»Von meinem Vetter, dem Böcklein,« sagte vergnügt das Lämmch

Lisa Wenger

Amoralische Fabeln

Mit Zeichnungen von Carl O. Petersen

Grethlein & Co. / Zürich und Leipzig

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,

vorbehalten. Copyright 1920 by Grethlein & Co., Zürich

Theo Wenger

gewidmet

Inhalt

Seite

Was das Schäfchen sagen darf und was nicht! 1

Der schwarze Fleck 4

Als das Hühnchen zur Schule sollte 9

Der weiße Maulwurf 14

Das unschuldige Lämmlein 19

Als die Hühner wählen durften 22

So oder so! 27

Warum die Schafe heiraten 31

Das Festessen 34

Einsicht 39

Eintagsfliegen 42

Der Gesangverein 46

Das kluge Huhn 50

Der alte Schafbock 54

Vom bescheidenen Hähnchen 59

Das neue Buch 61

Die lieben Nachbarn 67

Wie der Binsenteich erforscht wurde 70

Das Begräbnis 78

Die Ratgeber 82

Das künstliche Auge 87

Die Richter 92

Schicksal dreier Freunde 96

Der Goldfasan 104

Vom Huhn, das etwas gelernt hatte 109

Er und Sie 113

Was das Schäfchen sagen darf und was nicht!

Ein junges Schaf lief an der Seite des Böckleins glücklich über die

Wiese. Es schmiegte seine feuchte Schnauze dicht an die Nase seines

Gefährten, und die Löcklein ihrer weichen, wolligen Felle kräuselten

sich ineinander. Das gefiel dem Schäflein, das neben seiner Mutter graste.

»Frau Mutter, ich will auch heiraten,« sagte es, »heiraten ist ein

schönes Ding!« Bedächtig sah das Schaf auf sein Junges.

»Wie man's nimmt,« sagte es, »aber schön, oder nicht schön, ein

wohlerzogenes Schäfchen sagt nie, daß es gerne heiraten möchte.«

»Frau Mutter, ich denke es aber!«

»Denke es so viel du willst, Schäfchen, aber sag es nicht. Als ich jung

war, wäre es keinem von uns eingefallen, vom Heiraten zu reden.«

»Aber geheiratet habt ihr doch alle.«

»Natürlich! Selbstverständlich! Aber das ist etwas anderes als davon

reden.« Eine alte Ziege hatte zugehört.

»Die Jugend von heute ist überhaupt schamlos,« sagte sie. »Da habe

ich neulich erleben müssen, daß zwei halbwüchsige Ziegen von ihren

zukünftigen Jungen sprachen!«

»Ja, darf man das auch nicht?« fragte das Schäflein, »darum heiratet

man ja eben, um Junge zu kriegen.«

»Schweig,« rief das Schaf erschrocken.

»Pst, pst, pst,« mahnte die Ziege.

»Ich kann nur etwas nicht begreifen,« fing das Schäfchen wieder an.

»Neulich sagte ich, ich wollte nicht heiraten, es sei lustiger so, als

wenn man sich ewig um seine Jungen kümmern müsse und nie springen könne,

wohin man wolle. Da haben mich alle gescholten, und haben gesagt, das sei

die Bestimmung eines Schafes, Mutter zu werden, und die Natur habe es so

gewollt. Und der Herr Vater hat mir gesagt, ich sei ein ganz entartetes

Lamm, und kein Böcklein werde mich je heiraten wollen, wenn ich eine

solche Gesinnung hätte. Und jetzt werde ich wieder gescholten und habe nun

doch die richtige Gesinnung.« Das Schäfchen mähte kläglich.

»Kind,« sagte die Alte, »es ist da ein Unterschied. Sagst du, du habest

keine Lust zum Heiraten, es sei dir unbequem und du wollest deine Freiheit

wahren, so fallen alle männlichen Schafe über dich her. Und sagst du, du

möchtest gerne heiraten, die weiblichen. Sagst du aber, du freuest dich

auf deine Jungen, so nennen dich die Mutterschafe schamlos, und sagst du,

du hättest lieber keine, so schütteln alle die Köpfe, die männlichen

und die weiblichen, die alten und die jungen. Darum, Schäfchen, sei klug!

Schweig! Denken kannst du, was du willst!« Die alte Ziege nickte.

»Du hast eine kluge Mutter,« sagte sie. -- Das Schäfchen beherzigte der

Mutter Lehren.

»Dein Junges entwickelt sich prächtig,« sagten die Verwandten zu dem

alten Schaf. »Es kann nicht fehlen, es wird sich bald verheiraten.«

Bescheiden schwieg die Alte, und kaute an einem Gräslein.

Bald darauf verliebte sich das Schäflein. Und tüchtig. Da hatte es

plötzlich alle Lehren seiner Mutter vergessen. Es sagte jedem offen, daß

es sich entsetzlich auf das Heiraten freue, daß es mindestens ein Dutzend

Junge haben möchte, und daß es nicht gewußt habe, wie lieb ein Böcklein

sei. Es sagte das alles keck heraus und erwartete ungeheure Schelte. Aber

es kamen keine. Böcke und Schafe freuten sich über das naive Schäflein.

»Frau Mutter,« fragte es erstaunt, »wie kommt es, daß das, was ich

sage, nun auf einmal nicht mehr unpassend ist?«

»Schäfchen,« sagte das alte Schaf, »das will ich dir sagen. Ehe man

weiß, ob dich einer will, mußt du schweigen zu allen Dingen. Will dich

aber einer, so darfst du von dem Augenblick an sagen, was du willst. Auch

denken. Auch tun.«

»Ich will es mir merken, Frau Mutter,« sagte das junge Schaf und sprang

lustig mit seinem Böcklein davon.

[Illustration]

Der schwarze Fleck

Es war einmal eine entzückende kleine Maus. Ein Fellchen hatte sie,

so weiß wie Schnee, durchsichtige, rosafarbene Ohren, ein zartrosa

Schwänzchen, und ein spitzes und schmales Schnäuzlein mit langen, feinen

Haaren. Das Schönste aber waren ihre roten Augen.

Die weiße Maus hatte einen Vater -- die Mutter war in einer Falle

verunglückt -- Brüder, und zwei Schwestern. Sie hatte auch viele

Freundinnen und natürlich sehr viele Freunde.

Aber sie durfte sie selten sehen. Der Vater hatte ihr genau vorgeschrieben,

wo sie spazieren durfte: Dem Getäfel entlang, unten über den Fußboden,

in den kleinen Schrank und unter das Sofa. Andere Wege sollte sie keine

machen. Und bei Leibe nicht auf den Schreibtisch klettern, denn dort war

das große Tintenfaß, und dem durfte keine weiße Maus zu nahe kommen.

Das Mäuschen gehorchte so lange es ihm möglich war. Dabei langweilte es

sich aber unaussprechlich, immer mehr und mehr, und zuletzt konnte es die

ungeheure Langeweile gar nicht mehr aushalten. Es mochte überhaupt nicht

mehr ausgehen, blieb daheim und knusperte Zucker, weil es nichts Besseres

zu tun wußte.

»Pst! Pst!« machte es eines Tages vor seinem Loch. Die weiße Maus hob

ihren Kopf.

»Mäuschen, komm mit,« bat eine junge Ratte mit prachtvollem Schnurrbart.

»Wir wollen ein wenig auf dem Schreibtisch spazieren gehen!«

»Ich darf nicht!« sagte das Mäuschen.

»Man darf manches nicht und tut es doch!«

»Aber der Vater!« sagte das Mäuschen.

