„Du solltest es dir doch überlegen, Vetter!“ meinte er. „Wie tüchtig du
auch sein magst -- nützen kann ich dir trotzdem. Ich kann Vermittler
sein zwischen dir und den Tieren. Ich kann so mancherlei, was du nicht
kannst; und was ich nicht verstehe, lerne ich leicht. Von dem Apfelbaum
aus, wo ich meinen Sitz hatte, habe ich dich und dein Treiben studiert,
während du auf dem Felde warst; und manchen Trick hab’ ich dir schon
abgelauscht. Du mußt wissen...“
Der Zweifüßler stand auf und packte den einen Arm des Orang-Utans.
„Kommt mal her, dann sollt ihr was sehen!“ rief er ins Haus hinein.
Und die ganze Familie kam herbei und starrte den Affen an.
„Dieser Bursche hier will mit mir ein Kompagniegeschäft gründen,“
sagte der Zweifüßler lachend. „Er meint, er habe mir schon die Kunst
abgesehen. Kommt, wir wollen ihn in ein Bauer setzen; dann mag er uns
mit seinen Kapriolen unterhalten, wenn es regnet.“
[Illustration]
Alles Protestieren des Orang-Utan half nichts. Der Zweifüßler hielt ihn
fest, und bald darauf hatten seine Söhne einen Käfig fertig, in den der
Gefangene gesperrt wurde.
„Familie ist und bleibt Gesindel,“ murrte er, während er auf dem Boden
des Käfigs saß und sich die Flöhe absuchte.
Elftes Kapitel: Viele Jahre später.
Viele, viele Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende waren vergangen.
Und es war nicht mehr im Walde, in den warmen Ländern, wo die Sonne
stärker scheint, der Regen dichter fällt, und alle Tiere und Pflanzen
besser gedeihen, weil der Winter ihnen nichts anhaben kann.
Es war in einem großen Dorfe in Jütland.
Und da es gerade Markt war, so war das Dorf voll Menschen und Vieh.
Überall waren Buden aufgeschlagen, in denen Holzschuhe, Blechgeschirr,
Kuchen, Spielzeug und allerlei Kram feilgeboten wurde. Da waren Zelte,
in denen Bier und andere Getränke zu haben waren, und unter anderen
auch ein großes Tanzzelt. Ferner waren da: Theatrum mundi, zwei
Karussells, eine Bude, in der die dickste Dame der Welt gezeigt wurde,
und eine andere, wo man für fünfundzwanzig Pfennige einen winzigen
Zwerg zu sehen bekam. Und außerdem gab es eine Bude mit weißen Mäusen
sowie ein Flohtheater. Und viele Leierkästen, die ihre Melodien in
wirrem Durcheinander ertönen ließen, so daß man kein Wort verstehen
konnte, betrunkene Bauern und Jungen, die allerlei Narrenspossen
trieben.
[Illustration]
Aber mitten auf dem Marktplatz war das Allermerkwürdigste in einem
großen Zelte verwahrt. Auch das konnte man für fünfundzwanzig Pfennige
zu sehen bekommen; und wollte man wissen, was es war, so brauchte man
nur dem Manne zuzuhören, der vor der Bude stand und mit heiserer Stimme
rief:
„Bitte sehr, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig Pfennige für
Erwachsene, und für Kinder die Hälfte. Hier sehen Sie etwas, was hier
am Platze noch nie gezeigt, im übrigen aber vorgeführt worden ist vor
den Königen und hohen Herrschaften der ganzen Welt. Es ist selbst ein
König, den ich die Ehre habe Ihnen zu zeigen -- der König der Tiere,
meine Herrschaften, der fürchterliche Löwe. Er lebt im Innern von
Afrika und ist so stark, daß er mit einem Schlage seiner Vorderpfote
einen Ochsen zu töten vermag. Er verzehrt täglich zwei Lämmer zum
Frühstück. Wenn er aus dem Käfig entkäme, so würde er Sie alle binnen
weniger als zehn Minuten ins Jenseits befördern. Aber Sie brauchen
keine Angst zu haben, meine Herrschaften. Der Löwe ist in einem Käfig
hinter dicken Eisenstangen eingesperrt. Dieses blutdürstige Raubtier
ist hier zu sehen -- fünfundzwanzig Pfennige für Erwachsene, und für
Kinder die Hälfte! Bitte schön, meine Herrschaften! Eilen Sie, eh’ es
zu spät ist. Nie in Ihrem Leben werden Sie etwas Ähnliches zu einem so
billigen Preise zu sehen bekommen.“
So rief der Mann in einem fort. Vor dem Zelte hatte sich eine große
Menschenmenge angesammelt, die gaffend dastand. Viele gingen auch in
das Zelt hinein. Und wenn sie wieder herauskamen, erzählten sie den
Umstehenden von dem, was sie gesehen. Und immer mehr gingen hinein --
den ganzen Tag lang.
