Und nach allen Seiten flogen die Mohnsamen. Der Stengel wurde zwar
geknickt; aber das nahm der Mohn sich nicht weiter zu Herzen. Denn wenn
man gut für seine Kinder gesorgt hat, dann hat man eigentlich seine
Pflicht und Schuldigkeit getan.
„Leb’ wohl!“ sagte der Wind und wollte weiter.
„Wart’ mal,“ rief der Mohn. „Versprich mir erst, daß du’s nicht den
andern erzählen willst. Sonst könnten sie auf denselben Gedanken
kommen, und meine Samen hätten nicht so viel Platz.“
„Ich bin stumm wie das Grab,“ erwiderte der Wind und eilte weiter.
„Pst! Pst!“ rief die Glockenblume. „Hast du vielleicht Zeit, mir einen
ganz kleinen Gefallen zu tun?“
„Na, was ist es denn?“ fragte der Wind.
„Ach, ich wollte dich nur bitten, mich ein wenig zu schütteln. Ich
habe ein paar von meinen Klappen aufgemacht und möcht’ so gern, daß
meine Samen in die weite Welt kämen. Aber du darfst es nur ja nicht den
andern erzählen, sonst könnten sie auch noch denselben Einfall haben.“
„Gewiß, gewiß!“ sagte der Wind lachend. „Ich werde nichts sagen.“
Und er rüttelte ordentlich an der Blüte und lief weiter.
„Lieber, lieber Wind!“ rief der Löwenzahn. „Wohin so eilig?“
„Was hast du denn schon wieder?“ fragte der Wind.
„Nichts Großes. Es ist wirklich schwer für uns dieses Jahr, alle unsere
Samen unterzubringen; und man möchte doch gern gut für seine Kinder
sorgen. Was die Glockenblume und der Mohn und die arme Klette anfangen
sollen, das weiß ich wirklich nicht. Aber die Distel und ich, wir haben
uns zusammengetan; und nun haben wir einen Ausweg gefunden. Du sollst
uns dabei helfen.“
„Nun wären es also im ganzen vier,“ dachte der Wind und konnte ein
lautes Gelächter nicht unterdrücken.
„Worüber lachst du?“ fragte der Löwenzahn. „Ich habe es vorhin wohl
gesehen, wie du mit der Glockenblume und dem Mohn tuscheltest; aber
erzählst du ihnen etwas, dann bekommst du überhaupt nichts zu wissen!“
„Gott behüte!“ rief der Wind; „ich bin stumm wie ein Fisch. Was wollt
ihr denn?“
„Wir haben oben an unseren Samen einen kleinen, feinen Regenschirm
angebracht. Es ist das zierlichste Spielzeug, das du dir denken kannst.
Du brauchst mich nur ein klein wenig anzublasen, dann fliegen die
Schirmchen auf und fallen nieder, wo du es haben willst. Willst du?“
„Aber gewiß!“
Und rutsch! fuhr der Wind über Distel und Löwenzahn hin und entführte
alle Samen mit sich aufs Feld.
Die Klette überlegte noch. Sie begriff etwas schwer, und darum dauerte
es so lange.
Aber am Abend sprang ein Hase über die Hecke.
„Versteck’ mich! Hilf mir!“ rief er. „Des Bauern Hund ist mir auf den
Fersen.“
„Du kannst dich hier hinter der Hecke verkriechen,“ sagte die Klette,
„dann will ich dich verbergen.“
„Dazu scheinst du nun nicht gerade geeignet zu sein,“ entgegnete der
Hase; „aber in der Not muß man sich ja behelfen, so gut man kann.“
Und er versteckte sich hinter der Hecke.
„Dafür könntest du ein paar Samen mit aufs Feld nehmen!“ bat die
Klette, brach ein paar von ihren vielen Köpfchen ab und hängte sie dem
Hasen an.
[Illustration]
Kurz darauf kam der Hund angelaufen.
„Da ist er!“ flüsterte die Klette, und mit einem Sprunge setzte der
Hase über die Hecke und in den Roggen hinein.
