Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln
und Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und
Untersuchungen auf geologischem Gebiet--Topographische
Aufnahmen--Photographie.
Obgleich die Verhältnisse, unter denen die Eingeborenen von
Mittel-Borneo leben, derart sind, dass diese selbst den Schutz eines
höher stehenden Volkes herbeiwünschen, machen sich ihre ängstlichen
Gemüter doch allerhand entsetzliche Vorstellungen von dem, was
geschehen könnte, wenn die ihnen so fremden Weissen, die so mächtig
sind, dass sie in Krankheitsfällen und auf gefährlichen Bergspitzen
den bösen Geistern zu widerstehen vermögen, in ihr Land einziehen. Um
daher einen politischen Einfluss auf die Stämme zu gewinnen, mussten
wir nicht nur alles vermeiden, was bei ihnen Unwillen oder Schreck
erregen konnte, sondern auch alles daransetzen, um ein vertrauliches
Verhältnis mit ihnen anzubahnen.
Nach meiner ärztlichen Praxis waren es die Samenlungen auf den
verschiedenen Gebieten der Wissenschaften, die uns mit der Bevölkerung
in intimen Verkehr brachten. Sie boten ausserdem einen zweiten grossen
Vorteil, indem sie den Teilnehmern der Expedition, sowohl den weissen
als den farbigen, ständig Beschäftigung verschafften. Für einander
fremde, auf niedriger Entwicklungsstufe stehende Menschen ist es
ungemein schwierig, unbeschäftigt lange Zeit friedlich miteinander
zu verkehren.
Da. ich nun hauptsächlich Malaien bei mir hatte, die als Mohammedaner
ohnehin auf die heidnischen Bahau herabsehen und von alters her
daran gewöhnt sind, auf deren Auffassung von Eigentum, Anstand
u.s.w. nicht zu achten, trachtete ich von Anfang an danach, meine
Leute durch Ableitung in Banden zu halten. Eine grosse Versuchung
bildete für meine stattlichen Reisegenossen auch der Umgang mit den
Frauen, von denen sich besonders die Mädchen für sie interessierten
und die, bei der grossen Freiheit, die sie in dieser Beziehung in
ihrer Gesellschaft geniessen, aus ihren Gefühlen keinen Hehl machten.
Nachdem ich die Leute anfangs selbst auf die grosse Gefahr eines
Verkehrs mit Frauen hingewiesen hatte, waren sie später verständig
genug, zu Eifersucht und eventuellen Racheakten keinen Anlass zu geben.
Unsere Sammlungen brachten der Bevölkerung einen bedeutenden
materiellen Vorteil, denn für die dafür erforderlichen Exkursionen
hatten wir Führer und häufig auch Träger nötig, so dass viele Männer
monatelang bei uns einen Verdienst fanden; inzwischen fingen die
Frauen und Kinder während der Feldarbeit allerlei Tiere, die sie
uns für Nadeln, Perlen und andere kleine Dinge verkauften. Jeder,
der sich photographieren liess, bekam eine Belohnung, und selbst,
wenn der eine oder andere etwas Interessantes erzählt hatte, verlangte
er nachher eine Kleinigkeit.
Sobald die jungen Leute begriffen hatten, dass wir junge, seltene
Pflanzen, die auf eine bestimmte Weise aus dem Boden genommen waren,
gern kauften, benützten sie ihre freie Zeit, um für uns sammeln zu
gehen, und ihnen verdanken wir auch manchen seltenen Fund.
Ferner lieferte der Verkauf von Ethnographica vielen ein Mittel,
um sich aus unseren Vorräten einen gewünschten Gegenstand zu erwerben.
Gleichwie die Stämme am Mendalam, waren auch die am Mahakam anfangs
durchaus nicht geneigt gewesen, mir irgend etwas von ihrem Besitz zu
verkaufen. Unter einander sind sie nämlich kaum daran gewöhnt, mit
etwas anderem als mit Reis und anderen Nahrungsmitteln Tauschhandel zu
treiben; denn jede Familie verfertigt ihre Kleider und Gerätschaften
selbst und ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur in besonderen Fällen,
wenn es sich um ein Kunstwerk handelt, wendet man sich an einen
Fachmann, wie einen Schmied oder Schnitzer. Daher konnten sie sich
anfangs nicht entschliessen, mir ein Messer, einen Korb oder eine
Matte abzutreten; hierzu trat auch noch Misstrauen, da die Leute nicht
begriffen, zu welchem Zwecke ich alle diese Gegenstände kaufen wollte.
Nun befand ich mich jedoch zum zweiten Mal in ihrer Mitte. Zweifellos
hatten es nach meiner vorigen Abreise viele Leute bereut, die gute
Gelegenheit, für sie wertlose Gegenstände zu hohem Betrag zu verkaufen,
nicht benützt zu haben; denn jetzt kamen sie während unseres ganzen
Aufenthaltes, von Kindern, die noch kaum laufen konnten, an bis zu
weisshaarigen Alten, mit allerhand Dingen, von denen sie glaubten,
dass sie uns interessieren könnten. Öffnete ich einen Packen Perlen von
einer neuen Art oder ein besonders schönes Stück geblümten Kattuns, so
entschloss sich so mancher, uns einen geliebten Gegenstand abzutreten,
falls wir Reis, Eier oder Früchte als Kaufpreis nicht genügend fanden.
Beim Einkauf der Ethnographica ging ich, soweit Umstände und Mittel
es erlaubten, darauf aus, nicht nur alles, für das tägliche Leben
den Eingeborenen Notwendige, sondern auch alles, was ihnen zur
Verschönerung ihres Daseins dient, zu erwerben. Schon früher war es
mir aufgefallen, dass die Bahau in der Herstellung von Gegenständen,
die sich durch Form und Farbe auszeichnen, eine hohe künstlerische
Entwicklung erlangt haben. Dies ist besonders bei den Gegenständen der
Fall, für die sie bei den Malaien einen Absatz und daher auch einen
Ansporn zu weiterer Vervollkommnung finden, wie z.B. im Schnitzen
von Schwertgriffen und im Schmieden von Schwertern. Diese schönen
Industrieprodukte der Bahau geben uns daher eine Vorstellung von dem,
was sie leisten könnten, wenn die Umstände ihnen die nötige Anregung
verschafften.
Indem ich sehr hohe Belohnungen für besonders schöne Gegenstände
aussetzte, suchte ich denn auch den Arbeitseifer der Künstler im
Stamme anzuspornen, und diesem Verfahren habe ich in der Tat einige
aussergewöhnlich schöne Stücke zu danken. Hierbei beschränkte ich
mich natürlich darauf, den gewünschten Gegenstand anzugeben; die Art
der Verzierung und Ausführung überliess ich ihnen vollständig.
Leider stiess ich gerade bei der Erwerbung der interessantesten
Kunstprodukte auf besondere Schwierigkeiten, die auch durch hohe
Preise nicht zu überwinden waren. Die oft wundervoll geschnitzten
Kindertragbretter (_hawat_) werden z.B. nicht verkauft, weil die Seele
des Kindes lange Zeit in ihnen haust; das gleiche gilt für andere
dem Kinde gehörige Gegenstände. Daher musste ich, hauptsächlich bei
den Kajan am Mendalam, derartige Dinge neu herstellen lassen. Bei den
Kajan am Mahakam wagt man es nicht, die Kleider unerwachsener Kinder zu
verkaufen; mit den Tragbrettern ist man hier dagegen weniger ängstlich.
