KAPITEL XII.

Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam--Opfer

der Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun

Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport

des Gepäckes--_Kwing Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den

Bukat--Reise zu _Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu

_Kwing Irang_ am Blu-u.

Im Laufe des Tages kamen genügend viele Träger an, um unser

notwendigstes Gepäck über die Wasserscheide zu befördern. Sie brachten

auch gute Nachrichten von _Barth_ und _Demmeni_, die uns langsam

folgten. Ich merkte bald, dass die Träger diesmal selbst Eile hatten

mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene _kertap_

ernährten sie nur kümmerlich, auch fürchteten sie das Schlimmste für

die nächsten Tage.

Der zur Wasserscheide führende Bergrücken lief steil aufwärts,

aber der Pfad schien viel benützt zu sein, denn er war nicht mit

Rotang und Gestrüpp verwachsen. Auf halber Höhe hörten wir rechts

von uns den Ruf eines _hisit_, was meinem Geleite und daher auch

mir eine grosse Beruhigung gewährte, da wir nun das Mahakamgebiet

unter günstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwärts bemerkten

wir Opferpfähle, die _Akam Igau_ und seine Begleiter hier mit der

Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bösen Geister

zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die

Vegetation zu beiden Seiten des Bergrückens sehr üppig war, kamen

doch ab und zu zwischen dem dichten Grün die benachbarten Berge zum

Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lekudjang auf. Zuletzt

führte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der

starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen.

Nach zwei Stunden veränderte sich das Bild gänzlich; wir zogen

mitten über einen Morast, der nach Aussage der Träger auf der Höhe

der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu

bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager

aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhöhe so heftig, dass

ich es für geratener hielt, die Zelte ungefähr 50 m weiter unten,

jenseits der Höhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch

dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden

Seiten dicht bewachsene, steile Wände auf und ein eisiger Wind blies

durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenfälle triefte die

ganze Umgebung vor Nässe; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur +

18.5° C und um 12 Uhr mittags + 21° C; einen schlechteren Lagerplatz

hatten wir seit Jahren nicht gehabt.

Unsere Träger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann

wieder zum alten Lagerplatz zurück, um so schnell als möglich alles

Gepäck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter

_Obet Lata_ bei uns zurück, um uns bei der Besteigung des Lekudjang

zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem

Berg aus einen Überblick über das Gebiet des Howong und Mahakam zu

erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden,

von dem aus _Bier_ seine Messungen beginnen konnte.

Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten

wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet

sichtbar waren. Plötzlich war uns aber der Pfad durch eine steile

Wand des Lekudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle

umsehen, von der aus der Aufstieg möglich war. Obgleich die Steigung

durchschnittlich 40° betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden,

boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, genügende

Stützpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert

wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und

Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an

dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lästig. Nach

zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir

befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Höhe wir wegen der

überhängenden grünen Massen nicht schätzen konnten. Umgehen konnten

wir die Wand nicht, weil der Bergrücken, auf dem wir uns befanden,

an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu

gewinnen, liessen wir einige Bäumchen umhacken, deren Stämme zugleich

als Stützen für den Theodolit dienten, mit dem _Bier_ einige Peilungen

im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Höhe,

direkt gegenüber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen,

Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich,

soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen

Mahakam weiter fort und schien an Höhe immer mehr zuzunehmen. Der

Mahakam hat sich in nord-östlicher Richtung in diese Kette sein

Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander

aufsteigenden Bergrücken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand

war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama

irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu können. Der Howong schlängelte

sich durch ein Hügelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grün hie

und da hellere Töne zeigte, die von älteren und jüngeren Reisfeldern

der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrührten. Nach

Westen und Süden benahm uns der Lekudjang jede Aussicht.

Auf dem Rückwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus _Bier_

auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte.

In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil

unseres Gepäckes vor, aber _Barth_ und _Demmeni_ hielten sich immer

noch im Lager am Betjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor

alles Gepäck abgeholt worden war.

_Tigang Aging_, der sich in _Akam Igaus_ Abwesenheit als Herr und

Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf

der Wasserscheide opfern (_napo_) lassen, aber bevor alle und alles

im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten

sich anderen Tages alle Träger und Malaien mit _Tigang_ wieder auf

den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Männer brachten mit grosser

Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem

blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Betjai zurück. Da _Demmeni_

sich von der Reise etwas ermüdet, im übrigen aber wohl fühlte, blieb

er noch unten, während der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf.

Trotz der grössten Sparsamkeit begann der Reismangel so fühlbar zu

werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass _Bier_

mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm

drei Malaien und drei Kajan mit einer genügenden Menge Reis zugeteilt,

um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbständig

bis an den Mahakam fortsetzen zu können. _Barth_ sollte mit _Demmeni_

wiederum für den Gütertransport sorgen und ich mit den notwendigsten

Trägern vorausgehen und bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling weiter

unten am Howong, Proviant und Hilfe für unsere Leute suchen.

Um den Rest unseres Gepäckes abholen und dann opfern zu können,

hauptsächlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen,

musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle

Männer, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald,

um _owur nanga_ (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis)

und wenn möglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider

fanden die Leute zwar viel _owur_ aber nur sehr wenig Sago, so dass

der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine kräftigere Nahrung aber

immer noch fehlte.

Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfältiger

als gewöhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit

einigen Eiern, die stets auf grösseren Expeditionen zu diesem Zwecke

mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stöcke

in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die

Eier als Opfergabe für die Geister der Wasserscheide hinein.

Da _Tigang_ viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als _Jung_,

der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit,

dass ich seine Hilfe bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling, nötig

hätte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien,

fühlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt,

dass er _Jung_ gern sein Amt, die Überwachung des Gütertransportes,

überliess, und so machten wir uns bereits früh Morgens mit 8 Mann und

einem Bukat, _Udjan_, als Führer auf den Weg. Wie immer, ging ich,

um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen

falschen Pfad ein, so dass die Träger bereits ein gutes Stück auf

dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit _Tigang_

mein Versehen bemerkte. Hoch über einem steilen Abhang holte ich

die Träger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz "_labu aso_",

d.h. Platz, an dem die Hunde stürzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf

wurde mir als Überrest eines Baumes gezeigt, auf den _Georg Müller_

1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte

über ihre Blasrohre den Sieg davon getragen.

Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das

Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse

Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende

Weisse lebhaft von der dunkelgrünen Umgebung abhob; es waren die

Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier früher angelegt, jetzt

aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein

mitgeführt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im

Flussbette Bänke bildete. Für unsere beschuhten Füsse war das Gehen

auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des

Betjai; unsere barfüssigen Träger dachten allerdings anders und waren

froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewöhnlichen,

runden Geröllsteine antrafen.

Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Führer _Udjan_ sehr

schweigsam gewesen und hatte uns weder über den Weg noch über die

Möglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu

erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber

gelitten; jetzt blieb er ständig zurück und klagte über unseren

schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig

war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflüsschen,

das _Udjan_ uns als geeigneten Platz zum Übernachten angegeben

hatte; unter den gegenwärtigen Umständen konnte davon aber keine

Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurückgebliebenen Träger

ab, erklärte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das

Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch

fortsetzen wolle; vom Lekudjang, aus gesehen, war mir nämlich der

Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklärung wurde von allen,

hauptsächlich von _Tigang_, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich

machte jedoch _Tigang_ darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er

mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefühl gebieten müsse, nicht

zurückzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen

bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwärts,

dann trafen wir auf frühere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen

des Flusses abzuschneiden, durchquerten.

Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie

Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit,

in der Nähe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen

nicht gesehen hatten, belebten meine Kräfte. Um 4 Uhr befand ich mich

endlich mit _Udjan_ und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm,

der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinaufführte; es kostete mich

aber einige Mühe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter

hinaufzubefördern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Träger an.

Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur

eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen

betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. _Amun Lirung_ (= Vater von

_Lirung_) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien

sich bereits über die Begrüssungsform der Weissen unterrichtet zu

haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzählte er, dass beinahe

niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich

auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in

seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen

Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er für

mich und mein Gepäck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir

uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr

zeigte sich als lebhafte, gesprächige Natur, machte mir aber im

übrigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die

Geringschätzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing-

und Kajanhäuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen

hatten, sehr wohl erklären konnte. Seine Frau _Hinan Lirung_ ( = Mutter

von _Lirung_) blieb vorläufig noch verborgen, ich suchte sie aber,

auf Anraten _Tigang_s, später in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand

über unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz

von den Vorbereitungen für unseren Empfang in Anspruch genommen zu

sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf

mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Fürsorge das Richtige

für unseren Empfang getroffen und besass, wie ich später bemerkte,

in der ganzen Häuptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in

wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem

Diener übergab sie für mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach

auch etwas Früchte.

Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem

herrlichen Gefühl sass, wieder ein festes Dach über mir und einen

trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige

Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und

bald darauf vor uns erschienen. Sie erzählten, dass _Kwing Irang_,

der Kajanhäuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mündung des Howong

entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu _Amun Lirung_ gesandt habe,

um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien.

_Akam Igau_ hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft

erfüllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghäuptling,

_Belarè_, begeben, dann weiter flussabwärts _Kwing Irang_ am

Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu _Bo Léa_,

dem Häuptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen

hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine

Aufforderung, uns baldmöglichst Hilfe zu senden, hatte grossen

Eindruck gemacht, denn _Kwing Irang_ war sogleich mit vielen Böten

den Mahakam hinaufgefahren, unglücklicher Weise ohne vorher eine

für längere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten

Tage lang mit Hochwasser kämpfen und jetzt sogar einen Tag warten

müssen und wären, wenn ich nicht gekommen wäre, aus Reismangel wieder

umgekehrt, was für unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot,

sehr verhängnisvoll hätte sein können. Die Malaien berichteten, dass

nach _Kwing Irangs_ Beispiel auch _Belarè_ und andere Pnihing mir

entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht,

dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Serawak aus

dem Gebiet des oberen Mahakam zurückgezogen hatten. Halb ausgeruht und

ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der

Träger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung.

Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die

ihren Reisvorrat beinahe gänzlich verbraucht hatten, bewirtete _Hinan

Lirung_ meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum

Reis noch das Ei und würzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte

und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil

anbot. _Amun Lirung_ forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber

in seiner _amin_ zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas

gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu.

Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen

Marsch mehr unternehmen zu müssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur

zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen

zurück. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute

Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um _Kwing Irang_

von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm _Tigang_

entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis für

uns zu beschaffen, umsehen sollte. _Tigang_ brach auch sogleich in

Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um _Kwing

Irang_s Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein

Stück weit durchwaten und dann über Land zum Mahakam ziehen. Der

Howong stürzt sich nämlich mit einer Reihe sehr steiler Fälle von

ungefähr 120 m Höhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke

nicht befahrbar. Da auch unser Gepäck auf jenem Wege zum Mahakam

getragen werden musste, liess ich _Kwing Irang_ bitten, mir seine

Kajan zu Hilfe zu schicken.

In Anbetracht, dass durch die Höhe der Wasserfälle an der Mündung

des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch für Fische unmöglich

gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte

Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks späterer

Vergleichung für wertvoll. Ich setzte daher für jede neue Fischart,

die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische

Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde.

Tags darauf sandte mir _Kwing Irang_ einige seiner Kajan, die mich

als alte Bekannte sehr freudig begrüssten; sie erzählten, dass sie

meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie

wegen Reismangel baldmöglichst in ihre Niederlassung zurückkehren

mussten. Da auch _Tigang_ nur einen einzigen Packen Reis hatte

auftreiben können, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer

reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer

Pnihingniederlassung am Penaneh wenigstens Bataten aufzukaufen.

Gegen Mittag des folgenden Tages traf _Kwing Irang_ in Gesellschaft

des Pnihinghäuptlings _Kaharon_ und einiger anderen mit 50 Trägern

bei uns ein.

Es sei mir gestattet, _Kwing Irang_, der grössten und eigenartigsten

Persönlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte

zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund

auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten

Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube

den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen

zu können, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung

schildere.

Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte,

hatte _Kwing Irang_, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein

malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich

verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung,

wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das

weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen

Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. _Kwing Irang_, der abends zuvor,

nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war,

schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens

war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich

begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander

gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden

Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder

hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug

eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches,

mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen

Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen

Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann _Kwing Irang_ sein,

auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz

zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der

Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte

ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf _Demmenis_

Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der

Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen

Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Serawak

noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so

neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre,

wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte

ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir

einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was

mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und,

wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso.

_Kwing Irangs_ Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters

als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein,

mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur

Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus

blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein

Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur

Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne

Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen

hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von

einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur.

Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige

Gesichtsausdruck _Kwing Irangs_ flössten mir sogleich Vertrauen und

die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile,

mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem

klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine

weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen

wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte

dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere

interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer

Glückstern zu walten. Während ich nämlich _Kwing Irang_ die Einrichtung

eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich

ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber

glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und,

da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte

wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes

zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig

hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen

und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.

_Kwing Irang_ ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen

hatte, gestorben.

Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im

Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen

anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen

grossen Verlust.

Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam

zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an,

alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu _Amun Lirung_

zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im

Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen

abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht

verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling

Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich

mit, dass sie unterwegs _Tigang_ mit einem Vorrat Bataten begegnen

würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle

wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur

und _Demmeni_, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. _Demmeni_

Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem

fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche

Zurückhaltung wieder zu Tage.

Gegen Abend kam _Kaharon_, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten;

er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht

weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen

und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten,

war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die

Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders

da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe

des Gespräches merkte ich, dass _Kaharon_ die Lohnfrage nur berührt

hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen

wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden,

der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.

Anderen Tages kam _Tigang_ von seiner Forschungsreise nach

Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider

grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte

aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge _bulung obe_ ( = Mehl

von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu

bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der

Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich

von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin

noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen

unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.

Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden

zu sein; denn alle grossen Häuptlinge waren uns zu Hilfe geeilt,

auch waren wir hier am Howong mit aussergewöhnlicher Selbstlosigkeit

aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren

nämlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten,

ausserdem erregte ich noch _Hinan Lirungs_ Neid, indem ich _Djulan_,

einem lieblichen Bukatmädchen, das mich unter dem Schutz von _Tetuhè_,

einem unserer Punan vom Mendalam, öfters besuchte, etwas Tabak,

hübsche Zeugstückchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich

anfangs nur schüchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so

zutraulich, dass sie später sogar allein zu mir zu kommen wagte. In

Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau

die nomadisierenden Bukat sowie alle Jägerstämme ansehen, stellte ich

an _Hinan Lirung_s Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran,

mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir

jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied für alle Güte und Toleranz

zu entschädigen. Als praktische Frau gab mir die Alte übrigens bald zu

verstehen, dass ihr ein Satz Armbänder aus Elfenbein, wie sie deren

mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wäre. Ihre eigenen

Armbänder hatte sie nämlich, wie ich später hörte, dazu verwendet,

den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des

Geschenkes zu erhöhen, zögerte ich anfangs mit der Erfüllung ihres

Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen

besonders schönen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen,

die mir _Hinan Lirung_ im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien

ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben.