Im Hintergrunde des Zeltes stand der Löwenkäfig.
Er war niedrig und schmutzig. Auf dem Boden lag ein wenig unsauberes
Stroh neben ein paar Fleischknochen. Die dem Publikum zugekehrte Wand
bestand aus dicken, rostigen Eisenstangen. In einer Ecke ganz hinten
lag der Löwe, den Kopf auf den Vorderpfoten. Schläfrig starrten seine
gelben Augen auf die Leute. In seiner wirren Mähne war Stroh; und er
war so mager, daß es grauenhaft anzusehen war. Von Zeit zu Zeit hustete
er hohl und garstig.
Vor dem Käfig stand der Ausrufer mit einem langen Stock in der Hand
und erzählte und erklärte. Die Marktbesucher betrachteten mit großen
Augen das gewaltige Tier, das da so ruhig vor ihnen lag. So krank und
matt er war -- sie sahen doch, daß es wirklich der Löwe war, der König
der Tiere. Und es lief ihnen kalt den Rücken hinab bei dem Gedanken,
daß der gefangene Löwe ausbrechen könnte. Als er sich aber ganz und gar
nicht rührte, sagte schließlich einer:
„Ich glaube, er ist tot.“
[Illustration]
Da steckte der Mann, der die Erklärungen gab, seinen langen Stock
durch die Gitterstäbe und stieß den Löwen in die Seite. Der drehte
langsam den Kopf nach ihm um und sah den Mann an, ohne sich im übrigen
zu rühren. Der Mann stieß ihn aber wieder und wieder an, bis er
schließlich aufsprang und ein so lautes Gebrüll ausstieß, daß das ganze
Zelt bebte und die Leute erschrocken auseinanderstoben.
„Seinen frühern Herrn hat er aufgefressen,“ erzählte der Mann. „Ich
habe ihn von der Witwe gekauft. Er ist furchtbar wild und ungebärdig.
Wissen Sie... er träumt von seiner Heimat, wo er in den wilden
Wäldern gejagt hat, und wo er von allen Tieren geehrt und gefürchtet
wurde. -- Aber jetzt müssen Sie hinausgehen, damit auch andere diesen
merkwürdigen Anblick haben können, der den Leuten hier am Orte noch nie
geboten worden ist. Bitte schön, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig
Pfennige! Der König des Waldes, der gewaltige Löwe!“
So ging es weiter bis zum späten Abend. Erst als der Marktplatz sich
zu leeren begann, und niemand mehr auf sein Ausrufen achtete, schloß
der Mann die Zelttüre und zählte das Geld, das der Tag ihm eingebracht
hatte.
„Es ist ein schlechter Tag gewesen,“ sagte er und sah ärgerlich auf den
Löwen. „Du hast im Grunde dein Abendessen durchaus nicht verdient.“
Mit diesen Worten warf er dem Löwen ein kleines, halbverfaultes Stück
Fleisch hin. Dann verließ er das Zelt, schloß die Tür sorgfältig ab und
ging in die Gastwirtschaft, wo er wohnte. Dort zechte er bis zum hellen
Morgen.
Der Löwe aber rührte das verfaulte Fleisch nicht an. Den Kopf auf den
Vorderpfoten, lag er da und schaute auf die Tranlampe, die in dem Zelte
hing und einen ganz schwachen Lichtschimmer verbreitete. Da hörte er
plötzlich einen Laut, hob den Kopf und blickte sich um.
„Soll ich nun nicht einmal in der Nacht Ruhe haben?“ rief er.