Glücklicher Weise waren die Schwertgriffe aus Hirschhorn käuflich,
allerdings nur zu hohen Preisen, da die Malaien, die, sobald sie
Geld besitzen, sehr freigebig sind, für diese Kunstgegenstände stets
viel übrig haben. Am Mendalam kosteten schön gearbeitete Griffe bis
zu 10 Dollar das Stück; am oberen Mahakam musste ich für ein altes,
schönes Exemplar 25 fl. bezahlen.
Am Mahakam erregten hauptsächlich die Frauenarbeiten meine
Aufmerksamkeit, die geschmackvollen Perlenverzierungen für
Kindertragbretter, Mützen und Hüte und die Stickereien auf Röcken und
Lendentüchern. Als die Bevölkerung sich bei meinem zweiten Besuch
an den Handel mit mir gewöhnt und den eigenen Vorteil eingesehen
hatte, suchte sie für schöne Dinge einen möglichst hohen Preis
herauszuschlagen. Dass man oft viel Zeit nötig hat, um eines bestimmten
Gegenstandes habhaft zu werden, möge man daraus ersehen, dass ich wegen
einer hübschen Perlenmütze zwei Jahre lang unterhandelte, wegen einer
anderen zehn Monate; eine dritte konnte ich überhaupt nicht erlangen.
Wie eingangs bereits erwähnt worden ist, mussten wir uns bei der
Ausrüstung auf das Notwendigste beschränken, da, besonders beim
Landtransport, jedes Gepäckstück in Betracht kam. Am meisten wurde
hierdurch die zoologische Sammlung getroffen, für die man sowohl
Konservierungsmittel als Flaschen und Büchsen mitführen musste. Ich
nahm mir daher vor, an Säugetieren, die ohnehin schon bekannt waren,
nur sehr wenige und dann mir sehr kleine mitzunehmen; für meine
Jäger sollte das Sammeln von Vögeln, deren Bälge wenig wogen, leicht
zu verpacken waren und als Konservierungsmittel nur Arsenikseife
erforderten, die Hauptaufgabe bilden. Sobald wir denn auch an einem
Orte länger verweilten, begab sich _Doris_ mit einigen bewaffneten
Schutzsoldaten und einem Führer auf die Vogeljagd. Um die Anzahl
der Bälge zu beschränken und die Munition zu sparen, durften von
den gewöhnlichen Vogelarten nur je 6 oder 8 Exemplare gesammelt
werden; trotzdem wuchs unsere Sammlung doch noch auf 1400 bis 1500
Exemplare an.
Mühsam war die Konservierung von Insekten, die trocken aufbewahrt
werden mussten, da die Leute sie uns, besonders anfangs, bei der
Rückkehr von der Feldarbeit in grosser Anzahl brachten und die
Witterung nicht immer ein Trocknen in der Sonne zuliess. Dazu kam
noch, dass wir uns auf dem ersten Teil unserer Reise ohne Naphtalin
behelfen mussten, weil man den Vorrat aus Versehen nach Samarinda
geschickt hatte.
An flüssigen Konservierungsmitteln hatte ich hauptsächlich Formol
und nur sehr wenig Spiritus mitgenommen, weil Formol mit Wasser
verdünnt seinen Zweck meist gut erfüllt, wenn man nur dafür sorgt,
dass es in hermetisch schliessenden Flaschen mitgenommen wird und
dass die Flaschen mit den Präparaten sogleich völlig gefüllt werden,
so dass nicht durch Sauerstoff eine Umsetzung in Ameisensäure bewirkt
werden kann. Für die Aufbewahrung von Reptilien, Amphibien und
hauptsächlich von Fischen erwies sich eine Lösung von 1 Teil Formol
auf 5 Teile Wasser als am geeignetsten. Bringt man die Tiere lebend
oder unmittelbar nach dem Tode in das Konservierungsmittel und trifft
man die erwähnten Vorsichtsmassregeln, so erhalten sich die Farben
mindestens zwei Jahre lang; nur die ausgesprochenen Metallfarben
verschwinden auch in Formol. Auch die Farben gereinigter und
abgeschnittener Schnäbel und Füsse zerschossener und daher wertloser
Vögel, die beim Trocknen meist schwarz werden, erhalten sich gut
in Formol.
Während sehr kleine Tiere unverletzt bewahrt werden können, muss
man an Fischen, Reptilien und Amphibien einen mindestens 2 cm langen
Bauchschnitt ausführen und ein Schliessen der Öffnung mittelst eines
Querhölzchens verhindern.
So weit möglich liess ich unsere Konservenbüchsen und -Flaschen
gebrauchen; für grössere Tiere liess ich aus Blech Behälter herstellen.
Zum Schliessen der Flaschen benützten wir stets Harz, das zerstossen
und mit Petroleum angefeuchtet eine teigige Masse liefert, mit der
Glas- und Metallgefässe luftdicht verschlossen werden können. Da
Harz stets zu finden und Petroleum meist auch vorhanden ist, kann
dieses Verschlussmittel sehr empfohlen werden; wir benützten es auch,
mit Kapok oder Werg gemischt, um unsere Stahlkoffer wasserdicht
zu schliessen.
Für Fische und kleine Tiere hatte ich 3 Kisten mit cylinderförmigen
Gläsern von 200-500 ccm Inhalt mitgenommen; schraubbare Metalldeckel
verschlossen mittelst eines von innen angebrachten Kautschukstreifens
die Gläser luftdicht; sicherheitshalber wurden sie aber auch noch mit
einem Harzring umgeben. In diesen Gläsern haben sich besonders Fische,
Reptilien und Amphibien jahrelang gut gehalten, auch, als ich später
nicht mehr im stande war, das Formol zu erneuern.
Während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam wurde ich beim
Sammeln ständig von der Bevölkerung unterstützt, nur sah sie es nicht
gern, dass wir ihre wahrsagenden Tiere töteten. So bedauerten es die
Kajan lebhaft, dass _Doris_ zwei _hisit_ (Anthreptes malaccensis)
und zwei _telandjang_ (Platylophus coronatus) geschossen hatte. Als
später bei den Kenja das gleiche geschah, wurde der _telandjang_,
während er zum Trocknen hing, gestohlen, was sonst nie vorkam. Ich
hielt es für geratener, kein Wort darüber zu verlieren und das Töten
dieser Tiere zu verbieten. Obgleich auch die Rehe zu den wichtigen
wahrsagenden Tieren gehören, schienen die Bahau doch nichts dagegen
zu haben, dass ich sie schoss. Ihre _djelewan_, die Schlange mit
dem roten Kopf, Bauch und Schwanz, wagten sie weder lebend noch
tot anzurühren. Zum Entsetzen der Bahau töteten wir auf dem Wege
von Kapuas zum Mahakam eine _djelewan_ in unserer Hütte und legten
sie in eine Flasche mit Formol. Da keiner die Flasche tragen wollte,
versteckte ich sie in einer der Kisten, ohne dass sie es sahen. Später
schrieb die Bevölkerung den Erfolg meiner Expedition zum grossen Teil
dem Besitz dieser Schlange zu und ich musste sie so häufig vorzeigen,
dass ich mich zuletzt weigerte.
