Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung
des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawat_)--Verpflegung
des Kindes--Erste Namengebung--Zweite
Namengebung--Namenänderungen--Das Kind bis zur Pubertät--Junge
Männer und Mädchen--Tätowierung--_utang_--Künstliche
Verunstaltungen--Beschäftigungen und Verkehr der
jungen Leute--Mahlzeiten--Beirat--Stellung von Mann und
Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden.
Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich
seine künftigen Eltern zahlreichen Vorschriften der _adat_ zu
unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere töten und keine zu jungen
Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des
Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Früchten
und Gemüsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hüten, während
des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt.
Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die
Jagd gehen, keine Pfähle einrammen und keine jungen Fische essen. Um
die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann während der
Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei
Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstück
herzustellen.
In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer
gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre
Körperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie
zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (_djat butit_).
Bei der Entbindung dürfen nur Frauen zugegen sein. Die Männer werden
schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen
auch alle eisernen und schneidenden Gegenstände--wahrscheinlich um
die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender
Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der
Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch,
nachdem er in einer Entfermung von 4 cm vom Kinde unterbunden worden
ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes
Familienstück pietätvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald
geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen.
Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt,
verläuft eine Entbindung gewöhnlich normal. Die Geburtshelferinnen
sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage öder bei Blutungen
Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebräuchlich. Als
grosse Merkwürdigkeit wurde mir erzählt, dass eine Frau aus Pagong
einst den prolabierten Uterus einer Wöchnerin mit gutem Erfolge
zurückgestülpt hatte.
Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische
Endometritides und Lises, können jedoch dem Verlauf der Geburt eine
ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede
Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Berücksichtigt man,
dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles
Begräbniss und glückliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist
die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen,
begreiflich. (Näheres f. Kap.).
Tot- und Frühgeburten sind so häufig, dass die Frauen nicht wissen,
wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem
siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen
Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine häufige Erscheinung,
aber nur als Folge von Krankheit. Für künstliche Fruchtabtreibung
besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die übrigen Dajak,
im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel.
Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder böse
Träume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde
aus; es wird aber häufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen
und erzogen.
Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrläppchen
von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstäbchen
durchstochen. Die Hölzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der
Öffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das
junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grösser die Öffnung wird,
desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fünf- bis sechsmonatliche
Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der
Ohrläppchen zu verhindern, ist den Müttern in der ersten Zeit verboten,
Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind.
Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen.
Gleich nach der Geburt erhält das Kind ein Armband (_leku lali =_
geweihtes Armband) aus _bua djele_, den hellbraunen und schwarzen
Früchten von Coix-Arten, welche auf die bösen Geister abschreckend
wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband
durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines
Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten
Armbänder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten
Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden
Verbotszeiten aber in einem Säckchen aus Kattun an das Kindertragbrett
gebunden (pag. 72).
Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen völlig nackt auf
einer mit Tüchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein
langes schmales Tuch, dessen Enden über einem Balken geknüpft werden,
dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch
bildet, schlafen legt.
Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktische
_hawat_, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe
völlig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten
Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trägt es die
Mutter mittelst zweier um die Schultern gehängter Schnüre liegend vor
sich auf der _hawat;_ ist das Kind grösser, so trägt es die Mutter
sitzend auf dem Rücken. Als weiche Unterlage für das Kind werden auf
den Boden der _hawat_ einige Tücher gelegt.
In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres
auf der _hawat_ verbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen
Seele (_bruwa_) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses ötters
als Aufenthaltsort wählt. Um nun eine ständige Verbindung mit dem
Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versäumen die Mütter niemals,
ihre Kleinen morgens und abends in innige Berührung mit der _hawat_
zu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine
Schlinge aus Lianenfasern, welche an der _hawat_ befestigt ist,
stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die
Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren
eigentlichen Wohnsitz zurückzukehren; eine längere Abwesenheit oder
ein gänzliches Fortbleiben der Seele hat nämlich Krankheit bzw. Tod
des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mit _njina_ bezeichnet. An
jeder _hawat_ hängen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar
sind sie alle an Häkchen aus dem Holz von Fruchtbäumen befestigt,
für die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen.
Verschiedene andere Gegenstände, welche ebenfalls an der _hawat_
angebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister für das Kind
günstig zu stimmen und die bösen zu vertreiben.
Wie an der _hawat_ auf nebenstehender Tafel zu sehen, hängt an ihrer
Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Päckchen; sie
werden _kawit_ (Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur
Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religiösen Zeremonie,
die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpäckchen
an der _hawat_ befestigt und hängen gelassen.
