einmal ganz und gar trocken geworden. Ich pfeif’ auf euer elendes
Alter.“
Ein Weilchen lagen sie still da. Dann sagte der Torf:
„Verzeihung... aber wollen wir nicht jeder unsere Geschichte erzählen?
Wir werden doch hier ein halbes und vielleicht ein ganzes Jahr zu
liegen haben. Und Geschichten, die sind so schön.“
„Meinetwegen,“ sagte der Koks, „nur muß ich auf das bestimmteste
verlangen, daß ich zuletzt drankomme. Denn erstens bin ich so schwach,
daß ich mich erst ein wenig erholen muß. Und zweitens würde eure
Ungeduld, an die Reihe zu kommen, mich ganz nervös machen. Drittens --“
„Das Drittens schenk’ ich dir,“ unterbrach ihn das Holzscheit. „Nun
beginne ich. Meine Geschichte klingt frisch und frei... ich besinne
mich noch auf alles, als wär’ es gestern gewesen.“
„Fang an!“ sagte die Steinkohle. „Nach dir kommt der Torf an die Reihe,
und dann komme ich.“
Die Geschichte des Buchenscheits.
„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde,“ begann das Buchenscheit.
„Prahlhans!“ warf die Steinkohle dazwischen. „Wart’ du nur, bis die
Reihe an mich kommt!“
„Wart’ selber so lange,“ sagte das Holzscheit. „Ich war also ein
Baum... ein großer Baum... eine Buche. Ich stand im Walde, direkt am
See, und konnte meine Zweige im blanken Wasser spiegeln. Frühling auf
Frühling trieb ich Knospen, und ich kann wohl selbst von mir sagen, daß
ich einen schönen Anblick darbot. Aber ich brauch’ es nicht zu sagen.
Denn andere haben das schon getan. Alle, die mich sahen, bewunderten
mich in lauten Tönen. Es war auch ein Dichter darunter, der Verse über
mich schrieb und in die Zeitung setzte. Viele Liebesleute kamen und
schnitten ihre Namen in meine Rinde ein. Zwei Raben bauten ihr Nest in
meinem Wipfel, und rings in mir wohnten Buchfinke und Stare und waren
hoch erfreut über ihr Logis.“
[Illustration]
„Das klingt recht hübsch,“ meinte die Steinkohle. „Es ist wirklich
ärgerlich, daß man dir so gar nichts von alledem ansehen kann.“
„Wenn man fortwährend in dieser Weise unterbrochen wird, kann ich mich
nicht darauf einlassen zu erzählen, wenn ich an die Reihe komme,“ sagte
der Koks. „Wollen wir nicht gegenseitig unsre Nerven respektieren?“
„Zu Füßen lag mir stets ein wunderschöner Teppich,“ fuhr das
Buchenscheit fort, „der war im Frühling von weißen Anemonen gewirkt.
Späterhin kam feines grünes Gras an ihre Stelle. Im Winter aber macht’
ich mir selber einen dicken dichten Teppich aus meinen braunen Blättern
zurecht, und dann fiel vom Himmel der Schnee darauf. Jeden Sommer wurde
ich größer und größer... an alle Zweige fügt’ ich ein kleines Stück,
und im Stamm legte sich Ring an Ring, bis ich schließlich ein echter,
rechter Riese war. Wenn es im Winter ganz toll stürmte und meine
Kameraden sich bogen und brachen, dann stand ich gleichgültig da. Ein
langes Leben war’s und ein herrliches Leben zugleich.“
„Verzeih’,“ sagte der Torf. -- „Aber wie kam es denn, daß es zu Ende
ging?“
„Das weiß ich nicht,“ erwiderte das Brennholz. „Ich wurde gewiß zu
groß. Ich hörte die Menschen darüber reden, daß die jungen Bäume auch
an die Reihe kommen müßten, und daß ich gutes Brennmaterial abgeben
werde und dergleichen mehr.“
„Die Menschen... ha, ha, ha!“ lachte die Steinkohle.
„Die Menschen... Verzeihung... ha, ha, ha,“ rief der Torf.
