Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu und
Lullt Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und
Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten
auf einem Baumgipfel--Rückhehr nach Lulu Sirang--Symbolische
Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem
Blu-u--Besuch hei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung
des Liang Baring--Bei den I'nihing am Paketè--Begräbnisstätte
der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar
Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus--Besuch von _Hinan
Lirung_.
Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei
den Ma-Suling am Merasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren
wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns
Europäern, dem Chinesen _Mi-Au-Tong_ und unseren Malaien nur noch zwei
Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die
beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise
öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen
eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und
zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als
ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich
fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: "weiterrudern",
worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann,
_Owat_, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte,
war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann
mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann
nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf
holte uns das zweite Boot ein, in dem sich _Kwing Irang_ mit seinem
Sohne _Bang_, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in
nächster Nähe vor uns den Ruf des _hisit_ auf ihrer rechten Seite;
der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Der _adat_
gemäss musste _Kwing Irang_ landen und eine Zigarette rauchen.
Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort
zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre
Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten
weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt,
sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern
die Bekanntschaft zu erneuern und _Barth_ den Häuptlingen
vorzustellen. Leider befand sich der Häuptling _Paren_ mit seiner
Frau in Long Tepai und wir wurden nur von seinem Bruder _Bang_ in
der Galerie empfangen. Zwischen ihm und _Kwing Irang_ auf dem Boden
sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich
über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über
die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der
an der anderen Seite _Kwings_ sass, schien den ängstlichen _Bang_
einzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um
die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige
Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an
der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es _Kwing Irang_
fürangebracht, mich zu seinem Schwiegervater _Bo Djo_ zu führen, der
Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich
hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er
wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er
äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner
Tochter _Uniang Anja_ und deren Söhnchen _Hang_ und wollte wissen,
warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen,
dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen
dürfen. _Kwing Irang_, den Kranke unangenehm berührten, entfernte
sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich
dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich
zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung
befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich
die hohe, mit Perlen verzierte Mütze von _Bo Djos_ Tochter, die dem
Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den
hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und
so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige
Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten,
ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich
verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter
Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo man
alles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und _Barth_
noch immer in eine Unterhaltung mit _Bang_ vertieft sass.
Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe,
dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der
Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen
Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien
auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der
Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen
wiederzukommen, zum Merasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit,
über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten
nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des
hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst
nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling,
in der _Bo Li_ gestorben war. Auf _Kwings_ Rat landeten wir nicht
bei des Häuptlings Hause, da _Ledju Lis_ Familie noch Halbtrauer
trug, sondern bei _Temenggung Itjot_, der uns schon erwartet zu haben
schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor
der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns
und forderten uns auf, ihnen nach _Itjots_ Galerie zu folgen, wo wir
eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich
kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch
neue Buschproduktensucher vom Belatung, die bei den Ma-Suling Reis
einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten,
waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen,
da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen
durfte. Neben _Itjots_ Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner
augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun
unseren Einzug.
Während unseres Besuches bei _Ledju_ erzählte er uns, dass die
neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen,
weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten
hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber
_Kwing Irang_ erklärte _Ero_, der Wittwe von _Bo Li_, dass wir keine
Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit
einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer;
die Frauen trugen im Hause eine hellbraune _ta-a_, die nur bis an
die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen
Lendentuch bekleidet.
Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach _Kwing Irangs_ Sinn; den
ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe
gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten
gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach
der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtige _Kwing_ war
den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig;
die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als
der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf
eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich
hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn _Kwing_ gewann 4 Mal
nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen
wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des Häuptlings _Bo Lea_
aus Long Tepai zum Vorwand, um länger zu bleiben.
Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich
die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu
benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne
Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung
für ein Kindertragbrett (_tap beneng_) und eine Jacke mit einem aus
bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern,
die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner
Rückkehr von oben Bedenkzeit.
Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt
zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von _Paren_,
dem Pnihinghäuptling am Tjehan, ein sehr schönes Boot gekauft, in
diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte
hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter
_Itjots_ Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die
die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber
bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen
Niederlassung weiter oben am Merasè schöne Böte zu haben sein, daher
beschloss ich, mich dorthin zu begeben.
Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der
vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wir
_Kwing Irang_ bei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten
und einigen Kajan den Merasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser
benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und
nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich
schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein,
das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter
aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf
der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden
Aufenthaltes am Merasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses
ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte uns _Demmeni_
auf das Grabmal des früheren Häuptlings _Bo Long_ aufmerksam, das er
auf der vorigen Reise photographiert hatte.
Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte
verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam
seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen
einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der
Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den
hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden
zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die
sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher
zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr
unbequem, aber _Demmeni_ und _Barth_ drangen doch so weit vor, dass
sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten,
in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später,
dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling
sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen
wagten. Auf ihre Bitte musste _Belarè_ später mit seinen Pnihing das
gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte
der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte.
Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns
stark gelüstete, nicht anrühren, da _Ledju Li_ sie wegen des Todes
seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, für _buling_
oder _lali_ erklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer
sehr ebenen Fläche längs des Merasè die Niederlassung Lulu Sirang
hervortreten, in der die beiden Brüder _Obet Dewong_ und _Bo Ngow_
als Häuptlinge herrschten.
Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen,
was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir
in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier
noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie _Obet Dewongs_
bot uns einen guten Wohnraum.
Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich
mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die
Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors,
dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten;
einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit
etwas Zuckerrohrsaft beibringen.
Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe,
der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung
versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort
aus mit _Bier_ über die Aufnahme des Merasè zu beraten. Ein steiler,
halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem
nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine
Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.
Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Merasè
wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein
besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr
geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das
dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den
Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen
des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten,
welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von _alang-alang_ und
Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten,
bemerkten wir nichts.
Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte,
bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten
anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge,
in dem der Serata, Merasè, Tepai und Nijan ihren Ursprung nehmen, mit
seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die
mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und
heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von
den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und
Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige
Rücken auslaufen, nicht weit entfernt.
Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt,
so dass sich dieser Hügel für _Bier_ als Beobachtungspunkt, von dem
er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte,
ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im
Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung
machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge
am oberen Merasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu
besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang
entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der
Bahau und Kenja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der
Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lekudjang und Batu
Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch
als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet
von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht,
_Belarè_ zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf
eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht
rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen
Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen
besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen
Serata, Tepai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten
nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie
beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt
wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten,
erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit,
wo sie im Tal des Merasè Guttapercha suchten, verheiratet waren,
etwas Näheres über das Gebiet am oberen Merasè, in dem sie an äusserst
steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung
von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.
Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte,
aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Merasè,
den _Ledju Li_ wegen des Todes seines Vaters für _buling_ oder _lali_
erklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen
Aussichtspunkt zu erreichen.
Am folgenden Tag traf _Kwing Irang_ mit den Seinen bei uns ein und
versprach, mit _Ledju_, sobald dieser nach Lulu Sirang kommen würde,
über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auch _Obet
Dewong_ bereit, uns zu begleiten, und _Kwing Irang_ wollte uns für
den Zug seinen besten Ratgeber _Sorong_ und acht Kajan zur Verfügung
stellen.
Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser
Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen,
die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und
mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten
dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall
war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die
Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren
später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch
nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mir _Kwing Irang_
bereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt
und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher
als Hochfläche gedacht.
Während wir in den folgenden Tagen auf _Ledju_ warteten, nahm _Bier_
die Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des
langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte
ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen.
Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe
als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem
Gegenstand, den sie sich wünschten. _Bo Ngow_ hatte glücklicher Weise
weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an
meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser
Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise
wieder aufgehoben.
Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute
Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich
nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche
schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am
Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (_taring
tanah)_, wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der
Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie,
auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen
hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben,
die noch vorhanden waren.
Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen
Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr
grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der
sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle
nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von _Kwing Irang_ und
_Sorong_ besichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4-5
Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aber dafür tiefer als
das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so
kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den
gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für
ein ähnliches Boot bezahlt.
Inzwischen zeigte es sich, dass _Ledju_ sich mit seiner Ankunft bei
uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen
des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht
gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht
gross war _Kwing_, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne
fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier
oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er _Kwing_
begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich
ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf
mich warten sollte. _Sorong_ und die Seinen blieben zurück, um uns
unter _Obet Dewongs_ Führung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug
wurde unter _Kwing Irangs_ Verantwortung unternommen, der meinte,
dass ihm, da _Ledju_ nicht gekommen war, um das _lali_ des Tasan
aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen
eine Busse an _Ledju_ den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des
hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu
denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den
Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer
Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung
in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor
meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica
herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf
die Versicherung, dass der Merasè schnell fallen würde, verliess.
Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte _Obet
Dewong_ am anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre
Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um
9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren
Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung
prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine
Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten
aussahen.
Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur
noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, der in
einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des
Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des
Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis
zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.
Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von
Norden her in den Merasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des
Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren
wir unter dem Rotang hindurch, den _Ledju Li_ als Verbotszeichen quer
über den Fluss hatte spannen lassen.
Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen,
denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle,
wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte
sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch
mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd
und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt,
bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.
Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei
senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren
und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.
In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis
zu dieser _lobang belare_ (Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren;
erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren
wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber.
An dem kleinen Fluss Terè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die
Böte in den Uferwald, während _Sorong_ mit den Seinen den gleichmässig
ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen
zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit _Obet Dewong_. Der schwere und
bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht
steil und sehr breit war; da _Obet_ in jungen Jahren ein bekannter
Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben.
Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m,
den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen,
hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser
finden würden.
_Sorong_ hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen
Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt
worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen
Gipfel auszukundschaften.
Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald
ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch
die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum
möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so
manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse
gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu
sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten
unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war
alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links
sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten
ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber
bevor wir ihn besteigen konnten, musste _Obet Dewong_ den Geistern
erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein
mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an
der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte,
und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf
dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass
er, der Häuptling von Lulu Sirang, gekommen war, um Kajan vom oberen
Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres,
welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses
gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten.
Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges
über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und
begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war,
zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig
zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder
der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war,
oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut
werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen
unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone
die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden
ein festes Gerüst (_lasan_) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem
unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns
eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag
schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet,
dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig
ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend,
durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück,
in dem _Midan_ uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein
Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und
gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.
Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in
der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als
angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung,
über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf
dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel
unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die
Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste
war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.
Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und
Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten
Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine
konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und
durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo
ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht
aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute
Stücke abschlagen.
Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben
anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter
nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze
Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es
zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche
Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten
wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Merasè zum Vorschein, was
die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem
Quellgebiet des Tepai und Nijan zu, geht das Gebirge in plateauförmige
Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und
Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen
können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen,
oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der
Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unter
_Ledju Aja_ verteidigt hatte.
Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor
und selbst _Obet Dewong_ der sehr wohl wusste, wie viel uns daran
gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel
des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt,
ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung
hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat,
das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass
_Obets Dewongs_ Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns
zufrieden zu stellen. Das 1800-2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns
das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu
Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je
vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lesong trat gut hervor,
ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während
nach Osten der Batu Ajo, Nijan u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es
gelang _Bier_, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend
zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen
konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses
vom Situn bis Lulu Sirang noch gemessen werden konnte. Ich war mit
den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch
noch die Geröllbänke des oberen Merasè und Tasan untersucht, kam
aber dennoch mit _Obet Dewong_, den die Exkursion sehr angegriffen
hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen
früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern,
Früchten, _taring tanah_ und anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien
oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber
zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch
vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde.
Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Merasè fortsetzen zu können,
machte sich _Bier_ am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte
noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen,
Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen
zu lassen.
Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags
abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sich _Obet Dewong_ nach einer
gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine
Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte,
nachdem sie mit Brettern (_rambing_) versehen worden waren, nach dem
Blu-u zu senden.
Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen
fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war
hauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke
entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die
Strömung brachte uns bald nach unten und in 3 1/2 Stunden kamen wir
in Napo Liu an.
_Ledju Li_ hatte ich für die Verletzung des _lali_ auf dem Tasan
eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter _Kwing
Irangs_ Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete
mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett
(_tap beneng_) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast
der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück
die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin
liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der
Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein
Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich
von unserem Besuch in Merasè sehr befriedigt war.
Wir sehnten uns alle nach Hause zurück und nahmen daher am 13. Tage
nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten
wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gäste des
Häuptlings, der inzwischen zurückgekehrt war, verbringen sollten. Den
Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schöne Schwerter, hölzerne
Tätowiermodelle (_klinge tedak_) und Perlenmützen einzukaufen, deren
Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein früheres Angebot
zu überlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert
das Einkaufen von Ethnographica für den Umgang mit den Eingeborenen
besitzt. Der Häuptling und seine Frau waren uns nämlich sehr freundlich
entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein
Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wären, uns
irgend welche Gegenstände zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf
teuer zu stehen kommen würde, erhielt aber von dem Häuptling für 25
fl. einen Korb (_ingan dawan_) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von
Gegenständen, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte,
und von seiner Frau für 15 fl. einen hübsch gestickten Rock. Der Bruder
_Bang_ verkaufte mir ein Schwert mit schöner Einlegearbeit. So waren
auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt.
Ein glücklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine
Heiratserklärung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem
Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hause
und der Wohnung der Auserkorenen vollständig füllte Das Holz war
als Brennholz von ungefähr 70 cm Länge gehackt und zwischen zwei
Stützbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz
waren 5 Stücke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten,
hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann
sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem
Beil (_ase)_, als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke
(_bekong_), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie
es beim Bau der Böte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern
(_uwit_), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, für
Reis (_honen_) und Zuspeisen (_udjo_) sorgen zu wollen. Neben dem
Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es
glückte _Demmeni_, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und
einiges über die Hochzeitsgebräuche bei den Mahakamstämmen zu erfahren.
Die Gebräuche sind bei den verschiedenen Stämmen und auch, je nachdem
es sich um Häuptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im
allgemeinen wird eine Heirat zwischen Häuptlingen auf die gleiche
Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne
Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen für ebenso fest als bei
den anderen. Die Häuptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel
nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fügen zu den
üblichen Symbolen einer Heiratserklärung auch noch schöne Geschenke
für die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern
ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell,
das über dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet.
Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mädchen in
den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in
das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich
mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann
zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise
die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm
geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den
Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte
Reiskörner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der
Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit "_bekesow_"
bezeichnet und leitet nur eine vorläufige Ehe ein, während welcher
das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfen ist, die erst
beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (_bet lali_ oder _bet pawe_)
werden. Einer der ältesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu
sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen
verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat
vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermählten auf ihre künftigen
Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn,
um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister
zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist,
verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen.
Die Jungverheirateten dürfen drei Tage lang die _amin_ nicht verlassen
und nur Reis, der in einem Bambusgefäss gekocht worden ist, essen. Das
Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mit _tuba_ gefangene Fische
sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide
in ihren schönsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der
bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrüpp aus, während
die Frau mit einer besonderen Schaufel (_uing_) etwas jätet. Gehören
sowohl Mann als Frau einer Häuptlingsfamilie an, so müssen sie den
Weg zum Flusse 2 × 8 Mal zurücklegen und stets wieder die gleiche
symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgültig
geschlossen.
Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen
nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind,
an ihre Familie zurück; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein
Geschenk (_tendjai)_. Für Häuptlinge besteht das _tendjai_ in Gongen,
Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden,
falls der Häuptling standesgemäss heiratet. Die Geschenke der Freien
dürfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind
bei einer Heirat nicht gebräuchlich.
Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man
einander eine _utök_, d.i. eine vollständige Kleiderausstattung;
die Geschiedenen dürfen dann sogleich wieder eine neue Ehe
schliessen. Solange die _utök_ noch nicht gegeben ist, wird eine neue
Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren
Busse (_kebehow)_, welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss,
bestraft. Trennen sich Eheleute ohne _utök_, so dürfen sie sich nicht
wieder verheiraten.
Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuell auch
einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse
ausbezahlen. Das gleiche gilt auch für Sklaven.
Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde
Reisen unternimmt.
Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch
Missernten und andere Unglücksfälle an dem ganzen Stamme gerächt,
daher sucht man dessen schlimme Folgen von den übrigen Stammesgliedern
abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hühnern, 2 × 8 Eiern
und all ihrem Hab und Gut auf eine Geröllbank im Flusse ausgesetzt,
um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (= _bet
dawi_). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen
mit dem Blut der Schweine und Hühner, um es unschädlich zu machen.
Die Ehebrecher selbst lässt man mit 2 × 8 Eiern auf einem Floss von
der Strömung abwärts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser
springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies früher nicht
gestattet, wenigstens "erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen
Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen.
Derartige Fälle kommen selten vor oder werden wenigstens selten
behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen
haben.
Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im
ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gänzlich
unerwachsenen Mädchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus
der künftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mädchen später der auserkorene
Bräutigam nicht gefällt, was häufig geschieht, setzt sie bei ihrer
Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewählten Manne
durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass
sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg
davontragen. Ich erlebte zwei derartige Fälle bei den Mahakam Kajan,
bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven überdies viel grösser
ist als bei anderen Stämmen.
Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten
noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen Häuptling _Ding Ngow_
so schüchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen
wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage
bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man
im langen Hause der Ma-Tuwan _lali nugal_ feierte; die Bewohner
der anderen Häuser begaben sich morgens sehr früh aufs Reisfeld und
kehrten erst abends wieder zurück. Wir hatten somit wenig Gelegenheit,
die Bevölkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen.
Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke
um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu
bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus
gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grösstenteils verbraucht
und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir
daher nichts übrig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u,
der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele
von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drückendsten
Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch.
Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei
fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung
am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere
Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Häuptling in seiner
Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir
in unser Haus zurück und sassen dann abends wieder sehr befriedigt
unter unserem festen, ruhigen Dache.
Unser stilles Leben dauerte nicht lange, denn _Kwing Irang_ äusserte
den Wunsch, uns nun auch baldmöglichst in den verschiedenen
Pnihingniederlassungen einzuführen. Er hielt es nämlich für
wünschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm näher
kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch
unser Fortbleiben zurückgesetzt fühlten. Für später hatte _Kwing_
allerhand grosse Pläne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er
den Besuch so schnell als möglich ins Werk setzen. Unsere Europäer
und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen, _Doris_
und die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unstätes
Leben für ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war,
wie wir während unseres Zuges nach dem Merasè erfahren hatten. Wir
hatten nun ein Boot weniger nötig, was den Kajan durchaus nicht gefiel,
da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Merasè gezogen waren,
gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise
viel Geld zu verdienen.
Als wir uns mit unserem Gepäck am 10. Dez. in 4 Böte verteilen
wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan
eingefunden hatten. Der Häuptling hatte sie augenscheinlich zum
Zurückbleiben nicht überreden können oder wollen, und so musste ich
bei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei
Männer zwingen, ihre Tragkörbe, Speere und Schilde aus den Böten zu
holen, die für so viele Leute nicht genügend Platz boten. _Kwing_
gab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur
die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand
sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwärts. Für den
Häuptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergnügungsreise, denn seit
meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Häuptlings in Long
'Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung,
in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei
sich aufnehmen konnte. Seine älteste Frau _Hiang_ gestattete ihm nur
selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen
erwünschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long 'Kup zu
übernachten und zwar in der Galerie von _Kwings_ Schwiegervater.
Die Häuptlingsfrauen zeigten sich für die schönen Perlen und Stoffe,
die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfänglich; die Männer dagegen
hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen über Geschenke und wollten
keine hübschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen.
Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit
vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider
blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier
gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten. _Kwing
Irang_ konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere
Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns
Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern
unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der
Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen.
Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der
Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und
aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die
blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich,
halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr
Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz
zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und
stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine
Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen
den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen
Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig
verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder
Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer
kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer
amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der
Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde
unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang,
die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug,
Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges
von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit
meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten
und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing
nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen
-Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war,
eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer
noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten
sie in der Pnihingniederlassung am Tjehan zu haben sein.
An der Mündung des Tjehan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen
schöne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung,
von diesem Berge aus eine gute Übersicht über diesen Teil des oberen
Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mündung- gelegenen
Pnihinghause zu übernachten. Morgens früh brachen wir von Long 'Kup
auf und erreichten zuerst _Belarès_ Niederlassung, an der wir nicht
Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern
wohnten und der Häuptling sich mit einigen Männern auf der Jagd am
oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog _Belarè_, sobald er
die Zeit dazu fand, für viele Wochen in den Wald und lebte dort fast
gänzlich von dem, was der Wald ihm lieferte.
Um 12 Uhr legten unsere Böte bei der Niederlassung am Tjehan an. Die
Hausbewohner erklärten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und,
da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte
ich _Maring Kwai_, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit
meinem Pflanzensucher _Djahéri_ einen Gipfel des Liang Karing bestiegen
hatte, und _Suka_, der für dergleichen Exkursionen am geeignetsten war,
aus, um einen Weg zu suchen, der auch für _Bier_ und mich brauchbar
war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer
guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht,
dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen
könne. _Suka_ hatte _Maring_ nur mit grosser Anstrengung auf dem
früheren Pfade nach oben folgen können, aber sie hatten vom Gipfel
aus für den Abstieg einen besseren Weg gefunden.
Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit _Bier_ und den
Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten über den Fluss und standen
bald darauf vor den senkrechten Kalkwänden des Liang Karing. Auf der
rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Höhlen, in denen
die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht für ratsam,
die Leute am Tjehan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug,
um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein.
Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich
von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies
bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glückte,
Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorläufig
nicht bestimmt werden. Weiter aufwärts gelangten wir an die Stelle,
von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswände waren hier
zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten
gänzlich mit abgestürzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblöcken
angefüllt war, machte einen Aufstieg möglich. Mit Händen und Füssen
kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprünge
und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten
die Stelle, an der sich die Wände in einem Bogen dem Gipfel zuneigten.
Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere
nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Füsse der
Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb
der Wände war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des
Gestrüppes, das hier wuchs, vorwärts kamen. In noch höherem Masse als
der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf;
in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Höhlen der
Kalkfelsen hatten nämlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht
ihrer Blätter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet
hatte. Auf den langen, spitzen Blättern der Begonien wechselten
Gold und Silber mit prächtigem Rot, Braun und Violett, während die
marmorierten Blätter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes
Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte,
was um so erwünschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten
Pflanzen während des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen
waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur
spärlich mit Gestrüpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den
Regen stark zerklüftet und erodiert war. _Bier_ machte sich sogleich
an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, höhere Berge die
Aussicht beeinträchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan
im Norden, den Batu Lesong im Süden und viele andere Punkte in der
Umgebung ausgeführten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion
wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurück, wo
_Barth_ und _Demmeni_ die Zeit in Gesellschaft vor. _Kwing Irang_,
dessen ältestem Sohn und dem freundlichen Häuptling _Bo Anjè_
und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck
dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn,
Eiern und Früchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem
Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen,
ich dagegen wollte lieber so früh als möglich weiter reisen. Die
Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grösse des
einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um 1/2 3
Uhr bei der mir von früher her bekannten Niederlassung der Pmhing am
Pakatè, einem kleinen Nebenfluss des Tjehan, an. _Demmeni_ hatte auf
der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen können,
eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblöcke
gebildet wird.
Wie die anderen grossen Niederlassungen der Pnihing steht auch die
am Pakatè unter mehreren Häuptlingen, von denen jeder über seiner
Wohnung ein erhöhtes Dach und vor ihr eine verbreiterte Galerie
besitzt, so dass das Dach der Pnihing nicht wie dasjenige anderer
Bahauhäuser eine nur einmal, sondern eine mehrfach unterbrochene Linie
aufweist. Einer dieser Häuptlinge ist stets der angesehenste, hier war
es _Paren_. Wir Europäer hielten in seiner Galerie Einzug, während die
Malaien beim Häuptling _Bang_ einquartiert wurden. Da sich beinahe alle
Hausbewohner auf den Reisfeldern aufhielten, hatten wir Zeit, zuerst
an unsere eigenen Angelegenheiten zu denken, unter denen der Einkauf
von grossen Böten und Ethnographica die wichtigsten bildeten. Das
grosse Boot des Häuptlings _Paren_, das bei meinem früheren Besuch
noch im Walde lag, erwies sich als lang, aber als viel zu schmal,
um stark beladen werden zu können; daher kam ich mit _Kwing Irang_
überein, anstatt dieses einen Bootes zwei kleinere zu suchen. Es
glückte ihm auch, zwei passende Böte zu finden, die ich abends nach
der Rückkehr des Besitzers von der Feldarbeit für Zeug und Geld erwarb.
Ich hatte die Leute bereits das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht,
dass ich gern allerhand Gegenstände kaufen wollte, nun schienen
sie sich über die Dinge, die sie missen konnten, inzwischen klar
geworden zu sein; denn anderen Tages kamen sie mit hübschen Röcken,
Schwanzfedern des Rhinozerosvogels und auch mit Reis und Früchten an,
so dass ich meine Tauschartikel stark angreifen musste. Zum grossen
Erstaunen ihrer Besitzer kaufte ich auch einige eigenartig geschnitzte
Türschwellen. Die Nachfrage nach Chinin und Jodkali war auffallend
gross; letzteres war besonders nötig, da die Pnihing an Kröpfen
leiden. Es tat mir leid, dass die Tochter des Häuptlings _Bang_, die
einen kindskopfgrossen Kropf besass, den Gebrauch der Jodkalilösung,
die ich ihr das vorige Mal in drei Weinflaschen übergeben hatte,
nicht fortgesetzt hatte. Da ein langdauernder Gebrauch von Jodkali
den Umfang kleinerer oder grösserer Kröpfe stark vermindert, hätte
es mich interessiert zu beobachten, ob auch bei dieser bedeutenden
Hypertrophie eine Wirkung eingetreten wäre. Die Familie hatte ihrem
Gedächtnis in bezug auf meine Vorschrift nicht vertraut und das Mittel
daher nicht weiter gebraucht. Dass man an der Arznei nicht zweifelte,
bewies der grosse Zulauf der Leute mit gut gereinigten Weinflaschen,
welche ich mit der Lösung füllen sollte. Da es heftig regnete und
die Wolken so niedrig hingen, dass an ein Ausgehen, um von irgend
einem Punkte eine Übersicht zu erhalten, nicht zu denken war, konnte
ich alle Wünsche meiner Patienten, die zum grössten heil weiblichen
Geschlechtes waren, erfüllen.
Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben
dem Hause gelegenen 100 m hohen Hügelrücken, auf dem die Pnihing den
Wald für die Anlage eines Reisfeldes gefällt hatten. Der Hügel bot
uns einen schönen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der
über halb verfaulte Baumstämme und Äste und zwischen nassem Gestrüpp
hindurch führte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel
angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich genügend
verteilten, um uns eine beschränkte Aussicht auf den Batu Lesong und
das Gebirge am Ulu Serata zu gewähren. In der Nähe war kein höherer
Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewähren konnte,
daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukürzen. _Bier_
sollte am folgenden Tage den Tjehan so weit als möglich hinauffahren
und den Fluss dann bis zu seiner Mündung messen. Wir wurden aber noch
einen Tag lang durch allerhand Geschäfte aufgehalten, hauptsächlich
auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher
gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hügelrücken bot ebenfalls
eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der
Farren. Einige besassen höchst seltsame Blätter, z.B. grasförmige, oder
vollständig viereckige, oder in Form von Eichenblättern; die meisten
zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die
Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Körbe gepflanzt, die ich
zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie füllten nicht weniger als 7
grosse Körbe; ausserdem hatte _Amja_, der sich hauptsächlich mit dem
Herbarium beschäftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse
Menge getrocknet.
Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gänzlich
den Hausbewohnern, indem ich bereits früh morgens mit einer
allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen
früher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige
Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und
diese Zierrate an den Händen der stets arbeitenden Frauen sich als
sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem
Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der
ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da
hier viele Frauen und Töchter von Häuptlingen anwesend waren, denen
ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer
Würde die nötige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur
einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu wählen. Dieses Vorrecht,
schien in der Tat viel Anerkennung zu finden.
Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hübsches Mädchen,
das, wie ich erfuhr, die Tochter des Häuptlings _Bang_ war. Vor Sorge
um ihren Mann, den Malaien _Si Hebar_, der vor langer Zeit mit dem
Versprechen bald zurückzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort
Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hören lassen,
war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren
Gesellschaft zu erscheinen.
Dieser _Si Hebar_ war einst, als er es in den trostlosen Wäldern
am Busang nicht mehr hatte aushalten können, zu den Mahakamstämmen
gezogen, bei denen er allen Mädchen die Köpfe verdrehte. Erst lebte er
eine Zeitlang mit _Lirung_, der Tochter des Häuptlings am Howong. _Amun
Lirung_ und seine energische Gattin waren aber über diese Freundschaft
durchaus nicht entzückt und, da _Lirung_, wie wir uns in Long 'Kup,
wo sie jetzt mit _Tingang Kohi_ verheiratet ist, überzeugen konnten,
kein anziehendes Äusseres besass, war er zu den Pnihing am Pakatè
gezogen. _Bangs_ Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer
Schönheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan
angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her
drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost
gefunden hatte, konnte _Lirung_ aber nicht verwinden. Sie sehnte sich
nach Rache und trug drei Männern der Bukat, die neben der Niederlassung
ihres Vaters wohnten, auf, dem _Si Hebar_ im Walde nachzustellen und
ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas
Ähnliches von der früheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab
sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat
mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurückkehren. Lirung
geriet über das Missglücken ihres Racheplans in Wut und warf den
Bukat vor, dass sie keine Männer seien, dass sie Frauenröcke zu tragen
verdienten und dass sie eine solche Männerarbeit mit besserem Erfolge
ausgeführt hätte. Tief beschämt kehrten die Bukat in den Wald zurück
und schlugen, um _Lirung_ ihre Männlichkeit zu beweisen, zwei Seputan
vom Kaso die Köpfe ab. _Si Hebar_ aber hatte seinen Aufenthalt am
Pakatè auf die Dauer wohl nicht für sicher gehalten und daher sein
Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen.
Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln
der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch
nicht bezwingen und erschien plötzlich in unserem Kreise. Sie hatte
die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand
vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeinträchtigte; da sie in den
letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebüsst hatte,
war sie lange nicht mehr so anziehend wie früher. Für ein hübsches
Stück Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und,
nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen
Ring mit einem besonders grossen Stein.
Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hühnerhandel. Die
Hühner, die die Kajan zum Verkauf für uns zur Verfügung
hatten, erreichten nämlich ihr Ende und, um nicht gleich auf
allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hühner
einzukaufen. Während die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben,
weil sie von den jungen Hähnen eventuelle Kampfhähne erwarteten,
verkauften uns die Pnihing lieber die Hähne, da sie die eierlegenden
Hühner höher schätzten. Die Hähne waren kaum in unserem Besitz, als
die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten,
mit dem Resultat, dass ihrer drei aus _Midans_ Händen gerettet wurden
mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl
überzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen würde,
gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach.
Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens früh
aufbrechen, musste aber die Leute, um die Böte zu Wasser zu lassen
und das Gepäck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nämlich
nach dem Blu-u zurückkehrten, sollte unterwegs noch manches
vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch,
den wir einem Begräbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja
machen wollten. _Kwing Irang_ hatte uns schon auf der vorigen Reise
hierhergeführt, weil er unser Interesse für dergleichen kannte, und
wohl auch, um uns von dem Begräbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun
schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Geröllbank unterhalb
des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen.
