angepflanzt, die er gebrauchen konnte. Lang und gerade dehnten sich die
eingefriedigten Äcker, ein jeder mit einer bestimmten Sorte Gras
oder Getreide; und der Zweifüßler war unerbittlich streng gegen jeden,
der sein Werk zerstörte oder etwas von seinem Eigentum stahl.
[Illustration: „Hier wollen wir wohnen!“]
Er schien wirklich der Herr des Bodens zu sein. Niemand wagte es, sich
ihm zu widersetzen. Seine Herde wuchs von Tag zu Tag, und die wilden
Tiere flüchteten weit fort, sobald sie einen Zipfel von ihm oder den
Seinen erblickten.
Aber tief im Walde, in der Stille der Nacht und wenn sie sonst sicher
vor ihm waren, sprachen sie von alten Tagen, wo sie selbst die Herren
gewesen, von der Schande, daß er sie so unterdrücke, und von ihrer
Hoffnung auf bessere Zeiten.
„Er wirft Steine nach einem armen Vogel, der ein Korn auf seinem Felde
aufliest,“ klagte der Sperling.
„Gestern hat er mich aus der Nußhecke um seinen Garten verjagt,“ fiel
das Eichhörnchen ein.
„Sein Pfeil hat meinen linken Flügel getroffen, weil ich mir ein Lamm
genommen hatte,“ erzählte der Adler.
„Mich hat er völlig aus dem Walde vertrieben,“ seufzte der Wolf. „Er
hat gesagt, alles Wild gehöre ihm; und wenn ich wagte, es anzurühren,
so werde er mich und meine Jungen verfolgen -- wenn es sein müsse, bis
ans Ende der Welt.“
„Morgen verfällt er vielleicht darauf, zu behaupten, daß alle Wiesen
ihm gehören,“ sagte der Hirsch. „Wo soll unsereiner Gras finden?“
Und die Distel, der Mohn und die Glockenblume duckten sich an der Hecke
zusammen. Das Veilchen versteckte sich im Garten. Die Brennessel stand
finster und zornig vor der Einfriedigung des Gartens.
„Geht es uns besser?“ fragte die Distel. „Verjagt sind wir worden aus
unserem Heim und müssen nun hier an der Hecke sitzen und mitansehen,
wie das dumme Gras sich über das ganze Feld ausbreitet. Wir sitzen
hier dank seiner Gnade. An jedem beliebigen Tage kann er uns das Leben
nehmen.“
„Er hat ein paar von meinen Schwestern in seinen Garten gepflanzt,“
sagte das Veilchen.
„Auch von den meinen,“ rief der Mohn. „Aber ist das Freiheit?“
„Stich ihn, Distel!“ riet die große Eiche.
„Das hab’ ich getan, und er hat mit seinem Stock nach mir geschlagen,“
erwiderte die Distel.
„Verbrenn’ ihn, Nessel!“ sagte die Eiche.
„Ich hab’ es versucht, und es ist mir nicht besser als der Distel
ergangen.“
Durch das Getreide aber ging ein vergnügtes Flüstern vom einen Ende des
Feldes zum andern:
„Wir sind es... wir... wir... Wir regieren jetzt im Lande... wir sind
gut... wir sind nützlich... Ihr seid nichts als Unkraut.“
„Hört die feigen Hunde!“ rief die Distel.
Doch die Glockenblume meinte: „Wir können nichts tun. Aber warum fallt
ihr großen Bäume nicht über ihn her und zermalmt diesen Räuber und
seine Brut?“
„Es ist so eine Sache, umzufallen,“ sagte die Eiche. „Aber haben wir
hier im Walde nicht einen König, der uns beschützen kann? Wo ist der
Löwe?“
„Ja... wo ist der Löwe?“ riefen sie alle.
Aber der Löwe ließ und ließ sich nicht sehen.
Daheim im Garten saß der Zweifüßler unter einem großen Apfelbaum im
Kreise seiner Familie.
Er schaute über seine Felder, auf denen das Getreide wogte, und er sah
auf den Apfelbaum hinauf, der voll herrlicher gelber Früchte hing.
Einer seiner Söhne war gerade mit zwei großen Fischen vom See nach
Hause gekommen. Ein anderer war auf der Jagd im Walde... Jetzt hörten
sie sein Rufen... Dort stand er am Waldessaum, einen fetten Rehbock
über der Schulter.
