Verhältnisse bei den Mahakam Kajan.--Zeitrechnung--Beschäftigungen
während der Verbotszeit--Besteigung des Batu
Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Adam Igau_
und _Jung_--Fahrt zum Merasè--Tod des Häuptlings _Bo Li_--Begegnung
mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite
Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkämpfe.
Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer
Übergangsperiode. Nach der letzten günstigen Ernte im Frühling waren
zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen
Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt
hatten, an die Mündung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt
doch nur sehr langsam vorwärts; auch waren viele Familien durch
die jahrelange Trennung einander völlig entfremdet und so scheu
geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen
am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den
Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern könnte,
wünschte _Kwing Irang_, dass sich alle Familien baldmöglichst in der
neuen Niederlassung vereinigten.
Die Familien der Sklaven zur Rückkehr zu bewegen, war für den Häuptling
eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit
entlegenen Flusstälern jahrelang die grösste Freiheit genossen und
fürchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rückkehr zum Stamme
gezwungen sein würden, mehr für den Häuptling zu arbeiten. Nur 10
Sklavenfamilien hatte _Kwing Irang_, dem wenigstens 150 _dipen_
gehörten, bei sich zurückbehalten und einige andere bebauten unter
Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter
abgelegenen Felder.
Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, spürte
ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Häuptling
geliehenen grossen Fässer aus Baumrinde mit gewöhnlichem Reis und
Klebreis füllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch
nicht mit Säen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meiner
Ankunft 1896 hatte man bereits Anfang September gesät; damals war
aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch
den Umzug an der Feldarbeit verhindert.
Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des Überflusses an Reis
und des Häuserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an.
Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst öfters, nicht
mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte
Priester _Bo Jok_, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem
Hause zwei längliche Steine, einen grösseren und einen kleineren,
aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der
Verlängerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den
gegenüberliegenden Hügeln untergeht. Der Saattag ist der einzige,
den _Bo Jok_ auf astronomischem Wege bestimmt. Im übrigen ist die
Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkürliche und
vom Ackerbau abhängige (Siehe Kap. VIII).
Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (_bulan_) spielt bei den Kajan
eine grössere Rolle als das Jahr (_duman)_, von dem kaum jemand recht
weiss, aus wievielen Monden es besteht. Für gewöhnlich rechnen sie
ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis
zum Reifen nötig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei
Monde bis zur folgenden Saat.
Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen.
Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit
des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache: _njina_
(sehen) _dang_ (genügend); _matan_ (Auge) _dang; lekurdang; butit_
(Bauch) _halab_ (Tetradon, ein Kofferfisch) _ok_ (klein); _butit
halab aja_ (gross); _keleong_ (Körper) _paja ok; keleong paja aja;
beliling_ (Rand) _dija_ und _kamat_ (voller Mond). Die folgenden Tage
tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der
Hinzufügung von _uli_ = nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren
Mondes werden nicht bezeichnet.
Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan:
_dow_ (Tag) _bekang_ (offen, gespalten), um 6 Uhr morgens; _dow
njirang_ (scheinen) _mahing_ (kräftig), um 9 Uhr ungefähr; _dow
negrang_ (aufrecht) _marong_ (wirklich), um 12 Uhr; _dow njaja_
(gross), um 4 Uhr; _dow lebi_ (klein), um 6 Uhr abends.
Die Mahakam Kajan besitzen für die Tageszeiten andere Bezeichnungen:
_beluwa_ (halb) _dow_, um 12 Uhr mittags; _dow uli_ (von der Feldarbeit
heimkehren), ungefähr 4 Uhr; _tiling_ (ein Heimchen, das sich nur
bei Sonnenuntergang hören lässt) _duan_ (tönen), um 6 Uhr.
Während die übrigen Stämme mit den Saatfesten und Verbotszeiten
bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am
13. Oktober liess auch _Kwing Irang_ endlich für seinen Stamm die
Verbotszeit eintreten, die auch für uns eine Zeit grosser und sehr
erwünschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfähigen
Familienglieder zogen bereits morgens früh nach ihren Reisfeldern,
um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Säen
zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren
Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden
hierbei von nachteiligem Einfluss ist, überwand ich, um mit allen
Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den
Meinen ruhig zu Hause. Übrigens hatte ich ja auch schon am Mendalam
das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns,
und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt
hatte, auch von aussen her der Ruhe.
Als _Tigang_ mit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf,
durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Merasè hinauffahren
wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben
müssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war.
Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage
zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf des _lali nugal_
nicht von dort weg. _Tigang_ hatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung
wegen des _lali_ gesperrt gefunden und war dann flussabwärts bis nach
Long Tepai gefahren, wo er Reis für seine Rückreise hatte einkaufen
können. Er hatte die Absicht, bei _Belarè_ einen günstigen Wasserstand
abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurückzukehren; daher
beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte für die Aussenwelt und
reichten sie ihm unter _Kwing Irangs_ Zustimmung in sein Boot. Reis,
Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben.
Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls
sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend
umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit
beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und
anderen Tiere abzukaufen; _Demmeni_ und zwei der geschicktesten
Malaien, _Murchar_ und _Abdul_, übernahmen die Verpackung der
Tiere. Gleichzeitig suchte _Demmeni_ auch den Schaden, den die
photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten
hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen
Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte.
Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag _Adjang, Akam Igaus_ Sohn,
unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich
alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen;
denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei
uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater,
der sich zu den Kenja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da _Akam
Igau_ aus Furcht vor seiner Tochter _Tipong_ nicht wagte, _Adjang_
zurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre.
Inzwischen überlegte ich mit _Bier_, was mit Rücksicht auf die
Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des
Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen,
wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann,
war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der
Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit
des _lali nugal_ durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar
6 Tage warten, bevor ich _Bier_ von einem hoch gelegenen Reisfelde
aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder
liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam,
tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen,
welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder
oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle
Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.
Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am
anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben
beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein
prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher
auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit
sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m
hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit
dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die
Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.
Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatz
vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein
Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken
ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien
vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur
Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern
zahlreichen Wild Fallen stellen.
Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher,
als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang
unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlich _Lirung,
Kwing Irang_s Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig
Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein
Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz
mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in _Apu Kesio_ bald wieder
vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er
hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf
die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen
umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von
den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte
man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert,
sonst aber unversehrt, zurückkehrte--die Geister hatten ihn nicht
töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber
nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.
