13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter während
des ersten Lebensjahres des Kindes trug.
14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind
geholt wurde.
Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen
der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um
die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens
beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst
fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum
Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat,
stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in
unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen
will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines
unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die
Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem
Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs
ernsteste bedrohten.
Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen
nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse,
die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr
grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist
mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen
und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen
Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der
geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten
geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte
ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges
erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am
Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch
mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin
von Tandjong Karang, _Usun_, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich
in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt
hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin
kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer
zu gedenken.
_Usun_ gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die
den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und
der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan
war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister,
somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes
Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre
Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten
waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer
ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher
nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus
nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl
und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste
daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht
hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen,
um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken
schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch
wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden
von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener
zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die
übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen.
Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in _Usuns_ Seele eine sehr
entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung
und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für
meine Person.
Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart,
dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle
Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_,
die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus
und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie
und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene
Seelenangst stets auch etwas bekam.
In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten,
die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem
Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen
Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_
Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde
noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so
hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie
bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte
von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz--die
Rechnung blieb später nicht aus.
Tagsüber liess _Usun_ ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters
beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden
Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen.
Der pekuniäre Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer
priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz
ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass
mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden,
von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte.
Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein
Munde der alten _Usun_ vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen.
_Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen_.
Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese
Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr
kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie
eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo
parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein
Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe
(_barang hulo_), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit),
wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f.,
bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm.
Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die
auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus
dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde
nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der
grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest
verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher
als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als
ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines
Bananenstammes u.s.f.
Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen
Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten
entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum Pè (Flüsse im Apu
Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse
von Borneo.
Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die
verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_
und _bulu tan_; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde
liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim
Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Hütte verwendet). Schliesslich
erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon;
-kudjo; -ngelawáto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_,
die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden.
Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der
Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte,
wodurch dieser sehr gross wurde.
Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era
Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen
Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der
Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass,
fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die
Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches
Wesen, _Kelower Ga-aï_ (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor,
dem aber Arme und Beine fehlten.
Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch
derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen.
Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes:
_Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_
konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls
zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen
(_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen
Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_.
Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange
Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei
Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptsächlich die Erde und
ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter
des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich:
Frauen: Männer:
_Usun Keten Apui_ _Bang Alang Tui_
_Usun Keten Apui Lawan_ _Bang Alweg Lawar_
_Hanja Ata Tere_ _Bang A lang Nje_
_Hanja Ata Tujan_ ...
_Husun Djulu Djele_ _Jok Une_
... _Hang Pidang Le_
ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel
stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond;
_Kamat_ = Vollmond und _Penjeröm Döm_ = dunkler Mond.
_Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darüber zu
entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave
werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze
zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche
sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit
einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges
zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen.
Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern
unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im
Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein
glückliches Dasein geniessen.
Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch
und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei
Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte
aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden
über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute
mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine,
Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die
Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_,
Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_
auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring
Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben,
begannen diese zu sprechen.
Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden
und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus
vergänglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen.