Er berührte den silberschimmernden Atlas der Narzisse mit den zarten

Flügeln. Die Biene flog mürrisch summend davon, dem Garten zu, wo ihr

Korb stand. Sie flog mit ihren beschwerten Füßen langsam an der blauen

Roßfliege vorüber, die eben heimkehrte in der Mitte ihrer Anbeter.

»Faulenzer,« brummte die Biene.

In der Nacht kam ein Frost. Am Morgen lagen sie alle starr und steif am

Boden, die Fliegen, die Biene und der Schmetterling. Auf dem Rücken lagen

sie und streckten die Beine gen Himmel. -- Über ihnen lächelten die

Sterne.

Der Gesangverein

Mitten in einem Steinbruch lag ein Tümpel, der von großen Blättern

beschattet war, und wo der Gesangverein »Froschenia« seine Übungen

abhielt. Jeden Donnerstag Abend.

Es war ein feiner Gesangverein, und nur feine Leute sangen mit. Waren

andere Elemente eingetreten, so wurden sie rechtzeitig hinausgeekelt.

Sämtliche Mitglieder hatten Grün als ihre Farbe erwählt, und so

erschienen bei den Übungen die Damen in grünen Roben, die Herren in

ebensolchen Fracks, mit weißen oder gelben Piquéwesten*.

* Die Verpflichtung, nur grün gekleidet den Übungen beizuwohnen,

hielt auch Unbemittelte fern. Sie waren nicht erwünscht.

Es war kurz vor acht Uhr. Man fand sich immer ein paar Minuten vor der Zeit

ein, teils um des notwendigen, sehr beliebten Flirts willen, teils um die

ebenso berechtigte Medisance zu Wort kommen zu lassen.

Nur die ganz jungen Fräuleins kamen naiv um des Singens willen, sie

schwärmten aber für den Kapellmeister. Daß er verheiratet war, tat

nichts zur Sache, da die Backfische gänzlich wunschlos schwärmten.

Der Meister kam und bestieg sein Pult.

»O Gott!« sagten die ganz jungen Fräuleins und sahen sich errötend an.

Die älteren Damen warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu; denn der Musiker

hatte mit einer unter ihnen einen kurzen Gruß getauscht. Man wußte, daß

sie einander sehr genau kannten.

»Ekelhafter Patron,« näselte ein Student, »glaubt sich hier Hahn im

Korb.« Die Studenten waren wütend, weil sie von den Backfischen nicht

beachtet wurden; die hatten nur Augen für den verehrten Meister.

Der Kapellmeister gab das Zeichen zum Beginn. Man übte aus Carmen.

»Ich bitte die Bässe gefälligst beginnen zu wollen!« rief der Dirigent.

Alle erhoben sich, und: Mut in der Brust, siegesbewußt! erscholl es unter

den großen Blättern.

»Halt! Etwas mehr Feuer, muß ich bitten!« rief der Kapellmeister. Also

noch einmal: Mut in der Brust, siegesbewußt! Diesmal wurde der Chor zu

Ende gesungen.

»Meine Herren,« schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen, um

einmal den vollen Eindruck eines derartigen Singsangs zu bekommen! Meine

Herren! Ist das gesungen? Das ist geleiert. Haben Sie denn keine

Ahnung, was das ist: Mut in der Brust? Hat denn noch keiner von Ihnen

Siegesbewußtsein empfunden! Mut ist -- --«

Da patschte es im Wasser, ein roter Schnabel wurde sichtbar, und ein paar

lange Beine traten mitten zwischen die grünen Herren und Damen.

Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen, huschten, schwammen und

quiekten sie durcheinander und waren im Nu verschwunden. Der Storch hatte

das Nachsehen und schrie höhnisch: »Jawohl! Mut in der Brust! Ihr seid

mir die Rechten!« Dann suchte er sich anderswo sein Nachtessen.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sich einer der Herren Frösche

hervorwagte, dann ein zweiter und dritter. Endlich war die ganze

Gesellschaft wieder beisammen. Sie waren noch ganz aufgeregt von dem

Abenteuer. Der Dirigent begab sich an sein Pult, bedeutend milder gestimmt,

klopfte dreimal mit seinem Stab und rief: »Meine Herren und Damen! Ich

bitte um das Lied: Ein Veilchen auf der Wiese stand!« Das Lied wurde mit

Empfindung gesungen, und mußte nur ein einziges Mal wiederholt werden.

