KAPITEL XI.

Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_

zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur

Wasserscheide--Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz

der Bungan--Rückkehr der Träger--verschwinden des leises--Landzug

in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb

der Wasserscheide.

Bereits früh am folgenden Tage erreichten wir den _pangkalan_

Howong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten,

bis all unser Gepäck beisammen war, wurde ein festeres Lager als

gewöhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden für uns und die

verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Hütten und für unsere

Vorräte ein paar feste Schutzdächer aufgestellt.

Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglücksfälle und wenig

beschädigt, in kürzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befördert

hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten

Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt

sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten

trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie

mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt

werden. Unglücklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in

der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum möglich war.

Unsere ganze Gesellschaft genoss übrigens die erzwungene Ruhe in

dem angenehmen Gefühl, dass ein wichtiger und gefährlicher Teil der

Reise bereits zurückgelegt war. Wie gewöhnlich verstanden die Kajan,

die freie Zeit am besten zu benützen; sie hatten in ihren Tragkörben

allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich während der langen

Abende angenehm beschäftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe

schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein

dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff

her. Viele lagen auch neben einander und plauderten über die

Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tage

schien keiner ruhebedürftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders

heiter, so begann einer der älteren Männer, Couplets, welche die

Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte

die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas

eintönig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte

ein gutes Zeugnis für die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich

mit Vergnügen, wenn mir nicht vor Müdigkeit die Augen zufielen. Wir

Europäer hatten nämlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt,

irgend etwas vorzunehmen und hatten uns früh schlafen gelegt.

Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mündung

des Bulit zurück, um die dort mit dem Reisvorrat Zurückgebliebenen

abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an.

Hatten an dem einen Abend die Männer aus Tandjong Karang etwas

vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hören

zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise.

Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefördert hatten, durfte ich

mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine

Kajan nach ihrer Art geniessen.

Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus

Furcht vor Zusammenstössen mit den Köpfe jagenden und Buschprodukte

raubenden Stämmen aus Serawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung

frei gegeben worden und daher in seiner Unberührtheit besonders

reizvoll. Die Gipfel der Bäume erhielten durch die wehenden,

meterlangen Blätter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch

zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges

Laubwerk. Ein überall vorkommender Baum, dessen weisse Blüten die

Geröllbänke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft

erfüllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend

zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwärmten

die Blüten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden,

schwebten Gruppen eigenartig schöner Schmetterlinge. Es fiel uns

aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden,

während die Nachtschmetterlinge und die übrige Insektenwelt uns abends

durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen

lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei,

die sich an der hellen Innenseite unserer Dachbedeckung niederliessen

und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und

Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten

Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein

und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglänzende

Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schönsten Zeichnungen

erfreuten das Auge; unser Entzücken erregte aber ein sehr grosser

Falter mit weissen Atlasflügeln, deren Ränder mit den zierlichsten

Arabesken aus Gold geschmückt waren. Leider liess sich gerade dieser

Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten,

sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen

von Lampen im Walde führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Die Kajan hatten für dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen

beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden

auf die Jagd; einige Kajan suchten _aka klea_, eine Liane, um mit

ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf

dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark

gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang.

Dank dem Fischreichtum dieser Flüsse stand unserem Geleite stets

reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur

Verfügung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine

Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit

einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide,

musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends

ins Lager zurückkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie

in die hiefür mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlösung. Auch

sorgte ich dafür, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen

Arten der Fische der kleinen auf 500-600 m Höhe gelegenen Bergbächen

bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine

grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut

schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise.

Unser schön tätowierter Beketan, namens _Ganilang_, benützte die Musse,

um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das

ständige Nasswerden in Wasserfällen und Strudeln stark gelitten hatte,

eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen

ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Länge seiner Rinde

und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile von

einander zu trennen. Den ungefähr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis

1 1/2 cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von

beiden Enden aus so fest als möglich zusammen und klopfte ihn darauf

mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstückes mürbe. Indem

er das Bündel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus

einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach

mehrstündiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten,

dünnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren

Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihn _Ganilang_ an einen

Baumstamm in stark strömendem Wasser, wodurch vollends der Rest

der weichen Teile ausgespült wurde; nach dem Trocknen bildete der

Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstücke

aus guten Bastarten können monatelang getragen werden.

