»Maulwürfe!« höhnte er die Leute, die kopfschüttelnd behaupteten, sie

begriffen gar nicht, was er sehe. Oder er lachte sie aus.

»Sie bewundern wieder, was nicht da ist!« sagte er achselzuckend.

Der Mann ging über Land. Es war ein anderer bei ihm, ein Maler mit

gewöhnlichen Augen. Der mit dem künstlichen Auge hatte eine mitleidige

Verachtung für ihn, der Maler fühlte sie, und es war ihm unbehaglich.

»Ewig diese grünen Bäume,« murrte der Mann, dessen künstliches Auge

noch schlief. »Es wird nachgerade langweilig! Grün! Solche altmodische

Farbe!« Da erwachte sein Auge.

»Donnerwetter! Sie sind ja gar nicht grün! Da ist ja alles Farbe! Glut,

Feuer! Fort mit den grünen Bäumen!«

Zögernd widersprach der Maler.

»Sie sind aber doch grün.«

»So, sind sie grün?« höhnte der andere, »weil ihr Blindschleichen sie

grün seht, sind sie grün, nicht wahr?«

Dem Hohn gegenüber sind die Leute feig. Darum schämte sich der Maler und

bekehrte sich rasch.

»Es ist wahr, sie sind rot!« sagte er zaghaft. Er sah sie zwar nicht

eigentlich rot, aber es schien ihm doch, als ob sie einen rötlichen

Schimmer hätten. Und bald kamen sie ihm rot vor, dunkelrot.

Darauf malte er ein Bild mit Bäumen, die wie in Blut getaucht aussahen,

und den mächtigen Strom, der sein Bild quer durchschnitt, machte er

ebenfalls rot. Auch das Gras, aber dieses mehr bläulich-rot!

Im Vordergrund krochen drei Schnecken, deren Fühlhörner sich berührten.

Der Maler wußte wohl, daß das Publikum sein himbeerfarbenes Bild nicht

ohne weiteres annehmen würde. Er nannte es daher: Seelenharmonie. Das

würde den Leuten zu denken geben.

Das Publikum stand vor des Malers Bild und lachte. Darauf schalt es. Dann

versuchte es die Seelenharmonie zu begreifen. Zuletzt schämte es sich,

daß es sie nicht begriff, und als es so weit war, hatte der Maler

gewonnenes Spiel. Alle Welt bewunderte die »Seelenharmonie«, und das

Museum der Stadt kaufte sie. Der Maler schrieb sich die Sache hinter die

Ohren.

Wieder ging der Mann mit dem Maler spazieren. Sein natürliches Auge

schlief, und nur das künstliche wachte. Er betrachtete den Wald.

»Hübsch, dieser Silberton,« sagte er daher. Diesmal versuchte es der

Maler nicht einmal, seinen eigenen Augen zu glauben. Er sah den Wald sofort

im Silberton, ging nach Hause und schuf ein Bild. Grau alles, einförmig,

nebelhaft, verschwommen. Im Vordergrund ein schmutzig grüner Sumpf, auf

dem eine gelbe Dahlie schwamm. »Toter Haß« hieß das Bild im Katalog.

Drei volle Tage brauchte das Publikum, bis es sich die rote Harmonie

abgewöhnt hatte, dann aber hob es mit Begeisterung den »Toten Haß« auf

den Schild. Und wieder nach drei Tagen sprach die Stadt von nichts anderem.

Der Maler trug einen schweren Geldsack auf die Bank.

Zum dritten Mal gingen die zwei über Land. Der Mann schloß seine beiden

Augen und spitzte dafür die Ohren.

»Hören muß man die Schönheit, nicht sehen!« rief er in Ekstase, »gar

nichts soll auf der Leinwand sein, damit man voll genieße, empfinde,

fühle!«

Der Maler malte ein Bild, und als er fertig war, sah die Leinwand aus, als

wäre sie leer.

»Ah!« rief der Mann, »ausgezeichnet! Feuchtes Holz, Moos, faules Holz!

Mord! Kühle Schauer zittern über meine Haut!« Er schloß die Augen.

Das Bild wurde zwischen zwei spitzen, schwarzen Bäumen aufgehängt,

Klapperschlangen wandten sich um die Stämme. Graue Schleier fielen in

geraden Falten über die Leinwand. »Mord« stand in langen verzerrten

Buchstaben auf dem Rahmen. Er hatte die Form eines Galgens.

