KAPITEL XIX.

Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier

Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und

Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der

Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen

Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am

Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und

den Kenja.

Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als

Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens

bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen

Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt,

der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist.

Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen

Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau

charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird,

bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die

Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an

gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den

Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer

neuen Lebensperiode bedeutet.

Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre

alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen

kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die

Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden

Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine

Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken

verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite

der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder

gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren.

Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um

nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des

Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den

vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse

_Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen

zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig

Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich

Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser

Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe,

erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der

Prozess des Tätowierens verursacht.

Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen

geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit

den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die

im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein

Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche

Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika

der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.

In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens

und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen

unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung

in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 60 / 66 题