Die jüngsten unserer Männer verfolgten inzwischen ganz andere

Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, wo _Akam Igau_

dafür gesorgt hatte, dass sich hauptsächlich kräftige, kriegstüchtige

Männer an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel

jüngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten,

unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen

von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen

brachte, und, da sie sich unterwegs in den Böten gut gehalten

hatten, sah ich die fröhlichen, geschmeidigen jungen Männer gern

um mich. Für viele bildete dieser Zug, gleichwie für _Adjang_ und

_Djawè_, das erste grössere Unternehmen, das sie mitmachten, daher

sollten sie bei ihrer Rückkehr unter die erwachsenen Männer des Stammes

aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemäss, den

_utang_, das Stäbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter

Männlichkeit durch die glans penis getrieben und während des ganzen

Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schämen sich die jungen Leute zu

sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen

zu lassen, daher benützen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In

der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden

könnte, war ich über die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag

an der Mündung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausführung

der Operation benützt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich

die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich

doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzündung; heftige Blutung

kam überhaupt nicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht

an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit

schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer kühlen Bergquelle sitzen,

was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte.

Wohl aus Rücksicht auf diese Verhältnisse zeigten _Akam Igau_ und

_Tigang_ am folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen:

da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat

zu leben hatten, hielt ich Eile für geraten und begann, als die

Kajan zögerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der

vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Häuptlinge,

je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige

der Bungan Dajak, die wir, wie früher mitgeteilt, als Träger und

Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen,

rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und

da einige in den Hütten zurück und andere begannen mit dem Transport

ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg.

Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Träger

an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurück,

der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst

über den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren können, auch habe

man das Gepäck noch vor der Mündung des Betjai unterbringen müssen;

erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden.

Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin

eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich bei

_Demmeni_, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt,

noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber

stets zurück und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die

er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm,

niederschlagen. Da man den Patienten unmöglich über Land transportieren

konnte und auch eine Rückreise für ihn nichts Gutes versprach, in

Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in

Sintang ärztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an

Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett

und erhöhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass

sich der Kranke zwar schwindelig fühlte, die Temperatur aber nicht

mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederum kein genügendes

Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe

und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese Behandlung _Demmeni_

durchaus nicht angenehm war, überstand er sie doch mutig, überzeugt,

dass er nur auf diese Weise wieder marschfähig werden konnte.

Wir benützten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das während der

Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen

Geröllbänken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die

Feuchtigkeit gänzlich entfärbt worden, obgleich sie sich in eisernen,

mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel

hätten in besonderen, verlöteten Blechkisten aufbewahrt werden müssen.

Den im Lager zurückgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf

verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die

Träger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering.

Mittags kehrte die Trägergesellschaft zurück und bestätigte die Meldung

der Bungan Dajak, dass der Weg längs dem Bungan sehr beschwerlich

sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen

einiger Bungan Dajak erreicht. Deren Häuptling _Lakau_ war mir von der

vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode

des Malaien _Adam_. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht

helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits besät hatten. Ihre

Weigerung erklärte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot,

die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit

Waldfrüchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus,

ihre Felder der Sorge der Natur überlassend.

Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan,

_Djeléwan_ und _Udjan_, darüber beraten hatte, ob wir diesen wenig

verlockenden Landweg überhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen,

ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europäer aufbrechen konnten,

bevor _Demmeni_ wieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht

die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als

möglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen,

den Gütertransport gänzlich den Trägern zu überlassen, was ich aus

verschiedenen Gründen nur sehr ungern tat. Auch mussten wir überlegen,

auf welche Weise wir die Häuptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe

wir nötig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigen

sollten. Da _Akam Igau_ sich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896

trotz schwieriger Umstände seines Auftrages trefflich entledigt und

uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er

mir auch jetzt wieder die gegebene Persönlichkeit dafür zu sein. Meine

Wahl bereitete jedoch _Tigang Aging_, der sich selbst für am besten

geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel

Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepäcks und die Aufsicht

über seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. Ausser _Akam

Igau_ beauftragte ich noch vier andere ältere Männer aus verschiedenen

Häusern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen und _Kwing

Irang_, dem mächtigsten Häuptling der dort lebenden Bahaustämme, zu

melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen

Beistand ersuchten.

