KAPITEL XVIII.

Äusseres der

Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten

ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische

Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus, Kropf,

Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten,

parasitäre Hautkrankheiten--Wert einer ärztlichen Praxis unter

den hingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Körper,

ihrem Geist, dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden

der Priester--Diätetische Mittel--Befolgung ärztlicher

Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbäder.

Aus der geringen Bevölkerungsdichte von Mittel-Borneo geht bereits

hervor, dass hier Zustände herrschen müssen, die einer normalen

Vermehrung der Menschen entgegenwirken. Die schädlichen Faktoren,

die hier in Betracht kommen, sind erstens in den Verhältnissen der

Umgebung selbst zu suchen, zweitens in dem Umstand, dass sich die

Bevölkerung vor den nachteiligen Einflüssen dieser Umgebung nicht

zu schützen weiss. Üble Gewohnheiten der Stämme, wie Kopfjägerei und

Unsittlichkeit, schädigen eine Vermehrung in weit geringerem Grade.

Die Entwicklung der Bahau und Kenja ist noch nicht so weit

fortgeschritten, dass sie Krankheiten mit eigenen, wirksamen Mitteln

bekämpfen können; bemerkenswert ist dagegen, dass sowohl bei Bahau

als bei Kenja in hohem Masse die Vorstellung herrscht, dass sich

Krankheiten durch diätetische Mittel bekämpfen lassen. Die Konstitution

der Bahau unterstüzt sie im Kampfe gegen Krankheiten nur wenig, daher

haben sie unter diesen während ihres ganzen Lebens mehr oder weniger

zu leiden. Vor allem sind es Malaria und venerische Krankheiten,

Syphilis und Gonorrhoe, welche die Lebenskraft der Eingeborenen

untergraben. Die Malaria wirkt schwächend auf den Organismus, die

venerischen Krankheiten verhindern ausserdem eine stärkere Vermehrung.

Die Bewohner von Mittel-Borneo sind mittelgross und schmächtig von

Gestalt, doch kommen auch schön gebaute Körper bei ihnen vor, überdies

werden sie nicht durch Rhachitis und Tuberkulose verunstaltet. Sie

gehören zu einer Rasse mit schwarzem, glattem Haupthaar und

mittelmässiger bis schwacher Körperbehaarung. Obgleich einzelne

Personen auch welliges, bisweilen sogar krauses Haar besitzen und

das Braun der Haut auch sehr dunkel sein kann, habe ich auch unter

den Jägerstämmen im Innern der Insel nie Menschen mit Spuren des

Negertypus gesehen oder von ihnen sprechen hören.

Trotz ihres schmächtigen Körperbaues besitzen die Bahau gut entwickelte

Muskeln, mit geringer Neigung zu Fettbildung, sowohl unter der Haut

als an einzelnen Körperstellen. Wirklich fette Individuen sah ich nie;

die entstellenden Schmerbäuche, die bei Europäern vorkommen, fehlen

bei ihnen gänzlich. Auch findet man nur selten Personen mit Muskeln,

die von einer Fettschicht verdeckt sind; am ehesten kommt dies bei

erwachsenen jungen Frauen vor.

Die Gesichtsform ist oval, häufig rund mit wenig vortretenden

Backenknochen. Die Augenspalten, aus denen lebhafte, dunkelbraune

Augen hervorschauen, sind nur schwach geöffnet; Personen mit nach

Mongolenart schräg noch aussen verlaufenden Augenspalten sieht man

nur selten, die meisten bemerkte ich unter den Kenjastämmen von Apu

Kajan. Eine Hautfalte über dem inneren Augenwinkel fehlt gänzlich.

Die im allgemeinen platte Nase ist gerade; ihre Flügel sind nicht

besonders breit. Individuen mit eingestülpter oder mit stark gebogener

Nase kommen ebenfalls vor.

Der Mund ist nicht auffallend gross; es giebt selbst Frauen mit

hübschem, kleinem Mund; auch sind die Lippen nie sehr dick.

Die Bahau besitzen von Natur ein sehr gut entwickeltes Gebiss, sie

misshandeln es aber durch das in letzter Zeit Mode gewordene Absägen,

Ausfeilen, und Durchbohren der Zähne. Caries und Missbildungen,

die durch Syphilis verursacht werden, sind häufig.

Über die Gliedmassen ist nur zu bemerken, dass sie zum Körper in guten

Proportionen stehen; die Arme sind verhältnissmässig etwas länger als

bei den Europäern. Die schön gebildete, aber nicht schwere Muskulatur

weist mehr auf Geschmeidigkeit und Gewandtheit als auf grosse Kraft.

Hände und Füsse sind stets klein und wohlgebildet, leiden aber viel

durch harte Feldarbeit, Verwundung und Krankheit, so dass man bei

älteren Leuten häufig Missbildungen antrifft. Bemerkenswert ist der

grosse Zwischenraum, der häufig zwischen der ersten und zweiten Zehe

vorkommt. Der Winkel, den diese beiden Zehen bilden, kann bis zu 60°

betragen.

Die Haut der Baliau und Kenja ist in der Jugend meist eher hellgelb

als braun, besonders ist dies bei Kindern, die der Sonne noch nicht

ausgesetzt gewesen, und bei jungen Mädchen, die sich bei der Feldarbeit

durch Kleider vor Sonnenbrand schützen, der Fall. Ganz allgemein wird

die spätere dunkle Hautfarbe der Eingeborenen durch die Sonne bewirkt;

ständig bedeckte Körperteile, wie die Lendengegend der Männer und

die Beckengegend der Frauen, behalten daher stets ihren hellen Ton.

Trotz ihrer teilweisen Bedeckung ist die Haut der Eingeborenen

in Wirklichkeit doch allen Einflüssen der Witterung ausgesetzt,

wodurch sie ein grosses Widerstandsvermögen erlangt hat. Chronische

Hautentzündungen sieht man bei den Baliau nur selten, obgleich

sie in Wald und Feld zahlreichen Verwundungen ausgesetzt sind;

nicht spezifische Beingeschwüre, wie sie in Europa vorkommen,

sind bei ihnen ganz unbekannt. Solange die Haut noch nicht von

parasitären Hautkrankheiten betroffen ist, erträgt sie lange Zeit

Druck und Reibung, ohne darauf anders als mit leichter Rötung zu

reagieren. Auffallend resistent zeigt sich die Haut der Frauen dem

Einfluss der Gravidität und der Lactation gegenüber. Die Frauen der

Ot-Danum und Kantu am Kapuri besitzen diese Widerstandsfähigkeit in

noch höherem Masse, aber auch bei den Frauen der Baliau und Kenja

beobachtete ich selbst bei hochgradiger Schwangerschaft nur selten

Striae; auch erhalten die Frauen ihre früheren Formen nach der

Entbindung vollständig wieder zurück. Ebenso lassen die Brüste oft

nur an den Warzen erkennen, dass eine Frau bereits genährt hat. Bei

meinem ersten Aufenthalt bei den Ot-Danum bewunderte ich die schöne

Gestalt einer jungen Frau, welche ihre zwei verschiedenaltrigen Kinder

gleichzeitig nährte. Am Mahakam hatte ich einst eine junge Frau, die

ich ärztlich behandelte, lange Zeit für kinderlos gehalten, bis sie

eines Tages mit einer dreijährigen Tochter bei mir erschien und mir

erzählte, dass sie ein zweites Kind bereits verloren habe. Selbst

wiederholte Schwangerschaften hinterlassen bei den meisten Frauen

wenig Spuren, sowohl auf der Haut als in den Körperformen.

Dass die Bahau eine viel geringere momentane Muskelkraft als die

Europäer entwickeln, ist um so auffälliger, als sie von klein auf

an Feldarbeit und Jagd gewöhnt sind und keine Lasttiere besitzen,

so dass sie auch im Tragen ständig Geübt sind. Sie können z.B. nicht

so schwere Gewichte, wie ein ungeübter, mittelstarker Europäer heben;

auch tragen sie bei grösseren Entfernungen und schlechten Wegen nicht

gern über 20-25 kg schwere Lasten auf dem Rücken. Bemerkenswert ist

ferner, dass die Kräfte und die Ausdauer bereits bei 30-35 jährigen

Männern abnehmen, daher überlassen diese alle schwerere Arbeit auf

der Reise gern den 20 jährigen jungen Leuten.

Die Sinne sind bei der Bevölkerung von Mittel-Borneo im allgemeinen

gut entwickelt. Beobachtungen hierüber werden dadurch erschwert, dass

Krankheiten häufig das Seh- und Empfindungsvermögen beeinträchtigen. Da

nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Augen besitzt, die weder

in jugendlichem noch in späterem Alter einmal längere Zeit krank

gewesen sind und hiervon an der Cornea oder Conjunctiva noch Spuren

aufweisen, findet man bei ihnen begreiflicher Weise kein besonders

scharf entwickeltes Sehvermögen. Überdies haben die Eingeborenen

zwischen und in ihren Wäldern gar keine Gelegenheit, sich im Fernsehen

zu üben und ihre Sehschärfe hierdurch zu entwickeln.

Der Farbensinn lässt bei den Bahau nichts zu wünschen übrig; dafür

spricht in erster Linie ihr feines Gefühl für Farbenharmonie, das sich

in ihren schönen Perlenarbeiten äussert, ferner, dass ihre Sprache

nicht nur für alle verschiedenen Farben, sondern auch für deren Nuancen

besondere Bezeichnungen besitzt. Diese weichen in mancher Hinsicht

von denen der Europäer ab. So heisst in der Busang Sprache schwarz

"_tope totoreg" =_ verbranntes Blau; "_tom genang" = dunkelblau;_

"_krotang_" = hellblau, von dem sie an Perlen verschiedene Arten

unterscheiden, je nach dem Zweck, für den sie diese benützen, z.B.:

"_krotang lawong" =_ hellblau für Kopfbänder. Gelb heisst "_njehang_"

und hell rehbraun "_njehang tebli_ (gelbrot)", dunkel rehbraun und

dunkelrot werden beide "_li_" genannt. Weiss = _puti_; grün = _nohom_.

Das Tastvermögen der normalen Haut ist bei den Bahau, vielleicht wegen

der dicken Epidermis, minder ausgebildet als bei Europäern. Ihre blosse

Haut hat für gewöhnlich eine niedrigere Temperatur als die der Weissen,

daher vertragen sie bei andauernder Anspannung und Hitze nur schlecht

eine stärkere Blutzufuhr und Transpiration und nehmen jede Gelegenheit

wahr, um sich zu baden.

Auf Kitzel reagiert ihre ganze Haut weniger stark als die der Europäer,

während ihre Handflächen und Fusssohlen wegen der Dicke der Schwielen

für Kitzel ganz unempfindlich sind.

Die Bahau besitzen ein gut entwickeltes Gehör; an ihre reit primitiven

Mitteln hergestellten Musikinstrumente, wie Flöte und _kledi_, machen

sie, was Reinheit des Tones anlangt, grosse Ansprüche. Ihre Lieder

erscheinen auch einem europäischen Ohr melodisch. Ihre Gonge tönen

uns zu laut, aber auch bei diesen bestimmt hauptsächlich die Reinheit

des Tones den Wert des Instruments.

