Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tepai)
Adjang Ibau
zwei Töchter
Kwing Irang
Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan)
Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat)
Perèn (Sohn einer hipui der Pnihing)
Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero,
_hipui_ der Ma-Suling)
Ledju (Häuptling der Ma-Suling in Napo Liu)
Ibau
Bulan (Gattin des Ledju Adjang)
Lalau (Gatte einer hipui in Long Medang)
Tuka (gestorben in Tengaron)
Ding (zu den Kajan geflohen)
Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mehak)
Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders
als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung
wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europäer,
der an andere Verhältnisse gewöhnt ist, erscheint es auffallend,
dass so kleine Stämme so gänzlich unabhängig voneinander und mit so
wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben können.
Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Männer,
die an Handelsreisen gewöhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte
kehren diese Händler in den meisten Niederlassungen, an denen sie
vorüberfahren, ein, um Neues zu hören oder mitzuteilen.
Frauen begeben sich zu fremden Stämmen nur, um Familienangehörige
zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die
Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie
viele 20 jährige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3
Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten
Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung.
Während meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging _Hiang_, die
angesehenste von _Kwing Irangs_ Frauen, mit ihrer Pflegetochter
_Kehad_ zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit;
dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen
wagten, konnten sie sich nur mit Mühe mit den Frauen der Ma-Suling
verständigen, die ein einigermassen verändertes Busang sprachen. Es
dauerte zwei Tage, bis _Kehad_ mit ihrer Nichte _Bulan_ in ihrem
mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat
nach Long Tepai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt
es sich mit den anderen Frauen.
Derartige Verhältnisse führen die Stämme in hohem Masse zum
Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der
ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat,
dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben
Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten
hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller
Art halten diese Stämme gleich stark von einander entfernt als dies
anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserfälle
oder Wüsteneien verhindert wird.
Eine Verbrüderung der Stämme wird dadurch erschwert, dass die Bahau
praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre _adat_
noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu
heiraten. Die Endogamie erklärt sich daraus, dass die Häuptlinge
ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes
durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf
eine eventuelle Verteidigung ist es wünschenswert, dass die Zahl der
Stammesglieder möglichst gross ist.
Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes
zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie
in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann
in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren
Versuche gemacht, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf
unter diesen Stämmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise
ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht üblich
und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf
grosse Verwüstungen anrichten, fühlen sich die Ma-Suling und Long-Glat
durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stämmen ernsthaft beizustehen,
solange sie selbst nicht bedroht sind.
Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des
Stammes und Glieder anderer Stämme dürfen innerhalb dieser Grenzen
kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes
gelegenen Landstücke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem
Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfügung; nach
Beratung mit dem Häuptling wählt jeder den Boden, den er nötig zu haben
glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago
(_nanga_ = Eugeisonia tristis) wächst, von grosser Bedeutung. Jeder
darf dann nach Bedürfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche
gilt für den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert;
die freien Stammesglieder dürfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne
ihrem Häuptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lässt der Häuptling
die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhält er den Zehnten
des Ertrags; den gleichen Tribut erhält er auch von den Fremden.
Auch Jagd und Fischfang dürfen die Stammesglieder frei betreiben,
nur steht dem Häuptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der
Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten
Fluss oder ein Waldgebiet für verboten zu erklären und demjenigen
eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot übertritt.
Die Waldfrüchte sind ebenfalls allgemeines Eigentum, ein Umstand
der in günstigen Fruchtjahren von grosser Wichtigkeit ist, da in den
Wäldern Borneos viele essbare Früchte vorkommen. Anders verhält es
sich mit den Fruchtbäumen, die irgendwann von Familien des Stammes
gezogen wurden. Doch werden die Früchte an entlegenen Orten vielfach
gestohlen, was um so begreiflicher ist, als der Stamm bald hier bald
da innerhalb seines Gebietes ein Haus baut und in der Nähe wieder
neue Reisfelder anlegt. Die Fruchtbäume werden in der Regel dicht
beim Hause gepflanzt und beginnen oft erst dann zu tragen, wenn das
Haus wieder verlassen wird.
Der Grund zum Umzug eines Stammes liegt nur selten im Mangel an in der
Nähe liegendem Ackerboden. Wenn der Feind durch Brandschatzung keine
Veranlassung hierzu giebt, ist es meist der Aberglaube, der eine Rolle
spielt. Kommen nämlich viele Todesfälle in einem Hause vor, so wird die
Umgebung, in der es steht, für von bösen Geistern bewohnt angesehen,
und der Stamm zieht an einen anderen Ort. Ferner hat auch Zwietracht im
Stamme zur Folge, dass er sich teilt und die Parteien weit von einander
wohnen gehen, wie es z.B. die Long-Glat von Lirung Ban taten, die sich
in Lulu Njiwung und Long Tepai niederliessen. Die Ma-Suling mussten ihr
Haus am Merasè verlassen, weil es alt und baufällig geworden war. Dies
geschieht jedoch nur selten; denn erstens besteht das Baumaterial,
hauptsächlich am oberen Mahakam, aus sehr dauerhaftem Holz, zweitens
finden sich schon viel früher Gründe, welche die Bewohner zum Auszug
zwingen, vor allem Krankheit und Tod des Häuptlings. Im allgemeinen
wohnen die Stämme selten länger als 8 bis 10 Jahre am gleichen Ort.
Nicht nur die Fruchtbäume, sondern auch der Boden bleibt Eigentum
derjenigen Familie, die ihn zuerst bebaute; sie darf ihn nicht
verkaufen, wohl aber umtauschen oder an andere Stammesglieder
verpachten. Der Häuptling kann, wenn er viele Sklaven besitzt, viele
Äcker bebauen lassen, er ist hierzu auch wegen der grossen Mengen
Reis, die er zum Empfang von Gästen und für den Unterhalt seiner
Sklaven nötig hat, gezwungen. Die Sklaven haben keinen Grundbesitz,
aber sie erhalten vom Häuptling ein Stück Land zum Bebauen.
Auf je einen Arbeitstag für sie selbst kommen bei den Sklaven zwei
für den Häuptling.
Zusammenhangslos wie die Stämme am oberen Mahakam sind, haben sie in
früherer Zeit doch ein oekonomisches Ganzes gebildet, weil es nicht nur
ihrer Neigung entsprach, alles für den Lebensunterhalt Erforderliche
selbst herzustellen, sondern auch weil der Zugang zu ihrem Lande
und das oft feindliche Verhältnis mit den umliegenden Ländern
einen regelmässigen Verkehr zwecks Austausch von Handelsprodukten
ausschloss. In den letzten 10 Jahren haben sich die Zustände zwar
sehr verändert, doch kann man noch jetzt verfolgen, wie sich das
Zusammenleben damals gestaltete. Feldfrüchte bauten alle für sich
selbst und zwar in einem solchen Überfluss, dass noch etwas an die
verwandten Stämme unterhalb der Wasserfälle, die damals noch keine
Reiszufuhr von der Küste erhielten, verkauft werden konnte. Die
Kleidung stellten sich die verschiedenen Stämme ebenfalls selbst her:
während aber die Pnihing, Kajan und Ma-Suling sich lange Zeit ausser
in Baumbast auch in selbst gewebte Stoffe kleideten und dies zum Teil
auch jetzt noch tun, benützen die Long-Glat, wahrscheinlich ihres
grösseren Wohlstands und der Nähe der Küste wegen, bereits seit langem
eingeführten Kattun zur Kleidung, den sie nur mit eigenen Stickereien
verzieren. Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Webekunst,
die von den Long-Glat ursprünglich gewiss ebenfalls betrieben
wurde, ist, dass sie durch Herstellung von Schwertern und eisernen
Ackergerätschaften einen bei den anderen Stämmen sehr gesuchten
Tauschartikel besitzen, mit dem sie sich alles, was sie zum Leben
brauchen, anschaffen können. Noch heutigen Tages ist die Schmiedekunst
bei den Long-Glat viel höher entwickelt als bei den Kajan, Ma-Suling
und Pnihing. Diese dagegen zeichnen sich im Bau von Böten aus, die aus
einem Stück gearbeitet werden und eine Länge von 23 m und eine Breite
von 2 m erreichen können. In ihren weiten, unberührten Wäldern finden
sie die hierfür erforderlichen, sehr grossen Baumstämme, zugleich sind
sie selbst aber auch die besten Bootbauer. Auch ihrer vortrefflichen
Netze wegen sind sie bekannt. Dies sind hauptsächlich runde Wurfnetze,
welche aus den gedrehten Fasern einer Liane, _tengang_ genannt, gewebt
werden. Die übrigen Stämme verfertigen die gleichen Schnüre und Netze,
aber die Pnihing verstehen diese Kunst am besten. Die Kajan stellen
ebenfalls gute Böte her, auch können sie schmieden und Netze weben,
aber ihre Leistungen stehen nicht besonders hoch.