„Ich bin es bloß,“ erwiderte eine leise, pfeifende Stimme. „Ich bin
aus Versehen hier mit eingeschlossen worden. Ich will hinaus! Ich will
hinaus! Meine Herrin stirbt vor Angst um mich.“
Es war ein ganz kleiner Hund mit einem Schellenhalsband und einer
gestickten Decke über dem Rücken. Er trippelte und trippelte, pfiff,
heulte und kratzte an der Tür, aber niemand hörte ihn. Auf dem
Marktplatz draußen war alles still.
„Herrgott!“ rief der Löwe. „Du bist ja der Hund! So viel kann ich
sehen. Was für ein Gespenst haben die Menschen aus dir gemacht!“
„Ich will hinaus! Ich will hinaus!“ pfiff der Hund.
[Illustration]
Der Löwe hatte den Kopf wieder auf die Vorderpfoten gelegt und
betrachtete den Hund.
„Was pfeifst du denn so?“ sagte er. „Es tut dir ja niemand etwas
zuleide. Ich könnte dich doch nicht auffressen, selbst wenn ich Lust
hätte. Die Eisenstangen sind stark, mußt du wissen. Anfangs hab’ ich
daran gerüttelt, aber jetzt tu ich’s nicht mehr. Im Käfig muß ich von
Ort zu Ort reisen und mich für Geld sehen lassen, muß mich in den Hohn
und die Neckereien der Leute finden, muß ihnen auf Kommando etwas
vorbrüllen, damit sie erschaudern, während sie wissen, daß sie in
Sicherheit vor meinen Zähnen sind.“
„Laß mich hinaus!“ bat der Hund.
„Ich kann nicht,“ erwiderte der Löwe. „Aber ich bin doch nicht so
erbärmlich wie du. Ich bin wenigstens gegen meinen Willen hier -- bin
in einer Falle gefangen worden. Doch du bist freiwillig in den Dienst
des Zweifüßlers gegangen und hast deine Kameraden verraten.“
„Ich weiß nicht, worauf du anspielst,“ sagte der Hund. „Ich weiß von
keinem Zweifüßler. Ich diene bei den Menschen. Meine Herrin ist eine
vornehme Baronin, und sie stirbt vor Angst, wenn sie mich nicht bald
wiederbekommt.“
„Gewiß! Menschen nennt es sich -- das verfluchte Geschlecht des
Zweifüßlers. Die ganze Erde hat es unterjocht. Es gibt fast keine
Stelle mehr, wo ein ehrlicher Löwe seine königliche Jagd ausüben
könnte. Ich kenne die ganze Geschichte... sie hat sich in meiner
Familie vom Vater auf den Sohn vererbt. Da draußen in der Wüste, wohin
wir von den Menschen vertrieben worden sind, hab’ ich alles an dem
letzten Abend, bevor ich gefangen genommen wurde, mitangehört. Wie der
Zweifüßler und seine Frau nackt und ohne Waffen in den Wald kamen.
Wie mein Stammvater sie beschützte. Und wie sie dann nach und nach
alle Tiere überlisteten. Nur du gingst freiwillig in ihren Dienst. Die
andern wurden eingefangen und gezähmt, und ihre Sinne stumpften in der
Gefangenschaft ab, bis sie nicht mehr wie freie Tiere leben konnten,
sondern sich in der Sklaverei wohlbefanden. Schließlich tötete der
Zweifüßler meinen Stammvater mit seinem Speer. ... Ja ja, ich kenne die
schändliche Geschichte von A bis Z.“
„Ich nicht,“ erklärte der Hund. „Ich mache mir auch durchaus nichts
daraus, sie kennen zu lernen. Ich weiß nur, daß ich zu Hause bei meiner
Herrin einen warmen kleinen Korb habe, und daß ich herrliches Essen
und Küsse und Liebkosungen bekomme. Ich will hinaus! Ich will nach
Hause!“
Der Löwe antwortete ihm nicht; er hing nur seinen Gedanken nach:
„Wenn ich hier so in meinem Käfig liege, wo ich bald sterben werde vor
Sehnsucht und Husten, dann ist es mir wenigstens ein Trost zu sehen,
wie elende Geschöpfe die Nachkommen des Zweifüßlers sind. +Er+ war doch
aufrecht und schön anzusehen -- er war ein Tier! Aber diese Wesen...
man kann kaum ein Stückchen von ihrem Körper sehen, so wickeln sie sich
in Tücher ein. Der Zweifüßler sprang im Walde umher und kletterte auf
die Bäume, er hatte wenigstens den Mut zu kämpfen... Aber die Angst der
+Menschen+ ist belustigend, wenn ich aufstehe und zu den Eisenstangen
hingehe, oder wenn ich brülle. Sie zittern wie Espenlaub, obwohl sie
wissen, daß ich ein elender Gefangener bin.“
„Ich will hinaus! Ich will nach Hause!“ winselte der Hund.