_Tigang Aging_ behielt ich, damit er unterwegs keine Händel mit _Akam

Igau_ anfing, bei mir zurück, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak

als Dolmetscher dienen.

Am nächsten Morgen wurden wiederum hauptsächlich Reis und Blechkisten

mit Salz unter die Träger verteilt, die in der Voraussicht, längere

Zeit allein reisen zu können, sehr vergnügt waren. Es schien mir am

besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Betjai zogen. Sie

befanden sich dort auf einem Bergrücken nur einige Hundert Meter

unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Betjai und Howong,

also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem

Punkte sollte _Akam Igau_ die Träger beaufsichtigen und Sorge tragen,

dass alles Gepäck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen

Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der Korporal

_Suka_ und zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit

so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurückbleiben

und dafür sorgen, dass alle Träger so schnell als möglich zu uns ins

Lager zurückkehrten, um uns abzuholen.

Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europäer

mit einigen hier gänzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien

und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurück.

Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trägern

ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald führte

und es überdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor

unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen.

Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den ständigen Regen

noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich

sie Reusen für den Fischfang herstellen; der Bulit führte aber gerade

jetzt nicht so viel Wasser, als für das Fischen mit Reusen erforderlich

war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten.

Zum Glück war _Demmeni_ nach dreitägiger sehr strenger Behandlung

fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grösseren Ausflug

auszuführen, für längere Zeit allein lassen.

Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische

Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an

diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia

im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885-1896 von dem Flussgebiet

des Kapuas hatte ausführen lassen.

Der Topograph _Werbata_ hatte damals den Weg über die Wasserscheide

bis Penanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den

Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen.

Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über

Penanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der

Ferne von ihm aufgenommenen Betjai zogen, mussten wir versuchen,

auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort

aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge

bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe

von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.

Unser Topograph _Bier_ hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet

und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande

gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen,

von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges

begrenzten Tales gefahren waren.

Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges

Lekudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen,

mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.

Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem

_pangkalan_ Mahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad,

den der Topograph _Werbata_ hatte durchhauen lassen, um von diesem

Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem

Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im

Jahre 1894 mit Professor _Molengraaff_ bestiegen, um von hier aus einen

Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge

nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mit

_Demmeni_ dort einige photographische Aufnahmen gemacht.

Auch der Kontrolleur _Barth_ wollte das interessante Panorama des

Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei

herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns

durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer

kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war

inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass

man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu

verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs

dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da

der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen

Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte

die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich

auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus

Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden.

Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil

abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein

bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand

zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos

in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden

Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen

und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.

Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte

es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit _Bier_ den Punkt erreichte,

von dem aus der Topograph _Werbata_ seine Beobachtungen angestellt

hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur

durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner

im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um

Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch

auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und

begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser

bekannten Höhe zu regulieren. Von den beiden Aneroïden schien der

eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von

dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus

Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben,

mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an.

Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit

seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn

bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht

aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das

sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die

ausgestandenen Strapazen.

Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von

dichten, ernsten Wäldern gänzlich überdeckt, mit seinen in Wolken

gehüllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermütigen Eindruck auf den

Beschauer machte. Zu Füssen des Gebirges strömte mit allen seinen

Nebenflüssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mühsam fortbewegt

hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter

einander und stiegen erst schnell, dann immer allmählicher nach Norden

hin auf, bis ihre höchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kerihum, in

den Wolken verschwanden. Das eintönige dunkelgrüne Gewand, welches

das ganze Kettengebirge bis auf seine höchsten Erhebungen hinauf

umhüllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch

Abwechslung der Farbentöne noch durch eigenartige Felsformationen

belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlängelten

sich die Täler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen;

zwar waren auch sie mit dunklem Grün überdeckt, aber die steilen Wände

der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der

Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz

in der Tiefe zwischen zwei Querkämmen eines hohen Bergrückens eine

feine Rauchwolke zwischen den Bäumen aufsteigen. Die Flüsse selbst

blieben unserem Auge gänzlich verborgen.

Südlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei höhere Bergrücken,

der Tanah Kuban, dicht bei den "Gurung Delapan", und der Rücken,

von dem der Liang Tibab einen der höheren Gipfel bildet; dieser

stieg weiter nach Süden bis zu einer Höhe von 1100 m an. Zwischen

diesen beiden Bergrücken zog sich in leichten Windungen, nach Süden

immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan

und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die

ununterbrochene Waldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im

Süden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der

Hariwun, das Langau Gebiet, während im Hintergrunde zwischen diesen

beiden der Menakut aus dem Stromgebiet des Kréhau zum Vorschein kam. Am

südlichen Ufer des Kréhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige

Müllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflächen sichtbar.

Nach Süden hin benahm uns der ansteigende Rücken des Liang Tibab

die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten

Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kämme von viel

geringerer Höhe erhob sich im Süd-Osten der obeliskenförmige Pemeluan

bis zu 1300 m Höhe, während etwas östlicher der riesige Terata die

Landschaft beherrschte. Die Wände beider Berge waren viel zu steil,

um von der Vegetation bedeckt sein zu können, und bildeten daher mit

ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schönen Gegensatz zu

dem schlichten Grün um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der

Lekudjang, längs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem

Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestürzte Teil der Kraterwand

dieses alten Vulkans von dem übrigen waldbedeckten Teil schön ab. Wegen

der vorgelagerten Gebirgskämme und des schmalen Raumes zwischen ihr

und dem nördlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit

dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es möglich, auf

ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara,

den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch

Fixpunkte für unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes

gewinnen konnte. Der nördliche Abhang des Lekudjang war allerdings

steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser

Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das

Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten.

Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf

dem schmalen Platze nicht bewegen; ein längerer Aufenthalt auf der

Höhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz

der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den

steilen Abhängen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im

Lager angekommen suchten wir, müde aber befriedigt, unsere Klambu auf.

In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hunde bellen

gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak,

unter _Lakau_ um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns

zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir

nicht kamen, um den an dem Malaien _Adam_ verübten Mord zu rächen,

wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah,

auch mein Bekannter _Lakau_ mit seinen Töchtern, an die ich auf den

früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute

litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis,

nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten,

baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend

Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig

hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum

zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali,

falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den

folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im

Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie,

der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut

entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes

Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.

In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle

beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere

Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu

uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe

niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere

Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden,

die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die

unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass

man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher,

unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen

eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine

Geschenke mit. Unter _Tigang_s Führung gelangten wir nach einer halben

Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit

wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach

Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander.

Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand

und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem

Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen

gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit

denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche

gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste

Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in

dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen,

neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem

Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen

Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte

man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell

für Brennholz angebracht.

Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden

standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und

ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas

abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens

auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit

vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der

aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle

Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut.

Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in

der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder

hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten

entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten

uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere

kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige

Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich

an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen

und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten

sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe

Ufermauer wieder hinauf flüchteten.

Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen

Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein,

machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den

ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem

Häuptling _Lakau_ ein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach

Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte.

Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo

eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen

Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den

sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis

und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven

Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der

Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den

Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst

müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten,

wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan

Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft,

während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven

Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung,

Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan.

Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross

von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m;

die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe,

Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.

Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die

Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den

Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und

dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen;

ferner, _Akam Igau_ und die Seinen seien weiter an den Mahakam

gezogen. Da _Demmeni_ nun auch so weit war, dass er, mit einigen

Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten

wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen

Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel

und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch

möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen.

Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf

meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Betjai gebracht hatte,

erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen

Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben

waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei

uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte

ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen

zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte

Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz

all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht

genügend Proviant für mein Personal.

Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden können, darüber konnte oder

wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die älteren Männer schoben

die Schuld auf die vielen _deha njam_ (= jungen Leute), welche, der

langen Reisen und der Sorge für die Zukunft nicht gewöhnt, unterwegs so

viel Reis verzehrt hätten; die anderen wiederum behaupteten, sie hätten

viel nass gewordenen Reis wegwerfen müssen. Trotz dieser Erklärungen

blieb mir die Sache rätselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte,

dass sie den Reis für ihre Rückreise im Walde verborgen hatten. Eine

Erklärung der Tatsache konnte den Reis übrigens auch nicht wieder

herbeischaffen, und so rief ich denn die Häuptlinge zusammen, um mit

ihnen zu überlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit

ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal für die Reise bis zum

Howong genügenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen

eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Häuptlinge

wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmärschen den Landweg zurücklegen

mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepäck

auch nichts zurückbleiben durfte. Die Vertrautheit der Häuptlinge

mit der Umgegend eröffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage

herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein

Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen;

auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben,

da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden

Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute für den

äussersten Notfall alle _kertap_, den fein gestossenen Klebreis,

in ihren Tragkörben mitgenommen hatten.

Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der

Wasserscheide längere Zeit aufhalten mussten, um den zurückgelegten

Weg am Mahakam messen zu können. Das war unbedingt nötig, da sonst

die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung

mit derjenigen des Kapuasgebietes überhaupt nicht stattfinden konnte.

Um so schnell als möglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen,

erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der

Europäer und der meisten Malaien zunächst aufzugeben. Nach allgemeiner

Beratung wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen gemeinschaftlich

aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu

sehen, ob alles gut ging, und vor allem, ob _Demmeni_ folgen konnte;

war dies der Fall, so sollte ich mit _Bier_ und einigen tüchtigen

Männern in Eilmärschen vorausziehen, während der Kontrolleur _Barth_

mit _Demmeni_ dafür sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepäck

bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen,

dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lekudjan

erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war.

Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Träger am anderen

Morgen nur zögernd unser Gepäck auf den Rücken; kindischer Weise

sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas

weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit

den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss

auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich

selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter

sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine

Lampe in den verschiedenen Tragkörben unterbringen lassen. Nachdem

alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkörbe in

Ordnung zu bringen.

Alle Stämme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten

auf ungebahnten Wegen den _takin_, einen aus starkem, gespaltenem

Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger

Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit

Rotangschnüren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstände in den

Korb aufgenommen werden können, indem man die Klappen öffnet und die

Fracht an beiden Seitenwänden mittelst der Schnüre festbindet. Auf

diese Weise wurden auch die eisernen Köfferchen, in welchen ich die

meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein

grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser

Länge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern

zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstämmen nicht allzu

beschwerlich. Viel Mühe und Überredungskunst war stets erforderlich,

um lange, wenn auch leichte Gegenstände, wie Stative und Massstäbe

den Trägern aufzubürden. Um g Uhr war das Gepäck verteilt. Die

Kajan packten alles so praktisch als möglich zusammen und banden

schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Die _takin_

werden mittelst zweier Rotangseile über der Schulter auf dem Rücken

getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei

längeren Märschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug

umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten,

zogen sie öfters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmützen

aus Rotang auf. Das Schwert hängen alle an die Seite, und in den

freien Händen halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere,

die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten.

Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre

Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Hütten

selbst blieben unversehrt zurück und werden wohl noch ein Jahr lang

Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben.

Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade

im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu

denken. _Demmeni_ war mit _Bier_ bereits vorausgegangen, um den

Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet,

um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde.

Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde

daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen

wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich

alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark

angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim

Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen

Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige

Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen;

gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark

an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen

jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.

Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der

steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten,

rundgeschliffenen Felsblöcken von 1/4 bis zu 1 m Durchmesser bestand.

Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen

beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem

brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf

den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend,

wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger

gleichzeitig sich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang

sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und

unser Gepäck auch nicht nass wurde. _Demmeni_, für den ein kaltes

Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftige _Jung_

sogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich,

nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns

andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem

Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich

20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die

Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für

ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider

der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste

mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr

bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen

froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl

ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien

konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir,

ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich

mich an dem Anblick, den _Barth_ und _Bier_ bei ihrem Durchzug boten.

Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich

weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine

Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet

hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen

und sah mit Vergnügen, dass _Demmeni_ sich gut gehalten und auch kein

Fieber bekommen hatte.

Am folgenden Morgen wollte ich mit _Bier_ und den notwendigsten

Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an

der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei

unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen

nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aber _Jung_

als Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe

brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit _Bier_,

4 Malaien, unter denen auch mein Diener _Midan_ war, und 6 Kajan auf

den Weg.

Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger,

die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine

Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene

Wegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der

Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte

der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam

gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich

ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten,

zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen,

wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt

wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so

hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und

nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte

Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie

mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden

kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen

sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger

Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre

Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung

hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger

hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns

durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen

Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild.

Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines

prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen

hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden

Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der

hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag,

hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer

zu versehen.

Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung

doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort,

den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach _Jung_ nicht mehr weit

entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten.

Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs

dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen

Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet

waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene

Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder

angelegt hatten.

Die freie Fläche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den

vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wäldern in der Tiefe der

Talgründe zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie

verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den

Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch

zu weiten Weg zurückzulegen, um uns diesen Genuss gönnen zu können,

und so wartete ich denn mit _Jung_, der allein meinem schnellen Schritt

zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft von _Bier_ und den Trägern

ab, um uns nach dem besten Pfad über diese Felder zu erkundigen.

Nach einigem Zögern behauptete einer der Kajan, dass wir längs

des Flussufers am bequemsten weiter kommen würden, und sogleich

machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst,

was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu

überschreiten. Wie die Bahaustämme im allgemeinen, hatten auch die

Bungan nur einen kleinen Teil des gefällten Holzes verbrennen können,

aber, entweder aus Nachlässigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit,

war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Sträucher, unverbrannt

geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem

Wald halb verkohlter Äste den Weg, was bei anderen Stämmen nie

vorkommt. Alle Bäume waren längs des Abhanges mit ihren Kronen zum

Ufer hin gefallen, so dass wir über jene hinweg oder unter ihnen

hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns

einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bäume über einander oder

waren die Stämme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes

Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der

heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im kühlen Walde gelebt

hatten. Der etwas vollblütige _Bier_ kam daher ziemlich erschöpft

auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und

Erfrischung in einer Kajanhütte.

Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm,

um darauf zu sitzen, bis unsere Träger ankamen und einen verborgenen

Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die

Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns

eine Knolle roh auf. Die Träger waren nicht minder ermüdet als wir,

sie waren aber von den Hütten der Bungan an über dem Bergrücken hoch

über der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt.

Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage

nicht mehr weiter zu können; augenscheinlich hatten sie überlegt, dass

die folgenden von ihnen gebauten Hütten sehr hoch am Betjai lagen und

dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen

Schutzsoldaten und mein Junge _Midan_, die alle an ihrem Gepäck zu

tragen hatten, erklärten, vor Ermüdung nicht weiter gehen zu können.

Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt

ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich

denn trotz allem versuchen, mit _Bier_ weiter zu kommen. Dieser war

zwar sehr ermüdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil

es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurückbleiben. _Jung_ war,

wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente,

den Theodolit und die kleinen Massstäbe auf seine Rechnung; sein

Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei

andere kräftige junge Leute trugen das Bettzeug von _Bier_ und die

notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg.

Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu

verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Träger

sichtbar. Ich fürchtete jedoch, sie könnten meine Getreuen wankend

machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter

zu marschieren. Zum Glück wanderten wir jetzt längs des Léja durch

ein Längstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal

des Bungan, dafür aber viel breiter und ebener; auch folgten wir

einem für diese Gegenden guten Pfade.