Ob der Geruchssinn bei den Bahau feiner ausgebildet ist als bei den

Europäern, wage ich weder aus der Tatsache, dass sie für unangenehme

Gerüche, wie die von Leichen und Unrat, sehr empfindlich sind,

noch daraus, dass sie bei unbekannten Waldfrüchten nach dem Geruch

bestimmen, ob sie giftig oder nicht giftig sind, zu entscheiden;

denn die erste Eigenschaft steht mit ihrer allgemeinen psychischen

Überempfindlichkeit in Zusammenhang und die zweite beruht

wahrscheinlich hauptsächlich auf Erfahrung und Übung.

Die wohlriechenden Gräser, Blätter und Blüten, mit denen sich junge

Männer und Mädchen für einander schmücken, duften nach unserem

Geschmack nicht immer angenehm; die jungen Leute müssen eben mit

den Erzeugnissen ihrer Umgebung vorlieb nehmen. Die Bahau schätzen

aber auch europäische Parfümerieen, die bei ihnen in schlechtester

Qualität von den Malaien eingeführt werden. Dass auch die Nasen der

Bahau für die verschiedenen Sorten unserer Parfümerieen ein scharfes

Unterscheidungsvermögen besitzen, erfuhr ich einst am Mendalam,

als ich _Paja_, _Akam Igaus_ Tochter, eine Flasche Eau de Cologne

N°. 4711 schenkte. Ihre Freundin, die sich gleich darauf ebenfalls

eine Flasche erbat, suchte ich mit etwas gewöhnlicher Wasch-Eau de

Cologne abzufertigen; nachdem die beiden aber zu Hause gemeinsam den

Inhalt ihrer Flaschen geprüft und verglichen hatten, kam die Freundin

gleich wieder zurück und erklärte, dass ihre Eau de Cologne schlechter

sei als die von _Paja_.

Die Bahau sind sehr sensible Naturen und daher Gemütsbewegungen aller

Art sehr zugänglich. Auch bei freudigen Erregungen steigen ihnen

Tränen in die Augen; einst sah ich eine Frau sogar beim Anhören eines

Grammophons weinen.

Schmerzen können sie nur sehr schwer ertragen, daher haben sie auch

mit jedem Leidenden, besonders wenn er zur Familie gehört, grosses

Mitleid. Sobald ein Kind oder ein Erwachsener auch nur scheinbar

ernstlich krank ist, nehmen alle Angehörigen an seinen Leiden so

lebhaften Anteil, dass sie ihre Arbeit auf dem Felde und im Hause

ruhen lassen und bei dem Kranken bleiben, auch wenn sie nicht

helfen können. Dies geschieht recht häufig, da die Bahau auch bei

unbedeutenden Leiden gleich nachgeben. Man muss daher im Verkehr mit

den Eingeborenen vor allem ihrer grossen Sensibilität Rechnung tragen.

Wie leicht sie aus Überempfindlichkeit und heftiger Gemütsbewegung

bisweilen den Kopf verlieren können, mögen folgende Beispiele

zeigen. Als sich _Kwing Irang_ einst mit einem junge Manne, namens

_Aran_, im Walde befand, wurde er durch ein herabfallendes Stück Holz

getroffen und begann ernstlich zu bluten. Obgleich die beiden sich

dicht beim Hause in einem wohlbekannten Walde befanden, verirrte

sich _Aran_, der Hilfe suchen ging, doch zwei Mal und verlor dazu

seinen Speer. Der Unfall, an dem er durchaus nicht Schuld war, ging

ihm so nahe, dass man ihn später nur mit Mühe dazu bringen konnte,

ins Haus zurückzukehren. Er beruhigte sich erst am folgenden Tage,

nachdem er sich gut ausgeschlafen hatte.

Nachdem _Bang Lawing_, der jetzige Häuptling der Mahakam Kajan, die

Leiche seiner Mutter in Batu Baung beigesetzt hatte, trennte er sich

von der Gesellschaft und lief stundenlang durch den pfadlosen Wald

nach Hause, statt mit den anderen den Fluss hinabzufahren. Später

konnte er nicht angeben, wie er nach Hause gelangt war.

Empfinden die Bahau Scham, so erröten sie oft bis tief auf die

Brust. Auch kann man sie vor ihrer Umgebung leicht in Verlegenheit

(_hae_) bringen. Ich benützte diese Eigenschaft bei Mann und Frau

öfters, um sie zum Halten ihres Versprechens und zur Pflichterfüllung

zu bringen. Auf diesem feinen Empfinden, das sich in der Furcht

vor der öffentlichen Meinung äussert, ist auch die _adat_ der Bahau

hauptsächlich begründet.

Sie besitzen einen ruhig heiteren und wenig zu heftigen Äusserungen

geneigten Charakter; sie lieben den Scherz und die Fröhlichkeit und

singen und tanzen daher gern miteinander; auch ältere Männer nehmen an

den Kriegstänzen Teil und an Festtagen sieht man auch alte Frauen mit

den jungen tanzen und singen. Zwar beängstigt sie der Glaube an die

Existenz zahlreicher, sehr böser Geister, er drückt sie aber nicht

nieder. Man hört sie auch zu Hause häufiger lachen als weinen. Da

sie selbst nie heftig werden, flösst ihnen die Heftigkeit anderer

Angst ein.

Die Bewohner Borneos zeigen in Bezug auf ihre Konstitution einigt:

Eigentümlichkeiten, die sich aus der Wirkung ihres Klimas auf viele

Generationen begreifen lassen. Diese Eigentümlichkeiten äussern sich

in der Art und Weise, wie sie auf verschiedene Arzneien reagieren,

ferner in der grossen Vitalität ihrer Gewebe bei Verwundungen. Die

Behandlung von Malariakranken zeigte mir, dass Chinin eine sehr

schnelle Wirkung bei ihnen hervorruft. Auch in den ernstesten Fällen

bin ich nur selten gezwungen gewesen, mehr als 1 gr Chinin per Tag und

per Mal zu erteilen und selbst bei stark chronischen Malariakranken

rief diese Dosis in wenigen Tagen eine Besserung hervor. Auf meiner

ersten Reise beschränkte ich mich vorsichtshalber auf 1/2 bis 3/4

gr per Tag, als ich aber später keine nachteiligen Folgen bemerkte,

gab ich Erwachsenen stets 1 gr per Tag. Um den gleichen Effekt bei

Europäern zu erzielen fand ich während des Feldzuges auf der Insel

Lombok selbst 3 gr per Mal nicht immer genügend.

Hieraus ersieht man, dass die Konstitution der Dajak bei der Bekämpfung

einer Infektion viel stärker mitwirkt als bei Europäern. Die

Beobachtung von Prof. _R. Koch_ auf Neu-Guinea, dass erwachsene

Eingeborene gegen eine Malariainfektion immun werden und dass diese

nur auf Kinder einwirke, stimmt mit der meinigen also teilweise

überein. Das Verhalten der Dajak spricht gegen eine vollkommene

Immunität der Erwachsenen gegen Malariainfektion. Wie weiter unten

ausgeführt werden wird, konnte ich mich bereits in Sambas davon

überzeugen, dass beinahe sämtliche Kinder unter i o Jahren eine

geschwollene Malariamilz zeigten, welche bei Erwachsenen zwar seltener

aber ebenfalls zu finden war. Schon das häufige Vorkommen akuter

und chronischer Malaria bei Erwachsenen spricht gegen vollständige

Immunität. Dass bei den Dajak in akuten und chronischen Fällen eine

geringe Dosis Chinin bereits eine so starke Wirkung erzielt, weist

jedoch auf eine partielle Immunität, die sie sich vielleicht durch die

in der Kindheit bestandenen Malariaanfälle erworben haben. Hierauf

deutet auch die Tatsache, dass ich unter mehreren Tausend Patienten

keinen einzigen mit perniziösen Erscheinungen, wie Coma, schweren

Icterus, Nervenanfällen u.s.w. auf Malariaanfälle reagieren sah.

Die Wundheilung tritt bei den Bahau, wie schon erwähnt, schneller

und vollkommener als bei Europäern ein; hiervon konnte ich mich

häufig überzeugen:

Einst brachte man mir einen Dajak, dem von einem Dorfgenossen, der

ihn auf der Jagd für ein Wildschwein angesehen hatte, die Tibia auf

4 cm Länge in Splitter zerschossen worden war. Als man mir den Mann

am achten Tage nach dem Unfall brachte, war die ganze grosse Wunde

in eine septisch infizierte Eiterhöhle verwandelt, in welche die

zersplitterten Enden der Tibia hineinragten; die Kugel, die ich unter

der Haut an der anderen Seite hindurchfühlte, entfernte ich mittelst

eines Hautschnittes. Eine gründliche Desinfektion, die Fortnahme der

losen Knochensplitter, eine Drainage und Applikation von Schienen

zur Immobilisierung genügten, um den Mann innerhalb kurzer Zeit

körperlich wieder herzustellen und das Bein, mit Verkürzung um 1 cm,

durch Bildung eines grossen Callus, wieder brauchbar zu machen. Nach

einem Jahr war von einer Funktionsstörung nichts mehr zu spüren.

Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hinterliess ich dort eine

zwölfjährige Patientin, die, nach einem syphilitischen Ulcus an der

Kniekehle, der einen Durchschnitt von 10 cm und 2 cm Tiefe zeigte,

eine gut granulierte Wunde zurückbehalten hatte. Ich hatte dem Mädchen

eine Jodkalilösung zu weiterem Gebrauch übergeben und glaubte sie,

als ich mich bei meinem zweiten Besuch, 1 1/2 Jahre später, nach ihr

erkundigte, als ein Mädchen mit einem krummen Bein charakterisieren zu

müssen. Keiner kannte jedoch ein solches Mädchen. Zu meinem Erstaunen

sah ich die Kleine später mit einem ganz geraden, gut beweglichen Bein

umhergehen, obgleich die ganze Kniekehle mit Narben bedeckt war. Bei

einem europäischen Kinde wäre das Resultat ein ganz anderes gewesen,

die Narbenbildung hätte zweifellos eine Kontraktur zur Folge gehabt.

Bald nach Beginn einer Praxis unter den Stämmen von Mittel-Borneo

wird man gewahr, dass einzelne Krankheitsgruppen bei ihnen alle

übrigen in den Hintergrund drängen; es sind dies: Malaria, venerische

Krankheiten (Syphilis und Gonorrhoe) und parasitäre Hautkrankheiten,

welch letztere auch auf den anderen Inseln des indischen Archipels

verbreitet sind. Eingeschleppte Infektionskrankheiten, wie Pocken

und asiatische Cholera, treten bei diesen in grosser Abgeschiedenheit

wohnenden Stämmen nur selten in das allgemeine Krankheitsbild.