Eine besondere Furcht flösst den Bahau ein Halbaffe (Tarsius spectrum)
ein, der tagsüber bewegungslos auf einem Baumstamm sitzend den
Vorübergehenden mit seinen grossen Nachtaugen anstarrt und den
Kopf weit nach rückwärts zu drehen vermag; keiner wagte es, dieses
ungefährliche Tierchen zu töten. Zu den Tieren, welche der Aberglaube
schützt, gehört auch der grosse Erdwurm, der im stande ist, Töne
auszustossen; er soll die Fruchtbarkeit der Felder befördern, wir
konnten daher kein Exemplar erhalten.
Bis zum Jahre 1899 verursachte uns das Sammeln wenig Mühe; während
unseres Zuges an die Ostküste jedoch wurden die Kajan von verschiedenen
Unglücksfällen betroffen, und ein Priester der Pnihing, der den Ruf
genoss, durch Träume prophezeien zu können, erklärte die Unglücksfälle
für eine Strafe der Geister, weil die Kajan für uns so viele Insekten
getötet hatten. Im Grunde war der Priester nur neidisch auf den
Verdienst der Kajan, den diese sich durch das Sammeln von Tieren
verschafften. Nach unserer Rückkehr zu den Mahakam Kajan wagten sie
uns kein einziges Insekt mehr zu bringen, obgleich ich eine Verstimmung
hierüber nicht bemerkte.
Einfacher gestaltete sich das Sammeln auf botanischem Gebiet. Die
Anlage eines Herbariums und einer Sammlung lebender Pflanzen
betrachtete ich als die Hauptsache und nahm daher aus dem botanischen
Garten von Buitenzorg zwei Malaien, einen Mantri, _Sekarang_,
und einen Pflanzensucher, _Amja_, mit, die beide im stande waren,
selbständig ihre Arbeit auszuführen. Meine Aufgabe bestand daher nur
darin, ihnen für ihre botanischen Exkursionen Führer und Träger zu
verschaffen und etwas Aufsicht zu üben.
Belehrt durch unsere Erfahrungen von der Reise 1896-97 gelang es uns
diesmal am oberen Mahakam, eine Sammlung der verschiedensten Pflanzen,
und zwar 500 Exemplare, lebend aus dem Innern Borneos nach Buitenzorg
zu transportieren. Dabei hatten die am Anfang unseres Zuges am Blu-u
gesammelten Pflanzen sechs Monate lang dort gepflegt werden müssen.
Beim Aufbewahren lebender Pflanzen verfuhren wir folgendermassen: wenn
möglich, wurden junge Exemplare aus dem Boden genommen und zwar so,
dass, um die feinen Wurzelenden nicht zu verletzen, gleichzeitig auch
eine grössere Menge Erde herausgehoben wurde. Zu Hause angekommen
setzten wir die Pflanzen sogleich in Bambuskörbe in eine Erde,
die aus Humus, Flusssand und etwas feiner Holzkohle bestand. Die
gleiche Erde wird in Buitenzorg in den Treibhäusern benützt. Unter
dem dichten Laubwerk der Fruchtbäume bei der Wohnung der Malaien
wurde ein Grundstück vor Besuchen von Kindern, Hunden, Schweinen und
Hühnern durch Bambuslatten geschützt und die Pflanzen unverdeckt auf
Holzgestellen niedergesetzt und täglich versorgt. Auf diese Weise
kamen während unseres Aufenthaltes am Mahakam nur wenige Pflanzen
um. Bei unserer Abreise zur Küste wurden die Körbe mit den Pflanzen
in Holzkisten von ungefähr 4 × 6 dm Bodenfläche und 5 dm Höhe dicht
neben einander gesetzt. Die Kisten hatte ich grösstenteils an Ort
und Stelle anfertigen lassen.
Die ganze Sammlung umfasste 37 derartiger Kisten; sie wurde in ein
grosses Boot gesetzt und mittelst eines Palmblattdaches vor Sonne und
Regen geschützt. An jedem Ort, wo wir länger als eine Nacht blieben,
wurden alle Kisten aus dem Boot genommen und ans Ufer getragen,
wo man die Pflanzen im Schatten der frischen Luft aussetzte. Für
die Seereise wurden die Kisten mit Rotangschirmen, über die weisser
Kattun gespannt worden war, überdeckt. Durch ständiges Benetzen
des Kattuns blieb die Atmosphäre unter diesem Dach auch während der
Hitze auf der Seereise und später während der Eisenbahnfahrt stets
genügend kühl. Obwohl zwischen der Abreise vom Blu-u und der Ankunft
in Buitenzorg zwei Monate lagen, hatten sämmtliche Pflanzen in dieser
Zeit doch nur wenig gelitten.
Die Ausrüstung für das Herbarium bestand hauptsächlich in grobem
chinesischem Packpapier, das sich zum Pflanzentrocknen sehr gut eignet.
Während eines Aufenthaltes auf einem freien Platz, wie eine
Bahauniederlassung ihn bietet, konnte man die Pflanzen der Sonne
aussetzen; in der feuchten Waldatmosphäre jedoch mussten sie zwischen
vielen Bogen Papier vorsichtig über dem Feuer getrocknet werden.
Grosse fleischige Früchte, die sich zum Trocknen nicht eigneten, und
Blüten, die eine besondere Aufbewahrung verlangten, wurden ebenfalls
in eine Formollösung gelegt. Die Farben der Orchideenblüten erhielten
sich auffallend gut in einer Formollösung im Verhältniss von 1 : 5.
Unerwartete Schwierigkeiten bot das trockene Aufbewahren von
Früchten und Samen zwecks späteren Aussäens. Trotz der sorgfältigen
Behandlung, die sie seitens der hierin erfahrenen Javaner erfuhren,
hatten bei Ankunft in Buitenzorg doch beinahe alle die Keimkraft
verloren. Der Grund hierfür lag nicht in der Behandlung, sondern
in der Eigentümlichkeit der Samen vieler tropischer Pflanzen, in
beträchtlich kurzer Zeit die Keimfähigkeit einzubüssen; wir hätten
daher die Samen sogleich aussäen und später die jungen Pflänzchen
transportieren sollen.
Die vielen kleineren Ausflüge, die wir während unseres Aufenthalts am
Blu-u zu benachbarten Stämmen unternahmen, kamen mehr den botanischen
als den zoologischen Sammlungen zu gute. Wir beobachteten immer
wieder, dass eine bestimmte Gegend zahlreiche ihr eigene Pflanzenarten
besass, denen wir an einem anderen Orte nie wieder begegneten. In
dem so gleichförmig aussehenden Urwald trafen wir hauptsächlich
auf bestimmten Bergen eine eigene Vegetation, die auf gleichartigen
benachbarten Bergen nicht mehr zu finden war.
Da wir mit Rücksicht auf die Reise nach der Küste und der in diesen
tiefgelegenen Gebieten und auf Java herrschenden Wärme die lebenden
Pflanzen in unserem Kulturgarten in keinen zu tiefen Schatten
setzen durften, zeigten viele Arten die eigentümliche Erscheinung,
dass bereits bei ihren ersten neugebildeten Blättern die prachtvolle
metallblaue Färbung zu schwinden begann. Diese Färbung, die vielen
Arten von Farren, Aroïdeen, Dracaeen, Begonien u.a. eigen, ist somit
von der im Urwald herrschenden Feuchtigkeit und Dunkelheit abhängig
und verschwindet unter veränderten Umständen sehr bald, um einem
reinen Grün Platz zu machen.