In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes
nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an
den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der
angesehensten Männer des Stammes, _Bo Kwai_, dessen Sohn _Maring_
uns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar
auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen
gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich _Bier_ zur
Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses
Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf
die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte,
zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. _Kwing Irang_
schüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel
des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter
als bis zum Reisfeld des _Bo Kwai_ führen und auch dahin wollten
nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch noch
zwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine
eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor
den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal _Suka_,
der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei
Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden
Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits
erwähnte Chinese _Mi-Au-Tong_, der wegen Schulden aus Pontianak erst
nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen
Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen
guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.
Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die
neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen
bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen
Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die
ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation
kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald
hinter ein paar Felsblöcken eine 2-3 m breite Felsspalte, an welcher
einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche
Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten
denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf
eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite
der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit
zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich
mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht
nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel
zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade
Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im
Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt,
auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen
konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete,
als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand.
Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rückens hinauf, wobei wir
die Hände mindestens ebensoviel als die Füsse gebrauchten. Zwischen
Gestrüpp hindurch führten mich meine Begleiter über moosbedeckte
Wurzeln den Abhang aufwärts, der ohne diese gänzlich unzugänglich
gewesen wäre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass
die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auch stark genug
waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten
nicht genügend gestützt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So
kamen wir langsam aber doch stetig vorwärts und, nachdem wir noch einen
Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht
nach rechts blicken durfte, wurde der Rücken weiter oben gangbarer,
da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen
konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurücklegen, standen aber
bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt
in der Mauer und einige Unregelmässigkeiten im Gestein genügten,
um meine Leute bei 70° Steigung über die 20 m hohe Wand zu bringen,
und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen,
nun auch die Spitze besteigen müsste, entledigte ich mich meines
Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an.
Nachdem wir die herrliche Aussicht über die weite Waldlandschaft
genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach
Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glücklich, wenn auch sehr
ermüdet, heim.
Das Erstaunen der Kajan über das unerwartete Gelingen unseres
Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem
Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schüsse nicht gehört,
so dass ein an einen Stock gebundenes Stück weissen Kattuns, das wir
oben als Signal zurückgelassen hatten, unserer Erzählung als Beweis
dienen musste.
In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel für Beobachtungen keine
Zeit gehabt hatten und _Bier_ auch nicht dabei gewesen war, nahm
ich mir vor, bald wieder dorthin zurückzukehren. _Kwing Irang_,
von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen
Aberglauben eingeschüchtert, erklärte sich jetzt sogleich bereit,
mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge
Kajan als Begleiter auf den bisher so gefürchteten Berg an; doch
musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der
drückendsten Arbeit während der Saatzeit verschoben werden.
In allgemeinen gelten am Mahakam für die Verbotszeit die
gleichen religiösen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich
Verschiedenheiten in der Auffassung der _adat_ geltend. Die Saatzeit
zerfällt in drei neuntägige Perioden, von denen jede, nach Rechnung
der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nächten besteht.
Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Häuptling mit
den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den
Geistern zu opfern (_murang)_. Da die Geister am Geruch merken können,
wer sich am Opfer (_kurang_) beteiligt hat, werden auch die sehr
kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berühren. Bei
dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine
Mahlzeit gehalten. Darauf müssen die Kajan acht Tage _melo_.
Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt.
Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Häuptlings zu besäen,
eine Arbeit, an der sich Vertreter sämtlicher Familien sowohl der
Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien
der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu säen
beginnen, die sich für sie in dieser Periode als günstig erwiesen
haben. Gewisse Tage sind nämlich nur für gewisse Familien günstig;
der Häuptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage säen, andere
Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gesät
werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglücksfällen oder
besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur
für diese zweite neuntägige Periode, sondern auch für die dritte,
ebenfalls neuntägige Saatperiode. Während der zweiten Periode darf aber
nur an sechs Tagen gesät werden, der achte und neunte sind Ruhetage.
Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und
verläuft in gleicher Weise.
Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder für
den Häuptling gesät, so dürfen letztere mit dem Besäen der eigenen
Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbständig, sondern mit
dein Häuptling gemeinsam.
Das grosse Reisfeld des Häuptlings wird _luma ajo_ genannt.
Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem
Felde ein Opfergerüst (_pelale_) auf, mit dem die Säer während des
Säens in Verbindung bleiben müssen; daher ist es Fremden verboten,
zwischen diesen und dem _pelale_ hindurchzugehen; auch dürfen die
Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht
mit ihnen sprechen. Ist dies zufällig doch geschehen, so hört man an
diesem Tage mit dem Säen auf.
Die erste neuntägige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit,
während welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein
Dorfbewohner die Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner
dürfen die Kajan nicht jagen, Früchte pflücken und mit dem Wurfnetz
(_djala_) oder Schöpfnetz (_hiköp_) fischen gehen. Im Gegensatz zu der
_adat_ der Mendalam Kajan dürfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut
vergiessen, indem sie Schweine und Hühner schlachten, auch ist Angeln
(_niese_) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld
zu betreten. Dagegen dürfen die Frauen in dieser Periode einige Arten
Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnen _lali_, nach Anfang der Saat
zeit die Felder durch Fällen von Wald noch zu vergrössern, und erst,
nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine,
übriggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden.
In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute
vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprüngliche Bedeutung
dieses Maskenspiels lässt sich nur noch an dem Geistertanz, den die
jungen Männer aufführen, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil
der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes
das Fest feierte, gerade jetzt vollständig aufgeführt, was bei meinem
vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war.
Ihrer Überzeugung gemäss, dass die Geister mächtiger sind als die
Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister
nachahmen und deren Rollen erfüllen, sie auch Übermenschliches zu
leisten vermögen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen
zurückzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des
Reises zu sich heranlocken zu können. Zu diesem Zwecke handhabt die
Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hölzernen Haken (_krawit
bruwa_), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spänen zerschnitten
und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.: _hudo kajo_). Die Darsteller
treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe
und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den
langen Haken in die Höhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann,
und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle
er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nämlich die Seelen
des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren.
Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in
ihrer Nähe aufhalten, ersieht man daraus, dass _Belarè_ die Missernten
der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennen seines
Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden
waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen können,
dürfen auch deren Darsteller kein Wort äussern, da sie sonst Gefahr
laufen, tot niederzufallen.
Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mächtigen Geister mit
allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet
sind, verwandeln sich die jungen Männer in stark behaarte Wesen
mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzähnen
der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schönen Schwanzfedern
des Rhinozerosvogels geschmückte Kriegsmütze und ein Schwert
vervollständigen das Kostüm.
Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenblätter
seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Körper
gewickelt, der auf diese Weise in eine unförmliche grüne Masse
verwandelt wird.
Mehr Mühe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem,
weissem Holz (_hudo kajo)_, die besonders bei den Kajan und Long-Glat
sehr kunstgemäss und sorgfältig geschnitzt werden. Gewöhnlich stellt
jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders
Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand
an. Obwohl die Linien und Flächen der Masken sehr grotesk sind,
werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgeführt; auch
die später angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen
Stämmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stück, nur
der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn während des Tanzes
klappernd bewegen zu können. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden
die grossen Hauer mittelst hölzerner Stifte befestigt. Wenn möglich,
stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch
Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar.
Die grossen, oft schön geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in
denen oben künstliche Pantherzähne stecken, während unten, an langen
Bändern, welche die ausgereckten Ohrläppchen vorstellen, Ohrgehänge
hängen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die
jetzt nur noch als Antiquitäten aufbewahrt werden, verfertigt. Als
Bart benützt man, wenn möglich, das aus Celebes eingeführte weisse
Ziegenhaar (_bok kading)_, das bei den Bahau als Verzierung für
Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die
Ziegenhaar nicht erschwingen können, begnügen sich mit einem Bart aus
den weissen Fasern der Ananasblätter, aus denen auch Zeuge hergestellt
werden. An der Maske werden Nasenlöcher oder Öffnungen zwischen Nase
und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten.
Werden bei besonderen Gelegenheiten, die Tänze von Priestern
aufgeführt, so benützen sie lange, weisse Späne von Fruchtbaumholz,
um die Haare darzustellen.
Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen
Geröllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten
Vorbereitungen für die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen
Böten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden
Gestalten flussabwärts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere
Männer damit beschäftigt waren, nach dem Bad ihre schönsten und
längsten Lendentücher um die Hüften zu schlingen. Ebensowenig wie
die Bahau für sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer
freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestürzte Baumstämme aufräumen,
hatten sie jetzt für die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten
Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So
landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten
Baumstämmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum
Vorschein kamen.
Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich
sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen
Wohnung des Häuptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von
einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schönsten, mit Stickereien
und Figuren verzierten Kleidungsstücke angelegt hatte. Viele Kinder
und junge Frauen prunkten auch noch mit schön gearbeiteten Mützen,
Armbändern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schöne,
was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu
lernen; für gewöhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten.
Um alles besser beobachten zu können, begab ich mich zu _Kwing Irang_,
den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Körben mit Kampfhähnen
hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch über dem Erdboden,
konnten wir den Tanz gut beobachten.
In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei
Gefahr eines Unglückes für die Teilnehmer, nicht abgewichen werden
durfte, stellten sich die grünen Massen in brennender Mittagssonne
in einen Kreis und führten unter begleitenden Armbewegungen und
Schütteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr
kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flüsschen Ikang,
um die Zahl der Geister zu verstärken, so dass ihrer dieses Jahr
23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei
ihnen ihre kühle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam,
stellten sich alle hinter einander, um die _bruwa parei_ (Seele des
Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen.
Bald darauf begannen die _hudo kajo_ (Verkleidete mit Holzmasken)
doch zu ermüden und der Anführer begab sich mit seinem _krawit bruwa_
voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen
vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und für die grünen
Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die
unförmlichen, mit grotesken Masken gekrönten Grashaufen am Boden
niederliessen und, nach den Bewegungen der Blätter zu urteilen, auf
sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der
Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab,
um zu trinken. Da verliess _Kwing Irang_ seine krähende Gesellschaft
und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der
ältesten vornehmen Männer niederliess und auch mir einen Platz anbot.
Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn plötzlich
wurde alles still und _Kwing Irang_ benützte die Gelegenheit, um
durch den Mund eines der Ältesten den Masken und durch diese dem
ganzen Stamme öffentlich zu verkünden, dass wir Weissen wiederum
gekommen waren, um längere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir
nichts Böses im Schilde führten und er daher von allen erwartete,
dass sie uns helfen und nie hindern würden. Ein gutmütiges Gebrumm
oder Gebrüll stieg aus den grünen Haufen hervor und die Masken gaben
durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverständnis zu erkennen,
das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausübte.
Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefühle wurde durch das
Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer
langen Reihe von Korbmasken (_hudo adjat_) anhoben. Was uns betraf,
so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe _hudo lakeuj_,
lieblicher junger Mädchen, die in Männerkostüm an der Maskerade
teilnahmen, gefesselt.
Die _hudo adjat_ besteht aus einem Rotangkorb, überzogen mit weissem
Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender
Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehängt werden,
die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen
Korb wird der Kopf zur Hälfte hineingesteckt und der ganze Körper dann
mit einer Jacke und grossen Tüchern behängt; durch zwei Bambusstöcke
werden die Ärmel der Jacke seitlich in die Höhe gehalten. Diese
unförmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt über den Platz;
aber trotz des Geflüsters, dass hinter diesen Masken die höchsten Damen
der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von _Kwing Irang_ verborgen
waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mädchen
ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostüm schüchtern hinter den
_hudo adjat_ einherschritten.
Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen,
kecken Männertracht und den formlosen Massen war allerdings gross
genug. Die jungen Mädchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und
Sorgfalt verwandt als die jungen Männer selbst zu tun pflegen. Die
Tücher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde
waren gefällig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal
waren geschmackvoll gewählt worden. Bereits 1896 waren mir diese
Mädchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre
hübsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen
schienen die Vorstellung bereits öfters gegeben zu haben, zeigten
sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die
meisten befanden sich überdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung,
so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten
als sie selbst. Das Urteil der Frauen über diese Gruppe lautete nicht
günstig, auch schienen sich die Gattinnen des Häuptlings unter ihren
Körben über ihre jüngeren Gefährtinnen geärgert zu haben, wenigstens
versprach uns mittags _Uniang Anja, Kwing Irangs_ zweite Frau, dass
sie abends mit einigen Auserwählten in der _amin_ des Häuptlings die
Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehörte.