In der Nähe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing,

drei kleine Häuser gebaut, die sie jetzt vorübergehend bewohnten. Ich

hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um

ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewöhnen. Jetzt

glaubte ich aber, mit _Barth_ einen Besuch bei ihnen wagen zu dürfen.

Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien für gewöhnlich in

den Urwäldern des Quellgebietes der Flüsse Kapuas und Mahakam und hält

sich, wie auch die anderen Nomadenstämme, bald in diesem bald in jenem

Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrüchten und

wildem Sago ein Verweilen wünschenswert erscheinen lassen. Selbst in

dieser Wildnis dürfen sich die Bukat nicht willkürlich irgend einer

Gegend bemächtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen

bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen

nur gegen eine Entschädigung dort jagen und Früchte sammeln. Die

Bukat verbringen den grössten Teil des Jahres im Walde und kommen

überhaupt nur ungern mit den sesshaften Stämmen am Kapuas und

Mahakam in Berührung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich

vorübergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am

Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre

Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ängstlich, aber

doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten für

uns aus und setzten uns einige Waldfrüchte vor. Zu meinem Erstaunen

entdeckte ich hier eine Frucht namens _kapulasan_, die in der Umgegend

von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch

nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich später

längs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese

Frucht liefert. Zufälligerweise hatte unter den vielen herrlichen

Waldfrüchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade

diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir

die saftreichen Früchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand

wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden

begannen. Es handelte sich, wie so häufig bei diesen Leuten, wieder um

Verletzung ihrer Ansprüche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am

Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte

ihre Häuptlinge übergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls

das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begründeten Rechte

hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir

ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem

sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der

Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf

ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen

Gung Bukat und einem vornehmen Bukathäuptling, der sich augenblicklich

bei den Pnihing am Serata aufhielt. Diesem sollte nämlich infolge

seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehören; in Putus

Sibau konnte man natürlich auch von diesen Verhältnissen keine Ahnung

haben. Der Punan _Tetuhè_, der uns begleitete, weil er selbst als

Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, übernahm es, bei seiner

Rückkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen.

Während wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen

waren, traf wieder eine Schar Träger mit dem auf dem Wege noch

zurückgebliebenen Gepäck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht

der starken Ermüdung und schlechten Ernährung unserer Leute,

nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit

beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Träger auf den

Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepäckes als Wache

zurückgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten

mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen

Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei.

Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Träger von _Kwing

Irang_ sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam

aufgemacht. _Kwing_ selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und

einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit _Amun Lirung_, oder besser

gesagt mit dessen Frau, kam ich überein, dass sie mir für 12 Packen

schwarzen Kattuns zu 12 m Länge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u

schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit

ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte

die Verspätung.

Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es

unsere Träger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber

nichts mehr von unserem Gepäck zurücklassen wollte, vereinbarte ich,

dass unsere ermüdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von _Barth_

und _Demmeni_ alles Gepäck dem Howong entlang bis an den Pfad,

der zum Mahakam führte, bringen sollten, während die frischeren und

kräftigerer Mahakam Kajan es von dort über die Hügelrücken bis an

den Anlegeplatz der Böte befördern sollten. Nicht minder froh als

seine Leute war _Kwing Irang_ über unsere Abreise; denn er hatte

im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und

unter einer Reisscheune übernachten müssen. Das Übernachten im Freien

ohne Dach über dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und,

wenn es geregnet hätte, wären viele von ihnen krank geworden.

So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit

_Kwing Irang_ an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen

übersahen wir jedoch das winzige Nebenflüsschen des Howong, längs

dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher,

bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an

Märschen durch Wald und Flüsse genossen, dass ich unseren jetzigen

Zug, besonders da mir die Hügelrücken, die uns vom Mahakam trennten,

recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand.

Auf einem dieser Hügel trafen wir _Bier_ mit seinem Geleite; er hatte

die ganze Zeit über mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm,

seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden.

Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht,

dennoch mussten wir von der Höhe des Bergrückens einen sehr steilen

Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden

wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug

war, um ein Zelt aufschlagen zu können. Es mussten erst Terrassen

aus Holz, die teilweise über das Wasser hinausragten, gebaut werden,

um für unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen.

Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen

Pnihinghäuptling _Belarè_ und feierte Wiedersehen mit _Akam Igau_.

Nach seinem guten Äusseren zu urteilen, das von dem unserer erschöpften

und abgemagerten Kuli stark abstach, war es _Akam Igau_ inzwischen am

Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. _Belarè_ erzählte,

dass er mich nicht bei _Amun Lirung_ begrüsst habe, weil er einen

kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte.

Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze

Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war,

und es erwies sich bald als unmöglich, mit allen und allem gleichzeitig

den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan

und Pnihing am Mahakam ihre grössten Böte zur Verfügung gestellt,

aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen

werden. Auf einen günstigeren Wasserstand zu warten, war bei der

herrschenden Nahrungsnot unmöglich; und so musste ich mich dazu

entschliessen, einen Teil unserer Leute vorläufig zurückzulassen. Ich

teilte den Häuptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie

selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle

zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen

in einigen Tagen abzuholen. Die Zurückbleibenden sollten sich bei

_Amun Lirung_, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu

verschaffen suchen.

Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausführen

von Beschlüssen für Bahauhäuptlinge sehr verschiedene Dinge sind;

denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum

Zurückbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die überall herrschte,

veranlasste seltsame und komische Szenen.

