KAPITEL XVII

Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung

einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung

netter Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang

Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue

Haus--Allerhand Schwierigkeiten--wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod

eines kleinen Mädchen, Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.

Mit dem Bau von _Kwing Irangs_ neuem Hause brach für die Kajan eine

wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch

Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen

Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft für das neue

Haus, das in grossem Massstab ausgeführt werden sollte und uns daher

von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind,

eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit,

zahlreiche religiöse Gebräuche, von denen wir sonst nichts erfahren

hätten, kennen zu lernen.

Von besonderer Wichtigkeit war aber für uns die Tatsache, dass unser

Zug nach der Ostküste fast gänzlich von diesem grossen Unternehmen

der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die

Reise ausführen, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus

beinahe eine Notwendigkeit, dass _Kwing Irang_ uns selbst zur Küste

geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt

gediehen war, konnte sich der Häuptling mit einer grossen Anzahl von

Männern unmöglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang

der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen

meinen Einfluss geltend zu machen, um _Kwing Irang_ zu unterstützen,

wenn die Leute nicht den gewünschten Eifer zeigten und lieber ihren

eigenen Geschäften nachgingen.

In einem späteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm

verbundenen Festlichkeiten und religiösen Zeremonien ausführlich

beschrieben werden; hier möge nur das, was auf unser tägliches Leben

Bezug hatte, erwähnt werden.

_Demmeni_ traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim

Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei

er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene

bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nämlich auch beim Hausbau

streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem

eventuellen ungünstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel,

die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vögel dann

schlafen. _Demmeni_ bereitete alles für eine Aufnahme bei Blitzlicht in

freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss

über diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag

verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren

künstlichen Blitzen zu erschrecken.

Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig

damit beschäftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Päckchen in

Palmblätter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den

Reis lieferten zum grösseren Teil der Häuptling, zum kleineren die

Freien, dafür hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben

sich auf den Fischfang, da der Häuptling allen Mitarbeitern Fische

als Zuspeise anbieten musste.

Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von

Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie

hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und

begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stück Rotang

massen, die Länge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden

entsprechendes Mass wird _depa_ genannt.

Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu

bilden. Hätte ein Sachverständiger die Führung übernommen, so wäre

das Kunststück vielleicht geglückt, da nun aber acht oder zehn Männer

mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das

Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich

rief man _Demmeni_ als Autorität im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und,

da alle auf ihn hörten, erhielt man bald das gewünschte Rechteck,

auf dem die Pfähle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die

Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stöcke an,

wo die Pfähle eingerammt werden mussten.

Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rücken,

auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das

provisorische Häuptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen

Versammlungssaal, in dessen Verlängerung man unser Haus gebaut hatte,

ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass _Midan_ und

_Doris_, deren Küche und Werkstätte sich an den beiden äussersten Enden

des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch überrascht,

als bereits am selben Tage nach der religiösen Zeremonie, welche das

Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Männer auf das

Dach kletterten und über _Midan_, der gerade unser Essen kochte, das

Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber überreden, erst in

der Mitte zu beginnen, so dass _Doris_ Zeit hatte, seine Werkstätte

mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien

an der Mündung des Blu-u überzuführen; auch kamen wir überein, dass

_Doris'_ Werkstätte als Küche für _Midan_ reserviert werden sollte.

Dank den vielen hilfreichen Händen wurde der Saal binnen weniger

Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die

Pfähle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an

ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem

Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die

Küche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als

wir gegen Mittag, erfüllt von dem interessanten Schauspiel, das die

Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Männer und Frauen des ganzen

Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurückkehrten, sah alles

wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden hätte.

Während der Monate Dezember und Januar beteiligte sich täglich eine

grössere oder geringere Anzahl Männer am Hausbau; die Frauen arbeiteten

nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so

viele jungen Männer zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren

konnte. Die _panjin saju_ waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von

den übrigen Familien konnte der Häuptling mit seinen Mantri nur mit

Mühe genügende Unterstützung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als

auch damit nicht einzelne bevorzugt würden, wollte _Kwing Irang_

nicht, dass einige Leute bei uns für Geld arbeiteten. Daher war es

unmöglich, für längere Zeit eine grössere Anzahl Männer zu vereinigen,

und voraussichtlich trat hierin sowohl während des Hausbaus als

während der folgenden Reisernte keine Änderung ein. Ich war daher

darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien,

auch noch auf andere Weise nützlich zu verwenden.

Ende Dezember war es _Hadji Umar_ geglückt, mit seiner Familie von

Long Tepai nach Long Bulèng überzusiedeln, wo er sich beim Malaien

_Utas_ einquartierte. Ausser seiner Familie hatte _Umar_ ungefähr acht

seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die

sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschäftsteilnehmer

seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wären gern in meinen

festen Dienst getreten, aber ich hatte für sie keine ständige Arbeit,

auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der

geplanten Besteigung des Batu Lesong sehr gut als Kuli und Ruderer

dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan nötig. Da auch die Kajan noch

nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten

und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen

wollten, konnten uns diese kräftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten.

Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand

auf den Zug nach dem Batu Lesong verzichten würde. Sie fürchteten

nämlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen

Gebieten, in denen die Baritostämme Buschprodukte suchten, etwas

zustossen könnte.

Kaum hatten die Kajan daher gehört, dass die Malaien mich begleiten

sollten, als verschiedene einflussreiche Männer zu mir kamen, mich auf

die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane

abzubringen suchten. Zuverlässige Auskunft über diese Gegend konnte

ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand

falsche Berichte einzuschüchtern und wankend zu machen.

Um so wenig Männer als möglich mitzunehmen, beschloss ich,

den Zug nur mit _Bier_ zu unternehmen und _Demmeni_ und _Doris_

zurückzulassen. _Sekarang_ und _Amja_ dagegen sollten mich begleiten;

die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu

können, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen.

Als _Kwing Irang_ merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf,

machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug,

um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug _Sorong_ auf, mich

zu begleiten, und trat mir ausserdem fünf der gewandtesten jungen

Männer ab.

Glücklicher Weise kannte _Sorong_ wenigstens den Weg bis zu dem

Bergrücken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu

Lesong führt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner

kleinen Böte auf.

Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen,

so dass der Blu-u gerade genügend viel Wasser enthielt, um am ersten

Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni,

die verlassenen Reisfelder aufhören und der jungfräuliche Wald mit

seinen Riesenstämmen über dem kleinen Flusse ein schattenreiches

Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Böte über

die Stromschnellen bei den Geröllbänken mehr gezogen als gerudert

werden mussten. Wir Europäer zogen es vor, zu Fuss längs des Ufers

zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen

Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden,

um den Böten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage

erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der

Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des

Reises, den wir mit Rücksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in

grossen Mengen mitgeführt hatten, zurücklassen. Sollte die Besteigung

lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden.

Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen,

aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben

begegnen würden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute

ihre Tragsäcke in Ordnung bringen.

Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflüsse

gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer

flacher werdenden Rücken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen

Blu-u und Danum Parei hinaufführte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem

alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwärts, dass wir aus

Furcht, auf dieser Höhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten.

Auf den Charakter des grossen Bergrückens begierig setzten wir am

folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere

Schwierigkeiten, als die Überwindung einiger steiler Partieen, gegen

Uhr eine flache Verbreiterung des Rückens, die nach _Sorong_ den

höchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte.

Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht;

so blieb uns nichts anderes übrig, als die südliche Richtung

einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rücken zu gelangen, der uns

auf den Batu Lesong führen sollte. Wir befanden uns anfangs plötzlich

zwei Mal vor steilen Abhängen, die nach unten in das Tal des Bruni

führten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns

bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rücken war oben 4

bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem für Urwaldverhältnisse

sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur äusserst selten von

Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und

Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrühren. Der

Pfad führte uns bis dicht an den Batu Lesong und nur ab und zu war

ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzuräumen.

Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrücken,

auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen,

deren Höhe nach unten zu allmählich abnahm. Der höchste, der uns als

Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst.

Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe

Erhebung und trafen hier bereits auf einer Höhe von 950 m ü.d.M. die

Moosvegetation. Die niedrigen Bäume, die hier den wichtigsten Teil

des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung

zu ihrer vier- bis fünffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen

hingen an den Schlingpflanzen wahre Wände von Moos, so dass man

in den Zwischenräumen die Töne gedämpft wie in einem geschlossenen

Raume hörte.

Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die

übrigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen,

nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der

letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager

denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen

aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet störte uns nichts in unserem

tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden,

die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfüllten,

waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich

war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der

Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang

hören lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des

Nachmittags zog _Sorong_ mit einigen Männern noch aus, einen weiteren

Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurück, dass es am geratensten

sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt über deren Gipfel

zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wände sahen in der

Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf

gleicher Höhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief

das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren

von Wildschweinen und Nashornen. Nach _Sorongs_ Angabe hatten wir

einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen

Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bäumen glaubte durchschimmern

gesehen zu haben.

Von unten heraufziehende Wolken umhüllten uns und der freundliche

Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte,

verschwand. Wir zogen über eine Menge abgestürzte, scharf kantige

Sandsteinblöcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss

nirgends einen festen Stützpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von

den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns

dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umständen

an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Träger bewegten sich von

dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich überall mit Händen und

Füssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese

Umgebung auf sie machte. Später überfiel uns ein kalter Regenguss,

der die Nässe unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns

seiner Kälte wegen aber sehr unangenehm berührte. Als wir nach einer

Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von _Sorongs_ Angaben

zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen überhängenden

Felsblöcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Melawi

auf Kundschaft aus.

Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns

schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht

einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden,

aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde

der Weg züi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblöcken,

Sträuchern und Lianen vorwärts, bis wir an ein trockenes Flussbett

gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu führen schien. Jetzt

bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit

verwitterten Wänden und gefüllt mit losem Gestein verschiedenster

Grösse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der

Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter

dem anderen, den Pfad, der mit 30° Steigung aufwärts führte.

Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr

gehen, sondern an den Wänden hinaufklettern mussten. Die Hinteren

suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgängern

losgelösten Steine wurden ihnen zu gefährlich. Wir beschuhten

Europäer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen

als die barfüssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen

hatten. Die Biegsamkeit und das Gefühl in ihren Fusssohlen bieten

ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre

Füsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich

oft schwerer als aus Schnüren derselben Dicke befreien kann.

Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wände zu verwittert

waren, um an ihnen hinaufklettern zu können. Unsere braunen Gefährten

kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stöcke zu beiden

Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlässigeren

Waldboden. 100 m höher gelangten wir auf einen schmalen Sattel,

der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine

Untersuchung verlangte.

Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand

und rechts ein nur 40 m hoher Hügel, der uns voraussichtlich über die

nächste Umgebung einen Überblick geben konnte. Indem wir uns durch

moosbedecktes Gestrüpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern

schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die

mit dichtem Grün von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt

war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar über

uns umhüllte eine dicke Wolkenlage alle höheren Gipfel.

Vor Nässe triefend und vor Kälte zitternd beschlossen wir, bis zum

folgenden Tage zu warten, und kehrten auf den Sattel zurück, wo

uns die Kajan mit einigen geraden, dünnen Hölzern bald das Gerüst

für eine Hütte zusammenstellten, die wir mit einigen Segeltüchern

vervollständigten.

Ein Kleiderwechsel brachte uns bald ein behagliches Gefühl; leider

musste das Wasser auf dieser Höhe weither geholt werden und wir daher

lange auf einen warmen Trunk warten. Die Malaien erstiegen noch den

Gipfel links von unserem Sattel und bemerkten, dass er der zweite

Gipfel war, um dessen Fuss wir tagsüber gezogen waren, und dass der

dritte Gipfel noch hinter diesem lag. Es zeigte sich zugleich, dass

diese beiden Gipfel durch eine so tiefe und steile Schlucht getrennt

waren, dass an ein Hinüberkommen nicht zu denken war. Obgleich

der gefundene seitliche kleine Gipfel nicht der gewünschte war,

hatten wir doch durch unseren Zug nach rechts, der Bergwand entlang,

nichts verloren, es kam jetzt nur darauf an, längs der Bergwand eine

Möglichkeit zu finden, um den letzten Gipfel zu besteigen. Diese

Aufgabe überliessen wir am folgenden Tage den Malaien und suchten

uns inzwischen mit Lesen und Aufzeichnen so angenehm als möglich

zu unterhalten. Die Verhältnisse waren nicht gerade gemütlich; das

Thermometer, das nachts auf + 14° C. gefallen war, stieg auch am

Tage nicht über + 17° C.; von unserer Hütte aus traten wir sogleich

auf durchnässtes, plattgetretenes Moos und, obwohl unser Lager sich

auf einem nur wenige Meter breiten Sattel mit sehr steilen Wänden

befand, benahm uns das umgebende Gestrüpp doch jede Aussicht. Erst

gegen 3 Uhr kam der erste Kundschafter, zum Glück mit gutem Bericht,

zurück. Der dritte Gipfel konnte bestiegen werden, sie hatten sogar

zum grössten Teil bereits einen Weg gehauen, ausserdem hatten sie

Trinkwasser gefunden.