Das Publikum kam. Keiner wagte laut zu atmen oder gar sich zu schneuzen.

Man empfand das Bild, fühlte es, nahm es auf.

»Ah!« seufzten alle. Ihre Seelen gingen auf den Fußspitzen. Ohne

Gänsehaut ging keiner aus dem Saal.

Der Mann und der Maler saßen auf einer der Ruhebänke. Der Mann mit dem

künstlichen Auge hielt sein natürliches Auge geschlossen, und der Maler

alle beide.

»Wie schwer er an seinem Bilde trägt,« sagten die Leute und betrachteten

sein blasses Gesicht.

Da kam ein Fremder zur Tür herein, mit blauen Augen und klarem Blick.

Erstaunt betrachtete er den Maler, das Publikum und das Bild. Dann lachte

er, laut und herzlich. Von dem Lachen zerrissen die Schleier vor dem Bild,

und man sah plötzlich, daß die Leinwand leer war, leer und öde. Da

fingen die Leute an sich zu räuspern, zu schneuzen, zu schwatzen und zu

husten. Man konnte ordentlich hören, wie ihnen die Augen aufgingen.

Sie scharten sich um den Maler. »Hinaus!« schrie die Menge zornig.

Der Mann mit dem künstlichen Auge war schon fort. »Warte es ab,« sagte

er zu ihm, »deine Zeit wird wieder kommen.« Da verkroch sich das Auge so,

daß gar nichts mehr von ihm zu sehen war. --

Die Richter

»Nein,« sagte die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen, »das

glaube ich nicht. So schlecht ist niemand.«

»Ich will ja auch nichts gesagt haben. Ich glaube es selber nicht.

Bestimmt kann es ja niemand behaupten ...« sagte der Maulwurf. »Aber

wissen Sie ...« Die Maus, deren Großmutter eine weiße Maus gewesen,

und die darum meinte, sie sei auch eine weiße Maus, zitterte mit den

Schnurrbarthaaren, so begierig war sie zu erfahren, was denn eigentlich

vorgefallen sei ...

»Ja wissen Sie.« Der Maulwurf strich sich über das behagliche Bäuchlein

und glättete seinen schwarzen Pelz, »man hat mir gesagt ... man hat sie

zusammen gesehen ...«

Aha. Eine Sie und ein Er. Die Maus mit der weißen Großmutter ringelte das

Schwänzchen. Es stand ganz steif in die Höhe. Vorne strich sie sich

sanft und bescheiden über das Schnäuzlein und schloß halb die glänzend

schwarzen Augen. »Ich bin eigentlich keine Freundin von derartigem. Sie

wissen, meine Großmutter ...« Der Maulwurf verbeugte sich.

»Ja, natürlich, ich weiß. Ich würde es auch gar nicht wagen, so etwas

weiter zu sagen, aber ... man hat sie zusammen gesehen. Es läßt sich

nicht leugnen. Sie waren in der Speisekammer.« Des Maulwurfs blinde

Äuglein blinzelten.

»Pfui,« sagte die Maus im Tone der weißen Großmutter. »Man sah sie im

Keller ...«

»Oh,« zirpte die Maus. Das Schwänzlein fiel erschöpft herunter. »Sie

haben zusammen an einer Kerze geknabbert.«

»Ah,« piepste die Enkelin der Seligen. »Und das alles, trotzdem ...«

»Was, trotzdem?«

»Trotzdem er für eine Mausin und ... neun Kinderchen, nackt und bloß,

ja, nackt und bloß, zu sorgen hat.«

»Es ist nicht möglich,« ächzte die Maus.

»Möglich und wahr.« Bestimmt sagte es der Maulwurf, und faltete seine

rosigen Patschchen über dem Leib. »Man muß mit ihr reden. So etwas

wollen wir nicht dulden. Ich will mich nicht heilig sprechen, aber so

etwas ... so etwas ...« Er schwieg.

