Namen der heranwachsenden Jugend für das interessante Werk.
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Die lieben Nachbarn
»Habt ihr es schon gehört, der Nachbar von nebenan will eine Stadtmaus
heiraten!« sagte eine Feldmaus zu ihren Besucherinnen. Sie glättete ihr
braunes Pelzlein und ringelte zierlich den Schwanz.
»Eine Stadtmaus? Doch nicht die Weiße mit den roten Augen, die neulich
hier auf Besuch war?«
»Gerade die!«
»Jetzt hört aber doch alles auf!« jammerte eine der drei, eine
fette braune Feldmaus. »Also die Weiße! Nun, der Nachbar kann sich
gratulieren!«
»Warum? Was wissen Sie von der weißen Maus?« schrien aufgeregt die
andern.
»Ich weiß nichts, und ich sage nichts; aber denken tue ich mein Teil.«
»Woher wissen Sie es, Frau Feldmausin?« fragten die drei und rückten
näher zusammen.
»Das darf ich nicht sagen. Aber die Person, die es mir mitteilte, ist
zuverlässig, durchaus zuverlässig. Wenn das unser Nachbar wüßte! Der
würde sich schwer hüten, so eine zu heiraten.«
»Man sollte ihn warnen,« riefen alle; »das ist beinahe unsere Pflicht!«
»Jawohl, es ist eigentlich unsere Pflicht!« Alle nickten mit den Köpfen
und sahen sich bedeutungsvoll an. Es glänzte unternehmungslustig in den
beerenschwarzen Äuglein. Und die vier machten sich eilig auf, und gingen
zum Nachbarn hinüber.
»Herr Nachbar, wir kommen in einer delikaten Angelegenheit.«
»Liebe Freundinnen, ihr kommt gewiß, um mir zu gratulieren. Es ist
ja kein Geheimnis mehr, gar nicht.« Die vier lächelten sauersüß und
wünschten Glück.
»Meine Braut ist reizend,« rief der Verliebte. Die vier nickten.
»Das ist sie, gewiß; dagegen ist nichts zu sagen.«
»Und tugendhaft,« betonte nochmals der Nachbar.
Die langen Schnurrbarthaare der Feldmäuse zitterten vor Erwartung.
»Jetzt!« sagte leise die eine, und stieß ihre Nachbarin an, damit sie
reden solle.
»Herr Nachbar,« begann die Fette und räusperte sich, »es ist leider
unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Braut ...«
»Daß meine Braut?«
»Das Lob, tugendhaft zu sein, nicht ganz verdient.«
»So,« sagte der Nachbar, »was wissen Sie denn von ihr?« Die fette Maus
kam etwas aus der Fassung: Der Bräutigam blieb gar zu gelassen.
»Sie ist ... sie hatte ... kurz, man hat sie mit einer braunen Maus im
Mondschein spazieren sehen!« Erleichtert setzte sich die Feldmaus; es war
eben keine Kleinigkeit, einem Bräutigam so etwas zu sagen.
»So!« sagte der Nachbar.
»So! So, sagen Sie, Herr Nachbar? Und mit diesen Grundsätzen wollen Sie
in die Ehe treten? Bei so etwas bleiben Sie gelassen? Die beiden haben sich
nämlich auch geküßt!« Triumphierend sah die Feldmaus im Kreise herum.
Der Nachbar lachte. Da erhoben sich alle vier würdevoll.
»Wir haben unsere Pflicht getan,« sagten sie. »Das Weitere ist Ihre
Sache!« Steif wandten sie sich zum Gehen, ihre Schwänzchen fuhren
aufgeregt hin und her. Sie waren schwer enttäuscht. »Wir bedauern
gestört zu haben!«
»Gar nicht, aber gar nicht!« rief der Nachbar. »Die große, dunkelbraune
Maus bin ich nämlich selber gewesen. Übrigens lade ich Sie alle zur
Hochzeit ein.«
Und er öffnete die Türe und machte eine tiefe Verbeugung ...
