unterhielten, besserte sich seine Laune zusehends. Er flocht einen
langen Strick aus Ranken und machte sich mit seinem Speer, dem Hund und
zweien seiner Söhne auf den Weg.
[Illustration]
Lange schlich er am Waldrande umher, bis er ein Schaf erspähte, das
mit zwei Lämmern auf der Wiese weidete. Auf allen Vieren kroch er auf
sie zu, während Treu den Befehl erhielt, ganz still zu sein. Als er
nahe genug war, warf er die Schlinge aus und zwar so geschickt, daß sie
gerade um den Hals des Schafes fiel. Es blökte gottsjämmerlich, aber
die Schlinge hielt fest und zog sich zusammen. Froh zog der Zweifüßler
mit dem Tiere von dannen, und die kleinen Lämmer folgten, weil sie
nicht wußten, was sie sonst anfangen sollten.
Als er nach Hause kam, band er das Schaf an einen Baum vor der Höhle.
Das eine Lamm wurde geschlachtet und von der Familie gegessen, das
andere ließ man am Leben. Die Kinder liefen auf die Wiese hinab und
holten einen Armvoll Gras nach dem andern; und das Schaf fraß und gab
seinem Lämmchen zu trinken.
„Willst du auch mich fressen?“ fragte es, als der Zweifüßler am Abend
mit seiner Familie vor der Höhle saß und sich seines Werkes freute.
„Nein,“ sagte er. „Das will ich nicht. Ich will dich bei mir behalten,
und du sollst mein Diener sein wie der Hund. Morgen geh’ ich aus und
fange auch deinen Mann. Dann sollt ihr mir noch viele Lämmer zur Welt
bringen; einige davon werden wir essen, und einige werden wir uns
aufsparen, wie es gerade paßt.“
„Du hast meine Schwester getötet und ihr das Fell abgezogen!“ klagte
das Schaf.
„So dumm bin ich nun nicht mehr,“ erwiderte der Zweifüßler. „Du wirst
ja sehen.“
Frau Zweifüßler kam mit einem Messer herbei, und nun schnitten sie
dem alten Schafe die Wolle ab. Es wehrte sich und schrie, aber der
Zweifüßler hielt fest; und da es angebunden war, half dem Tiere all
sein Gejammer nichts.
„Wenn die Regenzeit kommt, wird mich bitterlich frieren,“ schrie das
Schaf.
„Wenn es kalt wird,“ entgegnete der Zweifüßler, „nehme ich dich in
meine Höhle. Deine Wolle brauche ich, um uns Kleider daraus zu machen.
Es hat keinen Zweck, daß du dich zur Wehr setzest. Wenn du brav und
gehorsam bist, sollst du es so gut bei mir haben, wie du es noch nie
gehabt hast.“
In der Nacht, während der Zweifüßler schlief, stand das Schaf da und
dachte nach. Da tauchte aus dem Gebüsch der Kopf des Rindes auf, und
kurz darauf war auch der Hirsch zur Stelle und das Pferd und die Ziege
und viele von den andern Tieren.
[Illustration]
„Worauf ist unser Feind denn nun verfallen?“ fragte das Rind. „Der
Sperling erzählt, daß der Zweifüßler dich angebunden und dir die Wolle
abgeschoren habe.“
„Der Sperling hat weiß Gott die Wahrheit gesagt!“ antwortete das Schaf.
„Sieh doch nur, wie nackend ich bin! Mein Lämmchen hat er aufgegessen,
und morgen will er auch noch meinen Mann fangen. Allerdings hat er mir
Gras gepflückt, so daß ich mich sattgefressen habe.“
„Grauenhaft!“ rief das Rind aus. „Aber wir haben ja eigentlich nichts
anderes erwartet. Kannst du dich nicht losreißen?“
„Ich habe es versucht,“ erzählte das Schaf. „Aber es geht nicht. Je
mehr ich zerre, desto fester zieht sich die Schlinge um meinen Hals
zusammen. Ich bin gefangen und bleibe gefangen.“
„Knechtschaft ist schlimmer als der Tod,“ sagte der Wolf. „Ich will
deinem zweiten Lamm den Dienst erweisen, es zu fressen.“
Im Nu hatte er sich auf das Lamm gestürzt und ihm den Hals
durchgebissen. Das Schaf schrie, der Zweifüßler erwachte und lief
hinaus, und alle Tiere eilten fort.