Unsere Aufmerksamkeit fand eine plötzliche Ablenkung. Die Menschenmenge
stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs
zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhüllten ihren
Körper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen
oder Mützen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte
Tragkörbe, hölzerne Speere und übertrieben grosse Pfeilköcher in
Form von für Schweinefutter bestimmten Baumbusgefässen an der Seite
vervollständigten die Ausrüstung. Nach allen Seiten scheue Blicke
werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders
seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrüsst. Uns wäre die
Bedeutung dieser Szene unverständlich gewesen, wenn man uns nicht
gesagt hätte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch
über Menschen und Zustände lustig mache. Hier handelte es sich um
eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wäldern. Die Punan,
die von den Bahau im Grunde sehr gefürchtet werden, bilden nämlich
ihrer eigentümlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand
für den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall
seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nächster
Gelegenheit über uns Europäer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen-
und Steinesammeln oder beim Enthäuten der Vögel darstellt.
Hierauf führten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir
nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten.
Inzwischen hatten sich die _hudo kajo_ in ihren Wohnungen oder,
falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke
mit Hilfe ihrer Angehörigen ihres grünen Geistergewandes und ihrer
Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit
so vielen zusammenzusein, nicht vorübergehen lassen, ohne sich mit
einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben,
zu messen. Die gebräuchlichen Kreisel (_asing_) sind ungefähr 3 dm
hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben
in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie
werden aus dem härtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst
mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten
und oft sorgfältig geglättet.
Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben
an mit einer dünnen Schnur, die allmählich dicker wird und an ihrem
Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim
Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurückzieht. Die
Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von kräftigen
Männern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertönen.
Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger
Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den
freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen,
dass er den ersten verdrängt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl
bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich
nie einen anderen Zweck erkennen können als Freude am Spiele selbst
und an der körperlichen Übung; von einer Preisgewinnung ist nie die
Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungeübteste so
lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20-30 Männer
am Spiel.
In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die
rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den
Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer
aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu
erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Männer links im Hintergrunde
halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nächsten Moment den
Vorgängern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der
Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel
das Ziel verfehlt.
Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Männer nach
der Rückkehr vom Reisfeld noch in der Dämmerstunde im Spiel geübt. Das
Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des
Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen
Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel
wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den
Malaien an der Westküste gepflegt.
Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle,
die das _hudo lakeuj_ der Frauen, unter _Uniang Anjas_ Leitung,
ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele
weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich
auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei,
indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst
nur durch Harzfackeln spärlich erhellt wird, was vielleicht für
die Augen der Kajan, aber nicht für die unseren genügte, um von dem
Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glück bereitete
unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht
nur mit ihrem Äusseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glänzen
verstanden, folgten _Uniang_. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren,
in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schönheit eingebüsst, war
aber ihrer Rolle als Vortänzerin immer noch würdig; sie führte nicht
nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit
Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre
(_sape_) gespielt wurde, tanzte _Uniang_ auf echt indische Weise,
mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit
lebhafter, als es auf Java üblich ist. Die Aufführung wurde von keinem
Gesang begleitet.
Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen
und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den
Ermüdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen
Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten,
als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich _Kwing
Irang_, der mit seinem Söhnchen _Hang_ bei uns sass, schon während
der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer
Beratung teilnehmen musste, da _Li_, Häuptling der Ma-Suling und
Halbbruder von _Kwing_, schwer krank war und man mich nur, um das
_lali_ der Kajan nicht zu stören, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt,
wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit
mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem
Boot zum Merasè aufbrechen.
Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, _Jung_
und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo
unser _lali_ vorüber war, baldmöglichst an den Kapuas zurückkehren
wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der
Verteilung meiner Böte, die noch am _pangkalan_ Howong im Walde lagen,
Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Böte verkaufte
ich für 2 bis 3 Dollar das Stück an Liebhaber und belohnte einzelne
Häuptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte.
_Kwings_ ältester Sohn, _Bang Awan_, hatte alle Mühe, für die Fahrt
nach dem Merasè genügend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern
eifrig beschäftigt waren; aber nach dem Essen glückte es ihm doch noch,
eine Bemannung für das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit
ihm, _Midan_ und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir _Jung_
vom Merasè gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos
sein; ich hielt es aber doch für geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer
Fahrt, während welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserfläche
herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von früher
her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch
_lali nugal_ herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten
Nachrichten vom Merasè zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode
des Häuptlings dort ankämen und durch das dann eingetretende _lali_
dort festgehalten würden; auch wollte ich in Batu Sala den Häuptling
_Paren_ und dessen Familie begrüssen. Die Berichte lauteten zwar
nicht ermutigend, aber gestorben war _Li_ noch nicht, daher machten
wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu,
die Niederlassung, in der _Li_ als Gemahl der Frau Eipo lebte, die
hier Häuptling der Ma-Suling war.
Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Häusern und
einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem
grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden
Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von Überschwemmung nur
selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich
das besonders grosse Haus, das die Häuptlingsfamilie mit ihren Sklaven
bewohnte. Während ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm
emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wände
waren grösstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und
allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht
worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern führte
mich sogleich in die grosse _amin_ zum Kranken. Dieser lag in einem
Raume, der von dem übrigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden
war. Der früher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert
und lag mit der für die dunklen Rassen charakteristischen grüngrauen
Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrücktem
Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu
kühlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch
bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele
Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den
_Bulan_, die Häuptlingstochter, umherreichte.