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Wie der Binsenteich erforscht wurde
In einem Wald, der noch wenig bekannt war, wurde ein Teich entdeckt. Er war
viereckig, und seine Ufer waren mit Binsen bewachsen, deshalb wurde er von
seinen Erforschern der »Binsenteich« genannt. Mehr wußte man noch
nicht über den interessanten Ort. Bald beschloß der »Verein strebsamer
Amphibien«, drei wissenschaftlich gebildete Mitglieder auszurüsten und
hinzusenden in den unbekannten Wald.
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Es meldeten sich eine Kröte, eine Ringelnatter und ein Enterich. Letzterer
war zwar nicht Mitglied des Vereins, hatte aber doch schon öfters
Vorträge gehalten, und da er Fachmann in allem, was Tiefteicherforschung
hieß, war, so hatte man sein Anerbieten gern angenommen.
Die Expedition begann ihre Reise gemeinsam, beschloß aber bald, sich zu
trennen, um ja recht verschiedene und subjektive Resultate zu gewinnen. Die
Kröte sollte die Ufer und die Flora des Teiches als ihr zu erforschendes
Gebiet betrachten, die Ringelnatter die Fauna, der Enterich aber die
Tiefen, sowie die allgemeine Bodenbeschaffenheit usw. Sie trennten sich,
nachdem sie den Zeitpunkt der Rückreise bestimmt hatten.
Die Kröte hüpfte langsam vorwärts, ruhte sich von Zeit zu Zeit aus,
wartete, bis sich irgendein Insekt dicht vor ihre Nase setzte, und hüpfte,
wenn sie gegessen und verdaut hatte, weiter. Sie brauchte lange Zeit, bis
sie endlich beim Binsenteich ankam.
Am ersten Tag erholte sie sich von ihren Strapazen.
Am zweiten fragte sie eine Ameise, die vorüberlief, was es denn hier für
Blumen gäbe?
»Blumen?« fragte diese verwundert, »Blumen gibt es keine hier! Ich
wenigstens habe noch keine gefunden.«
»Schön, schön,« sagte die Kröte bedächtig, »da kann ich es mir
ja bequem machen.« Sie setzte sich in den Schatten eines großen
Klettenblattes und schlief ein. Am dritten Tage machte sie sich an die
Erforschung des Teiches und seiner Ufer. Sie hockte auf einem Stein, ließ
sich von der Sonne bescheinen und sah sich rings um. Aber sie sah nichts.
Es schien ihr ein Teich zu sein wie ein anderer. Als sie dies alles in ihr
Notizbuch eingetragen, schlief sie wieder ein und wachte nur des Abends
auf, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen.
Die Ringelnatter war indessen auch nicht müßig gewesen. Sie war bald beim
Teich angekommen und schlüpfte nun eifrig, ihrer hehren Aufgabe eingedenk,
durch die Binsen.
Sie begegnete einer Wildente, die sich eben auf die Jagd begeben wollte,
und nahm diese sofort in ihre Dienste.
»Wie steht es hier mit der Fauna, meine liebe Ente?« fragte leutselig die
Ringelnatter.
»Ausgezeichnet,« berichtete diese, »ganz ausgezeichnet. Die Frösche
sind so zart wie nirgends sonst, auch Wasserschnecken gibt es in Menge,
ebenso Fischlein, und der Sand, den man zum Verdauen braucht, ist weiß und
fein. Vor Hunden und Menschen ist man durchaus sicher.«
Der Ringelnatter lief das Wasser im Maul zusammen.
»Wie wäre es, meine liebe Ente, wenn wir erst ein wenig jagen würden?«
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»Um der größeren Wahrheit meines Berichtes willen wäre das sogar
dringend notwendig.« Und die beiden begannen die Jagd. Lautlos glitt
die Natter am Ufer hin, erhaschte da einen armen Frosch, der sich an dem
schönen Sommermorgen seines Lebens freute, packte dort eine ahnungslose
Schnecke, oder ein unerfahrenes Fischlein, und bereicherte ihr Wissen auf
diese Weise rasch und angenehm.
Auch der Enterich war beim Teich angekommen. Als er sich von seinen
Kollegen getrennt hatte, fiel ihm ein, er könne doch seine Braut, eine
reizende schneeweiße Pekingente, mit auf die Reise nehmen, und kaum
war der Gedanke in ihm wach geworden, als er sich auch schon auf dem Weg
dorthin befand.