Am anderen Tage glückte es uns, in 1 1/2 Stunden den Aussichtspunkt,

einen sehr schmalen, langen, mit Bäumen dicht bestandenen Gipfel, zu

erreichen. Die Bäume waren durch Gestrüpp und dicke Moosbedeckung zu

einem Ganzen verbunden und wir konnten uns nur kriechend und kletternd

hindurcharbeiten. In einer durch Mooswände gebildeten Kammer liessen

wir unsere Zelte aufschlagen, sahen aber zum Leidwesen des Topographen

keine Möglichkeit, einen Standplatz auf festem Untergrund für ihn

zu schaffen. Hierfür hätten auf dem ganzen Gipfel und teilweise an

den Abhängen Bäume gefällt werden müssen, eine Arbeit, die wegen der

Härte des Gebirgsholzes nicht ausgeführt werden konnte. Wir suchten

daher, wie auf dein Batu Situn, einige beieinander stehende Bäume aus,

liessen ihre Kronen bekappen und zwischen ihren Ästen eine Plattform

anbringen, über welche ein Dach aus Segeltuch gespannt wurde. Ein

besserer Beobachtungsposten war unter den gegebenen Umständen kaum

zu erlangen. Trotzdem mussten, um eine freie Aussicht zu erlangen,

noch viele hohen Bäume gefällt werden; für die Pflanzensucher bot

sich hier eine günstige Sammelgelegenheit, da in dieser Regenzeit

alle Bäume Blüten oder Früchte trugen.

Durch seine Höhe von 1690 m ü.d.M. gewährte uns der Gipfel einen

Überblick über einen grossen Teil von Mittel-Borneo; die höchsten

Bergspitzen wurden zwischen dem oberen Melawi und oberen Kajan

sichtbar.

An diesem Tage sahen wir jedoch wenig hiervon, denn nach dem

Sonnenschein des Morgens umhüllten uns gegen 11 Uhr die Wolken von

unten her. Darauf regnete es ein wenig und abends verursachte die

untergehende Sonne einen so eigenartigen bläulichen Dunst über der

ganzen Landschaft, dass sie nur in grossen Zügen erkennbar war. Wir

setzten unsere Hoffnung auf den folgenden Morgen, aber in der Nacht

trat Regen ein, der bis 8 Uhr morgens anhielt. Obgleich der 200 m

lange Weg zu unserem Observatorium nicht verlockend erschien und das

Thermometer nur + 12° C. zeigte, konnte ich meine Ungeduld doch nicht

länger bezwingen und stand bald nach unserem Frühstück fröstelnd auf

der Plattform. Hier heulte der mit feinem Regen beladene Wind in den

Baumgipfeln und trieb von Süden her halb durchsichtige Wolkenmassen

aus dem Murungtal über den Batu Lesong, während nach Osten hin ein

bleifarbiger Wolkenschleier jeden Ausblick benahm. Unsere Malaien

waren nur mit Mühe zum weiteren Fällen der Bäume zu bewegen und

einige Exemplare blieben bis zur Ankunft der Kajan stehen, die im

Sattel übernachtet hatten und ausser ihren starken Armen auch gute

Beile mitbrachten. Noch am gleichen Tage wurde der Gipfel so weit als

nötig frei, aber weder der Abend noch der folgende Morgen gewährten

irgend welche Aussicht. Unter diesen Umständen wussten wir nichts

Besseres vorzunehmen, als in unsere Klambu zu flüchten.

Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet

und wollten allmählich den Rückzug antreten, um auch die Pflanzenwelt

weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen

einige Malaien mit, bemerkte aber später, dass bis auf zwei alle

mitgegangen waren. Zum Glück blieben uns die Kajan übrig, die am

vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer

Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nämlich zum

ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine genügende

Aussicht bieten würde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch,

begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere

ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Kälte

wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte.

Der hohe Punkt des Batu Lesong, auf dem wir uns eben befanden, bot

uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelfläche dieses

Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8° nach Süden, wird höchstens

einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen über die ganze

Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflüssen des Mahakam laufenden

Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel,

wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den

Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und _Ikang_ erhebt, Batu Tokong

und behaupteten, dass auf seiner Südseite der Busang entspringe und

an dem südlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des

Belatung. Die Gipfelfläche sowie die ganze Landschaft sind vollständig

mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen

Wände des Batu Lesong an der Nord- und Südseite scharf hervortreten.

Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen,

fehlen nach Süden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige

Kilometer lange Ausläufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen.

In kurzem Abstand vom Batu Lesong und parallel mit diesem erhebt sich

im Süden ein anderer Rücken, der den Busang zwingt, längs des südlichen

Fusses des Batu Lesong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses

Rückens und etwas Näheres über ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen

der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am

oberen Murung auf grösseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der

Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Länge nach deutlich hervor; sein

Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Fläche,

nur ist er niedriger als der des Batu Lesong. Besonders auffallend war

das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales,

kegelförmiges Gebirge von 1900-2000 m Höhe hinter den vorgelagerten,

nicht über 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen

Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus

aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20

bis 100 m mächtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht,

sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere

Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrücken,

gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der

Querrücken stärker ausgeprägt als an der Ostseite.

Die Nordseite des Batu Lesong zeigt eine eigentümliche Zickzacklinie,

in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt.

Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind,

von dieser grossen Höhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der

Mili stachen mit ihren hellen Wänden von dem dunklen Hintergrunde

ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam

mit seiner Fortsetzung längs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder

Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem

Gebirge Querrücken in die Täler des Oga und Boh, in gleicher Weise

wie vom Batu Lesong zum Mahakam, verliefen.

Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs

neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch

durch die Sonne beeinträchtigt werden kann; denn _Bier_ konnte nur

mit Mühe einige Gipfel im Norden visieren, da ein bläulichgrauer

Dunst die ganze Landschaft einhüllte. Das erhaltene Resultat war

aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am

folgenden Morgen zu verlassen.

Die Verteilung unseres Gepäcks unter die noch übriggebliebenen

Kajan und Malaien kostete nicht viel Mühe, da unsere Lebensmittel

fast erschöpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten

Herzens auf den Rückweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswände

und Gestrüpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir,

obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war,

schnell vorwärts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor

dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden.

_Sekarang_ hatte seine Zeit besonders gut benützt und während des

letzten Tages einen wahren Garten von schönen und seltenen Pflanzen

zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl

neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend

mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nässe

triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war.

Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise

wünschenswert, daher dachte ich abends über die Möglichkeit nach,

den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer

sein als der Aufstieg und, da die Flüsse durch den Regen der letzten

Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr

schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Träger geringen Beifall,

obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald

sassen. Sie fürchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu

erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn,

sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der

Leute in kürzerer Zeit vollführt worden war, als ich erwartet hatte.

Am folgenden Morgen verteilten wir die Pflanzensammlung unter die

Träger und brachen nach dem Essen auf. Ich vermutete, dass meine

Reisegesellschaft es doch noch versuchen würde, erst in zwei Taren

aber dafür langsam nach Hause zu gelangen, und beschloss daher,

vorauszugehen, um die Leute zum Nachfolgen zu zwingen.

Als alle zum Abmarsch bereit waren, machte ich mich in Gesellschaft

von _Sorong_, der nur sein eigenes Gepäck zu tragen hatte, auf den

Weg. Mit unserem schnellen Schritt erreichten wir in 3 1/2 Stunden

unseren Lagerplatz auf dem Rücken, der zum Bruni hinunterlief. _Sorong_

erklärte, der Ruhe bedürftig zu sein, und konnte auch nach einiger Zeit

nur mühsam vorwärts, so dass uns die fünf jungen Kajan einholten. Durch

unser ständiges Vorausgehen und durch die Nähe des Flusses gereizt

stürmten sie ohne stillzuhalten an uns vorüber. Ich liess _Sorong_

zurück und folgte den fünf, musste aber sehr schnell gehen, um mit

ihnen Schritt zu halten. In kurzer Zeit erreichten wir den Bruni,

der inzwischen stark geschwollen war. Als wir den Fluss durchquerten,

sanken wir tief ins Wasser ein; das Bad, das erste nach unserer

Abreise, erfrischte uns herrlich, auch liess uns die Aussicht,

mit unseren Böten ohne Schwierigkeit nach Hause zu gelangen, unsere

Müdigkeit und die Steifheit unserer Gliedmassen vergessen. Innerhalb

einer Stunde waren alle vereinigt, die Böte aus dem Walde geholt und

zu Wasser gelassen worden. Das Einladen des Gepäckes ging schnell

von statten und darauf ging es erst den Bruni dann den ebenfalls

geschwollenen Blu-u hinunter. Noch vor Sonnenuntergang landeten wir

bei unserer Wohnung, zur grossen Verwunderung der Dorfbewohner, die

uns noch lange nicht zurück erwartet und einen Erfolg unseres Zuges

nicht für wahrscheinlich gehalten hatten. Mühsam stieg ich den 30 m

hohen Uferwall hinauf und merkte noch nach Tagen, dass ein derartiger

Zug viele Anspannung erfordert.

Alle unter der Aufsicht des Kontrolleurs zurückgebliebenen Leute

befanden sich wohl, waren aber, wie die ganze Niederlassung, über einen

brutalen Mord, der in den letzten Tagen verübt worden war, erregt.

_Utas_, der malaiische Gatte _Lirungs_, die in Long Bulèng wohnte, war

gleich nach unserer Abreise von einem Handelszug nach dem oberen Murung

zurückgekehrt und hatte unter seinen verschiedenen Handelsartikeln

auch eine Sklavin mitgebracht. Wenige Tage vorher hatte _Lasa_, der

Sohn des Ma-Suling Häuptlings _Tekwan_, als er seine Tante _Lirung_

besuchte, die Sklavin aus dem Hause gelockt, mit zwei jungen Kajan in

ein Boot gesetzt und war mit ihr flussabwärts gefahren. Als auf halbem

Wege von seinem Hause alle auf einer Geröllbank ausgestiegen waren,

um zu baden, fiel _Lasa_ plötzlich die alte Frau an und ermordete

sie. So schien sich die Geschichte, von allen wahren und unwahren

Ergänzungen abgesehen, wirklich zugetragen zu haben.

Die Tat war sowohl _Kwing Irang_ als uns gegenüber eine sehr freche;

denn _Lasa_ gehörte durch seine Mutter _Uniang_, eine Schwester von

_Lirung_, zum Kajanstamm und, da die alte Frau bereits in _Lirungs_

Hause gegessen hatte, war, nach Auffassung der Kajan, in ihr eine

Stammesgenossin ermordet worden. Ein derartiges Verbrechen wird von

den Bahau viel schärfer verurteilt, als wenn es sich um die Ermordung

eines Fremden, wenn auch eines Angehörigen eines benachbarten Stammes,

handelt.

_Kwing Irang_ geriet durch diese Angelegenheit in grosse Verlegenheit,

denn er hatte sie noch nicht mit dem Kontrolleur besprochen und

für uns war es schwierig, aktiv aufzutreten, besonders deswegen,

weil der wahre Sachverhalt, der widersprechenden Berichte wegen,

durchaus nicht klar schien.

Zuerst hörten wir, _Kwing Irang_ habe die beiden Kajan, deren Unschuld

an dem Mord sich übrigens bald erwies, zur Strafe nach Long Bulèng

geschickt, um dort zu arbeiten, und gleich darauf erklärte der

Häuptling dem Kontrolleur, er habe die Absicht, seinem Enkel (Sohn

seiner Nichte) die Strafe für Mord im eigenen Stamme aufzuerlegen. Da

die betreffende Strafe in solch einem Fall bei allen Bahau in der

Auferlegung einer Busse besteht, mussten wir uns mit seiner Absicht

zufrieden geben.

Bald darauf, am a. Februar, kamen _Tekwan_ und _Uniang_, die Eltern des

Mörders, in grosser Gesellschaft heraufgefahren, um über den Vorfall

zu unterhandeln. Sie durften jedoch das Haus des Kajanstammes nicht

betreten, da nach einem derartigen Mord niemand mit dem Mörder oder

mit dessen Familie, aus Furcht krank zu werden (einen dicken Bauch

zu erhalten), in Berührung kommen will, selbst nachdem bereits eine

Busse auferlegt worden ist. Erst nachdem der Mörder oder seine Familie

dem Häuptling ein Schwert, ein Stück Zeug und einige Hühner übergeben

haben und diese mit dem Schwerte getötet worden sind, fürchtet man

sich nicht mehr, durch eine Begegnung mit dem Mörder den Zorn der

Geister zu erregen.

Bevor die Hühner geopfert werden, suchen so viele Leute als möglich die

Tiere zu beissen, damit die Geister an dem auf die Tiere übertragenen

Geruch die Teilnahme aller am Opfer erkennen können und die Blutschuld

ihres Stammesgenossen nicht auch an ihnen zu rächen suchen.