Zwar begann man damit, mein Gepäck regelrecht in den Böten

unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst

seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rücken und sprang, zur Abfahrt

bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Böte der Kajan und Pnihing,

die vor unseren Hütten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten,

teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen überfüllt

waren. Ein Boot war sogar zum Sinken überladen, und doch wagte es

die eigene Bemannung nicht, die Zuströmenden abzuweisen. Unterdessen

standen die Häuptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht,

zurückbleiben zu müssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine

Würde vergessend, unter die Schar der Bestürmer. Mit strenger Miene,

drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein

die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer

stehenden zurück und entlastete dann die Böte von denjenigen, die

zurückbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8

Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir,

nur mit Einbusse der Hälfte meiner Stimme abzufahren.

Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich _Akam Igau_

mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein

noch heiterer Anblick.

In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghäuptlings _Belarè_

standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne für den

Häuptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit

seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestürmung seines

Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke

Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einführung bei den

Mahakamstämmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich

auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlüsse der Häuptlinge

zur Ausführung zu bringen.

In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch

jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und

Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Häuptlinge für unsere Sicherheit

hatten wir nichts zu fürchten und fuhren schnell flussabwärts an den

Mündungen des Kaso, Serata und Tjehan vorüber bis vor das Haus des

Häuptlings _Belarè_.

Der Pnihinghäuptling wies uns Europäern und den Malaien als Wohnung

ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dünnen Pfählen

gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20

Menschen und alles Gepäck da hinauf geschafft werden sollten. Der

Boden des Hauses befand sich 6 m über der Erde und die Pfähle waren

nur 2 × 1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug

in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepäck nach

oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Höhe

unserer Behausung schützte uns wenigstens vor dem oft lästigen Besuch

von kleinen Kindern und Hunden.

Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut

beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir

bewusst, wieviel Sorgen und Mühen diese hundert Packen und Kisten

meinen Trägern auf den schwierigen Pfaden durch Wälder und Flüsse

verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen

Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn

auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als möglich Reis und Böte

zu verschaffen, damit sie ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen

abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei

den Pnihing, die Hälfte meiner Leute auszurüsten und sie am folgenden

Tage flussaufwärts zu schicken. Die andere Hälfte begab sich mit _Kwing

Irang_ an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei

Tage darauf fuhren auch sie an uns vorüber den Mahakam aufwärts. Die

Häuptlinge hatten ihnen natürlich nicht ihre besten Böte zur Verfügung

gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns

an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepäck ohne Verlust oder

Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben.

Meine erste Aufgabe bei _Belarè_ bestand in der Löhnung aller,

die mir geholfen hatten. _Kwing Irang_ und seine Kajan wollten

warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter

auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den

Niederlassungen am Tjehan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat

an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit _batik_-Stoffen,

weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu

bezahlen. Ihre Häuptlinge erhielten je eine hübsche Jacke oder ein

seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit für unsere wohlbehaltene

Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rücksicht

auf künftige Lohnansprüche musste ich mich daher bereits am anderen

Tage den Pnihing von _Belarè_ gegenüber mässigen. Diese erhielten

nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden

zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen

bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand

beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine

Freude zu bereiten. Ich hatte mich nämlich, hauptsächlich auf Anraten

von _Kwing Irang_, dazu entschlossen, noch einige Tage _Belarès_ Gast

zu bleiben, ein Beschluss, der nach den überstandenen Anstrengungen

bei allen Beifall fand.

Einen weiteren Grund für diese Verlängerung unseres Besuches bei

den Pnihing bildete für mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen

Häuptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich

den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevölkerung vom

politischen Standpunkt aus zu studieren, erfüllen. Ich hatte mir

nun zwar, wie auch bei meiner früheren Reise, vorgenommen, meinen

festen Wohnplatz bei dem mächtigsten Mahakamhäuptling _Kwing Irang_

aufzuschlagen; _Belarè_ war aber von alters her sehr neidisch

auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen

Nebenbuhler mit einem längeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte

_Kwing_ auch Zeit, ein Haus für mich in Stand zu setzen und für meine

Leute ein Unterkommen zu beschaffen.

Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern

kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine

ärztliche Hilfe war auch hier wieder sehr nötig. Gleich am ersten

Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem

der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er

Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst,

ohne indiskret zu sein, nicht hätte betreten dürfen. Meine Praxis

gewann mir bald das früher bereits erworbene Vertrauen der Leute

wieder zurück, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine

Hütte wagte, um gegen Reis oder Früchte etwas von meinen Artikeln zu

erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten

die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepäck

und Menschen ohnehin schon überfüllte Hütte hinauf.

Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten

am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man _Kwing Irang_

auf seiner Durchreise gebeten, dort zu übernachten, um den Häuptling

_Erang Parèn_, der wie seine Schwester, _Belarès_ Frau, an periodischen

Ausbrüchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So

kamen die Häuptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an--leider

ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber

sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln

hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Händen

dieser Menschen gefährlich hätten werden können.