Unter den Bahau, die ein 250 m ü.d.M. gelegenes Bergland bewohnen,

bestehen weitaus die meisten Patienten, die einem täglich zur

Behandlung zugeführt werden, aus Malariakranken. Diese Erscheinung

erklärt sich daraus, dass streng genommen alle auf den Körper

einwirkenden schädlichen Einflüsse das labile Gleichgewicht, in welchem

sich viele Personen zeitweilig oder dauernd der Malariainfektion

gegen über befinden, zerstören können. Da die Faktoren, welche ein

Ausbrechen der Malaria veranlassen, sehr mannigfaltig und zahlreich

sind, ist das häufige Auftreten dieser Krankheit bei den Dajak

begreiflich. Nach meiner Erfahrung wird die Malaria hauptsächlich

durch folgende Ursachen hervorgerufen: Übermüdung, kaltes Baden,

Indigestion, Erkältungen mit Rheumatismus und Husten, Verwundungen,

ferner durch andere Infektionen, wie Influenza und Anthrax. Einen

Beweis dafür, dass die genannten Faktoren wirklich ein Ausbrechen

des Fiebers veranlassen, indem sie den Körper schwächen und dadurch

für Malariainfektion empfänglich machen, fand ich darin, dass es mir

stets glückte, das Fieber mit einer temporären Dosis Chinin bleibend

zu vertreiben, während die ursprünglichen Krankheiten wie Indigestion,

Influenza u.s.w. unabhängig von der Malaria ihren normalen Verlauf

nahmen. Dass kaltes Baden, besonders nach Erhitzung, sowohl bei Bahau

und Javanern als bei Europäern, innerhalb 6 Stunden einen Malariaanfall

zur Folge hat, beobachtete ich zu wiederholten Malen.

Einen anschaulichen Eindruck vom schwächenden Einfluss der

Malaria auf die Bevölkerung erhielt ich bei einer Untersuchung

ihres Verbreitungsbezirkes im Sultanat von Sambas an der Westküste

Borneos, wo ich 3 Jahre als Arzt tätig gewesen bin. Die Abwesenheit

der Malaria in den Morastgegenden längs der grossen Flüsse auch

bei intensiver Bodenkultur, wie Anlagen von Plantagen, und ihre

Anwesenheit in einigen dichtbei auf Sandboden gelegenen Dörfern

hatte damals meine Aufmerksamkeit erregt. Die Reisen, die ich zum

Zweck von Impfinspektionen unternehmen musste, führten mich in die

verschiedensten Teile des Sultanates und gaben mir Gelegenheit,

ungefähr 3000 Kinder unter 10 Jahren zu untersuchen. Das Resultat

dieser Beobachtungen war, dass alle Kinder aus den Hügel-

und Gebirgsgegenden Milz- und Lebertumoren, in diesem Fall ein

Zeichen chronischer Malariainfektion, besassen, während die aus den

Morastebenen auf Meereshöhe nur da, wo der Boden sandhaltig war, wie

in der Dünengegend nördlich von Sambas und am Fuss alteinstehender,

aus den Morästen hervorragender Berge, eine vergrösserte Milz

zeigten. Die gleichen Beobachtungen sind übrigens bereits an anderen

Orten gemacht worden, es ist z.B. bekannt, dass die Morastgegenden

bei Pontianak und Bandjarmasin auf Borneo und bei Palembang auf

Sumatra viel weniger durch Malaria zu leiden haben als die Hügel-

und Gebirgsländer derselben Inseln.

Der gleiche Unterschied machte sich auch im Aussehen der Bevölkerung

bemerkbar, sobald ich Gelegenheit hatte, diejenige in Gegenden, welche

von Malaria infiziert waren, mit einer anderen in nichtinfizierter

Gegend unter im übrigen gleichen Umständen zu vergleichen. Am meisten

fiel mir dies am Teberau, einem Nebenfluss des kleinen Sambas, unweit

der Hauptstadt Sambas auf, wo zwei von Malaien bewohnte Dörfer keine

Stunde von einander entfernt liegen; das eine befindet sich auf einem

Morast, das andere auf einer 40 m hohen Hügelreihe. Unter 12 Kindern

des ersten Dorfes hatte 1, unter 25 des zweiten hatten 20 eine harte

Milz, die unter dem Rippenbogen hervortrat. Letztere hatten ausserdem,

wie ihre Eltern, eine schwächliche Konstitution und ein kränkliches

Aussehen, im Gegensatz zum frischen, kräftigen Aussehen ihrer Nachbarn

im Morastdorfe. [6]

Übereinstimmend mit diesen Beobachtungen lieferten die Statistiken

des Sultans von Sambas für die Bewohner der Ebene gegenüber denen der

Hügel eine mittlere Lebensdauer im Verhältnis 3 : 2--ein sprechender

Beweis für den schädigenden Einfluss der Malaria auf die Lebenskraft

der Bevölkerung. Dass die gleichen Verhältnisse auch in Mittel-Borneo

herrschen, davon habe ich mich während eines beinahe 5 jährigen

Aufenthaltes inmitten der dortigen Bevölkerung, bei der ich zahllose

Malariafälle akuter und chronischer Art zu behandeln hatte, überzeugen

können. Bei den dort herrschenden Zuständen sind die meisten Personen

während einer längeren oder kürzeren Lebensperiode fieberkrank, was

auch auf die noch ungeborenen Nachkommen von schwächendem Einfluss

sein muss.

Die verbreitetste Form, unter welcher die Malaria bei den Bahau

auftritt, ist die der Quotidiana intermittens, welche über kurz oder

lang in die der Quotidiana remittens übergeht. Viel seltener sind

Fälle, welche zur Continua gehören. Auch gab nur eine kleine Minderheit

meiner Patienten an, dass sie jeden 2ten Tag einen Fieberanfall zu

überstehen hatte.

Charakteristisch für die Malaria der Bahau ist, dass die Kranken

nach einem Anfall nicht transpirieren, selbst wenn eine deutliche

Intermission eingetreten war. Erst wenn der Anfall durch Chinin

vollständig gehoben worden, tritt Transpiration als Zeichen endgültiger

Besserung ein. Sie selbst wissen das auch sehr gut. Durch Malaria

verursachte plötzliche Todesfälle habe ich nicht beobachtet;

ebensowenig Fälle sehr perniziöser Art; die Malaria trägt in

Mittel-Borneo stets den Charakter eines subakuten oder chronischen

Leidens.

Bei kleinen Kindern geht die letzte Malariaperiode in der Regel in eine

Continua mit oder ohne Diarrhoe über; bei älteren Personen treten gegen

das Ende hauptsächlich Erbrechen und Diarrhoe auf, wobei die Patienten

bei geringer Temperaturerhöhung schnell abnehmen und sterben. In der

Regel sind die Kranken im Beginn dieses Stadiums durch vorsichtiges

Verabfolgen von Laudanum und dann von Chinin noch zu retten.

Als günstigsten Zeitpunkt für den täglichen Gebrauch einer Dosis

Chinin erwies sich der, in welchem sich der Patient am wohlsten fühlte

und seine Temperatur am niedrigsten war. Eine Verabreichung mehrerer

Dosen Chinin per Tag in Fällen einer undeutlichen Intermission hatte

selten guten Erfolg.

Fälle von Malaria larvata beobachtete ich zwei Mal in Form von

periodisch auftretender Diarrhoe, die auch nach monatelanger Dauer

durch Chinin in kurzer Zeit kuriert werden konnte. Einmal wurde ein

junger Mann, der monatelang zu ängstlich gewesen war, um sich mir

zu nähern, durch jeden Abend wiederkehrende Augenblutungen zu mir

getrieben. Da man ihm Blindheit prophezeit hatte, entschloss er sich,

wenn auch voller Angst, zu mir zu kommen. Durch die Periodizität

der Blutungen aufmerksam geworden, gab ich ihm 6 Stunden vor dem

gewöhnlichen Eintritt der Blutungen 1 gr Chinin ein mit dem Resultat,

dass die Blutungen auf hörten.

Als Beispiele für den Verlauf und die Behandlung typischer Malariafälle

unter den Bahau mögen die folgenden dienen:

Auf meiner ersten Reise brachte man mir einen 11 jährigen Ulu-Ajar

Dajak, der das Jahr vorher so krank gewesen war, dass er sich nicht

mehr erheben konnte. Obgleich er augenblicklich nicht mehr so schwach

war, litt er doch sehr durch asthmatische Anfälle und schmerzhaften

Husten. Sein Körper war mager und unentwickelt, und zur Arbeit war

er nicht fähig. Sein Thorax war der eines Emphysematikers, auch litt

er stark an Dyspnoe. Der obere Brustteil war stark erweitert und bei

jedem Atemzuge kontrahierten sich die beiden Sternocleido-mastoidei

und verursachten dabei ein Hervortreten ihrer Wülste unter der

Haut. Die Herzdämpfung hatte sich bis auf die linke Seite des Sternum

beschränkt. Bei der Auskultation war überall ein Röcheln zu vernehmen,

das eine Entzündung der Bronchien anzeigte. In der Herzgegend war

kein anormales Geräusch hörbar, nur das diastolische Geräusch der

Lungenarterie war lauter als gewöhnlich. Die vergrösserte Milz reichte

bis auf 4 1/2 cm unterhalb der Rippen herab, die Leber bis auf 5

1/2 cm. Anfangs erschien es mir sehr schwierig, die Störungen der

Respirationsorgane zu beseitigen, auch fürchtete ich, das Vertrauen

der Eingeborenen, nach deren Ansicht die Medizin alles und so schnell

als möglich heilen muss, zu verlieren. In Anbetracht der Hypertrophie

der Bauchorgane beschloss ich jedoch, meinem Kranken 1 1/2 gr Chinin

einzugeben, eine Quantität, die bitter genug war, um eine suggestive

Wirkung auszuüben. Zu seinem Besten trieb den Knaben die Neugier

jeden Morgen nach meiner Hütte und so konnte ich ihm täglich seine

Dosis verabfolgen.

Nach 10 Tagen erzählte der Knabe, dass die Atmungsbeschwerden sich

gebessert hätten, auch konnte ich mich selbst von dem günstigen

Einfluss der Behandlung überzeugen. Die Milz war nicht mehr fühlbar;

die Leber hatte sich bis auf Fingersbreite unterhalb des Rippenbogens

zurückgezogen; die Auskultation ergab nur hie und da ein schwaches

Rasseln.

In der folgenden Periode erhielt der Patient seine Arznei nur in

grossen Zwischenräumen; aber seine Lebenskräfte hatten bereits die

Oberhand gewonnen, so dass er körperlich vollständig wiederhergestellt

wurde. Nach einigen Wochen war auch die Erweiterung des Thorax

verschwunden, das Spiel der Sterno-mastoide war beim Atmen nicht mehr

sichtbar; die Herzdämpfung war wieder normal und auch die Auskultation

ergab nichts Krankhaftes. Nur die asthmatischen Anfälle nachts hatten

in dieser Periode noch nicht völlig aufgehört.