„Hast du nicht den Hasen gesehen, Klette?“ fragte der Hund. „Ich fühle,
ich bin zu alt für die Jagd! Auf dem einen Auge bin ich ganz blind, und
meine Nase findet die Spur nicht mehr.“
„Gesehen habe ich ihn,“ antwortete die Klette; „und wenn du mir einen
Gefallen tun willst, so werde ich dir zeigen, wo er steckt.“
[Illustration]
Den Gefallen wollte ihr der Hund gern tun, und die Klette ließ ihm ein
paar Köpfchen auf den Rücken fallen und sagte zu ihm:
„Reibe dir doch einmal deinen Rücken an dem Steg nach dem Felde zu, so
daß meine Samen abfallen. Aber da mußt du nicht nach dem Hasen suchen;
vor kurzem erst habe ich ihn in den Wald laufen sehn.“
[Illustration]
Der Hund rieb seinen Rücken an dem Steg, und die Samen fielen aufs
Feld; dann trabte er in der Richtung nach dem Walde zu davon.
„Nun hätte ich wenigstens meine Samen untergebracht!“ sagte die Klette
und lachte vergnügt in sich hinein. „Wie es aber der Distel, dem
Löwenzahn, der Glockenblume und dem Mohn ergehen soll, das weiß der
liebe Gott.“
*
Im nächsten Frühjahr war der Roggen schon recht weit gediehen.
„Wir haben’s eigentlich gut,“ flüsterten die Roggenhalme. „Hier stehen
wir hübsch beisammen und sind ganz unter uns. Wir sind uns gegenseitig
nicht im geringsten im Wege. Es ist doch wirklich ein schönes Dasein,
im Dienste der Menschen zu stehen.“
Aber eines schönen Tages steckten eine ganze Menge Mohnblumen, Disteln,
Löwenzahn, Kletten und Glockenblumen die Köpfchen hervor, mitten
zwischen dem üppig gedeihenden Roggen.
„Was ist denn das?“ rief der Roggen. „Wie in aller Welt seid +ihr+
hierher gekommen?“
Und der Mohn sah verwundert auf die Glockenblume und fragte:
„Wie kommst +du+ hierher?“
Und die Distel sah die Klette an und fragte:
„Wie in aller Welt kommst +du+ hierher?“
Alle staunten gar sehr, die anderen hier zu finden; und es dauerte eine
geraume Weile, bis die Sache aufgeklärt war. Aber der Roggen war am
ärgerlichsten, und als er die Geschichte vom Hund und vom Hasen und vom
Wind gehört hatte, da geriet er ganz außer sich und rief:
„Gott sei Dank, daß der Bauer den Hasen im Herbst erschossen hat! Und
der Hund ist glücklicherweise auch gestorben, der Erzschlingel! Von
denen habe ich also nichts mehr zu befürchten. Aber wie darf der Wind
es wagen, den Unkrautsamen aufs Feld des Bauern zu schleppen?“
„Nur nicht so hitzig, du grüner Roggen!“ rief da der Wind, der hinter
der Hecke gelegen und alles mitangehört hatte. „Ich frage niemanden um
Erlaubnis, sondern mache, was ich will, und jetzt mußt du dich vor mir
beugen.“
Und er fuhr über den jungen Roggen hin, so daß die dünnen Halme hin und
her schwankten.
„Siehst du,“ sagte er dann, „der Bauer sorgt für seinen Roggen, denn
das ist sein Beruf. Aber der Regen, die Sonne und ich -- wir nehmen
uns euer aller an, ohne Ansehen der Person. Für uns ist das armselige
Unkraut ebensoviel wert wie das vornehme Getreide.“
Da kam der Bauer, um nach seinem Roggen zu sehen; und als er das
Unkraut gewahrte, das auf dem Felde stand, kraute er sich ärgerlich
hinter den Ohren und fing an zu schelten.
„Das hat der Wind getan, der schlechte Kerl!“ sagte er zu Jens und Ole,
die neben ihm standen, die Hände in den Hosentaschen -- sie hatten
schon ihre neuen Hosen an.
Aber da kam der Wind herbeigeflogen, wehte allen dreien die Mützen vom
Kopfe und rollte sie ein gutes Stück Weges fort. Der Bauer und die
beiden Jungen liefen den Mützen nach, aber der Wind war geschwinder als
sie.
Zuletzt rollten die Mützen in den Dorfteich, und der Bauer und seine
Söhne mußten lange nach ihnen fischen und angeln, ehe sie sie wieder
erwischten.
[Illustration]
Die Unsichtbaren.
Diese Geschichte spielt in der ganz alltäglichen Stube eines ganz
alltäglichen Jungen.