Da _Belarè_ so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten

Häuptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass

ich sowohl ihm als _Kwing Irang_ als Anerkennung für die Hilfe,

die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der

Regierung ein Geschenk anbieten konnte. _Belarè_ fand nun zwar den

vergoldeten Silberbecher, den ich ihm überreichte, als Schaustück

sehr schön, aber viel zu prunkend, um ihn täglich zu gebrauchen,

und erbat sich daher von mir persönlich zum Alltagsgebrauch noch

einen Satz Elfenbeinarmbänder, wie ich ihn _Hinan Lirung_ geschenkt

hatte. Überzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berüchtigter Freund

nicht daran gewöhnt war, einen einmal geäusserten Wunsch fahren zu

lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam

als möglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen.

Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorräte

für Böte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass _Akam

Igau_ mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjehan zu wenden,

die an neuen Böten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn

gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mühe,

ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit _Akam Igau_

und meinem Diener _Midan_ an den weiter oben in den Mahakam mündenden

Tjehan bringen sollte. Nach sechsstündiger Fahrt erreichten wir um

4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjehanufer

erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch

nicht vollendet gewesen.

Trotzdem die Häuptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch

sogleich die vielen halb und ganz fertigen Böte zu besichtigen, und

mit _Akam Igaus_ Hilfe erwarb ich für schwarzen Kattun und Perlen

sogleich zwei derselben. Zwei andere Böte, die ich gern erstanden

hätte, gehörten dem Häuptling _Parèn_, der abends zurückkehren sollte;

daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner

Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glückte mir nicht, da die Pnihing

den Seputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren

Erfolg hatte ich mit Batatenmehl.

Nach _Parèns_ Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Böte bald

handelseinig; da er so viel von meinen schönen Tauschartikeln gehört

hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau _Adjei_ und sein

kleiner Neffe _Kwing_ mich zu _Belarè_ begleiten sollten, um sich als

Lohn für die Böte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswählen

zu dürfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte

und seine Männer für ihre Dienstleistungen von meiner mildtätigen

Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt

hatten, wollte ich doch auch bei den übrigen Bewohnern eine gute

Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich

am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine

Geschenke abzuholen. Trotz unserer früheren Bekanntschaft wagten sich

anfangs doch nur wenige in meine Nähe, kaum hatten diese aber jeder

einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in

hellen Haufen aus allen Türen zum Vorschein kamen. Die Frauen waren

auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen

Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte,

verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat für diese Fingerringe.

Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Böten und einem fünften

mit _Adjei_ und _Kwing_ ab. Bei _Belarè_ angekommen fiel es meinen

Gästen, _Adjei_ und _Kwing_, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln

eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hübschen Jacke,

einem Sarong aus _batik_ und einigen Perlen zufrieden.

_Demmeni_ hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut

verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von

Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing

in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es für wünschenswert

hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch _Belarè_ diese

Gäste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu _Kwing Irang_

an den Blu-u zu ziehen, um dort alles für einen längeren Aufenthalt

vorzubereiten.

Als _Belarè_ abends mit einigen der vornehmsten Familienväter zu einem

Plauderstündchen zu mir kam, brachte ich das Gespräch auf einen Zug

zur Mahakamquelle. Ich hatte nämlich bereits 1896 _Belarè_, der auf

seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Serawak diesen Teil

des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu

bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der

Ausführung des Planes. _Belarè_ zeigte sich auch jetzt wiederum bereit,

mich zu begleiten, verlangte aber für jeden seiner Leute einen und

für sich selbst zwei Reichstaler (2 1/2 fl.) als Tageslohn. Da ich

noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war,

konnte ich auf eine derartige Bedingung natürlich nicht eingehen und

begann ihn, wie ich es früher mit _Kaharon_ getan, auf das Unsinnige

seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich

logischen Beweisgründen zugänglich; denn als ich ihnen den hohen Wert

eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte,

dass der Tageslohn in Serawak und Kutei so viel niedriger sei, und

dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch

_Belarè_, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. für den Tag bei

eigener Beköstigung genügend sei.

Den Lohn für die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit _Belarè_

gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und

einige Glasperlen für den Mann. Auch versprach ich _Belarè_, am

folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die

bereits bei meinem ersten Besuch an Anfällen von Verfolgungswahnsinn

litt und die ich schon damals für unheilbar erklärt hatte. Während

meiner Abwesenheit hatten sich die Anfälle noch einige Mal wiederholt;

die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als

je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen

sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen,

Blutandrang zum Kopf, glühende Wangen und rot unterlaufene Augen

ein. Bald darauf glaubte sie sich von bösen Menschen und Geistern

verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde

dadurch für ihre Umgebung gefährlich. Da man ausserdem noch fürchtete,

dass sie sich in ihrer Angst ertränken könnte, mussten einige Männer

bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte während der Anfälle

so viel Kraft, dass mehrere starke Männer sie nur mit Mühe bewältigen

konnten. Nach derartigen Anfällen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam

sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrückter Stimmung

wurde sie ganz normal. Die Anfälle waren zum ersten Mal aufgetreten,

nachdem die Batang-Lupar aus Serawak im Jahre 1885 _Belarès_

Niederlassung verbrannt und viele Menschen getötet oder als Sklaven

fortgeführt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht,

sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen,

ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Häuptling von Long Kub,

ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte

ich leider nichts anderes tun, als die Leute trösten.

Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Böte unter

dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepäck in

den Böten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen

Kräften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten

sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte

mit den übrigen Europäern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner

zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit

für sich umzusehen. Dass _Belarè_ und die Vornehmsten seines Stammes

mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafür, wie sehr

sie meinen Besuch und den verlängerten Aufenthalt des Kontrolleurs

in ihrer Mitte zu schätzen wussten.

Die Fahrt ging bei dem hohen Wasserstande sehr schnell von statten,

bereits nach zwei Stunden befanden wir uns an der Mündung des

Blu-u. Die Ufer boten jetzt einen ganz anderen Anblick, als bei meiner

Abreise im Frühling des vergangenen Jahres. Man hatte damals längs

des rechten, 30 m hohen Ufers bereits zum dritten Mal alles Gestrüpp

und Gras ausgerodet, um dort für den ganzen Stamm ein neues Haus zu

bauen. Seitdem die Batang-Lupar ihre Niederlassung verbrannt hatten,

lebten die Kajan nämlich zerstreut im ganzen Gebiet des Blu-u auf

ihren Reisfeldern, auch hatte jede Familie im Laufe der Zeit bereits

Pfähle und Planken zum Bau ihrer eigenen _amin_ hergestellt und sie

im Walde oder im Blu-u unter Wasser aufbewahrt. Schlechte Ernten,

ungünstige Vorzeichen und die Angst vor den immer noch im Quellgebiet

des Mahakam nach Guttapercha suchenden Batang-Lupar hatten den Hausbau

ständig verzögert.

Während meines achtmonatlichen Aufenthaltes in ihrer Mitte

(1896-97) hatten sich die Kajan, im Gefühl der Sicherheit wegen

meiner Anwesenheit, mit neuem Mut an den Bau des Hauses gemacht und

waren auch während meiner Abwesenheit in der Arbeit fortgefahren;

denn jetzt standen eine lange Reihe _amin_ auf dem hohen Ufer. Nur

eine einzige Familie, zu der besonders viele arbeitsfähigen Männer

gehörten, hatte ihre Wohnung völlig beendet, die übrigen wohnten

noch in kleinen, aus alten Brettern gebauten Hütten rings umher und

sollten erst später die letzte Hand an ihre _amin_ legen. _Kwing Irang_

hatte mit dem Bau seiner Wohnung überhaupt noch nicht anfangen können

und wohnte augenblicklich mit seiner Familie und einigen Sklaven in

einem sehr kleinen Hause, das wie die übrigen 3 In über dem Erdboden

lag. Die meisten seiner Sklaven lebten mit ihren Familien auf den

Reisfeldern des Häuptlings, die sie zu bebauen hatten und um welche

herum sie ihre eigenen kleinen Felder angelegt hatten.

Da _Kwing Irangs_ provisorische Wohnung nur eine sehr kleine Galerie

besass, hatte man zur Aufnahme von Gästen und zur Abhaltung von

Versammlungen seinem Hause gegenüber an der anderen Seite eines freien

Platzes ein längliches Gebäude aufgeführt. Diesen Versammlungssaal

hatte man zur vorläufigen Unterkunft meines Personals und Gepäckes

bestimmt, während man für uns Europäer an dieses Gebäude angelehnt

a m über dem Boden ein festes Haus von 48 quad. m Grundfläche

errichtet hatte. Man hatte sich, gleich nachdem _Akam Igau_ meine

Ankunft gemeldet hatte, ans Werk gemacht und mir ein so gutes,

starkes Haus gebaut, wie ich es bis dahin auf meinen Reisen noch

nicht besessen hatte. Uns Europäern stand nun ein ausgezeichneter

Wohnraum zur Verfügung, der nur als Zeichenatelier für _Bier_,

als photographisches Atelier für _Demmeni_ und als Arbeits- und

Handelslokal für _Barth_ und mich zu eng war. Doch konnte allen diesen

Anforderungen später entsprochen werden; vorläufig musste ich für meine

Malaien eine Unterkunft zu beschaffen suchen. _Kwing Irang_ meinte,

dass hierfür ein leer stehendes, am Fusse des Uferwalles gelegenes,

malaiisches Haus am geeignetsten sein würde. Es hatte hier lange Zeit

ein malaiischer Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher,

ein gewisser _Hadji Umar_, gewohnt, der sich augenblicklich unterhalb

der Wasserfälle aufhielt. Das etwas baufällige Haus konnte schnell

wieder hergestellt werden, indem der Wald Pfähle, der Häuptling

Planken und meine Malaien die Arbeit lieferten. Die Lage des Hauses,

weit ab von der eigentlichen Niederlassung der Kajan, war insofern

günstig, als die Malaien, die für die Dajak nie Sympathie empfanden,

hier ungestört wohnen konnten. Zwar war unser Geleite während der

Nacht hier weit von uns entfernt, aber einige Männer konnten als

Wache stets oben im Versammlungssaal schlafen.