[Illustration]
Ein dritter arbeitete an einem Pflug, der besser werden sollte als der
alte. Und auch alle andern hatten ihre Beschäftigung. Die Mädchen waren
am Herde tätig und trieben den Mahlgang.
„Wir haben Glück gehabt,“ sagte der Zweifüßler zu seiner Frau. „Alles
wächst und gedeiht unter unseren Händen. Und unsere Kinder werden es
weiter bringen als wir, und deren Kinder wieder -- -- ich wage gar
nicht daran zu denken, zu wieviel Macht und Herrlichkeit die Familie
noch kommen kann.“
„Ja,“ sagte sie. „Es ist uns gut gegangen. Erinnere mich daran, daß wir
den Sperlingen Getreidekörner streuen, wenn die schlechte Zeit kommt.“
„Das werd’ ich tun. Wir haben es ja dazu, den kleinen Diebsgesichtern
eine kleine Handreichung zu leisten. Und ich höre sie gerne zwitschern,
wenn ich am Morgen aufstehe.“
Neuntes Kapitel: Die alten Tiere halten Rat.
Mit jedem Tage, der verstrich, jammerten die alten Tiere stärker.
„Man weiß nicht mehr, was man darf, und was man nicht darf,“ sagte
der Maulwurf. „Gestern wühlte mein Vetter die Erde auf, wie meine
Familie es getan hat, solange sie existiert. Da wurde er auf einmal an
die Oberfläche gezogen und von einem von den Söhnen des Zweifüßlers
erschlagen, weil der Maulwurfshügel in eins seiner Beete kam.“
„Seine Tochter hat meine Frau erschlagen, weil sie ihr so garstig
vorkam,“ sagte ein junger Spinnenherr. „Meine Frau war allerdings nicht
eben lieb zu mir. Sie wollte mich gleich nach der Hochzeit fressen;
diesem Geschick bin ich mit knapper Not entgangen. Aber sonst war sie
das bravste Frauenzimmer unter der Sonne und tat keiner Seele etwas
zuleide. Ausgenommen natürlich die Fliegen.“
„Meine Frau hat er genommen und in seinen Garten gepflanzt,“ sagte die
Hopfenranke.
„Und mich wirft er hinaus, sobald ich einen grünen Trieb sehen lasse,“
jammerte der Geisfuß.
„Uns sperrt er in Körbe ein,“ klagte die Biene.
„Uns jagt er mit Klappen und Tüchern,“ berichtete die Mücke.
„Uns schließt er ein, um uns fett zu machen dann zu essen,“ erzählte
das Schwein.
„Für uns stellt er Fallen auf, wenn wir uns einen kleinen Happen nehmen
wollen,“ sagte die Maus.
Und der Hirsch erklärte: „Er ist unser aller Herr. Wir haben niemanden,
bei dem wir Klage führen könnten. Wir haben keinen König. Der Löwe ist
nicht mehr der Herrscher des Waldes. Er schlägt uns mit seiner Tatze
nieder, wenn er hungrig ist, aber er verteidigt uns nicht.“
Während die Tiere nun Rat hielten, was zu tun sei, kam die Löwin
langsam gegangen und stellte sich mitten in ihren Kreis. Erschrocken
fuhren die Tiere auf, aber die Löwin legte sich ruhig nieder und sagte:
„Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich tu’ euch nichts. Ich
habe in den letzten acht Tagen vor Kummer kaum gegessen. Mich drückt
die gleiche Sorge wie euch. Und für mich ist’s schlimmer, weil mein
Gemahl uns alle gegen diese Fremden hätte verteidigen müssen und es
nicht tut. Zu allem übrigen kommt für meine Person noch die Schande.“
„Der Löwe soll uns helfen! Der Löwe soll uns befreien!“ riefen alle
Tiere durcheinander.
„Der Löwe rührt sich nicht,“ erwiderte sie traurig. „Er liegt zu Hause
und starrt und starrt vor sich hin. Aber nun sollt ihr hören, was ich
euch zu sagen habe.“
Da scharten sich alle um die Löwin und lauschten.
„Wir alle sind in Gefahr,“ begann sie, „wir alle ohne Ausnahme.
Ich habe gesammelt, was ich vom Zweifüßler gehört und gesehen. Und
ich kenne seinen Charakter und seine Pläne, als hätte er sie mir
anvertraut. Die ganze Erde will er sich unterwerfen. Er und seine
Kinder wollen über uns herrschen -- im Guten wie im Bösen.“
„So ist es!“ riefen die Tiere.