Die Stube war nicht besonders groß und der Junge ebensowenig. Es stand
ein eisernes Bett in dem Zimmer, wie kleine Kinder es haben; ein Bett,
aus dem man nicht herausrollen konnte, und das sich größer machen
ließ, je nach dem Alter. Ferner standen in der Stube ein Tisch aus
Kiefernholz und zwei Stühle, die in ihren guten Tagen ihren Platz oben
im Wohnzimmer gehabt hatten. Als es mit ihnen bergab ging, waren sie
heruntergeholt worden; und hier erfüllten sie ihren Zweck, denn Jungen
haben nun mal keinen sonderlichen Respekt vor Möbeln. Den bekommen
sie erst, wenn sie groß werden und die Möbel selber bezahlen müssen.
Und dann sind ihre +Söhne+ kleine Jungen; und sie können gar nicht
begreifen, wie unordentlich die sind.
Außerdem stand in der Stube noch eine Kommode, in der die Wäsche des
Jungen lag, und darauf stand ein Regal mit seinen Büchern. An der
Wand hing ein Bild, das den Vater und die Mutter darstellte; und die
Mutter hatte ihn selber auf dem Schoße. Sie sagte oft, damals, als
kleines Kind, sei er viel artiger gewesen als jetzt; und das war sehr
wahrscheinlich; denn für einen kleinen Jungen ist es viel leichter,
lieb und gut zu sein, als für einen großen.
Dann war auch noch ein Flitzbogen da, der entzwei war, und eine
Trompete, der nichts fehlte, auf der unser Junge aber nie blasen
durfte, weil sie zu viel Lärm machte. Auch eine alte Lampe und ein
Bauer mit einem Kanarienvogel waren vorhanden.
Der Vogel stand drüben im Fenster, und vor dem Fenster war ein
Hintergebäude mit hohen, häßlichen, grauen Mauern. Der Junge dachte
oft, daß es unrecht sei, den Vogel gefangen zu halten; aber wenn er
ihn freiließ, so würden ihn die Vögel ja doch gleich tothacken. Wollte
er ihm wirklich etwas Gutes erweisen, so mußte er mit ihm bis zu den
Kanarischen Inseln reisen. Aber dazu hatte er kein Geld; denn er bekam
wöchentlich nur zehn Pfennige Taschengeld, und davon sollte er sich
noch Griffel und Bleistifte kaufen. Freilich bekam er zwei Pfennige für
jedes „Sehr gut“ in seinen Zensuren, aber das fiel ihm selten genug
in den Schoß. Wie ich schon gesagt habe: es war ein ganz alltäglicher
Junge.
Unser Junge lag in seinem eisernen Bett und war krank. Seit vielen
Tagen war er nicht in der Schule gewesen, und es war vorläufig auch
keine Aussicht vorhanden, daß er hingehen würde. Das sah man daran,
daß seine Kleider nicht in der Stube waren. Man merkte es auch seinem
hagern Gesicht an. Er hatte fast immer ebenso dicke Backen gehabt wie
die gesündesten seiner Kameraden, aber jetzt waren die Backen beinahe
ganz verschwunden. Seine Hände, die oben auf der Decke lagen, waren so
dünn und bleich und rein wie nie zuvor.
[Illustration]
Es war auch wirklich kein Wunder, daß der Junge so dünn war. Er bekam
nichts andres zu essen als die Milch, die neben seinem Bette stand,
und außerdem eine scheußliche grüne Medizin, die er beinahe nicht
herunterkriegen konnte. Von der Medizin erhielt er alle zwei Stunden
einen Eßlöffel voll, und von der Milch durfte er so viel trinken, wie
er wollte. Aber er hatte fast nie Lust dazu; und damit waren der Doktor
und seine Mutter sehr unzufrieden.
Jetzt kam seine Mutter in die Stube. Sie brachte in einem Blumentopf
eine große, prachtvoll leuchtende rote Pelargonie. Die setzte sie so
auf den Tisch, daß der Knabe die Blume sehen konnte.
„Ist sie nicht schön?“ fragte sie. „Die habe ich auf dem Markt gekauft.
Sie soll dir gehören und dir erzählen, daß es jetzt bald Frühling wird.
Dann springen alle Knospen auf, und alle kleinen Jungen werden gesund.
Ist sie nicht herrlich?“
„Gewiß,“ antwortete der Junge.