Bereits der erste Eindruck des Kranken flösste mir wenig Hoffnung
ein, als ich auch keinen Puls mehr fühlte, wusste ich, dass hier
nicht mehr zu helfen war. Hätte man mich trotz der Verbotszeit
einige Tage früher gerufen, so wäre die Aussicht auf Rettung viel
grösser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den für
Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanfälle hatten
sich während 14 Tagen wiederholt, bis sich häufige und wässrige
Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand
des Kranken komplizierten. Während der letzten 4 Tage war der Patient
dadurch sehr geschwächt worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen
hatte. Wegen des _lali nugal_ der Kajan hatte man gewartet, mit dem
Resultat, dass die Krankheit nun in kürzester Zeit tötlich verlaufen
musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden
konnte, erklärte ich sofort, nicht mehr helfen zu können. Auf meine
Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des
Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben
musste; man hatte ihm, hauptsächlich gegen die Intestinalkrankheit,
Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede für
sich schon auf einen geschwächten Körper höchst schädlich einwirken
musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde,
auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden,
da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen
zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die
Seele den Körper sowohl im Schlafe als beim Tode verlässt und beim
Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurückkehren könne. Selbst
heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von
ihrer Handlungsweise ab. Für einen europäischen Arzt, der froh ist,
wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Stärkung finden, ist
es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu
enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen,
in hoffnungslosen Fällen hierzu überwinden. Wo indessen begründete
Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung
gegenüber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt.
Obgleich _Bo Li_ bereits viel zu schwach war, um sprechen zu können,
und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man
ihn doch ständig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess
daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der
Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle
aus Interesse für den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem
Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu
werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich
konnte weder diesen noch den beiden Söhnen des Häuptlings, _Ledju_
und _Ibau_, die übrigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen
tröstlichen Bericht geben. Die Brüder und einige andere stellten
mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhöhung her, auf der
ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten
Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich
dann zu ihrem Vater zurück.
Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der
Hitze und Ermüdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass
_Temenggung Itjot_, ein malaiischer Häuptling, der mit einer Tochter
eines anderen Häuptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet
war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft
verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um _Itjot_
nach achtjähriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurückzuholen,
sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit _Itjot_ 1896
und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung
mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefährlich,
da sie ganz aus Anhängern des von der niederländischen Regierung
vertriebenen Sultanats prätendenten _Gusti Mat Seman_ bestand, die
sich jetzt an den oberen Barito geflüchtet hatten. Nach Landessitte
kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen
Beruhigung, mit schönen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrüssung
durch Händeschütteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich,
mit den Neuangekommenen dagegen sehr schüchtern, worauf ich mich,
allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes
niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die
ich von früher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so übernahm
ich denn die- Leitung des Gespräches und begann zu erzählen, wie es
mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden
von _Itjot_s Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten
interessierte. _Itjot_ kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen,
die ihm die Ernährung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle
des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind
konnte von der Mutter nicht ernährt werden und, da andere Milch
nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und
Bananen ernährt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte,
hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu können,
und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Büchsen Milch
glücklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie
er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus
nicht den Beifall meines Bedienten _Midan_ und nur zögernd lieferte
er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir hätte,
aus. Übrigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher
scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nämlich unter
ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr nötig
hatten. Nun war _Itjot_ zwar von früher her an die Gratisausteilung
meiner Arzneien gewöhnt, seine unheimlichen Gefährten jedoch sahen
mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab
und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persönlich mit ihnen zu
befassen. Heikle politische Punkte gänzlich vermeidend erkundigte ich
mich, um auch _Itjots_ Bruder, _Raren Na-un_ zu Worte kommen zu lassen,
nach einigen gleichgültigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten
diese Menschen, die übrigens durchaus keine bösen Absichten gehabt zu
haben schienen, von dem ersten Europäer, dem sie am Mahakam begegneten,
keinen schlechten Eindruck. Hiervon überzeugte mich der herzliche
Händedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die
Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht.
Inzwischen hatte _Midan_ mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl
machte ich dem sterbenden _Bo Li_ noch einen Besuch und verschwand
dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich
fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen
der erregten Menschen, die ihren Häuptling sterben sehen wollten,
als plötzlich gegen 10 Uhr heftige Schläge auf grosse Gonge in der
Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren
liessen. Aus der _amin aja_ ertönte Weinen und jammern; _Bo Li_
war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in
meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst
das Gesicht meines Dieners, dann das von _Itjot_ erblickte, die mich
aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach _Itjot_s Hause zu begeben,
da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken
nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich
sein würde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich,
wenn auch zögernd, mit _Itjot_ nach dessen Wohnung. Unterdessen
wurde auch in der Galerie durch Schläge auf die Gonge den Geistern
von _Apu Kesio_ und den benachbarten Niederlassungen der Tod des
Häuptlings verkündet. Neben dem Weinen der Angehörigen ertönte nun
auch das Jammern der Klageweiber. Die Männer hatten sogleich nach
des Häuptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit
ihnen, um die bösen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft
herumzufuchteln oder auf Wände und Pfosten loszuschlagen. _Itjot_
fürchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufällig
oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptsächlich
deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nämlich ab und zu,
dass im Dunkeln nicht nur die Wände des Hauses, sondern auch einer
der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Häuptling, so wird
oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschläge beschädigt.
Vor Ermüdung schlief ich auch in _Itjots_ weit abgelegenem Hause
gut ein, musste aber am anderen Morgen früh wieder auf sein, um den
vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen
und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten
sich, weil sie unseren frühen Aufbruch fürchteten; darauf erschien
auch _Bang Awan, Kwing Irangs_ Sohn, und meldete, dass wir früh
heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die
Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte,
um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (_salong_) eines anderen
Häuptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem _Bo Li_ gestorben,
noch nicht fertig gebaut, sein _lali_ also noch nicht abgelaufen
war, musste nämlich nach der acht das Begräbnis so bescheiden als
möglich vollzogen werden. _Kwing Irangs_ Gegenwart als Bruder war
aber erforderlich und daher Eile geraten.
Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage,
da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um 1/2 11
Uhr abends ankamen. Zum Glück war der Himmel etwas bewölkt und der
Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, fröstelnd
und steif am Blu-u anlangte.
Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am
Merasè zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begräbnis
Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfügung stellten. Abends
kostete es viel Mühe, um in dieser drückenden Arbeitszeit eine
genügende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten
Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und
Alten blieben im Hause zurück.
In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich genügend
viel Ruderer ein, und so konnte _Kwing Irang_ mit seinem Sohn _Bang
Awan_ und seinem Mantri _Bo Kwai_, dem Schweine und dem Reis zum
Merasè aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.