„Ja, so ist es!“ wiederholte die Löwin. „Niemand darf sich für sicher
halten. Das stärkste Tier und der größte Baum -- hat er sie heute nicht
gefällt, so kommt die Reihe morgen an sie. Der niedrigste Wurm und das
erbärmlichste Kraut -- ihr wißt nicht, wann er euch braucht, oder wann
ihr ihm lästig werdet. Dann hat eure Stunde geschlagen.“
„Ja, ja!“ riefen sie.
Die starke Eiche nickte mit ihren knorrigen Ästen, der Hirsch senkte
betrübt sein Geweih, der Regenwurm flüsterte im Erdreich sein „Ja!“
und die Bienen zitterten vor Angst.
[Illustration]
„So ist es!“ sagte die Löwin. „Für ihn sind wir entweder nützlich
oder schädlich -- sonst nichts. Findet er eine Blume hübsch, so nimmt
er sie in seine Hut; mag seine Nase ihren Geruch nicht ausstehen, so
zertritt er sie. Spendet ein Baum ihm im Schlafe Schatten, so läßt er
ihn wachsen. Steht der Baum ihm aber im Wege, oder kann er das Holz
gebrauchen, so fällt er ihn. Verspricht ein Tier ihm Nutzen, so fängt
er es ein und macht es zu seinem Sklaven. Er bekleidet sich mit seinem
Fell, er ißt sein Fleisch und läßt es arbeiten. Er hört nicht auf, wenn
er satt ist, wie wir andern. Gierig, wie er ist, fängt er Tiere ein
und sammelt Früchte für eine lange Zeit, damit er nie Not zu leiden
braucht.“
„Das ist wahr! Das ist wahr!“ riefen die Tiere im Chor.
„Wartet nur!“ fuhr die Löwin fort. „Ich bin noch nicht zu Ende... Er
ist kein redlicher Jäger wie wir. Er erringt sich seine Beute nicht,
auf seinen Beinen laufend... sondern er reitet zur Jagd auf dem Rücken
des Pferdes, das er gezwungen hat, ihn zu tragen. Er packt seine Beute
nicht mit seinen Krallen, tötet sie nicht mit seinen Zähnen... Er hat
eine seltsame Waffe, die durch die Luft fliegt und dem, den sie trifft,
den Tod bringt.“
„Wir kennen sie,“ sagte der Hirsch.
„Sie ist an meinem Auge vorübergesaust,“ ergänzte der Wolf.
„Sie hat meinen Flügel getroffen,“ berichtete der Adler.
Und die Löwin setzte ihre Anklage fort:
„Er trinkt nicht das Blut, ißt nicht das Fleisch wie wir. Sondern er
brät es am Feuer... es brennt immer Feuer in seiner Hütte. Er hat der
Natur Gewalt angetan... +Wir+ haben das Feuer nur gekannt, wenn der
Blitz einschlug und einen alten Baum in Flammen setzte... Er schlägt
Steine gegeneinander, und es entstehen Funken... er reibt zwei Stücke
morsches Holz aneinander, und eine Lohe schlägt heraus.“
Und alle riefen:
„Ja, es ist wahr! Er hat sich das Feuer unterworfen.“
Die Löwin aber war unermüdlich:
„Er pflückt nicht die Früchte des Waldes an den Stellen, wo sie reif
werden. Sondern er pflanzt die Pflanzen, die er verwenden kann, und
rodet die anderen aus. Läßt man ihn schalten und walten, wie er will,
so wird er die ganze Erde umgestalten. Es werden keine andern Kräuter
darauf wachsen als die, die er gebrauchen kann -- keine andern Tiere
als die, die ihm zu Nutz und Vergnügen gereichen. Wollen wir weiter auf
der Erde leben, so müssen wir seine Sklaven werden.“
„Seine Sklaven!“ riefen alle.
Nun schwieg die Löwin ein Weilchen, und es war ganz still. Aus der
Ferne tönte Treus Bellen herüber.
