wald hinein. Auf

einem hohen Baume saß dort das Männchen und wartete.

„Hast du das Ei untergebracht?“ fragte der Vogel die zurückkehrende

Gefährtin.

„Ja,“ erwiderte das Weibchen, „ich habe es den Neuntötern im

Dornengebüsch drüben auf der Wiese ins Nest gelegt. Das sind brave

Leute; sie werden gut zu unserm Kinde sein.“

„Mehr können wir nicht tun,“ meinte der andere Vogel. Und dann rief er:

„Kuckuck!“, und beide flogen davon.

Als die Neuntöter nach Hause kamen, bemerkten sie nicht, daß nicht

mehr drei Eier, sondern vier im Neste lagen. Einmal waren sie beide im

Rechnen nicht besonders gut beschlagen; und außerdem war Frau Neuntöter

jetzt besser gelaunt. Sie setzte sich ganz fromm auf die Eier, und ihr

Mann sang ihr etwas vor, so daß es weithin durch den Wald schallte.

Vierzehn Tage lang saß sie getreulich auf den Eiern und brütete,

während der Neuntöter umherflog und Schmetterlinge, Larven und Fliegen

fing. Er spießte sie auf die Dornen dicht neben dem Nest, so daß das

Weibchen mit Leichtigkeit hinüber huschen, danach schnappen und dann

flugs wieder zurück sein konnte.

„Du bist doch ein braver Kerl,“ sagte sie und nickte ihm gnädig zu.

„Aber es ist ja allerdings auch deine Pflicht und Schuldigkeit, daß du

mir ein paar Aufmerksamkeiten erweist, weil ich das Brüten zu besorgen

habe.“

Am Morgen des fünfzehnten Tages brachen die Eierschalen entzwei, und

vier nackte Vögelchen lagen da und sperrten ihre breiten, gelben

Schnäbel auf. Das Neuntötermännchen betrachtete sie aufmerksam.

„Sie haben ja weder Augen noch Schnäbel,“ sagte er; „aber das kommt

wohl noch alles.“

„Wie reizend sie sind!“ rief Frau Neuntöter.

Ihr Mann sah sie schelmisch an und pfiff vor sich hin:

„Und du hast sie zuerst gar nicht ausbrüten wollen!“

„Unsinn!“ entgegnete seine Frau gekränkt. „Das habe ich nie gesagt. Du

solltest deinen armen Kinderchen lieber Futter bringen, anstatt hier

solche Reden zu führen. Sie sperren die Schnäbel so weit auf, daß ich

ihnen bis in ihre lieben kleinen Mägen hinabsehen kann.“

Und der Neuntöter flog aus und kam wieder und flog wieder aus, und so

ging es den ganzen Tag von früh bis spät und viele lange Tage hindurch.

Sooft er etwas zu essen brachte, sperrten die Jungen ihre Schnäbel weit

auf. Es war, als könnten sie niemals satt werden. Aber die vier waren

nicht alle gleich gefräßig. Das eine von den Jungen war viel gieriger

im Fressen als die andern, wuchs aber auch viel stärker.

„Das wird einmal ein tüchtiger Neuntöter,“ sagte der Vater und strich

ihm mit dem Schnabel über den Rücken.

„Du darfst keinen Unterschied zwischen deinen Kindern machen,“

erwiderte die Mutter streng. „+Ich+ finde nun gerade die kleinsten am

nettesten.“

Eines Abends setzte sich der Neuntöter ganz niedergeschlagen neben sein

Weibchen, das auf dem Neste saß, um die Jungen warm zu halten.

„Es ist nicht leicht, eine so große Familie durchzubringen,“ sagte er.