Bereits während des _lali nugal_ hatten wir erfahren, dass es unmöglich
war, für alle unsere Unternehmungen Männer als Führer oder Ruderer zu
finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine
Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite
einige gewandte Leute wählen, die _Bier_ bei der topographischen
Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklärte sich der chinesische
Händler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte,
bereit, als Führer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von _Kwing_
machte sich denn auch _Bier_ mit einem grossen und zwei kleinen Böten,
dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom
Howong bis an den Blu-u zu messen.
In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau völlig fremd war, sollte
_Bier_ sich vorläufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflüsse
konnten später gemessen werden, während wir mit _Kwing Irang_ die
dort ansässigen Stämme besuchten.
So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner
Liebhaberei und Arbeit nach. _Barth_ hatte vollauf damit zu tun, alles,
was er auf der Reise und später im täglichen Verkehr mit _Adjang_
und der Bevölkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wörterschatz
wuchs ständig, indem er den Unterhandlungen zuhörte, die ich den ganzen
Tag über beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit
Männern, Frauen und Kindern zu führen hatte. Mit seinem geübten Ohr
gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten.
Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und
Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber
eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste,
gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hübschen Arten von
Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem
sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich früher
fast gar nicht hatte erlangen können. Meine schönen _inu beneng_
(Perlen für Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu
meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten
abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfür zurückgab,
nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, für sehr kleine,
bunte Perlen, _inu buko_, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens
wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmützen dafür
nicht abtreten. Nur für meine silbernen Ohrringe (_hisang perak_)
und Armbänder aus Elfenbein wollte man sich von den schönen Mützen
trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten,
um des Schönsten und Besten, das die Bevölkerung hervorbrachte,
habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und
Unterhandlungen, die erst viel später, oft erst nach Monaten, zu
einem Ergebnis führten. _Demmeni_, der sich bereits früher durch das
Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen
beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen
Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber für seine Werkstätte keinen
Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes,
_Awang Kalei_, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung
überliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm.
_Kwing Irang_ kehrte unmittelbar nach dem Begräbnis seines Bruders
wieder zurück; er hatte auch keine Nacht mehr am Merasè verbringen
dürfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der
Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der
nicht am Mesarè wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet
zu verlassen oder zu betreten. Händler, die sich vorübergehend
dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst
davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren.
_Kwing Irangs_ Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem
sie alle Schmucksachen und schönen Kleider ablegte und besondere
Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden für _Kings_ Frauen in
schlichten Jacken und Röcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder
hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europäer machten die Frauen
jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel
nackteren Eindruck als früher. _Kwing Irangs_ Traueranzug bestand
aus einem Lendentuch (_ba_) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast
braungefärbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der
Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam,
eine _ta-a_ und eine ärmellose Jacke aus Baumbast oder braunem
Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch
(Siehe nebenstehendes Bild).
Wegen der Halbtrauer der Häuptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten
im Stamme gefeiert werden, bevor am Merasè am Ende der Verbotszeit das
erste _bet lali lumu_ (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden
hatte.
Am 7. November kehrte _Bier_ sehr befriedigt von seiner ersten
Flussmessung zurück, denn es war ihm gelungen, die anfängliche
Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden,
zu überwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen
Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich
bei mir über _Biers_ rauhe Behandlung und erklärten, in Zukunft nicht
mehr mit ihm allein reisen zu wollen. _Bier_ kehrte nämlich diesen
Leuten gegenüber zu stark den Europäer und deutschen Unteroffizier
heraus. Die Nachricht berührte mich sehr unangenehm, weil gerade
die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter
diesen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre, _Bier_ Bahau
mitzugeben. Nach einiger Überlegung mit dein Kontrolleur suchten
wir _Bier_ begreiflich zu machen, dass ein Europäer sich auch
einem Eingeborenen gegenüber nicht alles erlauben dürfe, fanden
aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verständnis und so blieb
mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gänzlich aufzugeben
und _Bier_ so schnell als möglich an die Küste zu senden oder stets
selbst mit ihm zu ziehen, was für mich so viel bedeutete, als meine
ethnographischen Studien grösstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit
einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig
auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu können, brachten mich
dazu, letzteres zu wählen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den
Bericht der Malaien, dass _Belarè_ jetzt in der Saatzeit nicht mit uns
zum Ursprung des Mahakam ziehen könne und dass er auf seine frühere
Forderung von 1-2 Reichstalern pro Tag und Person zurückgekommen sei,
ein Zeichen, dass _Belarè_ zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt
war und dass wir unseren Plan vorläufig aufgeben mussten, so gern
wir auch die Grenzen gegen Serawak festgestellt hätten.
Der Tod seines Bruders hatte _Kwing Irangs_ Unternehmungsgeist nicht
gelähmt; denn gleich nachdem die drückendste Saatperiode vorüber war,
erklärte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es
sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch
die Jäger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora
dieses jungfräulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. _Bier_
und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen
dieses Teils des oberen Mahakam beschäftigen. _Kwing Irang_ nahm 17
junge Leute und ich noch die vier Malaien von früher mit.
Um den grossen Umweg über die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den
Mahakam abwärts, bis zum Batu Plöm (_plöm_ = Splitter), einem grossen
Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt,
dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen,
zylinderförmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu
Plöm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der
Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestürzt.
In früherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis
an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stämme am Mahakam;
denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere
vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher
beschlossen einige Stämme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat,
diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich
machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat
besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein
mit einem Bambusstück. Sie verursachten daher auf dein Stein keine
so glatten Flächen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was
sich noch heute an ihrer Haut erkennen lässt, denn Punan und Pnihing
leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und
Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch
lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge
eines der vornehmsten Häuptlinge jener Zeit, _Bang Ka-ang_, der unten
am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten über ihm beobachtete. Nur
mit grosser Mühe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stückes Holz
den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plöm in Form eines
mächtigen Felsblockes im Mahakam liegt.
Um den Gipfel des Batu Mili in die gewünschte Richtung fallen zu
lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil,
aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig,
dass jeder Stamm sich in seine Böte stürzte und schleunigst in sein
Land zurückkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwärts,
die Pnihing flussaufwärts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung,
von ihren Böten Gebrauch zu machen, und flüchteten nur so in die
Wälder, in denen sie auch heute noch umherschweifen.
Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den
Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam
schief hängen blieb. Infolge dieser Abdämmung staute sich der Fluss
derart, dass alles Land flussaufwärts, bis auf einen Berg, auf den
sich alle Menschen flüchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit
lebten sie dort, bis eines Tages zwei Männer, die in einem grossen
Boote auf der Wasserfläche fuhren, durch eine mächtige Liane, wie
sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich
über die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu
durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene
Stück des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die
Erde niederstürzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong
(Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des
Mahakam strömte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden
Männer in ihrem Boote bis zum Meere mitführte, wo sie ertranken.
Beim Abströmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des
zerrissenen Rotangseiles hängen, wodurch die Bahau das Weben von
Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser
Liane (_tengang_ oder _aka klea_) her.
Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollführt hatten, fand _Bang
Ka-ang_, dass er sie belohnen müsse, und beschloss daher, den Mahakam,
Barito und Kapuas mit Fischen zu bevölkern. Zu diesem Zwecke zog
er abwärts, bis unterhalb der Wasserfälle des Mahakam und warf die
Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natürlich nur einem
Menschen von seiner Grösse möglich war.
Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel
kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Häuptlings spielte mit
einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen_
Bang Ka-ang_, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben,
weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring benütze. "Dann muss
Dein Vater sehr gross sein" rief _Bang Ka-ang_ aus "rufe ihn mal her,
damit wir sehen, wer der Stärkere ist!"
Der Häuptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als
er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrüll aus, dass
es _Bang Ka-ang_ nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter
flüchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen.
Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen "_Bang Ka-angs_ Lendentuch"
(= _ba_ _Bang Ka-ang_).
Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen
festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht
fortgeführt wurden, hielten wir mit _Kwing Irang_ auf dem Batu
Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher
inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir
vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. _Kwing_ schlug vor, dass
wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine
Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten
Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den
Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier
opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister
zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben
begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs
des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu
der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis
zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand
erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit
der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die
andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend
war dieser fertig und _Kwing Irang_ begann seinen Aufstieg. Nach dem
Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn
nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem
er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem
Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im
Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen,
trotzdem machten _Bier_ und ich uns schon in der Morgendämmerung auf
den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel
müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die
150 m zurückgelegt.
Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken,
die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt
unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche
herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang
berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der
Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über
das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem
einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll,
hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte
Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen.
Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten,
sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie
sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und
hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog
sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das
Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken
waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses
Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch
noch weiter östlich, was wir vom Lekudjang aus nicht hatten sehen
können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen
Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach
dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang
dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.
Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse,
während genau nach Süden der Batu Lesong mit seinen leicht gewellten
Gipfel den Gesichtskreis abschloss.
Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt,
sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten
augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau
nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste
Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten
Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre
früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen,
wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tepai u.s.w. Nur die
Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid,
aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.
Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten
ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der
Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett
tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie
sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche
ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben
einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde
mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle
niederen Gipfel. _Bier_ hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert
und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum
Vorschein kam. _Midan_ brachte uns das ersehnte Frühstück, das er
einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen
einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel
Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der
Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt
d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus
Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre
Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine
Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen
sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für
die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz
anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden,
lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung
lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in
den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne,
grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte
jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten,
weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten
Gipfel stets senkrecht blieben.
Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des
Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute
behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also
noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns
gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich
wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass,
die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.
Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter
anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu
Mili hinzieht und im Ong Dia am Merasè seinen Abschluss findet. Nach
dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem
ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.
Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns
von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange
dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte _Bier_, um an einem Tage
die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der
Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom
Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung
die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte
sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong
durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange,
leicht gewellte Rücken des Batu Lesong fällt, ausser an den Stellen,
wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide
zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen
Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei
verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen
konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen
Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden,
hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem
Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjehan aus zwar
ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen,
weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt;
als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir
ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein
aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum
Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen
Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit
Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten
Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei
führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich
keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten,
beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege
die Besteigung des Batu Lesong später vorzunehmen.
Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und
Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung
_Kwing Irangs_, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den
Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.
Völlig beruhigt zeigte sich _Kwing Irang_ jedoch erst am folgenden
Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte;
er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein
Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht
an mich heranwagten.
_Bier_ begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor
die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen
beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf
dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind,
nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen
fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich
in Begleitung des Pinau Malaien _Persat_ immer weiter um den Fuss
des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der
Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten.
Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich _Bier_ schon vor und so konnten
denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden.
_Doris_ hatte mit den Seinen nicht viel Glück gehabt, unter den
geschossenen Vögeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die
Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befördern.
Trotz aller bösen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit
ohne Unfall verlaufen. _Kwing Irang_ war nicht einmal, wie nach
der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkältet. Damals
fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in
Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600
m Höhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber für
die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwärmt
hatte, dass er nun aus Befriedigung über seine heldenhafte Besteigung
des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der
in der Nähe des Batu Plöm im Walde liegen sollte und in welchem sich
die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider
kam es nicht zu diesem Ausflug.
Obgleich _Kwing Irang_ und seine Leute nur unter meinem Schutz das
Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren
als ich nötig hatte, musste ich doch allen den üblichen Lohn von 2.50
fl. in drei Tagen und dem Häuptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es
sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der
Preis erträglich.
Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Merasè den wir,
nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck
unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns
möglichst lange bei den Stämmen aufhielten, und nun meinte _Kwing
Irang_, dass wir es unserer Würde schuldig waren, bei den Ma-Suling
mit zahlreichen Böten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf
seine einigermassen selbstsüchtige Begründung nicht viel Gewicht,
da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen
Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen
Gebiets alle unsere Sammler und die übrige Gesellschaft und nur eine
beschränkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von
mir bezahltes Geleite _Kwing Irangs_ bildeten. _Kwing_ wollte nämlich
die Gelegenheit benützen, um mit seinen Kampfhähnen am Merasè zu
glänzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhöhung seines
Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die
Kajan, sondern auch die Hähne in blühendem Zustand und versprachen,
die Ehre des Häuptlings gegenüber den Bakumpai oder Barito Malaien,
die sich bei _Itjot_ am Merasè aufhielten, gut zu vertreten.