Auch die Töpferei wurde vor nicht sehr langer Zeit noch am Mahakam
betrieben. Man verfertigte Töpfe zum Reiskochen. Es gelang mir, noch
einige dieser Exemplare aufzutreiben und zu erwerben. Die Ma-Suling und
Ma-Tepai haben sich mit der Töpferei am längsten befasst, vielleicht
weil sie den hierfür geeigneten Lehmlagern an der Mündung des Merasè
am nächsten wohnten.
Beim Beginn der Reisernte formen auch gegenwärtig noch alle Stämme
grosse, viereckige, flache Töpfe von 2 1/2 × 3 1/2 dm Oberfläche,
um den noch nicht völlig reifen Reis, der schwer zu entspelzen ist,
darin zu trocknen. Diese Töpfe werden aber nur in der Sonne getrocknet
und vertragen kein Wasser.
Das Schnitzen von Schwertgriffen aus Holz oder Hirschhorn bildet
gegenwärtig eine blühende Industrie, die ebenfalls besonders von
der. Long-Glat betrieben wird, jedoch sah ich auch bei den Kajan
einige schöne Stücke, die aus jüngster Zeit stammten. Die Pnihing
üben diese Kunst gar nicht und die Ma-Suling sehr wenig aus.
Auch der Reisbau regt zum Handelsverkehr an, indem er bei den
verschiedenen Stämmen einen verschiedenen durchschnittlichen Ertrag
liefert. Die Pnihing sind auch jetzt noch die schlechtesten Ackerbauer,
während die Ma-Suling sich sowohl früher als gegenwärtig der besten
Ernten erfreuen und nie Reismangel leiden; den überschüssigen Reis
tauschen sie gegen die Erzeugnisse der anderen Stämme aus.
In früherer Zeit gewann man das Salz aus den Salzquellen, die sich
im Gebiet der Kajan, Ma-Suling und Long-Glat befinden.
Auch im Flechten von Rotangmatten sind die Long-Glat den anderen
Stämmen überlegen. Es lässt sich ganz allgemein behaupten, dass
der Stamm der Long-Glat sich vor allen anderen im Herstellen
gut gearbeiteter und schön verzierter Gegenstände auszeichnet,
dass Kunstfertigkeit und Geschmack bei ihm am höchsten stehen. Sein
politisches Übergewicht und die damit verbundene grössere Wohlhabenheit
scheint hierin von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein.
Die Long-Glat nehmen auch augenblicklich noch in bezug auf Schönheit
der Kleidung die erste Stelle am Mahakam ein. Sie pflegen sich auch
Alltags sorgfältig und hübsch zu kleiden. Ihre Art und Weise der
Tätowierung ist ganz oder teilweise von anderen Stämmen, die sich
früher wenig oder anders tätowierten, übernommen worden.
Erst in letzter Zeit hat sich bei den Long-Glat die Sitte eingebürgert,
am Ober- und Unterkiefer die vordersten sechs Zähne zur Hälfte
absägen zu lassen. Sowohl Männer als Frauen glauben sich hierdurch
zu verschönern. Unter den jungen Leuten der Kajan und Ma-Suling hat
diese Sitte, die vom Barito stammt, ebenfalls ihr Bürgerrecht erworben
und sie unterwerfen sich, der neuen Mode zu liebe, gern dieser Marter.