Einen anderen interessanten Malariafall bot mir ein 8 jähriger Knabe,

der mir durch das enorme Volumen seines Bauches aufgefallen war. Die

Haut des Abdomens war infolge der starken Ausdehnung glänzend geworden

und der Leibesumfang betrug 78 cm. Die Anamnese ergab nur einige

Fieberanfälle. Der Knabe klagte augenblicklich nur über Atemnot,

die ihm Arbeit und Spiel unmöglich machte.

Die Untersuchung ergab eine Milz von erstaunlicher Grösse und Härte,

die nach vorn bis zum Nabel, nach unten bis zu 20 cm unterhalb des

Rippenbogens reichte. Auch die Leber war hart und 11 cm tiefer als

gewöhnlich fühlbar; der obere Teil des Herzens hatte die normale

Stellung verloren und seine Spitze schlug im 3ten Intercostalraume.

Am 4. März begann ich, dem Patienten 1/4 gr Chinin einzugeben;

ich hatte aber wenig Hoffnung, dass meine Behandlung auf derartig

degenerierte Organe einen genügenden Einfluss haben könnte. Der kleine

Wilde besass indessen mehr Ausdauer als die meisten zivilisierten

Leute und kam während eines Monats täglich, um seine bittere Arznei

zu schlucken.

Am 4. April fühlte er sich selbst gesund; seine Milz war bis auf 5

cm weiter nach oben eingeschrumpft; die Leber war kaum noch unterhalb

der Rippen fühlbar; das Herz schlug im 4ten Intercostalraume.

Bei meiner Abreise am 28. April war die Milz als sehr harte, glatte

Geschwulst nur noch 9 cm unterhalb der Rippen fühlbar; die Leber war

kaum bemerkbar und der Leibesumfang war auf 63 cm zurückgegangen. Der

Knabe fühlte sich ebenso wohl und munter wie seine Kameraden und

arbeitete schon seit einiger Zeit auf dem Felde.

Ein 3ter Fall betraf einen ebenfalls 8 jährigen Patienten, der

körperlich sehr zurückgeblieben war. Auch dieser Knabe hatte früher

öfters Fieberanfälle durchgemacht; augenblicklich litt er jedoch

hauptsächlich an Dyspnoe. Sein Bauch war geschwollen; die Milz bis

4 cm unterhalb der Rippen fühlbar und die Leber reichte 3 cm weit

herab. Während 14 Tage erhielt auch dieser Kranke täglich 1/4 gr

Chinin, worauf seine Organe den normalen Umfang zurückgewannen und

seine Gesundheit vollständig wiederhergestellt wurde.

Ein 18 jähriger Mann litt bereits seit 3 Monaten ständig an

Fieberanfällen, so dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er weigerte

sich anfangs, die bittere Medizin zu nehmen und während einiger Wochen

sah ich ihn täglich magerer werden. Als er endlich doch erschien,

konstatierte ich bei ihm eine Leber, die bis auf 4 cm unterhalb der

Rippen herabreichte. Nach einem neuen Anfall gab ich ihm in zwei Malen

1 gr Chinin und am folgenden Tage die gleiche Dosis. Die Anfälle

hörten auf, aber in Anbetracht der langen Dauer seiner Krankheit

erschien mir eine völlige Wiederherstellung unwahrscheinlich, als

er mir am dritten Tage selbst eine weitere Behandlung für unnütz

erklärte. Zu meinem Erstaunen war in der Tat eine rapide Besserung

in seinem Zustande eingetreten; noch vor meiner Abreise erhielt er

seine frühere Gesundheit völlig wieder zurück.

In Sambas war einst der Malaie, der mir auf allen Inspektionsreisen

als Führer diente, von der Malaria ergriffen worden. Seine Familie

rief mich erst nach einigen Tagen, als der Alte bereits dem Sterben

nahe war, zu Hilfe. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihm in einem

fieberfreien Augenblick eine Lösung von 1 gr Chinin beizubringen. Am

anderen Tage sass der Patient bereits auf seiner Matratze. Obgleich

seine Wiederherstellung nur langsam von statten ging, gelang sie doch

vollständig; nur behielt die Milz in diesem Fall stets das vergrösserte

Volumen. Der Mann hatte sein Leben lang als Führer durch das ganze

Sultanat gedient und dabei stets an Fieber gelitten.

Nach der Malaria haben die venerischen Krankheiten auf das Wohlergehen

der Stämme von Mittel-Borneo den verderblichsten Einfluss.

Obgleich ich unter den Eingeborenen am oberen Kapuri und oberen Mahakam

Syphilis und Gonorrhoe in hohem Masse verbreitet fand, gelang es mir

doch nicht, das dritte Leiden, Ulcus urolle, welches mir wegen der

lokalen Schäden, die es verursachen kann, in Laufe einer jahrelangen

Praxis nicht hätte verborgen bleiben können, zu konstatieren.

Patienten mit syphilitischen Infektionen stellten sich dagegen täglich

bei mir ein und zwar ausschliesslich solche mit der tertiären Form

von Haut- und Knochenkrankheiten. Trotzdem ich meine auf Syphilis

behandelten Patienten nach Hunderten zählen kann, erinnere ich mich

nicht, jemals eine primäre Affektion oder ausschliesslich sekundäre

Erscheinungen beobachtet zu haben. Unter den Folgeerscheinungen

der Infektion fehlten bei den Patienten sekundäre Kehlleiden,

Roseola, papulöse und andere sekundäre Exanthemen, sowie Alopecia

syphilitica. Condylomen an Mund und Anus waren bei Erwachsenen sehr

selten, eher noch bei kleinen Kindern zu finden. Zweifellose Fälle

visceraler Syphilis kamen ebenfalls selten in meine Behandlung. Sicher

findet sich also unter den Bahau die Form der Syphilis vor, welche

man mangels eines besseren Namens "endemische Syphilis" nennt. Diese

Form der Syphilis fand ich bei den Ulu-Ajar Dajak südlich vom oberen

Kapuas und nördlich von ihnen bei den Kajan; bei den Kajan am oberen

Mahakam war sogar jede Familie mit ihr behaftet. Durch Annahme einer

ausschliesslich erblichen Verbreitung bei den letzteren liesse sich

hier das Auftreten der tertiären Erscheinungen als hereditäre Syphilis

erklären, ihr weniger häufiges Vorkommen bei den benachbarten Stämmen

jedoch macht diese Erklärung wieder zweifelhaft; übrigens hielt ich

mich bei diesen Stämmen nicht lange genug auf, als dass mir nicht

viele Fälle entgangen sein könnten.

Völlig unerklärt blieben aber nach dieser Auffassung die Syphilisfälle,

wie sie sich unter den Kenjastämmen zeigten. Diese Fälle trugen,

abgesehen davon, dass ihr Einfluss auf die Knochen weniger verderblich

schien, den gleichen Charakter wie am Mahakam, ihre Verbreitung

war aber eine minder allgemeine, auch sah ich keine weiteren

Krankheitserscheinungen bei den Familiengliedern, so dass von einer

Verbreitung durch Vererbung keine Rede sein konnte. Man muss daher

annehmen, dass sich die Syphilis unter den Bahau- und Kenjastämmen

von Person auf Person übertragen lässt, ohne dass sie vorher primäre

oder die gewöhnlichen sekundären Affektionen veranlasst.

Diese eigenartige Erscheinungsform der Syphilis in Mittel-Borneo

stimmt überein mit dem, was über Tety von Madagaskar, Radesyge von

Norwegen, Spirokolon während der Zeit der griechischen Freiheitskriege

1820-1825, Belegh in Arabien (_Palgrave_) und die endemische Syphilis

in Litauen und Istrien bekannt ist. Dass es sich bei den Bahau in

der Tat um Syphilis handelte, bewiesen nicht nur die verschiedensten

Erscheinungsformen, sondern auch die Wirkungen einer therapeutischen

Behandlung mit Jodkali- und Quecksilberpräparaten. Gleichwie man

bei obengenannten Endemieen oft nur an eine Übertragung durch

aussengeschlechtlichen Verkehr denken konnte, wird man auch für

die Syphilis der Bahau und Kenja die gleichen Ursachen anzunehmen

gezwungen.

Das Lebensalter, in welchem luetische Anzeichen auftreten, giebt

durchaus keine Anhaltspunkte für die hereditäre oder nicht hereditäre

Natur der Krankheit. Viele von luetischen Müttern geborene Kinder gaben

in den ersten Wochen durch Condylome, Nasen- und Ohrkrankheiten und

Ulcera der Haut den Beweis, infiziert worden zu sein; dagegen zeigten

sich 20-30 Jahre alte Individuen mit tertiär luetischen Erscheinungen,

die eben auftraten, ohne dass die Anamnese oder Spuren auf der Haut

eine frühere Infektion anzeigten.

Die Syphilis äussert sich bei den Bahau am häufigsten als "_pra huwat_"

(_pra_ = Schmerz, _huwat_ = Körper), Schmerzen in den Gliedern,

besonders in Armen und Beinen. Diese Erscheinung geht einem lokalen

Ausbruch der Krankheit voraus, bleibt nach einer Behandlung bisweilen

noch bestehen und tritt bei Kindern und Erwachsenen gleich stark

auf. Die Gliederschmerzen sind oft von einem kachektischen Aussehen

des Patienten begleitet. Bisweilen ist nur ein Glied, bisweilen

sind alle Glieder geschwollen, häufig aber auch keines. Meist ist

das Kniegelenk angegriffen, dabei tritt Schwellung der Bänder auf;

Hydrops zeigt sich nicht häufig.

Führt die Schwellung auch zu Geschwürbildungen, was selten der Fall

ist, so veranlasst sie langdauernde Fisteln; doch können durch Zerfall

und Neubildung von Knochen grosse Veränderungen mit Subluxation

stattfinden.

In einem einzigen Falle beobachtete ich bei einem Manne Jahre

andauernde Gliederschmerzen ohne begleitende lokale Abweichungen;

der Patient sah etwas kachektisch aus und war arbeitsunfähig, empfand

aber nach Gebrauch von Jodkali eine baldige Besserung seines Leidens.

Die übrigen Erscheinungen allgemeiner Art: Schlaf- und

Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwäche müssen als Folgen der lokalen

Leiden aufgefasst werden. Übrigens fiel es mir auf, wie wenig Einfluss

eine oft jahrelange Anwesenheit einer ausgedehnten Entzündung auf

das Allgemeinbefinden der Patienten übte.

Die Lokalsymptome bestanden hauptsächlich in tubero-ulzerösen Hautand

Knochenentzündungen, derselben Art wie bei Europäern, nur veranlassen

sie bei den Bahau wegen der äusserst mangelhaften Behandlung, die

sie erfahren, bisweilen wahre Verwüstungen. Die Bahau nennen diese

Krankheit "_bak_" und die Körperschmerzen "_laui_."