„Du hast wohl geschlafen, Treu,“ sagte er. „Morgen müssen wir dem
Unglück abzuhelfen suchen. Das fehlte gerade, daß ich für den Wolf
Schafe einfangen und sie für ihn mästen sollte.“
Und am nächsten Morgen fand er einen Ausweg.
Er und seine Söhne gingen in den Wald, fällten mit ihren Äxten Bäume
und machten spitze Pfähle daraus; und als sie eine Anzahl beisammen
hatten, rammten sie sie im Kreise vor der Hütte in den Boden. Dann
flochten sie Zweige zwischen die Pfähle; und als die Sonne sank,
da stand ein fester, starker Pferch fertig da, über den kein Wolf
hinwegspringen konnte. In diesen Pferch sperrten sie das Schaf.
Zwei Tage später fing der Zweifüßler in seiner Schlinge den Widder. Er
fuhr fort zu jagen, und binnen kurzem war auch die Kuh gefangen und
der Stier und das Kalb. Der Pferch wurde zu klein, so daß ein größerer
gebaut werden mußte. Die ganze Familie lief hinaus, um Gras zu holen,
und konnte doch nie genug herbeischaffen. Die Tiere in der Hürde
brüllten.
In der Nacht unterhielten sie sich.
[Illustration: -- „Und plötzlich warf er die Schlinge dem Pferde über
den Kopf. Das Tier bäumte sich und sprang mit wilden Augen umher.“]
Das Schaf meinte: „Wißt ihr -- offen gestanden: Das Leben hier hat
eigentlich doch seine Vorzüge. Da draußen auf der Wiese schwebte man ja
in beständiger Gefahr -- vor dem Löwen und dem Wolf, vor der Schlange
und dem Adler, von dem Zweifüßler selber ganz zu geschweigen.“
„Das mag alles sein,“ sagte die Kuh. „Aber ich kann die Art nicht
leiden, wie die Frau Zweifüßler an meinem Euter zieht. Und ich fürchte,
sie werden mich eines schönen Tages schlachten wie die andern Tiere. Es
sind unser auch bald zu viele hier drinnen.“
Sechstes Kapitel: Der Zweifüßler wandert.
Dem Zweifüßler wurde es immer schwerer, Gras für die vielen Tiere zu
beschaffen, die er in seinem Pferch hatte.
Er und seine Familie hatten schon längst alles abgeschnitten, was in
der Nähe der Höhle wuchs. Nun mußten sie ziemlich weit gehen, wenn
sie etwas finden wollten; und es machte viel Mühe, es nach Hause zu
schaffen.
„Wir werden umziehen müssen,“ sagte er zu seiner Frau. „Da das Gras
nicht zu uns kommen will, müssen wir zum Grase gehen. Wir wollen wieder
auf die Wiese hinunter. Webe du uns ein Zelt von der Wolle; dann
sammeln wir alle Felle, die wir haben, stecken Pfähle in die Erde und
hängen sie darüber. So kommen wir wohl zurecht. Und die Tiere können
vor dem Zelt auf die Weide gehen.“
„Aber wenn sie dann alles Gras gefressen haben?“ fragte die Frau.
„Dann ziehen wir zur nächsten Wiese,“ sagte der Zweifüßler. „Wir packen
das Zelt zusammen, laden es auf den Rücken des Rindes und ziehen
weiter.“
„Wenn uns die Tiere nur nicht fortlaufen!“
„Treu muß mir helfen, sie zu hüten, -- und auch unsere Jungen. Dann
wird es schon gehen. Sie kennen uns ja nun und finden sich darein, wenn
wir sie streicheln. Du sollst sehen, bald sind sie ganz zahm.“
Am nächsten Morgen brachen die Zweifüßler den Pferch ab.
„Ob er uns loslassen will?“ sagte die Kuh.