„Ich lache überhaupt nie mehr,“ sagte der Koks „Tät ich’s aber noch, so
würd’ ich jetzt lachen.“
„Ich weiß nicht, was ihr zu lachen habt,“ sagte das Holzscheit
verletzt. „Die Menschen sind doch unsre Herren und Meister, sollt’ ich
meinen. -- Sie haben mich durchgesägt, ein Tau um mich gezogen und an
mir gezerrt, bis ich stürzte. Dreißig Mann mußten mithelfen bei dem
Stück Arbeit, und ich fiel mit solchem Krachen nieder, daß die Erde
erbebte. Dann sägte man mich wieder und wieder durch, spaltete mich mit
Äxten, stapelte die Teile auf, verkaufte mich auf der Auktion und fuhr
mich fort. Jetzt ist nur das Stück, das ihr hier seht, von mir übrig.
Da habt ihr meine Geschichte! Weiß jemand eine bessere, bitte schön, so
soll er damit herausrücken!“
„Vermutlich gibt es so einen,“ sagte die Steinkohle. „Aber erst wollen
wir jetzt den Torf anhören.“
„Ja... Verzeihung,“ sagte der Torf. „Was ich zu sagen habe, ist ja ganz
unbedeutend.“
„Erzähl’!“ riefen die anderen.
Die Geschichte des Torfs.
„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde,“ sagte der Torf.
Weiter kam er zunächst nicht, so unbändig fingen die andern bei diesen
Worten zu lachen an.
„Ja... Verzeihung! Sie müssen sehr entschuldigen ... ich sehe wohl
ein, daß es lächerlich klingt, aber was soll ich machen? Ich bin ja
genötigt, meine Geschichte zu erzählen, wie sie ist. Und ich war
wirklich ein schöner Baum, selbst wenn man mir’s nicht mehr ansehen
kann! Freilich keine Buche, sondern nur eine Birke...“
„Die Birke ist ein sehr hübscher Baum,“ sagte das Brennholz. „Nicht von
besondrer Bedeutung und ohne rechten Schatten, aber sehr fein.“
„Schönen Dank!“ sagte der Torf.
„Dann haben dich die Menschen wohl gar auch gefällt?“ fragte das
Holzscheit.
„Nein, gewiß nicht,“ sagte der Torf. „Offen gestanden, ich hab’ nie
einen Menschen gesehen, bis ich zu Torf wurde. Darum hab’ ich mir
vorhin zu lachen erlaubt, als die Menschen erwähnt wurden, wenn’s auch
vielleicht nicht bescheiden war.“
„Weiter!“ mahnte die Steinkohle.
[Illustration:... „Auch Elentiere gab es in großen Herden“...]
„Ich war also eine Birke. Auf mir ließen sich allerdings keine Vögel
nieder; aber in dem Moor, auf dem ich stand, da gab es Vögel und
Hirsche, Füchse und Wölfe und Bären. Im Sommer ging der Bär mit
seinen Jungen umher und brummte. Im Winter heulten die Wölfe vor
Hunger, daß es viele Meilen weit zu hören war. Auch Elentiere gab
es in großen Herden. Und in den Lüften flogen mächtige Adler... ja,
Verzeihung, daß ich’s sage, vielleicht klingt es eingebildet ... aber
als ich zu Torf geworden war und im Stapel stand und mich im Walde
umsah, da kam es mir wirklich so vor, als ob in alten Tagen, als ich
ein Baum war, mehr Leben im Walde gewesen wäre.“
„Hahaha!“ lachte die Steinkohle.
„Worüber lachst du?“ fragte das Holzscheit.
„Ach... ich lache nur über den Torf, der da von alten Tagen redet!“
erwiderte die Steinkohle. „Der Grünschnabel!“
„Meine Nerven können diese Unterbrechungen auf die Dauer nicht
vertragen,“ sagte der Koks. „Weiter, lieber Torf!“
„Ja, Verzeihung. Man erzählt ja, so gut man’s versteht. -- Na. Also
dann kam einmal ein grauenhafter Sturm, der wehte mich um, und ich fiel
plumps! ins Moorwasser hinein. Da hab’ ich lange, lange Zeit gelegen...
im ersten Frühling bekam ich sogar Knospen. Die sprangen auf, genau so
wie damals, als ich noch ein Baum war. Aber das war bald vorbei. Der
Biber benagte mich, und im Wasser begann ich zu faulen. Nach und nach
kam ich ganz von meinem Stumpfe los, und dann sank ich.“
„Sieh, sieh,“ sagte die Steinkohle. „Du hast ja wirklich etwas erlebt.“
„Weiter!“ bat der Koks.
