Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck
der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die
Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am
Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken
der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und
Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der
Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung
der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde.
Stämme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor;
dagegen findet man sehr nahe verwandte Stämme, welche, je nachdem
sie viel oder wenig mit Fremden in Berührung gekommen sind, über ein
zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint übrigens,
dass die Fremden bei den ursprünglichen Bewohnern Borneos nicht nur
auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung
der Eingeborenen, ob und wann diese überhaupt erforderlich ist,
einen starken Einfluss geübt haben. In Sambas, im Sultanat an
der Westküste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwärts und
gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Männer
als Frauen ihre Kleidung gänzlich ablegten, während ihre Verwandten,
die in malaiischer Umgebung an der Küste leben, beim Baden stets alte
Kleidungsstücke anlegten.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den
grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig,
jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nämlich
sowohl die Bahau als die Kenja stets völlig nackt baden, kleiden
sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollständig an,
während letztere unbekleidet in ihr Haus zurückkehren und sich erst
dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden,
begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In
Stromschnellen und Wasserfällen nehmen die Kenjamänner ihr Lendentuch
ab, die Bahaumänner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefühl und
die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter
malaiischem Einfluss verändert haben und noch verändern, ersah ich
daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser
Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mädchen
und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer
Wohnung zum Flusse.
Als _Demmeni_ einmal spät abends seine Platten entwickelte, bemerkte er
sechs unbekleidete junge Mädchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten
sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt,
als sie erschreckt und lachend ins Haus zurückeilten. Auch die
Kenjamänner schämten sich vor uns Europäern, ihre Kleidung in den
Wasserfällen gänzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge
davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzählt
hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen
Anstoss, was übrigens gar nicht mit unserer europäischen Auffassung
übereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes
Schamgefühl bei der Entwicklung der Kleidung spielt.
Da Stämme, die stets völlig nackt gehen, in Borneo nicht mehr
vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer
Körperbedeckung überhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss.
Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen
den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwärme bei sämmtlichen Stämmen,
als Schutz gegen Kälte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden
Kenjastämmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut,
als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die
Sonnenwärme zu schützen, bedecken sich Männer und Frauen bei der
Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten
Flüssen auch den Oberkörper.
Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe für besonders schön
gilt, suchen mehr als die Männer durch Kleidung ein Einbrennen
und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhüte
(_haung_) sind daher viel grösser als die der Männer. (Siehe Taf. Hüte
der Bahau).
Eigentliche Kleidungsstücke werden als Schmuck nur selten, bei
festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen
ihre schönsten Kostüme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an;
dann tragen die Männer schöne Jacken und die Frauen schlingen sich
Schale um die Schultern; Lendentücher und Röckchen bestehen dann auch
aus den schönsten Stoffen.
Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak
berechtigt ist, auch Tätowierungen, Umbildungen von Zähnen und
Ohren, Hals und Armbänder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck
allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung.
Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden
sie doch auf ihre tägliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders
ist dies bei unverheirateten jungen Männern und Mädchen und bei
Jungverheirateten der Fall. Sind Männer und Frauen erst einige Jahre
verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den
Vordergrund. Eine besondere Tracht für Verheiratete und Unverheiratete
giebt es nicht.
Die Bahau bekleiden ihre Kinder, sobald sie gehen können. Die Kleinen
zeigen aber für die Notwendigkeit und Schönheit von Kleidungsstücken
meist gar kein Verständnis und einzelne leisten daher beim ersten
Anlegen des Lendentuchs oder Röckchens heftigen, oft Jahre dauernden
Widerstand. Die Eltern schreiben diesen Widerstand, wie alles
Aussergewöhnliche, dem Einfluss böser Geister zu; daher baten mich
die Mütter öfters, ihr eigensinniges Kind zu "belesen," d.h. durch
Lesen in einem Buche den bösen Geist aus ihm zu vertreiben.
Durch den ständigen Verkehr mit den Malaien, die auswärtige Stoffe,
hauptsächlich billigen europäischen Kattun, bei ihnen einführen,
ist die ursprüngliche Kleidung der Bahau am Mendalam viel stärker
beeinflusst worden als die der Stämme am oberen Mahakam und Bulungan.
In früheren Zeiten verfertigten, wie es die Kenja und Bahau am
Mahakam jetzt noch tun, auch die Mendalam Kajan die Stoffe für ihre
Kleidungsstücke selbst; sie webten sie aus Baumwolle oder Lianenfasern
oder stellten sie aus geklopftem Baumbast her. Die gewebten Stoffe
wurden bei Festlichkeiten oder von den Reicheren getragen, während
der Baumbast für die gewöhnliche Arbeitskleidung diente.
Auf die Herstellung dieser Kleidungsstücke verwandten besonders die
Frauen viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Sie webten sowohl prächtige
Stoffe als auch einfachere, die dann, wie auch der Baumbast, durch
schöne farbige Stickereien verziert wurden. Die Stickereien wurden in
hübschen, farbigen Mustern, hauptsächlich im Kettenstich, ausgeführt
und legen noch heute von dem Geschmack und Fleiss der damaligen
Frauen ein gutes Zeugnis ab. Den Männern fiel die Bearbeitung der
verschiedenen Arten von Baumbast zu, auch schnitten sie aus Zeug
Figuren aus, welche von den Frauen als Verzierung auf die Kleider
genäht wurden.
Während die eben erwähnten Verzierungen und die schön bestickten
Baumbastkleider am oberen Mahakam jetzt noch gebräuchlich sind, findet
man am Mendalam Figurenverzierungen nur noch an der Totenkleidung
und Baumbast, einfach bearbeitet, wird nur noch bei der Feldarbeit
oder als Zeichen von Trauer getragen. An Stelle des Baumbasts wird
bei der Trauerkleidung jetzt auch weisser Kattun angewandt, den man
vor dem Gebrauch in den Morast legt und dann auswäscht, um ihm den
braunen Ton zu geben, der dem Baumbast gewöhnlich eigen ist.