Darauf legte _Kwing Irang_ in einer Zusammenkunft den Eltern des

Mörders eine Busse von 1000 Reichstalern auf. Den gleichen Betrag hatte

er dem _Radja_ von Serawak bezahlen müssen, nachdem er selbst einen

Chinesen getötet hatte, auch hatte er einst von einigen Murungern für

den Tod dreier seiner Stammesgenossen die gleiche Summe gefordert. Um

diese Busse zu entrichten, war _Temenggung Itjot_ damals mit einem

Sklaven und allerhand Waren nach dem oberen Mahakam gezogen.

Viel später erst kämen wir zur Überzeugung, dass die Sache sich so

zugetragen haben musste, dass _Lasa_ dem _Utas_, als dieser sich

lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte,

ihm für das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven

oder eine Sklavin zu kaufen. Als Häuptlingssohn fühlte sich nämlich

_Lasa_, um für voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen

zu töten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und

ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses

Mittel, um den Anforderungen seiner männlichen Ehre zu genügen; denn,

wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Töten einer

alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich

wollte er sein Geld nicht verlieren und tötete daher die Sklavin,

trotzdem wir uns bei _Kwing Irang_ aufhielten. Dabei beging er die

Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu töten, nachdem sie sich bei den Kajan

bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den

Malaien _Utas_, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle

gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen würden, hielt man uns den

wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur

wenigen bekannt. Auch _Lasa_ schien sich nicht sicher zu fühlen,

denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben

am Merasè lagen, geflohen.

Kaum hatte sich die Aufregung über diesen Mord etwas gelegt, als

Berichte aus Long Tepai eintrafen, welche die Bevölkerung noch

weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rückkehr vom Batu Lesong

war _Hadji Umar_ nämlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tepai

gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurück, dass er

die Bewohner von Long Tepai in grosser Aufregung verlassen habe,

weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tepai Guttapercha suchten,

auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter

Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Häuptlings _Bo

Lea_ von Long Tepai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren

und hatten in dem für gewöhnlich gänzlich unbewohnten Gebiete hacken

gehört. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Männer, die

im Begriff waren, eine Sagopalme zu fällen. Durch einen kleinen Hund,

der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Männer, dem Berichte

nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie

zu treffen, worauf diese mit Gewehrschüssen antworteten. Die beiden

Männer ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt,

die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Hütte

stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte.

Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie

hatte Schwerter, Kochtöpfe und eine grosse Menge Guttapercha

zurückgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher

fühlten, kehrten nach Long Tepai zurück und nahmen als Beweis

für ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstände mit. Die

zweifellose Nähe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam

stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tepai einen

solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rüsteten, um auf den

Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt,

sei es auf Anraten _Hadji Umars_, sei es, weil die Häuptlinge selbst

es für sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und _Barth_

vorzulegen. Daher kam _Umar_ uns melden, dass am folgenden Tage _Bo

Tijung_, der älteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long

Tepai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser

Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenüber bisher

stets zweifelhaft gewesen war, gewährte uns eine grosse Genugtuung,

auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu können, dass wir ihnen

bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir überlegten

daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau

die Batang-Lupar als Kopfjäger sehr fürchteten und die Long-Glat

in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fünf

Batang-Lupar verübten Mord noch nicht gesühnt hatten, war es äusserst

wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf

ihre Feinde schiessen würden. Hierdurch wären gegenseitige Racheakte

und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher

trachten, die ganze Bewegung in Händen zu behalten.

Ob sich nur diese kleine Bande Serawakischer Dajak in der Umgegend

aufhielt, oder ob sie zu einer viel grösserem gehörte, war gänzlich

unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verübten

Mordes hatten bereits zahlreiche Gerüchte von Rachezügen seitens der

Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden

sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl möglich, dass

die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich

an den Long-Glat von Long-Tepai oder anderen Niederlassungen zu rächen.

Bevor wir über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nähere

Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel

ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks

zu ruhiger Überlegung und Geduld nicht fähig waren, merkten wir am

folgenden Tage, als _Bo Tijung_ mit zwei Böten bei uns landete und nach

einem kurzen Besuch bei _Kwing Irang_ uns sogleich seine Aufwartung

machte. Sein Bericht stimmte mit dem von _Hadji Umar_ überein, auch

hatte er als Beweisstück Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar

bereiten nämlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die

nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit

Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen

sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefähr 3 × 5 dm gross

und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen

die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form.

_Bo Tijung_ hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten,

um mit allen kriegstüchtigen Männern sogleich auf die Batang-Lupar

Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten Überlegungen kein

Gehör schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenüber,

dass man über Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden

waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schätzte er unser

Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe

leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gespräche, dem bald auch

_Kwing Irang_, _Hadji Umar_ und viele andere beiwohnten, glaubte _Bo

Tijung_ herauszuhören, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten,

und benützte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit über

den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er äusserte sich heftig über das

vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen

worden war, nicht haben mitnehmen zu dürfen. _Hadji Umar_ machte ihm

bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in

dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten.

Die Unterredung mit _Bo Tijung_ zeigte uns, dass, falls wir die

Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in

Long Tepai unumgänglich notwendig war, da selbst die Klügsten der

Long-Glat kaum noch zu halten waren.

Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein,

dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und

selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten,

eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen

wir, dass _Barth_ mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tepai

ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass _Hadji

Umar_, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte,

ihn begleiten sollte. _Barth_ sollte so lange in Long Tepai bleiben,

bis ich mit _Kwing Irang_ bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich

die Reise nach der Küste fortzusetzen.

Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete

_Kwing Irang_ nur: "so bald als möglich," ohne einen bestimmten

Termin anzugeben.

Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und

_Barth_ fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit _Bo Tijungs_,

flussabwärts.

In Long Tepai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach

dem oberen Tepai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu,

sich vorläufig darauf zu beschränken, unter Leitung einiger unserer

besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser

Anzahl, dass man auch stärkeren Banden Widerstand leisten konnte.