Da aber der Meister beim Schluß des Liedes die Augen jedesmal nach der

vorerwähnten Dame verdrehte, begann ein Backfisch zu kichern, andere

fielen ein, es lachten die älteren Fräuleins, es lachten die Damen, die

Herren, zuletzt alle.

Wütend klopfte der Kapellmeister.

»Ich bitte die ungezogenen Backfische den Saal zu verlassen!« schrie er.

»Was! Ungezogenen Backfische!« brüllten die Studenten, »das lassen wir

uns nicht gefallen!« Sie stürmten das Dirigentenpult, packten den armen

Musiker an den Beinen, und in hohem Bogen flog er ins Wasser.

Die Übung war aus. Arm in Arm verließen die Studenten mit den Backfischen

das Lokal. Diese schwärmten nun für ihre Verteidiger, die ihren Vorteil

wahrnahmen. Hinter jedem Blatt saß ein Pärchen.

Die Damen waren vorsichtiger; sie trafen sich mit den betreffenden Herren

erst weit draußen und benutzten die Schatten der Binsen.

Die älteren Herren aber zogen in den »Goldenen Frosch«, um den heutigen

Abend durchzusprechen. Die Stimmung war sehr animiert, es wurde viel

getrunken. Nach Mitternacht schwankte eine Reihe grünbefrackter Gestalten

nach Hause und sang: Mut in der Brust, siegesbewußt! mit so viel Verve und

Feuer, daß auch der Kapellmeister zufrieden gewesen wäre!

[Illustration]

[Illustration]

Das kluge Huhn

Im Hühnerhof war große Gesellschaft. Von überall her waren die Hühner

und Enten eingeladen. Zu einem Gericht frischer Maikäfer hieß es, in

Wahrheit aber um die neue Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Es ging das

Gerücht in der Gegend, daß sie eine Andalusierin sei. Und das mußte wahr

sein, denn tief schwarz war das Gefieder, und blau die Bäcklein, wirklich

blau. Andere Spanier, Minorka zum Beispiel, hatte man ja auch schon

gesehen, aber Andalusier noch nie.

Die Fremde benahm sich wirklich nett. Sie begrüßte jede der Hennen

einzeln, und nur ganz kurz den Hahn.

Sie beantwortete sämtliche Fragen mit »Ja« oder »Nein«. Selber fragte

sie nichts.

Nur bei den Hennen, die Junge hatten, forschte sie eifrig, ob alle die

Kleinen gesund seien, und fügte hinzu, daß sie selten so hübsche Jungen

gesehen habe.

Diese weise Frage hatte sie von ihrer Großmutter.

»Kücken,« hatte die gesagt; »du gehst nun in die weite Welt. Klug bist

du nicht. Also gibt es für dich nur zweierlei zu beobachten: Begegnet

dir ein Hahn, so sei schweigsam, und begegnet dir ein Huhn, so lobe seine

Jungen. Beide werden deine Klugheit preisen.«

Die einzige Klugheit des spanischen Kückens war aber die, daß es seiner

Großmutter gehorchte. Und auch diese Klugheit verdankte es nur seiner

Dummheit. Es fiel ihm leichter zu gehorchen, als selbst zu denken.

Der Rat des alten spanischen Huhnes bewährte sich.

»Es ist wirklich eine gescheite Henne,« sagten die mütterlichen Hühner.

»Das ist sie,« bestätigte der Hahn und fügte anzüglich hinzu:

»Wenigstens gackelt sie nicht den ganzen Tag wie gewisse andre. Sie muß

klug sein.«

Nun war die Parole ausgegeben. Die kluge Spanierin wurde sie überall

genannt.

»Sie kann reizend zuhören,« sagten die guten, schwatzhaften Hühner und

merkten nie, daß die Fremde bei ihren Erzählungen die Augen geschlossen

hatte und träumte.

»Und so bescheiden ist sie,« sagte die alte Ente. Sie konnte es nicht

leiden, wenn ihr jemand widersprach, ganz besonders wenn es junge Leute

waren. Die Jungen hatten »Ja« zu antworten, und damit basta.