Neben diesen _kawit_ befinden sich fünf verschiedene Schalen von
Schnecken und Seetieren, die alle an Schnüren mit Perlenverzierungen
hängen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung böser Geister
bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bündel _blehiding_, der
Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee.
Die zwei in der Mitte an der _hawat_ hängenden Läppchen stellen die
ersten Kleidungsstücke des Kindes vor.
An der zweiten, über der ersten hängenden Schnur sind, als Lockmittel
sowohl für die Seele des Kindes als für die guten Geister, an
Perlenschnüren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knöpfe und ein
europäischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe
kleiner Geschenke (_usut)_, bestehend aus kleinen Schnüren aus
Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen
besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen.
An der gleichen Schnur hängen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr böser
Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblättern
(_tika_) geflochtene Streifchen (pag. 74).
Endlich werden an die _hawat_ auch noch die vorhin erwähnten geweihten
Armbänder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf
der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung,
ablegt, gebunden.
Die Kajan freuen sich über die Geburt von Mädchen mehr als über die
von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder
weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen häufig während ihres
ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn
ins Haus.
Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit
Muttermilch genährt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine
andere Frau. Aus Gesundheitsrücksichten ist der Stillenden nur weich
gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht
geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen.
Die ersten zehn Tage ist der Wöchnerin jede Arbeit verboten; dann
beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege
des Kleinen zu beschäftigen.
Wöchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen
Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf,
solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den
Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank
werden könnte; als Warnungszeichen hängen zwei gekreuzte Holzstückchen
vor der Tür. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfältig in ein
Tuch gewickelt und in einem Bambusbehälter aufbewahrt; er bildet
mit den Gerätschaften, die zum Durchstechen der Ohrläppchen und
Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil des
_legén_, einer Sammlung aller Gegenstände, die im Leben des Kajan eine
Rolle gespielt haben. Das _legén_ wird nach dem Tode des Besitzers
unter dem Wohnungsdache verborgen und als _lalí_ (geweiht) seinem
Schicksal überlassen. (Siehe Kap. VI).
In den ersten Monaten dürfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem
Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die für die
unbekleideten Wichte nur zuträglich sein kann.
Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs
Reisfeld; während dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die
Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft
aufhört. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde
etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben.
Die Mutter muss sich, hauptsächlich während des ersten Monats,
solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe
von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen
und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch dürfen Mutter und Kind
keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Für die Ausstattung
der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst
die hängende Decke aus Palmblättern über dem Schlafplatz muss bereits
gedient haben. Weiter verlangt die _adat_, dass bei jeder Mahlzeit dem
Kinde etwas Speise auf dem _uwit lali_ (geweihten Teller) gespendet
werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets für kurze
Zeit entfernen.
Auch die Väter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene
Vorschriften zu befolgen, sie dürfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht
weit vom Hause entfernen.
Um ihr Kind vor bösen Geistern zu schützen, trägt die Mutter
verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blättern
einer Pandanusart, an denen _long_, Stückchen des Wurzelstockes
von _daun long_ (Aroïdeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze
gilt als sicherstes Schreckmittel gegen böse Geister. Um den Hals
trägt sie eine Kette aus den Früchten von drei Pflanzen (Coix-Arten)
und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem
Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des
Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bündel _plehiding_ mit,
dessen unangenehmer Geruch die bösen Geister in die Flucht schlägt.
Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des
Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen
erhält das Kind erst bei dem nächsten _dangei_ (Neujahrsfeste). Ein
namenloses Kind heisst _hapang;_ stirbt es, so wird ihm nicht
öffentlich nachgetrauert.
Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit;
die Mutter darf jetzt ihre früheren Tätigkeiten, wie z.B. das
Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfür
flicht sie einen Streifen, der an die _hawat_ gebunden wird.
Man findet bei allen Stämmen von Mittel-Borneo die Eigentümlichkeit,
dass sie Fremde nur mit Angst in die Nähe kleiner Kinder kommen sehen;
bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt,
ein Kind anrühren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan
bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der
sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (_usut_) von Perlen oder
etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die Überzeugung
zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung
erschreckt worden ist, durch etwas Schönes wiederum beruhigt werden
muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind
wird krank.
Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priester ein
Opfer von Schweinen und Hühnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird
bei fröhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf
bringt man den jungen Weltbürger in die Wohnung des Häuptlings. Die
sehr schlicht gekleidete Mutter trägt auf dem Kopfe einen schmucklosen
und mit _kawit_ versehenen Hut, _haung lali_ (geweihter Hut); in der
Hand hält sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefäss mit Wasser,
in dem von dem Häuptling die Füsse des Kindes gebadet werden. Das
Kind erhält hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll.
Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen kürzlich verstorbener
Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen
und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden könnte. Gewöhnlich
nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit
verstorbenen Verwandten.
Leidet ein Kind öfters an Krankheit, so verändert man seinen Namen,
sobald es ihm wieder besser geht, um die bösen Geister, die es so
häufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten.
Einige allgemeine Bemerkungen über Namengebung und Namenänderung bei
den Bahau mögen hier eingeflochten werden.
Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte
Person bezeichnen, so fügt man ihrem eigenen Namen denjenigen von
Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierüber ist mir nicht
bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name
des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der
Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode.
Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer
Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen
Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater
der Kehad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei
Kehad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei
Kehad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall:
Amun (Vater) Bang bzw. Kehad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kehad;
am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kehad.
Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder
ihren früheren Namen an; so wurde der Kenjahäuptling Taman Kuling (=
Vater der Kuling) nach dem Tode seiner Tochter Kuling wieder Djalong
genannt und zwar mit dem Beinamen "Bui", der die gleiche Bedeutung wie
"Ujung" (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat.
Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte
Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden,
angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebräuchlich:
Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja;
Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau;
Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung,
wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat,
wenn ein jüngerer Bruder oder eine jüngere Schwester gestorben ist,
z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein älterer Bruder oder eine ältere
Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu.
Für die gleichen Familienverhältnisse findet man bei den verschiedenen
Stämmen verschiedene Bezeichnungen.
Sobald Männer und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem
eigentlichen Namen die Bezeichnung "Bo", z.B. Bo Belarè, Bo Uniang.
Eigentümlicher Weise erhalten besonders vornehme Häuptlinge nach ihrem
Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet
diese Namenänderungen mit "_gelön_". So nannte man am Mahakam den
Long-Glathäuptling Ding nach seinem Tode Bo Kulè und seinen Sohn Ngau
nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem
Häuptling Kwing Irang, unter dessen Anführung sie vor 150 Jahren an
den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Melön.
Nach der zweiten Namengebung dürfen die Kinder schön gekleidet
werden, auch geniessen sie bis zur Pubertät das Vorrecht, den
zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche für Erwachsene bestehen,
nicht unterworfen zu sein. Sie dürfen z.B. Hirsche, graue Affen,
Schlangen und Nashornvögel essen; auch werden ihnen bei religiösen
Festen keine Beschränkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht
die Wimpern und Augenbrauen zur Verschönerung ausziehen zu lassen,
kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit.
Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel
Liebe. Sobald die Sprösslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen
sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche
Zuneigung wird von den Kindern übrigens erwidert und es ist auffallend,
wie selten sie zu Züchtigungen Anlass geben; man hört sie eigentlich
nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten
die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlägen oder
einer Strafrede wohl auch für angebracht. In einigen Fällen, die
ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der
Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck
der Kleinen.
Schon die 1 1/2-2 jährigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen,
gewöhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die
Mädchen das Röckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstücke
fair unnützen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams
Kostüm vor.
Die Hauptbeschäftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im
Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten;
den Kampf in zwei Parteien üben sie nur in der Art, dass sie sich
gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel,
Blasrohrschiessen und ähnlichen Vergnügungen widmen sich die Knaben,
im Gegensatz zu den erwachsenen Männern, auch ausserhalb der Zeit der
Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten
Flusssteinen nach Erdgruben.
Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend;
die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel
hervorzugehen.
In den ersten Jahren spielen Knaben und Mädchen zusammen; später
unterhalten sich die Mädchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon
früh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten
sehr kleiner Kinder benutzt zu werden.
Weder Knaben noch Mädchen erhalten einen systematischen Unterricht in
irgend einem Fache. Während diese allmählich den Haushalt besorgen
lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen
beim Bau von Böten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten,
mit denen sich die Männer beschäftigen.
Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Haupttätigkeit ihrer Eltern,
beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmählich
eine gewisse Fertigkeit zu erlangen.
Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder
nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstände, wie
Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein
Hindernis bilden.