„Ja, da sank ich denn nun und sank und sank. Manchmal ging es schneller
und manchmal langsamer. Bald blieb ich an etwas hängen, und bald
sträubten sich meine Zweige. Aber hinunter kam ich doch, tief hinunter
in das braune Wasser. Um mich her wuchs allerhand Grünzeug zusammen,
und dies und jenes sank zu mir herab, so daß ich allmählich ganz
vergraben war im Schlamm. Und da fing ich ernstlich zu faulen an.“
„Uha,“ rief das Brennholz. „Das Faulen ist eine ekelhafte Geschichte.
Ich hatte mal einen unglücklichen Zufall an meiner einen Seite, wo ein
Zweig abgebrochen war. Da kam der Specht und hackte ein Loch hinein,
die Larven nagten, das Regenwasser sammelte sich zu einem kleinen
See... es war widerlich! Ich hatte einen Vetter, der neben mir stand
und einen ähnlichen Zufall erlitt. Der wurde ganz hohl davon.“
„Laß du den Torf reden!“ mahnte der Koks.
„Eigentlich hab’ ich nichts mehr zu erzählen,“ sagte der Torf.
„Allmählich bin ich vollständig aufgefault. Es blieb nicht viel mehr
von mir übrig als ein Knast, der mitten in mir sitzt. Ich wurde
vermischt mit all dem andern, was im Moor war; und das, was von oben
herunterkam, drückte und drückte so gewaltig auf uns, daß ich gar
nicht mehr so recht weiß, was eigentlich zu mir und was zu dem andern
gehörte. Die Jahrhunderte verstrichen. Eines Tages wurde in dem Moor
Torf gestochen. In Kuchenform wurden wir auf die Wiese geworfen,
zugeschnitten, in der Sonne getrocknet, entzweigebrochen, aufgestapelt
und an den Justizrat verkauft. Das ist das Ganze. Verzeiht, daß es
nicht mehr ist!“
„Es war doch wenigstens +etwas+,“ sagte die Steinkohle. „Und es war
viel besser als die Geschichte der Buche. Du hast +Alter+, kleiner
Torf, das ist die Pointe! Nur die alten Geschichten taugen etwas. All
das Neumodische ist reiner Unsinn.“
„Na,“ sagte das Holzscheit. „Meine dreihundert Jahre hab’ ich doch auch
auf dem Buckel.“
„Nun, +ich+ bin wirklich nicht älter als zweitausend,“ erklärte der
Torf.
„Laß jetzt die Steinkohle ihre Geschichte erzählen,“ sagte der Koks.
Und es folgte:
Die Geschichte der Steinkohle.
„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde --.“
„Na... also du auch?“ rief lachend das Holzscheit. „Das muß ja ein
recht schwarzer Baum gewesen sein!“
„Liebes Holzscheit,“ sagte die Steinkohle. „Du magst ja gerne lachen.
Unwissende Leute lachen immer über das, was sie nicht verstehen; und
ich nehme an, du wirst Lachkrämpfe bekommen, ehe meine Geschichte zu
Ende ist.“
„Weiter!“ befahl der Koks.
„Ja... das ist leicht genug gesagt,“ begann die Steinkohle wieder.
„Aber schwerer getan. Alles in allem, kann vermutlich keiner unter euch
eine Silbe von dem verstehen, was ich jetzt erzählen will.“
„Gewiß... +ich+ kann es,“ sagte der Koks.
„Meinst du!“ spottete die Steinkohle.
„Meine Geschichte ist im allgemeinen nicht für zerrüttete Nerven.
Aber jetzt hört mich also an! -- Vielleicht ist es das beste, wenn
ich euch gleich erzähle, daß ich aus England bin, und daß ich auf der
Reise hierher durch euren Wald kam... den Wald, wo das Brennholz als
Buche und der Torf als Birke gestanden haben. Ich sage ungern jemandem
etwas Böses nach, am allerwenigsten denen, die tiefer gestellt sind im
Leben als ich. Aber es war wirklich ein armseliger Wald! Damals, als
+ich+ ein Baum war -- da gab es noch Wälder. Aber das ist freilich
hunderttausend Jahre her.“
„Das ist eine Lüge,“ schrie das Brennholz.
„Es ist wahr,“ sagte der Koks.
