Rolle des Ackerbaus bei den Bahau und Kenja--Religiöse
Vorstellungen beim Ackerbau Legende von der Entstehung der
Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen
bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit-Perioden
des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest:
religiöse Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest
Festgebräuche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der
Opfer--Tänze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ =
Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap_ = Festtag des
Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und
Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest.
Die Bahau und Kenja sind Ackerbauer; sie widmen sich hauptsächlich
dem Bau ihres wichtigsten Nahrungsmittels, des Reises; alle übrigen
Bodenerzeugnisse spielen daneben eine untergeordnete Rolle. Der
Ackerbau beherrscht im Grunde das ganze Leben dieser Stämme: ihr Jahr
ist das Jahr des Reisbaues, das sie in die verschiedenen Perioden
einteilen, welche die Bearbeitung des Reisfeldes und die Behandlung
des Reises selbst bedingen.
Die Herstellung von Wohnung, Kleidung und sonstigen Artikeln nehmen
die Kajan in der Zeit vor, die der Reisbau ihnen gerade übrig lässt,
vor allem nach dem Jäten der neuangelegten Felder und in der letzten
Ernteperiode. Dinge, die sie jetzt nicht mehr selbst verfertigen
oder gewinnen, wie Salz und einige Arten Zeug, werden den malaiischen
Händlern mit Bodenprodukten bezahlt.
Bei Stämmen, deren Denken so stark vom Ackerbau in Anspruch genommen
wird, nimmt es nicht Wunder, dass sie ihre Vorstellungen von den ihr
Wohl und Wehe beherrschenden Mächten mit diesem in engen Zusammenhang
bringen. Die Geisterwelt steht mit dem Ackerbau der Bahau in inniger
Verbindung, ohne ihre Zustimmung kann eine Feldarbeit überhaupt
nicht vorgenommen werden. Auch fallen alle grossen Volksfeste mit den
verschiedenen Perioden des Reisbaus zusammen. Da nach der Ernte ein
besonderer Wohlstand herrscht, werden, schon aus praktischen Gründen,
auch alle Familienfeste, die einen grossen Aufwand erfordern, auf
das Neujahrsfest am Schluss der Ernte verlegt.
Die beiden mächtigen Geister, _Amei Awi_, und dessen Gattin, _Buring
Une_, die nach der Überzeugung der Kajan in einer Welt leben,
die unter dem Erdboden liegt, beherrschen den ganzen Ackerbau
und lassen den. Ausfall der Ernte grösstenteils vom Benehmen des
Feldeigentümers abhängen, und zwar nicht nur von dessen sittlichem
Betragen, sondern vor allem davon, ob er alle ihnen zukommenden Opfer
und ihre Warnzeichen genügend beachtet hat.
Dem Häuptling fällt eine wichtige Rolle beim Ackerbau zu: er muss
bei den Festen im Namen des ganzen Stammes die vorgeschriebenen
Beschwörungen durch die Priesterinnen ausführen lassen.
Alle religiösen Zeremonien, die der Ackerbau erfordert, finden
auf einem kleinen, besonders zu diesem Zweck angelegten Reisfeld
(_luma lali_) statt; hier leitet auch die Häuptlingsfamilie jedes
neue Verfahren des Reisbaus, wie das Säen, Jäten, Ernten ein;
die feierlichen Handlungen, die dabei vorgenommen werden, haben
symbolische Bedeutung.
Die Geister walten nicht nur über dem Gelingen oder Misslingen der
ganzen Ernte, sondern sie haben auch die angebauten Produkte: Reis,
Mais, süsse Erdäpfel, Tabak u.s.w. besonders für die Bahau auf Erden
entstehen lassen.
Nach der Überlieferung der Mendalam Kajan lebte nämlich in alten
Zeiten, als sie noch das Stammland Apu Kajan bewohnten, ein Ehepaar:
_Batang Timong Nangei_ und seine Frau _Uniang Bulan Batang Ngaui
Ingan_ (ihre Namen stehen mit dem Ackerbau in Verbindung, denn
_nangei_ bedeutet das Feiern des neuen Jahres am Ende der Reisernte,
_ingan_ ist ein Reiskorb u.s.f.). Das Ehepaar hatte zu seinem Kummer
keine Kinder und, um sie zu erlangen, ging der Mann, auf Anraten
der Geister, darauf aus, eine bestimmte Art Rotang zu suchen. Nach
mehr als einem Jahr kehrte der Mann ohne Erfolg und völlig erschöpft
heim. Seine Gattin _Uniang_ war aber inzwischen gestorben, weil sie
während einer Verbotszeit des Säens genäht und hierdurch den Zorn der
Geister erregt hatte. Ihr Tod hatte sich folgendermassen zugetragen:
Als _Uniang_ einmal wieder zu verbotener Zeit bei der Arbeit sass,
fiel durch das Dach eine Nadel vom Himmel gerade auf ihren kleinen
Finger, der zu bluten begann. Die Blutung war nicht zu stillen und
so musste die Frau allmählich verbluten; aus ihrem hervorquellenden
Blute entstand aber Reis (_parei_) und nach ihrem Tode aus dem Rumpf
Bananen (_pute_), aus ihren Haaren Zuckerrohr (_tewo_), aus ihren
Oberarmen _kladi_, aus ihren übrigen Körperteilen andere mit dem
Reis zugleich gebaute Gewächse wie: Gurken, süsse Erdäpfel (_obe_)
u.s.w., aus den Schamteilen ging Tabak (_bako_) hervor, daher geben
die Frauen ihren Liebhabern Zigarren zu rauchen.
Sowoht Bahau als Kenja legen trockene Reisfelder (_luma_ im Busang
_ladang_ im Malaiischen) an. Ein Stück Wald, jung (_talon_) oder alt
(_tuwan)_, wird einige Meter oberhalb des Erdbodens gefällt, das
Holz liegen gelassen, bis die Sonne es etwas getrocknet hat und das
Ganze dann in Brand gesteckt. Ohne den Boden weiter zu bearbeiten,
werden mit einem hierfür bestimmten Stocke (_tol_) Löcher in die Erde
bzw. die Asche gebohrt, in welche man dann den Reis (_parei_) sät.
Jede Familie besitzt ein eigenes Reisfeld; sobald erwachsene Kinder da
sind, erhalten sowohl Söhne als Töchter ein eigenes Feld. Hier bauen
sie neben Reis auch Mais, Bataten, Tabak, Zuckerrohr und _kladi_
(Colocasia antiquorum); ein besonderes Feld wird nur für die das
Fischgift (_tuba_) liefernden Schlingpflanzen angelegt. Da man das
Reisfeld jedes Jahr oder spätestens nach zwei Jahren wieder verlässt,
werden nur selten Fruchtbäume ausser Bananen und Papaya (Carica Papaya)
darauf gepflanzt; diese werden vielmehr von jeder Familie dicht vor
oder hinter dem langen Hause mit Betel und Ähnlichem in kleinen Gärten
gezogen, die, zum Schutz gegen die frei umherlaufenden Schweine,
mit festen Hecken umgeben werden.
Unter den Fruchtbäumen sind die wichtigsten: _duku_ (Lansium
domesticum), _durian_ (Durio zibethinus), verschiedene Citrusarten,
Papaya (Carica Papaya), _djambu_ (Jambosa) und _blimbing_ (Capura
Zollingeriana T. et B.).
Die Kokospalme kommt selten vor, trägt wenig Früchte und ist nur,
insofern sie Leckerbissen liefert, von Bedeutung.
Obgleich die Frauen sowohl bei der Feldarbeit als bei den zugehörigen
religiösen Handlungen eine wichtige Rolle spielen, wird der Boden
für ein neu anzulegendes Feld doch ausschliesslich von Männern
ausgesucht. Das männliche Haupt des Dorfes trachtet zuerst von den
Vögeln und anderen wahrsagenden Tieren zu vernehmen, ob das von ihm
gewählte Grundstück auch einen guten Ertrag verspricht. Handelt es
sich darum, Urwald (_tuwan_) oder jungen Wald (_talon_) zu fällen, so
benützen die Bahau am Mendalam den _telandjang_ (Platylophus coronatus)
als wahrsagenden Vogel; wegen des Urwaldes wird auch noch das Reh
(Cervulus muntjac) befragt. Der Häuptling begiebt sich zu diesem
Zwecke in das gewählte Waldstück und klopft an den Bäumen, bis er
den _telandjang_ hört oder sieht. Zeigt sich der Vogel rechts von
ihm, so ist das Grundstück gut gewählt, zeigt er sich jedoch links,
so muss ein anderes Stück Wald gesucht werden. Hat der Häuptling das
gewünschte Vorzeichen gefunden, was oft 2-3 Tage dauert, so beginnen
die übrigen Männer ebenfalls die Tiere zu befragen. Ist dies geglückt,
so muss das ganze Dorf 4 Nächte "_melo njaho_" d.h. "stillsitzen wegen
der Vorzeichen". Es darf dann kein Dorfbewohner mit der Aussenwelt
in Berührung kommen oder mit einem Vorübergehenden sprechen; es darf
auch kein Fremder das Dorf betreten. Dann verwendet man 3 Tage darauf,
das Unterholz mit dem Schwerte wegzuräumen, _meda_, worauf wiederum
ein _melo njaho_ von 4 Nächten folgt. Die Bahau rechnen nämlich nach
Nächten statt nach Tagen.