Seitdem der weniger dauerhafte aber billige Kattun am Mendalam
eingeführt worden ist, webt man dort überhaupt nicht mehr. Merkwürdiger
Weise ist mit der Qualität der Stoffe auch die ihrer Bearbeitung
gesunken; denn statt des früheren sorgfältigen Nähens ist jetzt nur
noch das Heften gebräuchlich und das Sticken hat ganz aufgehört.
Bei sämmtlichen Stämmen von Mittel-Borneo bekleiden sich die Männer
mit einem Lendentuch, die Frauen mit einem Röckchen. Während dieses
bei den verwandten Bahau- und Kenjastämmen hinsichtlich der Form völlig
übereinstimmt, trägt es bei den übrigen Dajak, z.B. den Batang-Lupar,
Taman und Ot-Danum, einen ganz anderen Charakter.
Beschäftigen wir uns im folgendem speziell mit der Kleidung der
Mendalam Kajan.
Das wichtigste und einfachste Kleidungsstück der Männer bildet
das Lendentuch (_ba_). Bei schwerer Arbeit und auf Expeditionen
durch Urwald und über Wasserfälle gebraucht man ein kurzes (huch,
das nur einmal um die Hüften geschlungen wird; im Hause und bei
Festlichkeiten dagegen tragen besonders die Reicheren bis zu 12
m lange Lendentücher. Ein derartiges Tuch wird stets nur einmal
zwischen den Beinen durchgezogen und der Rest dann um die Hüften
geschlungen. Gegenwärtig ist weisser, roter und blauer Kattun hierfür
am beliebtesten, falls aber die Feldarbeit einen dauerhafteren Stoff
erfordert, wählt man Baumbast. Die grosse Haltbarkeit des Baumbasts
ist wohl die Ursache, dass er noch nicht gänzlich durch den beim
Tragen viel angenehmeren Kattun verdrängt worden ist.
In der Regel wird das Lendentuch nicht verziert; seine Schönheit hängt
von seiner Länge und vom angewandten Stoff ab. Zur Alltags kleidung
der Männer gehört ferner eine Sitzmatte (_tabin_) in Form eines 3 ×
4 1/2 dm grossen Rechtecks, das oben, an einer der schmalen Seiten,
in ein 1 1/2 dm hohes Dreieck verläuft. An der Dreieckspitze sind zwei
Schnüre angebracht, mittelst deren die Sitzmatte über den Hüften an
den Körper gebunden wird und zwar so, dass die Matte hinten an der
Verlängerung des Rückens zu hängen kommt. Die Matte hat den Zweck,
die blosse Haut beim Sitzen auf schmutzigem oder nassem Boden vor
Verunreinigung zu schützen; sie wird daher beinahe ständig getragen
und häufig auch auf Reisen nicht abgelegt. In der Regel werden die
Matten aus Rotang geflochten und oft mit roten oder schwarzen Figuren
oder mit Knöpfen und Zeugstreifen verziert.
In neuerer Zeit tragen die Männer an Festtagen gern eine lange, bunte,
malaiische Hose, falls sie einer solchen habhaft werden können.
Auf Jacken (_basong_) aus Kattun sind die Kajanmänner sehr erpicht;
ihre Frauen stellen aber für die Feldarbeit auch sehr gute Jacken
aus Baumbast her. Um eine Trennung der Fasern zu verhindern, wird
der Bast mit festem Zwirn oder dünner Schnur durchzogen. Bisweilen
fassen die Frauen die Bastkleider mit rotem Kattun ein; die Arbeit
lässt aber an Schönheit viel zu wünschen übrig. Weiter unterscheidet
sich die Festkleidung der Männer von der Alltagskleidung hauptsächlich
durch die bessere Qualität des angewandten Materials. Hinzu kommt nur
noch ein _sarong_ aus _batik_ [5] oder ein anderes schönes Stück Zeug,
das quer über der linken Schulter getragen wird. Am Mahakam gebrauchen
die jungen Leute diesen Schal, falls sie nicht arbeiten, täglich.
Zum Kriegskostüm der Männer gehört hauptsächlich eine dicke ärmellose
Jacke (_basong kapai_), die aus zwei mit Kapok gefüllten Lagen Kattun
besteht, welche in rechtwinklig sich schneidenden Linien durchsteppt
ist; sie schützt den Oberkörper vor Speerstichen und Schwerthieben.
Als eine Ergänzung dieses ärmellosen Waffenrockes müssen wahrscheinlich
zwei Ärmel betrachtet werden, die nur durch den obersten, nicht mehr
als 2 dm betragenden Teil eines Jäckchens mit einander verbunden
sind. Dieses eigenartige Kleidungsstück ist aus gewöhnlichem Stoff
verfertigt und dient als Armbedeckung.
Die Kajan und alle übrigen Stämme auf Borneo tragen über den
eben erwähnten Kleidungsstücken einen Kriegsmantel (_sunung_) aus
Tierfellen. Ein Pantherfell (_sunung kule_) gilt als das schönste;
aber wegen seiner Kostbarkeit und Seltenheit begnügt man sich auch
mit einem langhaarigen Ziegenfell (_sunung kading)_. In früheren
Zeiten scheinen mit Tierfiguren bestickte Baumbastmäntel in Form
einer Tierhaut gebräuchlich gewesen zu sein, wenigstens wurde mir
ein solcher, mit einer Reihe von 8 Schwanzfedern des Nashornvogels
verziert, zum Kauf angeboten. Man nannte ihn _sunung kapuwa_.