»Sie haben recht,« sagte die Maus, und es schien ihr plötzlich, als ob

ihr Pelz heller würde und einen gewissen Glanz bekäme. »Man muß mit ihr

reden.«

»Ausgezeichnet,« nickte der Maulwurf beifällig, »das muß man. Sie

sollen wenigstens wissen, die Sünder, daß man weiß ...«

»Natürlich. Das wäre noch schöner, wenn sich zwei einfach lieben

könnten, ohne daß ... wie soll ich sagen ... einfach so ... ohne

weiteres ...« Der Maulwurf schwieg. Er war kein Redner.

Die Maus, deren ehrwürdige Großmutter noch weißer gewesen als je,

entschloß sich rasch.

»Ich rede mit ihr,« quietschte sie. Und sie ging stracks und redete mit

der Angeschuldigten.

»Es ist uns allen bekannt,« begann sie, »bekannt, daß ...«

»Bekannt, daß?« fragte die hübsche, braune Feldmaus. »Was?«

»Es fällt mir schwer zu sagen ... daß wir wissen ... daß Sie mit --

Sie wissen, wen ich meine -- zusammen in der Speisekammer gewesen sind, und

im Keller gewesen sind, und zusammen an einer Kerze genascht haben ... Ich

habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß wir dieses sträfliche Verhältnis

nicht dulden wollen. Nein, wir wollen nicht, daß zwei unerlaubterweise und

so ohne weiters glücklich zusammen seien, und wir meinen ...«

»Was? Was wollen Sie eigentlich sagen? Was für ein Verhältnis? Der --

und ich?« Die Maus, die die schwere Aufgabe übernommen, der hübschen

Feldmaus mitzuteilen, daß sie sich nicht ungestraft einem sträflichen

Glück hingeben könne, saß auf ihren Hinterpfötchen, ringelte zierlich

das graue Schwänzchen, drehte den Schnurrbart und besah sich zufrieden.

Sie war weiß geworden, so weiß, wie ihre selige Großmutter nie gewesen.

Wahrhaftig.

Die braune Feldmaus aber hatte der Schlag getroffen vor Entrüstung über

die ungerechte Anklage.

»Ein Gottesgericht,« sagte nachher die weiße Maus zum Maulwurf. Sie

gingen und riefen den Totengräber, daß er seines Amtes walte.

[Illustration]

Schicksal dreier Freunde

(Ein Scherz)

In der Herberge »Zum harmlosen Haustier« waren unter anderen auch drei

Handwerksburschen eingekehrt, ein Floh, eine Laus und eine Wanze. Sie waren

aus südlichen Ländern gekommen und wollten es nun für einige Zeit mit

dem Norden versuchen.

Überhaupt, sie wollten die Welt kennen lernen. Da sie nun ungefähr alle

dasselbe Ziel hatten, so ziemlich dieselben politischen Ansichten und alle

drei italienisch verstanden, so verband sie bald eine feste Freundschaft.

Die Wanze entstammte behaglichen Verhältnissen. In einem reichen

Bauernhaus hatte sie das Licht der Welt erblickt, und sich auch -- einem

Vertrag gemäß, den die Familie seit Generationen besaß -- von dem Blut

der angesehenen Familie genährt, zu der gehörig sie sich betrachtete.

Es war mehr Neugier als Notwendigkeit, die sie bewog, ihren reichen

Brotkorb zu verlassen und aufs Ungewisse in die Welt hinauszureisen. Aber

warne einer die Jugend. Vater und Mutter Wanze konnten nichts anderes tun,

als ihren Sohn neu ausstatten, und ihm den einzigen weisen Spruch mitgeben,

den sie kannten: Laß dich nicht erwischen.

Bei der Laus standen die Sachen anders. Sie war hinterm Zaun geboren, unter

Zigeunern. Da war keine Seßhaftigkeit, kein Eigentum, kein Respekt vor

Mein und Dein. Die Köpfe der Leute gehörten jedem, der kam und sich

ansiedelte. Gefiel es einem nicht mehr auf diesem Kopf, so probierte man

es auf jenem, kurz, der Laus war das Zigeunertum so in Fleisch und Blut

übergegangen, daß sie es bei ihrem Stamm nicht mehr aushielt und sich

schleunigst auf Reisen begab. Ihr größter Feind war die Seife, und sie

war so darauf eingewöhnt, sie von weitem zu riechen, daß es ihr kaum je

geschah, sich auf einem Kopf niederzulassen, der mit Seife in Berührung

gekommen. Sie erwartete viel von der Zukunft; die größten Abenteuer und

die kühnsten Unternehmungen schreckten sie nicht ab. Ihre Devise war: Ich

verfolge meine Feinde.