Auch der Schrei des _kidjang_ (Reh), rechts oder links vom Beobachter,
zeigt an, ob ein Stück Urwald gefällt werden darf oder nicht. Hat
das Reh die Wahl gebilligt, so muss das ganze Dorf 8 Nächte _melo
njaho_. Man darf dann das Haus wohl verlassen, aber keinen Reis als
Proviant mitnehmen und keine Nacht ausserhalb des Hauses verbringen
(_san)_.
Obgleich im Innern von Borneo nur eine geringe Anzahl Menschen wohnt,
ist doch alles Land so unter den verschiedenen Stämmen verteilt,
dass jeder nur in einem bestimmten Gebiete seine Reisfelder anlegen
darf. Wenn ein Stamm aus einer Gegend fortzieht, hat ein anderer das
Recht, sie zu bebauen; auf die herangewachsenen Fruchtbäume jedoch
machen die früheren Besitzer noch viele Jahre Anspruch.
Auf noch nie bebaut gewesene Grundstücke haben alle Glieder eines
Stammes gleiche Rechte und dürfen sich daher ihren Teil nach Belieben
wählen. Ein einst bebaut gewesener Boden bleibt aber, auch wenn er
seit Jahren verlassen ist, stets das Eigentum desjenigen, der ihn
zuerst bearbeitete. Am Mahakam werden derartige Grundstücke nicht
verkauft, wohl aber verpachtet oder gegen andere eingetauscht. Als
Grenzzeichen benützt man Bäume, grosse Steine oder Bäche.
In Anbetracht, dass für das Trocknen und Verbrennen des gefällten
Waldes die trockenste Jahreszeit erforderlich ist, sucht man, unter
normalen Verhältnissen, diese Arbeiten während des Juli und August,
wo die grösste Aussicht auf Trockenheit vorhanden ist, zu Ende zu
führen. Dass die Ernte dann auf die Regenzeit zwischen Dezember
und März fällt, ist für die Stämme von Mittel-Borneo von geringerer
Bedeutung.
Den Beginn der verschiedenen Perioden des Reisbaus lässt man von
den Umständen abhängen, nur für das Säen sucht man bestimmte Tage
einzuhalten. Wenn irgend möglich, beginnt man mit der Saat an dem Tage,
wo die Sonne an einem bestimmten Punkte des Horizontes untergeht.
Bei den Kajan am Mahakam richtete der Oberpriester neben dem neuen
Hause am _Blu-u_ zwei längliche Steine von verschiedener Höhe auf
und stellte sie so, dass das Zeichen für die Saat gegeben war, wenn
die Sonne in der Verlängerung ihrer Verbindungslinie unterging.
Man erzählte mir, dass die Höhlungen in einem Felsblock bei Batu Sala,
im Flussbett des oberen Mahakam, dadurch entstanden seien, dass die
Priesterinnen der umliegenden Stämme von alters her jedes Jahr auf dem
Stein gesessen hätten, um zu beobachten, wann die Sonne hinter einem
bestimmten Gipfel des gegenüberliegenden Gebirges untergehen würde;
dieser Zeitpunkt war dann für den Beginn der Saat massgebend.
Ausser bei zu grosser Nässe wird mit dem Reisbau auch dann noch mit
einer Verspätung angefangen, wenn die letzte Ernte besonders günstig
ausgefallen war. In solchen reichen Zeiten begeben sich die Männer
auf Handelsreisen, bauen Böte, bessern das Haus aus, oder verrichten
sonstige Arbeiten, die sie während der Zeit drückender Feldarbeit
nicht vornehmen können. Herrscht dagegen Reismangel im Stamme, so
beginnt man baldmöglichst mit der Saat.
Jede umfangreichere Arbeit, so auch die Bearbeitung der Reisfelder,
wird bei den Bahau stets durch die gemeinsame Arbeit verschiedener
Gesellschaften von 4-6 Personen besorgt. Es sind nicht immer
Familienglieder, sondern, vor allem bei jungen Männern, häufig Freunde,
die einander Hilfe leisten und diese später mit einer gleichen Anzahl
von Arbeitstagen heimzahlen. Nur Söhne und Töchter sind ausdrücklich
verpflichtet, ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Dieses
gemeinschaftliche Verrichten einer Arbeit nennen die Bahau: _pala dow_,
wörtlich: tagweise.
Derjenige, bei dem gearbeitet wird, muss seinen Gehilfen am
betreffenden Tage das Essen liefern; am Mendalam wird aber, besonders
in Zeiten von Reismangel, nicht immer während der Arbeit eine Mahlzeit
gehalten.
In der drückendsten Arbeitszeit geht jeder, der arbeiten kann, aufs
Feld; im Hause bleiben nur Kinder unter 8-10 Jahren, Frauen, die
Kinder unter zwei Jahren zu versorgen haben, Greise und Kranke zurück.
Der Auszug aufs Feld findet am Mendalam bei Sonnenaufgang, um 6 Uhr,
statt. Ausgerüstet mit den augenblicklich gerade erforderlichen
Ackergerätschaften, z.B. Schwertern und Beilen zur Zeit des
Waldfällens, Schaufeln zur Zeit des Jätens, dazu stets mit einem
Speer bewaffnet, begeben sich die Trüppchen zum _paladow_ in einem
Boot oder längs einem Waldpfad auf das Arbeitsfeld. Hat man zu Hause
noch nicht gefrühstückt, so macht sich einer von der Gesellschaft,
meist eine Frau, an die Zubereitung des Morgenimbisses.
Nicht immer erreicht die Gesellschaft ihr Arbeitsfeld; begegnet
sie unterwegs einem links auffliegenden Vogel, der gerade zu den
wahrsagenden gehört, oder bemerkt sie eine rotköpfige Schlange
(Doliophis bivirgatus Boie), die den Kopf in die Richtung des Hauses
dreht, oder hört sie den Schrei eines Rehs, so kehren sämmtliche
Teilnehmer unverrichteter Sache wieder nach Hause zurück. Auch wenn
die Gesellschaft in dem Häuschen, das oft auf dem Felde errichtet
wird, eine beliebige Schlange erblickt, macht sie sich schleunigst
auf den Heimweg.
Bei den verschiedenen Stämmen sind auch die Warnzeichen, welche einen
Aufschub der Feldarbeit verlangen, einigermassen verschieden.
Die Bahau beschäftigen sich an den Tagen, an denen die Tiere ihnen
die Arbeit auf dem Reisfelde verbieten, zu Hause mit Flechtarbeit,
Nähen und dergl.
Das Wahrnehmen schlechter Vorzeichen ist am ersten Tage der beginnenden
Feldarbeit besonders verhängnisvoll; begegnet man nämlich morgens
beim ersten Auszug einem ungünstigen Zeichen, so darf man ein ganzes
Jahr lang überhaupt keinen Reis bauen, nur Bataten, Mais u.a. dürfen
dann gepflanzt werden. Um derartigen Zuständen vorzubeugen, geht man
das erste Mal, kluger Weise, nachts aufs Feld.
Sieht man in der Zeit der Vorarbeiten ein Reh übers Feld laufen,
so darf dieses ebenfalls nicht im gleichen Jahre bearbeitet werden,
sondern man beschränkt sich auch in diesem Falle auf den Anbau anderer
Bodenprodukte.
Die Jahreseinteilung richtet sich bei den Bahau, wie bereits erwähnt,
nach den verschiedenen Arbeiten, die auf dem Reisfelde vorgenommen
werden. Das Jahr zerfällt demnach in 8 Perioden:
_nebas = meda_ = Fällen des Unterholzes.
_newang_ = Fällen der Bäume.
_nutung_ =Verbrennen des gefällten Holzes.
_nugal_ = Säen;_ tugal_ = Saatfest; _nugal_ = Feiern von _tugal_.