„Ich will nicht wieder auf die Wiese hinab,“ blökte das Schaf und fing
an zu weinen. „Meine Beine sind steifer, als sie früher waren; und ich
kann nicht mehr so gut laufen. Ich sehe auch nicht mehr so gut und kann
fast gar nicht mehr riechen. Meine Sinne sind ja so lange nicht benutzt
worden. Ich will beim Zweifüßler bleiben und mein Futter aus seiner
Hand nehmen.“
„Du bist eben ein Sklave geworden,“ sagte das Rind. „Und du verdienst
es nicht, in Freiheit zu sein. Wenn +ich+ Gelegenheit finde, nehme ich
Reißaus. Gestern hat er mein Kalb geschlachtet, das vergesse ich ihm
nie.“
„Nun ja, mag ein Junges oder zwei daraufgehen, und mag man auch selber
ins Gras beißen -- was könnte man denn sonst auch erwarten!“ blökte das
Schaf.
„Sklavenseele!“ murmelte verächtlich das Rind.
Der Zweifüßler hatte inzwischen den Pferch abgebrochen, während seine
Frau alle Sachen zusammengepackt hatte. Dem Rinde wurde aufgeladen,
soviel es tragen konnte. Dann nahmen die Zweifüßler selber den Rest und
begaben sich auf die Wanderung nach der Wiese.
„Nun wird meine Ahnung sich erfüllen,“ sagte die Kuh, die unter ihrer
ungewohnten Bürde stöhnte. „Ich bin todmüde in den Lenden und Beinen.“
Und als der Zug dahin kam, wo die Wiese anfing, da warf die Kuh auf
einmal ihre Last ab und galoppierte davon, gefolgt von dem Bullen.
Treu eilte ihnen zwar nach, aber sie machten Kehrt und wiesen ihm ihre
Hörner, so daß er den Schwanz zwischen die Beine nahm. Der Zweifüßler
warf ihnen seinen Speer nach, doch der verfehlte sein Ziel.
„Kommt Zeit, kommt Rat!“ sagte er. „Morgen geh’ ich aus und fange
sie wieder ein. Nun wollen wir das Zelt aufschlagen und unsere
Angelegenheiten in Ordnung bringen.“
[Illustration]
Sie errichteten das Zelt auf einer kleinen Anhöhe, von der sie die
Wiese weit überblicken konnten. Am Fuße des Hügels rann eine Quelle.
Treu trieb das Schaf auf die Wiese und wieder heimwärts. Der Zweifüßler
fing das Huhn, die Gans und die Ente ein und stutzte ihnen die Flügel,
so daß sie nicht fortfliegen konnten. So bekam er allmählich viele
Schafe und Ziegen und viel Federvieh zusammen. Und als die Tiere diese
Stelle abgegrast hatten, brach er das Zelt ab und errichtete es auf
einer andern Wiese -- und so fort. Es hatte den Anschein, als habe er
die Kuh ganz vergessen, aber eines Tages erinnerte seine Frau ihn daran.
„Du mußt sehen, mir die Kuh wieder herzuschaffen,“ sagte sie. „Ich
vermisse ihre Milch so sehr. Und ich und die Kinder brauchen neue
Sandalen aus Kalbsleder.“
Da nahm der Zweifüßler seinen Speer, hängte seine Schlingen um und
machte sich auf, um die Kuh zu finden. Als er eine Weile gegangen war,
sah er sie in der Ferne. Aber sie hatte auch ihn schon erblickt und
galoppierte weiter. Das Pferd, das nicht weit davon stand, sah den
Zweifüßler spöttisch an und sagte:
„Du hättest wohl gerne meine vier flinken Beine.“
„Gewiß,“ räumte der Zweifüßler ein.
„Wie schön, daß es etwas gibt, das dir fehlt,“ höhnte das Pferd. „Du
spielst dich ja sowieso schon als Herrn des Waldes auf.“
Darauf antwortete der Zweifüßler nicht, hielt aber in aller Stille die
Schlinge bereit. Und plötzlich warf er sie dem Pferde über den Kopf.
Das Tier bäumte sich und sprang mit wilden Augen umher. Aber bei jedem
Sprunge zog die Schlinge sich fester zu, und der Zweifüßler ließ das
Seil nicht los, obwohl er eine Zeitlang über den Erdboden geschleift
wurde. Er hatte das Seil so fest um seine Hand gewickelt, daß es ins
Fleisch einschnitt und die Hand zu bluten anfing.
Schließlich ermattete das Pferd. An allen Gliedern zitternd, stand es
still. Der Schaum floß ihm aus dem Maule.