Und »Ja« antwortete die Spanierin immer, warum hätte sie »Nein« sagen

sollen? Es war ihr ja ganz gleichgültig, was die Alte da behauptete.

Der Hahn aber liebte seine schwarze Andalusierin sehr. Sie bewunderte ihn

schweigend. Mit kindlichen, runden Augen sah sie zu ihm auf. Sie schwieg,

wenn die anderen gackelten. Sie lief immer dicht hinter dem Hahn und ging

nie eigene Wege. Auch hatte sie nie eine eigene Meinung.

Später hatte die Spanierin Junge. Reizende, schwarze, kleine Geschöpfe.

Sie hütete und fütterte sie und lief nie von ihrer Seite. Das tut ein

Huhn aus Instinkt, dazu braucht es keinen Verstand.

Als sie aufwuchsen, gab es freilich Hindernisse.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte einer der jungen

Gockel.

»Du mußt »ja« und »nein« sagen und die Kücken der Hennen loben,«

sagte das Huhn. »Das hat mich meine Großmutter gelehrt, und ich bin gut

damit ausgekommen.«

Das Huhn sah nicht, daß hinter dem Zaun eine schöne, bunte Katze saß,

mit feurigen, gelben Augen, die das Gockelchen unverwandt anstarrte. Es

lief auf sie zu. Die Katze packte es und trug es im Maul davon.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte auch eines der

jungen Hühnchen.

»Du mußt dem Gockel gefallen, das hat schon meine Großmutter mich

gelehrt,« sagte das spanische Huhn und warnte das Hühnchen nicht vor dem

Habicht, der mit gierigen Augen über dem Hühnerhof kreiste. Er schoß

herab und packte das Hühnchen mit seinen scharfen Krallen.

Auch die andern Kücken kamen gelaufen.

»Was ist das Schönste in der Welt?« fragten sie.

»Das Schlafen,« sagte die Andalusierin und schloß ihre Augen. Die

Kücken schlossen auch ihre Augen.

Sie sagten des ganze Leben »ja« und »nein«. Sie fraßen und schliefen.

Als das spanische Huhn starb, hielt der Hahn die Grabrede. Er nannte die

Andalusierin die Klügste des Hühnerhofes.

»Des Hühnerhofes,« nickte klappernd der Storch und flog davon.

[Illustration]

Der alte Schafbock

In der Schafherde lebte ein alter Bock. Er war nicht liebenswürdig

gewesen, als er jung war, und er glaubte nun das Recht zu haben, noch viel

weniger liebenswürdig zu sein, da er alt geworden. Um seines Alters willen

mußte die ganze Herde sich ihm beugen. Einzig gegen die jungen Schäfchen

war er freundlich, und die hätten es lieber gehabt, wenn er weniger artig

gewesen wäre. Dies fanden auch die jungen Böcke. »Das Recht des Alters«

nannte es der Schafbock, wenn er an den Lämmern herumschnüffelte.

Er hatte aber noch andre Eigenschaften.

Meistens erzählte er lange, langweilige Geschichten, und vergaß im

Laufe der Erzählung das Ende. Er fing dann von vorne an und erzählte

die Geschichte noch einmal. Aber dann passierte es ihm leicht, daß er die

Pointe einer andern Erzählung dieser anfügte. Das merkten aber nur die

andern, er selbst nie.

Man sah es ihm immer an, wenn er erzählen wollte, er hatte dann einen

matten, in sich gekehrten Blick. Wer ihn bemerkte, nahm Reißaus. Nur

die ganz Jungen nicht, die sahen nie, was ihnen drohte; noch nicht einmal

merkten sie es, wenn der Alte sie zu sich rief.

»Laßt euch einmal erzählen, wie zu meiner Zeit die Alten behandelt

wurden,« sagte er dann, und die Helden seiner Geschichten wurden jedesmal

tugendhafter, und die Böcklein, die zuhörten, kamen sich jedesmal

gemeiner vor, wenn sie sich mit den Altersgenossen des alten Schafbockes

verglichen. Aber wieder nur die ganz Jungen.

Die andern kannten die Form, nach der die schönen, moralischen Lügen

geprägt wurden.