_nawo_ = Jäten.
_ngeluno_ = Ernten.
_newuko_ = Beenden der Ernte.
_nangei_ = Feiern des neuen Reisjahres; _dangei_ = Neujahr.
Will ein Kajan an einer Stelle, wo im Laufe von 15 Jahren ein ungefähr
100 Fuss hoher Wald gewachsen ist, sein Feld anlegen, so beginnt
er damit, die kleineren Pflanzen und Gebüsche mit einem eigens für
diesen Zweck hergestellten Schwerte umzuhauen. Wenn alles Unterholz
am Boden liegt, kommt das Fällen der Bäume an die Reihe, die einzige
ausschliesslich von Männern verrichtete Arbeit; sie wird mit kleinen,
selbst hergestellten oder auch eingeführten Beilen aus hartem Stahl
bewerkstelligt.
Die Bäume werden 1-4 m über dem Boden gefällt, worauf auch die Zweige
abgehackt werden, so dass die Stämme flach auf dem Boden zu liegen
kommen. Auch nach einmonatlicher Dürre lassen sich die Stämme und
dicksten Äste nur teilweise verbrennen; man räumt sie jedoch nicht
fort, sondern sät den Reis einfach zwischen und neben dem Holz
hin. Mit einem Teil dieses Holzes wird übrigens, um Hirschen und
wilden Rindern den Eintritt zu wehren, das Reisfeld eingezäunt. In
wildärmeren Gegenden unterlässt man die Herstellung dieser Hecke,
weil sie viel Arbeit erfordert und opfert lieber einen Teil der
Ernte. Auch den Vögeln, von denen bei beginnender Reife drei Arten
Reisdiebe (Padda oryzivora; Munia fuscans; Munia bruneiceps) in
grossen Schwärmen das Feld heimsuchen, und den Affen muss ein Teil des,
Bodenertrages abgetreten werden. Bisweilen verursachen auch Insekten
und deren Larven einen so grossen Schaden, dass von der ganzen Ernte
beinahe nichts übrig bleibt. Allen diesen Schädlingen gegenüber sind
die Bahau viel wehrloser als die Malaien; nur durch Schreien und
Schlagen auf Bambusgefässe gelingt es ihnen mit viel Anstrengung,
einige der Räuber zu vertreiben.
Befindet sich ein Reisfeld in der Nähe des Hauses, so wird es von
diesem aus bewirtschaftet, hat man es aber in grösserer Entfernung
anlegen müssen, so wird das tägliche Hin- und Herziehen zu mühsam;
man baut daher auf dem Felde selbst ein Häuschen (_lepo luma_) auf
Pfählen, in welches die ganze Familie einzieht. In sicheren Gegenden
wohnen die Familien oft weit auf den Feldern zerstreut, wodurch der
Stammverband oft gelockert wird.
Die den Reisbau begleitenden religiösen Feste sind bei allen Stämmen
etwas verschieden, nur die ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen
sind überall die gleichen. Im wesentlichen handelt es sich stets
darum, die Geister und die Seelen des Reises durch Opfer aller Art
zu versöhnen und günstig zu stimmen.
Die Mendalam Kajan erfreuen sich eines ziemlich regelmässigen
Ernteertrages; ihre Ackerbaufeste finden daher auch jedes Jahr statt;
die Mahakam Kajan dagegen können wegen häufiger Missernten nur alle
2-3 Jahre ein Neujahrsfest (_dangei_) feiern.
Trotzdem diese Festlichkeiten am Mendalam regelmässiger gefeiert
werden, folgt man ihnen am Mahakam doch mit lebhafterem Interesse und
die Bedeutung aller Zeremonien und Spiele lässt sich hier auch viel
besser verfolgen. Am Mendalam kam ich zu der falschen Vorstellung, dass
die Volksspiele, die bei den Festen stattfinden, rein willkürlich zur
Saat- oder Erntezeit vorgenommen werden; am Mahakam dagegen merkte ich,
dass selbst dem Maskenspiel beim Saatfest eine gleich tiefe Bedeutung
wie irgend einer durch die Priesterinnen verrichteten Handlung zukommt.
Für die Denkweise der Kajan ist die Tatsache charakteristisch, dass bei
den Erntefesten nicht nur die Menschen im Überfluss schwelgen dürfen,
sondern dass auch ihre Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner, die
für gewöhnlich vom Abfall leben, in der Festzeit sich gut gekochten
Reises erfreuen dürfen. Als ich einst _Akam Igau_ fragte, warum sich
die Kajan aller geistigen Getränke enthielten, gab er mir als einen
der Gründe an, dass sie sonst nicht genügend Reis hätten, um auch
die Tiere an den Festmahlzeiten teilnehmen zu lassen. Ausserdem wies
er auf die traurigen Folgen hin, die der Genuss von Reisbranntwein
(_tuwak_) für seine Nachbarn, die Taman Dajak, hatte.
Bei allen religiösen Handlungen fürchten die Kajan die Anwesenheit
Fremder, weil diese die angerufenen Geister erschrecken und verstimmen
könnten; daher dürfen die malaiischen Händler in Tandjong Karang auch
nie Festlichkeiten beiwohnen.
Obgleich ich mich nun stets davor hütete, meinen Gastherren meine
Gegenwart, falls sie nicht gewünscht wurde, aufzudrängen, erschien mir
das Saatfest doch so interessant, dass ich es mitzumachen beschloss,
auch auf die Gefahr hin, den Unwillen der Dorfbewohner zu erregen.
Ich hatte daher auf die schüchternen Fragen, ob ich bei den
Festlichkeiten zugegen sein wolle, bejahend geantwortet. Am Morgen
des Festtages war aber ein guter Teil der Häuptlingsfamilie mit der
Priesterschaft bereits aufs geweihte Feld (_luma lali_) gezogen,
als _Akam Igau_ mich noch mit dem Versprechen hinhielt, mir später
das Boot seines ältesten Sohnes zur Verfügung stellen zu wollen,
das mich an das jenseitige Ufer zum Schauplatz der Festlichkeit
bringen sollte. Nachdem ich vergeblich auf dieses Boot gewartet
hatte, bestieg ich dasjenige, in dem _Akam Igaus_ älteste Tochter,
_Tipong Igau_, zum Festplatz fahren sollte. _Tipong_ besass im
grossen Hause von Tandjong Karang die einflussreichste Stellung;
auch gehörte sie zu den obersten Priesterinnen und legte als solche
meinen Nachforschungen nach den Lebensverhältnissen und religiösen
Überzeugungen der Kajan die grössten Hindernisse in den Weg. Aber
obwohl fanatisch, war _Tipong Igau_ doch nicht boshaft und wies daher
auch meine Begleitung nicht ab, trotzdem sie diese durchaus nicht
zu schätzen schien. Sie hatte übrigens gleich einen Grund gefunden,
um ihr religiöses Gewissen zu beschwichtigen; denn als ihr mitten
auf dem Flusse ein vorüberfahrender Malaie zurief, dass ich, als
Fremder, nicht zur Feier gehöre, gab sie ihm sofort zur Antwort,
dass ich Kajanisch spreche und folglich auch zu den Kajan gehöre.
Dass meine Anwesenheit als etwas Aussergewöhnliches betrachtet wurde,
merkte ich auch später, bei der Rückkehr von dem Feste. Ein zum Islam
übergetretener Kajan fragte mich nämlich, ob ich bei der Feier zugegen
gewesen sei. Auf meine bestätigende Antwort ergriff er schweigend
meine Hand, lächelte mich von der Seite an und ging weiter--ein
Ausdruck seiner Bewunderung, dass ich es in der Volksgunst bereits
so weit gebracht hatte.
Durch _Tipong Igaus_ Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr
das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem _luma lali_, das
unmittelbar hinter den Trümmern eines früheren Kajanhauses angelegt
worden war. Neben dem _luma lali_ der Häuptlingsfamilie lagen die
geweihten Felder der übrigen Familien, die das Fest am folgenden Tage
begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages
wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiöser Handlungen,
auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die später
auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden müssen.
Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfählen
ruhenden Baldachin aus Palmblättern, zwei weibliche und zwei männliche
Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschäftigten; die
Frauen stellten _kawit_ her, während die Männer aus Fruchtbaumholz
die erforderlichen Stücke für das Opfergerüst (_pelale_) schnitzten.
Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit
deren irdischen Interessen, indem er in einigen grünen Bambusgefässen
Klebreis und in anderen Hühner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder
umringten alle diese Herrlichkeiten, während Jünglinge und Jungfrauen,
im Schatten abgelegenerer Gebüsche sitzend, bei süssem Minnespiel
die Welt um sie her zu vergessen schienen.