Der Floh war Sozialdemokrat vom reinsten Wasser. Nicht nur, daß seine

Familie sich seit Generationen in Rot kleidete, nicht nur, daß sein Vater

auf dem Felde der Ehre gestorben, sondern seine Mutter hatte ihn zur

Welt gebracht, als sie eben der Rede eines berühmten Sozialistenführers

lauschte, und dessen kostbares Blut war seine erste Nahrung gewesen. So

glaubte er sich zu hohen Dingen ausersehen, und ging in die Welt hinaus mit

dem Feuer der Begeisterung.

Blut ist ein ganz besondrer Saft, stand auf seinem Gürtel eingestickt.

Diese drei also waren es, die sich im »Harmlosen Haustier« gefunden

hatten. Sie plauderten bis spät in die Nacht hinein und machten sich am

andern Morgen in aller Frühe auf, um Arbeit und ein Unterkommen zu suchen.

Eine Viertelmeile vor der Stadt machten sie Halt. Sie waren an einem

Kreuzweg angekommen und wollten sich da trennen. Vorher aber versprachen

sie, sich an einem bestimmten Tag wieder zusammenzufinden, um von da aus

gemeinsam weiter zu reisen, ihrer Heimat, Italien, zu.

Der Floh war der erste, der die zwei anderen verließ. Ein rüstiger

Wandrer, der eben vorüberging, diente ihm als Fortbewegungsmittel. Der

Floh hatte sich auf einen Stein gestellt, und war eins, zwei, drei, dem

Burschen auf die Schulter gesprungen. Es dauerte keine Minute, bis

des guten Mannes Hand tastend über den Rücken fuhr, woran die zwei

Zurückgebliebenen merkten, daß der Floh frühstückte.

Darauf machte sich die Wanze auf den Weg. Sie mußte ziemlich lange gehen,

ehe sie einen mit Stroh gefüllten Wagen traf, an dem sie hinaufkletterte

und sich verbarg. In dem Stroh waren Güter, die zur Eisenbahn geführt

werden sollten, und so kam die Wanze bequem in die große Stadt.

Die Laus, die als Letzte zurückblieb, wartete geduldig. Um die

Mittagsstunde kam ein Vagabund, der sich unter einer Linde am Weg

niederlegte und sein Mittagsschläfchen hielt. Die Laus bezog ihn und war

froh, auf diese Weise bis zur nächsten Stadt transportiert zu werden, von

wo aus sie nach Osten weiter reiste. --

Der Tag war da. Die Sonne schien warm auf die Linde, die am Wege stand, und

die neugierig war zu erfahren, wie es den drei Burschen wohl ergangen sei,

die sich versprochen hatten, unter ihrem Schatten wieder zusammenzutreffen.

Da sah man von ferne die Wanze daherkommen. Wohlgenährt und behäbig sah

sie aus. Aufs schönste parfümiert und poliert. Sie ließ sich an dem

kleinen Abhang nieder, der neben der Landstraße zum Sitzen einlud, und

wartete auf ihre Gefährten. Sie mußte lange warten, nichts ließ sich

sehen weit und breit.

Sie wollte schon aufbrechen, um im nächsten Dorf Einkehr zu halten, da

hörte sie ein lautes Summen, und ein Bienchen ließ sich neben ihr nieder,

das ihr mit einer Verbeugung einen Brief überreichte. Erstaunt nahm die

Wanze den Brief, öffnete ihn und las mit höchster Überraschung, was die

Laus schrieb:

»Liebe Freunde. Es ist mir leider unmöglich, heute an unserer geplanten

Zusammenkunft teilzunehmen. Meine Stellung erlaubt mir nicht, mich auch nur

einen Tag von hier zu entfernen, -- ich bin nämlich in Belgrad, Serbien --

denn es lauern zu viele darauf, sie einzunehmen.

Ich kam vor einem Jahr nach Belgrad auf dem gewöhnlichen Weg, Eisenbahn

vierter Klasse, mit einem Slovaken. Von da zog ich zu einem Soldaten, einem

Unteroffizier, später wurde ich ins Offizierskasino eingeführt durch

einen der Burschen, und nachher war es nicht mehr schwer, mich zu den

höchsten Stellen emporzuschwingen.