„Hört ihr den Hund?“ rief die Löwin. „Seinen ersten Diener! Er hilft
dem Zweifüßler beim Hüten der andern Tiere.“
Da riefen alle im Chore:
„Der Hund hat uns verraten! Laßt uns den Hund töten!“
Die Löwin hob ihre Tatze, und es wurde still. Und nun redete sie weiter:
„Entsinnt ihr euch noch der Nacht, als die neuen Tiere eben angekommen
waren, und wir uns hier auf dieser selben Wiese versammelten? Einige
warnten uns... das Pferd, das Rind und das Schaf... und auch die Gans
und die Ente... nun sind sie alle die Sklaven des Zweifüßlers. Ihre
Ahnung hat sie nicht betrogen. Aber erinnert ihr euch nicht, wie die
beiden neuen Tiere aussahen, als sie hier lagen und schliefen? Nackte,
elende Wesen waren es... Wir hätten sie ohne weiteres töten können,
wenn wir nur gewollt hätten.“
„Das hätten wir tun können! Das hätten wir tun können!“ riefen die
Tiere.
„Aber wir taten es nicht. Und nun sind sie die Herren des Waldes. Wißt
ihr, woher ihre Macht stammt? Von den Tieren, die sie unterrichtet
haben. Wenn wir ihnen diese Tiere nehmen können, dann werden sie wieder
die armen Geschöpfe, die sie früher gewesen. Die Macht des Zweifüßlers
besteht darin, daß er es versteht, andere für sich arbeiten zu lassen.
Wollt ihr daher meinem Rate folgen, so müßt ihr versuchen, ihm seine
Diener abspenstig zu machen. Laßt uns jemanden zu ihnen schicken, um
sie zur Vernunft zu bringen. Wir müssen ihr Ehrgefühl wecken, indem wir
sie an die Zeit erinnern, da sie frank und frei im Walde umherliefen ..
Wer will diese Aufgabe übernehmen?“
„Du sollst selber gehen!“ riefen sie.
„Nein,“ sagte die Löwin, „das wäre nicht richtig. Blut trennt ihr und
mein Geschlecht. Das könnte ihnen einfallen, und dann würden meine
Worte wirkungslos bleiben. Es muß einer sein, den sie nie zu fürchten
gehabt haben.“
Eine Zeitlang wurde hin- und hergeredet, und dann wurde beschlossen,
den Fuchs zum Abgesandten zu wählen. Der hatte ja allerdings aus alter
Zeit noch ein unbeglichenes Konto bei Gans, Ente und Huhn, aber man
fand nun einmal keinen besseren.
So schlich er denn fort -- niemand kannte ja wie er die schnellsten und
verstecktesten Wege im Walde -- nachdem er versprochen, so schnell wie
möglich Bescheid zu bringen. Die Tiere legten sich auf der Wiese zur
Ruhe und flüsterten zusammen. Mitten in dem Kreise lag die Löwin und
starrte beschämt und grollend vor sich hin.
[Illustration]
Als der Fuchs zum Hause des Zweifüßlers kam, traf er auf Treu, der
gerade seine Nachtrunde machte, um zu sehen, ob ein Feind in der Nähe
sei.
„Guten Abend, Vetter!“ sagte der Fuchs kriecherisch. „So spät noch
unterwegs?“
„Das gleiche muß ich dir sagen,“ erwiderte Treu. „Ich halte Wache für
meinen Herrn. Du hast kaum ein so rechtschaffenes Gewerbe.“
„Ich habe keinen Herrn. Und noch vor kurzem warst auch du dein eigener
Herr. Du solltest dir deine Freiheit zurückerobern. Folg mir auf die
Wiese! Dort sind die andern Tiere versammelt. Sie wollen dir verzeihen,
daß du in den Dienst des Zweifüßlers getreten bist, und dich als den
braven guten Hund begrüßen, der du früher gewesen, wenn du das Tor
öffnen willst, so daß die gefangenen Tiere befreit werden.“
„Hier sind keine gefangenen Tiere,“ sagte der Hund. „Uns allen geht
es gut, und wir wünschen es uns nicht anders. Bin ich der Diener des
Zweifüßlers, so bin ich auch sein Freund. Troll dich schleunigst zurück
zu denen, die dich gesandt haben.“
Damit wandte er dem Fuchs den Rücken und schlüpfte durch ein kleines
Loch in der Einfriedigung, das für ihn besonders angebracht war. Der
Fuchs aber blieb ein Weilchen stehen, um zu warten, ob sich nicht einer
von den anderen zeigen würde. Es dauerte denn auch nicht lange, bis ein
junges Gänschen den Kopf aus dem Loche hervorsteckte.