„Es freut mich, daß der Koks mir Glauben schenkt,“ erwiderte die
Steinkohle. „Obwohl er doch nicht mehr Grund dazu hat als das
Brennholz. Keiner von euch hat es gesehen. Die Wälder, die damals auf
der Erde standen, sind weg... ganz und gar weg. Nur die Steinkohlen
sind davon übrig. Wogegen es Buchen und Birken noch heut in Massen
gibt.“
„Weiter!“ drängte der Koks.
[Illustration]
„In solch einem Walde war ich der stolzeste Baum. Ein Farrenbaum.
Heutzutage habt ihr solch kleines Krautwerk, das ihr Farren nennt...
Gott mag wissen, woher die stammen. +Ich+ war ein Baum ... mit hohem,
mächtigem Stamm und breiter Krone. Der ganze Wald bestand aus solchen
Bäumen. Und Menschen... es gab keine Menschen damals. Auch keine Vögel,
Hirsche und Bären und wovon ihr zu schwatzen wißt. Das ist allerhand
kleines Gewürm, das hinzukam, seitdem alles hier auf Erden kleiner
geworden ist. Ungeheure Echsen krochen auf den Felsen umher, andere
derselben Art schwammen in den Seen, wieder andere durchflogen die
Luft. Ich weiß wirklich nicht, wie ich sie euch beschreiben soll...
doch, ich sah auf der Reise hierher ein winziges Tierchen, das sonnte
sich auf einem Stein, und der Zugführer nannte es eine Eidechse,
glaub’ ich. Wenn ihr so eine gesehen habt und sie euch tausendmal so
groß denken könnt und mit einem fürchterlichen Schlund voll spitziger
Zähne... dann habt ihr eine ganz schwache Vorstellung von den Tieren,
unter denen ich meine Jugend verlebte.“
„Das kann man eine Geschichte nennen,“ sagte der Torf ehrerbietig.
„Da stand ich also. Meilenweit im Lande standen wir unter
unseresgleichen. Aber freilich...“
Die Steinkohle schwieg ein Weilchen und seufzte.
„Weiter,“ sagte der Koks.
„Ja. Aber ihr wißt nicht einmal, wie es damals um das Land bestellt
war. Und es ist mir auch gar nicht möglich, es euch begreiflich zu
machen. Das Land war ja ganz anders als jetzt... aber ich muß das
überspringen. Ich konnte ja nicht anders, ich mußte vorhin lachen, als
der Torf von dem See sprach, in den er als Birke fiel... Herr Gott, was
für eine Pfütze das war! Nein, seht ihr... als ich vor hunderttausend
Jahren im Walde stand, da geschah eine Erdumwälzung. Das war nicht
so ein Sturm, der ein paar armselige Zweige bricht... die ganze Erde
zitterte, versteht ihr... sie spaltete sich... die Felsen spalteten
sich... alles stürzte in die Schlünde hinab und wurde zerschmettert,
Feuer schlug aus der Erde empor, und dann kam das Meer und überspülte
das Ganze.“
„Fürchterlich!“ unterbrach der Torf.
„Da lag ich nun. Verborgen, begraben in Sand und Lehm und was weiß
ich. Ich ahne nicht im mindesten, was oben in der Welt geschah während
der hunderttausend Jahre, die vergingen, bis ich wieder ans Tageslicht
kam. Nur kann ich an dem Ganzen sehen, daß es seit meiner Zeit böse
rückwärtsgegangen ist mit allen Dingen.“
„Danke verbindlichst! Das kennen wir!“ sagte das Holzscheit. „So
reden alle alten Leute. Ich entsinne mich deutlich, wie eines Tages
zwei alte Damen in meinem Schatten saßen, die davon sprachen, was für
wunderschöne Mädchen auf der Welt waren damals, als +sie+ junge
Mädchen waren.“
Die Steinkohle schwieg ein Weilchen.
„Weiter!“ sagte der Koks.
„Ja, ganz recht. Ich hing nur so meinen Gedanken nach. Es ist so
seltsam für mich, all das mit anzuhören von Menschen und alten
Damen und Mädchen, wovon ich nicht das geringste weiß, trotzdem ich
hundertmal so alt bin wie der Älteste von euch. -- Na, da lag ich also,
und keiner kann sich einen Begriff davon machen, wie ich gedrückt wurde
von allem, was oben auf mir lag. In mir entwickelte sich Feuer... nicht
solch helle Lohe, die emporschlägt, wenn ein Endchen Brennholz brennt,
sondern ein glimmendes, wütendes Feuer, das mich ganz veränderte.