Kurz und gut: Ich war anwesend, als ein gewisses Telegramm vorgelesen

wurde, kurz vor der Ermordung des Königspaares. Ich merkte mir alles, was

geredet wurde, und verbarg es still in meinem Herzen. Nachdem ein neuer

König den Thron bestiegen, versuchte ich, in seine Nähe zu gelangen, und

ich erreichte es verhältnismäßig leicht. Ich wartete den Augenblick

ab, in dem der Herrscher vor seiner Privatschatulle saß und darin wühlen

wollte. Ich trat vor und sprach:

»Majestät,« sagte ich, »ich bin Mitwisser wichtiger Geheimnisse. Will

Majestät mir eine verbürgte und verbriefte Stellung als Ober-Hof-Laus

anweisen, so bewahre ich dies Geheimnis in meinem treuen Busen. Wenn nicht,

so habe ich Zeugen, um meine Aussage zu bestätigen. Sollte mir etwas

passieren, so sind meine Memoiren an sicherer Stelle niedergelegt.

Majestät wähle.«

Majestät wählte, und ich bekam die Stelle als Ober-Hof-Laus. Da

höchstdieselbe mir nicht ihr eigenes Haupt anbieten durfte -- die Serben

halten streng darauf, daß ihr König nur die besten Seifen gebrauche --

so konnte ich nach Belieben auswählen, wo ich meine Residenz aufschlagen

wollte. Seither lebe ich in Freuden und Herrlichkeit, und ihr werdet wohl

begreifen, daß ich keine Lust habe, mich weiter zu begeben. Ich teile euch

auch mit, daß ich meine Devise: Ich verfolge meine Feinde, umgeändert

habe in: Üb immer Treu und Redlichkeit, und euch ersuche, davon Vormerkung

nehmen zu wollen. Im übrigen bitte ich euch, mein teures Vaterland zu

grüßen, wenn ihr dorthin zurückkehrt.

Euer getreuer

Janos-Laus, Ritter des Georgienordens 1.

Starr vor Staunen hatte die Wanze gelesen. Dem ist es noch besser gegangen

als mir, dachte sie.

Denn auch sie war in recht angenehmer Stellung gewesen. Als sie in

Berlin ausgepackt wurde, befand sie sich in der Wohnung der ersten

Hof-Opern-Sängerin. Es schien der Wanze ein Ort zu sein, wo es sich leben

lasse. Sie kroch still in ein reich mit Spitzen besetztes Bett und hoffte,

die reizende, zarte Italienerin, die sich im Zimmer befand, möchte die

Besitzerin des Bettes sein. Und ihre Hoffnung betrog sie nicht.

Als sie in dunkler Nacht das süße Blut der Dame kostete, durchrieselte

sie ein langentbehrtes Gefühl. Italienerblut, das geliebte, belebte sie.

Sie vergaß der Vorsicht. Ein Lichtstrahl traf sie, und: Wanze, rief

eine helle Stimme in der Sprache ihrer Heimat, denn auch die Italienerin

grüßten durch das Tier italienische Erinnerungen. Die Diva setzte die

Wanze wieder sorgfältig unter die Matratze ins Dunkle. Dort blieb sie und

wurde dick und fett. Dennoch packte sie das Heimweh, so daß sie sich nun

auf der Reise nach der Heimat befand. --

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und noch war kein Floh zu sehen. Die

Wanze wurde ungeduldig. Sie sah sich suchend um und bemerkte ein Stück

Zeitungspapier, in das ein reisender Handwerksbursche seine Wurst gewickelt

und weggeworfen haben mußte, denn es waren Fettflecke darauf. Die Wanze

begann aus Langerweile darin zu lesen. Ihre Augen wurden größer und

größer.

In dem Blatt stand gedruckt: Majestätsbeleidigung. Wieder wurde das

Verbrechen begangen, das in letzter Zeit unsere Polizei und

unsere Staatsanwälte ihrer kostbaren Zeit beraubt. Wir meinen die

Majestätsbeleidigung. Zum Glück trifft es diesmal nicht einen

Untertanen der Majestäten, sondern einen Italiener, aus bekannter,

sozialdemokratischer Familie, einen Floh, der seiner verdammenswerten

Gesinnung in den Worten Ausdruck gab: Blut ist ein ganz besondrer Saft, die

auf seinen Gürtel eingestickt waren. Besagter Floh konnte sich -- wie

es zuging, ist uns durchaus unbegreiflich -- bis in die Gesellschaft

einschleichen, welche die Ehre hatte, mit einer hohen Persönlichkeit den

Abend zu verbringen.