Die einflussreiche Stellung der Long-Glat beruht, ausser auf der
Überlieferung ihrer früheren Oberhoheit, auch darauf, dass Glieder
ihrer Häuptlingsfamilie in diejenigen der Pnihing, Kajan, Ma-Suling
und der abhängigen Stämme, mit denen sie zusammenwohnen, verheiratet
wurden. Diese Verhältnisse wurden noch dadurch begünstigt, dass die
Long-Glat-Häuptlinge, bald nachdem sie den Mahakam hinuntergezogen
waren, von den Malaien die Vielweiberei annahmen, eine Sitte, die weder
bei ihren Vorfahren herrschte noch bei irgend einem anderen Stamme
besteht, die ihnen aber eine zahlreichere Nachkommenschaft sichert. Als
Abkömmlinge der Long-Glat sind auch die letzten Kajanhäuptlinge dieser
Sitte gefolgt.
Bildeten die Stämme am oberen Mahakam, wie wir gesehen haben, früher
unter der Long-Glat-Herrschaft eine politische und später eine mehr
oekonomische Einheit, so blieben sie doch von einer Berührung mit
den Nachbarländern nicht gänzlich ausgeschlossen.
Weiter oben ist bereits erwähnt worden, dass im Beginn des
19. Jahrhunderts nach dem Kapuas, Barito und mittleren Mahakam
Kriegszüge unternommen wurden, während sich später, bereits vor 1825,
ein Teil der Long-Glat unterhalb der Wasserfälle niederliess. Hierdurch
wurden freundschaftliche Beziehungen mit den südlicheren Gebieten
angeknüpft. Mit den Bewohnern am Barito, Kapuas und Batang-Rèdjang
blieb das Verhältnis lange feindlich, so dass dorthin, wenigstens von
den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat, nur selten Handelszüge unternommen
wurden. Unter den Kajan war der Häuptling _Kwing-Irang_ der erste,
der sie vor ungefähr 30 Jahren nach dem Batang-Rèdjang geleitete,
wo der Radja von Serawak geordnetere Zustände geschaffen hatte. In
jener Zeit wurden aber die Beziehungen, die man mit dem Apu Kajan noch
stets unterhalten hatte, abgebrochen, weil die Kriege unter den Kenja
selbst einen Zug in ihr Gebiet zu gefährlich machten. Bemerkenswert
ist, dass, obwohl die Bahau nach dem Barito und Kapuas oft Kopfjagden
unternahmen, von dort aus, so viel ich weiss, doch niemals am oberen
Mahakam Köpfe gejagt wurden.
Durch den vorteilhaften Markt in Serawak am Batang-Rèdjang angelockt,
unternahmen hauptsächlich die Pnihing, Kajan und Ma-Suling, in
geringerem Masse auch die Long-Glat, geregelt dorthin Handelszüge. Da
sie dort aber ständig mit feindlich gesinnten Batang-Luparstämmen in
Berührung kamen, bot sich beiden Parteien fortwährend ein Anlass, um
Köpfe zu jagen, was die Regierung von Serawak nicht verhindern konnte.
Wiederholte Unterredungen mit _Kwing Irang_ und dem damals noch
mächtigen Pnihinghäuptling _Belarè_ blieben so gut wie resultatlos,
da diese kaum im stande waren, dergleichen Heldentaten bei den eigenen
Stämmen zu unterdrücken und auf die anderen überhaupt keinen Einfluss
hatten. Hierdurch ereignete sich folgendes:
Als _Belarè_ einst nach einer ernsthaften Beratung mit dem
Radja von Serawak von Fort Kapit, an der Mündung des Njangejan,
diesen Fluss aufwärts fuhr, um nach dem Mahakam zurückzukehren,
kam ihm ein anderer Pnihinghäuptling, _Owat_, mit einer Gesellschaft
Dorfgenossen entgegen. _Belarè_, der sie auf einer Kopfjagd vermutete,
suchte die Leute zur Rückkehr zu bewegen, aber _Owat_, als geborener
Ma-Suling, der bei den Pnihing nur verheiratet war, weigerte sich zu
gehorchen. Als ihm bald darauf in einem Boot sieben Batang-Lupar
begegneten, die Buschprodukte suchen gingen, ermordete er sie
alle. Serawak verlangte der Übereinkunft gemäss von den Mahakam