Zum Glück waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu
sagen, bahnten _Demmeni_ und ich uns einen Weg durch den Waldesrand
und fanden denn auch den Pfad, der uns über einige Felsblöcke zur
weissen Wand führte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So
m hoch gerade aufstieg und dann ein überhängendes Gewölbe bildete. Im
Walde rührte sich kein Blatt und die senkrecht über uns stehende
Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild
umherliegenden Felsblöcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewölbe
einst abgestürzt waren. Während wir noch darüber in Unsicherheit waren,
welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei
unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf
neun Särge. aus ausgehöhlten Baumstämmen aufmerksam, die zwischen dem
Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen übereinander
gestapelt standen. Die Särge mussten bereits alt sein, denn durch
den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schädel zum Vorschein.
Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu können, einen höher
gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir überblickten nun
den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen
von Särgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und
Kleidungsstücken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck
auf uns machten; dazu fürchteten wir uns, von Pnihing überrascht
zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der
Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres
photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls
unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend.
Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge,
welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden,
standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum,
in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten
für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte,
Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die
Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten.
Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten
Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt
waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige
Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte
an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten
Menschenfiguren..
_Demmeni_ und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete
Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald
ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine
Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund
vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das
Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit
umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre
Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen
verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger,
daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen
wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für
unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich
mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.
Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich _Kwing Irang_, warum
wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären
für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu
töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der
Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen.
Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und
nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und
erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjehanmündung,
um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling
sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen,
gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar
und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele
Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns
abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die
Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte
kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken.
In der Nähe der Mündung trafen wir _Bier_ mit seinen Leuten und
blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren
konnten. Um nicht die Niederlassung von _Belarè_ zu übergehen, sollten
wir auf _Kwing Irangs_ Rat dort anlegen, obwohl _Belarè_ und _Kaharon_
sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.
Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für _Kwing Irang_ und die
Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige
Gelegenheit, um _Belarès_ Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie
das neue Haus _Kwing Irangs_, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt,
entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie
eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite
und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach
und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen
war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau
beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges
Heim für _Kwing Irang_ sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten
mir aber zu lange und, da _Kwing_ ohnehin in Long 'Kup übernachten
wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten
und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica,
Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten.
Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien
_Hadji Umar_ ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. _Umar_
stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als
Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und
oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei
den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung
dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung
gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in
Udju Tepu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch
machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten,
befand sich aber _Umar_, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch
an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten
von Samarinda bitten, uns _Umar_ entgegenzusenden. Dieser hatte
sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht
flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren,
erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron,
dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten
wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der
Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate
alter europäischer Zeitungen, welche die "Societeit" von Samarinda uns
zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt
hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material
zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica.
Von dem grössten Interesse war uns aber _Hadji Umar_ selbst, weil er
die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über
die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten
Auskunft geben konnte.
Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar
nicht nur uns, sondern auch _Kwing Irang_ gegenüber, denn als dieser
wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess
und _Umar_ ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur
von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht
kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung
schenkten sie einander; dabei hatte _Umar_ früher Jahre lang bei
_Kwing_ gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich
beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition
aussprechen. Augenscheinlich hatte _Umar_, als er dem Häuptling
abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er
sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden
Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab
er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der
Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm
der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er
sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer
Expedition anzuschliessen. _Umar_ war mit vier Malaien heraufgekommen,
wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten
Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. _Umar_ zog vorläufig
in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft
Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe
und Gutmütigkeit hatte _Kwing Irang_ bereits seit dem Beginn seiner
Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt,
die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der
Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien
bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung,
namens _Utas_, der mit einer Nichte von _Kwing Irang_, _Lirung_,
verheiratet war. _Utas_ lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils
verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie
z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren
von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und
nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit
abwechselnd bei _Lirung_ am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen
am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen
Kindern lebte.
Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien für längere oder
kürzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen
stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse
Menge Gäste, Händler und Buschproduktensucher, die sich hier nur
vorübergehend aufhalten. Zur Zeit des _Hadji Urar_ war der Zufluss an
Fremden viel grösser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabäume im
Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der
Buschproduktensucher am oberen Mahakam um _Temenggung Itjot_ geschart.
Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mündung des
Bulèng nach, Long Bulèng. Da _Hadji Umar_ seine Familie vorläufig noch
in Long Tepai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurück
mit dem Versprechen, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Aus meinem
Gespräch mit ihm merkte ich, dass die Häuptlinge am Unterlauf gern
etwas Näheres über unsere Pläne hören wollten und dass es hauptsächlich
für _Bang Jok_, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte
ausführen lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns
mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten.
Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen,
wie wünschenswert unsere Gegenwart für sie war. Eine Gesellschaft
Batang-Lupar aus Serawak kam nämlich den Mahakam heruntergefahren mit
der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine
Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer
Reise angeben kann, stets verdächtig, insbesondere in diesem Fall,
da aus Serawak Gerüchte über eine drohende Kopfjagd als Strafe für
einen an fünf Landsleuten am Boh verübten Mord im Umlauf waren. Der
Mord war durch Punan im Auftrage von _Bang Jok_ ausgeführt worden,
der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen
angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel
genommen hatte.
Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht
aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten,
mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich
gebildete Menschen kamen die Untertanen des _Radja Brooke_ zu dem
Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine
Zustimmung zu bitten. Aber _Barth_ verweigerte ihnen diese, weil er in
einem friedlichen, in malaiischer Sprache geführten Gespräche nicht
erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam
eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar
ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwärts.
Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal
von unserer Macht und unserem Einfluss überzeugen können, was um
so erwünschter war, als unsere und der Kajan Pläne zu kollidieren
drohten. Während sie sich von dem grössten Unternehmen, das in einem
Stamme vorkommt, dem Bau der Häuptlingswohnung, vollständig beherrschen
liessen, wollte ich noch den Batu Lesong besteigen und dann so schnell
als möglich flussabwärts fahren, um noch die Verhältnisse bei den
Long-Glat kennen zu lernen.
Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine
Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Männer unserer
Niederlassung, sondern auch _Bang Lawing_, der Häuptling der Kajan
am Ikang, Teil nahmen.
Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut
war, und in der _Midan_ seine Küche eingerichtet hatte und _Doris_ die
Vögel und Säugetiere abhäutete, als Versammlungssaal dienen. Viele,
denen diese Beschäftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten
für das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als für das, was
verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei äussern
und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptsächlich
die alten, angesehenen Männer, welche die Beschlüsse fassten. Da
beim Hausbau hauptsächlich den Priestern, als den Kennern der
Vorzeichen, Gehör geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von
selbst. Übrigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte,
dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was
die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz
der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei
stets neue Leute, die sich für die Angelegenheit interessierten,
zuhören kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die
Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur
einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschränkt, so dass er nicht, wie
wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen
konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch für einen
schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge
handelte, waren die Beschlüsse abends bereits gefasst; nach einigen
Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt,
wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte;
meine Pläne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine
Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als
ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und für unsere
Reise zur Küste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm
in Beschlag nahm, weder Lust noch Verständnis.
Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog,
wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu kränken oder zu reizen,
nicht öffentlich zu beraten. Es handelte sich nämlich um einen
Gast des Stammes, einen Dajak aus Serawak, namens _Banjin_, der den
Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel.
Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Serawak, die sich vor
einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurückgeblieben
und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst
ein Kajanmädchen zu heiraten gestattet. _Banjin_, hatte sofort gemerkt,
welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich
leicht einschüchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht
zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was
er nötig hatte, zu fordern, die Frauen zu belästigen, kurzum, er betrug
sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die
Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja
von Serawak, so das _Kwing Irang_ seinen Leuten riet, noch Geduld mit
dem Subjekt zu üben. Da _Bang Lawing_ vom Ikang augenblicklich anwesend
war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Häuptlingen im
Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frühe
als Arzt nach _Kwing Irangs_ Wohnung begab, um mich nach dem Befinden
einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Häuptlinge,
einige der vornehmsten Alten des Stammes und _Banjin_ versammelt. Ich
hatte _Banjins_ Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte,
erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen,
was sie mit dem Individuum anfangen würden. Ich durfte der Beratung
beiwohnen und setzte mich daher zu den übrigen. Der Schuldige hatte
bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung
aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man
wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu
kommen, und aus _Banjins_ früherer Haltung schloss ich, dass man auch
nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. _Kwing Irang_ wagte kaum
zu erwähnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei
seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich,
obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte.
Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte _Kwing_ nicht
den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen müsse. Daher mischte ich
mich in die Angelegenheit und erklärte dem Manne kurz und bündig, dass
er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit
zu den Pnihing und von dort weiter nach Serawak zu begeben habe. Der
Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte _Kwing Irang_
den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit für ihn finde,
bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der
Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den
Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends führten drei Männer
_Banjin_ in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner
Drohungen wegen sehr vor ihm fürchteten. Die Männer baten mich daher
dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu dürfen,
falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen
hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei
Männer die Nacht über bei _Banjin_ Wacht, der sich übrigens eines
friedlichen Schlummers erfreute.
Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den
lästigen Gesellen los zu werden. Es erschien nämlich die energische
_Hinan Lirung_ vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan
Reisvorrat ihre Ansprüche. Sie war schon früher einmal mit einigen
Männern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach
dem Zug über die Wasserscheide im Walde hatte zurücklassen müssen,
und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen
zurückgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass
sie oben keinen Reis mehr habe.
Die Sorge für ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut,
denn, während ihr Mann _Amun Lirung_ den Ruf eines Schwätzers
besass, fürchtete man sich vor _Hinan Lirung_. Auch _Kwing Irang_
kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es
ihr bereits abends, auf Schuld und für eine kleine Menge schwarzen
Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von
ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von
der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen
Freundin zu überzeugen. Sie erzählte mir nämlich, dass sie selbst am
oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte
sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen,
über die Grenze zurückgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als würdige
Mutter ihrer Tochter _Lirung_ gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte
gegen _Si Hebar_ mit so vieler Energie aufgetreten war. _Hinan Lirung_
erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den _Banjin_
gern expedieren wollte. Sie hatte für den Mann sogar schon eine
weitere Reisegelegenheit gefunden, nämlich die Batang-Lupar, die
wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am
Howong aufhielten. _Hinan_ hatte nun zwar für ihre Heldenhaftigkeit
eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre
energischen Anfälle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere
Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung
der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persönlicher Sympathie zu
mir so häufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung,
die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung
bot _Lirungs_ ausgesprochene Persönlichkeit jedoch eine Abwechslung
und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen
und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drückten wir ihr zum
Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge für _Banjin_ und
die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte
sie später die Gesellschaft persönlich weiter, wenigstens hörten wir
nichts mehr von ihnen.