„Es war die schönste, die da war,“ sagte die Mutter. „Und die größte.
Willst du sonst noch etwas haben?“
„Darf der Vogel nicht auch hierher kommen?“ fragte er.
„Jawohl, das darf er,“ erwiderte sie.
Und sie setzte das Bauer neben die Pelargonie; und als der
Kanarienvogel die schöne rote Blume sah, da fing er an zu singen; denn
auch er hatte die Empfindung, daß es jetzt Frühling sei.
[Illustration]
Da lächelte der Junge ein ganz klein wenig. Die Mutter küßte ihn und
ging in die Küche; denn sie mußte ja dafür sorgen, daß das Essen fertig
war, wenn der Vater aus dem Kontor nach Hause kam. Und Vater kam nach
Hause und ging zu seinem Jungen hinein. Dann aßen sie in der Stube
nebenan. Der Junge hörte das Tellergeklapper und Messergeklirr. Er
dachte daran, zu fragen, was sie zu Tisch hätten, gab es aber auf, weil
er zu müde war, und weil es ihn auch gar nicht interessierte.
Dann wurde es Nachmittag, und der Doktor kam.
[Illustration]
Er setzte sich auf die Bettkante und fragte den Jungen aus. Vater und
Mutter standen mit betrübten Gesichtern daneben. Der Junge antwortete,
so gut er konnte; aber auf viele Fragen wußte er nichts zu erwidern.
„Es geht ja recht gut,“ meinte der Doktor.
Das war durchaus nicht seine Ansicht, aber etwas mußte er ja sagen. Die
Mutter seufzte und bekam nasse Augen.
„Aber den Kanarienvogel müssen wir aus der Stube bringen,“ sagte der
Doktor. „Und die Pelargonie darf auch nicht hier im Zimmer stehen.“
„Dann weint unser Junge,“ sagte Mutter.
„Nein, der Vogel darf nicht hinaus,“ rief der Knabe entschieden. „Und
auch die Blume soll hier bleiben. Ich habe sie ja eben erst bekommen.“
„Na, meinetwegen,“ sagte der Doktor. „Dann mögen sie in Gottes Namen
hier bleiben.“
Damit ging er. Aber der Junge hörte recht gut, daß er in der Tür zu den
Eltern sagte, sie möchten den Vogel und die Blume hinausnehmen, wenn
der Junge schliefe. Und darum beschloß er, gar nicht einzuschlafen.
Nun wurde es Abend.
Im Eßzimmer war niemand, aber die Tür nach der Wohnstube, wo die
Eltern saßen, stand offen. Die andre Tür vom Eßzimmer führte in die
Schlafkammer und war während der ganzen Nacht angelehnt, seit der Junge
krank war, damit man es gleich hören konnte, wenn er rief. Er hatte
auch eine kleine Schelle, mit der er klingeln konnte. Anfangs hatte ihm
das fürchterlichen Spaß bereitet, doch jetzt machte er sich nichts mehr
daraus.
Bald darauf gingen die Eltern wieder ins Eßzimmer und aßen zu Abend.
Als sie damit fertig waren, zog die Mutter die Gardinen vors Fenster,
klopfte das Bett des Jungen zurecht und machte alles für die Nacht
fertig. Sie zündete die alte Lampe an und schraubte den Docht herunter;
dann sagte sie Gute Nacht, und auch Vater kam herein und sagte Gute
Nacht, und nun sollte der Junge schlafen.
Die Hände auf der Decke, lag er ganz still da und starrte die
Pelargonie an. Er fand, daß sie im Halbdunkel überaus groß und seltsam
aussah. Ihre Blätter waren ganz anders als am Tage, und es waren so
furchtbar viele da. Dann blickte er auf das Bauer, wo der Kanarienvogel
auf seinem Pflock saß. Sonst hatte er in der Nacht ein Tuch über sich;
aber der Junge hatte gebeten, das Tuch fortzulassen. Und diese Bitte
gewährte man ihm auch, wie alle seine Bitten während der Krankheit.
Lange lag er so da.
Er hörte, wie Vater und Mutter zu Bett gingen. Sie kamen auf den
Zehen durchs Eßzimmer. Vater blieb auf der Türschwelle stehen, aber
Mutter kam bis an sein Bett heran und beugte sich über ihn. Er lag mit
geschlossenen Augen da.