„Dabei will man ja ordentlich aussehen und hat doch niemals Zeit, sich

zu putzen; und ich glaube, es ist schon eine Ewigkeit her, seit ich mal

einen kleinen Triller angeschlagen habe. Die Zeiten werden auch immer

schlechter. Schmetterlinge sind fast gar nicht mehr aufzutreiben; und

heute morgen haben mir die Buchfinken zweimal eine wunderschöne Larve

dicht vorm Schnabel weggeschnappt. Du wirst mir noch beim Jagen helfen

müssen! Ein armer Vogel wie ich kann es sich nicht erlauben, seine Frau

zum Staatmachen zu Hause zu lassen.“

„Für die Kinder sorgen, nennst du das Staatmachen?“ rief da das

Neuntöterweibchen heftig. „Übrigens brauchst du dich durchaus nicht

so aufzuregen. Jetzt haben alle vier schon Federchen, da können sie

bei dieser Wärme ganz gut allein liegen. Von morgen an werd’ ich dir

helfen.“

Nun flogen beide Neuntöter miteinander im Walde umher und plagten sich

redlich, um Futter für die Familie herbeizuschaffen. Soviel sie aber

auch nach Hause brachten, die Jungen ließen nicht ab, die Schnäbel

aufzusperren, zu schreien und einander beiseitezustoßen, um selber das

größte Stück zu erwischen.

Als die Eltern eines Mittags heimkehrten, die Schnäbel voller Futter,

herrschte ein entsetzlicher Lärm im Neste. Die Jungen reckten die

Hälse, wie sie es noch nie getan hatten, und schrien wild durcheinander.

„Einer soll reden; sonst versteht man keine Silbe,“ befahl Frau

Neuntöter. „Was ist also geschehen?“

Schließlich erfuhr sie dann also, daß das große Junge eins von den

kleinen aus dem Nest gestoßen hatte. Eine Weile hatte das Vögelchen

unten im Grase gelegen und kläglich gepiepst, bis der Fuchs gekommen

war und das arme Wesen aufgefressen hatte.

„Er hat zuerst gestoßen,“ behauptete das große Junge. „Ich bin nicht

schuld daran, daß er hinausgefallen ist.“

„Ich will dich lehren,“ rief da der Neuntöter zornig und wollte auf das

Junge losfahren.

Aber seine Frau hackte ihn in den Nacken und schalt ihn ernstlich aus.

„Schäme dich, so heftig zu werden!“ schrie sie. „Willst du das

unschuldige Kind mißhandeln? Wage nicht, es anzurühren! Du wirst doch

wohl begreifen können, daß das kleine Wesen nichts dafür konnte.“

Nun beweinten sie beide das tote Kind; und als sie sich ausgeweint

hatten, flogen sie aus, um neues Futter zu holen. Sie trösteten sich

schnell über den Verlust; denn die drei Jungen, die noch am Leben

waren, hatten einen so fürchterlichen Appetit, daß die Eltern manchmal

fast verzweifelten. Das große fuhr fort zu wachsen und war jetzt schon

doppelt so groß wie die beiden andern, die sich beklagten, daß der

Grobian sie beiseitedränge und ihnen alles Futter wegnehme.

„Ihr müßt versuchen, euch zu vertragen, bis ihr euch selber helfen

könnt,“ ermahnte die Neuntötermutter.

„Wären sie nur mal erst glücklich konfirmiert und mit uns nach dem

Süden unterwegs!“ sagte der Neuntöter sorgenvoll. -- --

[Illustration]

Nach einer Woche ereignete sich etwas, was die Neuntötereltern wiederum

tief betrübte. Als sie heimkehrten, war nur noch das große Junge im

Nest.

„Aber wo sind denn deine Geschwister?“ schrie die Mutter erschrocken.

„Ich kann nichts dafür!“ piepste das große Junge. „Sie sind aus dem

Nest gefallen. Ich kann nichts dafür! Ich habe mich bloß ein klein

wenig umgedreht, und da ist das eine hinausgefallen; und ich habe einen

Schreck bekommen und habe wohl dabei das andre angestoßen, das auf die

Weise auch hinausgefallen ist. Ich kann aber nichts dafür! Und dann ist

der Fuchs gekommen und hat sie beide gefressen.“

Als die beiden Alten das hörten, da weinten sie bitterlich.

„Wir haben das Nest zu klein gebaut,“ sagte schließlich der Neuntöter.

„Aber wie konnte ich auch wissen, daß ich ein so großes Kind bekommen

würde! Es wächst ja geradezu unheimlich.“

Und die Mutter klagte: „Du hättest sie nur beizeiten richtig erziehen

müssen. Ach, meine armen lieben kleinen Kinder!“

„Wenn wir jetzt wenigstens das letzte behalten möchten!“ seufzte der

Neuntöter. „Nun sei du ein gutes Kind und denk’ daran, daß du unser

einziges bist.“

Der Zweifüßler und andere Geschichten: Naturgeschichtliche Märchen · 第 7 / 13 段