Der alte Bock hatte aber nicht nur Belehrendes zu erzählen. Stand er unter

den Schafen, so ging es nach einer andern Melodie, und hatte er sich gar an

die Jungen herangeschlichen, so hörte er überhaupt mit Erzählen auf, und

die Lämmlein mußten sich von ihm lecken lassen, so sehr ihnen vor seinen

kahlen Stellen im Pelz und seinen roten Augen ekelte.

»Denkt, ich sei euer Großvater, meine Lämmchen,« sagte er. Aber das

dachten sie nicht und sprangen bei der ersten Gelegenheit davon.

Der alte Schafbock hörte nicht mehr gut, deshalb mußte jedes Wort, das

in seiner Gegenwart gesprochen wurde, wiederholt werden, auch das

gleichgültigste.

»Das ist das Recht des Alters,« behauptete er auch da. Zudem nahm er

alles übel, und die Jungen mußten um Verzeihung bitten, wenn sie es schon

nicht böse gemeint hatten.

»Das ist die Pflicht der Jugend,« sagte er. Er hatte auch ein schlechtes

Gedächtnis und wiederholte fortwährend dasselbe. Wenn den andern die

Geduld ausging, und sie über ihn weg zusammen redeten, wurde er wütend.

»Nie wäre so etwas zu meiner Zeit möglich gewesen,« schrie er. »Die

heutige Jugend ist entartet, der Respekt vor dem Alter ist tot!«

»Warum soll man eigentlich gerade vor dem Alter Respekt haben?« fragte

ein kräftiges Böcklein.

»Warum? Warum?« Der Alte schnappte nach Luft. Er erstickte fast vor Zorn.

Er schnaufte und nieste und schäumte und bespritzte die Umstehenden. Aber

als er fertig war, fand er doch keine Antwort.

»Darum!« mähte er endlich heiser. »Ich verlange Respekt von euch, das

ist mein Recht! Ihr habt zu schweigen, wenn ich rede, ihr habt zuzuhören,

wenn ich erzähle, ihr habt stillzuhalten, wenn ich euch liebkose. Ihr habt

mir nicht zu widersprechen, wenn ich etwas behaupte, und ihr habt mich zu

ehren und zu lieben und zu achten.« Erschöpft schwieg er.

»Warum?« fragten sie wieder. »Wir wollen wissen warum!«

»Weil ich alt bin!« Der alte Schafbock ging seinem Stalle zu, um zu

schlafen.

»Wenn er freundlich wäre,« sagten die Schafe, »wir wollten ihm gerne

helfen und ihm dienen!«

»Wenn er würdevoll wäre,« sagten die jungen Böcklein, »wir wollten

ihm gerne gehorchen.«

»Wenn er weise wäre,« sagten die alten Schafe, »wir hörten gerne

seine Lehren. Aber er ist nur alt. Hat er darum ein Recht auf unser aller

Wohlbehagen?«

»Nein,« schrien alle, »er hat keines! Wir wollen ausziehen und uns

belehren über die Rechte des Alters.« Die ganze Schafherde ging über

Land.

Sie fanden ein altes Pferd auf der Weide. Still und ruhig graste es.

Sprangen unerfahrene, junge Pferde zu nahe an den Fluß, so hielt es sie

auf. Den Füllen wehrte es die Fliegen. Wollten die Pferde in wildem

Jagen ihre Glieder üben, so stand es beiseite, und freute sich der tollen

Sprünge und gedachte dabei der eigenen Jugend. Und die jungen Pferde

suchten die saftigsten Kräuter und führten das alte Pferd dorthin. Sie

rieben sich schmeichelnd an ihm und scherzten mit ihm. Sie liebten es, denn

es freute sich ihrer Jugend.

»Hat das alte Pferd von seinen Rechten gesprochen?« fragte der Leiter der

Schafherde.

»Kein Wort!« riefen alle. Darauf fanden sie einen rissigen, uralten Baum.

Hohl war sein Stamm, und dürre Äste ragten traurig zum Himmel auf. Aber

fröhlicher Efeu war am Stamme in die Höhe geklettert und schmiegte sich

schmeichelnd an die Eiche.

»Kann der Baum den Efeu zwingen, ihn zu schmücken, darum weil er alt

ist?« fragte der Leitbock die Herde.

»Niemals,« antworteten die Tiere.