Alles, was von Leben und Kraft in mir war, das sammelte sich an zu
etwas Unbändigem, Wahnwitzigem, wie ihr’s euch nicht vorstellen könnt,
zu +Gas+ nämlich.“
„Ach ja... Gas,“ sagte der Koks und fing jämmerlich an zu weinen.
„Ich sagte es ja, meine Geschichte sei zu stark für Ihre Nerven,“
meinte die Steinkohle.
„Fahrt -- nur -- fort,“ sagte der Koks und prustete nach jeder Silbe.
„Ich denke, die Erde hat sich gesenkt und wieder gehoben, und das Meer
hat sie überspült und ist viele Male fortgeströmt in den hunderttausend
Jahren, die ich da lag,“ erzählte die Steinkohle weiter, „davon weiß
ich nichts. Eines Tages aber bohrten die Menschen, von denen ihr so
viel redet, sich zu mir herunter. Da sah ich sie zum erstenmal. Sie
gruben Gänge in den Felsen, wo ich lag, lange Gänge, tief unter der
Erde, den einen länger und tiefer als den andern. Sie hackten mich und
die andern aus den Schichten los, in denen wir lagen, und hißten uns
in Körben empor. Nicht wenige von ihnen erschlugen wir während ihrer
Arbeit. Denn als wir Luft bekamen, ließen wir das Gas frei, das in
uns war, und es erstickte sie. Kam ein bißchen Feuer an uns heran, so
explodierte unser Gas mit einem fürchterlichen Knall, zersprengte das
Ganze und tötete die Leute, die in den Gängen waren.“
„O... das Gas... das Gas!“ schluchzte der Koks und bewegte sich hin und
her, als käme er um vor Schmerzen.
„Jetzt bin ich auf der Stelle fertig,“ sagte die Steinkohle. „Den Rest
meiner Geschichte kennt alle Welt. Ich wuchs auf der Erde als der
stolzeste Baum des Waldes, bevor die Menschen erschienen. Ohne die
Hilfe der Menschen wurde ich zu dem, was ich bin. Und als sie mich dann
entdeckten, da wurde ich ihnen eine größere Hilfe als alles andre, was
sie finden. Ich bin das vornehmste Brennmaterial der Welt. Ich treibe
alle Fabriken, Eisenbahnen und Dampfschiffe der Erde. Ich habe soviel
Hitze in mir wie kein zweiter. Von mir kommt das +Gas+.“
„Das Gas... ja, das Gas!“
Wieder war es der Koks, der so jammerte.
„Das ist meine Geschichte,“ sagte die Steinkohle. „Ich denke, sie
sticht die euren aus.“
„Das ist gewiß,“ sagte der Torf.
„Wird auch wohl die letzte Geschichte sein, die wir zu hören bekommen,“
sagte das Brennholz. „Der Koks sieht nicht danach aus, als ob er sich
zu einer Erzählung aufrappeln könnte.“
„Doch... aber gewiß,“ sagte der Koks. „Laßt mich bloß meine Gedanken
ein bißchen sammeln, dann wird es gehen.“
Und der Koks faßte sich und erzählte.
Die Geschichte des Kokses.
„Ich war einmal der stolzeste Baum im Walde --.“
Es läßt sich ganz und gar nicht beschreiben, wie es im Holzschuppen
herging, als auch der Koks seine Erzählung mit diesen Worten begann.
Das Holzscheit schlug einen Purzelbaum vor Lachen, die Steinkohle
grinste, daß sich geradezu Gasgeruch bemerkbar machte, der Torf rollte
in einen Winkel und kicherte.
Die Ratte kam unter der Tür her angefahren.
„Mir scheint, hier war jemand?“ sagte sie.
Sie schnüffelte umher, fand aber nichts und lief wieder ihrer Wege.
„Teuerster Koks,“ sagte die Steinkohle, als sie sich wieder erholt
hatte. „Deine Nerven müssen noch arg mitgenommen sein. Oder hast du
etwa einen kleinen Anfall von Größenwahnsinn bekommen?“
„I, was für ein Baum +du+ gewesen sein mußt!“ höhnte das Holzscheit.