Die junge Ente war entzückt, daß sie an einer so interessanten und
hochwichtigen Expedition teilnehmen sollte, packte rasch das Nötige -- Öl
zum Schmieren ihrer Federn und einen Lappen zum Reinigen -- zusammen, und
machte sich mit ihrem Enterich auf den Weg.
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Als sie beim Teich angekommen waren, stürzten sie sich alle beide in das
Wasser, tauchten, schwammen, bespritzten einander, und ruderten zuletzt
friedlich Seite an Seite, sich mit den Schnäbeln zärtlich berührend
und die schwarzen Augen verliebt verdrehend. Dann suchten sie sich ihre
Mahlzeit, was nicht schwer war, da es von fetten Tieren aller Art wimmelte.
Nachher schliefen sie, und dann gingen sie in den Wald spazieren.
So trieben sie es den ganzen Tag, und fingen am nächsten Morgen von vorne
an. Daß der Enterich den Binsenteich erforschen sollte, hatten sie ganz
vergessen. Endlich fiel es ihnen ein, gerade am letzten Tag. Aber der
Enterich verließ sich auf alles, was er schon wußte und gelesen hatte,
und auf seine Gabe, zu improvisieren.
Darum machte er sich fröhlich und guter Dinge auf die Heimreise, und
traf an dem vereinbarten Ort mit der Kröte und der Ringelnatter zusammen.
Letztere war dick und fett geworden, konnte sich nur langsam fortbewegen
und litt an Verdauungsstörungen. Die Kröte aber sah ganz schlaftrunken
aus. ... Sie hatte sich das Datum ihrer Abreise aufgeschrieben, das Papier
an einen Baum geheftet, und eine junge Haselmaus gebeten, sie zu wecken,
wenn sie etwa schlafen sollte. Dann hatte sie weitergeschlafen.
Die drei fingen nun an, sich zu unterhalten über alles, was ihnen am Teich
aufgefallen war. Der Enterich sprach sehr geschickt, begeistert, erfüllt
von seiner Mission, ließ auch merken, daß ihm viel Neues und Wunderbares
aufgefallen und vorgekommen sei, und daß es manche Überraschungen geben
werde.
Die Ringelnatter fühlte sich etwas bedrückt. Es wollte ihr nun doch
scheinen, als ob die großen Hoffnungen, die der Verein strebsamer
Amphibien auf sie gesetzt, nicht so recht erfüllt würden. Sie durchlas
deshalb zu Hause sämtliche Bücher, die über Teichfauna handelten,
notierte sich mancherlei, und ging nun ziemlich getrost dem Augenblick
entgegen, wo sie in öffentlichem Vortrag dem Publikum ihre Entdeckungen
mitteilen sollte. Die Kröte aber machte sich keinerlei Gedanken.
Der wichtige Tag war gekommen. Dicht zusammengedrängt saßen die Zuhörer.
Erwartungsvoll wisperte und piepste und summte und quakte es. Vorne saßen
die Schnellschreiber mit gespitztem Stift. Auch ein ganzes Pensionat
junger Entlein war da, um ihren verehrten Lehrer, den Enterich, sprechen zu
hören. Die schwarzen Äuglein glänzten.
»Er wird himmlisch sprechen!« sagten sie.
Die Kröte betrat zuerst die Rednerbühne. Langsam und schwerfällig begann
sie: »Der von mir erforschte Teich ist viereckig. Es ist ein Teich wie
alle andern. Blumen wachsen keine dort.« Darauf sagte sie noch
einiges über ein paar Wasserpflanzen, die zufällig in der Nähe ihres
Klettenblattes gewachsen, dann verließ sie ihren Platz.
Der Beifall war sehr mäßig.
»Eigentlich ist das nichts Neues,« sagten die ganz gewöhnlichen Leute.
Die von der Wissenschaft schüttelten die Köpfe, sagten aber nichts.
Der Präsident des Vereins strebsamer Amphibien dankte ziemlich kühl im
Namen des Vereins.
Die Kröte setzte sich auf die erste Bank und schlief ein.
Darauf kam die Reihe des Sprechens an die Ringelnatter. Sie richtete sich
gerade auf, züngelte nach rechts, und begann ihren Vortrag. Sie sprach
sachlich und fachgemäß über alles, was sie in ihren Büchern gelesen,
brachte Daten und Zahlen, nannte die Länge des Teiches in Metern, und
konnte genaue Schilderungen machen über die Eßbarkeit sämtlicher im
Teich sich aufhaltenden Tiere.