Die Expedition brachte die Nachricht zurück, dass die Batang-Lupar,

die in der Hütte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grösseren

Bande angehörten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und

Gut hatten zurücklassen müssen. Nachdem die Gesellschaft einige

Tage in der Batang-Lupar Hütte gewohnt hatte, zog sie mit allen

transportablen Gegenständen nach Long Tepai zurück und beruhigte die

Dorfbewohner. Beinahe hätte sich auf dem Zuge ein Unglück zugetragen,

da einer von _Hadji Umars_ Begleitern, ein zum Heidentum übergetretener

Malaie aus Serawak, gleichfalls namens _Umar_, plötzlich sein Gewehr

auf _Njok_, den ältesten Sohn von _Bo Lea_, angelegt hatte. Wenn einer

unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Höhe geschlagen hätte,

wäre _Njok_ sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in

den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage

darauf erfuhren wir, dass _Umar_ erschöpft in Long Bulèng angelangt

war. Später beging er Ähnliches am Serata und verursachte schliesslich

auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fünf junge Malaien

verwundete und einen Dajak tötete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein,

dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. _Kwing Irang_ hatte mir

nicht glauben wollen, als ich den Mann für geisteskrank erklärte und

ihm nach dem Begebnis in Tepai riet, das gefährliche Individuum nach

Serawak zurückzusenden. Mit vieler Mühe gelang es den Kajan, den Mann,

der sich im Walde versteckt hielt, zu töten.

Nun folgte für mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur für den

täglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische

Sammlung zu vergrössern und die Lebensverhältnisse der Kajan zu

studieren hatte. Der Bau von _Kwing Irangs_ Haus bildete für mich

den Mittelpunkt des Interesses.

Auf Andringen von _Kwing Irang_ und seinen Mantri beteiligten sich

einige Monate hindurch beinahe täglich einige Männer an der Arbeit,

aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwärts, als der

Häuptling und ich es wünschten. _Kwing_ hatte mir bereits öfters

mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte,

von einer Reise zur Küste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine

Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger

war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig

dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grösser. Und doch wollte

ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine

Anwesenheit für den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stämme

von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es

sehr günstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Möglichkeit hatte,

sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er ständig nach

oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend.

Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller

Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends

Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den

ich besass, für den Bau des Hauses eintrat; der Häuptling konnte

nämlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer

eigenen Wohnung beschäftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden

meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt,

im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell

vorwärts. Die Kajan waren hiervon so überzeugt, dass sie mir sagten,

das Haus sollte später stets: "_uma tuan Doktor_" (Haus des Herrn

Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende

nehmen zu wollen.

_Bier_ hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde für

ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der

Kontrolleur in Long Tepai nur fünf Schutzsoldaten bei sich hatte,

schien es mir notwendig, uns unabhängig von den Bahau Hilfskräfte

zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach

Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rückkehr ins Innere von Nutzen

sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von _Hadji

Umars_ Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus

unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass

sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit,

einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so

leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglück

zugestossen war und ich durch meine ärztliche Praxis das Vertrauen

aller genoss. Im Hinblick auf meinen späteren Besuch bei den Kenja

war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren

hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafür

geeignet war oder geneigt sein würde, noch ein zweites Jahr bei mir

zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von

keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurückschicken

wollte, während die Malaien von der "Wester-Afdeeling" von Borneo,

sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach

ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich

von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben geführt

hatten, alle entbehrlichen Leute wählte, gelang es mir, _Bier_ für

drei Böte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom

Blu-u bis Long Tepai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte

er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen

suchen musste, weiterarbeiten.

Des hohen Wasserstandes wegen musste _Bier_ lange Zeit mit seiner

Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken

eine plötzliche Ablenkung.

A m Morgen des 23. Februar erschien _Kuntji_, ein Malaie, der bei

den Ma-Suling am Merasè lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu

Sirang und meldete, dass der Häuptling _Obet Dewong_ seit einiger

Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich

nötig hatte. Die Nachricht berührte mich äusserst unangenehm,

denn man schrieb die Krankheit natürlich, diesmal zum Teil mit

Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun

die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten,

um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserfälle und die

dortigen Märkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald

herausstellte, dass es dem Häuptling lange Zeit gut gegangen war,

dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen

in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und

Brettern für Böte, einen Rückfall bekommen hatte, wollte ich mich

in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem

war die Reise nach Lulu Sirang wegen des Hochwassers im Mahakam und

Merasè gefährlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten,

die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger

Überlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Häuptlings einen

sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen würde, den meine Weigerung,

ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir

möglicherweise einen Teil der Reise über Land zurücklegen konnten,

denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen

dem Mahakam und Lulu Surang zwar mit Urwald vollständig bedeckt, aber

eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Merasè,

Ma-Suling wohnten, führten vielleicht Pfade durch den Wald.

Bei näherer Erkundigung bestätigte sich meine Vermutung; wir konnten

uns somit die Fahrt auf dem Merasè ersparen und hatten dazu Aussicht,

unser Ziel schneller zu erreichen.

Eine halbe Stunde darauf sass ich mit _Midan_, meinem Hunde

und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der

heftigen Strömung mit grosser Geschwindigkeit flussabwärts geführt

wurde. _Bier_, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen

wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den

folgenden Tagen nach Gutdünken handeln.

Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen

zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb

der Mündung des Merasè bei der Niederlassung des Ma-Suling-Häuptlings

_Tekwan_. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben,

um Führer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck

des von _Lasa_ verübten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu

wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirang kannten, wohnten auf

ihren Reisfeldern, an denen wir vorüber mussten. Zwei junge Ma-Suling

aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten,

während der Malaie _Kuntji_, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die

vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Merasè hinaufzufahren.

Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im übrigen gut

unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern führten, sehr glatt,

besonders an viel betretenen Stellen und auf Hügeln.

Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener

waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten

wir die Hütte (_lepo luma_) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als

Führer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu können,

und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein würden.

Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bäche hindurch

gelangten wir zu anderen Ladanghäusern, in denen wir zwei Männer

fanden, die in der Tat mitgehen wollten.

Von den Reisfeldern führte der Weg in den Wald längs flachen, sandigen

Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mühsam, aber beim strömenden

Regen auch nicht ermunternd war.

Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis

zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere

hohe Hügel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben

führten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprüche,

aber auf den Gipfeln der Hügel angekommen fanden wir wirklich gute

und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst

bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwärts und folgten sehr

ermüdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von _Obet

Dewongs_ Dorfe führten. Unglücklicher Weise bestanden diese Pfade

grösstenteils aus freiliegenden, dünnen Baumstämmen, von denen je

zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss über dem

Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns

langsam vorwärts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch

davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte,

wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen

und, als wir uns dem Hause näherten, löschten die Bewohner das Licht

aus und gaben keine Antwort. Unsere Führer erklärten, dass es viel

zu gefährlich sei, an andere Hütten zu klopfen, da die Leute sich

nachts fürchteten und auf uns schiessen konnten.