»Weiß es nicht.«

»Die Brüder?«

»Sehen es nicht.«

»Die Schwestern?«

»Erfahren es nicht.«

»So will ich kommen!« und sie gingen zusammen.

Und richtig! Das schneeweiße Mäuschen kam zu nahe an das Tintenfaß und

machte sich an der Seite einen häßlichen, schwarzen Fleck.

Es schüttelte sich, bürstete und wischte an sich herum, aber der Fleck

wollte nicht weichen.

»Was wird der Vater sagen!« jammerte es. Die Ratte strich sich den

Schnurrbart.

»Und die Brüder! Die beißen mich tot, sie haben noch nie jemand in

der Familie gehabt, der einen Fleck hatte!« Die Ratte strich sich den

Schnurrbart.

»Und meine Schwestern! Es wird keine mehr sich mit mir zeigen wollen!«

Die Ratte strich sich den Schnurrbart und verschwand in einem Loch unter

dem Schreibtisch. Da ging das weiße Mäuschen allein nach Hause.

Es ist nicht zu sagen, was es nun alles auszuhalten hatte. Man höhnte,

schalt, verlästerte, verachtete, verdammte und verfluchte das weiße

Mäuschen! Man trat es, rupfte ihm die Barthaare aus, beschmutzte sein

reines Fellchen, man zog sich von ihm zurück und kündigte ihm die

Freundschaft.

Zuletzt hing die Familie ein Mäntelchen über den schwarzen Fleck, aber

man wußte doch, daß er da sei. Das arme Mäuschen schämte sich so sehr,

daß es beständig den Kopf gesenkt hielt, und das feine Schwänzlein

eingezogen.

Freundinnen hatte es nun natürlich keine mehr. Aber auch Freunde nicht.

Sie sagten, daß es ihnen unmöglich sei, mit Mäusen zu verkehren, die

nicht tadellose Fellchen hätten.

Da sagte sich das Mäuschen ruhig: Nun gehe ich zu den grauen Mäusen.

Verachtet bin ich so wie so! Dort kann ich mich wenigstens amüsieren. Es

ging. Die Familie sagte: Unser Mäuschen ist tot! Und dann seufzte sie.

Wenn jemand von ihm reden wollte, winkten sie mit den Pfoten und sagten:

Ach ja!

Das Mäuslein aber hatte nun ein lustiges Leben. Es sprang herum, wo es

wollte, es tanzte, wenn es lustig war, über Stock und Stein, und ließ

seinen schwarzen Fleck Fleck sein.

Es hatte Freunde und Freundinnen die Menge, und unterhielt sich vergnügt

mit den grauen Mäusen.

Und wer begrüßte plötzlich das weiße Mäuslein wieder freudig und

liebenswürdig? Alle seine früheren Freunde.

Und eines schönen Abends erschienen auch seine Brüder unter ihnen. Das

Mäuslein sperrte seine roten Augen weit auf.

»Was! Ihr kennt die grauen Mäuse! Ihr habt mir doch gesagt -- --«

Aber die Brüder zwinkerten nur mit den Augen und taten, als kennten sie

die Maus nicht.

Da geschah es, daß eine Ratte sich in sie verliebte. So fürchterlich

verliebte, daß sie zur Maus sagte: »Ich will dich heiraten!«

»Du!« warnte die weiße Maus, »vergiß meinen schwarzen Fleck nicht.«

»Wenn ich dich heirate, so hast du keinen schwarzen Fleck mehr!« Die

Ratte war die reichste Ratte weit und breit. Sie besaß riesige Kellereien,

ungeheure Vorräte an Weizen und Obst und Fett und Nüssen und Zucker,

kurz, ihr Reichtum war unermeßlich.

Und als die Ratte die weiße Maus geheiratet hatte, gingen sie zu der Maus

Vater. Der machte große Augen.

»Herr Schwiegervater, ist es nicht merkwürdig, wie der schwarze Fleck auf

dem Pelz meiner Frau schon verblaßt ist?« Der Vater der weißen Maus nahm

ein Vergrößerungsglas, sah hindurch und sagte mit einer Stimme, die ganz

ölig war vor Freundlichkeit:

»Ich sehe den Fleck überhaupt nicht mehr!«

Dann ging die Ratte zu den Brüdern, führte sie in ihre Keller ein, und

vor ihre Vorräte und fragte: »Was sagt ihr zu dem Fleck meiner Frau?«

»Er ist verschwunden,« erklärten die Brüder bestimmt.

Und die Schwestern sagten, man hätte den Fleck überhaupt kaum je bemerkt.

Sie aßen und tranken alle auf der Ratte Kosten und holten sich aus ihren

Vorräten, was sie brauchten. Auch erzählten sie jedem, der es hören

wollte, von der reichen Heirat ihrer Jüngsten.

Da strich sich die Ratte zufrieden den Schnurrbart und gab eine große

Gesellschaft, mit allen Herrlichkeiten, die sich Mäuse nur wünschen

können.

Sie fragte jeden Eingeladenen im geheimen: »Was sagen Sie zu dem Fleck

meiner Frau?« und jeder einzelne antwortete: »Was für einen Fleck meinen

Sie? Ihre Gemahlin besitzt den entzückendsten weißen Pelz, den man sehen

kann!«

Da ging die weiße Maus wieder fröhlich herum unter den andern weißen

Mäusen und vergaß zuletzt selbst, daß sie einmal einen schwarzen Fleck

auf ihrem feinen Pelz gehabt hatte.

[Illustration]

Als das Hühnchen zur Schule sollte

Das Hühnchen war sechs Monate alt geworden und sollte zur Schule. Es wurde

deshalb Familienrat abgehalten.

»So jung und muß schon zur Schule,« sagte die gelbe Tante mit den Federn

an den Beinen. »Eier legen lernt es ja von selber!«

»Setz dem Kücken doch nichts in den Kopf,« mahnte die Großmutter

des Hühnchens. »Ich bin in die Schule gegangen, du bist in die Schule

gegangen, wir alle sind in die Schule gegangen, da muß es eben auch in die

Schule gehen.«

»Warum, weiß ich freilich nicht,« sagte der Maulwurf, der seine Gänge

im Hühnerhof angelegt hatte und nun auf Besuch gekommen war; »ich habe

nie etwas gelernt und bin doch durch die Welt gekommen.«

»Aber wie,« rief die Amsel, die auf dem Baum im Hof wohnte. »Wie! Im

Dunkeln ist er gekrochen sein Leben lang, und Freuden hat er keine gehabt

außer dem Fressen.«

»Schweig du dort oben,« krähte ärgerlich der Hahn; »du gehörst nicht

zur Familie und hast hier nicht mitzureden. Kinder aus unserer Sippe gehen

zur Schule, natürlich, aber nicht wegen dem Lernen; das haben wir nicht

nötig.«

»Warum denn?« fragte die Amsel erstaunt.

»Weil es sich schickt,« sagte der Hahn würdevoll, und die Henne, die

Mutter der Kücken, sagte: »Und weil die andern es so machen.«

»Natürlich!« rief der ganze Hühnerhof, und die Großmutter -- es war

eine mächtige Langshanhenne, die viel Ansehen genoß -- gluckste und

sagte: »Natürlich!«

Also sollte das Kücken zur Schule ...

»Was meint ihr, zu welchem Lehrer wir unser Hühnchen schicken wollen?«

fragte der Hahn.