Als sie geendet, klatschten die Zuschauer, und riefen Bravo.
»Recht interessant,« meinten die ganz gewöhnlichen Tiere.
»Kommt uns bekannt vor,« kritisierten die akademisch gebildeten, aber dem
Publikum sagten sie das natürlich nicht.
Nun erhob sich der Enterich. Er verneigte sich gegen das Publikum,
glättete eine widerspenstige Feder und begann:
»Tief versteckt im unerforschten Wald liegt ein Teich. Wie schlafend liegt
er da, Binsen flüstern an seinen Ufern, Ulmen rauschen darüber hin und
Seerosen träumen an seinen Wassern!«
»O Gott wie schön!« flüsterten die jungen Entenfräulein.
»Seine Ufer sind bevölkert mit uns gänzlich unbekannten Tieren. Sie sind
grün, weißbäuchig, hocken zum Teil auf Blättern und schwimmen zum Teil
im Wasser. Abends singen sie mit lauter Stimme merkwürdige Lieder.«
»Höchst interessant,« nickten die ganz gewöhnlichen Leute zufrieden.
Die Schnellschreiber schrieben mit Windeseile.
»Das Wasser selbst wimmelt von einer sonderbaren Art von Lebewesen. Sie
jagen blitzschnell dahin, glitzern wie Silber, schnellen oft in die Höhe,
um nach Insekten zu schnappen, und verstecken sich unter den Steinen.« Der
Enterich schwieg einen Augenblick, und das Publikum benützte die Pause, um
seinen Gefühlen Luft zu machen. Dann fuhr der Redner fort, die Ufer, die
Blumen und den Boden des Teiches zu schildern. Eine interessante Mitteilung
folgte der anderen, das entzückte Publikum meinte im Walde zu sein und die
neu entdeckten Tiere, die wunderbaren Blumen zu sehen, das Liebesgeflüster
der Insekten zu hören, sie glaubten, hinunterzutauchen in die Tiefen und
die seltsamen Gebilde zu bewundern, die auf dem Boden des Binsenteiches
ruhten, und brachen, als der Redner geendet, in unermeßlichen Jubel aus.
Sämtliche jungen Enten weinten vor Freude. Das ganze Komitee des Vereins
strebsamer Amphibien drängte sich um den Enterich und machte ihn zum
Ehrenmitglied. Bescheiden dankte der also Gefeierte, verbeugte sich und
verließ mit seiner Braut den Versammlungsort.
Kröte und Ringelnatter sahen ihm voll Neid nach.
»Merkwürdig, was der alles gesehen hat,« sagte die Kröte, »es muß auf
der anderen Seite des Teiches gewesen sein, denn ich habe nichts bemerkt!«
»Ich auch nicht«, dachte die Ringelnatter, aber sie war klüger als die
Kröte und sagte es nicht laut.
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Das Begräbnis
Eine sehr angesehene Maus war tot und sollte begraben werden. Um das
Lager des Verstorbenen war die Familie versammelt, und wartete auf die
Eingeladenen. Zwei Mäuse standen abseits, eine graue und eine weiße.
Die Weiße hatte einst die tote Maus geliebt, und die graue war von dem
Verstorbenen geliebt und verlassen worden.
»Er hat die Seinen genug gequält,« sagte sie; »ich habe jahrelang
zugesehen, und seine Witwe wird ihm nicht manche Träne nachweinen.«
»Sie war auch darnach,« sagte giftig die Weiße; »ich habe sie in
ihrer Jugend gekannt. Gefallsüchtig und faul und ... Guten Abend, lieber
Freund! Es freut mich, Sie zu sehen, wenn auch der Anlaß ein trauriger
ist.«
»Ein sehr trauriger, liebe Cousine. Wir alle verlieren viel an ihm. Die
ganze Gesellschaft trauert mit der Familie.« Der Vetter der weißen Maus
trat beiseite, und sprach mit einem Neueingetretenen.