Am Bache lag ein alter, grauer Stein. Er lag mitten im Flußbett und

störte den Lauf des Bächleins. Aber er hatte sich mit grünem Moos

bedeckt, er hatte seine scharfen Kanten und Ecken vom lustigen Wässerlein

abschleifen lassen und hörte freundlich auf sein Murmeln und Plätschern,

und freute sich des munteren Gefährten, der sein Alter erheiterte.

»Warum kräuselt sich der Bach so gerne um den alten Stein?« fragte der

Bock die Herde.

»Weil der Alte ihn nicht hemmt!« rief die Herde.

»So brauchen wir nicht weiter zu ziehen,« sagte der Bock. »Wir wissen

nun, was wir wissen wollten.« Und sie zogen heimwärts bis zu ihrer Weide,

wo der alte Bock mürrisch an der Sonne lag und schalt, daß man ihn so

lange allein gelassen.

»Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß man bei mir bleibe,« rief er und

stieß die Nahestehenden mit den Hörnern.

»Fort mit dir,« schrie nun die ganze Herde. »Du hast kein Recht auf uns,

nur weil du alt bist! Gehe zu Pferd, Baum und Stein und lerne von ihnen,

wie man sich Liebe erwirbt.« Und sie ließen den Bock stehen und rannten

leichtfüßig hinauf in die Berge, in die Sonne, zu duftendem Tymian und

Vergißmeinnicht.

[Illustration]

Vom bescheidenen Hähnchen

»Frau Mutter, wir möchten uns ein wenig in der Welt umsehen,« sagte das

jüngste Hähnchen zu der Henne.

»Ja, das möchten wir,« sagte auch das älteste.

»Was heutzutage die Kinder nicht alles wollen!« Die Henne schüttelte den

Kopf. »So geht! Ihr werdet bald genug wieder da sein. Und was ich sagen

wollte: Seid ja recht bescheiden und drängt euch nirgends vor. Das können

die Erwachsenen nicht leiden.«

Die Hähnchen machten sich eilends davon und krähten heiser und vergnügt

in die Welt hinaus. Die Henne sah ihnen nach.

»Um den Ältesten ist mir nicht bange,« sagte sie zum Hahn, »aber der

Jüngste.«

»Jugend hat keine Tugend,« bedeutete sie der Hahn.

Die Hähnchen zogen über das Feld, und das jüngste wurde hungrig.

»Hast du etwas zu essen?« fragte es seinen Bruder.

»Nein,« sagte der Älteste; »aber da kriecht eine fette Raupe.«

»Danke!« sagte das Jüngste, und fraß sie auf. Verblüfft sah der andere

zu.

»Eigentlich hätte sie mir gehört. Ich habe sie zuerst gesehen.«

»Aber ich habe sie zuerst gefressen,« sagte ruhig das Hähnchen.

Sie liefen weiter und liefen manchen Tag, und die Welt hatte immer noch

kein Ende. Es wurde ihnen fast unheimlich zumute.

»Ich wollte, ich wäre wieder daheim bei der Frau Mutter!« sagte das

Älteste.

»Das glaube ich!« lachte der Fuchs, der plötzlich vor ihnen stand.

»Welches von euch beiden möchte nun zuerst gefressen werden?«

»Bitte, Herr Fuchs, ich warte gerne,« sagte das jüngste Hähnchen

bescheiden.

Da packte der Fuchs den Ältesten und zerriß ihn. Das Jüngste aber lief

über das Feld heimwärts, so schnell es konnte. Es rannte und flog und

krähte, bis es endlich bei seiner Mutter war.

»Frau Mutter,« schrie es schon von weitem, »oh, wie recht haben Sie

gehabt. Bescheidenheit ist eine schöne Sache.«

»So,« sagte die Henne und sah ihren Jüngsten mißtrauisch an, »und wo

hast du denn deinen Bruder?«

»Den hat der Fuchs gefressen, Frau Mutter. Und hätte ich nicht auf Sie

gehört und mich unbescheiden vorgedrängt, so hätte die Sache schief

ablaufen können.«

[Illustration]

Das neue Buch

Es war einmal ein alter Uhu, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, und

sich von seinen Söhnen füttern lassen mußte. Da dachte er, daß er ein

Buch schreiben wolle, und zwar ein Buch, in dem man sehen konnte, wie es in

der Welt zugehe. Er wollte es drucken lassen für die Schulkinder.