„Was willst du von mir?“ rief es. „Mein Fleisch und meine Milch munden
nicht; und ich habe auch keine Wolle, die du mir abscheren könntest.“
„Ich will mir deine vier Beine leihen,“ sagte der Zweifüßler. „Du hast
dich ihrer ja selber gerühmt. Hoho! Steh’ nur still!... Wenn du hübsch
folgsam bist, werd’ ich dir nichts tun!“
[Illustration]
Mit diesen Worten wickelte er das Seil um seinen Arm, kam näher und
näher, streichelte das mit Schweiß bedeckte Tier, packte plötzlich
seine Mähne und schwang sich auf den Rücken des Tiers. Es bäumte sich,
warf die Hinterbeine hoch in die Luft und versuchte, sich seines
Reiters auf jede Weise zu entledigen. Der Zweifüßler aber hielt die
Mähne und das Seil mit den Händen, preßte die Beine fest an den Leib
des Tieres und blieb sitzen, soviel Mühe es auch kostete. Allmählich
wurde das Pferd wieder ruhiger, und der Zweifüßler klopfte seinen Hals.
„Nun holen wir die Kuh!“
Er drückte die Fersen in die Flanken des Pferdes und gab ihm einen
Hieb. In sausendem Galopp ging’s über die Wiese hin. Die Kuh machte
nicht einmal den Versuch fortzulaufen, sondern blieb stehen und starrte
sprachlos das seltsame Bild an, das sich ihr darbot. Bevor sie zur
Besinnung kam, hatte sie die Schlinge um den Hals, und stolz ritt der
Zweifüßler mit seiner Beute nach Hause.
Als sie das Zelt erreichten, sprang er vom Pferde, streichelte es und
dankte ihm. Aber er machte keine Miene, ihm die Schlinge vom Halse zu
nehmen.
„Gibst du mich nicht frei?“ fragte das Pferd.
„Nein,“ sagte der Zweifüßler. „Aber ich gebe dir etwas viel Besseres.
Du sollst von der Quelle trinken und das saftigste Gras bekommen, das
du je gekostet hast. Dann sollst du dich hinlegen und ausruhen und
daran denken, daß du jetzt in meinen Diensten stehst und für den Rest
deiner Tage sorgenfrei leben kannst, wenn du nur treu und willig bist
und die Arbeit tun willst, die ich dir auferlege.“
Und dann fütterte er das Pferd und band es an die Zelttür. Dicht dabei
stand die Kuh an ihrem Pflock.
„Sollen wir versuchen, uns loszureißen?“ flüsterte das Pferd, als es
Nacht wurde und der Zweifüßler schlief.
„Nein,“ sagte die Kuh und schüttelte den Kopf. „Ich laufe nicht mehr
fort. Mag kommen, was will! Es war ein grauenhafter Anblick, ihn
auf deinem Rücken zu sehen. Er ist unser Herr, und niemand kann ihm
widerstehen.“
Der Sperling aber flog auf flinken Flügeln durch den Wald.
„Der Zweifüßler hat das Pferd eingefangen... Er sitzt rittlings auf
seinem Rücken... und hat es an sein Zelt gebunden... Das Pferd ist des
Zweifüßlers Diener geworden.“
„Hast du’s gehört?“ fragte die Löwin ihren Mann. „Willst du ihn auch
auf deinem Rücken reiten lassen, wenn er jagt?“
Der Löwe brummte drohend und rief:
„Laß ihn nur kommen!“
„Er wird sich in acht nehmen!“ erwiderte die Löwin höhnisch. „Und du
gehst ihm aus dem Wege, feig, wie du bist.“
Da legte der Löwe den Kopf auf seine Pfoten und sagte nichts, sondern
brütete nur in schweren Gedanken.
Siebentes Kapitel: Der Zweifüßler sät.
Der Zweifüßler zog mit seiner Herde von Wiese zu Wiese.
Sie wuchs Jahr für Jahr, ebenso die Familie. Frau Zweifüßler hatte
ihrem Manne jetzt sieben Söhne und sieben Töchter geboren, die alle gut
gediehen und im Haushalt und bei der Herde halfen.
Und die Tiere gewöhnten sich daran, im Dienste des Zweifüßlers zu
stehen, und waren zufrieden und guter Dinge.
Das Pferd trug den Zweifüßler, wenn er auf der Jagd war, oder ging
Schritt für Schritt neben ihm, wenn er das Zelt abbrach und zu neuen
Weideplätzen wanderte. Es kam herbei, wenn er rief; und weder das Pferd
noch eins der andern Tiere dachte im Ernste daran, fortzulaufen, so daß
es für Treu nicht schwer war, sie zu hüten.