„Wenn ich dich doch nur gesehen hätte in all deinem Glanz und deiner
Herrlichkeit.“
„Verzeiht!“ sagte der Torf. „Ich lachte, weil die andern lachten,
trotzdem das vielleicht unbescheiden war. Aber wollen wir nicht den
Koks zu Ende erzählen lassen?“
„Erzähle!“ sagte das Holzscheit. „Wird ja eine Geschichte recht zum
Lachen werden.“
„Im Gegenteil,“ erwiderte der Koks. „Meine Geschichte ist überaus
traurig. Nicht weil ich meine, daß die euren so übertrieben amüsant
wären, für mich selbst wenigstens. Aber mir ist’s noch schlimmer
ergangen. Die Sache ist die, daß ich der leibhaftige Bruder der
Steinkohle bin.“
„Nein, was Sie wissen, mein Bester!“ rief die Steinkohle.
„Und doch ist es so!“ sagte der Koks.
„Hahaha,“ lachte das Holzscheit. „Mir scheint auch, ihr gleicht euch
ganz auffallend, wenn man recht genau zusieht.“
„Ich protestiere auf das bestimmteste,“ sagte die Steinkohle. „Man sehe
mich an und sehe den Koks an. Er ist löchrig und jämmerlich, leicht wie
eine Feder... ein jeder kann sehen, daß er ein armseliger Kerl ist,
nicht vier Pfennige wert. Und dann sehe man mich an! Ich bin hart und
bin schwer. Ich leuchte. Ich bin ein leiblicher Vetter des Diamanten,
müßt ihr wissen.“
„Ich wahrhaftig nicht minder,“ sagte der Koks. „Es ist gar nicht hübsch
von dir, daß du mich verleugnest. Wärest du behandelt worden wie ich,
so sähest du wirklich auch kein bißchen besser aus.“
„Dann laß hören,“ sagte das Holzscheit.
„Ihr dürft ihm kein Wort glauben,“ versicherte die Steinkohle.
„Ich bin aus England, ebenso wie die Steinkohle,“ sagte der Koks.
„Ich wuchs in demselben Wald und war sogar ein Stück von demselben
Farrenbaum -- vor hunderttausend Jahren. Darum ist meine Geschichte
genau dieselbe wie die der Steinkohle, bis auf...“
Der Koks schwieg und kämpfte mit seiner Rührung.
„Na?“ fragte das Holzscheit.
„Laßt ihn sich fassen!“ sagte der Torf.
Doch der Koks brach in ein Schluchzen aus, das so gewaltig war, daß er
nahe daran war, entzweizugehen.
„Bis auf den Augenblick, als das Gas von mir ging,“ sagte er dann.
„Herrgott,“ meinte die Steinkohle. „Sollte es möglich sein?“
„Es ist die reine Wahrheit,“ sagte der Koks. „Wir wurden zu derselben
Zeit aus der Kohlenmine ausgehauen, in demselben Korb emporbefördert,
und auf demselben Schiff kamen wir hier in dies Land. Aber dann
trennten sich freilich unsere Wege. Denn ich kam ins Gaswerk, und da
schlossen sie mich in einen großen Behälter ein und erwärmten mich,
bis alles Gas aus mir entwichen war. Und dann verkauften sie mich für
billiges Geld an arme Leute mit kleinen Stuben.“
Der Koks schluchzte und schluchzte, und die andern ehrten seinen
Kummer, weil sie ihn verstanden.
„Das Ganze ist im Grunde genommen recht sonderbar,“ sagte das
Holzscheit nachdenklich.
„Nicht herausfinden kann man sich,“ seufzte der Koks.
„Wäre ich nun ins Moor gefallen, so wäre ich vielleicht zu Torf
geworden,“ sagte das Holzscheit.
„Und wenn ich vor hunderttausend Jahren gefällt worden wäre, so wäre
ich zu Brennholz geworden,“ sagte die Steinkohle.
„Hätte ich noch neunundneunzigtausend Jahre im Moor gelegen, so hätte
ich vielleicht mein Dasein als Steinkohle beschlossen,“ orakelte der
Torf.
„Und hätten sie mir nicht das Gas entzogen --,“ erklärte der Koks.
Mehr konnte er nicht sagen.
Eine Weile war’s still im Holzschuppen. Ein jeder dachte an seine
Siebensachen. Dann ließ der Torf sich vernehmen:
„Nun hab’ ich es.“
„Was denn?“ fragte das Holzscheit.