»Zum Grünspecht,« rief die Amsel vom Baum herunter; »Er weiß viel und

hat viel gesehen.«

»Zu dem!« rief empört Mutter Henne. »Wißt ihr, was das für einer

ist? Der hat zu einer unserer Nachbarinnen gesagt, es wäre Zeit, daß die

Hühner endlich etwas anderes lernten als nur Eier legen und gackeln. Das

hat er gesagt.« Die Henne kratzte sich mit dem Fuß unter dem Flügel; es

war eine Gewohnheit, die sie hatte.

»Schwiegersohn,« rief majestätisch die Großmutter Langshan, »da

verlieren wir wohl weiter keine Worte. Was soll ein Huhn überhaupt anderes

lernen als Eier legen und gackeln? Doch nicht singen wie eine Nachtigall?«

»Warum nicht,« rief wieder die Amsel. »Es wäre eine angenehme

Abwechslung.«

»Ich habe gegackelt,« rief das alte Huhn, »meine Tochter hat gegackelt,

wir alle haben gegackelt, warum sollte unser Hühnchen nicht auch

gackeln?«

Zum Grünspecht sollte das Hühnchen also nicht in die Schule, beschloß

der Familienrat ...

Nach langem Nachdenken und Disputieren war man endlich einig geworden, daß

das Kücken zu der Pute sollte -- zu der mit den Bronzefedern natürlich,

nicht zu der grauen -- und daß die Familie es sogleich der Lehrerin

vorstellen wolle.

Hahn, Henne, Großmutter Langshan und die gelbe Tante mit den Federn an den

Beinen begleiteten das Hühnchen.

»Es soll vor allem richtig gackeln lernen,« begann die Großmutter und

betrachtete die Pute mit ihrem rechten Auge. Über das linke hing der Kamm;

sie gebrauchte es selten und sparte es für Notfälle auf. »Dann soll es

in allen Pflichten unterrichtet werden, die ein Huhn von Familie kennen und

ausüben muß: im Eierlegen, im Brüten, im treuen Führen der Jungen.«

»Versteht sich,« sagte die bronzene Pute; »das lernt es alles am besten

bei mir.«

»Es soll Untertänigkeit gegen seinen künftigen Gebieter lernen,« befahl

der Hahn.

»Natürlich, das lernt es alles am besten bei mir,« sagte die Pute mit

den Bronzefedern.

»Es soll lernen, sich mit den anderen Hennen vertragen; denn das ist sehr

wichtig,« empfahl Mutter Henne und kratzte sich unter dem rechten Flügel.

»Versteht sich, das lernt es am besten bei mir,« antwortete das

Bronzehuhn.

»Ich glaube, Sie sind dumm,« sagte die gelbe Tante mit den Federn an den

Beinen.

»Das bin ich,« sagte das große Geschöpf und gluckste; »aber gerade

darum kann ich die Kücken so gut in ihre Pflichten einführen: sie werden

nicht abgelenkt.«

»Da hat sie recht,« nickte zufrieden Großmutter Langshan. »Und bitte,

bringen Sie dem Hühnchen Respekt vor dem Alter bei.«

»Und lehren Sie es seine Eltern ehren,« sagte der Hahn.

»Und prägen Sie ihm ein, daß ein Huhn auf der Welt sei, um zu nützen,«

bat Mutter Henne und kratzte sich.

»Und sagen Sie ihm gleich von Anfang an, Eierlegen sei ein Vergnügen;

sonst glaubt es das Kücken später nicht mehr!« mahnte die gelbe Tante

mit den Federn.

»Das tue ich alles,« versprach das Bronzehuhn; »es haben noch nie Eltern

ihre Hühnchen gebracht, denen ich das nicht versprechen mußte.«

»Und so soll es sein,« sagte die Großmutter und warf ihren Kamm

ausnahmsweise auf die rechte Seite, »und so ist es von jeher gewesen! Aber

wo ist unser Kücken?«

Es spazierte vergnügt mit einem jungen Hähnchen aus der Nachbarschaft

herum.

»Du, höre einmal,« sagte das zum Hühnchen, »von acht bis zehn legt

die Pute, und von zehn bis zwölf schläft sie; da können wir den ganzen

Morgen spazieren gehen.«

»Aber dann lerne ich ja nichts,« antwortete das Hühnchen.

»Gerade dann lernst du, was du brauchst; das andere kommt nachher von

selber,« beruhigte es das Hähnchen.

Da kam aber die Familie und nahm das Hühnchen in ihre Mitte und zog mit

ihm heimwärts.

»Man tut für seine Kinder, was man kann, nicht wahr, Schwiegersohn?«

sagte Großmutter Langshan.

»Und so gut man es versteht!« pfiff die Amsel vom Baum herunter; aber

niemand achtete auf sie.

Sie gehörte ja nicht in den Hühnerhof.

[Illustration]

[Illustration]

Der weiße Maulwurf

Große Aufregung herrschte unter den Maulwürfen. Sie standen in Scharen

beisammen und wisperten.

»Wer hat ihn gesehen?« fragte der Älteste der Maulwürfe.

»Ich, ich, ich,« schrien viele durcheinander.

»Ist er wirklich weiß?« fragte der Älteste.

»Schneeweiß! Auch nicht ein schwarzes Härchen ist an ihm,« rief eine

junge Maulwurfsfrau. Der Haufe schwieg bestürzt.

»Wohin wird es noch kommen?« sagte der Älteste mit hohler Stimme,

»wenn sogar die Maulwürfe es wagen, allem Hergebrachten ins Gesicht zu

schlagen?«

»Vielleicht ist er nur gefärbt,« rief einer entschuldigend.

»Nein,« sagte die junge Maulwurfsfrau, »er ist echt! Die Haut unter dem

Fell ist ganz rosenrot.«

»Du hast dir den Weißen genau angesehen,« sagte höhnisch einer der

Maulwürfe.

»Das habe ich, so gut ich mit meinen Schlitzäuglein sehen konnte.« Die

andern stutzten.

»Ich wäre dafür, den Weißen aus unseren Feldern zu verjagen,« schlug

einer vor. Es war ein gewöhnlicher Maulwurf mit kurzem grauem Schwanz.

»Wie leicht könnte er unserer Jugend solche Unsitten beibringen. Ich habe

auch gehört, daß er aufrührerische Reden hält.«

»Aufrührerische Reden?« rief der Älteste, »das ist das Schlimmste!

Nur nichts Neues! Nur keine Veränderungen! Nur keine Versuche, die doch

fehlschlagen! Ich kenne die Welt. Ich habe lange genug in ihr gelebt. Wer

sind die wahrhaft Glücklichen und Weisen?« Der Älteste neigte die spitze

Schnauze und kniff die winzigen Äuglein zusammen. »Die die Erfahrungen

von Generationen benützen und die leichtsinnigen Neuerungen verabscheuen.

Fort mit dem weißen Maulwurf!«

»Fort mit dem weißen Maulwurf!« schrien alle. Nur die Maulwurfsfrau

schrie nicht mit.

»Er hat größere Augen als alle unsere Maulwürfe,« sagte sie zu ihrer

Nachbarin, »er kann einen wirklich damit ansehen, und dann glänzen sie.«

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen,« sagte die Maulwürfin.

Da kam hastig ein junger Maulwurf daher.

»Wißt ihr, was der weiße Maulwurf sagt?« rief er schon von weitem.

»Nein!« schrien die andern und umringten ihn.

»Er sagt, wir sollten größere Augen haben, ich habe es selbst gehört!«

»Größere Augen?« fragten empört die Zuhörer. »Wozu?«

»Er sagt, wir sollten besser sehen können!«

»Besser sehen! Was denn?« riefen wieder die Umstehenden. »Was will denn

der Kerl?«

»Er sagt, wir sollten lernen das Schöne sehen, auch außerhalb unserer

Gänge.«

»Außerhalb unsern Gängen,« schrie die Menge, »was gibt es denn da zu

sehen?«

»Er ist verrückt,« sagte der Grauschwänzige.