Häuptlingen die Auslieferung der Mörder, aber diese, besonders die
Ma-Suling, verweigerten die Auslieferung und die übrigen wagten nichts
durchzusetzen. Als Folge hiervon beschloss der Radja von Serawak,
das schuldige Pnihinghaus, das sich unter dem Häuptling _Paren_ am
weitesten oben am Mahakam stand, zu züchtigen. Berücksichtigt man,
dass zum Zusammenbringen und Ausrüsten einiger Tausend Dajak viel Zeit
erforderlich ist und so etwas auch nicht im Geheimen geschehen kann, so
erscheint es einem Europäer unbegreiflich, dass man am Mahakam nichts
davon merkte. Auch die Fahrt den Njangejan aufwärts und der Zug über
die Wasserscheide zum Seliku blieben unbemerkt, und die grosse Bande
konnte sich dort, um Böte zu bauen, lange Zeit aufhalten, ohne dass
man weiter unten etwas davon ahnte. Daher konnten die Pnihing völlig
unvorbereitet überfallen werden. Das schuldige Haus wurde erobert,
geplündert und verbrannt und die Bewohner grossenteils ermordet oder
zu Sklaven gemacht. Die Banden kannten keine Disziplin und setzten
ihren Plünderzug flussabwärts fort. Sie hielten sich am Hauptfluss,
wo _Belarè_ ihnen in seinem Hause an der Kasomündung mit seinen
wenigen Leuten einen heldenhaften Widerstand bot. Durch die Übermacht
der Leute, die zudem von dem Radja mit Gewehren versorgt waren,
wurde _Belarè_ schliesslich überwunden und musste flüchten. Sein
Haus wurde ebenfalls geplündert und verbrannt. Nach seiner Angabe
verlor er an Toten und Sklaven 234 Personen, vielleicht die Hälfte
der ganzen Anzahl.
Wegen dieses Aufenthaltes hatten die Bewohner an der Mündung des
Tjehan Zeit, diesen Fluss aufwärts zu flüchten; sie verloren daher
nur ihr Haus, das verbrannt wurde. Die Plünderer fuhren noch weiter
zum Kajanstamm, der völlig unschuldig war und so wenig an einen
Überfall dachte, dass er sogar eine Gesellschaft Batang-Lupar in
seinem Hause beherbergte. Das Haus wurde belagert und einen ganzen
Tag lang mit Gewehren beschossen, ohne dass jemand verletzt wurde. Nur
ein Malaie wurde bei ihnen dadurch getötet, dass sein Gewehr ihm beim
Schiessen sprang. Gegen Mittag waren die Batang-Lupar bis unter das
Haus gekommen, sie wagten sich aber nicht auf die Galerie hinauf. Da
warf sich der geflohene Pnihinghäuptling _Paren_, der sein Haus und
einen grossen Teil seines Stammes verloren hatte und sich daher bei
den Kajan aufhielt, aus Verzweiflung mitten unter die Angreifer. Da
die Kajan ihm nicht beizustehen wagten, machten ihn die Feinde nieder.
Der Tod dieses Häuptlings machte auf die Kajan und auch auf eine
Schar Long-Glat, die nach oben gezogen war, um Nachrichten zu holen
und Hilfe zu leisten, einen gewaltigen Eindruck. Die Batang-Lupar
hatten jedoch viele der Ihrigen verloren und zogen sich daher abends
auf eine weiter oben gelegene Geröllbank zurück, um später wieder
flussaufwärts zu ziehen.
Des Abends spät jedoch zogen die Long-Glat aus dem Kajanhause fort,
ein Umstand, der neben dem Tode _Parens_ die Bewohner so erschreckte,
dass sie nachts alle mit dem Notwendigsten versehen das Haus verliessen
und auf den Batu Kasian flüchteten, der nur von einer Seite, von der
Mündung des Blu-u aus, zu besteigen war. Die zurückgelassenen Hunde
heulten aber in dem verlassenen Kajanhause die ganze Nacht über,
wodurch die Batang-Lupar aufmerksam wurden. Als es Tag wurde, kamen
sie noch einmal, um nachzusehen, was geschehen war. Sie plünderten
und verbrannten das ganze Haus und zogen dann beutebeladen den Mahakam
hinauf, zurück nach Serawak.