Das Strauchwerk benahm uns nicht gänzlich das Sonnenlicht, daher

konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns während der

Rast gefröstelt hatte, etwas erwärmen. Nach 3/4 Stunden verliess der

Pfad den Léja und führte uns dessen Nebenfluss, den Betjai, aufwärts,

der uns in östlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen

sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber

keine Schwierigkeiten, nur mussten wir öfters die Uferseiten wechseln

und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren;

bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser

reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir

wiederum fröstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem,

rundem Geröll bedeckt und nötigte bei der heftigen Strömung auch

den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben

unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen

sie, war die Strömung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf

solchen Expeditionen waren sie stets viel zu müde, um mit einander

zu kämpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es,

aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen.

Eine Stunde nach der anderen verging, während welcher wir im Wasser

gegen Strömung und Geröll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und

Felsblöcke ankämpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit,

dass wir für unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher

Weise wurde auch kein Wort unnütz gesprochen. Da wir über den noch

zurückzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei

Uhr, unserer grossen Ermüdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich

mit _Jung_ stets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit;

um 1/2 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, da _Bier_ vor Erschöpfung

am Flussufer niedergefallen war. Er erklärte zwar, dass etwas Ruhe und

Nahrung ihn bald wieder herstellen würden; aber es war mir doch eine

grosse Beruhigung, als der hinterste Träger erklärte, die gesuchten

Hütten seien ganz in der Nähe. _Jungs_ Bruder brachte aus seinem

Tragkorbe _kertap_ zum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem

Erschöpften als Magenstärkung. Nun merkten _Jung_ und ich, dass auch

wir eine Erfrischung sehr nötig hatten, setzten uns daher auf eine

Sandbank im Flusse und teilten brüderlich den übrigen _kertap_. Die

Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mühe schleppte ich mich

die 300 m bis zu den Hütten weiter und legte mich dort auf einer zum

Lagerplatz für die Nacht bestimmten Bank nieder.

Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer

Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als

wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei über

halb verkohlte Baumstämme geschwärzten Kleider gegen trockene

vertauschten, durchzog uns das erste Gefühl von Wohlbehagen. Die

Kajan zündeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns,

mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen

Trank lieferte. Bei unserer Übermüdung waren wir aber nicht im stande,

von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns

eine angenehme Überraschung, als einer der Kajan mit einer unserer

Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nähe im Walde gefunden

hatte. Einer der Träger musste die Kiste dort niedergelegt haben,

statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter

oben zu bringen. Durch seine Nachlässigkeit waren wir nun in den Besitz

verschiedener Konservenbüchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren

Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so müde, dass sie die

Reste, für sie aussergewöhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrührten;

sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu

zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, während

sie sich für gewöhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir

Europäer waren übrigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei

Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war.

Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres

Gepäckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch.

Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen

Verwunderung mein Diener _Midan_ und einige Malaien. Sie hatten

es nämlich doch nicht über sich gebracht, uns gänzlich im Stich zu

lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch

am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen

konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter höchst

mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen müssen. Sie hatten

aber trotz ihrer Ermüdung aus Verdruss darüber, dass sie uns nun doch

allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjägern nicht schlafen

können, waren bei Morgendämmerung bereits aufgebrochen und daher so

früh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung

durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst

einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem Korporal

_Suka_ selbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe

war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der

pater familias war mit _Akam Igau_ bereits vorausgegangen, um ihm als

Führer zu dienen und ihn bei den Pnihing von _Amun Lirung_ einzuführen.

Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des

Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich

vorausgesandt hatte, waren zum Glück 11 statt nur 6, wie man mir

früher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun, hier auf

die Ankunft unserer Träger zu warten und uns für diesen Tag Ruhe zu

gönnen. Da unser Lagerplatz auf einer Höhe von 500 m lag und stark

beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene

Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das

Flusswasser noch eine Temperatur von + 20° C.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 50 / 66 题