Der Löwe erhob sich und näherte sich dem Gitter. Er schlug mit dem
Schwanze gegen seine mageren Flanken und öffnete seinen Rachen, indem
die Zähne fürchterlich leuchteten. Das Hündchen aber zitterte unter
seinem Blick vor Angst.
„Und du?“ rief der Löwe. „Hahaha! Lieber ein gefangener Löwe im Käfig
als der arme Schoßhund einer alten Jungfer mit Schellen und Deckchen.“
Und dann stieß er ein so lautes Gebrüll aus, daß im Dorfe alle Leute
aus ihren Betten auffuhren. Hierauf legte er sich im Hintergrunde des
Käfigs nieder, drehte sich auf die Seite um und schlief ein.
Der kleine Hund aber winselte so lange, bis jemand kam und ihn ins
Freie ließ.
[Illustration]
Libelle und Seerose.
Unter grünen Büschen und Bäumen lief der Bach dahin.
An den Ufern stand hohes, schlankes Schilf und flüsterte mit dem Winde.
Mitten auf dem Wasser schwamm die Seerose mit ihrer weißen Blüte und
ihren breiten grünen Blättern.
[Illustration]
Gewöhnlich war’s ganz still auf dem Bache. Aber hin und wieder kam
der Wind angefahren, dann sauste und brauste es im Röhricht, und die
Seerose tauchte zuweilen ganz in den Wellen unter, und die Blätter
richteten sich auf und standen aufrecht, so daß die dicken Stengel, die
von unten, vom Grunde her kamen, Mühe hatten, sie noch länger zu halten.
[Illustration: „Ei, was für eine schöne kleine Seerose!“ rief Ellen...]
Am Stengel der Seerose kroch die Libellenlarve den ganzen Tag lang auf
und nieder.
„Herrgott, es muß doch langweilig sein, eine Seerose zu sein,“ sagte
sie und sah zur Blüte auf.
„Du schwatzest mal wieder ins Blaue hinein,“ war die Antwort der
Seerose. „Das ist gerade das herrlichste Dasein von der Welt.“
„Versteh’ es, wer es kann,“ sagte die Larve. „Ich würde mich keinen
Augenblick besinnen, mich loszureißen und in der Luft herumzuschwirren
wie die großen, schönen Libellen.“
[Illustration]
„Pah!“ sagte die Seerose. „Das wäre ein nettes Vergnügen. Ach nein,
still auf dem Wasser liegen und träumen, Sonnenschein einsaugen und
sich von Zeit zu Zeit von den Wogen schaukeln lassen... das ist denn
doch etwas anderes.“
Die Larve schwieg ein Weilchen und dachte nach. Dann rief sie aus:
„Ich sehne mich nun mal nach etwas Höherem. Wenn es nach mir ginge,
möchte ich eine Libelle werden. Auf großen steifen Flügeln würde ich am
Bache hinfliegen, würde deine weiße Blüte küssen, einen Augenblick auf
deinen Blättern ausruhen und dann weiterfliegen.“
„Du willst zu hoch hinaus,“ erwiderte die Seerose; „und das ist dumm.
Der Sperling in der Hand ist mehr wert als die Taube auf dem Dache. Und
ich möchte mir doch auch die Frage erlauben, wie du es anfangen willst,
eine Libelle zu werden. Du siehst mir nicht danach aus, als wärest
du dazu geschaffen. Jedenfalls müßtest du dich denn doch ein bißchen
schöner auswachsen; so grau und häßlich, wie du jetzt bist.“
„Ja, das ist gerade das Unglück,“ antwortete die Larve verzagt. „Ich
weiß ja selbst nicht, wie es zugehen soll; aber ich habe nun mal die
Hoffnung, daß es doch geschieht. Darum krabble ich hier umher und
verzehre alle die Tierchen, die mir in den Weg kommen.“
„Aha, du glaubst, mit dem Fressen bringst du es weiter!“ sagte die
Seerose lachend. „Das ist wirklich eine famose Methode, es im Leben zu
etwas zu bringen.“
„Ja, ich glaube wirklich, daß es die richtige für mich ist!“ rief die
Libellenlarve eifrig. „Den lieben langen Tag esse ich, bis ich dick und
fett bin, und dann, denke ich, wird eines schönen Tages all mein Fett
zu Flügeln mit Gold und all den anderen schönen Dingen, die zu einer
richtigen Libelle gehören.“
Die Seerose schüttelte den klugen weißen Kopf.