„Ja... verzeiht!“ gab der Torf zur Antwort. „Ich hab’ nur
herausgefunden, daß wir ein und dasselbe Ding sind in viererlei
Gestalt.“
☐
Das Unkraut.
Es war ein wundervolles, gesegnetes Jahr.
Sonnenschein und Regen wechselten gerade so, wie es am besten für das
Getreide ist. Dauerte dem Bauer das trockne Wetter zu lange, so konnte
man sicher sein, daß es schon am folgenden Tage regnete. Und meinte er,
nun habe es genug geregnet, so teilten sich auch schon die Wolken; war
es doch wirklich, als wenn er zu kommandieren hätte!
[Illustration]
Darum war er guter Laune und klagte nicht wie sonst immer. Munter und
vergnügt ging er mit seinen beiden Jungen durch die Felder.
„Die Ernte wird diesmal prächtig ausfallen,“ sagte er. „Die Scheunen
bekomme ich voll und werd’ ein gutes Stück Geld verdienen. Dann kauf’
ich neue Hosen für Jens und Ole, und auf den Jahrmarkt nehme ich euch
auch mit.“
„Wenn du mich nicht bald mähst, Bauer, so leg’ ich mich,“ brummte der
Roggen, und seine schweren Ähren neigten sich zur Erde.
Das konnte der Bauer nun freilich nicht hören; aber ansehen konnte er
dem Roggen, was er auf dem Herzen hatte; darum ging er nach Hause und
holte seine Sense. -- --
„Man hat es gut im Dienste der Menschen,“ sagte der Roggen. „Ich kann
wenigstens immer sicher sein, daß ich alle meine Körner an den Mann
bringe. Die meisten kommen in die Mühle, was ja allerdings nicht so
angenehm ist. Aber dann wird schönes, frisches Brot daraus. Man muß ja
schon etwas aushalten, der Ehre wegen. Das übrige bewahrt der Bauer auf
als Saat fürs nächste Jahr.“
Neben dem Getreide, an der Hecke und am Grabenrand, stand das Unkraut.
Distel und Klette, Mohn, Glockenblume und Löwenzahn wuchsen da in
dichten Büscheln und trugen alle reichlich Samen. Auch für sie war es
ein gutes Jahr gewesen, denn Sonne und Regen fallen ebensogut aus das
armselige Unkraut wie auf das vornehme Getreide.
„Uns mäht keiner, und keiner fährt uns in die Scheune,“ sagte der
Löwenzahn und schüttelte den Kopf, aber ganz vorsichtig, damit die
Samen nicht zu zeitig herausfallen sollten. „Was soll nur aus allen
unseren Kindern werden?“
„Mir wird ganz schlimm zumute, wenn ich daran denke,“ seufzte der Mohn.
„Hier steh’ ich mit vielen hundert Samen und weiß nicht, wohin damit.“
„Wir wollen den Roggen um Rat fragen!“ schlug die Klette vor.
Und sie fragten den Roggen, was sie tun sollten.
„Wenn man sein Schäfchen auf dem Trocknen hat, soll man sich nicht um
fremde Angelegenheiten bekümmern,“ antwortete der Roggen. „Nur eins
möcht’ ich euch raten: Werft mir ja eure dummen Samen nicht aufs Feld,
denn dann bekommt ihr’s mit mir zu tun!“
Dieser Rat konnte nun den wilden Blumen nicht viel nützen; und den
lieben langen Tag grübelten sie darüber nach, was sie tun sollten. Als
die Sonne unterging, schlossen sie sich und schliefen ein; aber die
ganze Nacht träumten sie von ihren Samen, und am nächsten Morgen hatten
sie Rat gefunden.
Der Mohn wachte zuerst auf.
Vorsichtig tat er ein paar von seinen obersten Klappen auf, so daß
die Sonne gerade auf die Samen scheinen konnte. Dann rief er den
Morgenwind an, der spielend die Hecke entlanglief.
„Lieber Wind!“ bat er freundlich, „willst du mir einen Gefallen tun?“
„Gewiß,“ antwortete der Wind, „es ist mir ganz lieb, wenn ich etwas zu
tun bekomme.“
„Es ist ja nur eine Kleinigkeit,“ sagte der Mohn. „Ich möcht’ dich nur
bitten, mich ordentlich zu schütteln und zu zausen, damit meine Samen
weithin zerstreut werden.“