In gänzlich schamloser Weise rühmte sich der Angeklagte später bei

seinesgleichen, er habe das Blut des Kronprinzen getrunken, und -- darin

bestand eben die Ruchlosigkeit -- es habe ihm nicht besser geschmeckt als

anderes auch.

Für diese Beleidigung eines hohen Herrn wurde der Angeklagte zu vier

Jahren Zuchthaus verurteilt, was jeden treuen Untertanen des prinzlichen

Hauses mit Genugtuung erfüllen muß.

So las die Wanze, und sie konnte nicht im Zweifel sein, daß es sich um

ihren Freund handle. Schmerzlich bewegt von seinem Schicksal raffte sie

sich auf und begab sich auf die Heimreise.

Oft gedachte sie des Janos-Laus am serbischen Hof und des Flohes, der im

Gefängnis, seiner Überzeugung treu, schmachtete. Später hörte sie, daß

er in einem Anfall von Wahnsinn sich auf den Wärter gestürzt, und

daß dieser ihn einfach zerdrückt habe. So endete der hoffnungsvolle

Sprößling einer für die gute Sache begeisterten Familie.

[Illustration]

Der Goldfasan

Die Türe des Hühnerhofes knarrte. Man schob ein goldenes Etwas herein.

Es flatterte herum, kreischte, beruhigte sich und sah sich um. Es war ein

Goldfasan.

Er überblickte die Hühner und Enten, die ihn verwundert anstarrten,

senkte hochmütig die Augenlider, hob den Schnabel und sagte: »Ich bin

ein Goldfasan!« Dann sah er sich um, welchen Effekt seine Worte auf die

Hühner gemacht hatten.

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!« sagte der Hahn im Namen

aller. »Ein aufgeblasener Kerl,« dachte er dabei.

»Ein recht gewöhnlicher Patron,« urteilte der Fasan über den Hahn. Er

ging langsam auf und ab, seine Schwanzfedern schleiften auf der Erde, und

seinen goldenen Kragen schob er unaufhörlich nach vorn, erst nach links

und dann nach rechts. Dann sah er sich wieder um, was die Hühner wohl dazu

sagten. Er konnte zufrieden sein.

»Ein ausnehmend vornehmer Vogel,« sagte die Gelbe.

»Das ist etwas anderes als unser Hahn,« gluckste die Graugesprenkelte.

»Du, sieht man, daß mein Kamm erfroren ist? Ist er blau?« fragte ein

großes, schwarzes Huhn mit riesigem Kamm.

»Nein,« sagte die Gelbe. Aber man sah es doch.

»Sieh, wie trübselig sich unser Hahn ausnimmt, den herrlichen, goldenen

Federn des Fasans gegenüber. Der muß reich sein.«

»Und vornehm!« sagte die Graugesprenkelte.

Ein sehr schönes, weißes Huhn mit großem, rotem Kamm spazierte am

Fasan vorbei. Es war des Hahns Lieblingshenne. Der Goldene machte seine

schönsten Bücklinge und schob den Kragen unaufhörlich nach vorne, daß

es gleißte und glänzte.

»Wie herrlich ist Ihr Gefieder, schöne Italienerin.«

»Bitte!« sagte sie und rauschte mit den Federn.

»Und welch herrliches Rot schmückt Ihren Kamm! Nie sah ich dergleichen!«

rief feurig der Goldfasan.

»Bitte!« gluckste verschämt das Huhn.

»Gehören Sie dem Hahn hier?« fragte der Goldfasan.

»Ja, bis jetzt!« sagte das Huhn. Des Goldfasans Kragen schnellte nach

vorn, er blies sich auf, er rasselte mit den Federn und schüttelte sich.

Er funkelte förmlich.

»Wenn ich Sie zu einem Gang durch die Wiesen einladen dürfte?« fragte

er.