Er ließ seine drei Freunde kommen: Den Maulwurf, den Hahn und die

Schwalbe; die sollten ihm berichten, was sie von der Welt wüßten.

Es waren Leute, die viel erfahren hatten, zudem wichen sie nie von der

Wahrheit ab, und dem Uhu lag besonders viel daran, daß in dem Buch nur die

reine Wahrheit gesagt würde.

Sie begaben sich zusammen an den Rand des nächsten Waldes, um ungestört

verhandeln zu können. Der Uhu saß im Stamm einer alten, hohlen Eiche,

der Hahn ging gravitätisch davor auf und ab und der Maulwurf grub sich ein

Loch, aus dem er nur den Kopf herausstreckte. Die Schwalbe aber flog auf

den untersten Zweig des Baumes, unter dem sie beraten wollten.

Der Uhu nahm sein Notizbuch, spitzte seinen Bleistift, und bat den Maulwurf

anzufangen. Der setzte sich in Positur und begann:

»Die Welt ist dunkel.«

»Dunkel?« fragte die Schwalbe verwundert.

»Ja, dunkel,« antwortete der Maulwurf bestimmt. »Dunkel und eng. Lange,

schmale Gänge durchziehen sie, in denen man bequem gehen kann. Man macht

die Gänge selbst, und hat viel Arbeit damit. Nahrung gibt es in Menge. Die

Tiere besitzen alle einen schwarzen samtnen Pelz.«

»Einen schwarzen Pelz!« rief der Hahn. »Was für ein Unsinn!«

»Jawohl, einen schwarzen Pelz! Es gibt auch Maulwürfe, die einen weißen

Pelz haben. Aber zum Glück sind sie sehr selten. Man verachtet sie, weil

sie nicht sind wie alle andern.«

Der Uhu schrieb alles, was der Maulwurf gesagt, in sein Notizbuch. Zu

einigen Mitteilungen machte er Bemerkungen. Er sagte aber nichts, sondern

fragte höflich den Maulwurf, ob er noch etwas mitzuteilen habe.

»O ja,« sagte der Maulwurf, »die Hauptsache! In der Welt ist es sehr

langweilig. Ein Tag ist wie der andere, und man hat nur zwei Zerstreuungen.

Die eine ist das Essen. Die andere ist, daß man alle anderen Tiere über

die Achsel ansieht, die nicht in der Welt wohnen und nicht leben wie die

Maulwürfe. Und das ist die feinste Freude für einen Maulwurf.«

Der Uhu notierte alles. Darauf bat er den Hahn, nun auch seine Erfahrungen

mitzuteilen.

»Die Welt,« begann der Hahn, »ist meistens eine lustige Sache. Genug zu

essen, genug zu trinken und Hühner, soviel man will!«

»Soviel man will!« stöhnte entsetzt der Maulwurf.

»Jawohl! Soviel man will! Die Welt ist viereckig und hat einen Zaun aus

Draht rings herum. Die Welt hat ein Licht am Himmel, dann ist es warm.

Manchmal fallen aber weiße Fetzen vom Himmel und dann ist es kalt.«

»Weiße Fetzen?« fragte erstaunt die Schwalbe.

»Ja, und wenn die herabfallen, wird die ganze Welt weiß davon. Kein Tier

legt dann Eier. Es gibt in der Welt jemand, der einem alle Tage Futter

bringt. In der Welt haben die Tiere Federn und einen roten Kamm.«

»Einen Kamm?« riefen Maulwurf und Schwalbe. »Das ist nicht wahr.«

»So! Nicht wahr!« krähte heftig der Hahn. »Ich habe doch einen, und

unsere Kücken haben einen, wenn sie zur Welt kommen, meine Hühner haben

einen, und dann: nicht wahr! Jedes Wort ist wahr, das ich sage! Ich habe

alles selbst beobachtet, ich lebe mitten in der Welt und betrachte sie von

morgens bis abends.«

Der Uhu bat höflich den Hahn, sich nicht zu ärgern. Es zweifle niemand

an der Wahrheit seiner Behauptungen, nur nehme eben nicht jedes denselben

Standpunkt ein. Da gebe es dann leicht Differenzen.