Vor allem werden die Knochen der Nase und des Palatum darum bei

ihnen angegriffen und zwar mit der gewöhnlichen Folge von Ozaena,

Sattelnase und Kommunikation der Nasen- und Mundhöhle. In höherem

oder geringerem Grade werden auch alle übrigen Knochen der Sitz

osteo-periostaler Entzündungen. Bemerkenswert ist die leichte

Verletzbarkeit des Gebisses, das oft so stark von Caries angegriffen

wird, dass Männer und Frauen bereits in jugendlichem Alter einen

Teil ihrer Zähne verloren haben. Einige sind bereits mit 30 Jahren

völlig zahnlos. _Hutchingson_sche Zähne konnte ich bei Erwachsenen,

da sie ihre Zähne absägen, nicht konstatieren, wohl aber bei der

ersten Dentition der Kinder.

Unter den zahlreichen in Borneo herrschenden Augenkrankheiten bemerkte

ich nur höchst selten luetische Keratitis und Iritis. Ob das sehr

häufige Vorkommen von Star einer luetischen Infektion zugeschrieben

werden muss, konnte ich, da sich mir keine Gelegenheit zur Behandlung

prägnanter Fälle bot, nicht weiter untersuchen.

Häufig machte sich Syphilis an den Knochen des Thorax bemerkbar,

wo sie hauptsächlich periostale Wucherungen, Gummata, veranlasste,

welche bisweilen in Erweichungen übergingen und unter der Haut

kalte Abszesse bildeten oder auch aufbrachen und dann ausgedehnte

Ulzerationen bewirkten. Auch oberflächliche Ulzera der Haut kommen

vor, z.B. an den Mammae. Zu den verbreitetsten Gummata gehören die

der obersten Extremitäten, welche osteo-periostal, intramuskulär und

in der Haut selbst vorkommen. Während die periostalen Entzündungen

fusiforme Geschwülste veranlassen, zeigen die Ulzera der Haut den

typischen kraterförmigen Bau der ulzerierenden Gummata mit grauem

Boden und der gleichen Neigung zu halbmondförmiger Ausbreitung wie

bei der europäischen Lues. Durch ihren Übergang auf Muskeln und

Bänder verursachen diese Ulzera im Lauf der Jahre oft tiefgreifende

Zerstörungen, die nach spontaner oder durch Behandlung bewirkter

Genesung, je nach ihrer Stellung, durch Schrumpfen und Zerstören der

Bänder Kontrakturen der Gliedmassen und durch Verkürzung der Muskeln

Kontrakturen der Hände und Finger nach sich ziehen.

An den unteren Extremitäten lokalisierten sich weitaus die meisten

Affektionen am Unterschenkel und zwar an der Tibia, welche öfters durch

aktuelle oder bereits überstandene Periostitis bewirkte Verbildungen

aufweist. Durch Fehlen geeigneter Behandlung dauert dieser Prozess

oft Jahre und geht dann auf Haut, Zellgewebe und Muskeln über

und bildet, falls Genesung eintritt, eine Gewebemasse, in der das

subkutane Zellgewebe und die Haut durch Narbengewebe ersetzt sind und

die Muskeln, gleichwie an den Armen, atrophiert und verkürzt sind,

so dass der Fuss einen verkehrten Stand einnimmt und die Zehen nach

oben und rückwärts gezogen werden.

Luetische Orchitis habe ich niemals gesehen; vielleicht begaben sich

die betreffenden Kranken aus Schamgefühl nicht in meine Behandlung.

Selten ist es mir geglückt, viszerale luetische Leiden mit Sicherheit

zu diagnostizieren. Syphilitische Degeneration der Leber, wobei diese

vergrössert, resistent, höckerig und empfindlich wird, beobachtete

ich mehrmals. Nervenleiden, die auf Syphilis zurückzuführen waren,

begegnete ich nie, ebensowenig Tabetikern.

Von den gewöhnlichen tertiären Hautausschlägen kamen mir nur wenige

Formen unter die Augen. In einem einzigen Falle von Rupia syphilitica,

in welchem Jodkalium wirkungslos blieb, hatte innerlicher Gebrauch

von Quecksilberpräparaten baldige Genesung zur Folge.

Die hereditäre Syphilis äussert sich bei Säuglingen in etwas anderer

Form. Diese leiden meist an Condylomen in und am Munde und am

Anus, luetischer Rhinitis, Otorrhoe und später an Missbildungen

der Zähne. Letztere zeigen nicht selten die _Hutchinson_sche

Form und bieten der Caries, die sich in den Vertiefungen ihrer

Oberfläche festsetzt, einen besonders günstigen Angriffspunkt; daher

bröckeln bereits bei sehr kleinen Kindern die Schneidezähne ab. Die

Condylomen um den Mund veranlassen durch Verwahrlosung häufig so

tiefe Ulzerationen, dass viele das ganze Leben hindurch' davon Narben

behalten. Entstehen derartige Leiden einige Monate nach der Geburt des

Kindes, so ziehen sie, wie auch gleichartige Knochenentzündungen, das

Allgemeinbefinden des Kindes nicht ernstlich in Mitleidenschaft. Die

kleinen Patienten scheinen auch nur wenig oder gar keinen Schmerz zu

empfinden und, da kein Fieber eintritt, bleiben Esslust und Schlaf

erhalten. Auch bei den Kindern der Bahau ist der supra-epiphysäre

Knorpel an den langen Knochen häufig der Sitz des syphilitischen

Prozesses; der der Handknochen erinnert dann an eine Spina ventosa,

der der Extremitäten an eine Gelenkentzündung. Die trotz starker

Schwellung oft ungehinderte Beweglichkeit der Gelenke bringt einen

jedoch bald auf die richtige Spur.

Während Ulcus molle, wie erwähnt, bei den Bahau nicht vorkommt,

ist Gonorrhoe stark verbreitet. Unter den verhängnisvollen Folgen

dieser Krankheit leidet besonders die Bevölkerung am oberen Kapuas,

und zwar weniger die Männer als die Frauen, die häufig über nach

der Heirat aufgetretene Leucorrhoe und Metroraghia mit schmerzhaften

Menses klagten. Auch beobachtete ich heftige Conjunctivitides, welche

sich hierauf zurückführen liessen.

Am oberen Mahakam ist Gonorrhoe minder allgemein verbreitet, auch

fand ich bei den Männern keine ernsteren Komplikationen.

Von einer Malariainfektion unabhängige Intestinalleiden ernster

Art treten bei den Bahau selten auf. Obgleich ihre Nahrungsmittel,

besonders von Kindern, in oft schwer verdaulicher Form genossen werden,

sah ich doch selten Fälle von chronischen Bauchleiden. Die wichtigsten

vegetabilischen Nahrungsmittel, Reis und Bataten, werden gar gekocht

verzehrt; Kinder essen sie jedoch auch roh; auch haben sie noch

häufiger als die Erwachsenen die Gewohnheit, alle Fruchtkerne, die

kleiner als Pflaumenkerne sind, mit hinunter zu schlucken. Stellen

sich schlechte Folgen ein, so übt ein Eccoproctikum oft eine

sehr gute Wirkung aus. Derartige Mittel sind auch in der Zeit von

Reismangel sehr heilsam, wo neben allerlei Surrogaten, wie Blättern,

bei den Mahakamstämmen hauptsächlich der wilde Sago als allgemeines

Nahrungsmittel benützt wird. Da der feuchte Sago schnell verdirbt,

treten in dieser Zeit zahlreiche Fälle akuter Darmleiden auf und,

da ausserdem das Allgemeinbefinden durch Nahrungsmangel stark leidet,

sind viele Krankheitsfälle dann schwer zu kurieren.

Derartige Darmkrankheiten werden, wie viele andere, häufig durch

Malaria kompliziert; in solchen Fällen erreicht man anfangs mehr mit

Chinin als mit Calomel. Eine junge Frau hatte einst infolge Coprostase

dermassen durch heftige Krämpfe und Schlaf- und Appetitlosigkeit

gelitten, dass sie monatelang entkräftet darniederlag und zum Skelett

abmagerte. Ihre Familie, die bereits alle verfügbaren Mittel der

Bahau, Malaien und Chinesen vergebens angewandt und die Kranke bereits

aufgegeben hatte, war nicht wenig erstaunt, als diese infolge kurze

Zeit durchgeführter Evakuierung genas und zu Kräften kam.

Unter den Intestinalwürmern sind Ascariden die häufigsten; sie scheinen

jedoch keine ernstlichen Störungen zu veranlassen.

Die Bahau sind ihrem rauhen Bergklima gegenüber auffallend

empfindlich. Ihre schwache Kleidung schützt sie von Kind an in

nur sehr geringem Masse vor dem Witterungswechsel. So lange warmes

Wetter herrscht, merkt man bei ihnen von rheumatischen Leiden nur

wenig, sobald aber Regen und Wind eintreten, vor denen sie in ihren

Häusern nur geringen Schutz finden, und vor allem, wenn sie in

den nasskalten Gebirgswäldern zu leben gezwungen sind, treten bei

ihnen Lungenkatarrhe und Gliederschmerzen leichter als bei den gut

bekleideten Europäern auf. Dazu stellt sich dann bald Malaria ein,

welche das Leiden verschlimmert.

Unter den weiteren internen Krankheiten der Bahau ist noch der Kropf

(im Busang _kon_) zu erwähnen, der bei dem einen Stamme mehr bei dem

anderen minder verbreitet ist, bei keinem jedoch gänzlich fehlt. Bei

den Frauen ist eine, wie es scheint, stets gleichmässig hypertrophierte

Schilddrüse ganz allgemein zu finden. Zwischen diesen leicht

hypertrophierten Schilddrüsen und weit nach aussen hervorstehenden

Kröpfen findet man alle Übergänge. Bei den grösseren Formen ist

die Hypertrophie nur selten gleichmässig, in der Regel überragt die

eine Hälfte bei weitem die andere. Eine cystoide Degeneration der

Schilddrüse habe ich selten konstatieren können. In wie weit diese

Krankheit an der Entstehung der in Mittel-Borneo häufig vorkommenden

psychisch und physisch schlecht entwickelten Individuen Schuld trägt;

lässt sich bei den Bahau, bei denen Syphilis so hochgradig verbreitet

ist, nicht feststellen.

Diese Hypertrophieen liessen sich leicht behandeln und oft habe

ich mir mittels 1 gr Jodkalilösung, welche ich Erwachsenen per Tag

erteilte, die Gunst der Frauen erworben, die die Schlankheit ihrer

Hälse mit grosser Befriedigung wiederkehren sahen. Durch anhaltenden

Jodkaligebrauch nahmen auch bedeutende Kröpfe an Umfang ab.

Auch bei Männern kamen einige ernstere Fälle von Kröpfen vor, doch

im Ganzen weit seltener als bei Frauen.

Während alle erwähnten Krankheiten an der geringen Bevölkerungsdichte

von Mittel-Borneo zum grossen Teil die Schuld tragen, übt die

Abwesenheit verschiedener anderer, für gewöhnlich verbreiteter Leiden

wiederum einen günstigen Einfluss auf die Vermehrung der Bewohner. So

habe ich während meiner langjährigen Praxis unter den Bahaustämmen

nie einen Fall von Tuberkulose, sei es der Lungen, Haut oder Knochen,

konstatieren können. Unter den Dajak, welche sich viel an der Küste

aufhalten, glaube ich, ein einziges Mal Lungentuberkulose beobachtet

zu haben.