Während ich mich in bezug auf Zoologie und Botanik darauf beschränkte,
die Anlage und Pflege der Sammlungen und die Aufzeichnungen zu
beaufsichtigen und Notizen und Etiquetten oft selbst zu schreiben,
ging ich, um eine Vorstellung von der geologischen Formation des
oberen Mahakamgebietes zu erhalten, selbst darauf aus, Gesteine zu
sammeln und ihre Fundorte zu untersuchen.
Diese wie auch die anderen Sammlungen wurden so angelegt, dass sie
später von Fachleuten bearbeitet werden konnten.
Die geologischen Untersuchungen nahm ich während der Exkursionen
vor, die wegen der topographischen Aufnahme des Mahakamgebietes
stattfanden. Während _Bier_ die eigentliche Aufnahme ausführte,
beschäftigte ich mich mit eigenen Beobachtungen.
Als Ausrüstung hatte ich folgende Gegenstände mitgenommen: zwei Sätze
geologischer Hämmer, einen Schmiedehammer, einen geologischen Kompass
und Höhenbarometer und für die Verpackung der Handstücke sehr starke
Leinwand und Metallnummern. Die Erfahrung hatte mich auf den beiden
früheren Expeditionen gelehrt, dass das zum Aufbewahren von Gesteinen
so häufig gebrauchte Packpapier für die Tropen ungeeignet ist, weil es
bei einer Bewegung der aufeinander liegenden Stücke leicht durchreibt,
besonders wenn es feucht wird, was auf langdauernden Reisen, wie den
unsrigen, kaum zu vermeiden war; ausserdem wird Papier leicht von
Ameisen, Termiten und anderen Tieren aufgefressen. Aus den gleichen
Gründen fand ich es unpraktisch, Etiquetten aus Papier zu gebrauchen,
die überdies nur an sehr trockenen Steinen haften bleiben und schnell
unleserlich werden. Ich verpackte die Stücke daher in starke Leinwand,
band sie mit einer Schnur fest und versah sie mit einer Metallnummer,
die mit derjenigen meiner Aufzeichnungen übereinstimmte.
Den geologischen Beobachtungen kam es sehr zu statten, dass wir, wenn
irgend möglich, grosse und kleine Flüsse als Reisewege zu benützen
suchten. Hierdurch befanden wir uns stets an den einzigen Stellen, die
uns über die geologische Formation des Gebietes, das wir durchreisten,
Aufschluss geben konnten. Da mit Ausnahme der beinahe senkrechten,
das Tal begrenzenden Felswände das ganze Gebiet des oberen Mahakam mit
Urwald bedeckt ist, wird das unterliegende Gestein nahezu gänzlich
vor Erosion geschützt. Nur die feinsten Teilchen werden von dem
ablaufenden Regenwasser mitgeführt, alle grösseren Stücke bleiben
liegen. Daher stösst man im Walde zuerst auf eine Humusschicht von
wechselnder Dicke, die der Tiefe zu immer mehr mit verwitterten Teilen
des unterliegenden Gesteins vermischt ist. In unverwittertem Zustand
trifft man das Gestein erst in einer Tiefe von vielen Metern an, daher
ist es, um eine Übersicht über die geologische Beschaffenheit eines
grösseren Gebietes zu erlangen, praktisch nicht erreichbar. Selbst
an den steilen, aber bewachsenen Bergabhängen und oben auf den
oft nur 1/2-2 m breiten Bergrücken findet man kein unverwittertes
Gestein; man trifft es hier als eine Anhäufung loser, verwitterter
Stückchen in einem Sack von Pflanzenwurzeln. Das ursprüngliche
Gestein tritt hauptsächlich in den Flussbetten zu Tage. Hier ist das
Wasser ständig damit beschäftigt, das unterliegende, feste Gestein
von den stark verwitterten Lagen zu befreien; alles kleinere vom
Ufer abgebröckelte oder von Bergstürzen herrührende Gestein wird
abwärts geführt. Dies geschieht hauptsächlich, wenn die grossen
Wassermassen eines tropischen Regens in den Gebirgsbächen unter
heftigem Gefälle abwärts stürzen; derartiges Gestein wird dann mit
Macht übereinandergeworfen und fortgeführt, wodurch es gleichzeitig von
allen lockeren, verwitterten Teilen entblösst und glatt geschliffen
wird. Vom Ursprung der Quellflüsse an bis zur letzten Geröllbank an
der Flussmündung bedeckt dieses Geschiebe, stets kleiner und kleiner
werdend, das ganze Flussbett.
Man findet daher in den Flussbetten sowohl festes Gestein, das in
grösserer oder kleinerer Ausdehnung an den Ufern blossgelegt wird,
als auch in den Geröllbänken eine Übersicht über das im Flussgebiet
aufwärts anstehende Gestein. Beginnt man somit in den verschiedenen
Nebenflüssen ein Stück weit oberhalb ihrer Mündungen die verschiedenen
Gesteinsproben zu sammeln und ausserdem das blossliegende, feste
Gestein bis zur Quelle hinauf zu untersuchen, so kann man zu einer
für die Tropen möglichst exakten Vorstellung der geologischen
Beschaffenheit eines Gebietes gelangen. Dieses Verfahren ist von
besonderem Wert, wenn man es, wie es am oberen Mahakam der Fall ist,
mit einem grösstenteils nicht vulkanischen Gebirge von einfachem
Bau zu tun hat. Denn die zahlreichen Bergbesteigungen, die ich der
topographischen Aufnahme wegen ausführen musste, boten mir nur sehr
selten einen neuen Einblick in die geologische Formation des Gebirges;
das Gestein, das wegen der alles überdeckenden Buschvegetation nur
hier und da frei zum Vorschein kam, lieferte mir nur eine willkommene
Bestätigung meiner im Flussbett gemachten Beobachtungen. Wichtiger war
es, von den Berggipfeln, auf denen man die Bäume gefällt hatte, eine
Übersicht über das ganze Gebiet zu erlangen. Von hier aus liessen sich
die Wirkungen der Erosion verfolgen, auch zogen eigenartig gebildete
Berge oder Bergketten die Aufmerksamkeit auf sich und veranlassten
besondere Untersuchungen. Diese waren hauptsächlich bei Formationen
aus weichem Kalkstein wichtig, da letzterer bereits in geringem
Abstand von seinem Standort durch die Gebirgsströme vernichtet wird.
Die Erklärungen, die sich die Eingeborenen über unser Sammeln von
Gesteinen bildeten, waren sehr mannigfaltig. Dass es uns um Goldsuchen
zu tun war, hielten sie für das Wahrscheinlichste; sie suchten
zwar selbst am oberen Mahakam kein Gold, hatten aber von den Malaien
gehört, dass wir darauf ausgingen. Als es sich herausstellte, dass ich
Gestein der verschiedensten Art mitnahm, glaubte die Bevölkerung in
mir einen Alchimisten zu sehen, der bei der Heimkehr alles Gestein
zusammenschmelzen und daraus Gold herstellen würde. Auch diese
Auslegung kam mir malaiischen Ursprungs vor. Von dieser Anschauung
beherrscht gingen die Bahau auf unseren Exkursionen daher häufig
darauf aus, Gestein zu suchen, das Pyrit oder Glimmer enthielt,
weil sie diese für Gold ansahen. Obwohl sie selbst Flusssteinen von
besonderer Form, mit einem Loch in der Mitte oder mit eigenartiger
Krümmung, eine beschirmende Kraft zuschreiben und sie als Sitz eines
bestimmten Geistes ansehen und obwohl sie auch hübsches Gestein,
wie den _batu boh_ aus dem Boh, als Schnallen für Schwertgürtel und
als Perlen schleifen, konnten die Bahau doch mein Interesse für das
Gestein an sich nicht begreifen. Nur selten widersetzten sich die
Leute dem Sammeln der Gesteine,' trotzdem sie oft unter der Last,
die sie zu tragen bekamen, stöhnte.