»Ach bitte, ja!« gackerte schmelzend das Huhn. Sie gingen. Durch das hohe

Gras glänzte es golden und schimmerte es weiß. Der ganze Hühnerhof sah

den beiden nach.

»Es hört einfach alles auf,« sagte eine behäbige Henne mit zehn

schwarzen Kücken, »einfach alles!«

»Und begreifst du, daß er unter allen gerade die Weiße ausgewählt

hat? Das dumme Ding, fade wie Bohnenstroh?« fragte ein junges, schwarzes

Hühnchen.

»Aber schneeweiß!«

»Schneeweiß! Dem Hahn gefällt schwarz besser!«

»Was willst du denn mehr? Oder hätte der Goldene dort auch schwarz

schöner finden sollen?«

Der Hahn stand auf dem Mist und scharrte Körner heraus und Regenwürmer

für seine Hühner. Er krähte laut und schmetternd, daß man es über zwei

Wiesen hören konnte. Stolz überflogen seine Augen seine wohlgenährte und

wohlgehütete Schar.

»Hahn! Du solltest auch so glänzende Federn haben,« sagte eines der

Hühner und betrachtete geringschätzig die schöngebogenen, grünen

Sicheln des Hahns.

»Und einen bronzenen Rücken!« kritisierte ein zweites.

»Und einen goldenen Kragen!« piepste das junge Hühnchen.

»Ich bin, wie ich bin,« sagte der Hahn. »Wer fort will, kann gehen.«

»Sei nur nicht gleich so grob,« schalt das graugesprenkelte Huhn, das

vorhin dem Goldfasan zugehört hatte, als er mit dem weißen Huhn sprach,

»wir wollen uns das nicht gefallen lassen.«

Das schneeweiße Huhn kam zurück mit seinem Begleiter. Die ganze

Hühnergesellschaft umstand den glänzenden Vogel und bewunderte ihn.

Gravitätisch kam der Hahn geschritten.

»Fasan! Das weiße Huhn gehört zu mir. Du mußt mit mir darum kämpfen.«

Der Fasan war kein Feigling. Er blähte sich und stellte sich in Positur.

Lange standen sie so, Auge in Auge, den Hals gestreckt, die Sporen bereit.

Dann schossen sie aufeinander los und hackten sich mit den Schnäbeln. Und

plötzlich standen sie wieder unbeweglich einander gegenüber.

Goldene und grüne Federn flogen herum, und goldene und grüne Federn lagen

auf der Erde um die zwei Kämpfer.

Leise gackernd und glucksend standen die Hühner im Kreise herum. Die

Schneeweiße tat, als gehe sie die Sache nichts an. Sie zerhackte einen

Regenwurm und schielte dabei unter ihrem Kamm hervor nach Hahn und Fasan.

Plötzlich ertönte ein sonderbarer, krähender Schrei, der Hahn taumelte,

kreischte, flatterte und lag auf der Erde. Blut lief über die Federn des

Halses und färbte sie dunkelrot. Der Verwundete zuckte, schlug mit den

Flügeln und wurde still. Dann schnappte er nach Luft und war tot.

Es erhob sich ein großes Gegacker, ein Wehklagen und Jammern und Piepsen.

»Wer sucht uns nun die Käfer? Und die guten, zarten Regenwürmer? Wer

beschützt uns vor dem Habicht? Wer? Wer?«

»Ich bin nun euer Beschützer,« sagte der Goldfasan, und die Hühner

gaben sich zufrieden.

Das Schneeweiße stand neben ihm und strich zärtlich eine Feder glatt an

seinem goldenen Halskragen.

»Ich liebe dich ewig,« sagte der Goldfasan zu ihr. Das italienische Huhn

schloß die Augen vor Glück.

Am nächsten Tag war der Goldfasan verschwunden.

Die Hühner saßen ganz verstört auf dem Mist und sahen hinüber in

den Nachbarshof, wo unter Fasan und bronzenen Puten der Goldfasan

herumspazierte, ohne auch nur einmal den Hals nach der verlassenen Schar zu

drehen.

Die Schneeweiße flog auf den Zaun, sah sehnsüchtig hinüber und gluckste.

Der Fasan sah sie, senkte die Lider, hob den Schnabel und schob seinen

Kragen vor. Dann ging er mit seiner goldenen Gefährtin weiter.

Amoralische Fabeln · 第 4 / 5 段