„Laß doch die törichten Gedanken,“ sagte sie, „und sei zufrieden und
glücklich mit dem Lose, das dir beschieden ist! Du kannst dich in Ruhe
und Frieden hier unten zwischen meinen Blättern tummeln und kannst
an meinem Stengel auf und ab kriechen, soviel du willst. Du hast dein
reichliches Auskommen und keine Sorgen -- was verlangst du noch mehr?“
„Du bist von niederem Range,“ antwortete die Larve, „und darum hast du
keinen Sinn für das Höhere. Ich aber will eine Libelle werden!“
Und sie kroch hinunter bis auf den Grund, um immer mehr Insekten zu
fangen und sich noch feister und fetter zu fressen.
Aber die Seerose lag ruhig auf dem Wasser und dachte nach über den Lauf
der Welt:
„Ich kann diese Tiere nicht verstehen. Vom Morgen bis zum Abend tummeln
sie sich umher, jagen und fressen einander und können nicht in Frieden
leben. Wir Blumen sind doch vernünftiger. Ruhig und friedlich wachsen
wir, die eine neben der anderen, trinken Sonnenschein und Regen und
nehmen alles hin, wie es kommt. Und ich bin die Glücklichste von
allen; denn während die anderen Blumen auf dem festen Lande bei großer
Dürre verwelken, schwimme ich unangefochten hier auf dem Wasser. Die
Blumen haben es am besten; aber das können die dummen Tiere wohl nicht
verstehen.“
Als die Sonne am Abend unterging, saß die Libellenlarve stumm und steif
auf dem Stengel; die Beine hatte sie dicht angezogen. Sie hatte so
viele Tierchen gefressen und war so dick, daß ihr zumute war, als ob
sie platzen sollte. Und doch war sie nicht vergnügt. Sie dachte darüber
nach, was die Seerose gesagt hatte, und die ganze Nacht ließen die
unruhigen Gedanken sie nicht schlafen. Vor lauter Nachdenken tat ihr
der Kopf weh, denn das war ungewohnte Arbeit. Auch im Rücken und Magen
hatte sie Schmerzen. Ihr war, als werde sie in Stücke zerrissen und
sollte sterben.
[Illustration]
Als der Morgen graute, konnte sie es nicht länger aushalten.
„Ich weiß gar nicht, wie mir ist,“ stöhnte sie verzweifelt. „Das
zwickt und zwackt mich; und ich weiß nicht, was mit mir werden soll.
Vielleicht hat die Seerose recht, und ich bleibe ewig, ewig eine
arme, kümmerliche Larve. Aber ist der Gedanke nicht furchtbar hart?
Ich möchte doch so gern eine Libelle werden und im Sonnenschein
umherfliegen. Au, mein Rücken, mein Rücken! Ich glaube, das ist der
Tod.“
Sie hatte das Gefühl, daß ihr Rücken platzte, und schrie vor Schmerzen
laut auf. In diesem Augenblick ging ein Brausen durch das Schilf am
Ufer des Baches.
„Das ist der Morgenwind,“ dachte die Larve. „Die Sonne möchte ich
wenigstens noch einmal sehen, ehe ich sterbe.“
Und mit großer Mühe kroch sie auf eines der Seerosenblätter, streckte
die Beine aus und machte sich auf den Tod gefaßt.
Aber als die Sonne rot und rund im Osten aufging, da platzte der Rücken
der Larve auf einmal. In ihrem Innern kribbelte und krabbelte es, und
ihr war so eng und bange zumut -- o, sie litt unsägliche Qualen.
Überwältigt schloß sie die Augen, aber im Innern, da drängte und
arbeitete es weiter. Endlich merkte sie auf einmal, daß sie frei war,
und als sie die Augen aufmachte, schwebte sie auf steifen, glänzenden
Flügeln durch die Luft als anmutige Libelle.