»Das Schönste in der Welt,« fuhr der Hahn besänftigt fort, »ist der

Misthaufen. Das ist eine wahre Fundgrube. Würmer, Käfer, Körner, kurz

alles, was man sich wünschen kann, ist vorhanden. Das ist eine Lust, wenn

alle da kratzen und scharren, picken und gackern, und nie fühlt man sich

so als Mann, als wenn man auf seinem Mist steht inmitten seiner Hühner und

stolz in die Welt hinauskräht.«

Ganz ergriffen hörte der Uhu zu. Zu der letzten Bemerkung des Hahns machte

er ein Kreuz, damit er sie besonders sorgfältig ausarbeite.

Dann bat er die Schwalbe, nun auch ihre Beobachtungen und Erlebnisse zum

besten zu geben.

»Die Welt,« fing die Schwalbe an, »ist unendlich groß. Sie besteht aus

Meeren und Ländern, aus Bergen und Tälern. Das Schönste in der Welt ist,

wie ein Pfeil die Luft zu durchmessen, von einem Land ins andere, Meere zu

überfliegen und seine Brust dem Sturme preiszugeben.«

»Ein gräßliches Vergnügen!« wimmerte der Maulwurf, und der Hahn und

der Uhu schüttelten ihre Köpfe. Der Uhu fragte nicht weiter. Es kam

ihm gar zu phantastisch vor, was die Schwalbe erzählte, gar zu

unwahrscheinlich und übertrieben. Jedenfalls würde er sich in seinem Buch

mehr an die beiden andern halten.

Der Uhu dankte den Dreien sehr für die nützlichen Mitteilungen, und

versprach jedem ein Exemplar des Buches, wenn es erscheinen würde. Er

sagte, daß die Ansichten der drei Freunde weit auseinander gingen, daß

aber, da alle drei ehrenwerte Leute seien, an ihrem Worte nicht zu zweifeln

sei. Er werde alles sorgfältig prüfen und aus allen Darstellungen

dasjenige nehmen, was ihm für die Kinder das Passendste scheine.

Nach einigen Monaten kam das Buch für die Schulkinder heraus. Lehrer

Storch las in der Schule daraus vor. Es hieß da:

Die Welt ist dunkel. Oft ist eine Sonne da, doch scheint sie nicht immer.

Wenn sie scheint, sehen sie nicht alle.

In der Welt haben die Tiere einen Kamm, manchmal aber einen schwarzen Pelz.

Die Welt ist unendlich groß, und alles ist mit einem Zaun umgeben. Sie ist

viereckig.

Das Schönste in der Welt ist der Misthaufen. Einige fliegen darüber weg

und geben ihre Brust dem Sturme preis, die meisten aber krähen und suchen

Würmer.

In der Welt sind enge, dunkle Gänge und darinnen verachtet man die andern

Tiere. In der Welt ist es sehr langweilig, manchmal auch lustig, besonders

wenn man Hühner hat, soviel man will und genug zu essen.

Viele Tiere sehen Flocken vom Himmel fallen, andere sehen sie nie.

In der Welt bringt jemand den Tieren Futter ... usw.

Als der Storch fertig vorgelesen hatte, mußten die Kinder es

durchbuchstabieren, und dann mußten sie es auswendig lernen.

Der Uhu hatte es sich lange überlegt, welche der verschiedenen Ansichten

der Tiere er bringen wolle, denn sie stimmten ja durchaus nicht überein.

Er wollte keinen seiner Freunde ärgern, indem er etwas wegließ, auch war

ihm alles gleich wertvoll und schien ihm unentbehrlich für sein Buch.

Zuletzt fand er einen Ausweg. Er machte Zettelchen, schrieb sämtliche

Beobachtungen von Maulwurf, Hahn und Schwalbe einzeln darauf, warf sie

dann in eine Schüssel, schüttelte sie tüchtig und fing an zu ziehen. Den

ersten Zettel, den er zog, gebrauchte er für das Buch, den zweiten nicht,

den dritten wieder für das Buch, den vierten nicht, und so weiter, bis er

den letzten gezogen hatte.

Das war gerecht und einfach und konnte ihm keinerlei Unannehmlichkeiten

zuziehen. Und so entstand das Buch.

Amoralische Fabeln · 第 2 / 5 段