Ein Kopftuch (_lawong_) wird von den gewöhnlichen Männern nur
gelegentlich, von den Häuptlingen jedoch, um ihre Würde anzuzeigen,
täglich getragen. Der Kajan schlingt das Tuch in Form eines Wulstes um
den Kopf und zieht seine für gewöhnlich offen hängenden Haare derart
hindurch, dass sie unter dem Wulst eine auf die Schultern herabhängende
Schlinge bilden und über demselben mit ihren Enden aufliegen. Ausser
Baumbast wird besonders bunter Kattun und europäischer _batik_ für
Kopftücher gebraucht.
Hüte (_haung_) benützen die Männer nur gegen Sonnenbrand und heftigen
Regen; sie werden aus Pandanusblättern verfertigt und haben die gleiche
Form wie die der Frauen, ihr Durchmesser beträgt aber selten mehr als
50 cm (Fig. 5 u. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau). Die Frauen, welche die
Hüte herstellen, legen bisweilen viel Formen- und Farbensinn an den
Tag, indem sie bei besonders schönen Exemplaren in der Mitte einen
Beleg, bestehend aus einer Stickerei oder Perlenarbeit, anbringen und
das Feld mit hübschen Figuren aus schwarzem Kattun verzieren. Derartige
Hüte dürfen indessen nur von hochgestellten Personen getragen und Toten
ins Jenseits mitgegeben werden (Fig. 6). Auch ist nur alten Männern
gestattet, die Schwanzfedern des Nashornvogels (_Buceros rhinoceros_)
auf ihre Hüte zu heften; häufig werden diese Federn an Perlenschnüren
befestigt (Fig. 5).
Eine weitere Kopfbedeckung der Männer bildet die Kriegsmütze. Sie
wird in Form eines runden Körbchens aus festem Rotang geflochten und
von den Frauen mit besonderer Sorgfalt verziert. Mitten auf dem Boden
werden Perlenstickereien und am Rande eigenartige Verzierungen--vorn
meist glänzende Metallplatten oder Tiermasken--angebracht. Oben auf
die Mütze werden lange Federn gesteckt; die beliebtesten sind die des
Nashornvogels, des Argusfasans (_Argusianus Grayi_) und des Hahns. Für
die Mützen gilt, wie für die Hüte, dass die mit breiten schwarzen
Streifen gezeichneten weissen Schwanzfedern des Nashornvogels nur von
angesehenen Personen oder bewährten Kriegern getragen werden dürfen
und dass nur wenigen Auserwählten gestattet ist, deren acht in der
Mitte der Mütze von vorn nach hinten anzubringen.
Zu den wichtigsten Schmucksachen der Männer gehören: Bein-
(am Mah. _sekhad_) und Armringe (_leku_), Halsketten (_tewesing,
tewe-ang_) und Ohrringe (_isang)_.
Die Armringe werden oberhalb der Ellenbogen, die Beinringe unterhalb
der Knie getragen und von den Punan oder auch den Kajan selbst
aus Rotang oder _kebalan_, dem dunkelbraunen oder schwarzen,
sehr biegsamen Kernholz einer farnartigen Gebirgsliane, sehr fein
geflochten. Bisweilen wird die Farbenwirkung dieser Ringe, die, je nach
dem Material, aus dem sie bestehen, _leku kebalan_ oder _leku uwe_
(Rotang) genannt werden, durch Einflechten goldgelber Pflanzenfasern
erhöht. Häufig trägt eine Person bis zu 200 solcher Ringe gleichzeitig.
Diejenigen jungen Leute, welche mit den Batang-Lupar im Serawakschen
Gebiet zusammengekommen sind, bringen von diesen Holz- oder
Elfenbeinringe mit, die sie dann selbst mit schönen Schnitzereien
verzieren.
Auch die jungen Mädchen stellen für die Jünglinge Armverzierungen her
und zwar aus Glasperlen, welche sie mit viel Geschmack zu zierlichen,
farbenprächtigen Mustern in Form schmaler Bänder aneinanderreihen
(Fig. 1 auf Tafel: Schmucksachen der Bahau).
Die Halsketten der Männer bestehen alle aus neuen oder alten und dann
bisweilen sehr wertvollen Glasperlen.
Die schmalen, fest am Halse anliegenden Ketten (_tewesing_, Fig. 6)
sind in der Regel aus bunten kleinen Perlen zusammengesetzt und enden
vorn in einer Rosette.
Die frei auf die Brust herabhängenden Ketten (_teweang_, Fig. 11 u. 8)
dagegen bestehen aus mehreren Reihen grösserer--bis erbsengrosser
Perlen. Bei der Zusammenstellung dieser Perlen wird auf eine gewisse
Regelmässigkeit geachtet; sind es jedoch alte Perlen, welche selten
in genügender Anzahl und gleicher Form vorhanden sind, so kann eine
bestimmte Regel nicht eingehalten werden. Aus gleichartigen alten
Perlen bestehende Ketten haben daher einen hohen Wert. Die Kapuasstämme
unternehmen monatelange Reisen zum Mahakam, um diese Perlen, die dort
noch in grösserer Anzahl vorhanden sind, zu kaufen.
Ausser der Tätowierung fällt bei den Männern am meisten die Umformung,
welche die Ohren erlitten haben, auf; im Ausrecken der Ohrläppchen
wetteifern sie nämlich mit den Frauen.
Mit der Durchbohrung der Ohrläppchen wird daher, wie im Kapitel
IV berichtet worden ist, schon gleich nach der Geburt des Kindes
begonnen. Die Zinnringe (_isang temha)_, welche das Kind anfangs
ausschliesslich trägt, werden später häufig durch dicke Kupferringe
(_hisang tembaga_) ersetzt, deren Zahl so weit vermehrt wird, als,
ohne Schmerzen und Entzündung zu verursachen, möglich ist. Um die
Dehnbarkeit der Ohren zu erhöhen, wird bei Kindern ausserdem öfters
innen an der Oberseite der Öffnung ein Einschnitt gemacht.