Seit der Zeit werden höchstens Züge, um kriegsgefangene Blutsverwandte
und Stammesgenossen zurückzufordern, und nur noch selten Handelsreisen
nach Serawak unternommen; und die Bewohner am oberen Mahakam müssen
sich wegen Salz und javanischen Tabak, an die sie sich durch den
Kontakt mit der Küste gewöhnt haben, nach dem mittleren Mahakam oder
dem oberen Barito wenden, wo man diese Artikel noch bei meiner Ankunft
im Jahre 1896 am besten erlangen konnte.
Die Beziehungen mit der Aussenwelt, die hauptsächlich den Verkauf der
eigenen und den Kauf fremder Produkte zum Zwecke haben, werden meist
von den Bahau selbst unterhalten, die, wenn ihre Arbeiten es zulassen,
besonders in Zeiten niedrigen Wasserstandes, in einem oder mehreren
Böten Handelszüge unternehmen. Für derartige Reisen vereinigen sich
stets Leute desselben Stammes.
In der Regel bildete Udju Tepu, der Stapelplatz der Buschprodukte
und Endpunkt der Dampferverbindung auf dem unteren Mahakam, das Ziel
der Reise. Früher suchten die Stämme aus den oberen Gebieten ihre
Webereien, Reis, Eisenwaren und Böte bereits unterwegs zu verkaufen;
jetzt sind Webereien, Reis und Eisenwaren wegen der Zufuhr von unten
nicht mehr viel wert; neben Geld bilden in Udju Tepu augenblicklich
Böte, Guttapercha, Rotang, Bezoarsteine und Rhinozeroshörner
brauchbare Tauschartikel. Ihrer Bedeutung nach geordnet bedürfen
die Bahau folgender Artikel: Salz, Kattun, Tabak, Perlen, Eisenwaren
und Tempajan.
In früherer Zeit bestand für alle diese Artikel durchaus kein fester
Preis. Dieser wurde auch hier durch Nachfrage und Angebot und in noch
höherem Masse durch die Persönlichkeit des Käufers und Verkäufers
bestimmt. Buginese und Bahau standen einander gegenüber. Da jener im
Handel kein Gewissen kennt und dieser, besonders auf fremdem Boden und
in fremder, gefürchteter Umgebung, sehr leicht eingeschüchtert wird,
wurde er stets auf die gröbste Weise betrogen.
Um von dem, was die Bahau für ihren wichtigsten Lebensartikel bezahlen
müssen, eine Vorstellung zu geben, möge hier ein Fall unter vielen
angeführt werden, den ich selbst erlebte und zwar mit der Autorität
eines Europäers gegenüber diesen eingeborenen Kaufleuten. Der Sultan
von Kutei in Samarinda verkauft das monopolisierte Salz an der Mündung
für fl. 9 den Pikol (61,75 kg), in Tepu bezahlt man hierfür, je nach
Umständen, in Geld fl. 12.50 und mehr, bei den Wasserfällen betrug der
Preis im Jahre 1897 in Geld fl. 25 bis 30, während ich am Blu-u bei
den Malaien das Salz nur für fl. 1.50 bis 2.50 pro Kilo kaufen konnte.
Javanischer Tabak, der in Samarinda mit fl. 13 bezahlt wird, kostet
bei den Wasserfällen fl. 35 bis 40; weiter oben verlangen die Malaien
sogar 60 fl. und mehr.