„Er schläft,“ flüsterte sie dem Vater zu.
Dann schlich sie zurück und nahm das Vogelbauer und die Pelargonie;
doch da blickte er mit zornigen Augen auf:
„Du hast mir doch versprochen, daß sie hier drin bleiben dürften.“
„Ja, ja, ja, mein lieber Junge. Aber du hast doch gehört, daß der
Doktor haben will, daß sie hinauskommen.“
Doch er gab nicht nach: „Du hast mir versprochen, daß sie hier drin
bleiben sollen.“
„Laß sie nur stehen,“ fiel der Vater ein. „Es kann ihm nichts schaden.“
Dann nickten sie ihm zu, sagten, nun solle er versuchen, zu schlafen,
und gingen fort. Er hörte sie noch eine Weile in der Schlafkammer
rumoren. Der Lichtstreif fiel über den Fußboden des Eßzimmers bis zu
seiner Tür. Bald darauf löschten sie die Lampe aus. Der Lichtstreifen
verschwand, und es wurde ganz still.
Da auf einmal hörte der Junge eine Stimme sagen:
„Wenn ich nur die Nacht überlebe... wenn ich nur die Nacht überlebe.“
Der Junge hob den Kopf vom Kissen empor und lauschte, hörte aber
nichts mehr. Mit großer Mühe richtete er sich auf seinem Ellbogen auf
und blickte um sich.
Die Stube war leer.
Dort stand der Kanarienvogel, und neben ihm stand die Pelargonie.
Dort hing die Photographie, auf der Vater und Mutter und er selber
abgebildet waren... dort auf der Kommode lag das englische Lesebuch...
und das Geschichts- und das Geographiebuch... und der Flitzbogen und
die Trompete.
Es war niemand da. Und doch war er felsenfest davon überzeugt, daß
er jemand hatte sprechen hören. Dann legte er sich wieder hin,
weil er sich nicht aufrechthalten konnte, und lag ein Weilchen mit
geschlossenen Augen da. Und dann sagte die Stimme wieder:
„Wenn ich nur die Nacht überlebe... wenn ich nur die Nacht überlebe.“
Der Junge fing an, wie ein Rasender zu klingeln.
Im nächsten Augenblick stand seine Mutter im Nachtgewand und auf bloßen
Füßen an seinem Bett.
„Was hast du denn, mein lieber Junge?“ fragte sie.
„Mutter... ich fürchte mich... es spricht jemand hier in der Stube...“
„Es ist niemand hier,“ sagte sie und strich ihm über die Stirn, die mit
Angstschweiß bedeckt war. „Das ist das Fieber. Oder vielleicht hast du
auch geträumt. Hier ist niemand außer dir und mir und deinem kleinen
Vogel. Soll ich den Vogel hinaustragen?“
„Nein, nein.“
Sie blieb eine Weile sitzen und redete ihm gut zu, bis sie fand, daß
er sich wieder beruhigt hatte. Dann schraubte sie die Lampe ein wenig
höher, damit er sich besser umsehen könnte, wenn er wieder Angst
bekäme. Und dann ging sie hinaus.
Doch der Junge hatte sich ganz und gar nicht beruhigt.
Er schwieg bloß, weil er merkte, daß es keinen Zweck habe, mit Mutter
darüber zu reden. Mutter verstand ihn nicht. So ist es manchmal mit der
Mutter; und dann fühlt so ein kleiner Junge sich entsetzlich einsam und
unglücklich.
Gut war es nur, daß der Kanarienvogel im Zimmer war. Wenn der doch
aufwachen wollte! Hätte er nur einen Stock gehabt, um den Vogel
aufzuscheuchen. Er wollte die Trompete und den Flitzbogen opfern, wenn
der Vogel anfangen wollte, zu singen oder nur ein wenig zu piepsen und
auf seinen Stäben umherzuhüpfen.
Aber der Vogel saß und schlief und rührte sich nicht. Und die
Pelargonie sah ganz unheimlich aus mit ihrem Blättergewimmel.
Jetzt war die Stimme wieder da.
„Gut, daß sie fort ist,“ sagte die Stimme. „Sonst hätte ich auch noch
für sie zu sorgen gehabt. Und nun hat die dumme Frau die Lampe höher
geschraubt. Lieber hätte sie das Fenster öffnen sollen. Wenn ich nur
diese Nacht überlebe... wenn ich nur diese Nacht überlebe.“
„Wer spricht da?“ rief der Junge.