So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel

wurde, die Hütte von Verwandten der beiden Ma-Suling von _Obet

Dewong_. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten,

suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht

weiter zu kommen. Zum Glück befanden wir uns nicht mehr weit von der

Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse

folgen und dann zum Teil über den Marong hinüber.

Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen

Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders

unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen

Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis

an die Brust reichte.

Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern

wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch

beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende Äste und Baumstämme

am Vorwärtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen

Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebüsch heulend seinen

Weg, da er gegen die heftige Strömung nicht schwimmen konnte. Der

Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen

wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf

die andere Seite hinübergelangen konnten. Dort sahen wir den Merasè

plötzlich zu unseren Füssen und jenseits des Ufers stand das Haus von

_Obet Dewong_. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen

sogleich einige Männer, die uns über den in der Tat sehr geschwollenen

Fluss ruderten.

Obgleich mein äusserer Mensch durchaus nicht in eine Häuptlingswohnung

passte, führte man mich doch sogleich zu _Obet Dewong_, der über mein

Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der

grosse Mann lag völlig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine

Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung.

Da er täglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich

es für geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben,

ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann,

da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den

Kognak musste ich stark verdünnen, da die Kehle der Bahau, die fast

nichts anderes als Wasser kennt, für Alkoholica sehr empfindlich

ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner

Übermüdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen

denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner

Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und

Reis gab ich dem Häuptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen

Schlaf fiel.

Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es

_Kuntji_ gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug

mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem

heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf

und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich

selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frühe gab ich _Obet Dewong_

seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge,

dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strömten

wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptsächlich aber um

Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche,

wo ich ihnen dieses Mittel in grösserer Menge verteilt hatte, aus

Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass

viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Häuptlings nicht

mit mir zur Küste reisen zu können. Zwar glaubte der Häuptling immer

noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise,

aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf

seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre,

auch für die Zukunft Vorstellungen zu machen.

Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte

ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben

wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis,

die er morgens und abends regelmässig einnahm, und die rationelle

Ernährung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise

erklärte ich _Obet_ nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die

Reise mitnehmen würde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung

in Acht nehmen müsse, um einen Rückfall, der für ihn sehr gefährlich

werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurückgelassenen Arzneien genas

der Patient vollkommen, als er aber später hörte, dass es mit meiner

Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog

er doch wieder in den Wald, um seine Böte rüsten zu lassen. Trotz

einer Erkältung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen

und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt,

dass er nach drei Tagen starb.

Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in

der Illusion, dass ich den Häuptling gerettet hatte, und zu meiner

angenehmen Überraschung erklärten sich diesmal sechs Mann ohne

Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurückzubringen. An Napo Liu

liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei _Ledju

Li_ als bei _Temenggung Itjot_ musste ich viele Kranke behandeln;

da der Mahakam überdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend,

bevor wir unterhalb der Niederlassung von _Tekwan_ ankamen. Hier

herrschte _lali parei_ (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen

wir nicht im Dorfe übernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als

Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in

welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter

demselben neben einander schlafen legten. Glücklicher Weise regnete

es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf

mit der Strömung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich

nur mit grosser Anstrengung überwinden, da der Mahakam nachts leider

wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gänzlich

neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben _Bier_ mit seiner

Gesellschaft, der nicht länger auf einen günstigen Wasserstand hatte

warten wollen und nun, so gilt es eben ging, für seine Peilungen

passende Standorte zu finden suchte. Er erzählte, dass uns einige

Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tepai mitgebracht hatten,

die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach.

Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr

enttäuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz

gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten,

so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an

eine Abreise zu denken war.

Anfang März beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis

dahin frei in Bambuskörben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die

Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Böte mit neuen Rändern

versehen und die alten mit Rotang festbinden.

Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte

und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte

abzuwarten. Durch das späte Säen, den Bau des Häuptlingshauses und

vieler kleinerer Häuser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis

nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den

Kajan erst Anfang März abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen,

dass man sich auf die Vogelschau begeben würde, stattdessen erzählten

mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch für die Seitenwände

des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran

gewöhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben

keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen

Verzögerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig,

nur beruhte die Verzögerung nicht auf der Herstellung von Schindeln.

Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei

den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als möglich zu ziehen

suchten.

Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long

Tepai verbracht und somit genügend Zeit gehabt, um die Bevölkerung

kennen zu lernen; er selbst war übrigens derselben Meinung. Da _Bier_

sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen

hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von

deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz überzeugt waren. In

dieser Überlegung schlug ich _Barth_ vor, bei günstigem Wasserstand

bis Long Deho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von

dort derart, dass ein längerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder

eines Teiles derselben dort sehr wünschenwert war. Der Häuptling von

Long Deho, _Bang Jok_, war von unterhalb der Wasserfälle gebürtig

und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in

seiner früheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen

des Sultans nicht mehr sicher fühlte, ober halb der Gastlichen

Wasserfälle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit

der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annäherung seitens des

Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron

gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch

den vornehmen Gesandten _Pangéran Temenggung_ an ihn erging, gegen

die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten,

nach. Diese Leute brachten nämlich einen grossen Teil der Guttapercha,

die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito

hinüber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von

10%, den er an der Mahakammündung erhebt, schädigten. _Bang Jok_

war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden

aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften

durch seine Untergebenen berauben und töten. Auf diese Weise hatte

er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verübten

Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe,

einer Begegnung mit uns Niederländern ungern entgegen.

Da wir wussten, dass _Bang Jok_ alle diese Morde auf des Sultans Rat

ausgeführt hatte, und wir übrigens auch nicht das Recht hatten, gegen

in früheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir,

auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei

jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen

ansah, benützte _Bang Joks_ Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um

zu verhindern, dass auch dieser Häuptling auf unsere Seite trat. Ein

gewisser _Hadji Udjon_ hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter

des Sultans bei _Bang Jok_ auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor

unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm

allerhand schöne Versprechungen machte. Diese Umstände liessen uns

lange Zeit über den Empfang, der uns in Long Deho zu Teil werden würde,

in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long

Tepai, naher Verwandter derer von Long Deho, hatte uns einigermassen

beruhigt. Ich hielt es daher für notwendig, dass der Kontrolleur ein

starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich über die westlichen

Wasserfälle nach Long Deho wagte, und wäre am liebsten selbst mit

ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf _Kwing Irang_ hätte warten

müssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise

nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepäck

nach der Küste schaffen konnten.

Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich

jedoch noch eine geraume Zeit. _Bier_ hatte seine Aufnahme noch kaum

bis zur Mündung des Merasè ausgeführt, als ihm _Barth_ trotz des

hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die

Möglichkeit zu geben, auch den Pahngè zu messen, der einen wichtigen

Handelsweg nach dem Belatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glückte

denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der

Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass _Bier_

später in gleicher Weise auch den Tepai. So lange aber das Wasser in

Long Tepai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im

Fluss fiel, war an ein Überschreiten der Wasserfälle nicht zu denken.

Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels

an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige

Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm

gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet,

denn für Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte

beschäftigt waren, keine Unterstützung erhalten und die Ethnographica

hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schöne Stücke,

derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte,

ohne dass vorläufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese

Käufe bis zu meiner Rückkehr von der Reise zur Küste.

Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser günstigen

Jahreszeit kamen nur selten Malariafälle vor und die chronischen

Krankheiten hatte ich so weit als möglich geheilt oder den Patienten

die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben.

Überdies sah es in unserer Wohnung ungemütlich aus, denn die vielen

Ethnographica und Vögel waren, sobald man Kisten für sie hergestellt

hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstände liessen uns den langsamen

Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer

empfinden.

Nachdem der Häuptling Anfang März das _lali parei_ noch in seiner

kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch

nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei

Tage _melo_ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (_bet

lali_) für das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den

Festlichkeiten, die uns für einige Tage Abwechselung boten. Leider

folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttägiges _melo_ und dann

erst begann man das grosse Häuptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst

mussten aber noch Ränder (_apin_) im Walde gesucht werden, was keine

Kleinigkeit war, da die Länge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m

betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft

aufrafften, über Erwarten schnell ausgeführt und in einem Tage waren

auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich,

dass viele Leute ihren Reis für die Fahrt zubereitet hatten, aber da

seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen

kaum noch einen Wert. Selbst die Erklärung eines Mantri, dass ich es

hoch anschlagen müsse, dass _Kwing Irang_ doch mit mir ging, obgleich

sich ein Bahauhäuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses

auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben dürfte,

verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich.

Selbst am 10. März beanspruchte _Kwing_ noch meine Hilfe, weil er

selbst keine genügende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um

in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus

zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner

Nützlichkeit hierfür in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren

ungefähr 1 dm dick und 5-7 dm breit bei einer Länge von ungefähr

10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und

zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett

zu liefern.

Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch über den Erdboden,

zu heben, waren mehr Männer als die sechs oder acht, die ständig am

Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern

beschäftigt waren, bat mich _Kwing Irang_, noch einmal die Leitung

einer Versammlung übernehmen zu wollen, in der den Familienhäuptern

nochmals eingeschärft werden sollte, dass sie ihrem Häuptling und

mir gegenüber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten.

A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter

an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien

die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer

eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefähr die Hälfte

der 13 × 28 m grossen Oberfläche ungedeckt blieb. Hierfür gebrauchte

jedoch _Kwing_ die noch nicht benützten Bretter der Mittelwand, die

man vorläufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst

nach der Rückkehr von der Küste vollenden wollte.

Unter diesen Beschäftigungen trat der z B. März ein, bis _Sorong_

mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der

meisten Kajan geschah dies viel zu früh, aber _Kwing Irang_ tat alles,

was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die _adat_ und

seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten

bis zum 28sten durfte nämlich nichts Besonderes ausgeführt werden,

da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, "schlechter Mond"

(_bulan dja-ak_) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine

Häuser und Böte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass

_Sorong_ sich so früh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am

30. März kam er mit der traurigen Nachricht zurück, dass _Obet Dewong_

nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen

derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert

und es müssen später wieder neue gesucht werden.

Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long 'Kup die Nachricht,

dass _Paren_, der kleine Sohn, den _Kwing_ dort von seiner jüngsten

Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater

erwarte. Mit dem Versprechen bald zurückzukehren begab sich _Kwing_

noch am selben Nachmittag nach Long 'Kup.

Als _Kwing_ in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging _Sorong_

in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche.

Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte

reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April

selbst nach Long 'Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich

helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt,

_Kwings_ Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war

im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich,

dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (_enah abei_)

gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit

Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von

dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch

etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur,

um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch

war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette

Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.

Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu

meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das

die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und

gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können

und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht

über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet

worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber

für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle

vor Vergiftung gefürchtet hätten.

Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet

war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch

liess _Kwing Irang_ den _Sorong_, der bereits einen günstigen Vogel

gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall _lali_

war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die

Leiche in einer Felsenhöhle (_liang_) beizusetzen und ihr nicht erst,

wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange

gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall

wieder zwei Tage.

Darauf begannen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_ wirklich eifrig an

ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel;

zugleich wurde _Sorong_ wiederum auf die Vogelschau geschickt, die

ihn allmählich zu langweilen begann. _Sorong_ war nämlich ein in der

Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich

er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert

beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung.

Am 10. April langte _Akam Igau_ mit den Seinen unerwartet bei uns

an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang

verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle

und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert

hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tepai

zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf

die Vogelschau ausgegangen war.

Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und

_Bier_ bereits nach Long Deho gereist waren, aber dass sich _Bang Jok_

einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine

Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien

mir _Bang Joks_ Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu

sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling

vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht

vor Kutei dabei vergass. _Bang Joks_ wurde auch sogleich von dem

Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt,

wo wir ihn später trafen.

Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie

daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um

unsere Briefe mitzunehmen. Da _Kwing_ in seinem neuen Hause noch

keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am

anderen Tag kam _Sorong_ endlich melden, dass die wichtigsten Vögel

ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem

Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen

sollten, ein _melo njaho_ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man

mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete

es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber

da _Kwing Irang_ die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei

Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis,

Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon

gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit

grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich

in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen

sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre

Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte

man mir im Namen von _Kwing Irang_ mit, dass von einer Abreise keine

Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu

der _hisit_, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins

Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst

ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem _melo njaho_ von vier

Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit

war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der _adat_

keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten

Neumond (_bulan pusit_) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu

viel zumuten und ich erklärte _Kwing_, dass ich mich von _Akam Igau_,

der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tepai werde

bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat

weiter nach Long Deho zu gehen.

_Kwing_ zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte

er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine

eigenen Leute mich nach Long Tepai bringen würden, unter Anführung

des alten, halb blinden Priesters _Bo Jok_, der die Long-Glat über

den Stand der Dinge aufklären sollte.

_Kwings_ Vorschlag passte mir um so besser, als _Akam Igau_ sich

nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich

am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft

mit Salz versorgt hatten.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 58 / 66 题