Die Dauer der Handelsreisen ist eine sehr verschiedene, weil sie auf
der Strecke zwischen Long Tepai und Long Bagun durch den Wasserstand
bestimmt wird. Werden die Böte hier nicht aufgehalten und sind sie
nicht zu schwer beladen, so kann man in 5 Tagen von Long Blu-u nach
Udju Tepu reisen und in 10 Tagen von hier wieder zurück sein. So
günstige Umstände findet man aber nur sehr selten. Meist dauert ein
solcher Zug über einen Monat. Die Verbindung mit dem Murung ist noch
viel ungünstiger. Wenn möglich sucht man die nötigen Gegenstände in
Muara Laung am Murung einzukaufen, wohin man sich vom oberen Mahakam
aus auf verschiedenen Wegen begeben kann. Erstens vom Kaso aus,
der für die kleinen, bis zu i o m langen Böte der Bahau längs der
Niederlassungen der Seputan gut befahrbar ist. Nachdem man 3 Tage
lang den Fluss hinaufgefahren ist, kann man das Boot in einem halben
Tag über die Wasserscheide ziehen bis zu einem Nebenflüsschen des
Busang, eines Nebenflusses des Djoloi, welch letzterer wiederum in den
Murung mündet. Wegen der zahlreichen grossen Wasserfälle folgt man
diesem Wege mir selten, um Muara Laung zu erreichen, sondern meist
um in den höher gelegenen Gebieten den Buschproduktensuchern Reis
zu verkaufen, für den sie einen sehr hohen Preis an Guttapercha und
Geld bezahlen. Zweitens kann man den Murung vom Tjehan aus erreichen,
der viel schiffbarer als der Kaso ist. Der Landweg dauert hier aber
für einen nicht zu schwer beladenen Bahau 3 bis 4 Tage und führt über
den Batu Lesong zum Busang, der wegen zahlloser Wasserfälle ein sehr
schlechtes Fahrwasser bietet. Auch vom Blu-u aus folgt man bisweilen
diesem Wege und zwar, indem man ein linkes Nebenflüsschen, den Ikang,
an dem früher eine kleine Kajanniederlassung lag, hinauffährt. Weiter
folgt man aber dem gleichen Pass des Batu Lesong, der dort ungefähr
1800 m hoch ist. Die Passhöhe beträgt über 1000 m. Der gebräuchlichste
Weg nach Muara Laung ist jedoch der, östlich vom Batu Lesong längs
des Pahngè und Belatung, eines Nebenflusses des Murung. Dieser Weg
führt zwischen dem Batu Lesong und Batu Ajo hindurch, die hier durch
einen sehr niedrigen Pass geschieden sind. Der Belatung ist zwar gut
schiffbar, weil er keine hohen Wasserfälle besitzt, aber der Fall ist
so bedeutend, dass man, um Gepäck und Menschen abwärts zu bringen,
Flösse baut, auf denen alles festgebunden wird. Mit langen Rudern
sucht man dann die Mitte des Stromes zu halten, gelingt dies nicht,
so zerschmettern die Flösse und alles ist verloren.
Die Fahrt den Belatung aufwärts ist nur bei sehr niedrigem Wasserstande
möglich. Dieser Weg wurde bereits in früheren Zeiten viel benützt,
um vom Mahakam aus nach dem Murung und weiter Köpfe jagen zu gehen;
daher trägt das Gebirge den Namen Batu Ajo (_ajo_ = Kopfjagd). In
späteren Jahren sind diese Wege meistens von Buschproduktensuchern aus
den Gebieten des Murung, Belatung und Busang begangen worden, die sich
zum Mahakam begaben, um dort Reis und andere Lebensmittel einzukaufen.
Die Reisen nach den malaiischen Niederlassungen am Murung dauern
in der Regel viele Monate, und die Beschaffung von Salz, Tabak und
Leinwaren ist des Transportes wegen sehr schwierig.
Die Bahau vom oberen Mahakam unterhielten längs des Penaneh und
Howong auch mit dem Kapuasgebiet Handelsbeziehungen, aber wegen der
grossen Entfernung und der früheren ungünstigen Handelsverhältnisse
kamen sie nur selten hin. Dagegen kamen die Mendalambewohner und die
Taman öfters nach dem oberen Mahakam, um Schwerter, Schwertgriffe,
Matten und alte Perlen einzukaufen.
Die günstigen Handelsverhältnisse, welche der Radja von Serawak am
Batang-Rèdjang geschaffen hat, brachten besonders die Pnihing und
Kajan dazu, den Beschwerden der Reise Trotz zu bieten. Um ihr Ziel
zu erreichen, müssen sie den Mahakam hinauffahren, was 9 bis 60
Tage dauert, ferner längs des Seliku auf einer Höhe von 1100 m. die
Wasserscheide überschreiten, um nach zweitägiger Fahrt den Njangejan
abwärts nach Fort Kapit zu gelangen.