Um die Stelle, wo das Opfergerüst aufgestellt werden sollte,
bauten zwei Männer aus dickem Holze eine feste, ungefähr 1 m hohe
pyramidenförmige Hülle mit seitlicher Öffnung, worauf die älteste
_dajung_ um die Hülle etwas Reis säte und dann die jungen Leute
herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besäen. Während die jungen
Männer mit ihrem Pflanzstock (_tol_) Löcher in den Boden bohrten,
streuten die jungen Mädchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in
die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Pärchen blieben dabei
nicht verborgen.
Unterdessen waren die Bambusgefässe teilweise schon verkohlt,
ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das
Festmahl beginnen konnte. Höflicher Weise bot man mir zuerst meinen
Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rücksicht auf die in Ungeduld
harrende Jugend, so schnell als möglich zu bewältigen trachtete. Der
Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so
seltenen Schweine- und Hühnerfleisch förmlich schwelgte, erheiterte
mich nicht wenig.
Nach beendetem Mahl fragte mich _Tipong_, ob ich nun, da alles vorüber
sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum
Aufbruch rüstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe
stellen zu müssen und erklärte, noch etwas warten zu wollen.
Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter
mit _kawit_ herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine
Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An
jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb
_Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit
den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge
nichts von ihrem Gemurmel verstehen.
Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der
pyramidenförmigen Hülle: fünf _dajung_ knieten vor der Öffnung; die
älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten
Hölzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem
Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze
setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier,
oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl _kawit_
zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und
einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar
Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den
Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem
ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden
gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier
und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer
für die Geister an die Zweige gehängt.
Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren
aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner
Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell
ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde
uns der Behälter mit den übriggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere
Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide
Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden.
Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den
Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst
begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss
des _pelale_ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und
legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem
Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende.
Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der älteste Sohn des Häuptlings
(_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein
glücklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner
werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt
über meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte.
Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevölkerung, die sehr
jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6
Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nächtliche
Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung
verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von
einem Tage und acht Nächten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das
Badeverbot. In der folgenden, achtnächtlichen Periode wird das grosse,
eigentliche Reisfeld besät. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_,
diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am
loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen.
Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem
zweiten für die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan
in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere
Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das
erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends
oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit
von Fremden die Laune nicht verderben. Die Männer finden auch zu Hause
in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten
Perlenarbeiten angenehme Beschäftigung. Ausserdem haben die jüngeren
Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit
stattfindenden Maskerade viel zu tun.
Die Masken der Männer und die der Frauen sind ganz verschieden,
stellen aber alle die bösen Geister dar. Die entsetzlichen Köpfe
und lang behaarten Leiber, welche sie den Dämonen zuschreiben,
veranschaulichen die Männer durch hölzerne Gesichtsmasken (_hudo
kajo_) und fein zerschlitzte Bananenblätter, die sie sich um den
Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkörben
(_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderförmigen, aus feinem Rotang
geflochtenen Körbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen
ein menschliches Antlitz genäht ist, überziehen; zu beiden Seiten
des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehänge der Kajan. Der Korb
wird mit der Öffnung nach unter auf den Kopf der Trägerin gestülpt
und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt.
Während des Saatfestes unterhalten sich die Männer auch öfters mit dem
Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und
2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel
(_asing_) seines Vorgängers mit dem seinigen aus dem Wege zu räumen
versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter
fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die älteren Männer
benützen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist
werden für die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich
abends auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung eine Gesellschaft
junger, bis 30 Jahre alter Männer ein, die vor den weiblichen
Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit
mit einander wetteiferten.
Der achte Tag bot den Kajanmägen wieder etwas Besonderes, nämlich
ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht.
Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Blätter
in ihren Gärtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religiösen
Festen, dienten zum Kochen auch dieser Blätter frische grüne
Bambusgefässe. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer
und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in
welchem die Blätter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten
Bambusgefässe zerschlagen und die Trümmer neben dem Opfergestell
niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurück.
Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen
Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der
Häuptlingswohnung zu versammeln und sich ein Plätzchen, von dem aus
sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen.
Zuerst erschienen einige in grüne Massen zerschlitzter Bananenblätter
verwandelte Männergestalten mit Holzmasken und Kriegsmützen und
begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der
Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszuführen. Es folgten noch
mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstänze nachahmten;
infolge des grossen Gewichtes der Blättermassen ermüdeten sie jedoch
bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprünge nicht mit Kreischen,
wie bei den eigentlichen Kriegstänzen.
Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tänze von der aufregenden
Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelöst. Das Schwein stellte
ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf
aufgesetzt und einige Tücher umgebunden hatte; mit seinen gut
nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr
schweineähnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als
Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten
durch Anfallen, Zurückweichen und Kläffen einen entsetzlichen Lärm
auf dem kleinen Platze. Die für gewöhnlich so ruhigen Kajan nahmen an
dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte
ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprüngen
des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich
steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei
den jüngsten bis einjährigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts
zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen.
Dem Auftreten der jungen Mädchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine
obszöne Vorstellung eines Mannes voraus.
Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_,
und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht
alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise
verkleidete junge Mädchen. Beim trüben Schein der wenigen Harzfackeln
und unter den sanften Tönen einer Art Mundharmonika, welche einer der
Zuschauer spielte, gingen die Mädchen im Tanzschritt mit begleitenden
Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der
Mädchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und führten, für einen
Kenner indischer Tänze, gefällige Bewegungen aus; die übrigen liefen
mit eckigen, unverständlichen Gebärden nur so mit.
Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen
und zugleich die des Jätens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von
der Wohnung des Häuptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten
Reisfeld übersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und
unter dröhnendem Geläut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch
auf dem Opfergerüst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefügt.
Inzwischen hatte die älteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel,
an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um
den _pelale_ gejätet, und nun begann auch die übrige Gesellschaft auf
dem anderen Teil des Feldes zu jäten. Hierauf wurde das Feld nochmals
mit einem Dekokt essbarer Blätter, in das wir vorher unsere Finger
hatten tauchen müssen, besprengt und die Bambusgefässe zertrümmert
zu den anderen gefügt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit
_kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere
Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister
überlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_,
konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den
die Frauen der Häuptlinge selbst gestampft hatten, erquicken.
So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religiösen und
kulinarischen Zeremonien eingeleitet, während welcher der Gemeinde
stets einige Nächte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben
waren. Wie wir gesehen haben, wurde während des Saatfestes Kreisel-
und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises
(_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen
Blasrohren--früher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit
hölzernen Schwertern statt--; während des Neujahrsfestes sind bei den
Männern Wettkämpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im
Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Fröhlichkeit gekämpft,
wobei mit Wasser gefüllte Bambusgefässe die Hauptwaffen darstellen.
Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das
Neujahrsfest; die Ernte ist dann völlig eingebracht und in allen
Familien herrscht Überfluss. Die schönsten Kleider, die während des
ganzen Jahres sorgfältig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die
ganze Bevölkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergnügen. Beim _nangei_
herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gäste sind im Gegenteil bei
den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche
das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit
des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder
erhalten nun ihren endgültigen Namen; die bis dahin verschobenen
Hochzeiten finden nun statt.
Die _adat_ hat Jungverheirateten übrigens für die ganze Zeit vor dem
gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben,
dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den
Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten.
Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor
dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen,
und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas
besonders Schönes zur Ergänzung seiner Festkleidung zu erhandeln.
In grossen Mengen wurde alles, was für die Mahlzeiten und religiösen
Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht;
die Männer holten in Böten Brennholz und frischen Bambus herbei, die
Frauen gingen gebückt unter der Last grosser Körbe mit Bananenblättern,
welche als Unterlage für den zu stapelnden Reis und als Material für
die _pemali_ dienen sollten.
Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Häuptlings, der die
ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte,
zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fällen und 4 Planken daraus
zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele
(_tasu nangei_) dienen sollten.
Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden
roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Häuptling bis
zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden,
aufbewahrt.
Die _dajung_, welche über die ganze Dauer des Festes Gäste der
Häuptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des
_nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkündeten den Geistern
aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei.
Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem
noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Häuptlingswohnung
ein Bambusgefäss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter
und Speerspitzen aus dem sehr geschätzten Eisen vom Balui oder Batang
Rèdjang, von wo die Kajan es in früheren Zeiten mitgebracht hatten,
aufgehängt. Aber nicht nur der Häuptling bereitete den Geistern einen
festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen
wurden Tragkörbe mit kostbaren Gegenständen geholt und neben einander
vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie während der ganzen Festdauer
verblieben.
Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie
ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer
priesterlichen Würde profane Empfindungen nicht ablegen zu können. Sie
lebte nämlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anjè Do_, in Unfrieden,
weil diese ihr im Handel mit religiösen Gegenständen mir gegenüber
stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer
Feindin zu rächen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong
Igau_ jedoch durchschaute den Gemütszustand der Alten und kam ihrem
Gedächtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte
gelangte und wie die übrigen von den Frauen bei Fackellicht und unter
Beckenschlag in die _amin_ des Häuptlings getragen wurde.
Nachdem alle Körbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren,
bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, öffneten
das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von
_Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang
machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten,
ebenfalls geöffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die,
dass die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schöne,
das man ihnen in den Körben zum Opfer brachte (natürlich nur zum
Schein), den Bitten der _dajung_ Gehör geben und durch das geöffnete
Fenster in die Wohnung des Häuptlings eintreten und während der ganzen
Festzeit im Stamme verweilen sollten.
Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmütze und
einen Kriegsmäntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten,
herumzulaufen; leider konnte ich wegen des ständigen Schlagens auf
kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen.
Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen
beizeiten für eine genügende Menge Klebreis zu sorgen, der
in gedörrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit
geräuchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte
bildet. Die Männer beschäftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten
des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum
hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben
auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung ein Loch, in welches die
Priesterinnen Reis, Fisch und Hühnerfleisch legten. Um diese Grube
legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele für die Priesterinnen,
die während der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berühren
durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl
entsprechend) um die anderen, die zusammengedrängt ebenfalls auf den
Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung
mit einem Stück weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des
Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese
mittelst eines mit Bananenblättern überzogenen Rotangringes von der
Grösse der Grubenöffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten
Schwerte durchstossen.
Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister
auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstäbe
rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tönen dieses _tekok_
berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplänen ihres
Stammes, von seinen Nöten und Wünschen. Die zwei männlichen Priester
hoben hierauf das Bäumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die
Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln
3-4 m über dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bäumchen fügten
andere Männer, in gleicher Reihe und in gleichen Abständen, noch
7 andere Bäumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von
8 Bäumchen dieser gegenüber, in ungefähr 1 1/2 m Entfernung. Beide
Reihen wurden auf halber Höhe durch kleine Querbalken mit einander
verbunden. An allen Bäumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln,
eine Fläche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben
ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und
auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden
bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfählen,
ein gedielter Raum. Das ganze Gerüst war so gestellt worden, dass man
mittelst einer Treppe bequem aus der Häuptlingswohnung in diese kleine
Kammer gelangen konnte. Die Wände der Kammer wurden mit meterlangen,
kunstvoll hergestellten Spähnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefüllt
und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum
Schluss wurde das Opfergerüst, _dangei_ genannt, noch an den vier
Seiten durch gekreuzte Balken gestützt und stand jetzt fix und fertig
da. So bleibt das Gerüst nicht nur während der ganzen Festzeit,
sondern auch während des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind
und Wetter es zum grössten Teil zerstören und sein Nachfolger es
beim nächsten _nangei_ völlig verdrängt.
Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten
Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem
geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger
_kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte
es an einem Querbalken und liess es dort hängen, bis es verweste.
Auch jetzt brachten die Mütter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst
erschienen die zwei ältesten Enkelkinder des Häuptlings, der
jüngste auf seinem Tragbrett, schön geputzt mit einem Kopftuch aus
chinesischer Seide; ebenso schön gekleidet war das junge Mädchen,
das die _hawat_ auf dem Rücken trug. Der andere Enkel wurde, als
zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwärtigt, deren heilsamen
Einfluss man später auf die übliche Weise auf ihn übertrug, indem
man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hängenden Schlinge
hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trägerinnen der _hawat_
hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_
ausströmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den
_bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen.
Nach Sonnenuntergang fand für alle, die augenblicklich in der _amin_
des Häuptlings wohnten, also für Familienglieder im engeren Sinne,
Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter
ein ander begaben sich erst Männer, dann Frauen, dann Leibeigene
und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine
Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten
Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen
wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin
bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je älter und
vornehmer die Person war, desto länger wurde sie gestrichen. Alle
hatten sich für diese Gelegenheit besonders schön gekleidet; die
_dajung_ trugen ihre hübschen Brusttücher umgeschlungen. Als die _mela_
mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmütze
aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten
mit dessen Schwanzfedern geschmückt war. Den Priesterinnen wurden
hauptsächlich Handflächen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm
auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von
einer anderen streichen.
Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die
Töne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefähr
3/4 Stunden lang erzählte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem
die Häuptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden
Augenblick vornehme und was er sich wünsche. Auch mit der Züchtigung
der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister
beauftragt. Die ganze Erzählung wurde in Reimform in singendem
Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe
behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens
und abends das _tekok_.
Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mädchen
stampften Klebreis und fanden während des Entspelzens und Beutelns
der Reiskörner immer noch Zeit, auf die in der Nähe zuschauenden
Jünglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natürlich wurden
diese Angriffe seitens der jungen Männer mit fröhlichen Racheakten
beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mädchen hatten sogar ein
kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu
benützen, und machten den Vorübergehenden, besonders uns bekleideten
Europäern, den Weg sehr unsicher.
Das Mehl wurde in der Galerie vor der Häuptlingswohnung auf einen
Haufen geschüttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter
Pandanusblätter in dreieckige Päckchen gebunden und ebenfalls in
Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat für genügend
erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge
aus der Häuptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der
Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei
vor den Mehlpäckchen, über welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm:
die Glieder der Häuptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach über dem
Haufen Mehlpäckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte
berührte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die
beiden Enkel des Häuptlings, wiederum von jungen Mädchen getragen, an
die Reihe. Schliesslich traten auch die Mütter der übrigen Familien mit
ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren,
um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nähe
des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch
die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich
vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpäckchen mit nach Hause,
der Rest wurde unter der Häuptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt.
Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen
Kinder zum ersten Mal öffentlich gezeigt; sie wurden, wie die
Häuptlingskinder, von jungen Mädchen auf dem Rücken getragen. Abends
gaben die Mütter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl.
Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr
still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertönte der Gong der Priesterinnen,
als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte;
ich eilte daher aus meiner Hütte in die Wohnung des Häuptlings, wo
die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschäftigt waren,
was stundenlang dauerte.
Nachdem die grösste Hitze vorüber war, wurde den grösseren Kindern
ein Fest gegeben; die kleinen, ungefähr 6 Jahre alten Mädchen trugen
jetzt zum ersten Mal einen kleinen, leeren, mit _kawit_ versehenen
Reiskorb (_ingan);_ sie zeigten sich hie und da auf der Galerie,
schienen aber beim Eintritt in die neue Lebens- und Arbeitsperiode
recht verlegen zu sein.
Abends ging es in der Galerie besonders feierlich zu: Priester
und Laien fassten sich an der Hand und schritten langsam um
eine Bambusmatte, auf der wiederum die priesterliche Kriegsmütze
(_haung lali_) und ein Stück Zeug lagen, herum. Die alte _Usun_
marschierte mit unbedecktem Oberkörper, aber schönem Röckchen, voran,
die anderen Priesterinnen folgten mit bedeckter Brust, ausser den
beiden jüngsten, die ihre zweijährige Lehrzeit noch nicht hinter
sich hatten; diese trugen ein langes, rotes Gewand, das vorn und
hinten gerade herunterhing und in der Mitte eine Öffnung für den
Kopf frei liess; ihre Röckchen hatten, zur Unterscheidung von den
anderen, ein weisses Feld. Die _dajung_ leiteten den Rundgang ein,
bis allmählich immer mehr junge Männer und Frauen herbeikamen und,
erst mit Zeugstreifen zwischen einander, später ohne diese, sich in
den Kreis fügten. Die schliesslich ermüdeten Priesterinnen liessen
sich jetzt abwechselnd auf der Matte nieder.