Ferner glaube ich, mit Sicherheit die Abwesenheit von Rhachitis

feststellen zu können, da diese mir unter den Tausenden fast nackten

Gestalten, welche ich stets zu beobachten Gelegenheit hatte, sicher

nicht entgangen wäre. Auch die typischen Verkrümmungen, die als

Folge dieser Krankheit auftreten, habe ich bei den gut gebauten Bahau

nie bemerkt.

Auch bin ich von der Abwesenheit oder dem sehr seltenen Vorkommen

von malignen Tumoren, Sarkom und Karzinom überzeugt. Ein einziges Mal

erinnerte mich eine luetische Neubildung an Sarkom oder Karzinom, aber

die günstige Wirkung von Jodkali benahm bald alle Zweifel. Dagegen

kamen Fibrome, besonders Keloide der Narben, häufig vor. Ebenso

konstatierte ich zwei Mal an den Erscheinungen und durch objektive

Untersuchung Fibroide des Uterus.

Ansteckende Krankheiten ernster Art kamen während meines Aufenthaltes

unter den Eingeborenen nicht vor; ihre Niederlassungen liegen in

grossen Abständen von einander und von der Küste entfernt, so dass die

Möglichkeit einer Übertragung von Infektionen gering ist. Aus Berichten

über eine Choleraepidemie, die in früheren Jahren bei ihnen geherrscht

hatte, konnte ich ersehen, dass wenn einmal eine sehr ansteckende

Krankheit in ein Bahaudorf eingeschleppt wird, ein grosser Teil der

Bewohner ihr zum Opfer fällt. Dies ist hauptsächlich den bei ihnen

herrschenden hygienischen Zuständen zuzuschreiben, ferner auch dem

Umstand, dass ihnen jeder Begriff vom Wesen dieser Krankheiten fehlt.

In der Regel verhindert man ein völliges Aussterben des Dorfes dadurch,

dass alle Bewohner ausziehen und familienweise weit getrennt von

einander im Walde wohnen. Dörfer, die von der Krankheit noch nicht

ergriffen worden sind, erklären sich für _lali_ und schliessen sich

dadurch von den anderen Dörfern völlig ab. Die Kenja am oberen Kajan

erzählten mir, dass eine Pockenepidemie, die in einem ihrer grössten

Stämme einst herrschte, eine enorme Sterblichkeit verursacht habe.

Beriberi, die unter den malaiischen und dajakischen

Buschproduktensuchern sehr häufig vorkommt, herrscht bei der ansässigen

Bahaubevölkerung derselben Gegend nur selten. Bemerkenswert ist,

dass die Hühner in den Niederlassungen am mittleren Mahakam sehr

unter Beriberi-ähnlichen Lähmungserscheinungen leiden und häufig auch

daran sterben.

Von der Influenza haben wir auf unseren Reisen mehrmals zu leiden

gehabt. Als _Kwing Irang_ uns 1897 vom Blu-u zum unteren Mahakam

geleitete, wurden wir Europäer bei unserer Ankunft in Udju Tepu

innerhalb zehn Tage alle von einem rhino-pharyngialen Katarrh

befallen. Bei _Berchtold_ trat noch Fieber hinzu; im übrigen

waren die Erscheinungen nicht besorgniserregend. Von ungefähr 100

unserer Kajan entging beinahe keiner der Influenza. Wie gewöhnlich

komplizierte sich ihre Krankheit durch Hinzutritt von Malaria, die

allerdings mit Chinin vertrieben werden konnte, aber der Katarrh und

die Kopfschmerzen hielten viele Tage an. Die Bewohner von Tepu waren

bei unserer Ankunft zwar gesund, waren aber zwei Monate vorher von

der Influenza heimgesucht worden.

Auf unserer letzten Reise 1899 hatten wir weder in Tepu noch am

unteren Mahakam von der Influenza zu leiden; doch erkrankte ich

mit meinen Malaien und Kajan im April 1900 in Long Deho ernstlich

an Influenza. Die Bewohner selbst hatten sich von der Influenza,

welche durch Ma-Suling und Dajak vom unteren Mahakam eingeschleppt

worden war, noch kaum erholt. Einige der unseren litten ausserdem

schwer an Malaria, z.B. der Malaie _Lalau_, und der Husten dauerte

über 3 Wochen. Selbst unsere Hunde begannen zu husten.

Als _Kwing Irang_ später mit den Seinen _Demmeni_ und unser Gepäck den

Mahakam hinunter nach Long Deho geleitete und sich dort längere Zeit

aufhalten musste, wurden alle seine jungen Leute influenzakrank. Die

Böte, welche von Long Deho flussaufwärts gingen, brachten die Infektion

auch den Stämmen oberhalb der Wasserfälle; jedoch starben nur Alte und

Kranke an der Influenza. Die Eingeborenen fürchten sich vor der Ankunft

Fremder, weil diese ihrer Meinung nach die "_bengen,_" die bösen

Geister, welche die Erkältungskrankheiten verursachen, mitbringen.

Jeder Reisende, der zum ersten Mal mit den Dajak in Berührung kommt,

ist von dem unangenehmen Anblick, den ihre Hautkrankheiten auf dem

Körper hervorrufen, betroffen. Vor allem ist es die Schuppenbildung

der blossen Haut, welche dem Patienten ein so abschreckendes Aussehen

verleiht.

Es lassen sich 4 verschiedene Schuppenkrankheiten unterscheiden:

Pityriasis versicolor, Tinea circinata, Tinea imbricata und Tinea

albigena, von denen die beiden ersteren, oder doch sehr nahe verwandte

Krankheiten, auch in Europa vorkommen. Diese 4 Hautkrankheiten, welche

vor allen anderen in Borneo vorherrschen, werden durch verschiedene

Arten in der Haut lebender Pilze hervorgerufen.

Favus, der anderswo oft sehr verbreitet ist, beobachtete ich nie bei

den Bahau.

Pityriasis versicolor (_panu_ der Malaien; _litak_ der Bahau)

äussert sich in Form heller, etwas erhabener Flecke, welche durch

eine Infiltration der Epidermis, durch welche die darunterliegende

Pigmentschicht weniger sichtbar wird, verursacht werden. Auf der

pigmentlosen Haut der Europäer macht sich die Infektion durch

hellbraune Flecken bemerkbar.

Die Grösse der Flecken, welche _panu_ oder _litak_ verursacht, variiert

zwischen der eines Stecknadelkopfes und einer Handfläche. Die Infektion

nimmt sehr verschiedene Dimensionen an; da sie bei den Bahau nur beim

Transpirieren Jucken verursacht, wird sie nur selten behandelt und

verbreitet sich daher oft über den grössten Teil des Körpers.

Tinea circinata (_kurab_ der Malaien: _ki urip_ der Bahau) stimmt

äusserlich am meisten mit Herpes tonsurans überein und zeigt sich in

Form runder Flecke, sehr verschiedener Grösse, welche alle aus einem

Bläschen, um welches sich konzentrisch gleichartige Bläschen gebildet

haben, hervorgegangen sind. Durch Vertrocknen und Springen der Bläschen

entsteht Schuppenbildung, hauptsächlich an der Peripherie. Tinea

circinata befällt vorzugsweise die Stellen, wo die Epidermis am

wenigsten resistent ist. Dass die Krankheit auch die Haare ergriff

und dadurch eine teilweise Kahlheit herbeiführte, beobachtete ich

weder unter den Bahau noch unter den Kenja.

Tinea imbricata (_lusung_ der Malaien; _ki lan_ der Bahau), äussert

sich wie die vorige Infektion zuerst in kleinen Bläschen mit rotem Hof

und vergrössert sich auch auf gleiche Weise, was sich besonders auf der

zarten Haut der Bahaukinder und auf der der Europäer gut verfolgen

lässt. Während jedoch die Haut im Zentrum des Infektionskreises

bei Tinea circinata nur wenig Spuren der Entzündung mehr aufweist,

entsteht hier bei Tinea imbricata eine zweite Eruption, die sich in

zahlreichen, gleich weit entfernten, oft sehr zierlich gebogenen

Linien bemerkbar macht. Die Linien zeigen sich auf der Haut durch

Schuppenbildung. Die Schuppen können, besonders an Stellen mit dicker

Epidermis, bis zu 2 cm lang und 5 mm breit werden. Da die Bahau von

dieser Hautkrankheit oft ganz bedeckt sind, machen sie aus der Ferne

eher einen weissen als einen braunen Eindruck; in der Nähe erscheinen

sie wie mit Mehl bestreut.

Im Gegensatz zu Tinea circinata bildet sich Tinea imbricata

hauptsächlich an den Hautstellen mit der dicksten Epidermis, so dass

Gesäss und Aussenseite von Armen und Beinen zuerst ergriffen werden,

während die Achselhöhlen, die Falten unter den Brüsten und die

Leistengegend zuletzt oder auch gar nicht infiziert werden, selbst

wenn der ganze übrige Körper, ausser Handflächen und Fussstehlen,

welche niemals angegriffen werden, mit der Krankheit bedeckt

ist. Verschont bleiben ausserdem die Nägel an Händen und Füssen und

die Haare. Auch T. imbricata wird durch einen Pilz, den _Manson_

entdeckte, verursacht. Im Jahre 1897 gelang es mir in Batavia, diesen

Pilz zu züchten. [7]

Bei vielen Patienten fiel mir die starke Neigung dieser Hautkrankheit

zu symmetrischer Verbreitung auf, die sich selbst dann noch zeigt,

wenn die Krankheit bereits 20-30 Jahre bestanden hat. Da auch

Tinea circinata und Pityriasis versicolor bei den Bahau die gleiche

Eigentümlichkeit zeigen und alle durch einen Pilz verursacht werden,

können die Erscheinungen dieser Hautkrankheiten keinem nervösen

Ein floss zugeschrieben werden. Es kommt mir viel wahrscheinlicher

vor, dass die ständig unbedeckte Haut der Bahau ihre Epidermis und

ihre Schweiss- und Fettdrüsen, besonders am oberen Körperteil, viel

besser entwickeln kann als die einer stets gleichmässigen Temperatur

ausgesetzte Haut der bekleideten Europäer. Da die Dicke der Epidermis

und die Fett- und Schweisssekretion, die für den Ort der Entwicklung

des Pilzes massgebend sind, sich an verschiedenen Stellen der Haut

verschieden, an symmetrischen Körperteilen jedoch gleich verhalten,

bewirken sie ein symmetrisches Auftreten dieser Krankheiten.

Nach langer Dauer von Tinea imbricata nimmt das Pigment unter der

infizierten Haut zu, so dass diese nach der Genesung rossfarbig

wird. Eine europäische Haut zeigt bereits nach kurzer Krankheitsdauer

eine deutliche Pigmentansammlung. In sehr verwahrlosten Fällen

von _lusung_ erscheint die Haut bereits vor Eintritt der Genesung

blauschwarz.

Bei Anwesenheit anderer Krankheiten kann eine vorgeschrittene _lusung_,

wie ich es bei Malaria und Rupia syphilitica beobachtete, plötzlich

heilen.

Tinea albigena (_ki-ow_ der Bahau) zeigt in hohem Masse, wie sehr das

Vorkommen pathogener Pilze an besondere Eigenschaften der Haut gebunden

ist; sie setzt sich nämlich anfangs nur in den bei den Eingeborenen

sehr dicken oberen Hautschichten der Handflächen und Fusssohlen

fest. Erst nach langem Bestehen greift der Pilz auch die Nägel und die

angrenzende Haut der Hand- und Fussrücken an. Am auffallendsten sind

die Veränderungen, welche der Pilz in dem Rete Malpighii, in dem sich

die braunen Pigmente hauptsächlich befinden, zustande bringt. Ohne

dass, oberflächlich gesehen, mit der Hauternsthafte anatomische

Änderungen vor sich gehen, verschwindet das Pigment vollständig

und regeneriert sich nach Genesung der Hautkrankheit nicht mehr, so

dass Handflächen und Fusssohlen, so wie andere infizierte Stellen,

ganz weiss erscheinen. Nur ein einziges Mal sah ich auch auf Brust

und Stirn dergleichen pigmentlose Flecken mit noch vorhandener

Hautentzündung vorkommen.

Der Charakter der anatomischen Veränderungen, welche der Pilz

hervorruft, hängt grössten Teils von der Dicke der Epidermis, unter

welcher er sich entwickelt, ab. Auch diese Krankheit beginnt mit

einer roten, juckenden Schwellung, in deren Mitte sich eine kleine,

mit heller Flüssigkeit gefüllte Blase befindet. Ist die Epidermis

dünn, wie bei Kindern, so springt sie, ist sie aber dick, wie bei den

erwachsenen Eingeborenen, so wird sie losgelöst und platzt erst dann,

wenn die Blase einen grösseren Umfang erreicht hat. In ernsteren Fällen

wird der grösste Teil der Epidermis an den Fusssohlen abgestossen;

in weniger ernsten und in solchen, die, wie es öfters geschieht,

in ein chronisches Stadium übergehen, ist die Epidermis bisweilen

verdickt und trocken und veranlasst beim Gehen die in Indien sehr

berüchtigten Risse, oder sie ist dünn und ungleich gebildet, so dass

Hände und Füsse beim Gebrauch schmerzen.

Diese Hautkrankheit ist bisher noch nicht beschrieben und wegen

der pigmentlosen Stellen, die sie nach der Genesung auf der Haut

zurücklässt, sicher oft mit Vitiligo verwechselt worden; sie ist

im ganzen indischen Archipel verbreitet und kommt hie und da auch

bei Europäern vor. Wegen ebengenannter Eigenschaft nannte ich

diese Pilzkrankheit: Tinea albigena; ich entdeckte den Pilz in

einem subakuten Falle in den Schuppen der Fusssohle. Wie der Pilz

von Tinea imbricata zeigt sich auch dieser hauptsächlich in Form

langer Mycelfäden, bildet aber ein viel undichteres Netzwerk als

ersterer. Dieser Pilz scheint auf die gleiche Weise, wie der von

Tinea imbricata, kultiviert werden zu können.

Die genannten vier parasitären Hautkrankheiten der Bahau besitzen

alle die gemeinsame Eigenschaft, dass sie mit parasiticiden Mitteln

schnell zu kurieren sind. Die Genesungsdauer hängt, in noch höherem

Masse als von der Krankheit selbst, von der Dicke der Epidermis an der

betreffenden Stelle, auf welche das Medikament einwirken muss, ab. Um

das Eindringen der wirksamen Bestandteile in die tieferen Hautschichten

zu befördern, benützte ich wässerige Lösungen antiseptischer Mittel,

z.B. Sublimat oder eine Chrysarobinlösung in Äther und Alkohol,

welche ich mittelst Mackintosch am Verdunsten verhinderte. Die besten

Erfahrungen machte ich jedoch beim Behandeln der Eingeborenen mit

Jodtinktur, die wegen der Flüchtigkeit des Jod tiefer als die beiden

anderen in die Haut eindringt. Eine wiederholte Anwendung dieser

Mittel hat stets eine bedeutende Besserung und häufig auch eine

völlige Genesung, selbst nach jahrelangem Bestehen der Krankheit,

zur Folge. Da, wo das Corium und das Rete Malpighii blossliegen,

sind parasiticide Salben von guter Wirkung.

Ausser den ebengenannten Hautkrankheiten kommen unter den Bahau

noch Scabies und Frambösia vor; letztere greift hauptsächlich Kinder

an. Nach der Genesung behalten die Patienten oft längere Zeit hindurch

heftige Gliederschmerzen, die jedoch nicht, wie die durch Syphilis

verursachten, nach Gebrauch von Jodkalium weichen.

An Augenkrankheiten kommen unter den Bahau hauptsächlich der Star

und granulöse Augenentzündungen vor. Diese sind stark verbreitet, und

obwohl sie nur bei langer Dauer von ernsthaften Läsionen der Cornea

begleitet sind, findet man bei Erwachsenen doch stets Spuren einer noch

vorhandenen oder bereits überwundenen Entzündung der Conjunctiva, die

das Sehen häufig stark beeinträchtigt. In den ernstesten Fällen, die

ich bei Frauen beobachtete, kam es zu einer vollständigen Obliteration

der obersten und untersten Bindehaut, so dass ein Schliessen des Auges

verhindert wurde; die Cornea war in diesen Fällen so angegriffen,

dass das Gesicht bedeutend geschwächt wurde. Doch beobachtete ich

nur zwei Frauen, die nach einer über zwanzig Jahre andauernden

Augenentzündung dadurch, dass die Hornhaut sich in eine gelblich

weisse Membran verändert hatte, vollständig erblindet waren.

Der Star tritt sowohl am Kapuas als am Mahakam bereits bei jungen

Leuten auffallend häufig auf. Ob hiermit andere verbreitete Krankheiten

im Zusammenhang stehen, habe ich nicht ermitteln können.

Durch meine ärztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so

viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich

behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei

den Kenja ohne meine Tätigkeit als Arzt nicht ausführbar gewesen wären.

Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel

gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten

Fällen oft tätlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin,

Jodkali und Quecksilberpräparate hervorrufen, in den Augen der

Bevölkerung an das Wunderbare. Berücksichtigt man auch die Wirkung

der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es

begreiflich, dass die Eingeborenen sich glücklich schätzten, einen

weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben.

Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten fürchteten die Eingeborenen

auch anfangs einen möglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es,

besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden

mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der

Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich

liessen, machten sie während des Verlaufs der Krankheit einen sehr

erwünschten Effekt.

Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem

achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders

als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr

ausreichend sein würde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass

auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung

eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und

später brauchte ich nur selten einen Kranken für unheilbar zu erklären.

Betrachten wir nun, was die Bahau selbst über ihren Körper denken und

wie sie ihre Krankheiten bekämpfen, so stossen wir auf die seltsamsten

Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen,

sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie äusserlich an ihrem

Körper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft

waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem

ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass

sie einen Puls hatten, an dem ich häufig den Grad ihrer Krankheit

beurteilen konnte. Da sie im übrigen gut zu beobachten im stande sind,

kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen

vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fällen von Herzleiden

erinnere ich mich tatsächlich keine anderen konstatiert zu haben.

Die Schläge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten

ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fühlten, wirkten auf sie

sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das

Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich

auf den Rücken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis

fühlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle

Stämme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der

linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria:

_demom batu_ = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen

die geschwollene Milz: _kalong pra_ = Krankheitszeichen; die Kajan

am Mahakam bezeichnen die Milz als _ong eram_ = Krankheitskörper.

Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine

sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4-5 Monate

dauert, d.h. so lange, als sie die äusseren Veränderungen an der Frau

wahrnehmen können. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien,

stellte ich in verschiedenen Gegenden hierüber Nachforschungen an,

aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frühgeburten sowie

die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre

zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung

Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht,

denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht

vollständig gleichgültig sind, für zeugungsfähig.

Alles Weisse, was sie am toten Körper bemerken, wie Nerven, Sehnen und

Blutgefässe, nennen die Bahau "_huwat_", auch nehmen sie an, dass in

diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut

enthalten, ist ihnen nicht bekannt.

Von dem Verstande und dessen Sitz machen sich die Bahau eigenartige

Vorstellungen, die ich ganz zufällig kennen lernte.

Als ich mich auf meiner zweiten Reise einige Tage in Long Tepai

aufhalten musste, suchte ich morgens nach meiner Ankunft einen alten

Patienten, den Häuptling _Bo Ibau_ auf. Der dürre Sonderling mit der

Habichtsnase sass in seiner Kammer und schnitzte einen Schwertgriff

aus Hirschhorn. Er war in früheren Jahren der beste Schnitzkünstler im

Dorfe gewesen, hatte aber seiner. Augen wegen die Arbeit lange Zeit

ruhen lassen müssen. Ich traf ihn in guter Stimmung, da er mit Hilfe

der Brille, die ich ihm geschenkt hatte, wieder in der Nähe sehen

und daher die geliebte Schnitzarbeit wieder aufnehmen konnte. _Ibau_

klagte, dass die jungen Leute heutzutage nur schlechte Arbeit lieferten

und fügte hinzu: "sie haben nichts in ihrem Bauche (_djian hipun nun

nun halam butit)._" Ich glaubte ihn anfangs nicht gut zu verstehen

und liess ihn die Worte wiederholen; allmählich merkte ich aber, dass

mein alter Freund in der Tat mit dem Bauche zu denken glaubte. Auch

erfuhr ich später, dass alle Bahau und Kenja derselben Meinung sind.

Den Schlaf fassen die Bahau als den Zustand auf, in dem eine ihrer

beiden Seelen, die _bruwa_, den Körper zeitlich verlässt. Der Traum

entsteht entweder dadurch, dass die Seele das Geträumte wirklich

erlebt, oder dass die Geister dem Schläfer etwas zuflüstern. Die Träume

der Priester sind besonders bedeutungsvoll. Von der Wohltat eines

erquickenden Schlafes für Kranke haben sie keine Ahnung; wenn einer

ernstlich krank ist, verhindern sie ihn durch Schreien und Schütteln

am Einschlafen, selbst wenn der Kranke den Schlaf sehnlichst wünscht

(Siehe pag. 333).

Ihrer Schöpfungsgeschichte (pag. 129) zufolge sind die Bahau aus

unbelebter Materie und zwar aus Baumrinde hervorgegangen. Das Leben

wird erst durch die beiden Seelen "_bruwa_" und "_ton luwa_" in den

Körper gebracht (Näheres Kap. V).

Alles, was die _bruwa_ zum Entfliehen bringt, verursacht Krankheit. Da

die _bruwa_ auf die gleiche Weise wie der Mensch denkt und empfindet,

kann sie durch alles, was diesen erschreckt, vertrieben werden,

wodurch der Körper krank wird. Die Priester suchen daher, um

einen Kranken zu heilen, dessen entflohene Seele in den Körper

zurückzulocken. Auf dieser Vorstellung basieren im Grunde alle

Heilmethoden der Priester. Das Einfangen der Seele geschieht mit

Hilfe der guten Geister aus dem _Apu Lagan_, der Vermittler zwischen

Hauptgöttern und Menschen.