»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der. »Sie hat in ihrer Jugend
den Verstorbenen geliebt und trauert nun um ihn, als wäre sie seine
Witwe.«
»Vielleicht mehr als die Witwe selbst,« meinte bedeutungsvoll der
Angeredete; »ich könnte Ihnen Dinge erzählen, an denen der Tote keine
Freude gehabt hätte!«
»Was Sie nicht sagen.«
»Ein ander Mal; hier könnte man uns hören.«
Eine kräftige braune Maus trat zu der Witwe. »Im Namen sämtlicher Mäuse
unserer Gesellschaft spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus. Wir alle
trauern mit Ihnen. Da ist keiner und keine, die nicht an Ihrem Schmerz
Anteil nehme, und die nicht die Hochherzigkeit, die Freigebigkeit und die
Güte des Verstorbenen priese.«
»Der und freigebig!« sagte verächtlich die graue Maus zur weißen. »Ja,
wenn es alle wußten und ihn dafür lobten, da gab er; aber frag' die Maus,
seine Frau, die könnte dir erzählen. Ein Geizhals war er, ein gemeiner.«
»Er wird auch nicht allein schuld sein,« sagte aufgeregt die Maus, die
ihn unglücklich geliebt hatte. »Da hätte ich seine Frau sein sollen! Ich
hätte anders sparen und zu seiner Sache sehen wollen! Die Äpfel ließ sie
im Keller verfaulen und die Würmer fraßen den halben Weizen! Begreifst
du überhaupt, daß er sie nahm? Aus einer solchen Familie? Arm! Und nicht
einmal hübsch!«
»Nicht hübsch! Sie war doch sehr hübsch!«
»Der Geschmack ist verschieden,« sagte schnippisch die weiße Maus.
»Ja leider,« wisperte die Graue.
»Ich möchte eigentlich wissen, woher er die Mittel hatte, so großartig
zu leben,« sagte der Vetter zu seinem Nachbarn; »er war doch nicht
eigentlich reich.«
»Oho! Reich war er schon! Ganze Haufen Weizen lagen da und Kerzen und
Speck. Wie er dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«
»So, so! Aha! Ja, ich habe auch schon etwas munkeln hören.«
Mehr und immer mehr Trauernde waren gekommen. Arme Mäuse waren keine da.
Aber viele Mäusevereinsvorsteher. Sie alle lobten den Verstorbenen, seinen
wohlwollenden Sinn, seine Freigebigkeit. Die junge schöne Maus, die dort
am Lager des Toten stand, hörte gar nicht mehr, was die vielen redeten.
Alle hatten dasselbe gesagt, und allen hatten sie dasselbe geantwortet.
»Nun kann ich von unseren Vorräten nehmen, soviel ich will; es hat mir
keiner mehr darein zu reden!« dachte sie. »Und geben kann ich davon, wem
ich will!« Sie versank in Luftschlössern. Auch die kräftige braune Maus,
die so schön an der Bahre gesprochen hatte, machte solche.
»Vielleicht wäre es ganz klug, wenn ich die Witwe heiratete. Dann ist all
der Weizen mein.« Und die braune Maus drückte die Pfoten der verwitweten
Maus und sah ihr mitleidig und bedeutungsvoll in die Augen.
»Verfügen Sie ganz über mich.«
»Mit dem hätte ich ein anderes Leben führen können,« dachte die
Witwe und fragte sich, wann die braune Maus wohl kommen werde, um sie zu
trösten.
»Vielleicht gleich nach dem Begräbnis. Ich wollte, es wäre schon
vorbei.«
Die reiche Maus wurde begraben. Der Verstorbene lag nun still da und konnte
alles das nicht mehr tun, was er bei Lebzeiten so gerne getan hatte: Seine
Frau ärgern, seinen Freunden sagen, er könne ihnen -- leider! -- nicht
helfen, vor seinem Weizenhaufen sitzen und sich freuen, daß er ihn
gestohlen, die armen Mäuse anfahren, wenn sie bettelten, und den Reichen
geben, wenn es nachher im Mäuse-Tagblatt stand. -- Das alles konnte die
tote Maus nicht mehr. -- Der Mäuseverein-Vorsteher sprach aber sehr schön
an des Verstorbenen Grab. Die weiße Maus, die ihn in ihrer Jugend geliebt
hatte, weinte, aber freute sich, daß die Witwe, die sie ihr ganzes Leben
lang beneidet, ihn nun auch nicht mehr habe.