Sowohl Priester als Laien stimmten während des Rundganges (_nangeian_)
halb rezitierend, halb singend, ein geistliches Lied an; _Usun_
sagte die Verse, die übrigen wiederholten den Refrain. Nach einigen
Stunden stellten sich die Laien längs den Wänden der Galerie auf, um
die Beseelung der jüngsten _dajung_ zu beobachten. Die Betreffende
stand zu diesem Zwecke vor der Matte und hielt eine Art Kette fest
(_alan to_ = Geisterweg), längs welcher der Geist zu ihr herabkommen
sollte. Neben ihr stand eine der ältesten Priesterinnen, um sie in
die Geheimnisse ihrer Wissenschaft einzuweihen, während _Usun_,
die Kriegsmütze auf dem Kopfe, deklamierend und tanzend um sie
herumlief; zu beiden Seiten führten männliche _dajung_ Kriegstänze
auf. Wahrscheinlich hatten diese letzten Vorstellungen den Zweck,
böse Geister abzuwehren. Die Szene dauerte nur eine Viertelstunde,
worauf die Laien ihren Marsch bis nach 1 Uhr nachts fortsetzten. In
den Familien mit Täuflingen herrschte bis in den Morgen fröhliches
Beisammensein.
Der 6. Juni war für Priester und Priesterinnen ein Tag der Erquickung;
denn bis jetzt hatten sie unter allerhand Verbotsbestimmungen, von
denen nicht baden und kein Wasser trinken zu dürfen die schlimmsten
waren, geschmachtet. An diesem Tage war es den Priestern endlich
erlaubt, ihren auswendigen Menschen durch ein Bad zu erquicken; den
inwendigen erfrischte ich ihnen bereits seit mehreren Tagen, indem
ich in ihre Wasserflaschen einige Tropfen Salzsäure goss, wodurch,
nach Auffassung der _dajung_, das Wasser so verändert wurde, dass
sie es mit reinem Gewissen trinken konnten. Nach den grossen Mengen
so präparierten Wassers, die von mir verlangt wurden, liess sich die
Grösse des priesterlichen Durstes bemessen.
Nach dem _tekok_ des Morgens folgte der Glanzpunkt des Festes--die
Opferung der Schweine. Zuerst begann unter dem Hause eine Jagd nach
den frei herumlaufenden Tieren- der Häuptling lieferte deren fünf;
jede Familie, in der ein kleines Kind bei diesem Neujahrsfest einen
Namen erhielt, lieferte eines.
Als ich mich bald nach dem Ertönen des priesterlichen Gongs auf die
Galerie begab, fand ich die Schweine des Häuptlings gebunden neben
einander niedergelegt und die Priesterinnen vor den Tieren knieend,
die sie in Geistersprache den Bewohnern von _Apu Lagan_ als Opfer
anboten. Hinter den Opfertieren, schräg unter dem Galeriefenster
und dem als Geisterweg dienenden Rotangseil vom vorigen Tage, hatte
man aus 4 senkrechten und 4 horizontalen Hölzern ein Gerüst (_lasa_)
aufgestellt und dieses mit schönen Stoffen, einem Kriegsmantel und
einigen Gürteln aus alten Perlen, alles Opfergaben des Häuptlings,
behängt; ebenfalls Opfergaben waren die schönen kupfernen Gonge am
Fusse des Gerüstes. Durch symbolische Gegenstände (_pemali_) in einem
danebenstehenden Korbe suchten die Priesterinnen den Geistern die
Wünsche des Stammes zu erkennen zu geben.
Die Priesterinnen begannen nun, um das Opfergerüst langdauernde Tänze
auszuführen, die, besonders da sie bei Tageslicht stattfanden, viel
Interessantes boten.
Sämmtliche Priesterinnen beteiligten sich an dem Tanze; jede deutete
durch ihre Bewegungen den Geistern droben das Darbringen der Opfer
auf dem Gerüst und der fünf Schweine an. Erst schmückte sich die
oberste Priesterin, dann jede der übrigen mit dem Kriegsmantel aus
Pantherfell und der Kriegsmütze, während zu beiden Seiten zwei
mit Schwertern bewaffnete Priester, zur Abwehr böser Geister,
Kriegstänze aufführten. Hie und da veränderten die Priesterinnen
den Charakter ihrer Bewegungen; sie zeigten viel Individualität
beim Tanze und nach der Art seiner Ausführung liess sich die Höhe
der erreichten priesterlichen Entwicklung bemessen. Nur den drei
obersten Priesterinnen: _Usun, Tipong Igau_ und einer gewissen
_Uniang_ gelang es, durch Pantomimen das Anbieten der Opfer an die
Himmelsbewohner wirklich verständlich auszudrücken. _Usun_, mit einer
Speerspitze tanzend, erweckte den Eindruck, als wolle sie mit ihr
das ganze Opfergerüst den Geistern droben entgegenreichen. _Tipong_
dagegen führte einen ruhigen Tanz aus, mit gefälligen Bewegungen die
Seelen der Opfer auffordernd, himmelwärts zu steigen. Ihre korpulente
Gestalt bewegte sich dabei mit bewundernswerter Weichheit, welche
die anderen; günstiger Gebildeten, bei weitem nicht erreichten. Diese
sprangen und hüpften unbeholfen um die Opfer herum und verstanden nur
selten Ausdruck in ihre Bewegungen zu bringen. Einige Priesterinnen
liessen sich sogar, um recht deutlich zu sein, zu den absonderlichsten
Vorstellungen verleiten. Während z.B. _Tipong_ sich zu den nahebei
liegenden Opfertieren beugte, scheinbar einen Teil von ihnen ergriff
und mit einigen Bewegungen in die Höhe schwang, gingen andere,
in der Meinung, dass eine bloss symbolische Bewegung nicht genüge,
hüpfend, mit der Kriegsmütze auf dem Kopfe, auf die Schweine zu,
packten das kleinste an den Hinterbeinen und trugen das quiekende
Tier, mit Anspannung aller Kräfte, im Tanzschritt zum Opfergestell
und wieder zurück. Zum Schluss wurde auch _Tipong_ zu grösserer
Lebhaftigkeit hingerissen, schüttelte einige Male das Gestell,
bestieg es sogar und bewegte es hin und her, um die Seelen der Opfer
hinaufsteigen zu lassen. Im allgemeinen waren die Bewegungen bei
diesen Tänzen viel lebhafter als bei denen der Javaner und erforderten
grosse Kraftanspannung; die alte _Usun_ leistete in dieser Beziehung
Bewundernswertes.
Die Priesterinnen wurden jetzt von jungen Männern und Frauen abgelöst,
welche mit dem gleichen Gesang wie am vorhergehenden Tage den Tanz
um das Opfergerüst in ruhigerer Weise bis zum Abend fortsetzten. Man
hatte sich für diesen Tanz besonders schön geschmückt; die Männer mit
prächtigem Kopf- und Lendentuch und einer Art _selendang_ (langer,
schmaler, malaiischer Schal) als Bandelier um die Schultern. Auch die
Frauen trugen derartige Schale und zwar in der Weise, wie es im vorigen
Kapitel beschrieben worden ist. Beinahe alle hatten Elfenbeinarmbänder
und Fingerringe angelegt; ausserdem hatten sie sich für diese festliche
Gelegenheit Augenbrauen und Wimpern besonders sorgfältig ausgezogen.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlachteten die Männer die Schweine
und zwar auf der Galerie vor der Tür der verschiedenen Wohnungen; sie
schnitten ihnen jedoch nicht, wie die Ulu-Ajar Dajak, den Hals durch,
sondern schächteten sie. Da man das Schreien der Tiere nicht gern
hörte, hatte man ihnen nicht nur die Schnauze zugebunden, sondern hielt
diese ausserdem noch fest. Der älteste, ungefähr zehnjährige Enkel des
Häuptlings machte den Anfang beim Schlachten; man gab ihm ein Messer
in die Hand, welche von einem älteren Manne geführt wurde. Auch in den
Wohnungen der Familien mit Täuflingen wurden die Opfer geschlachtet,
worauf man ihnen den Bauch durch einen Querschnitt öffnete, um zu
sehen, ob die Unterseite der Leber hell oder dunkel war, d.h. ob sie
eine günstige oder ungünstige Farbe zeigte und ob die Gallblase und
andere Teile durch ihr normales gegenseitiges Verhalten dem Kinde
eine gute Zukunft versprachen.
Ebenfalls auf der Galerie versengte man den Tieren in hochflammendem
Feuer die Borsten, weidete sie aus und zerstückelte sie, was bei der
inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit einen sehr phantastischen
Anblick bot. In der darauf folgenden Nacht durften sich weder
Männer noch Frauen zur Ruhe begeben, obgleich der Tag für alle sehr
anstrengend gewesen war.
Nicht minder anspannend war der folgende Tag, genannt "_aron uting_" =
"Festtag des Schweinefleischessens", an dem der Häuptling bereits früh
morgens im Freien in grossen, eisernen Kesseln das Schweinefleisch
kochen liess.