Allerdings kam es ja vor, daß die Freiheitslust in ihnen erwachte.
Besonders wenn sie ins Gespräch mit den wilden Tieren kamen. Aber die
Lust verging ihnen wieder.
Eines Nachts in der Regenzeit kam der Hirsch zu dem Zelt, das der
Zweifüßler zum Schutz für seine Tiere errichtet hatte.
„Ihr seid in guter Hut,“ sagte der Hirsch und schaute mißgünstig zu
ihnen hinüber.
„Freilich!“ erwiderte das Schaf. „Es ist gemütlicher als in alten
Tagen, wo man unter einem Baum stand und trotzdem plätschnaß wurde.“
„Das stimmt!“ sagte das Rind. „Und auch in der trockenen Zeit ist es
recht angenehm, weil der Zweifüßler uns gutes Futter gibt, das er für
uns gesammelt hat, während wir früher das Land nach einem Grashalm
durchsuchen mußten.“
„Ich meinte im Gegenteil, ihr selbst müßtet euch abrackern,“ entgegnete
der Hirsch. „Ich habe es ja mit angesehen, wie ihr für euern Herrn
arbeiten und schuften müßt.“
„Man bekommt in diesem Leben nichts ohne Gegenleistung,“ erklärte
darauf das Pferd. „Übrigens leugne ich gar nicht, daß meine Ahnungen
in Erfüllung gegangen sind. Meine Lenden tun mir gehörig weh von der
Arbeit des heutigen Tages.“
„Mir geht es nicht anders,“ fiel die Kuh ein. Und die Ente, die Gans
und das Huhn stimmten gleichfalls mit ein. Nur das Schaf schüttelte den
dicken Kopf, während es munter wiederkäute.
„Ich weiß nicht mehr, was ich geahnt habe,“ blökte es zufrieden. „Mir
geht es gut, und damit basta.“
„Murrt ihr?“ rief Treu auf einmal dazwischen, der auf der Wacht lag und
immer nur mit einem Auge schlief. „Soll ich unsern Herrn rufen?“
Da sprang der Hirsch erschrocken von dannen, und das Pferd sagte:
„Nein, das sollst du nicht. Er hat selber tüchtig gearbeitet und ist
ebenso müde wie wir. Es wäre unrecht, ihn zu wecken.“
Und nun wurde es still in dem Zelt der Tiere.
Aber der Zweifüßler drinnen in seinem eigenen Zelt schlief nicht.
Er saß da und dachte nach, und auch seine Frau konnte nicht
einschlafen, denn sie hatte dieselben Gedanken wie ihr Mann.
„Ich hab’ es satt, im Lande umherzurennen,“ sagte er schließlich. „Wir
sind nicht mehr jung, die Familie ist groß, und manchmal bin ich recht
müde von der Arbeit.“
„Und ich nicht minder,“ setzte die Frau hinzu. „Aber daran läßt sich ja
nun einmal nichts ändern. Wir müssen eben umherziehen, damit die Tiere
Gras finden.“
Der Zweifüßler antwortete ihr nicht gleich.
Er stand auf und ging in den Regen hinaus, sah nach seinen Tieren und
kam dann wieder ins Zelt zurück. Draußen brüllte der Löwe.
„Hast du ihn gehört?“ fragte sie.
Der Zweifüßler nickte.
Nach einer Weile begann er: „Du, woher kommt das Gras?“
„Das weißt du wohl ebensogut wie ich,“ erwiderte sie. „Wir haben ja oft
darüber geredet, wie es seine Samen niederrieseln läßt, und wie sie
zwischen dem alten welken Grase keimen, wenn der Regen kommt.“
„Ganz recht! Und warum sollten wir nicht die Samen sammeln und selber
säen? Wenn wir nun all das alte Gras beseitigten und die Samen von der
Sorte nähmen, die unsere Tiere am besten leiden können, dann müssen
wir es doch so weit bringen können, daß das Gras viel dichter wächst.
Und dann können wir Samen ernten und wieder säen und Jahr auf Jahr an
derselben Stelle wohnen bleiben.“
„Ja, wenn wir das könnten!“ sagte Frau Zweifüßler und schlug die Hände
zusammen.
