Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier
Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und
Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der
Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen
Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am
Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und
den Kenja.
Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als
Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens
bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen
Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt,
der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist.
Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen
Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau
charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird,
bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die
Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an
gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den
Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer
neuen Lebensperiode bedeutet.
Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre
alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen
kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die
Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden
Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine
Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken
verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite
der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder
gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren.
Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um
nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des
Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den
vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse
_Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen
zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig
Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich
Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser
Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe,
erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der
Prozess des Tätowierens verursacht.
Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen
geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit
den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die
im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein
Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche
Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika
der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.
In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens
und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen
unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung
in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.