Seine Stimme bebte vor Angst. Er wollte nach der Mutter klingeln,
konnte aber nicht die Hand heben; so große Furcht hatte er. Er
versuchte, sich aufzurichten, konnte aber nicht und sah sich um, so gut
er es vermochte, ohne den Kopf zu heben.
„Wer spricht da?“ wiederholte er. „Wer ist hier im Zimmer? Er soll es
sagen, sonst klingle ich, und dann kommt Vater mit seinem großen Stock.“
„Das wäre nicht sehr schön, wenn der käme,“ sagte die Stimme. „Nicht
des Stocks wegen. Vor dem fürchte ich mich nicht. Aber unser sind
ohnehin schon genug. Sollte er trotzdem kommen, so mußt du ihn bitten,
das Fenster ein bißchen aufzumachen.“
„Wer bist du?“ fragte der Junge. „Ich habe Angst vor dir. Ich kann dich
nicht sehen.“
„Mich kann niemand sehen,“ erwiderte die Stimme. „Es hat mich noch
niemand erblickt. Ich bin unsichtbar. Ich bin die Luft.“
„Was bist du?“ sagte eine andre Stimme, die gröber war als die erste.
„Bist du die Luft? Du redest da ja einen netten Unsinn zusammen. Wenn
einer die Luft ist, so bin +ich+ es doch wohl, möcht’ ich meinen.“
Der Junge faltete seine Hände und wußte sich vor Angst nicht zu lassen.
„Kümmere dich nicht um das, was er sagt, mein Junge,“ sagte nun
wieder die erste Stimme. „Mein Name ist +Sauerstoff+, und ich bin der
allerwichtigste Teil der Luft und der einzige, für den du Verwendung
hast.“
„Springinsfeld, Windbeutel, Prahlhans!“ schalt die andre Stimme. „Hör’
mal mein lieber Junge... ich heiße +Stickstoff+, und ich mache vier
Fünftel der Luft aus. Hörst du... vier Fünftel. Der Sauerstoff bildet
nur ein erbärmliches Fünftel. Augenblicklich ist noch nicht einmal ein
Fünftel Sauerstoff da, und morgen früh ist er vermutlich ganz weg.“
„Gerade davor habe ich Angst,“ rief der Sauerstoff. „Was für ein
Bursche der Stickstoff ist, das kannst du ja schon an seinem Namen
hören, mein Junge. Wäre er allein in der Stube, dann würdest du einfach
sterben.“
„Wie kannst du dem Jungen nur so etwas weismachen!“ zeterte der
Stickstoff. „Er kann mich ja gar nicht entbehren. Er bekommt mich mit
allem, was er ißt und trinkt. Jeder Bissen, den er in den Mund steckt,
ist voller Stickstoff.“
„Es hat keinen Zweck, viele Worte darüber zu verlieren,“ entgegnete der
Sauerstoff. „Aus der Luft kriegt er dich jedenfalls nicht. Und bekommt
er keinen Sauerstoff, dann erstickst du ihn. Es hat keinen Zweck, einem
kleinen Jungen zu viel auf einmal zu erklären; und er soll lieber auf
das hören, was ich ihm sage. Ist er vernünftig, so klingelt er seiner
Mutter und bittet sie, ein Fenster zu öffnen. Die Nacht ist lang, und
es sind noch mehr Leute hier drin im Zimmer, die Sauerstoff brauchen.“
„Wer ist denn hier drin?“ fragte der Junge.
„Die Pelargonie,“ erwiderte der Sauerstoff, „der Kanarienvogel und die
Lampe.“
„Ich verstehe keine Silbe von alledem,“ sagte der Junge. „Was soll ich
nur machen? Ich bin krank, und ich hab’ so große Angst.“
„Es ist nicht genug Stickstoff in dir,“ belehrte ihn der Stickstoff.
„Darum bist du solch ein Hasenfuß.“
„Wenn ich gesund bin, habe ich keine Angst,“ rief der Junge. „Du kannst
den Franz fragen. Er ist drei Jahre älter als ich, und ich hab’ ihm in
der letzten Pause eine ordentliche Maulschelle gegeben. Aber euch kann
ich nicht sehen, und darum fürchte ich mich vor euch.“
„In sichtbarer Gestalt bin ich nur den Gelehrten bekannt,“ sagte der
Sauerstoff. „Aber wart’ einmal ... Hast du ein Taschenmesser?“
„Gewiß,“ rief der Junge, „ein wunderschönes, mit vier Klingen.