„Warum sollten wir nicht? Und können wir das erst, so können wir auch
ein starkes Haus -- für uns und die Tiere -- bauen. Ich bin überzeugt,
wir können mit unsern Steinäxten die größten Bäume fällen, wenn wir
nur geduldig aushalten. Sobald der Regen aufhört, mach’ ich mich
auf, um eine Stelle zu finden, wo wir uns für den Rest unserer Tage
niederlassen können.“
Nach einer Woche war der Himmel wieder klar. Der Zweifüßler sprang aufs
Pferd, verabschiedete sich von seiner Familie und sagte, er wolle erst
wieder nach Hause zurückkehren, wenn er gefunden habe, was er suche.
Und wirklich kam er erst am Abend des dritten Tages heim und befahl,
früh am nächsten Morgen alles zusammenzupacken und ihm zu folgen.
Als die Familie am Ziele ankam, mußten alle zugeben, daß er eine gute
Wahl getroffen habe.
Der Boden war gut und verhieß reichen Ertrag: so frisch und üppig
wuchs alles darauf. Auf der einen Seite eines großen, offenen Feldes
lag Wald, auf der andern eine Wiese, die wieder von einem großen See
begrenzt wurde, in dem die Fische lustig umhersprangen. Hinter dem
See waren ferne blaue Berge, die einen schönen Anblick darboten und zu
herrlichen Träumen anregten. Dicht am Waldessaume lag eine Anhöhe, an
deren Fuß ein Bach rann. Der Bach mündete in den Fluß, der sich durch
die Wiese dahinschlängelte, und der Fluß mündete in den See.
Und Feld und Wiese waren mit allen möglichen Gräsern und Blumen
angefüllt.
Da war Mohn, groß und wunderschön rot. Da waren Glockenblumen und
Möhren, Winden und Kornblumen, Disteln, Ampfer, Veilchen und noch
viele, viele andre Blumen. Und sie alle wuchsen und breiteten sich aus,
wie sie Lust hatten, denn sie waren ja die Herren im Lande.
„Hier wollen wir wohnen,“ sagte der Zweifüßler. „Auf der Anhöhe dort
wollen wir ein großes, starkes Haus bauen mit Ställen für die Tiere und
einem Pfahlwall zum Schutz gegen die, die uns übelgesinnt sind. Laßt
uns sofort beginnen! Wenn das Haus erst steht, sollt ihr euer Wunder
erleben!“
Und er und die Söhne machten sich daran, Bäume zu fällen.
Geduldig mühten sie sich Tag um Tag; aber viele Schläge ihrer Steinäxte
waren nötig, bis die großen Bäume sich ergaben. Ein entsetzliches
Rauschen ging von Stamm zu Stamm tief in den Wald hinein.
„Was ist das... was will er mit uns... warum sollen wir sterben?“
flüsterte ein Baum dem andern zu.
Aber der Zweifüßler und seine Söhne hörten nichts und sagten nichts.
Sie arbeiteten und arbeiteten, bis sie hatten, was sie brauchten.
Dann errichteten sie auf der Anhöhe ein starkes Haus aus gutem Holze
-- und noch zwei, drei Gebäude bauten sie, Ställe für die Tiere und
einen großen Raum, mit dem der Zweifüßler seine bestimmten Absichten
verfolgte, ohne darüber sprechen zu wollen.
Mit Moos wurden alle Ritzen und Spalten verstopft. Und um das ganze
Gehöft herum errichteten der Zweifüßler und seine Söhne ein Pfahlwerk,
das sie mit Zweigen durchflochten, so daß es eine starke Mauer wurde,
die Schutz gegen die Feinde bot.
Und als das alles fertig war, da bat der Zweifüßler seine Frau, einen
Sack aus Fellen für ihn zu nähen und einen für jeden von der Familie.
Dann gingen alle auf Feld und Wiese hinaus und sammelten in den Säcken
allerlei Arten Gräser, die sie säen wollten.
„Willst du nicht auch ein paar von meinen Samen nehmen?“ fragte der
Mohn und warf seine roten Blätter ab... „Ich habe tausend in meinem
Kopfe, und ich bin der Schönste im Lande.“
„Mag sein, mag sein!“ sagte der Zweifüßler. „Aber ich habe keine
Verwendung für dich.“
„Du bist an mir vorbeigegangen,“ flüsterte das Veilchen bescheiden.