»Er ist ein Aufrührer, ein Revolutionär,« schrien viele.

»Er ist einfach ein Esel!« erklärte der Älteste. »Besser sehen lernen!

Haben Maulwürfe je gut sehen können? Und dann: Gibt es außerhalb unserer

Gänge überhaupt Schönes? Ein Esel ist er, oder ein Idealist, das kommt

auf eins heraus.«

Da wurde es hell hinten im Gang. Der weiße Maulwurf kam.

»Da ist er, da kommt er,« wisperte es. Die Schlitzäuglein öffneten

sich, die kurzen Hälse streckten sich, die grauen und bräunlichen

Schwanzstummel fuhren aufgeregt hin und her. Aber alle schwiegen, auch der

Älteste. Da fragte der weiße Maulwurf:

»Warum soll ich fort? Habe ich euch etwas zuleide getan?«

»Nein,« sagte der Grauschwänzige, »aber du bist weiß und wir sind

schwarz!«

»Du willst neue Bräuche einführen!« rief der Älteste.

»Du sagst, wir verstünden nicht zu sehen,« schrie die Menge.

»Und das ist wahr,« bestätigte ruhig der weiße Maulwurf. »Ihr seht

nur, was ihr sehen wollt, und es gibt so vieles, das ihr sehen könntet!«

»Wir brauchen nichts zu sehen,« schrien die Maulwürfe.

»Wir wissen alles auswendig,« rief einer.

»Uns gefällt das Schöne gar nicht,« piepste ein anderer.

»Versucht es doch einmal,« bat der Weiße. »Ihr werdet sehen, es

gefällt euch dann!« Und feurig fuhr er fort: »Wenn es für euch zu spät

ist, so laßt mich wenigstens eure Kinder hinausführen! Laßt sie einmal

hinauf auf die Erde und zeigt ihnen den Glanz des Mondes und das flimmernde

Licht der Sterne.«

»Verführer! Jugendverderber!« schrie wütend der Älteste. »Nun

erkenne ich dich! Zwietracht willst du säen zwischen uns und der Jugend!

Unzufriedenheit willst du pflanzen! Hochmut willst du züchten! Wir, die

Alten, sollen uns schämen müssen vor der Jugend mit unseren kleinen

Äuglein! Ich kenne dich und deinesgleichen! Jawohl! Mond und Sterne! Die

hätten wir längst gesehen, wäre es gut für Maulwürfe! Fort! Hinaus!

Hinaus mit dir aus unseren Gängen!«

»Fort mit dir,« schrien die Schwarzen. »Fort mit dir! Fort!« Die

Maulwürfe drängten den Fremdling durch den engen Gang. Sie kamen an der

Maulwurfsfrau vorbei, die dort mit ihrer Nachbarin stand.

»Den Besten unter euch verjagt ihr!« rief sie spöttisch.

»Den Besten!« schrie der Graugeschwänzte. »Nennst du einen weißen

Maulwurf den Besten?« Dann wandte er sich zu dem Verhaßten und schrie:

»So hast du unser Volk schon verhetzt!« und warf sich auf ihn und

versetzte ihm wütende Bisse.

Als die andern das sahen, wagten sie es ebenfalls, und fielen über den

weißen Maulwurf her. Bald hatten sie ihn totgebissen. Der weiße Pelz

färbte sich rot vom Blute des Gemordeten und ärgerte niemand mehr.

Zufrieden tappten alle im Dunkeln nach ihren Wohnungen. Zu sehen brauchten

sie ja nichts, denn schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren

diesen Weg gegangen! --

[Illustration]

Das unschuldige Lämmlein

»Wie das Lämmchen groß wird,« sagte seine Tante, das Schaf, »da wird

man bald ans Heiraten denken müssen.«

»Das tue ich auch,« sagte das Lämmchen.

»Glaub es nicht,« jammerte des Lämmchens Mutter, »es denkt noch nicht

an derartige Sachen. Es ist ja noch so unschuldig.«

»Was hat das Heiraten mit der Unschuld zu tun?« fragte das Lämmchen.

»Nichts!« rief das Tanten-Schaf.

»Das verstehst du nicht,« sagte die Alte.

»Das verstehst du nicht! Das antwortet man mir immer, wenn ich etwas

wissen möchte,« sagte das Lämmchen ärgerlich.

Mutter und Tante sahen einander an.

»Wenn du einmal ein großes Schaf bist, so weißt du alles ganz von

selber.« Da kam der Bock, Lämmchens Onkel.

»Onkel, was heißt unschuldig?« fragte es. Der Onkel kratzte sich mit dem

linken Hinterfuß am Kopf.

»Unschuldig? Das bedeutet halt, daß man nichts weiß.«

»Aber Onkel!« rief das Lämmchen, »ich weiß so viel! Da bin ich doch

nicht unschuldig?«

»Die Sachen, die man nicht weiß, wenn man unschuldig ist,« sagte der

arme verlegene Bock, »sind nicht dieselben Sachen, die man weiß, wenn man

unschuldig ist!« Er schnaufte laut. »Aha,« sagte das Lämmchen. »Sind

Sie auch unschuldig, Onkel Bock?«

»Ach, Lämmchen, weißt du« -- sagte der Bock und sah sich hilflos um,

»es ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, ob ich es immer noch

bin!« Mutter Schaf und Tante stießen sich mit den Köpfen.

»Sind Sie unschuldig, Frau Mutter?« fragte das Lämmlein.

»Verheiratete Leute nennt man nicht mehr unschuldig,« sagte ärgerlich

das Schaf.

»Du bist einfältig,« rief das Tanten-Schaf, »heirate, dann weißt du

es!«

»Ich bin dumm und ich bin unschuldig, das ist viel auf einmal,« sagte

kläglich das Lämmchen, »da will ich mich mit dem Heiraten beeilen so

viel ich kann, denn unschuldig und einfältig ist niemand gern.«

»Aber Lämmchen,« riefen Bock, Mutter-Schaf und Schaf-Tante, »das sagt

man doch nicht!«

»Warum denn nicht?«

»Weil, wenn du das sagst, die anderen Leute denken könnten, du seist

nicht mehr unschuldig!«

»Ja aber,« sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten, damit ich

nicht mehr unschuldig sein muß.«

Da rannten die drei Alten in großen Sprüngen davon.

»Es muß arg sein mit meiner Unschuld,« dachte betrübt das Lämmchen,

»daß die so davonrennen. Dort oben auf der Weide grast mein Vetter, das

Böcklein. Der ist klug, der kann mir gewiß sagen, was die anderen nicht

wissen.« Und das gute Lämmchen ging zum Böcklein. --

Am Abend sagte es zum alten Schaf: »Frau Mutter, ich weiß es jetzt.

Unschuldig ist beides, angenehm und unangenehm. Eine Weile freut man sich,

daß man es ist, und nach einer Weile freut man sich, daß man es nicht

mehr ist. Selber weiß man es nie, wenn man unschuldig ist, aber man weiß

es sicher, wenn man es nicht mehr ist. So lange man unschuldig ist, spricht

man nie davon, und wenn man nicht mehr unschuldig ist, spricht man immer

davon. Von der Unschuld der anderen, meine ich!«

Argwöhnisch drehte das Schaf den Kopf. »Woher hast du diese Weisheit?«

fragte es.