Die Eltern achten sorfältig darauf, dass bei diesen Operationen keine
Entzündungen entstehen, da die dünnen Ohrläppchen sonst Gefahr laufen,
durchgescheuert zu werden, was bei sehr kleinen Kindern bisweilen
auch vorkommt. Die Ringe erreichen oft ein so hohes Gewicht,
dass die Kleinen sie bei jeder lebhaften Bewegung mit der Hand
stützen müssen. Durchgerissene Ohrläppchen werden als ernsthafter
Schönheitsfehler aufgefasst. Obwohl die Kajan es in der Chirurgie nicht
weit gebracht haben, verstehen es einige ihrer Männer doch, die beiden
zerrissenen Enden wieder aneinanderwachsen zu lassen; sie erzeugen mit
ihrem gewöhnlichen Messer an jedem der Enden eine wunde Oberfläche,
legen sie übereinander, wickeln einen weichen Blattstreifen herum
und befestigen das Ganze mit einem Faden. Ich sah verschiedene auf
diese Weise geheilte Ohren, die vom aesthetischen Standpunkt zwar
viel zu wünschen übrig liessen, deren 6-8 mm übereinander gelegte
Enden jedoch wieder kleine Ringe zu tragen vermochten.
Wenn die Ohrläppchen durch Verwundung oder Hautkrankheit öfters
entzündet werden, entstehen Verdickungen des Bindegewebes (Keloide),
welche die Schönheit sehr beeinträchtigen. Ein übrigens hübsches
Mädchen sah ich einst ihre derart verunzierten Ohren ängstlich
verbergen.
Während die Frauen sich mit diesen Umformungen begnügen, lassen sich
die Männer in späterem Alter ausserdem noch oben in der Ohrmuschel eine
Öffnung von der Grösse eines Pfennigstückes und häufig auch noch eine
zweite über dem Hinterende des ausgereckten Ohrläppchens, anbringen. In
diesen Öffnungen dürfen alte, tapfere Männer die Eckzähne (_ipen_)
des seltenen borneoschen Panthers (_kule_) tragen; häufig begnügt man
sich auch mit geschliffenen oder ungeschliffenen Bärenzähnen. Diese
Zähne werden oft, wahrscheinlich um ein Verlieren zu verhindern,
mit einer um Hinterhaupt und Hals geschlungenen Perlenschnur verbunden.
In den grossen Ohrlöchern tragen die Mendalam Kajan gewöhnlich Ringe
(_isang_) aus eingeführtem Zinn oder Kupfer (Fig. 2); in letzter
Zeit schinücken sie sich auch, nach der Sitte der Mahakamstämme,
mit einer grossen Anzahl dünner silberner Ringe.
Statt dieser Ringe werden bei festlichen Gelegenheiten auch noch
hölzerne oder metallene Ohranhängsel angebracht; sie sind birnförmig
und greifen mit einem grossen Haken um das Ohrläppchen herum
(Fig. 3). Während die Ringe beinahe ausnahmslos unverziert sind,
werden diese eigentlichen Ohrgehänge, sowohl was ihre Form als was
ihre Bearbeitung betrifft, mit viel Sorgfalt und Kunstsinn hergestellt.
Weniger auffallend als die Umformung der Ohren ist die der
Zähne. Die Schneidezähne werden am Ober- und Unterkiefer von vorn
hohl ausgeschliffen; einige lassen sich auch nach Sitte der Punan
goldene Stifte durch einen oder mehrere Zähne treiben.
Über den menschlichen Haarwuchs haben sowohl Bahau als Kenja sehr
eigenartige Anschauungen, die sich zum Teil aus der Tatsache erklären
lassen, dass sie selbst gewöhnlich sehr schwach behaart sind. Es flösst
ihnen nämlich, da sie selbst an den Anblick stark behaarter Wesen
nicht gewöhnt sind, eine Person mit starkem Voll- oder Knebelbart
fast Abscheu und Schreck ein. Aus Rücksicht für unsere Gastherren
rasierten wir Europäer und einer der Javaner uns daher, so lange der
Besitz von Seife es gestattete, regelmässig.
Da die Kajan nur das Haupthaar schön finden, herrscht bei ihnen die
Sitte, dass sich sowohl Männer als Frauen alle Haare im Gesicht, in den
Achselhöhlen und an der pubis ausziehen. Die jungen Frauen der Mahakam-
und Kenjastämme halten sich besonders streng an diese Vorschrift; die
am Mendalam lassen einen schmalen Streifen an den Augenbrauen stehen.
Alte Männer lassen sich bisweilen, um auf ihre Umgebung Eindruck zu
machen, ihren Bart nach Belieben wachsen; junge Leute dagegen sorgen
dafür, dass von ihren Barthaaren möglichst wenig sichtbar wird.
Die Männer rasieren sich ohne Seife mit dem gewöhnlichen Messer
(_nju_); die Achsel- und Pubishaare entfernen sie weniger sorgfältig
als die Frauen.
Zum Ausziehen der Wimpern dienen kleine, kupferne oder silberne Zangen
(_tsöp_), die stets zu einer vollständigen Toilettenausstattung von
Mann oder Frau gehören.
In vorgerücktem Alter oder während der strengen Arbeitszeit verfährt
man häufig weniger sorgfältig mit der Entfernung der Haare. Das
Haupthaar, das Männer und Frauen sich lang wachsen lassen, wird
schlicht zurückgestrichen; zum Kämmen dient ein geschnitzter
Bambuskamm.