[Illustration]
„Guten Abend, liebe Jungfer,“ sagte der Fuchs. „Sei so gut und komm ein
bißchen näher!“
„Ich wag’ es nicht,“ erwiderte das Gänschen. „Ich darf des Nachts nicht
fortgehen, so gern ich es auch möchte. Ich fürchte mich so sehr vor den
Zweifüßlern. Neulich haben sie meine Mutter gebraten und aufgegessen.“
„Gräßlich!“ rief der Fuchs. „Keinen Augenblick länger dürfen Sie in
dieser Mörderhöhle bleiben. Kommen Sie heraus zu mir! Dann werd’ ich
Sie an einen Ort bringen, wo Sie nichts zu befürchten haben.“
„Wenn ich mich nur auf Sie verlassen könnte! Aber ich habe zehn
Geschwister. Die kann ich doch nicht im Stiche lassen.“
„Sie sollten sie heut nacht nicht aufwecken! Junge Damen sind so
geschwätzig; und wenn der Hund oder der Zweifüßler Ihre Flucht
entdeckten, dann wäre es aus mit uns. +Sie+ würden sofort gebraten
werden, und +ich+ bekäme natürlich auch Unannehmlichkeiten.“
„Das ist wahr!“ sagte das Gänschen. „Aber wollen Sie mir versprechen,
meine Schwestern ein andermal nachzuholen?“
„Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich von nun an jede Nacht
eine der Jungfrauen holen werde, bis sie alle erlöst sind,“ gelobte
der Fuchs. „Soweit es in meiner Macht steht. Natürlich können mir
Hindernisse in den Weg treten.“
„Wie freundlich Sie sind! Und ich hatte gedacht, die wilden Tiere wären
schlimme Ungeheuer. Das ist mir immer erzählt worden. Man hat mir
gesagt, vor allem solle ich mich davor hüten, in den Wald zu laufen;
dort könne ich das Ärgste erleben.“
„Lauter Verleumdungen! Die Tiere des Waldes sind Engel. Noch nie habe
ich gehört, daß sie jemanden gebraten hätten. Aber kommen Sie, eh’ man
uns hört.“
„Nun komme ich,“ sagte das Gänschen.
Es watschelte zu dem Loch hinaus, und sofort bohrten sich die Zähne des
Fuchses in seinen Hals; es hatte eben noch Zeit zu schreien, dann war
es fertig. Wie der Blitz aber war Treu da. Der Fuchs ließ das Gänschen
los und biß um sich, so gut er konnte. Er war jedoch der Schwächere,
und Treu gab keinen Pardon. Erst als der Räuber tot auf dem Platze lag,
entfernte Treu sich zufrieden.
[Illustration]
Inzwischen saßen die Tiere auf der Wiese und warteten.
„Der Fuchs hat uns zum besten gehalten!“ brummte der Hirsch.
„Der Zweifüßler hat ihn natürlich gefangen und in seine Dienste
genommen,“ meinte die Nachtigall.
Erst gegen Morgen kam ganz atemlos der Sperling herbei.
„Der Fuchs ist tot!“ schrie er. „Er liegt auf der Anhöhe vor dem Hause
des Zweifüßlers. Ich hab’ ihn selber gesehen. Und neben ihm liegt eine
tote Gans.“
Da erhob sich die Löwin, und mit ihr erhoben sich alle Tiere.
„Der Fuchs hat seine persönlichen Zwecke verfolgt,“ sagte die Löwin.
„Auf der Jagd ist er gefallen. Wir können uns auf niemanden mehr
verlassen.“
Damit ging sie langsam, mit gesenktem Kopfe, nach Hause.
Zehntes Kapitel: Der Löwe.
Eines Nachts -- ein paar Tage nach der Versammlung der Tiere auf der
Wiese -- lag der Löwe wie gewöhnlich in seiner Höhle und starrte mit
seinen gelben Augen vor sich hin. Seine Gemahlin schlief oder gab sich
wenigstens den Anschein, als ob sie schliefe. Alle Augenblicke seufzte
sie tief auf. Alles im Walde war still.
Der Löwe wußte recht gut, was die Seufzer seiner Gattin bedeuteten,
und er wußte, wovon die Tiere im Walde gesprochen hatten. Nicht eine
ihrer Klagen war ihm unbekannt; nicht eins der höhnischen Worte, die
gegen ihn gefallen, war an seinem Ohre vorübergegangen. Nicht einen
Augenblick war er über die Stimmung der Tiere gegen ihren König im
Zweifel gewesen.