Zum Glück sind sie in ihrem Vertrauen auf die Hilfe der Geister

nicht so blind gewesen, dass sie den günstigen oder ungünstigen

Einfluss einiger Faktoren auf den Verlauf einer Krankheit nicht

selbst bemerkten. Hieraus hat sich bei ihnen ein sehr kompliziertes

diätetisches System entwickelt, das neben den Beschwörungen der

_dajung_ bei jeder Krankheit angewandt wird.

Im allgemeinen sucht man die Krankheit dadurch zu bekämpfen,

dass man sich verschiedener Speisen, des Badens, schwerer Arbeit

etc. enthält. Für die verschiedenen Leiden bestehen auch verschiedene

Vorschriften, die man gegenwärtig unmöglich als Bussen auffassen kann;

sie sind teilweise auch so treffend gewählt, dass sie auf persönlichen

Beobachtungen und Erfahrungen beruhen müssen. Bei den Kajan am Mendalam

gelten folgende Vorschriften:

Verboten ist bei Diarrhoe: harter Reis, Zuckerrohrsaft, Bananen,

Klebreis, gekochte Bananen, kaltes Wasser, einige Arten Fische, Baden

bei hohem d.h. kaltem Wasser; erlaubt sind: weich gekochter Reis und

gute Fische.

Verboten ist bei Fieber: kaltes Wasser, Zuckerrohrsaft, Zucker,

Gebäck und Baden bei Hochwasser.

Verboten ist bei Husten: _keladi_, Zucker, Zuckerrohrsaft, gerösteter

Klebreis, Gurken, Rauchen, Betelkauen und schwere Arbeit.

Bei einer Knieentzündung verbietet man: Laufen, Treppensteigen,

trockenen und hart gekochten Reis, gedörrten Fisch, Schweinefleisch,

Eier, Salz und essbare Baumblätter.

Berücksichtigt man, dass derartige Verordnungen bei den Malaien auf

Borneo nur in sehr rudimentärer Form vorhanden und dass ein grosser

Teil dieser Vorschriften auch nach der Auffassung europäischer Ärzte

wirklich zweckmässig sind, so erscheinen sie uns für die Bahau um so

anerkennenswerter. Überdies sind diese diätetischen Vorschriften in den

Verhältnissen, in welchen die Dajak leben, beim Fehlen eigentlicher

Heilmittel und bei der kräftigeren Konstitution ihrer Kranken viel

wichtiger als bei den Europäern und deren günstigeren Lebensumständen.

Auch für Hautkrankheiten werden zahlreiche Verhaltungsmassregeln

angegeben und, da man für diese auch noch wirksame Arzneien besitzt,

sind die Bahau ebensogut als europäische Ärzte im stande, ihre

parasitären Hautkrankheiten zu kurieren. Bei einer derartigen Kur

darf nicht gebadet, nicht transpiriert und nicht gekratzt werden; auch

darf der Patient keine Süssigkeiten, keinen jungen Bambus, _keladi_,

Farrenspitzen, Salz, Schweinefleisch, spanischen Pfeffer und Mehl

geniessen. Da die Heilmittel in Lösung auf die Haut gestrichen werden,

sind die 3 ersten Vorschriften rationell; das Verbot der Speisen jedoch

ist nachteilig, da es die ohnehin schon lästige Kur so sehr erschwert,

dass nur sehr wenige sich ihr mit genügender Ausdauer unterwerfen. Der

Erfolg ihrer Heilmittel ist häufig nur ein zeitweiliger, weil sie

von der kontagiösen Natur dieser Krankheiten keinen Begriff haben

und sich mit ihren eigenen Kleidern, Liegmatten etc. immer wieder

von neuem infizieren.

Die Verbotsbestimmungen bei Krankheiten kommen den Eingeborenen so

selbstverständlich vor, dass sie mich, wenn ich ihnen eine Arznei

gab, sogleich fragten, was _lali_, verboten, sei. Meine Vorschriften,

welcher Art sie auch waren, wurden stets treu befolgt. Oft verbot ich

das eine oder andere nur, um das Vertrauen in meine Arzneien nicht

wankend zu machen. Von besonderer Bedeutung war dies in einigen Fällen,

wo die Befolgung diätetischer Vorschriften von grösserer Wichtigkeit

als das Einnehmen von Arzneien war; bei sehr kleinen Kindern konnte

ich oft nur auf diese Weise eingreifen.

Während meines zweiten Aufenthaltes am Mendalam kamen dort innerhalb

dreier Tage 3 Fälle sehr akuter choleraähnlicher Bauchkrankheit

vor. Der erste, in Tandjong Kuda, verlief tätlich, ohne dass ich den

Kranken sah. Am folgenden Tage erkrankte in meiner Nachbarschaft

eine Frau mit allen Choleraerscheinungen, doch half ich ihr mit

einer starken Dosis Landanum den Anfall überstehen. Ein oder zwei

Tage darauf rief man mich zu einem Manne in Tandjong Kuda, der

an der gleichen Krankheit litt. Auch bei ihm hatte Laudanum eine

ausgezeichnete Wirkung, nur war ich gezwungen, ihn seinem Schicksal

zu überlassen mit dem Resultat, dass er 2 Tage später infolge des

Genusses verschiedener gekochter Baumblätter einen Rückfall bekam

und starb. Da diese Fälle der Cholera sehr ähnlich waren, glaubte

ich die Umgebung am besten durch Regelung des Trinkwassergebrauchs zu

schützen. Ich liess daher mit Hilfe der beiden Häuptlinge _Akam Igau_

und _Tigang_ durch die _dajung_ eine grosse Beschwörung abhalten,

verbot für 4 Tage das Trinken ungekochten Wassers und. warnte sie vor

den Flussbädern, die übrigens in dem schnell strömenden Wasser von

geringerer Bedeutung waren. Auch unreife Früchte setzte ich auf die

Verbotsliste und hatte die Freude zu sehen, dass man sich sowohl in

Tandjong Kuda als in Tandjong Karang an die Vorschriften hielt und

keine weiteren Krankheitsfälle mehr vorkamen.

Der wichtigste Teil der Beschwörung bestand darin, dass man die bösen

Geister, als die Urheber der Krankheit, daran verhinderte, längs den

Bretterstegen, welche vom Fluss zum Hause führten, zu den Bewohnern zu

gelangen. Zu diesem Zwecke spannte man längs des Ufers vor dem Hause

und auch seitlich ungefähr 1 m über dem Boden Rotangseile, an welche

in Abständen von 2 m zur Abwehr böser Geister Blätter von _daun long_

gehängt wurden. An den Stellen, wo das Seil die Wege zum Hause kreuzte,

richtete man zu beiden Seiten roh gearbeitete Figuren, eine weibliche

und eine männliche, auf. Die Figuren besassen übertrieben grosse

Genitalien; der Mann eine nach Kajansitte perforierte glans penis mit

hölzernem Stifte; überdies waren sie mit hölzernen Speeren, Schwertern

und Schilden als weiteren Abschreckungsmitteln bewaffnet. Zu meiner

Beruhigung willigten die Familiengehörigen darein, Kleidungsstücke

und Liegmatten der Verstorbenen zu vernichten. Da die _adat_ ihnen

das Verbrennen dieser Gegenstände verbietet, warfen sie diese, ohne

mein Wissen, in den Fluss.

Die einzigen nennenswerten Arzneien der Kajan werden gegen

Hautkrankheiten angewandt; zwei derselben sind in der Tat sehr wirksam:

1. _oroköp_, Blätter von Cassia alata, die auch sonst im Archipel

häufig gegen Hautkrankheiten benützt werden.

2. _njerobw bulan_ (im Busang) = _minjak pelandjau_ (im Malaiischen),

ein schwarzes, nach Teer riechendes Öl, das aus dem schwarzen Kernholz

eines gleichnamigen Baumes fliesst, der nur auf Borneo einheimisch zu

sein scheint. Beim Stehen scheidet das Öl eine halbflüssige Masse ab,

die _tanah pelandjau_ genannt wird.

Auf die Haut gebracht verursacht diese _tanah pelandjau_ eine

Entzündung. Als man diese Masse einst unvermischt auf die Leibeshaut

eines Kindes strich, wurde diese so völlig zerstört, dass eine tiefe

Wunde entstand. Für den Gebrauch muss das Mittel mit Zuckerrohrsaft

vermischt werden. Ein Individuum, das von Kopf bis zu Fuss mit _lusung_

bedeckt ist, kann in 14-20 Tagen genesen, falls es sich tüchtig mit

_tanah pelandjau_ einreibt und das Baden vermeidet.

Die Kajan reiben sich täglich mit _oroköp_ ein, wodurch sie allmählich

ihren _lusung_ und in viel kürzerer Zeit ihren _kurab_ vertreiben.

Ein sehr wirksames, für die Kajan aber sehr kostbares Mittel ist

Petroleum, das, auf die erkrankte Haut gestrichen, binnen 8 Tagen

eine Heilung herbeiführt.

Als weitere Behandlungsweisen von Entzündungen und Schmerzen sind

bei den Kajan Schröpfen, Tätowieren und Massieren üblich. Die beiden

ersten werden besonders bei schmerzhaften Entzündungsgeschwülsten

angewandt. Man entzieht das Blut, indem man mit einem spitzen Messer

eine grosse Zahl kurzer Einschnitte ausführt und die Blutung von selbst

aufhören lässt. Blutstillende Mittel lernte ich nicht kennen. Die

Ausführung kleiner Tätowierfiguren auf die entzündete Stelle wirkt

wahrscheinlich in gleicher Weise wie die Blutentziehung.

Bei Leib- und Rückenschmerzen wendet man vor allem Massage an,

die mehr in Kneten als in Reiben besteht. Mit der Massage und dem

Blutentziehen befassen sich hauptsächlich die _dajung_, die es in

ihrer Kunst bisweilen weit bringen.

Für Wunden kennen die Bahau keine Mittel- sie halten sie nur mit Wasser

und Kapok rein. Da sie ernste Blutungen nicht zu stillen verstehen,

gehen die Leute häufig an kleinen Wunden, z.B. auf dem Fussrücken, zu

Grunde. Dagegen verstehen sie zerrissene Ohrläppchen wieder aneinander

wachsen zu lassen (Siehe pag. 140).

Bei Entbindungen wird der Leib der Kreissenden mit den Händen geknetet;

andere Behandlungsweisen sind unbekannt. Heftige Blutungen verlaufen,

wenn sie nicht von selbst aufhören, tätlich.

Die Bahau wenden auch Dampfbäder an. Sie füllen ein Gefäss mit

heissem Wasser, fügen einige Blätter hinzu und setzen den Kranken,

den sie mit Decken umwickeln, einige Zeit den heissen Dämpfen aus.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 59 / 66 题