»Von meinem Vetter, dem Böcklein,« sagte vergnügt das Lämmchen, »und

er hat mir sie ganz umsonst beigebracht!« -- --

[Illustration]

[Illustration]

Als die Hühner wählen durften

Elf oder zwölf Hühner saßen auf dem Mist, blinzelten in der Sonne und

kratzten sich. Es war heiß, und keines hatte Lust nach Würmern zu suchen

oder Eier zu legen.

Sie gackelten aber zusammen.

»Wißt ihr, daß wir Hühner von heute an öffentlich dasselbe Recht haben

sollen wie die Hähne?« fragte eine schöne, stolze Henne und reckte

sich dabei, daß sie gleich um eine Handbreite höher schien. Die Hühner

öffneten die rotgeränderten, verblüfften Augen.

»So,« sagte eines. Dann lauste es sich behaglicher als vorher.

»Mir ist das einerlei,« gackelte ein anderes, das elf Kücken um sich

versammelt hatte, und jetzt noch spektakelte zur Erinnerung an die 15 Eier,

welche es nacheinander gelegt. »Was geht mich die Politik an? Ich verstehe

nichts davon.«

»Es ist nicht nur wegen der Politik,« sagte die schöne Henne. »Wir

sollen auch sonst mitreden dürfen, zum Beispiel, wenn eine neue Pute für

die Schule gewählt wird.« Das interessierte nun die Hühner alle, denn

die meisten hatten Kücken.

»Das ist sicher, daß ich die Bronzepute nicht wieder wähle,« kreischte

ein dickes Huhn mit einem Federbusch zwischen jeder Zehe. »Sie hat allen

meinen Kücken schlechte Zeugnisse gegeben.«

»Ich wähle sie auch nicht,« piepste das Perlhuhn. Es sah aus wie ein

uraltes Jüngferchen mit einem weißpunktierten Schal, aus dem das kleine,

nackte, neugierige Köpfchen hervorschaute.

»Ich wähle sie auch nicht.«

»Warum nicht,« fragte die schöne Henne.

»Weil sie in der Schule den Kücken gesagt hat, alle Hühner hätten

ein Herz und eine Lunge und eine Leber, und andere unappetitliche Sachen.

Dafür schicke ich meine Jungen nicht zur Schule, daß sie solche Dinge

lernen.«

»Da hast du recht,« stimmte auch eine Rouen-Ente bei, die so stark war,

daß sie ihren Leib auf der Erde nachschleifen mußte. »Traurig ist das.

Wir sind auf einen Punkt der sogenannten Aufklärung gekommen, den man

schon, den man schon --«

»Unmoral nennen könnte,« half das Perlhuhn nach, und drehte sein

unbedeutendes Köpfchen beifallheischend nach allen Seiten.

»Und die Poesie? Wo bleibt die, wenn unmündige Kücken schon wissen, was

Hahn und Hühner inwendig haben? Nein, die Bronzepute wähle ich nicht,«

schnatterte die Rouen-Ente.

»Ich auch nicht,« meinte eine bräunliche Laufente, die eilig und

aufrecht angewatschelt kam, »was kann sie unsere Jungen lehren? Sie weiß

selber nicht, was sich für Puten gehört. Sie legt sich ja nicht einmal

platt auf die Erde, wenn der Truthahn vorüberrauscht, wie es sich für

Puten schickt, sie sieht ihn herausfordernd an und bleibt stehen.«

»Usch,« riefen alle Hühner entsetzt und pluderten sich. Eine Weile

schwiegen sie, drehten sich nach allen Seiten nachdenklich im Sand und

schüttelten die Federn.

»Also, wen wählen wir?« begann darauf wieder eine. Es war eine weiße

Henne, der Liebling des Hahns.

»Ich wähle die graue Pute,« sagte die Dicke mit den Federbüschen

entschlossen, »wenn ich der Haber schicke, so macht sie allen meinen

Hühnchen und Hähnchen gute Zeugnisse.«

»Sie ist häßlich, sie wird nie jemandem gefallen,« gackerte zufrieden

die weiße Henne. »Ich wähle sie.«

»Sie weiß selber nicht, ob die Hühner Milz und Leber im Leib haben,«

piepste das Perlhuhn, »also kann sie die Kücken nichts Unanständiges

lehren, wie es jetzt Mode ist. Ich wähle sie.« Es trippelte davon.

»Sie kann sich im Eierlegen bei weitem nicht mit mir messen, man wird

sie mir nie vorziehen,« dachte die Laufente. »Ich wähle sie auch, warum

nicht?«

»Schwimmen kann sie nicht wie ich,« prahlte die Rouen-Ente, »mir ist sie

also recht.«

»Das alles geht die Schule gar nichts an,« rief unwillig das schöne

Huhn.

»Aber uns,« kreischte die Dicke, »uns, meine Liebe, uns! Übrigens kann

ich morgen nicht zur Wahl kommen. Ich lege von 11-1 Uhr.«

»Und ich fange morgen mit Brüten an,« gackerte eines.

»Und ich führe meine Jungen zum ersten Mal aus,« rief ein anderes.

»Ich gehe mit dem Gockel spazieren,« brüstete sich die Weiße, und riß

einen Regenwurm, der sich verzweifelt wehrte, aus der Erde.

»Du kannst morgen nicht mit dem Gockel spazieren,« verwies sie das

schöne Huhn. »Der Gockel geht morgen zur Wahl.«

»Ich kann auch nicht kommen,« rief die Rouen-Ente mit dem dicken Leib

wichtig. »Ich werde morgen gebraten.« Sie wußte nicht recht, war das ein

angenehmes oder ein unangenehmes Ding, aber jedenfalls war es interessanter

als das Wählen einer Schulpute.

»Und ich gehe und wähle,« rief das schöne Huhn, »und wenn ich ganz

allein gehen muß.«

Und richtig, am nächsten Morgen war sie die einzige, die sich aufmachte,

um die neue Pute für die Kückenschule zu wählen. Der Hahn war wahrhaftig

mit dem weißen Huhn spazieren gegangen.

Da niemand da war, der der grauen Pute die Stimme hätte geben können, so

wurde die Bronzene einstimmig gewählt.

»Es ist ein unerhörtes Unrecht,« sagten die Hühner des Hühnerhofes

nachher zornig. »Was haben wir davon, daß wir wählen dürfen, wenn doch

nicht die gewählt werden, die wir wollen?«

Sie steckten die Köpfe unter die Flügel, plusterten sich auf, und hielten

ihr Mittagsschläfchen ab.

[Illustration]

So oder so!

»Und ich sage dir, Gelbes: Wenn du überhaupt willst, daß ein Enterich

dich heiratet, so lerne das Gehorchen,« rief eine dicke weiße Peking-Ente

und wippte aufgeregt mit dem Schwänzlein.

»Warum, Frau Mutter?«

»Weil dich sonst keiner nimmt!«

»Es braucht mich keiner zu nehmen, dem ich gehorchen muß,« sagte das

Gelbe. Es war eigentlich schon weiß geworden und hatte nur einen gelben

Schnabel.

»Was für einen willst du denn?« fragte entsetzt die Alte.

»Einem der mich tun läßt, was ich will,« sagte sehr bestimmt das junge

weiße Entlein mit dem gelben Schnabel.

»Und was willst du?« forschte die Ente angstvoll.

»Gleiche Rechte wie der Enterich.«

»Was sind das für Rechte, du schreckliches Geschöpf?« schrie die

Entenmutter, die noch nie solche Ansichten gehört hatte.