Nachdem ich _Belarè_ und die Seinen belohnt und verabschiedet hatte,

wandte ich mich an meine alten Kajan Bekanntschaften, die sich

während der Anwesenheit der Pnihing in einiger Entfernung gehalten

hatten. Ihrer Sitte gemäss, äusserte keiner der Kajan, bevor ich

das Wort an ihn gerichtet hatte, seine Freude über meine Ankunft,

dann aber war die Zunge plötzlich gelöst und ich wurde mit Fragen,

wo ich die Zeit über gewesen sei, ob ich mich nicht verheiratet hätte

u.s.w. über schüttet; leider begannen sie auch sogleich wieder um

allerhand Dinge zu betteln. Das Willkommgeschenk, das die meisten

erwarteten, schob ich noch einen Tag hinaus.

An den beiden folgenden Tagen trafen in gesonderten Gruppen die

Mendalam Träger bei uns ein: zuerst die Ma-Suling mit denen aus

Pagong. Diese wollten sich den Mahakam abwärts zu ihren Verwandten

am Merasè begeben, sich 10 Tage bei ihnen ausruhen und dann wieder

an den Kapuas zurückkehren. Obgleich sie bereits in Putus Sibau

einen Vorschuss von ihrem Lohn erhalten hatten und es abgemacht war,

dass sie den Rest bei ihrer Heimkehr dort vom Kontrolleur in Empfang

nehmen sollten, baten sie mich doch wieder um Geld. Mit Rücksicht

auf meinen beschränkten Geldvorrat und darauf, dass alle anderen

wahrscheinlich mit den gleichen Forderungen herantreten würden,

musste ich ihre Bitte abschlagen und gab jedem nur eine kleine

Summe als Vorschuss; für den Rest gab ich ihnen einen Brief an den

Kontrolleur von Putus Sibau mit. Der gleiche Auftritt spielte sich

mit den Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda ab, die sich,

um Blutsverwandte zu besuchen und Handel zu treiben, nach anderen,

weiter unten am Mahakam gelegenen Niederlassungen begaben. Nur den

armen Punan, die wenig oder gar keine Tauschartikel besassen, händigte

ich einen grösseren Betrag aus, damit sie unter _Tetuhès_ Anführung

bei ihren Verwandten am Serata, wo sich bei den Pnihing eine grosse

Bukat Niederlassung befand, keine allzu klägliche Rolle spielten.

Ferner besprach ich mit _Kwing Irang_, was ich seinen Untergebenen,

die mir entgegengereist waren, geben sollte. Zu meiner angenehmen

Überraschung schlug er mir vor, jeden auf die gleiche Weise mit einem

Stück schwarzen und roten Kattuns zu belohnen; so hatte ich denn

nicht mit dem persönlichen Geschmack der einzelnen zu streiten. Ein

chinesischer Bankerottierer, _Mi-Au-Tong_, der aus Pontianak dein

Kapuas entlang an den Mahakam geflüchtet war und jetzt bei den Kajan

durch Handel mit Buschprodukten und Arzneien sein Leben fristete,

half mir beim Messen des Zeuges. Die Abmachung mit dem Häuptling

wurde von seinen Untergebenen natürlich wieder nicht für gut befunden;

jeder verlangte noch eine Portion Salz dazu, die ich ihm gern gab.

Dem Häuptling selbst übergab ich im Namen der Regierung eine silberne

Beteldose mit Zubehör, die ihn sehr zu beglücken schien. Seinen

beiden Frauen hatte ich schöne seidene Tücher mitgebracht, ausserdem

liess ich sie von meinen geblümten Seidenstoffen selbst noch etwas

auswählen. _Kwing Irangs_ Pflegetochter _Kehad_ erfreute ich mit einem

Ohrschmuck, bestehend aus 20 Silberringen von 4 cm Durchmesser. Ich

hatte in Batavia 1500 dieser Ringe anfertigen lassen; sie bildeten

einen kostbaren und wenig umfangreichen Tauschartikel.

Der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich _Hinan Lirung_ und _Belarè_

gegeben hatte, spukte auch _Kwing Irang_ im Kopfe herum, und er ruhte

nicht eher, bis ich auch den Arm seines 10 jährigen Söhnchens _Hang_

mit Elfenbeinringen geschmückt hatte. Alle Bahau besitzen die Eigenart,

dass sie ihre Wünsche starrsinnig auf einen bestimmten Gegenstand

richten und dass man sie dann mit Geschenken von viel grösserem Werte

nicht entsprechend erfreuen kann. Es ist daher am einfachsten, sie

ihre Wünsche stets vorher äussern zu lassen.

Zu meiner grossen Beruhigung war es diesmal mit dem Reisvorrat der

Kajan viel besser bestellt, als auf meiner vorigen Reise. Bereits

in den ersten Tagen kamen Scharen von Mädchen und Knaben, um gegen

kleine Mengen Reis Nadeln, Perlen u.a. einzutauschen, so dass ich einen

ganzen Vorrat beisammen hatte, bevor _Barth, Demmeni_ und _Bier_ am

11. Oktober bei uns eintrafen. _Kaharon_ begleitete die Gesellschaft,

um mit mir noch einmal über die Expedition zum Quellgebiet des Mahakam

zu reden, die nach Ablauf der mit der Reissaat verbundenen Verbotszeit,

die jetzt bei den verschiedenen Stämmen eintrat, stattfinden sollte.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 51 / 66 题