An einigen Stellen des Flussufers, wo Geister hausen sollten, bat man
mich allerdings, mit meinem Schmiedehammer keine Stücke abschlagen
zu lassen, was ich denn auch nicht tat. An einigen anderen: Orten,
wie in dem Flüsschen Tasan beim Berge Situn, wo die Ufer aus dunklen,
senkrechten Felswänden bestehen, ergriffen alle Bahau die Flucht,
als ich die Malaien einige Kalkstücke abschlagen liess.
Die topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes stiess, der
eigenartigen Umstände wegen, unter denen sie vorgenommen werden musste,
auch auf besondere Schwierigkeiten. Bevor wir unser eigentliches
Arbeitsfeld erreichten, hatten wir Bootfahrten auf kleinen, wilden
Gebirgsbächen und Landzüge durch den Urwald im Quellgebiete des Kapuas
auszuführen, daher war es unmöglich gewesen, für die Bestimmung des
Meridians eines Ortes Chronometer mitzunehmen, weil diese durch die
Erschütterungen, denen sie während der Reise ausgesetzt gewesen wären,
ihre Zuverlässigkeit eingebüsst hätten.
Die Möglichkeit, mittelst astronomischer Beobachtungen die Lage
eines Ortes zu bestimmen, war somit ausgeschlossen und wir waren
darauf angewiesen, an die topographische Aufnahme des Kapuasgebietes,
welche nach neunjähriger Arbeit (1886-1895) von dem topographischen
Institut der indischen Armee in Batavia ausgeführt worden war,
anzuknüpfen. Während dieser Aufnahme waren bis zur Mündung des
Kréhau Punkte astronomisch bestimmt und von diesen aus mittelst
Triangulation die wichtigsten Bergspitzen fixiert worden, um als
Anhaltspunkte für Detailaufnahmen zu dienen. Um diese vorzunehmen,
hielten sich die Topographen monatelang in den unbewohnten Gebieten
des oberen Kapuas auf.
Wie bereits im Kapitel XI berichtet worden ist, hatte der Topograph
_Werbata_ 1893 den Weg zum Penaneh genau gemessen; da dieser Weg
aber für unsere Verhältnisse zu beschwerlich war, hatten wir den
nördlicheren zum Howong einschlagen müssen. Hätten wir mehr Zeit
gehabt, so wäre es möglich gewesen, den zurückgelegten Weg direkt zu
messen; da dies nicht der Fall war, mussten wir selbst einen Punkt
suchen, den wir durch Anpeilen bereits bestimmter Berge im Kapuasgebiet
zum Fixpunkt machen konnten. Daher scheuten wir keine Mühe, um auf
der Wasserscheide nach einem derartigen Punkt zu suchen, den wir in
der Tat auch fanden. Somit eröffnete sich uns die Aussicht, von hier
aus durch direkte Messung des zurückgelegten Weges eine Grundlage
für die weitere Aufnahme des ganzen Mahakamgebietes zu erhalten.
Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise feststellen können, dass
das ganze Flussgebiet des oberen Mahakam, in gleicher Weise wie der
übrige Teil Mittel-Borneos, aus einem Berg- und Hügelland ohne Ebenen
besteht, das von zahlreichen Flüssen durchschnitten wird und ausser an
den Stellen, wo die Bahau ihn zur Anlage von Reisfeldern gefällt haben,
mit dichtem Walde vollständig überdeckt ist. Auch hatte ich mich bald
davon überzeugt, dass wir von Landwegen nur sehr geringen Gebrauch
würden machen können und dass wir den Mahakam und seine Nebenflüsse als
wichtigste Reisewege würden benützen müssen. Da sich nur an den Ufern
des Hauptstromes und einiger Nebenflüsse Niederlassungen befinden,
mussten, um weiter abgelegene Beobachtungspunkte zu erreichen,
besondere Expeditionen ausgeführt werden.
Mit Rücksicht auf die noch unbekannten Verhältnisse, denen wir auf der
Reise begegnen würden, und auf den Zweck unserer Reise, war es nicht
möglich, von vorn herein einen festen Plan für die topographische
Aufnahme auszuarbeiten. Die Umstände sollten bestimmen, wie lange wir
am oberen Mahakam bleiben konnten und welche Züge wir in dieser Zeit
zwecks der topographischen Aufnahme oder aus politischem Interesse
würden unternehmen können. In jedem Falle musste auf eine feste
Grundlage gebaut werden und, da das Messen des Weges sehr wohl möglich
erschien, wurde beschlossen, von dem Fixpunkt auf der Wasserscheide
aus den Landweg längs des Howong bis an den Mahakam und dann diesen
Fluss selbst direkt zu messen. Im übrigen sollte die Zukunft lehren,
in wie weit es möglich sein würde, durch Messen von Seitenwegen zu
Wasser und zu Lande, durch Anpeilungen von Fixpunkten aus und durch
Bergbesteigungen die Aufnahme dieses ausgedehnten Gebietes auszuführen.
Der Topograph _Bier_ hatte sich für die Aufnahme mit einem Theodolit
Tranche-Montagne, mit dem Azimuth und Höhe bestimmt werden konnten,
und mit 3 m langen Massstäben, auf welchen eine Skala in Centimetern
angegeben war, ausgerüstet. Im Fernrohr des Tranche-Montagne waren
Kreuzfäden und Horizontalfäden gespannt, in solch einem Abstand,
dass dieser mit der Anzahl Centimeter auf der Skala des Masstabes,
welche man zwischen ihnen auf 100 m Distanz ablas, in einfachem
Verhältnis stand. 100 Meter Abstand entsprachen 100 Centimetern auf
der Skala. Eine Messkette hatten wir nicht mitgenommen, da unser Weg
grossenteils zu Wasser zurückgelegt wurde und von einer regelrechten
Triangulation des Gebirgslandes keine Rede sein konnte.
Zur Kontrolle für die Höhenbestimmung durch direkte Messung mittelst
des Theodolits war ich mit zwei guten Aneroidbarometern und einem
Hypsometer ausgerüstet, an denen an allen wichtigen Punkten Ablesungen
gemacht wurden.
Einer der Aneroidbarometer von der Firma _Kipp en Zonen_ in Delft
stimmte mit dem Hypsometer auf jeder Höhe überein; er hatte bereits
die Reise 1896-1897 mitgemacht und war damals in der Sternwarte zu
Leiden verifiziert worden.