»Ich will baden, wo ich will, ich will fressen, was ich will, ich will auf

die Wiese gehen, wann ich will, und ich will meine Jungen aufziehen,

wie ich will: da hat mir keiner etwas dreinzureden, denn es sind meine

Jungen!« Das Gelbschnäbelchen mußte Atem schöpfen. Die Alte steckte

einen Augenblick den Kopf unter den Flügel, sie mußte sich sammeln.

Da mischte sich eine bunte Rouen-Ente ins Gespräch.

»Entchen,« sagte sie zu dem weißen Entlein, »sieh' dich vor! Es könnte

schief gehen mit solchen Grundsätzen. Da, sieh' mein eigenes Junges. Dem

habe ich meine Ansichten beigebracht und bin glücklich und gut durchs

Leben gekommen. Kleines Buntes, wer wird dein Herr sein?«

»Der Enterich,« sagte die kleine Rouen-Ente.

»Was ist deine Pflicht?«

»Gehorsam ist meine Pflicht!«

»Was wird dein Glück sein?«

»Meine Jungen aufzuziehen, wird mein Glück sein!«

»Und dein Stolz!« mahnte die Alte.

»Und mein Stolz,« fügte die Junge hastig hinzu.

»Lächerlich!« schüttelte sich der Gelbschnabel.

Da kam ein Enterich gewatschelt. Groß, schneeweiß, krausen Flaum im

Nacken und die Schwanzfedern gelockt, wie es sich für einen Enterich aus

guter Familie schickt. Er verbeugte sich vor dem weißen Entlein.

»Es ist Zeit, daß ich mir eine Familie gründe,« sagte er. »Können

Sie sich entschließen, meine Gefährtin zu werden?« Die Art seiner Rede

gefiel dem Entlein.

»Werde ich volle Freiheit haben, zu tun, was ich will?« fragte das kecke

Ding.

»Das werden Sie!« versprach der Enterich.

»So will ich mit Ihnen ziehen,« entschied das Entlein, und sah mit seinen

beerenschwarzen kugelrunden Augen zu seiner Mutter hinüber.

»Frau Mutter, nun werden Sie etwas erleben,« rief es. Aber die alte

Peking-Ente antwortete nicht. Sie schlürfte eben eine dicke Raupe in sich

hinein.

Der Enterich trat nun auch vor das junge Rouen-Entchen.

»Wollen auch Sie mit mir kommen?« fragte er etwas von oben herab.

»Es ist mir eine große Ehre,« sagte bescheiden das Bunte und verneigte

sich, »und ich werde Ihnen eine gehorsame Gefährtin sein.«

»Freut mich,« sagte der Enterich. Die beiden jungen Enten nahmen nun

Abschied von ihren Müttern und zogen mit dem Enterich auf seinen Hof.

Dort lebten sie vergnügt zusammen. Das weiße Entlein nach neuen

Grundsätzen, und das Bunte nach alten. Da der Enterich ein guter Kerl war,

kam es mit den Grundsätzen ganz aufs selbe heraus.

Sie fraßen alle drei aus einer Schüssel: die Weiße, weil sie fressen

wollte, und die Bunte, weil sie fressen durfte.

Sie zogen beide hinter dem Enterich her auf die grüne Wiese, die Weiße,

weil es ihr so paßte, und die Bunte, weil sie nichts Besseres zu tun

wußte.

Sie legten jeden Morgen ihr Ei, die Gelbschnäbelige, weil sie wußte, daß

es ihr von der Natur so bestimmt war, und die andere, weil das Ei ja von

selber kam.

Und beide bekamen Junge, niedliche gelbe Dinger. Und beide führten sie gut

und gewissenhaft: Die Weiße, weil sie die herzigen Geschöpfe liebte, ob

sie wollte oder nicht, und die Bunte, weil sie sie auch liebte und es noch

dazu ihre Pflicht und ihr Stolz war.

Die mit den neuen Grundsätzen führte und erzog ihre Jungen, wie sie es

für gut fand, denn der Enterich redete ihr nie darein, er hatte anderes zu

tun. Und die mit den alten Grundsätzen führte sie auch allein, denn auch

um ihre Kleinen kümmerte sich der Enterich nicht.

Und als die beiden Enten älter geworden und die Eier nur mehr spärlich

kamen, da stieg die Köchin hinunter zum Ententeich, packte die Weiße

und die Bunte, drehte ihnen den Kragen um und kochte sie an einer braunen

Tunke.

»Es waren gute Enten, alle beide!« sagte betrübt der Enterich und nahm

sich schweren Herzens zwei andere.

[Illustration]

Warum die Schafe heiraten

»Frau Mutter,« fragte das Lämmlein, »warum haben Sie eigentlich

geheiratet?«

»Das ist eine dumme Frage,« sagte des Lämmleins Cousine. »Warum

heiratet man? Darum!«

»Darum! Das möchte ich gerade wissen, was ›darum‹ bedeutet.«

»Lämmlein, zum Heiraten gibt es mancherlei Gründe,« erklärte nun das

alte Schaf, »zum Beispiel die Liebe.«

»Aha!« sagte das Lämmlein. »Frau Mutter, da haben Sie aus Liebe

geheiratet?«

»Bewahre! Dazu war ich viel zu vernünftig.«

»Hat die Schafs-Cousine aus Liebe geheiratet?«

»Auch nicht,« sagte diese, »dazu war ich zu alt.«

»Aber meine älteste Schwester?«

»Ach nein, die war zu häßlich dazu.«

»Der Bruder?«

»Der war zu arm dazu.«

»Ja, aber,« fragte das Lämmchen verwundert, »wer heiratet denn aus

Liebe?«

Das alte Schaf dachte lange darüber nach, kratzte sich energisch mit dem

Hinterfuß die Seite, scharrte ein wenig mit dem Vorderfuß auf der Erde,

aber es fiel ihr doch niemand ein, der aus Liebe geheiratet hatte. Es riß

ein Kräutlein aus und sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht!«

»Und warum kann man noch heiraten, Frau Mutter?«

»Um einen warmen Stall zu haben, gutes Futter, und -- nun, um eben ein

würdiges, verheiratetes, gediegenes Schaf zu sein.«

»Und warum noch, Frau Mutter?«

»Lämmchen, du fragst zuviel!«

»Frau Mutter, wenn ich nicht frage, so weiß ich es nicht.«

»Warum man heiratet, brauchst du nicht zu wissen, du wirst es schon noch

erfahren,« sagte die Schafs-Cousine.

»Ich will aber aus Liebe heiraten,« erklärte bestimmt das Lämmchen,

»das gefällt mir am besten.«

»Mir auch,« brummte das alte Schaf, und die Schafs-Cousine sagte:

»Heirate du nur, Lämmchen! Ganz gleich aus welchem Grunde. Die Liebe

kommt nach.«

»Ganz gleich zu wem,« spottete der Schafs-Cousine alter Bock.

»Setzt meinem Schäflein keine Dummheiten in den Kopf,« schalt der

Schafsbock, des Lämmchens Vater.

»Herr Vater, so sagen Sie mir, warum Sie geheiratet haben? Aus Liebe? Oder

um einen warmen Stall zu haben? Oder um verheiratet zu sein? Ich möchte es

so gerne wissen.«

»Lämmchen, Lämmchen,« seufzte der Bock, »mußt du denn alles

erfahren?«

»Heraus damit!« schrie der Schafs-Cousine Alter.

»Ein rechter Bock von altem Schrot und Korn hat nur einen einzigen Grund,

warum er heiratet: Um dem Staate zu dienen und eine Familie zu gründen.«

»Mäh! Bäh!« machte das Cousinen-Schaf.

»Das war aber schön von Ihnen, Herr Vater!« sagte bewundernd das

Lämmchen und stellte seine Fragen ein.