Er hatte auch nicht vergessen, wer am geringschätzigsten von ihm
gesprochen hatte. Er würde schon wissen, sie zu treffen, wenn die
Stunde käme, wo die Ordnung im Walde wiederhergestellt würde. Tag für
Tag mußte er den Spott seiner Gemahlin über sich ergehen lassen, aber
er achtete nicht mehr darauf. Die Zeit würde kommen, wo sie Abbitte
tun und ihm wieder ihre Liebe und Bewunderung schenken würde. Und
seine Kinder würden ihn wieder ehren, wie sie es früher getan. In der
Geschichte des Waldes würde er fortleben als der König, während dessen
Regierung das Reich großer Gefahr und schwerem Unglück ausgesetzt
gewesen, und der schließlich doch als Sieger aus allen Kämpfen
hervorgegangen war.
[Illustration]
Der Löwe erhob sich und schritt langsam durch den Wald.
„Der König der Tiere geht auf die Jagd,“ sagte der Igel, der im Gebüsch
umherschlich.
„Seht, wie mager er ist!“ rief die Fledermaus. „Das Fell schlottert ja
um ihn.“
„Er hat seit vielen Nächten nicht gejagt,“ sagte die Eule. „Seine Augen
leuchten vor Hunger.“
Aber der König des Waldes dachte gar nicht an Jagd. Wie im Schlafe ging
er nach der Richtung, in der das Haus des Zweifüßlers lag. Ein Hirsch
sprang über den Weg, doch er sah ihn nicht. Langsam wanderte er weiter,
bis er den offenen Platz erreichte, wo auf der Anhöhe das Haus des
Zweifüßlers lag.
Geradeswegs ging er darauf zu, sprang über die Umzäunung und legte sich
in den Sträuchern, die vor der Türe standen, nieder. So lag er auf der
Lauer. Niemand konnte ihn sehen; nur seine gelben Augen leuchteten aus
dem Laube. Und mit einem Satze konnte er an der Türe sein.
Der Zweifüßler schlief unruhig in dieser Nacht. Er warf sich auf seinem
Lager aus Fellen umher; und als er schließlich einschlief, begann Treu,
so heftig zu hellen, daß er aufstehen mußte, um nach dem Rechten zu
sehen. Er hatte die Öffnung, durch die Treu sonst ein- und auslief,
durch eine Falltür verschlossen, weil das Gänschen neulich diesen Weg
eingeschlagen hatte und so dem Räuber zum Opfer gefallen war.
„Was hast du denn, Treu?“ fragte der Zweifüßler.
Der Hund fuhr fort zu bellen und sprang an seinem Herrn in die Höhe.
Dieser öffnete eine kleine Klappe und blickte lauschend hinaus. Aber
es war nichts zu sehen. Dann befahl er dem Hunde, sich niederzulegen,
während er selbst wieder sein Lager aufsuchte. Aber nun hörte er das
Pferd im Stall ausschlagen; die Kuh brüllte, und das Federvieh krähte
und schnatterte. Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Er mußte wieder
hinaus und fand alle seine Tiere zitternd, in furchtbarer Angst. Das
Pferd war ganz in Schweiß; und Hühner, Enten und Gänse flogen unruhig
umher. -- „Was hat das zu bedeuten?“ fragte sich der Zweifüßler.
[Illustration]
Er öffnete die Tür und trat in die Nacht hinaus, unbewaffnet und nackt,
wie er von seinem Lager aufgestanden war. Da raschelte es in den
Büschen vorm Hause, der Löwe sprang hervor; aber dem Zweifüßler gelang
es, sich blitzschnell zurückzuziehen und die Tür zu verschließen und zu
verrammeln.
Einen Augenblick stand er in großer Angst da und wußte nicht, was er
tun sollte.
Durch ein kleines Guckloch in der Tür sah er, daß der Löwe draußen
vor den Büschen lag, die gelben Augen, die vor Wut leuchteten, auf
die Türe geheftet und zum Sprunge bereit. Der Zweifüßler begriff, daß
der Zeitpunkt gekommen war, wo der so lange aufgeschobene Kampf sich
entscheiden mußte.
Er dachte daran, seine Söhne zu wecken, zu der andern Tür
hinauszuschleichen und den Löwen von hinten anzufallen. Aber die Söhne
schliefen an verschiedenen Stellen im Hause, und im Osten graute
bereits der Tag. Während er sie holte, konnte leicht einer von der
Familie hinausgehen und dem König des Waldes zum Opfer fallen.