Das _tekok_ datierte diesmal besonders lange. Die Mütter fingen
an diesem Morgen mit ihren Täuflingen einen Rundgang durch alle
Wohnungen an, um sie bei allen Hausbewohnern als neue Stammesglieder
vorzustellen. Die Kinder wurden dabei wieder von schön geputzten und
mit dem geweihten Hut geschmückten jungen Mädchen in ihren _hawat_
auf dem Rücken getragen, begleitet von den ebenso schön gekleideten
Müttern, welche zwei geweihte Bambusgefässe mit Wasser und eine
Klapper für eine _mela_ in die Wohnung des Häuptlings trugen; von
dort aus begaben sie sich zu allen übrigen Hausbewohnern.
Auch aus der Wohnung des Häuptlings begann jetzt ein Kinderauszug:
voran gingen die beiden Enkel, gleich hinter ihnen wurden die in
der _amin_ im verflossenen Jahre geborenen Kinder der Leibeigenen
von ihren Müttern geträgen. Zwar waren die Häuptlingskinder bereits
viel zu alt für den Umzug, aber als Söhne des Häuptlings mussten
sie ihn noch etliche Jahre mitmachen. Dem ältesten, _Tingè_, wurde
von einem Mädchen ein winziger Schild und ein hölzernes Schwert
nachgetragen. Eine Sklavin begleitete den Zug mit einem Gong.
Mittags wurde, nachdem man aus gekochtem Schweinefleisch und Klebreis
gesonderte Päckchen gebunden und diese in Dreieckform auf der
Galerie aufgestapelt hatte, in gleicher Weise wie früher, mit allen
Familiengliedern des Häuptlings und den Müttern, welche ihrer Täuflinge
wegen den Geistern geopfert hatten, eine _mela_ vorgenommen, genannt
"_mela uting_" = "Seelenberuhigung durch Schweinefleisch". Nach der
heiligen Handlung erhielt jeder wiederum seinen Anteil an den Päckchen
mit nach Hause. Der grosse Festtag verlief, wahrscheinlich wegen des
tags zuvor erfolgten Todes eines kleinen Kindes, sehr ruhig. Die Kajan
behaupteten zwar, Arak getrunken zu haben, ihr stilles, besonnenes
Betragen und die nur zwei Tage lang dauernde Bereitung des Trankes
sprachen aber mehr dafür, dass sie Zuckerwasser genossen hatten.
Vor der "_mela uting_" hatte ich noch einem interessanten Ringkampfe
(_pajow_) der jungen Männer beigewohnt. Bereits einige Tage zuvor
hatten sich die Jünglinge hie und da mit einander gemessen, jetzt waren
alle auf der Galerie versammelt und ein Paar nach dem anderen betrat
den Ringplatz. Die Kämpfer waren nur mit dem Lendentuch bekleidet,
das sie straff anzogen, um dem Gegner einen festen Angriffspunkt zu
bieten. Die Partner umfassten einander, packten sich gegenseitig hinten
am Gürtel fest und suchten einander emporzuheben und rücklings auf den
Boden zu werfen. In Anbetracht, dass ein Fall auf die Eisenholzbretter
nicht ungefährlich war, suchten einige Mütter ihre Söhne von dem
gefährlichen Spiele abzuhalten. In Gegenwart der Kameraden blieben
diese mütterlichen Mahnungen leider erfolglos, und so mancher hatte
bereits mit heftigem Anprall den Boden berührt, als ein stämmiger
Sklave als Sieger des Tages hervorzugehen schien. Dem jungen Manne
waren die vielen Siege so zu Kopfe gestiegen, dass er nach seinem
letzten Triumph mit herausfordernden Gebärden einen lauten Juchzer
erschallen liess. Auch bei den Kajan kommt Hochmut vor dem Fall:
einer der bis dahin unbeteiligt gewesenen Zuschauer betrat jetzt den
Kampfplatz. Überlegen durch seine frischen Kräfte und durch seinen
ansehnlicheren Wuchs, gelang es ihm bald, seinen Partner vom Boden zu
erheben und ihn, den rechten Arm gestützt auf das rechte Knie, in die
Höhe zu halten. Auf dem gleichen Bein hatte der zappelnde Gegner aber
einen Stützpunkt für seine Füsse gefunden und so wurde das Umdrehen
nicht leicht. Mit Anspannung aller Kräfte gelang es dem Neuen endlich,
den hochmütigen Helden mit hartem Aufschlag zu Boden zu werfen. Die
gebräuchliche Revanche brachte dem Besiegten keinen besseren Erfolg.
Am 8. Juni wurde der "_aron kertap_" = "Festtag des Klebreisessens"
gefeiert; er begann wieder mit einer _mela_, nach welcher diesmal
Päckchen mit Reis und Klebreis ohne Schweinefleisch verteilt wurden.
Abends war es, wegen des Todes des kleinen Kindes, sehr still im
Hause; man begrub es, um das Fest nicht durch Trauerfeierlichkeiten zu
unterbrechen, erst nach beendetem Fest. Die eigene Mutter hatte den
Heimgang des kleinen Kranken nach _Apu Kesio_ dadurch beschleunigt,
dass sie ihn morgens beim Rundgang zur _mela_ mitgenommen hatte.
Der 9. Juni bildete den letzten Festtag. Acht _dajung_ begaben sich
morgens auf die kleine Plattform des _dangei_, bildeten einen Kreis,
reichten einander die Hände und begannen gemeinsam im Tonfall des
_tekok_ eine Ansprache an die Geister; der Rhythmus wurde dabei durch
Bewegen der Hände angegeben. Nachdem sie sich über eine Stunde lang
von der warmen Sonne hatten bescheinen lassen, brachte man ihnen einen
geschlossenen Korb (_ingan)_, in dem sich verschiedene _kawit_, acht
aneinander gereihte Eierschalen und einige Küchlein befanden. _Usun_
öffnete den Korb und begab sich mit ihm nach einer Ecke des _dangei_,
in welcher täglich auf einem trichterförmig gespaltenen Pflanzenstengel
Esswaren für die Geister niedergelegt wurden, und forderte diese auf,
in den Korb überzugehen. Der Korb wurde darauf geschlossen und von
den Priesterinnen in die _amin_ des Häuptlings getragen.
Nach einer kleinen Erholung und einem kräftigen Trunk von dem von mir
präparierten Wasser versammelten sich die _dajung_ auf der Galerie,
legten acht unverletzte Bananenblätter auf und neben einander auf
den Boden und stapelten darauf die Esswaren, welche sie aus dem
erwähnten Korbe hervorgeholt hatten. Durch Auseinanderschieben der
Schindeln hatte man zuvor eine Öffnung im Dache hergestellt. Wiederum
murmelten die Priesterinnen eine Zeitlang über dem Haufen, bildeten
ihren phantastischen Kreis und begannen, wie früher, zuerst mit den
Gliedern der Häuptlingsfamilie, dann mit den Müttern und kleinsten
Kindern eine _mela_ vorzunehmen Darauf verteilten sie einen kleinen
Teil der _kawit_, Eierschalen und Küchlein an die Teilnehmer.
Es folgte jetzt eine Szene, die mich aufs lebhafteste interessierte
aus der _amin_ des Häuptlings wurde eine Sammlung alter _hawat_ und
geweihter Hüte herausgetragen. Die Tragbretter und dann auch die Hüte
wurden ehrfurchtsvoll über dem Haufen Opferspeisen hin- und herbewegt
und dann ins Haus zurückgetragen. Jetzt durften auch die gewöhnlichen
Kajanfrauen mit ihren alten _hawat_ und Hüten herantreten und den
wohltätigen Einfluss der Opfergaben auffangen. Diese Zeremonie bot
mir die seltene Gelegenheit, die alten, ehrwürdigen Familienstücke
zu sehen, die mir einen Begriff von der früheren Kunstfertigkeit der
Kajan gaben. Es lagen auf den _hawat_ noch Zeugstücke, die früher
von den Kajan mit ähnlichen Figuren bemalt worden waren, wie man sie
jetzt in den Webearbeiten der Batang-Luparstämme findet; derartige
Arbeiten werden längst nicht mehr von den Kajan ausgeführt. Diejenigen,
die diese Tragbretter und Hüte einst benützt hatten, waren entweder
längst gestorben oder bereits betagte Leute; so wurde z.B. auch _Akam
Igaus_ Kindertragbrett hervor geholt. Augenscheinlich sollte die neue
Weihe, die die _hawat_ empfingen, rückwirkend noch auf die Seelen
der Verstorbenen und Betagten einen guten Einfluss üben. Kaum hatten
sich die Priesterinnen entfernt, so suchte jeder noch etwas von dem
Rest der Opferspeisen zu erwischen.