[Illustration]

[Illustration]

Das Festessen

Der Laubfrosch wollte heiraten, und alle Verwandten und Nachbarn sollten an

der Hochzeit teilnehmen. Er hatte eben die Liste der Eingeladenen beendet,

und überlegte nun mit einem seiner Verwandten das Festessen.

»Zuerst geben wir gebratene Mücken als Voressen,« sagte der Laubfrosch.

»Lieber Freund, dann muß ich auf die Freude verzichten, deiner Hochzeit

beizuwohnen,« rief ein Eichhorn, das oben im Baume wohnte und nie zugeben

wollte, daß es junge Vögel und Vogeleier fraß, »Fleisch von Tieren esse

ich nie!«

»Nicht?« fragte verwundert die Eidechse, eine Freundin des Laubfrosches.

»Warum nicht?«

»Ich bitte Sie! Tiere töten! Sie sind doch unsersgleichen!«

»Ja, du liebe Zeit,« rief die Eidechse, »das tun wir doch fast alle.«

»So! Da haben wir es wieder! Weil es alle tun, ist es recht! Meinetwegen,

geben Sie gebratene Mücken, ich esse eben daheim meine Nüsse.«

»Bewahre!« begütigte der Laubfrosch, »ich werde mit Freuden für Sie

Nüsse besorgen. Also: erster Gang: gebratene Mücken und Nüsse. Zweiter

Gang vielleicht Ameiseneier?«

»Es tut mir leid,« rief der Regenwurm, »die esse ich grundsätzlich

nie.« Der Regenwurm hatte so viele Grundsätze, daß er an nichts anderes

denken konnte als daran, keinen zu vergessen. Sonst sah und hörte er

nichts, und nur wenn einer von Grundsätzen sprach, hob er den Kopf.

»Mit was darf ich Ihnen denn aufwarten?« fragte freundlich der

Laubfrosch.

»Mit feiner Erde, wenn ich bitten darf,« sagte der Regenwurm, »ein

Drittel Walderde, ein Drittel Sand und ein Drittel Roßmist.«

»Ich werde alles sehr gerne für Sie besorgen lassen,« sagte der

Laubfrosch. »Zweiter Gang: Ameiseneier und Walderde. Weiter!«

»Ich möchte geröstetes Mehl vorschlagen,« rief die Feldmaus.

»Pfui!« schrie die Biene aus dem Garten von nebenan, »Mehl! Einen

solchen Teig wollen Sie sich in den Magen schmieren? Davon erholen Sie sich

in vierzehn Tagen nicht! Nein! Blütenstaub, das ist das Richtige! Das ist

die Speise, wie die Natur sie bietet!« Sie schwirrte mit den Flügeln im

Gedanken an die beliebte Speise.

»Für Blütenstaub danke ich,« schrie die Eidechse. »Es ist lächerlich.

Und damit wollen Sie genährt sein? Enthält Blütenstaub Eiweiß? Oder

Fett? Also! Eine Fliege, womöglich einen zarten Mehlwurm, das lasse ich

mir gefallen.«

»Ich werde mir das Vergnügen machen, sowohl Blütenstaub als Mehlwürmer

auftragen zu lassen,« versicherte höflich der Laubfrosch.

»Wenn ich eingeladen werden sollte,« rief ein Maulwurf, der seinen Kopf

eben aus dem frischgeworfenen Hügel herausstreckte, »so muß ich sehr um

frische Regenwürmer bitten!« Der Regenwurm, der dicht neben dem Hügel

lag, machte sich eilig davon.

»Pfui!« schrien Eichhorn und Biene, »was für ein roher Patron!«

»Halt du den Schnabel,« sagte die Eidechse höflich zum Eichhorn. Sie aß

selber gerne lebende Tiere. »Du issest auch was dich gelüstet!«

»Nein!« rief das Eichhorn. »Nicht was mich gelüstet, sondern was ich

kriegen kann.«

»Wo bleiben da die Grundsätze?« jammerte der Regenwurm hinter dem Stein

hervor, der ihm als Schutzwehr diente. »Keine Macht der Erde brächte mich

dazu zu essen was ich für unrichtig halte.«

»Zum Glück lebe ich nicht nach Grundsätzen,« brummte die

Schmeißfliege, »ich halte es mit der Abwechslung: Zucker, Fleisch,

Aas --«

»Aas!« schrien alle Tiere, »Aas! Sie ekelhaftes Vieh!«

»Tut nur nicht so,« wehrte sich die Fliege, »ihr wißt nicht, was ihr

verschmäht. Versucht es erst, ehe ihr verdammt.«

»Pfui!« schrien wieder im Chor die Tiere.

»Übrigens begehre ich gar nicht an eurem faden Essen teilzunehmen,«

sagte ärgerlich die Schmeißfliege.

»Bitte, bitte, Frau Fliege, ich werde gerne für ein Stücklein

Aas sorgen,« beruhigte sie der Laubfrosch. »Und wie wäre es mit

Wasserschnecken?« wandte er sich wieder an seinen Verwandten.

»Herrlich!« rief der Frosch, der Onkel des Bräutigams, und:

»Gräßlich!« schüttelte sich die Raupe. »Wenn ich um Kohl bitten

dürfte? Ich esse nur Gemüse.«

»Sehr gern!« Der Laubfrosch notierte: Wasserschnecken und Kohl.

»Werde ich auch eingeladen?« fragte plötzlich eine Stimme. Eine

Ringelnatter kroch unter dem Busch hervor und lag nun dicht vor dem

grünen, entsetzten Bräutigam.

»Gewiß, gewiß, selbstverständlich,« sagte er zitternd, »es wird mir

eine große Ehre sein! Und was darf ich der verehrten Natter anbieten?«

»Ich esse grundsätzlich immer, was da ist,« sagte die Schlange. Damit

packte sie den Laubfrosch und verschluckte ihn langsam.

Sämtliche Nachbarn und Freunde des Dahingegangenen stoben eiligst

auseinander.

»Nun ist es aus mit Hochzeit und Festessen,« jammerte die Schmeißfliege.

»Leider!« seufzte der Regenwurm, »aber sie hat ihn doch aus Grundsatz

aufgefressen.«

»Sie hätte dich verschlucken sollen mit samt deinen Grundsätzen,«

brummte die Schmeißfliege, und tat sich an einer toten Schwalbe gütlich,

die am Wege lag.

[Illustration]

Einsicht

Eine schneeweiße Pfauentaube saß mit dem Tauber auf dem Dach. Sie

glänzten in der Sonne und schnäbelten sich zärtlich.

»Das ist stark,« sagte das Truthuhn, das seinen Kopf ganz schief halten

mußte und dazu blinzeln um hinaufzusehen. Es wollte weiter reden; aber da

ging der Truthahn vorbei, kollerte und blähte sich, und das Truthuhn warf

sich platt auf die Erde, verliebt und demütig. Es sah mit seinen blöden

Augen zu dem stattlichen Tier empor, das mit Rasseln und Trommeln dafür

dankte und sich aufblies wie ein Luftballon.

»Daß man einen Tauber anbeten kann!« kreischte das Truthuhn.

»Einen kleinen, unbedeutenden, farblosen Vogel, der keinem Geschöpf

Respekt einzuflößen imstande ist.« Es lag nun flach da, wie ein breiter,

bräunlicher Eierkuchen. Dem Truthahn schwoll der rote Zierat an Kopf und

Hals. Er wurde purpurrot.

»Daß er die Zärtlichkeit der Taube überhaupt für voll nimmt,«

kollerte er. »Daß er so wenig Einsicht hat und glaubt, was die Kleine da

oben girrt.« Er schüttelte sich. Das Truthuhn vor ihm wurde noch flacher.