Die braune kräftige Maus freute sich, daß der Verstorbene solche Haufen
Weizen hinterlassen, und ihm nun durch seine Witwe Gelegenheit gebe, die
Haufen zu genießen.
Die Witwe sogar trauerte dankbar. Dankbar dafür, daß er nun tot war.
Und zierlich führte sie ihr Schwänzchen an die Augen -- sie waren ihr
wahrhaftig feucht geworden.
[Illustration]
Die Ratgeber
Trübselig saß eine Henne im Sand, und blinzelte müde mit den runden
Augen. Sie fühlte sich krank, mochte nicht mehr Eier legen, auch nicht
spazieren, und nahm die fette Kellerassel, die der Hahn ihr bot, nicht an.
Er stand vor ihr, schön und stolz, und schüttelte seinen blutroten Kamm.
»Du hast dich überfressen,« sagte er, »faste, und morgen bist du wieder
gesund.« Er muß es wissen, dachte die Henne, denn er ist der Hahn.
»Wie du meinst,« sagte sie ergeben. Sie hatte keinen Appetit, daher ließ
sie die Assel sich vor dem Schnabel vorüberspazieren. Der Hahn stolzierte
der Wiese zu.
Die alte Pekingente, bei der sich jung und alt Rat und Weisheit holte,
hörte von dem Hahn, daß seine Lieblingshenne krank sei, und kam eilig
angewatschelt, den vom Alter braunen Schnabel in die Brustfedern gedrückt.
Sie sah das Huhn durchdringend an.
»Öffne den Schnabel.« Das Huhn riß ihn auf. »Wackle mit dem Schwanz.«
Das Huhn wackelte. »Plustere dich.« Das Huhn plusterte sich. »Du hast
den Pips,« sagte die Ente, deren Bauch bis auf die Erde hing, bestimmt.
»Äußerlich reibst du den Hals mit frischen Schnecken ein, innerlich
trinkst du angemachtes Ameisenwasser. Tue, was ich dir sage, und morgen
bist du wieder gesund.«
»Wie du meinst, Entenmutter,« sagte das Huhn. Es war überzeugt, daß die
Ente alles wußte, denn alle glaubten an sie. Es machte sich auf die Suche
nach Ameisen und Schnecken, mußte aber oft in die Furchen sitzen, denn es
war recht schwach. Die Alte wackelte schnatternd davon.
Die Pute des Nachbarn, die ebenso dumm als abergläubisch war, trippelte
heran, gluckte und sprach dem Huhn von einem unfehlbaren Sympathiemittel,
an das sie unverbrüchlich glaubte.
»Suche drei Federn des Hahns, die er an einem Sonntag verloren hat, nimm
die Schale von einem Erstlingsei, auf das die Henne nicht stolz war, und
einen Engerling, der noch nichts im Magen hat, verbrenne das alles und
laß den Tau darauf fallen. Die Asche wird dich heilen, so wahr ich schön
bin.« Sie schritt gespreizt, sich verneigend und immerfort glucksend,
davon. Das Huhn hatte seine rotgeränderten Augen aufgerissen und sich bei
der Pute bedankt. Es glaubte an ihre Kunst, und fing mühsam an, die Erde
nach Engerlingen zu durchwühlen.
Da kam zufällig die Hauskatze daher, die mit dem Huhn auf gutem Fuße
stand, und fragte, was es da mache.
»Dummes Zeug,« sagte sie, als die Henne sie über ihre Bestrebungen
aufgeklärt, »das ist alles Narretei. Daran glaubt kein kluges Huhn. Nein,
in Honig gekochter Mäusedreck ist gut für dich, der hilft über Nacht.«
Die gutmütige Katze strich sich den Schnurrbart und schob das entkräftete
Huhn der Scheune zu. »Dort finden wir, was wir suchen,« sagte sie.
Aber an dem Scheunentor stand der Hund und lachte Huhn und Katze aus, als
er hörte, was sie wollten.
»Was weiß die Katze! Die versteht nichts von Medizin,« sagte er
verächtlich. »Ich hole dir den Doktor, der hilft dir sicher.« Böse lief
die Katze davon, und der Hund geleitete die Kranke nach Hause.