Doch unten auf dem Seerosenblatt lag ihre häßliche, graue Larvenhülle.
„Hurra!“ rief die neugebackene Libelle. „Nun ist mein schönster Traum
doch in Erfüllung gegangen!“
Und im Fluge durchschwirrte sie die Luft, als ginge die Fahrt bis ans
Ende der Welt.
[Illustration]
„Die Närrin hat doch ihren Willen bekommen!“ dachte die Seerose. „Nun
wollen wir sehen, ob sie zufriedener geworden ist.“
*
Zwei Tage darauf kam die Libelle angeflogen und setzte sich auf die
Seerosenblüte.
„I, guten Tag!“ rief die Seerose. „Sieht man dich endlich einmal? Ich
dachte wirklich, du wärest zu vornehm geworden, deine alten Freunde zu
begrüßen.“
„Guten Tag,“ sagte die Libelle. „Wohin soll ich die Eier legen?“
„Ach, die wirst du schon unterbringen!“ antwortete die Blüte. „Setz’
dich ein Weilchen zu mir und erzähle mir, ob du jetzt zufriedener bist
als damals, als du als häßliche kleine Larve an meinem Stengel auf und
nieder krochst!“
„Wohin soll ich die Eier legen? Wohin soll ich die Eier legen?“ rief
die Libelle und flog surrend hin und her, legte ein Ei hierhin und
eines dahin und ließ sich endlich müde und matt auf ein Blatt nieder.
„Nun?“ fragte die Seerose.
„Ach, damals hatte ich es besser, viel besser!“ seufzte die Libelle.
„Im Sonnenschein ist es ja zwar herrlich; und ein Vergnügen ist es, so
über dem Wasser dahinzufliegen; aber habe ich denn je Zeit, mich daran
zu erfreuen? Ich bin so furchtbar beschäftigt, mußt du wissen. Früher
hatte ich an nichts zu denken. Jetzt aber muß ich den ganzen Tag lang
umherfliegen, um die dummen Eier unterzubringen. Keinen Augenblick bin
ich frei, und kaum habe ich Zeit zum Essen.“
„Hab’ ich’s dir nicht vorhergesagt?“ rief die Seerose triumphierend.
„Hab’ ich dir nicht prophezeit, daß du aus dem Regen in die Traufe
kommen würdest?“
„Leb’ wohl,“ antwortete die Libelle mit einem Seufzer, „ich habe keine
Zeit, deine spöttischen Bemerkungen anzuhören. Ich muß heute noch mehr
Eier legen.“
[Illustration]
Doch als sie gerade fortfliegen wollte, da kam der Star.
„So eine schöne kleine Libelle!“ sagte er; „das ist ein prächtiger
Leckerbissen für meine Kleinen!“
Und wupps! packte er die Libelle mit dem Schnabel und flog mit ihr fort.
„Da haben wir die Geschichte!“ rief die Seerose, und ihre Blätter
zitterten vor Entsetzen. „Diese Tiere, o diese Tiere! Das sind
lächerliche Geschöpfe. Da lobe ich mir doch wirklich mein stilles,
friedliches Dasein. Ich tue keinem etwas zuleide, und keiner tut mir
etwas. Wie bin ich doch so glück...“
Ehe sie aussprechen konnte, glitt ein Boot dicht an ihr vorüber.
„Ei, was für eine schöne kleine Seerose!“ rief Ellen, die im Boote saß,
„die muß ich haben.“
Sie beugte sich über den Rand des Bootes und riß die Blüte mit einem
Ruck los. Als sie nach Hause gekommen war, setzte sie sie in ein Glas
Wasser, und da stand sie drei Tage lang zwischen anderen Blumen.
„Das verstehe ich nicht!“ sagte die Seerose am vierten Morgen. „Es ist
mir ja um kein Haar besser ergangen als der armen Libelle.“
„Nun sind die Blumen verwelkt,“ sagte Ellen und warf sie zum Fenster
hinaus.
Da lag die Seerose mit ihren feinen, weißen Blättern an der schmutzigen
Erde.
[Illustration]
Das Ding in viererlei Gestalt.
Justizrats waren ausgezogen, und die Villa stand leer.