»Er ist ein Tauber,« sagte es verächtlich. »Kein Herrscher, kein König

unter seinesgleichen, kein ...« Es konnte nicht weiter, und schnappte

nach Luft. Sein bläuliches Köpflein bewegte sich vorwärts und

rückwärts. Es schloß die Augen und wartete, ob der Truthahn seine

Ergebenheit belohnen werde. Aber er rauschte weiter. Wie dunkles Gold

glänzte sein Gefieder. Er wußte, daß er der Stolz des Hühnerhofes war.

Der große, weiße Hahn hatte dem Zwiegespräch zugehört. Er schwieg.

Stolz drehte er den gebogenen Hals, und gravitätisch ging er seinen

Hühnern voran durch den großen Hof. Eine der Hennen sagte, daß sie sich

wundere, daß der Truthahn sich mit der dummen Dinde abgeben möge, die

Verehrung und Zärtlichkeit heuchle. »Und er glaubt das alles,« sagte ein

braungesprenkeltes Huhn, und trippelte zum Hahn. Der hob sich, schüttelte

sich und krähte. Alle Hühner sahen sich an.

»So wie du, kräht keiner,« sagte eines.

»Wer hat dein stolzes Auge?« fragte ein anderes, und gab der Nachbarin

einen Hieb, denn sie hatte ihm eine Mücke vor dem Schnabel weggeschnappt.

»Wessen Schwanzfedern wölben sich wie die deinen?«

»Wer ist so weiß wie du?«

»Wer könnte uns beschützen, wie du es tust?« Der Hahn schwieg. Er

war klug. Aber er stolzierte durch den Hof, schlug mit den Flügeln und

krähte, daß alle Hähne der Nachbarschaft antworteten.

Der Enterich, der am Zaun in der Sonne lag, hatte mit seinen

beerenschwarzen Augen dem allem zugesehen. Er war aber zu faul, um zu

sagen, was er dachte. Er wippte nur mit dem Schwänzlein und schnatterte

ganz leise. Seine beiden Enten konnten sich nicht genug wundern, daß der

Hahn solche grobe Schmeicheleien glaube. Sie sahen hinüber zum Hahn und

schnatterten empört und verächtlich. Dann begannen sie gleichzeitig den

Enterich zärtlich zu lausen. Er ließ es sich gefallen.

Warum auch nicht?

[Illustration]

Eintagsfliegen

Ein paar leichtbeschwingte Fliegen summten um den schön gezopften

Misthaufen im Hühnerhof herum.

Eine von ihnen, eine behäbige, wie blaues Metall glänzende Roßfliege

setzte sich auf den hölzernen Zaun, der den Hof umschloß, denn es war

unter ihrer Würde, sich tiefer unten niederzulassen. Sie hatte der Welt

Großes geschenkt. Eine Entdeckung von Ewigkeitswert war ihr gelungen: Sie

hatte die Grenze der Erde erreicht. Triumphierend sah sie sich um.

»Die ganze Welt ist nun unser,« sagte sie, und ein Schauer der Ehrfurcht

machte die zarten Flügel der andern erzittern.

»Unser, im wahren Sinn des Wortes,« sagte bewundernd eine kleine, muntere

Fliege. »Nach allen Richtungen haben wir sie erforscht. Sie birgt kein

Geheimnis mehr für uns.« Die tausend Augen der Zuhörer richteten sich

wieder auf die Roßfliege, die aber unwillig surrte, denn sie liebte es

nicht, wenn andere in der Mehrzahl von ihrer Entdeckung redeten.

Die muntere Fliege kratzte sich etwas verlegen mit dem dünnen Beinchen den

Kopf.

»Ich sage wir, weil ich dadurch andeuten möchte, daß das Universum

teilnimmt an dem Großen, das in diesen Tagen geschah. Und auch, weil wir

andern es uns nicht nehmen lassen wollen, uns als einen Teil des Ganzen zu

fühlen, als einen Stein am Bauwerk der Wissenschaft, als eine Staffel an

der Leiter des Ruhms, deren höchste Stufe unsere glorreiche Roßfliege

-- es verneigten sich alle zum Zeichen des Respekts und schwirrten mit den

Flügeln -- erreicht hat.«

Die Gefeierte sah bescheiden mit den tausend Facetten ihrer Augen zum

Himmel auf, mit der anderen Hälfte spiegelte sie im Kreis herum, ob man

ihr auch allseitig die gebührende Hochachtung erweise.

Plötzlich flogen alle Anwesenden erschrocken auf, denn es nahte sich ein

großer, unbekannter Fliegenschwarm. Sie setzten sich aber sogleich

wieder, da die Herannahenden kamen, um dem blauglänzenden Forscher Ehre zu

erweisen.

Ein gegenseitiges, höfliches Flügelrauschen, Summen und Surren erhob

sich. Ein bewunderndes Auf- und Abwogen, ein Gratulieren, bescheidenes

Abwehren, interessiertes Fragen, bestimmtes, sicheres Antworten. Eine

grünschillernde Fliege sprach für die andern. Sie wandte sich an die

Roßfliege.

»Du hast es erreicht,« begann sie. »Ohnegleichen ist dein Ruhm.

Himmel und Erde sind dir kein Geheimnis mehr. Die Grenze der Welt hast

du erforscht. Unter die Unsterblichen bist du aufgenommen worden.« Sie

funkelte mit ihren geschliffenen Augen die Roßfliege an, die zusehends

dicker, größer, blauer und haariger wurde. Alles an ihr wuchs und

gleißte.

Sie surrte auf das korrekteste ihren Dank, nahm den Orden der erlösten

Paradiesfliegen entgegen, und geleitete darauf die Deputation über den

Misthaufen, durch den Hof, weit in den Garten hinaus. --

»Die Blaue platzt noch vor Hochmut,« sagte eine Biene, die an ihr

vorüberflog. Sie kroch in eine rosafarbene Primel, blieb dort eine Weile,

und kam heraus, die Füßchen voll Blütenstaub. »Was hat man davon, wenn

man weiß, daß am Ende der Welt ein Berg ist, den keiner überfliegen

kann?« fragte sie.

»Nichts,« sagte verächtlich ein Schmetterling, der auf der Primel saß.

»Aber was hast du von deiner Arbeit?«

Verblüfft sah die Biene ihn an.

»Genug, meine ich. Die Welt bewundert uns und braucht uns. Ohne uns

schritte der dürrbeinige Hunger durch das Land. Ohne uns stürbe, was Odem

hat. Was ich davon habe? Dumme Frage: Wir sind die Ernährer der Welt.«

Zornig schnellte sie ihren Stachel gegen den samtnen Schmetterling.

Er wiegte sich jetzt auf einer frühen Narzisse, die weiß wie er, ihr

goldenes Krönchen auf der Stirne, ihren zarten Duft verbreitete.

»Arbeitstiere ihr,« sagte er verächtlich. »Ihr braucht auf euren

Stand auch noch stolz zu sein. Grobes Volk, aller Schönheit bar. Wir

Schmetterlinge sind der Zweck der Schöpfung. Wir sind das Schöne. Wir

tragen den blauen Himmel, die bunten Blumen, die durchsichtigen Steine und

den Schimmer des Goldes auf unsern Flügeln. Wir baden uns im flirrenden

Sonnenstrahl und nähren uns von glitzerndem Tau. Wir leben um zu

genießen. Ohne uns wäre die Welt öde, glanzlos, traurig.«

Amoralische Fabeln · 第 1 / 5 段