Onkel Hans hat es mir zu Weihnachten geschenkt. Es liegt in meiner
Hosentasche. Aber ich weiß nicht, wo meine Hosen sind.“
„Ist nicht eine von den Klingen rostig?“ fragte der Sauerstoff.
„Bist du verdreht?“ sagte der Junge. „Glaubst du, daß ich so schlecht
auf mein Messer achtgebe. Franz, der liederliche Geselle, hat immer ein
rostiges Messer. Er ist zwar Erster in der Klasse, aber trotzdem ein
großer Luftikus, und außerdem klatscht er.“
„Ich kenne ihn nicht,“ versetzte der Sauerstoff. „Aber siehst du,
dieser Rost auf dem Messer des Franz... das bin ich.“
„Dann bist du doch keine Luft, wie du vorhin sagtest,“ fiel der Junge
ein. „Denn Rost kommt vom Wasser.“
„Das ist richtig,“ erklärte der Sauerstoff. „Aber ich bin auch im
Wasser enthalten. Und wenn Wasser an das Eisen kommt, so laufe ich auf
der Stelle hin und verbinde mich mit dem Eisen, und dann werde ich zu
Rost.“
„Du solltest es lieber ganz offen sagen, wie es sich verhält,“ warf
der Stickstoff ein. „Du +verbrennst+ das Eisen. Das tust du. Und du
verbrennst auch den Jungen. Wenn du das Messer verbrennst, wirst du zu
Rost. Und wenn du den Jungen verbrennst, wirst du zu Kohlensäure. He...
pst... Kohlensäure... bist du hier?“
„Jawohl,“ flüsterte eine dritte Stimme, die ganz dünn und schwach war.
„Es ist wirklich schon lange her, seit mir so wohl gewesen ist wie
heute nacht. Mir scheint, ich werde dicker und dicker.“
„Allerdings,“ entgegnete der Sauerstoff. „Und wenn der Junge vernünftig
ist, so klingelt er sofort und läßt das Fenster öffnen, sonst geht
schließlich die Lampe aus, und die Pelargonie und der Junge und der
Kanarienvogel sterben.“
Da griff der Junge nach der Klingel und schellte wie besessen.
Mutter kam herein. Sie erschrak, als sie die heißen Backen und blanken
Augen ihres kleinen Jungen sah.
„Mutter, Mutter,“ sagte er, und dann konnte er vor Schreck nichts mehr
sagen.
„Geht es denn wieder schlecht, mein Liebling?“ fragte sie und
streichelte seine Wange. „Ist wieder jemand im Zimmer, der spricht?“
Der Junge hielt ihre Hand fest: „Es sind so viele hier, Mutter... Gib
nur ja auf mein Messer acht, während ich krank bin, damit es nicht
rostet... nicht wahr, Mutter?“
„Gewiß, das werd’ ich tun. Denk’ bloß nicht daran.“
„Und dann läßt der Sauerstoff dich vielmals bitten, doch ja das Fenster
aufzumachen. Sonst fürchtet er, daß er die Nacht nicht mehr überlebt.“
Mutter schüttelte den Kopf, beschwichtigte ihn und packte ihn in die
Decke ein. Sie sah, daß er starkes Fieber hatte und phantasierte. Dann
stand Vater in der Tür. Die Stimmen hatten ihn geweckt.
„Er redet ganz irre,“ sagte Mutter. „Ich verstehe kein Wort von dem,
was er sagt.“
„Vater,“ rief der Junge. „Beeile dich und mach ein Fenster auf, sonst
kann der Sauerstoff die Nacht nicht überleben. Hier ist zu viel
Stickstoff, und dann ist die Kohlensäure da, von der ich mir keine
rechte Vorstellung machen kann. Aber so viel steht fest, daß die Lampe
ausgeht und wir alle ersticken müssen, wenn du nicht das Fenster
öffnest.“
„Er phantasiert von etwas, was er in der Schule gehört hat,“ sagte der
Vater.
Da gab Mutter ihm ein Pulver Antifebrin, und Vater ging ans Fenster und
zog die Gardine zurück.