Aber wie er so stand und überlegte, verließ ihn seine Angst.
Er machte sich klar, daß er Manns genug sei, seinen Feind allein zu
töten. Still nahm er die beiden besten seiner Speere, prüfte sorgfältig
die Schneide, holte tief Atem und öffnete die Tür.
Aber der Löwe war nicht da.
Der Zweifüßler sah nach der einen und nach der andern Seite, ohne
seinen Gegner entdecken zu können. Aber er war ja ein alter, erfahrener
Jäger; darum zweifelte er nicht daran, daß der Löwe sich auf die Lauer
gelegt habe. Ruhig stand er in der Tür, jede Muskel gespannt, bereit zu
dem Kampfe, der kommen mußte.
In dem Gebüsch raschelte es leise, und zugleich sah der Zweifüßler die
Augen des Tieres im Laube. Er wußte, daß keine Zeit zu verlieren war.
Sprang der Löwe zuerst, so war es zu spät.
Da warf er denn den einen Speer und traf den Löwen ins Auge. Ein
rasendes Gebrüll ertönte. Und nun durchbohrte der zweite Speer das Herz
des Tieres.
Alle im Hause kamen auf die Beine und liefen herbei.
Da lag der tote Löwe, groß und prächtig anzusehen. Treu bellte ihn an
und wollte ihn beißen, aber der Zweifüßler verscheuchte ihn:
„Er war doch der König des Waldes! -- Nun aber soll es aller Welt
verkündet werden, daß er tot ist, und daß das Reich von jetzt an
+mir+ gehört.“
[Illustration]
Dann zogen sie ihm das Fell ab und hängten es auf eine hohe Stange, die
sie mitten aufs Feld setzten, so daß sie weit und breit zu sehen war.
„Der Löwe ist getötet!“ schrie der Sperling von Tür zu Tür. „Der
Zweifüßler hat den König des Waldes ermordet. Sein Fell hängt auf einer
Stange vorm Hause... ich hab’ es selber gesehen.“
Die Tiere strömten von allen Seiten herbei, um sich selbst von dem
Geschehenen zu überzeugen. Vom Rande des Waldes schauten sie ängstlich
zum Hause des Zweifüßlers hinüber, und oben aus der Luft starrten die
Vöglein entsetzt auf die Erde nieder.
„Nun ist alles aus!“ sagte der Hirsch.
Und so war es auch.
Im Lauf des Tages aber kam der Orang-Utan zum Zweifüßler, der vor
seinem Hause saß, und redete ihn folgendermaßen an:
„Guten Tag, Vetter!“
Der Zweifüßler betrachtete den Ankömmling, ohne zu antworten.
[Illustration]
„Du hast vielleicht gehört,“ fuhr der Orang-Utan fort, „daß ich dir
allerlei Böses nachgesagt habe. Ich leugne es nicht, daß ich ein wenig
unvorsichtig gewesen bin. Aber du weißt ja selber... wenn man so eine
arme Familie sieht, hat man Angst vor dem Anhang. Man hat ja selber
Kinder; und es ist heutzutage nicht leicht, durchzukommen. Außerdem
hast du mir einmal einen Schlag mit deinem Stock gegeben. Das gleicht
sich also wohl aus.“
„Was willst du von mir?“ fragte der Zweifüßler. „Ich habe weder Zeit
noch Lust, dein Gewäsch mitanzuhören.“
„Nicht so hastig, Vetter,“ sagte der Orang-Utan, indem er sich neben
ihn setzte. „Deine Erfolge erkenne ich durchaus an. Du hast Glück
gehabt ... Herrgott, deine Tüchtigkeit will ich dir ja auch nicht
abstreiten. Du hast deine Sache großartig gemacht. Die Geschichte mit
dem Pferd war ganz ausgezeichnet. Und nun hast du auch noch den Löwen
überlistet...“
„Was willst du eigentlich von mir, Unglückswurm?“ fragte der Zweifüßler
ungeduldig.
„Ich will mich mit dir zusammentun, Vetter! Wenn wir beide uns
verbünden, können wir die ganze Welt erobern.“
„Bist du toll? Was soll ich mit so einem lächerlichen, dummen Tier
anfangen, wie du es bist? Du kannst mir ja gar nichts nützen! Fort
mit dir, oder ich werd’ dir deine Jacke ausklopfen, daß du ewig daran
denken sollst!“