Bei Frauen gilt langes Haar für sehr schön und, wenn sie sich etwas
Kokosnussöl--am Mendalam eine grosse Seltenheit--verschaffen können,
versäumen sie nie, ihre Frisur damit einzureiben. Ebenso nehmen
sie, sobald sie eines Stückchens Seife habhaft werden, sogleich
eine Extrareinigung des Haares vor; gewöhnlich gebrauchen sie dafür
Citronensaft. Die Männer lassen das Haar am Hinterhaupt lang wachsen;
vorn schneiden sie es gerade und kurz ab und kämmen es glatt auf die
Stirn, während sie an den Schläfenstellen über den Ohren einen 5 cm
hohen Streifen rasieren.
Betrachten wir jetzt die Kleidung der Frauen.
Das wichtigste Kleidungsstück der Frauen besteht aus einem rechteckigen
Stück Zeug, an dessen oberen Ecken Bänder befestigt sind. Dieses
Tuch (_ta-a_) wird in der Beckengegend um den Körper geschlungen und
derart festgebunden, dass es unterhalb der Darmbeinkämme zu liegen
kommt. Bei den Frauen am Mendalam schlagen die seitlichen Kanten der
_ta-a_ rechts am Körper, bei denen am Mahakam dagegen hinten über
einander. Dieses Röckchen reicht bei den Kajanfrauen bis zu den Füssen
herab, bei den Frauen der anderen Kapuasstämme bedeckt das Röckchen,
das sie geschlossen tragen, kaum noch die Kniee. Beim Laufen oder
wenn sie am Boden hocken, kommen die Beine der Frauen und zugleich
die schönen Tätowierungen ihrer Schenkel zum Vorschein.
Die _ta-a_ ist, je nach dem Vermögen ihrer Besitzerin und nach
der Gelegenheit, bei welcher sie gebraucht wird, mehr oder minder
hübsch-. sie besteht jedoch immer aus einem Mittelfeld mit 4 ungefähr
1 dm breiten Rändern.
Für Feströckchen wählt man als Mittelstück einfarbigen Kattun oder
Seide und für die Ränder meist roter. Flanell oder, falls diese zu
kostbar ist, roten oder geblümten Kattun.
Der obere Rand des Röckchens (_kohong ta-a_) ist meist etwas breiter
als die übrigen und wird in Fällen besonderer Eleganz durch eine
Silberborte von dem Mittelstück abgegrenzt.
Einfache Jacken (_basong_) aus Baumbast oder Kattun werden von den
Frauen als Schutz gegen Sonnenbrand bei der Feldarbeit oder auch sonst
getragen. Es giebt Jacken mit und auch ohne Ärmel; diese enden hinten
in einem ungefähr 1 dm langen Zipfel. Besonders hübsche Jacken werden
in den Neujahrstagen getragen; bei häuslichen Festen dagegen werden
sie selten angezogen.
Statt der Jacken werden an Festtagen auch Schale gebraucht. Die,
Frauen, die keine Priesterinnen sind, bedecken sich dann den Oberkörper
derart mit einem langen Stück Zeug von ungefähr 1/2 m Breite, dass
die beiden Enden vorn und hinten bis zur Mitte der Schenkel gerade
herunterhängen und der mittlere Teil rechts unter der Achsel liegt,
während zwei Falten der linken Tuchhälfte oberhalb der linken Schulter
aneinander genäht werden. In Tandjong Karang waren hauptsächlich
Schale aus rotbrauner, golddurchwirkter Seide beliebt.
Ähnliche Schale tragen auch die Priesterinnen, wenn sie an Festtagen
ihres Amtes walten; sie schlingen sie jedoch nur einmal um den Körper
und zwar so, dass die Mitte des Tuches über der Brust zu liegen
kommt und die unter den Armen hindurchgezogenen Enden auf dem Rücken
festgebunden werden. Nur die Oberpriesterin _Usun_ bedeckte sich den
Oberkörper nicht.
Frauen, welche die Würde einer Priesterin noch nicht völlig erreicht
haben, unterscheiden sich von diesen durch die weissen Felder ihrer
_ta-a_.
Alle Frauen der Bahau tragen, sobald ihre Schwangerschaft äusserlich
sichtbar wird, ein Tuch (_djad butit_), das sie auf gleiche Weise wie
die Priesterinnen um Brust und Leib schlingen. Durch straffes Anziehen
dieses Tuches erhält der Leib, besonders in den letzten Monaten, eine
gute Stütze. Nach der Entbindung wird das _djad butit_ bald abgelegt
und durch ein schmäleres Tuch (_djad usok_) ersetzt, welches nur die
Brüste bedeckt und noch während mehrerer Monate getragen wird.
Die Frauen schmücken sich mit den gleichen Ohrgehängen wie die Männer,
nur lassen sie sich in der eigentlichen Ohrmuschel keine Löcher bohren.
In noch höherem Masse als die Männer, lieben sich die Frauen mit
Perlenschnüren, Armbändern und Fingerringen zu zieren. Sie sind es
auch, die für den Wert alter Perlen am meisten Verständnis haben,
die jede Art beim Namen kennen; für den Besitz mancher dieser Perlen
sind sie im stande, sehr viel aufzuopfern. Die neuen Glasperlen,
Nachahmungen der alten Formen, werden in Europa verfertigt und über
Singapore eingeführt.
Sogar über dem Alltagsröckchen trägt die Kajanfrau einen Gürtel,
(_taksa_), bestehend aus einer doppelten Reihe oft sehr kostbarer
alter Perlen (Fig. 12 u. 13) und dazu zahlreiche Halsketten aus
kleineren Perlen (Fig. 11 u. 8).
Zu den Kostbarkeiten der Frau gehört auch ein Satz elfenbeinerner
Armbänder (_leku tulang_). Es sind 16-60 glatte Elfenbeinringe, die,
in der Grösse aufeinanderfolgend, zusammen einen stumpfen Kegel bilden,
der den Unterarm vom Puls bis 1 dm unterhalb des Ellen bogens bedeckt.