Eine Frau war dagewesen und hatte in allen Zimmern reingemacht. Man
hatte auch den Hof gefegt, und dann war alles verschlossen worden, denn
das Haus war nicht wieder vermietet.
Die Ratte fuhr umher -- die Treppe zum Speicher hinauf, die Treppe zum
Keller hinab -- schnupperte überall und fand nichts.
„Diese boshaften Menschen..... diese unangenehmen Menschen,“ sagte sie.
„Alles wie weggeblasen. Nicht einen Happen haben sie für eine hungrige
alte Ratte übriggelassen.“
Und sie lief auf den Hof hinunter, kroch unter der Tür durch in den
Holzschuppen und sah sich um.
„Nicht die Spur,“ schalt sie. „Ich werde wohl auch ausziehen müssen.“
Damit lief sie wieder hinaus.
[Illustration]
Aber sie irrte sich, wenn sie meinte, es sei niemand im Holzschuppen.
Ganze vier waren da.
Zunächst einmal ein Stück Steinkohle, das war glänzend schwarz. Dann
ein Stück Koks, das matt aussah und müde und aufgerieben. Ferner ein
Buchenscheit, das im Finstern ganz weiß leuchtete. Und als Vierter im
Bunde ein Stück armseligen Torfs.
Jeder von ihnen lag in seiner Ecke, und keiner schien den andern etwas
anzugehn. Aber der Raum war so klein, daß sie bequem miteinander
schwatzen konnten. Und da kein anderer zum Schwatzen da war, so nahmen
sie vorlieb.
„Die idiotische Ratte!“ begann die Steinkohle. „Das einfältige Wesen!
Sagt, es wär’ keiner hier, und dabei bin +ich+ doch hier.“
„Und +ich+,“ sagte das Holzscheit. „Mich übersieht man wohl nicht.“
„Vergiß nur ja +mich+ nicht,“ flüsterte das Stück Koks mit matter
Stimme. „Ich kann nicht so schreien wie die Kohle und das Brennholz,
denn ich hab’ viel durchgemacht, und das macht einen stiller. Aber
darum bin +ich+ doch nicht weniger wert.“
„Ja... ich bin ja auch noch hier,“ meinte der Torf bescheiden. „Mit
Verlaub zu sagen.“
Die Steinkohle sah sich um.
„Natürlich seid ihr hier. Leugne ich das etwa? Aber wozu seid ihr denn
eigentlich nütze? Darauf kommt’s eben an!“
„Tja -- hm... ich bin ja nichts anderes als ein bißchen Brennmaterial,“
versicherte der Torf treuherzig. „Verzeiht, daß ich es sage, aber ich
wurde ja gefragt.“
„Ich bin das gleiche,“ sagte das Stück Koks.
„Und ich auch,“ das Holzscheit. „Und auch die großsprecherische
Steinkohle ist meines Wissens zu nichts anderm gut, als verbrannt zu
werden.“
„Seht richtig,“ erklärte die Steinkohle. „Verbrannt zu werden, ist
unser gemeinsames Los. Aber wenn unser +Ende+ auch das gleiche ist,
darum ist’s doch noch nicht gesagt, daß wir gleich viel taugen. Ich bin
der Wärmste... ich habe so viel Hitze in mir, daß ich manchmal nahe
daran bin, auseinandergesprengt zu werden.“
„Aber ich bin der Flottste und der Teuerste,“ sagte das Holzscheit.
„Nur reiche Leute sind in der Lage, mit mir zu feuern.“
„Ich bin der Reinlichste,“ sagte das Stück Koks.
„Entschuldigt,“ warf der Torf ein, „ich bin bloß der Billigste.“
„Du himmlische Güte!“ spottete die Steinkohle, „ein jeder hat ja seine
Vorzüge. Ich glaube jedoch, daß mir niemand widersprechen wird, wenn
ich hervorhebe, daß +ich+ aus der feinsten Familie bin. Ich stamme aus
der allerältesten Zeit... es lebt niemand in der Welt, der so alt ist
wie ich.“
„Doch... ich,“ widersprach der Koks.
„Was faselst du?“ fragte die Steinkohle.
„Ja.... ich bin nun auch nicht gerade aus dem heutigen Jahrgang,“ ließ
sich der Torf vernehmen. „Aber es würde mir nie einfallen, davon zu
reden.“