Während der Reise wurde eine Abweichung des Kompasses des Theodolits
nur ein einziges Mal am Blu-u festgestellt, was teilweise auch dem
Umstand zugeschrieben werden muss, dass der Himmel selten unbewölkt
genug war, um während eines grossen Teils des Tages den Stand der
Sonne mit genügender Schärfe mittelst des Fernrohres bestimmen zu
können. Diesem Umstand muss vielleicht zugeschrieben werden; dass
bei der Zeichnung der Karte im Massstab von 1 : 20000 die Länge des
Mahakam bis zum astronomisch bestimmten Punkte Ana sich als richtig
erwies, die Richtung jedoch um einen Grad nach Süden abwich.
Die Aufnahme des Landweges bereitete unserem Topographen, der jahrelang
in dem waldbedeckten Gebirge Mittel-Sumatras gearbeitet hatte, keine
Schwierigkeiten. Einer der ursprünglich 3 m langen Massstäbe wurde auf
die Hälfte verkürzt, um auf den Waldpfaden seiner Länge wegen nicht
hinderlich zu sein, ferner wurde etwas mehr Zeit darauf gewendet, um
die gewundenen, steigenden und fallenden Pfade in kleinen Abständen
messen zu können. Anders verhielt es sich mit dem Messen des Mahakam
selbst, da die langen, schmalen Böte der Bahau zum Aufstellen des
Theodolits nicht stabil genug sind. Auch das Aneinanderbinden mehrerer
Böte war wegen der zahlreichen Verengungen und Stromschnellen im
Fahrwasser sehr beschwerlich. Daher musste der Topograph auch bei
der Flussmessung zum Aufstellen seines Instrumentes das feste Ufer
wählen. Die Gehilfen, die in gesonderten Böten die Massstäbe hielten,
lernten es bald, sich entweder mit ihren Böten zwischen Felsblöcken
und Geröllbänken festzusetzen oder am Lande eine passende Stelle
zu finden. In der Regel waren drei Böte erforderlich: eines für den
Topographen und zwei für die Gehilfen. Indem _Bier_ einen Massstab
oberhalb und einen unterhalb seines eigenen Standplatzes aufstellen
liess, konnte er von einem Punkte aus zwei Abstände im Flusse
messen. Der stromaufwärts befindliche Gehilfe suchte sich, während
der Topograph den stromabwärts befindlichen Massstab visierte, mit
seinem Bote einen passenden Punkt weiter unten im Fluss aus, worauf
der Topograph wiederum zwischen beiden Stand fasste und erst den jetzt
flussaufwärts befindlichen Massstab visierte dann den flussabwärts
befindlichen u.s.f.
Dadurch, dass _Bier_ seine Messungen stets von dem am weitesten
flussaufwärts gelegenen Punkt aus begann, lief er am wenigsten Gefahr,
durch plötzliches Hochwasser aufgehalten zu werden, auch konnten sich
die Böte mit dem Strome schnell abwärts bewegen.
Dank der langen Zeit von beinahe zwei Jahren, die wir am oberen Mahakam
zu verbringen gezwungen waren, und der Sicherheit, mit der wir uns
bewegen konnten, gelang es dem Topographen, den Mahakam stückweise, von
seinem Ursprung an der Grenze von Serawak an bis zu dem astronomisch
bestimmten Punkt Ana am mittleren Mahakam, zu messen. Indem er den Kaso
bis zum Penaneh, dem Endpunkt der Messung des Topographen _Werbata_,
hinauffuhr, konnte er später seine Messung des Mahakamgebietes nochmals
mit derjenigen des Kapuas in Verbindung bringen.
In Anbetracht, dass der Kapuas, von Pontianak aus, seiner ganzen
Länge nach bereits gemessen war, wurde mit einer Messung des Mahakam
diejenige Borneos von West nach Ost vollendet.
Im Zusammenhang mit dieser Aufnahme wurde die Wasserscheide zwischen
Mahakam und Barito vier Mal erstiegen: im Januar 1899 längs des Blu-u
der Batu Lesong; im Juni 1899, bei der Messung des Bunut, der Batu
Ajo; im Juli 1899 von Long Deho aus das gleiche Gebirge, nördlicher;
und im April 1900, dem Mobong entlang, wiederum der Batu-Ajo, an
einer dazwischen liegenden Stelle.
Auch bei der Messung des Pahngè, eines der gebräuchlichsten
Verbindungswege mit dem Baritogebiet, gelangte der Topograph bis dicht
an die Wasserscheide. Ausser den genannten Nebenflüssen wurden auch
noch der Tjehan, Merasè und der Tepai so weit als möglich gemessen. An
Bergen wurden der Aufnahme wegen bestiegen: der Liang Tibab am oberen
Kapuas; der Lasan Tojang im Quellgebiet des Mahakam; der Batu Balo
Baun am oberen Mahakam; der Lekudjan auf der Kapuas-Wasserscheide;
der Liang Karing am Tjehan; zwei Berge am Kaso; der Batu Lesong auf
der Barito-Wasserscheide; der Batu Karang und Batu Situn am Merasè,
der Batu Mili am Blu-u und der Batu Ajo an drei verschiedenen Stellen.
Zwar suchten wir, um eine möglichst vollständige Übersicht über die
Umgebung zu erlangen, zur Besteigung freiliegende Berge zu wählen,
doch mussten wir oft auf besondere Umstände Rücksicht nehmen.
Da viele dieser Berge von den Kajan noch nie erstiegen waren, mussten
wir, von anderen Erhebungen aus, häufig selbst eine Seite aussuchen,
von der aus man den Gipfel wahrscheinlich erreichen konnte. Auf
dem Gipfel angekommen befanden wir uns in einem dichten Walde, so
dass zur Erlangung einer Aussicht erst Durchhaue ausgeführt werden
mussten. War der Gipfel sehr klein oder nur mit Gestrüpp bewachsen,
wie wir es jedoch nur einmal trafen, so wurden auf das Fällen der
Bäume einige Tage verwandt. Für gewöhnlich war dieses Verfahren aber
wegen der grossen Oberfläche des Gipfels und wegen der grossen Härte
der Gebirgsbäume nicht möglich. Wir wählten dann den höchsten Baum
aus, liessen die meisten Äste entfernen und auf den übriggebliebenen
eine feste Plattform bauen, auf der man mit Sicherheit visieren
konnte. Der Auf- und Abstieg auf der primitiven Leiter war aber
sowohl für _Bier_ als für mich ein Wagstück. In unmittelbarer Nähe
unseres Beobachtungspostens musste ausserdem stets eine grössere
Anzahl Bäume gefällt werden, weil deren Kronen die Aussicht zu sehr
beeinträchtigten.
Wegen der Abreise des Topographen _Bier_ vor dem Beginn unserer
Expedition ins Quellgebiet des Kajan konnte von einer sorgfältigen
Aufnahme dieser Gegend keine Rede sein. Dafür übernahm es der
Photograph _Demmeni_, den Weg mittelst Handbussole und Schätzung
des Abstandes zu messen, wie er es bereits während der ersten Reise
1896-1897 am Mahakam mit gutem Erfolg getan hatte.