Sowohl diese Armbänder als auch die beliebtesten Seidenstoffe werden
in China verfertigt und von dort bezogen, vielleicht im Zusammenhang
mit den früheren chinesischen Niederlassungen an Borneos Nordküste.
Fingerringe. werden von den Kajan nie selbst hergestellt; besonders
beliebt sind die europäischen Ringe aus unechtem Golde mit glänzenden
bunten Steinen; sie haben die von den Taman Dajak stammenden kupfernen
Ringe fast gänzlich verdrängt.
Sobald in einer Kajanfamilie ein Trauerfall stattfindet, müssen alle
Schmuckgegenstände abgelegt werden; auch bunte Kleidungsstücke dürfen
dann nicht mehr getragen werden. Die veraltete Baumbastkleidung
(_kapua_) wird wieder hervorgeholt und, falls man diese nicht mehr
besitzt, muss alles aus- weissem Kattun hergestellt werden.
Nach Ablauf der Trauerzeit (_bet lali_) steht es jedem frei, seine
frühere Kleidung wieder anzulegen; es kommt jedoch häufig vor,
dass die nächsten Angehörigen durch das Tragen dieser Trauerkleidung
ihrem Schmerz über den erlittenen Verlust noch Monate und Jahre lang
Ausdruck geben. Wittwen zeigen dadurch an; dass sie sich nicht wieder
verheiraten wollen.
Zu der eigentlichen Trauerkleidung der Frauen gehört eine besondere
Baumbastmütze, bestehend aus einem langen breiten Streifen, der wie
ein Tuch von hinten nach vorn um das Haupt geschlungen wird, wo die
Enden über einander geschlagen und dann frei von vorn über den Kopf
nach hinten bis zum halben Rücken herab hängen gelassen werden;
Männer tragen nichts dergleichen.
Als Zeichen der Trauer das Haupthaar abzuschneiden, scheint bei
den Mendalam Kajan nicht üblich zu sein; ich weiss auch nicht, ob
die Sklaven nach dem Tode des Häuptlings hierzu verpflichtet sind,
wie dies am Mahakam der Fall ist.
Die Liebe zu ihren Verstorbenen äussern die Kajan dadurch, dass sie
diese für die Reise in den Himmel und. den dortigen Aufenthalt so gut
als möglich auszurüsten suchen. In erster Linie handelt es sich hierbei
um eine Aussteuer von schönen Kleidungsstücken. Interessanter Weise
giebt man sich alle Mühe, diese Kleider nach der Mode der Vorfahren
zu verzieren, eine Mode, die sich bis heute noch bei den Stämmen am
oberen Mahakam erhalten hat (Tafel: Totenausrüstung).
Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation
von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss
kattunenen Röcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die
Kajan, dass sie auf die bösen Geister, die die Seele des Verstorbenen
unterwegs bedrohen könnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren
werden von den Männern entworfen und ausgeschnitten und von den
Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls
von Männern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die
mit schwarzer Farbe auf Pandanusblätter gemalten oder aus schwarzem
Kattun geschnittenen Figuren für die Hüte und Tragkörbe der Toten. Den
Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte
Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3
a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der
Kopf stets am deutlichsten hervor; die übrigen Körperteile verlaufen
in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten
Augenblick meist nicht erkennen kann.
Die Hüte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau) werden viel
schöner verziert als die der Lebenden; so dürfen, wie bereits gesagt,
mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur
Abkömmlinge der vornehmsten Häuptlingsgeschlechter tragen, nach dem
Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen
niedergelegt.
Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mütze aus Baumbast,
die nicht mit Zwirn, sondern mit den früher gebräuchlichen umgedrehten
Pflanzenfasern genäht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mütze
ist für Männer und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmütze,
diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlängerte Mütze
vorgeschrieben.
Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrüstung bildet ein Tragkorb
(_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbändern (Fig. 1 d) und
einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch
noch Gegenstände befinden, die zur Überwindung aller Gefahren auf
dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthält eine _kawit_
(Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefässe (Fig. 1 b) mit Speise für
die guten Geister, für die auch das Barnbusgefäss (Fig. 1 g) mit
Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hängt, bestimmt ist. Drei Säckchen
(Fig. 1 h) enthalten eigentümlich geformte Steinchen, die zur Abwehr
böser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzähne am
Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flüssen das Wasser aus dem Boot
schöpfen zu können, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a)
mitgegeben. Schliesslich hängt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1
f), um über Felsen und Abgründe klimmen zu können (Siehe pag. 104).
Den Toten werden auch die schönsten und kostbarsten Armbänder,
Halsketten und Ringe für den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg
gelegt. Daher übt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung
auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten
Prunkgräber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren
Inhalt vor diesem Gesindel zu schützen. So wurde das Grab von _Akam
Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begräbnis von Malaien
erbrochen und geplündert. Auch in Serawak ist Grabschänderei nichts
Unbekanntes.
Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_);
das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebensächliche
Rolle; nur wenige verstehen überhaupt mit ihm umzugehen und kein
eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu
bereiten. Hauptsächlich sind es Abkömmlinge der Punan unter ihnen,
die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprünglichen Waffe der
Nomadenstämme, bedienen. Das Schwert dagegen ist für den Kajan nicht
nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im täglichen Leben
der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem
kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan),
das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behälter
stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht
ausgeführt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das
ihn daher nie verlässt. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken
von Zweigen und Gestrüpp allerdings ein für diesen Zweck hergestelltes
einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so benützt
er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum
Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt
auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafür,
dass sein Exemplar alle Zwecke erfüllen kann. Daher werden sowohl
am Kapuas als am Mahakam für ernsthafte Kriegszüge meist einfache,
aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, während die schönen, mit
eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr
geschätzte Prunkgegenstände dienen. Nur ein kriegerischer Häuptling,
wie der Pnihinghäuptling _Belarè_, nahm auch auf Expeditionen schön
gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen
wohl auch Bäumchen gefällt haben.
Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von
seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von
Speeren aufgestellt.
In früherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfältig
bearbeitet, gegenwärtig aber begnügt man sich mit sehr schlichten
Speeren und auf gute Herstellung der Schäfte wird in der Regel gar
nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich
niemals bei den Bahau, höchstens hatte man ihn rund und glatt poliert.
Die Spitzen der Speere, die täglich aufs Feld mitgenommen werden,
gleichen einem länglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen,
eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form
eines ausgehöhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der
Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen.
Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze.
Das Schwert wird, nach der grösseren Sorgfalt, die auf seine
Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem
vorgezogen.
Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehör entwickeln die Kajan viel
Geschmack und Kunstfertigkeit; die Männer beim Schnitzen der Griffe
(_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim
Verfertigen von Gürtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle
oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.).
Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind genügend bekannt,
weniger ist dies vielleicht mit den Anhängseln der Fall, welche ein
gut ausgerüsteter Krieger stets am Schwertgürtel hängen hat. Die
wichtigsten sind zwei Bambusdöschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und
Rauchmaterial: Tabak und Bananenblättern; ferner einige Fläschchen mit
Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette
zur Abwehr böser Geister: Flusssteinchen von besonders auffälliger
Form, z.B. länglich und stark gebogen oder mit einem auf natürliche
Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzähne von Hunden und Bären,
die an alten Perlenschnüren in einem Bündel beieinander hängen;
auch Glöckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, üben
eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwürdigkeiten
fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein
kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein
Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen
Jahrzehnte alt ist und in ein Tüchlein eingewickelt in einem besonderen
Bambusdöschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben
auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird;
am Mahakam verteidigte ein Kajanjüngling mir gegenüber mit grossem
Ernst diese Überzeugung.
Alle diese Anhängsel sind an der rechten Seite, wo der Gürtel (Fig. f )
mit einer scheibenförmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen
wird, befestigt. Das Schwert hängt für gewöhnlich an der linken Seite,
ist sein Träger jedoch linkhändig, was ziemlich häufig vorkommt,
so hängt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann
rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch
gewöhnliche Arbeitsschwerter werden für Linkhändige angefertigt.
Hauptsächlich der eigentümlichen Art ihrer Herstellung wegen von
Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hölzerne Rohre
mit gleichmässig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite
etwas gekrümmt, so wird die Unregelmässigkeit durch Beschweren mit
einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre
auch tadellos gerade; unregelmässig gekrümmte sah ich nie.
Die meisten Stämme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre
selbst aus einem harten Stück Holz, das sie zuerst mit einem 2 m
langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselförmiges Ende schart
geschliffen ist. Das Holzstück wird zu diesem Zweck in horizontaler
Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dünner sein muss als der
gewünschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche
gekreuzte Bambusstücke gegen den Block gestützt. Durch fortwährendes
Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block
gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal
innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig
ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man
das überschüssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der
Wand eine gleichmässige Dicke. Das Glätten des Kanals wird durch
Schaben bewirkt. Man benützt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_,
Fig. a, Taf.: Pfeilköcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten
Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte
gehackt hat. Mittelst eines langen, dünnen Stieles aus festem Holz
oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und
hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen.
Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Ränder
zweier ungefähr 2 dm langer Bambusstücke, die, an den gleichen
Stab zusammengebunden, gerade in die Öffnung passen; durch Hin-
und Herdrehen dieser Stäbe erhält der Kanal beinahe die gewünschte
Glätte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene
Blätter, die unter der Epidermis soviel Kieselsäurekristalle angehäuft
enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfühlen. Auf ähnliche
Weise wird die Aussenfläche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer
nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa
seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dünnen Bambusspähnen,
die an 2 Schnüren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen
Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese
scharfen Ränder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie
einen Tag lang um die Oberfläche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum
Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blättern wie
die Innenseite.
Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefähr den gleichen Durchmesser,
nur seine Länge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare
besitzen ein Mundstück aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes
Eisenstäbchen am andern Ende dient dazu, dem Schützen das Zielen
zu erleichtern.
Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen
werden, besitzen, je nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind,
eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft
wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme
(Eugeisonia tristis), verfertigt.
Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem
Ende ein kegelförmiges, sehr leichtes Holzstückchen. Ihre Spitze wird,
zum Töten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehärtet
und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen
mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine getötet werden,
so fügt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dünne
Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit
einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt,
jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen
ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom
Schafte leicht lösen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das
Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem
ringförmigen Einschnitt versieht.
Die Pfeile werden in grösserer Anzahl in einem besonderen Bambusköcher
(_telanga_, Fig. e und f) von ungefähr 9 cm Durchmesser aufbewahrt.
Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des
Köchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die Öffnung
etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstöpsel (am Kapuas,
Fig. e) oder mit einem runden, kegelförmigen, hölzernen Stöpsel (am
Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu können. Am Köcher wird ein oft
hübsch geschnitzter hölzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jäger,
wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten
Seite in ihr Lendentuch stecken.
In einem Köcher befinden sich ungefähr 24 Pfeile von verschiedener Form
und zwar sitzt jeder gesondert in einem dünnen Bambusbehälter (Fig. h),
damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschädigen. Da die
Pfeile und ihre Behälter viel kürzer als der _telanga_ selbst sind,
werden sie noch gesondert in Stückchen Fell (Fig. k) des grossen
Eichhörnchens oder des kleinen Hirsches gehüllt, an welchen sie
bequem hervorgeholt werden können. Durch verschiedene Farben oder
an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile
für grössere und kleinere Tiere.
Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Köcher noch mehrere Päckchen
(Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschäfte, deren noch stumpfe Spitzen
meistens bereits im Feuer gehärtet worden sind (Fig. m). Jedes
dieser Päckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen
Hülle. Der Köcher enthält ausserdem noch ein Stöckchen mit scharfer
Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hölzchen
steckt, welche hinten an die Pfeilschäfte befestigt werden. Die
Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hölzchen in einer
flaschenförmigen Kalabasse (Fig. o) mit hölzernem Stöpsel mit, die
sie an den Köcher hängen; da sie überdies auf dem Grunde des Köchers
immer ein bis mehrere Stücke Pfeilgift mitnehmen, können sie auch im
Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hängt noch
ein Bambusbehälter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen
stets mitgeführt werden.
Die Gifte, welche die Stämme von Mittel-Borneo für ihre Pfeile benützen
und durch welche unbedeutende Wunden oft tötlich wirken, sind sehr
verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten
von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bäumen
und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo;
ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_.
Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen,
welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito
und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt;
daher können die _tasem_-Gifte von allen Stämmen, die diese
Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden.
Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen
Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten
umherschwärmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stämmen
verkauft werden. können. Die _ipu_-Gifte werden nämlich, als die
wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden
Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, müssen
die Sammler oft weite Züge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine
gute Fundstelle für die betreffenden Pflanzen bilden die Wälder am
Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet.
Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind
in Mittel-Borneo nur den Jägerstämmen der Bukat und Punan oder deren
Abkömmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstämmen bekannt; daher
ist es nur unter besonders günstigen Umständen möglich, sich Pfeilgifte
von bekannter Herkunft und die dazu gehörigen Pflanzen zu verschaffen.
Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in
den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der _ipu_-Gifte
und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise
1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten
und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in
vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im
Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und
die Blätter der _ipu_-Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten
und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht
gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_
im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten
Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52)
veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten
angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem
und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume
anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der _tasem_-Baum
erreicht eine bedeutende Grösse, der _tasem telang_ dagegen wird
nicht über 1 dm dick.
Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast
einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten
eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis
zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift
wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von _gambir
utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere,
oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke (_ligan_,
Fig. r) verwendet werden.
Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen
Körbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgeführt und vor
dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig
werden zu lassen.
Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit
intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile
fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris
toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin
und Brucin; Upaïn, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft
von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und
_Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde;
ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen
verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden
Pfeilgiften enthalten ist, fehlte.
Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris
vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden;
der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle.
Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschäumenden Säure nimmt
Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich
auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (höchst wahrscheinlich
Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in
viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich
in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane
_aka kia_ nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische
Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten.
Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet:
_ipu tana_ eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse;
_ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt;
_ipu aka_ eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde,
teilweise auch steinharte Masse;
_ipu seluwang_ einen zähen, schwarzen Extrakt.
Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie
enthalten sämmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch
Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften.
Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die
Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben
bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht
nur der Bast, sondern hauptsächlich auch das Holz erwiesen sich als
strychninreich, während das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch
noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_
und _ipu seluwang_ oder die dazu gehörigen Holzproben aus Versehen
verwechselt worden sind.
Da bei _ipu kajo_ hauptsächlich in den Holzteilen viel Strychnin
gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung
dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz
verwendet wird.
Man bereitet sämmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast,
vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt,
mit Wasser auszieht und die Lösung vorsichtig eindampft, bis sie eine
dicke, zähe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen
in den Palmblättern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht
man das Ende eines Stückchens _ipu_ über Wasserdampf und bestreicht
damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer
getrocknet werden. Den Wasserdampf lässt man durch die Öffnung eines
trichterförmig gewundenen Bananenblattes, das über ein Bambusgefäss
mit kochendem Wasser gestülpt worden, hindurchstreichen.
Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins übereinstimmt,
davon überzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht
sogleich tötlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der
Seite, die Zunge aus dem Maule hängend und litt, wie die schnellen,
kurzen Atemzüge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich
spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Körper streckte;
sie wechselten mit tonischen Krämpfen. Erschütterte man das eine Ende
des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden
die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Höhe aufsprang;
er gab dabei keinen Laut von sich.
Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den
grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so
lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. Übrigens sind auch
viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse
Tiere, für die die Wunde niemals sofort tötlich ist und die auch
durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten
daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstände zurückzulegen,
was den Jägern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in
der Nähe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blättern,
Ästen und Gestrüpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist.
Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht
eine Ablenkung, hauptsächlich auf freier Fläche bei Wind.
Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen
mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte;
die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben,
die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand,
aber die Treffsicherheit liess viel zu wünschen übrig und war mit
derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Für
die Jägerstämme jedoch, die in den fast windstillen Wäldern leben,
bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier
abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch
Menschen gegenüber gut zu bedienen verstehen.
Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte länglich
viereckige Form mit dreieckiger Verlängerung nach oben und unten. Die
mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare,
die bisweilen nach Europa ausgeführt werden, traf ich bei den Stämmen
von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zügen stets
einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die
in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnüren
verstärkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige,
eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz für die an der
Rückseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenfläche
befestigt wurde.
Die einfachen Schilde werden nie mit Haar verziert; dies geschieht
nur mit den bemalten Schilden, die daher _klebit bok_ (Haarschild)
genannt werden. Gegenwärtig wird am Kapuas nicht mehr das Haar
erschlagener Feinde als Zierat gebraucht, auch ist es verboten, als
Waffenverzierung Menschenhaar aus dem eigenen Stamm zu verwenden. Das
Haar für die Schilde wird jetzt hauptsächlich von den Taman Dajak
gekauft, die mit ihrem eigenen Haar Handel treiben. Für die Schwerter
benützt man vielfach eingeführte, gefärbte Tierhaare.
Nur die Punan und Bukat gebrauchten ursprünglich und zum Teil auch
noch jetzt keine Schilde.