Die offizielle Schlussfeier des ganzen Festes erfolgte vor dem Hause
beim _dangei_, wo man den Erdboden, den die Priesterschaft auch jetzt
nicht berühren durfte, mit den Brettern des _tasu nangei_ belegt
hatte. Wiederum waren alle aufs schönste gekleidet. Mit Kriegsmütze
und Kriegsmantel geschmückt umkreiste _Usun_ etliche Male tanzend den
Fuss des _dangei_ und führte mit ihrem alten Schwerte Bewegungen aus,
als wollte sie den ganzen _dangei_ gen Himmel heben. Die übrigen
Priesterinnen, von denen die ältesten gleich wie die männlichen
Priester mit Speeren bewaffnet waren, unterstützten _Usun_s Bemühungen
und wehrten, indem sie in die Luft schlugen und stachen, ausserdem die
bösen Geister ab, die ihre Handlungen stören konnten. Die Priesterinnen
setzten ihren Tanz bis gegen Mittag fort, dann aber verschwand,
von der jüngsten beginnend, die eine nach der anderen. Schliesslich
waltete nur noch die alte _Usun_ ihres heiligen Amtes und verliess den
Tanzplatz erst, nachdem die Sonne ihren Höhepunkt bereits erreicht
hatte. Nach drei anstrengenden Tagen durften die _dajung_ nun zum
ersten Mal wieder ihr wohlverdientes und heissersehntes Bad nehmen.
Abends sollte wiederum ein _nangeian_ um das Opfergerüst, das
in gleicher Weise wie früher (pag. 177) aufgestellt worden war,
stattfinden. Die Häuptlingsfamilie begann sich gegen 6 Uhr abends
auf den Rundgang, der nach alter Sitte bis zum Anbruch des folgenden
Tages dauern musste, vorzubereiten, indem sie auf der Plattform des
_dangei_ ein symbolisches Bad nahm. Die Familienglieder und darauf
auch die _dajung_ wurden der Reihe nach, den Fuss auf einen alten Gong
gestützt, mit Weihwasser aus einem Bambusgefäss übergossen. Unter den
Tönen eines Gongs wurden gleichzeitig alle Speiseabfälle, welche von
der Herstellung der _pemali_ übrig geblieben und bis jetzt sorgfältig
bewahrt worden waren, in grossen Körben von der Höhe des _dangei_
herabgeworfen.
Gegen 9 Uhr abends erklängen die Gonge von neuem, als Zeichen,
dass die Priesterinnen den _nangeian_ mit Singen und Tanzen begonnen
hatten; sie setzten den Rundgang fort, bis der Zustrom der Laien so
gross geworden war, dass sie von diesen abgelöst werden konnten. Die
Beteiligung am _nangeian_ war jetzt eine viel regere als früher;
selbst bejahrtere Personen scharten sich in den Kreis der Jungen und
stimmten in den eintönigen aber melodischen Gesang ein. Alle hatten
ihre schönsten Festkleider angetan; die Frauen trugen ausserdem
ihre prächtigen Schale und die Männer ihre Schwerter. Unterdessen
hockten die Priesterinnen auf einer Matte und unterhielten sich mit
Betelkauen und Singen, bis die Reihe an sie kam, unter verstärkter
Begleitung der Gonge wieder in den Kreis einzutreten. Auf uns Fremde
machte die ganze Zeremonie, des schlichten Ernstes wegen, mit dem
sie vorgenommen wurde, einen feierlicheren Eindruck, als wir ihn in
dieser seltsamen und ungewohnten Umgebung erwartet hätten.
Bis zur Dämmerung setzten alle unermüdlich den Rundgang fort. Nachdem
ich mich zur Ruhe begeben hatte, wurde ich stets wieder durch ein
besonders starkes Einsetzen der Gonge geweckt.
Bei Tagesanbruch erschallte aus der Häuptlingswohnung lauter
Gesang. Auf den Schluss des Festes begierig eilte ich nach oben und
fand alle Festteilnehmer in der noch dunklen _amin aja_ versammelt;
sie standen unter dem noch geschlossenen Dachfenster um die _dajung_
herum und stimmten unter deren Vorgang einen Gesang an, der an Ernst
und Feierlichkeit nichts zu wünchen übrig liess. Nach beendigtem
Gesang zogen sich alle still in ihre Wohnungen zurück.
Der 10. Juni begann für alle mit dem, nach den Anstrengungen der
letzten Tage, so nötigen Schlaf. Die Priesterinnen sollten erst nach
genossener Ruhe in ihre eigenen Wohnungen zurückkehren, wo sie noch 8
Tage lang nach Vorschrift leben mussten. Die aussergewöhnliche Stille
auf der Galerie benützten wir sogleich, um einige photographische
Aufnahmen zu machen.
Die Tür der Häuptlingswohnung wurde zuerst photographiert. Da ich auch
gern eine Aufnahme von dem noch danebenstehenden _lasa_ gemacht hätte,
fragte ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, _Akam Igau_, ob
dies gestattet sei. Obgleich sehr aufgebracht, wagte er doch nicht,
nein zu sagen, und so machte ich denn von dieser halben Zustimmung
und dem Schlaf der noch abergläubischeren Frauen Gebrauch, um auch
von dem _lasa_ ein Cliché anzufertigen.
Was ich jedoch gefürchtet, traf ein, denn bereits abends kam _Akam
Igau_ mit verstörtem Gesicht zu mir und erzählte, dass unsere Aufnahmen
einen Sturm der Entrüstung seitens der erwachten Priesterinnen auf sein
armes Haupt beschworen hatten. Da eine günstige Stimmung der Kajan kurz
vor unserem Zuge zum Mahakam von der grössten Bedeutung wir, glaubte
ich den Häuptling mit ein paar Dollar entschädigen zu müssen. Ob nun
die photographischen Aufnahmen oder dies Geldgeschenk beunruhigend
gewirkt hatte, weiss ich nicht, aber am folgenden Morgen erschienen
_Usun_ und _Tipong Igau_, setzten sich mit ernster Miene zu mir auf
den Boden und erklärten, dass böse Träume ihnen in der vergangenen
Nacht die Entrüstung der Geister verkündet hätten. _Tipong_ hatte
geträumt, dass man sie nach dem Ritus der Kajan in ihren Sarg gelegt
hatte; _Usun_, dass ihr Boot aufs Land gezogen war: beide Träume
deuteten auf ihren bevorstehenden Tod. Ich fürchtete anfangs, dass
man die Vernichtung der Clichés verlangen würde, aber ihr dajakisches
Gewissen zeigte sich zum Glück mit dem Bezahlen einer Busse zufrieden
gestellt. Mir gegenüber wollte _Tipong_ jedoch noch Nachsicht üben
und verlangte daher eine Seelenberuhigung von nur 3 Dollar. So waren
die Schwierigkeiten beiderseits fortgeräumt, aber ich rechnete in
Zukunft doch auf weniger kostspielige Aufnahmen.
Die Priesterinnen waren nach dem Fest, wie gesagt, noch nicht frei:
den ersten Tag mussten sie _melo bruwa_, (= ruhen für die Seele); den
zweiten Tag begaben sie sich alle in grosser Gala mit Kriegsmütze und
Schwert aufs geweihte Reisfeld ans jenseitige Ufer, um die Verbotszeit
abzuwerfen (_bet lali_); am dritten Tage mussten sie wieder ruhen; am
vierten Tage versammelten sie sich wieder alle in der _amin aja_, wo
morgens und abends bei geschlossener Tür eine grosse _mela_ stattfand;
am fünften und sechsten Tage wurde wieder geruht.
Auch für die übrigen Bewohner war alles Aussergewöhnliche in dieser
Zeit verboten. Als in diesen Tagen ein von der Regierung mit der
Impfung der Kajan betrauter Malaie aus Putus Sibau ankam, um hier
seines Amtes zu walten, liess sich keiner von ihm impfen, obgleich
man ihn selbst herbeigewünscht hatte. Erst einige Tage später kamen
die Kajan, dann aber in Haufen heran.
Am siebenten Tage mussten die _dajung_ in Gruppen von vieren in der
eigenen Wohnung eine _mela_ abhalten, worauf am achten wieder ein
_melo_ folgte, nach welchem sie endlich ihr Armband der Verbotszeit
(_leku lali_) endgültig ablegen durften. Diese Armbänder bestanden
aus vier Reihen grosser, wertvoller Perlen, welche sie von der
Häuptlingsfamilie als wichtigste Belohnung erhalten hatten.