Auch für unsere topographischen Arbeiten hatten die Eingeborenen
bald eine Erklärung gefunden oder von den Malaien übernommen, sie
glaubten nämlich, dass es uns darum zu tun sei, ihre Schlupfwinkel zu
Kriegszwecken kennen zu lernen. Wir konnten sie von ihrer Überzeugung
nicht abbringen, trotzdem wir darauf hinwiesen, dass wir uns doch
nur an die Häuptflüsse und wichtigsten Berge hielten und dass
_Bier_ seine Karte ausarbeitete, ohne ihre nächste Umgebung viel zu
beachten. Trotzdem sind wir am oberen und mittleren Mahakam nie auf
Widerstand seitens der Bahau gestossen; diese unternahmen unserer
Arbeit wegen häufig weite Reisen in ihnen selbst unbekannte Gegenden.
Anfangs hatte es allerdings den Anschein, als arbeite man uns entgegen;
denn nur selten erhielten wir über die Namen kleinerer Flüsse oder
etwas abgelegenerer Berge richtige Auskunft. Entweder behauptete
man, nichts zu wissen, oder man gab falsche Namen an. Zu unserem
Erstaunen stellte es sich aber später heraus, dass mit geringen
Ausnahmen wirkliche Unwissenheit in bezug auf alles, was sich nicht
in unmittelbarer Nähe des Stammesgebietes befand, vorlag. Selbst
hohe, die ganze Landschaft beherrschende Berge trugen nur bei den
in nächster Nähe wohnenden Stämmen einen Namen. Nur diejenigen,
die zu wiederholten Malen längs des gleichen Flusses gereist waren,
konnten mit einiger Sicherheit dessen Namen angeben.
Die meisten kamen übrigens ihr Leben lang nicht aus ihrer Umgebung
heraus und hatten für alles, was im Gebiet des benachbarten Stammes
lag, kein Interesse. Da wir uns mit Hilfe eines Bahau von einer
Bergspitze aus absolut nicht orientieren konnten, lernten wir bald,
unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen,
sowohl wenn es galt, die Identität eines Berges festzustellen,
als auch wenn ein Plan zur Erreichung eines bestimmten Punktes als
Beobachtungspunkt gefasst werden musste.
Sollten unbekannte oder gefürchtete Gegenden besucht werden, so bildete
für die Bahau nicht nur Unwissenheit, sondern auch Angst um ihre eigene
und unsere Sicherheit einen Hinderungsgrund. Unserer topographischen
Arbeit wegen mussten wir immer wieder Bergspitzen zu erklimmen suchen
und gerade vor diesen fürchten sich die Eingeborenen so sehr, weil die
Berghöhlen von bösen Geistern, hauptsächlich von den Donnergeistern,
bewohnt werden. Um die gefürchteten Unternehmungen zu verhindern,
nahmen die Bahau häufig zu falscher oder entsetzlich übertriebener
Auskunft ihre Zuflucht; den Kern von Wahrheit mussten wir selbst
herauszufinden suchen. Sobald ich aber den Zug mit einigen ihrer Männer
wirklich antrat, taten sie alles, um ihm einen guten Erfolg zu sichern.
Wenige Hilfsmittel für Untersuchungen aller Art gewähren einem
auf der Reise so viel Befriedigung als die Photographie; sie
erfordert jedoch, je nach dem Ziel, das man verfolgt, und dem Land,
das man bereisen will, eine besondere und sorgfältig gewählte
Ausrüstung. Für ein sehr feuchtes Tropenklima, wie dasjenige
von Borneo, sind Apparate von besonderer Widerstandsfähigkeit
erforderlich. Obgleich wir bei der Zusammenstellung der Ausrüstung
die verschiedensten Punkte eingehend berücksichtigten, wäre es
uns ohne die besondere Geschicklichkeit _Demmenis_ als Mechaniker,
der im stande war, bald dieses, bald jenes an der Kamera und vor
allem an den Wechselkassetten zu reparieren, nicht geglückt, länger
als einige Monate zu photographieren. Hauptsächlich erforderten die
neu aus Europa empfangenen Gegenstände, obgleich sie aus sehr gutem
Material verfertigt waren, eine ständige Ausbesserung; bald krümmten
sie sich vor Feuchtigkeit und Hitze, bald löste sich der Leim und
musste durch Schrauben ersetzt werden.
Auch in bezug auf die photographische Ausrüstung galt unser Grundsatz:
so vollständig und so leicht transportierbar als möglich. Hierbei
kamen hauptsächlich die Platten in Betracht. Als besonders geeignet
erwiesen sich die Extra-Rapid-Films 13 × 18 der Firma _Perutz_ in
München; sie hatten den grossen Vorzug, leicht und unzerbrechlich zu
sein und ein kleines Volumen einzunehmen. Der Apparat selbst bestand
aus einer für die Tropen gearbeiteten Reisekamera aus Mahagoniholz,
Format 13 × 18, auf sehr festem Stativ, versehen mit einem Anastigmat
von _Zeiss_ mit einem Momentverschluss von _Linhof_.
Die Kamera hatte mir bereits auf den beiden vorigen Reisen gedient
und war somit klimabeständig. Der lederne Balg war gegen Insekten
und Schimmel mit einer starken Lösung von arsenigsaurem Natron
eingerieben und verursachte uns während der ganzen Reise keine
Schwierigkeiten. In Verband mit der Benützung von Films gebrauchte
ich auf der Reise 1896-97 eine Wechselkassette, welche in der Tat
grosse Dienste geleistet hat, aber, wie erwähnt, nicht ohne ständige
Ausbesserung seitens des Photographen. Nachdem wir sie mit einem neuen
Sack ausgerüstet hatten, wurde sie gelegentlich auch auf der letzten
Reise gebraucht, hauptsächlich wurde aber mit einer Wechselkassette
von _Grundmann Zaspel_ gearbeitet, sie erwies sich aber, bevor
wichtige hölzerne Teile durch metallene ersetzt worden waren, als
vollständig ungeeignet für die Tropen. Für diese Wechselkassetten
mussten Filmsträger aus Aluminium gebraucht werden, in welche die
Films seitlich eingeschoben wurden. Häufig standen die Films verbogen
darin, so dass die Bilder in der Mitte oder an den Seiten weniger
scharf wurden als an anderen Stellen; hiervon abgesehen, erfüllten
sie ihren Zweck sehr gut.
Eine metallene Kamera mitzunehmen, ist sehr ratsam; jedenfalls aber
sollte man sich mit metallenen Chassis versehen; ihrer sechs werden
sich stets als genügend erweisen.
Die Extra-Rapid-Films von _Perutz_ haben mir auch, was Haltbarkeit der
Films und Deutlichkeit der Bilder betrifft, stets gut gefallen. Sobald
man nicht in der Lage ist, einen neuen Vorrat Films anzugreifen,
lernt man deren grosse Haltbarkeit schätzen; sie hatten auch nach
zwei Jahren nichts an Empfindlichkeit eingebüsst und lieferten ebenso
deutliche Bilder als zuvor. Vorsichtshalber hatte ich bereits in
der Fabrik jedes Dutzend gesondert in Zinkkästchen verlöten lassen,
so dass wenigstens der Einfluss der Feuchtigkeit ausgeschlossen war;
vor zu grosser Erhitzung suchten wir sie ebenfalls so viel als möglich
zu schützen.
Chemikalien und Gerätschaften, um die belichteten Films schon
auf der Reise entwickeln zu können, wurden in genügender Menge
mitgenommen. Das Entwickeln wurde denn auch stets, sobald Aussicht
vorhanden war, das Negativ vollständig abarbeiten zu können,
baldmöglichst vorgenommen. Als Entwickler diente fast ausschliesslich
Hydrochinon; für Momentaufnahmen diente zuletzt auch Methol.
Da ohne Dunkelkammer gearbeitet werden musste, wurde immer abends
entwickelt und es zeigte sich, dass bei einer Entwicklung im Walde
auch eventueller Mondschein den Prozess wenig benachteiligte.
Positive wurden während der Reise nicht verfertigt. Auf allen
Reisen hatten wir ausser dieser Ausrüstung noch Detektivkameras
für Momentaufnahmen von kleinerem Format mitgenommen. Obgleich wir
kostbare Apparate angeschafft hatten, waren sie für die Tropen doch
ungeeignet und lieferten selten gute Resultate. Teilweise trugen
hieran die eigenartigen Umstände, unter denen wir photographieren
mussten, und die Gegenstände, welche wir photographieren wollten,
die Schuld. Bei unserem Reiseleben musste eine Aufnahme oft in
einem bestimmten Augenblick, bei schlechter Beleuchtung, bei Regen
u.s.f. gemacht werden. Handelte es sich um Personen, so waren fast
stets nur Momentaufnahmen möglich, da die Bahau vom Stillestehen keine
Ahnung haben; erst viel später konnten wir bei einigen von ihnen eine
Zeitaufnahme ausführen.
Innerhalb der Häuser konnte nur bei sehr langer Exposition
photographiert werden, weil die Beleuchtung in den Wohnungen eine
sehr schlechte ist und die Wände noch dazu so dunkel sind, dass auch
Momentaufnahmen bei Magnesiumlicht wegen der starken Absorption des
Lichtes durch die Wände missglückten. Nur da, wo wir Zeitaufnahmen bei
Magnesiumlicht machen konnten, hatten wir guten Erfolg. Festlichkeiten,
Versammlungen und allerhand Szenen, bei denen viele Menschen anwesend
waren, konnten wir innerhalb des Hauses daher nicht photographieren.
Ausser durch ihre Unfähigkeit stillzusitzen bereitete die
Bahaubevölkerung den photographischen Aufnahmen auch sonst noch so
grosse Schwierigkeiten, dass wir häufig von einer Aufnahme ganz absehen
oder sie auf Monate, auf eine günstigere Gelegenheit, verschieben
mussten. Die Abneigung der Eingeborenen gegen die Photographie hatte
ihre eigenen Gründe. Der unbekannte Zweck und das Geheimnisvolle
der einen, augenartigen Linse erschreckte die Leute. Man hätte eine
derartige Angst durch angemessene Belohnung überwinden können, wenn
die Bahau nicht überzeugt gewesen wären, dass ihre Seele (_bruwa_)
vor Schreck den Körper verlassen könnte, was Krankheit und Tod zur
Folge gehabt hätte.
Noch eine andere Eigenschaft der Bahauseele schreckte die Leute von der
Photographie ab: die Seele konnte nämlich Bild und Original verwechseln
und ersterem, somit auch uns, folgen, was natürlich grenzenloses Elend
veranlasst hätte; denn nicht nur, dass der Körper dadurch erkrankt
wäre, sondern ich hätte dadurch auch auf weite Entfernung auf die
abgebildete Person Einfluss ausüben können.
Einige Male hörte ich auch einige alte Männer erklären, dass sie
sich nicht photographieren lassen wollten, weil ihre Bilder später
in ein Buch aufgenommen und von jedem besehen werden würden. Von
der Aufnahme in ein Buch hatten sie natürlich durch unsere Malaien
gehört, die sich übrigens auch selbst nur zögernd und ängstlich zu
einer Aufnahme hergaben.
Anfangs gaben sich die Menschen von dem allem nicht Rechenschaft. Als
wir daher zum ersten Mal im Jahre 1896 am Mahakam zur Zeit des
Saatfestes eintrafen, waren uns die Kajan bei der Aufnahme der
interessanten Maskentänze, die zum Glück im Freien stattfanden, noch
selbst behilflich. Nachdem alle Zweifel einmal entstanden waren,
dauerte es aber vier Monate, bevor wir jemand dazu bringen konnten,
sich vor unsere Kamera zu stellen. Zuerst überwanden einige junge
Männer ihre Skrupel, dann zeigte sich auch ein leichtsinniges,
fröhliches junges Mädchen, _Anja Song_, zur Aufnahme bereit. Das
Mädchen verkehrte so häufig in unserer Hütte, dass sie einerseits die
Angst vor allem Ungewöhnlichen verlor, anderseits der Verlockung, mit
Perlen und hübschem Zeug belohnt zu werden, nicht länger widerstehen
konnte. _Anja Songs_ Heldenhaftigkeit hatte übrigens auch noch einen
tieferen Grund; das Mädchen, eine halbe Sklavin, liebte _Sawang Jok_,
einen der vornehmsten jungen Leute des Stammes, und, da dieser sich
hatte photographieren lassen, wollte ihm _Anja Song_ an Mut nicht
nachstehen. Als sie von den Eltern ihres leichtsinnigen Benehmens wegen
streng bestraft wurde, überredete sie zur eigenen Entschuldigung einige
Freundinnen, sich ebenfalls zur Photographie herzugeben. Nachdem die
Bresche einmal geschlagen war, erhielten unsere Aufnahmen einen grossen
Zulauf, besonders war dies bei unserem zweiten Besuch bei den Kajan am
Blu-u der Fall, aber erst nachdem wir wiederum einige Monate bei ihnen
gelebt hatten. Diesem Zulauf haben die Bilder, welche die verschiedenen
Industrieen der Bahau darstellen, ihr Dasein zu verdanken.
Bei den Mendalam Kajan war das Vorurteil vor der Photographie viel
schwerer zu überwinden als bei denen am Mahakam; das Gleiche galt auch
in bezug auf die anthropometrischen Messungen. Da mir bei meinem ersten
Aufenthalt unter ihnen, im Jahre 1894, hauptsächlich an letzteren
gelegen war, liess ich die Photographie ruhen. Im Jahre 1896, als
ich meine Expedition zum Mahakam bei ihnen vorbereitete, vermied ich
alles, was irgendwie ungünstig auf den Verlauf unserer Unterhandlungen
hätte einwirken können; als man sich daher zur Aufnahme nicht willig
zeigte, suchte ich nichts durchzusetzen. Nur meine alte Freundin _Usun_
überwand sich selbst, um mir eine Freude zu machen, und kam nach meiner
Abreise von Tandjong Karang nach Putus Sibau, um sich photographieren
zu lassen. Bei ihrem hohen Alter spielte wohl auch die Überlegung, dass
der Photograph ihrer Ehrbarkeit Abbruch tun könnte, wenn er an ihrem
umgekehrten Bilde auf der Mattscheibe unerlaubte Dinge sehen würde,
keine grosse Rolle. Die vielen Malaien, die am Mendalam verkehrten,
hatten nämlich erzählt, dass beim Photographieren sowohl die Personen
als deren Kleider sich umkehrten. Auf _Usun_ Photographie ist daher
zu sehen, dass sie über die gewöhnliche _ta-a_ noch ein besonderes
Tuch geschlungen hat und dass sie beide Arme krampfhaft an ihre Beine
presst, um den Röck festzuhalten. Obgleich wir den Kajan häufig das
Bild auf dem Mattglas zeigten, konnten wir ihnen doch die von den
Malaien übernommene Überzeugung nicht nehmen.