„Du bist zwar reizend,“ erwiderte der Zweifüßler, „aber du kannst mir
nichts nützen.“
„Und mich vergißt du ganz,“ schrie die Distel. „Obwohl ich die
Stolzeste und Stärkste hier bin.“
„Aber die Zäheste bin doch wohl ich!“ rief die Klette.
„Gebt acht, daß ihr diese Samen nicht nehmt,“ sagte der Zweifüßler zu
seiner Familie. „Unsre Tiere fressen sie nicht.“
Mit gefüllten Säcken kehrten sie heim; und wieder zogen sie aus und
kehrten heim und zogen aus, bis sie einen gewaltigen Haufen gesammelt
hatten.
„Nun wollen wir den Boden bestellen,“ sagte der Zweifüßler. „Komm,
liebes Pferd, und leih mir deine Kräfte, wie du es früher getan hast!“
[Illustration]
Er verfertigte einen Pflug, spannte das Pferd davor und trieb es übers
Feld, Schritt für Schritt und Furche für Furche. Mit Freude sah er die
Erde unter dem scharfen Steinmesser des Pfluges sich wenden.
„Was ist denn das?“ schrie der Mohn, und im nächsten Augenblick war er
umgepflügt.
„Es hilft dir doch nichts!“ rief die Distel boshaft dem Zweifüßler zu.
„Unsre Samen kommen trotzdem an die Oberfläche, um dich zu ärgern.“
„Das wollen wir erst mal sehen!“
Und dann ließ der Zweifüßler jeden von seiner Familie eine Distel
abschneiden und forttragen. Als er so viel gepflügt hatte, wie ihm gut
dünkte, säte er die eingesammelten Grassamen in die frische Erde hinein.
„Nun warten wir auf die Regenzeit,“ sagte er, „und sehen zu, wie es
geht.“
Und die Regenperiode kam; und es ging, wie der Zweifüßler gehofft hatte.
Kleine grüne Keime schossen überall aus der gepflügten Erde hervor --
alle gleichförmig, lauter Gräser, wie seine Tiere es gern hatten. Hier
und da waren ja allerdings ein paar Disteln und Mohnblumen darunter,
das meiste aber war gutes Gras.
„Seht ihr!“ sagte der Zweifüßler zufrieden. „Nun wartet bloß, bis die
Sonne scheint, dann wird die Sache noch schneller gehen.“
Die Sonne sandte ihre Strahlen herab, und das ganze Feld war ein
grüner, prächtiger Teppich, der wuchs und wuchs, so daß man es von Tag
zu Tag wahrnehmen konnte.
Eines Morgens kam der Hirsch an den Rand des Waldes und sah mit Staunen
das Bild, das sich ihm darbot. Dann rief er seiner Familie, die im
Walde war, zu:
„Kommt hierher! Dann sollt ihr ein Feld sehen, so schön, wie ihr es
noch nie geschaut! Eilt und kommt! Ich fange schon an zu äsen.“
„So, also das tust du!“ rief der Zweifüßler und kam mit seinem Speer
herbeigestürzt. „Weg mit dir, du Diebsgesicht! Glaubst du, ich habe
im Schweiße meines Angesichts gesät, damit du mir die Saat auffressen
solltest! Weg mit dir! Dieses Feld ist mein!“
Der Hirsch floh in den Wald, so schnell er konnte. Aber der Sperling
flog umher und erzählte:
„Der Zweifüßler hat sich ein großes Stück Land angeeignet, das sonst
niemand betreten darf. Er hat den Hirsch einen Dieb genannt, als der
darauf äsen wollte.“
Achtes Kapitel: Der Zweifüßler genießt das Leben.
Als die Zeit gekommen war, füllte der Zweifüßler das Haus, das er als
Scheune gebaut hatte, mit dem Ertrag seines Feldes. Und sobald die
Ernte beendigt war, begann er, an das nächste Jahr zu denken.
Er pflügte ein neues Feld um und noch eins und säte darauf. Und im
folgenden Jahre rodete er ein Stück des Waldes und bestellte es
gleichfalls.
Und so fuhr er fort, Jahr auf Jahr, bis er sich schließlich all das
Land dienstbar gemacht hatte, das er von seinem Hause auf der Anhöhe
überschauen konnte.