Die Hahnenkämpfe (_petuduk_) sind seit zwei Generationen bei allen
Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingeführt worden. Die
Malaien betreiben die Hahnenkämpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die
Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (_tadji_) bewaffneten
Hähne nur insofern Interesse einflössen, als sie den Gewinn oder
Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen
Charakter tragen die Hahnenkämpfe auch bei den Bahau unterhalb der
Wasserfälle, hauptsächlich bei den Häuptlingen _Kanu Jok_ und _Si
Brit_ oder Raden _Mas_, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron
zurückgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch
unter den Häuptlingen oberhalb der Wasserfälle nimmt die Überzeugung
immer mehr zu, dass sie es ihrer Würde schuldig sind, Kampfhähne zu
halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur
ein Häuptling von der hohen Stellung _Kwing Irangs_ hält sich eine
grössere Anzahl Hähne; die übrigen finden es zu lästig, die Tiere
so lange zu füttern und durch Baden, Massieren und Üben zum Kampfe
vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei _Belarè_ einen Hahn,
der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hähne aber
lieber, als dass er sie selbst kämpfen liess.
_Kwing Irang_ kaufte seine Hähne in der Regel von seinen Freien, die
die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete
Hühnerzucht der _panjin_ verfolgte ursprünglich den Zweck, Opfertiere
zu liefern; seit Einführung der Hahnenkämpfe wird sie aber in noch
grösserem Massstabe betrieben.
Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in früheren Jahren hatten
jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Häuptling einige
besonders grosse Exemplare von Kampfhähnen mitgebracht und von diesen
stammen seine jetzigen, grossen Hähne ab.
Beim Abschied im Jahre 1897 hatte _Kwing Irang_ auch mich gebeten,
beim nächsten Besuch Hähne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der
Hühnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns ständig mit Hühnern und
Eiern versorgte. Die Kampfhähne unterscheiden sich von den überall
sonst auf Borneo vorkommenden Hähnen nur durch ihre Grösse; besondere
Rassenmerkmale besitzen sie nicht.
Die Kämme werden den Hähnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen
werden meist mit einem Stück Blech abgesägt und zwar so, dass
keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hähne bei
Übungsgefechten keinen Schaden zufügen können.
Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefähr 7 bis 8 cm lange,
scharf geschliffene Sporen (_tadji_) an die Unterseite des Fusses
gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er läuft
entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus.
Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Küste
gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern
u.a., welche von Malaien eingeführt werden. _Kwing Irang_ und sein
Sohn _Bang_ hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre
Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer
europäischen Werkstatt nicht hätten hervorgehen können.
Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grösse
und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem
Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt
werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien übernommen worden.
_Kwing Irang_ besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats
und der Aussicht auf künftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hähnen,
von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe
unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlässigsten
seiner Sklaven einquartiert war.
Die Hähne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem
Reis gefüttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann
frei herum, wenn der Häuptling sich mit ihnen abends beschäftigt,
mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kämpfen
lässt. Die Hähne werden in der Regel täglich im Fluss gebadet und
nass wieder in den Korb gesetzt.
Wahrscheinlich, würde man auf die körperliche Entwicklung der Hähne
noch grössere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau,
die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit
eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der
Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Körpergrösse in
Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso
wichtig. Daher werden, um den Wert der Hähne herabzusetzen, häufig
vor den Kämpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen.
Bei den Hahnenkämpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen
tötet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem
man dem einen den Kopf festhält und das andere hineinhacken lässt, bis
man aus der Heftigkeit der Anfälle ersieht, dass die Tiere genügend in
Wut geraten sind. Dann setzt man die Hähne in einem Abstand von 4-5
m auf den Boden und lässt sie gleichzeitig auf einander los. In der
Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen
sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hähne
kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der
Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn
der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken
will, zu hacken wagt oder wegen Ermüdung oder Blutverlust nicht mehr
zu hacken im stande ist. Können beide Hähne nicht mehr weiterkämpfen,
so gewinnt ebenfalls keine der Parteien.
Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich
tötlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht
selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem
Mal gänzlich durchgeschnitten. Öfters kann ein Hahn seinen Sporn,
wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann
eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn
beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die
Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptsächlich Fleischwunden
haben. Merkwürdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit
Nadel und Faden geschickt zu nähen und zu heilen, während sie noch
nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf
die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte
der Hahnenkämpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien
übernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenüber das grausame Gefecht
mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hähne schnell
ein Ende gemacht würde, während sie ohne Sporen so lange kämpften,
bis sie vor Erschöpfung oft tot niederfielen.
Bei den _panjin_ werden die Hahnenkämpfe nur als Zeitvertreib, den
sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse
erlauben dürfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die
jungen Leute abends öfters ihre Hähne miteinander kämpfen, aber nur
sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich
überhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder
ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an
diesem Vergnügen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen
sich dagegen die Häuptlinge auf ihren Reisen flussabwärts mit Malaien
oder Barito und Kahájan Dajak in Wettkämpfe ein, so wird der Einsatz
stets so hoch wie möglich gewählt.
Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen
Häuptlings setzen. _Kwing Irangs_ Einsatz variierte zwischen 5 und 40
fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch
50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt
wurden. _Bang Jok_ und die Malaien setzten oft noch grössere Summen
auf ihre Hähne; _Kwing Irang_ tat es nur bei einigen besonderen Tieren.
Auch bei den Hahnenkämpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit
ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei abergläubische Vorstellungen
eine wichtige Rolle. Begiebt sich _Kwing Irang_ z.B. mit seinen
Hähnen zu einem anderen Häuptling, so fassen die Kajan diesen Zug als
einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der
Männlichkeit und Tapferkeit der Hähne schaden könnte. Daher war _Kwing
Irang_ bei unserer Reise zur Küste im Jahre 1897 durchaus dagegen,
dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhähne einen
nachteiligen Einfluss ausüben konnten. Als eine Frau schliesslich doch
mitzog, lagerte sich _Kwing Irang_ mit seinen Hähnen stets in möglichst
grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die
Kraft der Hähne, sondern auch die der Männer durch die Berührung mit
etwas Weiblichem beeinträchtigt. Die Kajanmänner vermeiden es daher,
einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurühren; tun sie dies,
so werden sie "_dawi_", d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim
Fischfang und im Kriege keinen Erfolg.