»Wie du meinst,« sagte die Henne mit ihrer letzten Kraft. Im Hühnerhof
streckte die Bedauernswerte beide Beine von sich und atmete mühsam und
stoßweise.
»Sie muß besser genährt werden,« sagte eine gefräßige,
grünschillernde Ente, »gebt ihr doch zu essen.« Sie stopfte so viele
Regenwürmer, Käfer und Erde in den Schnabel des Huhnes, als hineingehen
wollte. Das gute Tier behielt den Schnabel gleich offen, damit die Ente
weniger Mühe habe. Die mußte es verstehen, einen Kranken zu nähren,
denn sie fraß selber den ganzen Tag. Alle Hühner, Puten, Perlhühner und
Truthähne standen im Kreis um das Huhn herum. Jedes tat sein Bestes mit
guten Räten. »Wie du meinst,« sagte das Huhn zu einem jeden. Zuletzt
konnte sie auch das nicht mehr sagen.
Da kollerte der Truthahn, blies sich auf, wurde rot und trommelte: »Fieber
hat sie. Ihr Leib ist zu heiß, sie hat zu viel Federn,« und er und seine
Henne ließen es sich angelegen sein, dem Huhn die Brustfedern auszurupfen.
Es zitterte heftig, wehrte sich aber nicht und sagte nichts. Sie mußten ja
wissen, was sie taten.
Da kam der Hund mit dem Doktor.
Er fühlte an der Kranken herum, sah ihr in den Schnabel, untersuchte ihr
die Augen, sah nach, ob es ihr am Vermögen zum Legen fehle und wollte eben
seine Verordnungen zum besten geben.
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Da wurde das geduldige Huhn plötzlich wütend. Es hatte genug. Es schrie
und gackerte gellend und heiser, rannte, als hätte es den Verstand
verloren, im Kreise herum, sprang in die Höhe, schlug sich den Kopf an die
Baumstämme, tobte und wütete, daß alle die Umstehenden entsetzt und in
großer Angst zurückwichen.
»Sie ist verrückt geworden,« dachte der Hahn und ergab sich in das
Schicksal, eine andere Henne zu seinem Lieblingshuhn ernennen zu müssen.
»Warum hat sie nicht getan, was ich ihr riet,« schnatterte die alte Ente
erbost. Sie vertrug alles, nur nicht, daß man ihren Rat mißachtete.
»Geschieht ihr recht,« brummte der Hund, »warum holt sie den Doktor
nicht und glaubt jeder dummen Katze.«
»Hätte sie Sympathie angewendet,« sagte die Pute leise zu einem
Perlhuhn. »Sie wäre munter wie ein Fisch im Wasser.«
»Geschieht ihr recht, warum nahm sie alle die fetten Kellerasseln, die ihr
der Hahn bot, und ließ uns keine übrig,« nickten zwei verrupfte Hühner,
die keinem Hahn der Welt mehr gefallen konnten, aber doch gern Leckerbissen
aßen.
»Jetzt gibt's Platz für mich,« dachte triumphierend das jüngste Huhn
und machte sich in die Nähe des Hahns.
Alle sahen auf das Huhn, das noch immer wie rasend herumtobte, endlich zur
Erde fiel und sich in den Stall schleppen ließ.
Dort verfiel es in einen tiefen Schlaf, schwitzte und wachte bis zum Morgen
nicht auf, denn es wagte sich niemand mit Ratschlägen an das Verrückte
heran. Am nächsten Tag war es wieder gesund und sagte guten Morgen.
Das künstliche Auge
Es war einmal einer, der ein künstliches Auge hatte. Das andere war ein
gewöhnliches Auge, wie es jeder Mensch besitzt.
Niemand begriff, warum der Mann Dinge sah, die kein anderer sehen konnte,
und warum er oft behauptete, es sei gar nichts da, wenn es alle anderen
sahen.
Es kam daher, weil er einmal mit dem natürlichen Auge die Dinge
betrachtete, und ein ander Mal mit dem künstlichen Auge. Öffnete er nur
letzteres, so verzerrte sich ihm alles, was er sah, und wechselte Form und
Farbe.