Die Pubertät tritt bei den Mädchen ungefähr mit zwölf Jahren, bei den
Knaben etwas später ein und bringt in ihre Lebensverhältnisse wichtige
Veränderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche die
_adat_ den Erwachsenen auferlegt, hauptsächlich Verbotsbestimmungen
bezüglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner
beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen
und Verbildungen des Körpers zu schmücken.
Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezähne vorn hohl ausfeilen;
einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte
durch die Zähne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwärzen der
Zähne und dem Betelkauen an.
Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mädchen die
eigentliche Tätowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur
einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm
ausführen; die übrigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch
weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer
Tapferkeit geliefert haben.
Für die Frauen bildet die Tätowiersitte eine wahre Marter, der sie sich
aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen
am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand,
den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrücken mit
prachtvollen Tätowiermustern bedecken. Die tätowierten Teile erscheinen
wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz überzogen.
In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft künstlerisch
schönen Muster, man erhält dann den. Eindruck, als trügen die Frauen
blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren
auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln
besonders schön hervor.
Die jungen Männer haben zwar durch die Tätowierung; weil sie bei
ihnen nur in beschränktem Masse ausgeführt wird, viel weniger als
die Frauen zu leiden, dafür müssen sie sich aber, um ihre volle
Männlichkeit zu erlangen, einer anderen Prüfung unterwerfen,
nämlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation
wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen
zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer
gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenüber an
den erforderlichen Stellen Öffnungen, durch welche man, nachdem
die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen
Stift hindurchpresst; früher benutzte man hierfür ein zugespitztes
Bambushölzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer
Schnur befestigte Stift in der Öffnung gelassen, bis der Kanal verheilt
ist. Später wird der kupferne Stift (_utang_) durch einen anderen,
meist durch einen zinnernen, ersetzt, der ständig getragen wird,
nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen
macht der metallene Stift einem hölzernen Platz.
Besonders tapfere Männer geniessen mit dem Häuptling das Vorrecht,
um den penis einen Ring tragen zu dürfen, der aus den Schuppen des
Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist;
bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen
zweiten durch die glans bohren.
Ausser den Kajan selbst, üben auch viele Malaien vom oberen Kapuas
diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr
heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich
bis zur Genesung oft ein Monat vergeht.
Mit den Genitalien der Frauen werden keine Veränderungen vorgenommen.
Die jungen Männer lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit
gegen Schmerz zu beweisen, Stückchen Damaraharz auf der Haut
verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentümliche runde Narben;
sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im
Durchmesser bis zu 1 cm.
Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre
Kleidung und auf ihr sonstiges Äussere zu verwenden; die jungen Mädchen
ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Körper aus; die jungen
Männer entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII).
Auch mit dem Erlernen der Künste fangen Männer und Frauen erst
nach der Pubertät an; diese legen sich auf das Flechten von Matten
und das Ausführen von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und
Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern für Verzierungen aller
Art u.s.w.
Gleichzeitig mit den körperlichen Veränderungen, welche mit beiden
heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wächst auch ihr
Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von
Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten
in Anspruch; die Mädchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgürtel
und Zierate für die Schwertscheiden und führen auf Palmblättern
Stickereien für Hüte und kleine Gegenstände aus; die Männer erwidern
die Geschenke mit schön geschnitzten Bambusgefässen, Flöten, Rudern und
Messergriffen, oder sie schneiden den Mädchen aus Zeug hübsche Figuren
als Belege für Hüte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit,
bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glänzen. Geld oder
Wertgegenstände schenken sie sich nur selten.
Die erwachsenen jungen Mädchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um
aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen
zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Für die erwachsenen
jungen Männer dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern
verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln
oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stämmen zu
unternehmen.
Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stämmen
von einem lebhaften Arbeitsdrang erfüllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht
nur mir, sondern auch _Akam Igau_ auf, denn er bemerkte mir gegenüber,
dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied
von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr
auf sich zögen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht
würden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stämmen ist
allerdings auffallend.
Für die Frauen bildet das Reisstampfen (_tepa_) die wichtigste der
häuslichen Arbeiten; Männer nehmen nur selten an ihr Teil. Gewöhnlich
stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des
Reisblockes (_lesong)_, welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den
Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und
schieben den bespelzten Reis mit den Füssen allmählich in das Loch; bei
anderen Stämmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und
gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der
Reis wird öfters zweimal gestampft; die Körner bleiben dabei heil
und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit.
Ausgenommen vor grösseren Unternehmungen, wird des Reis nur in
kleinen Mengen für einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am
beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn;
die groben Arten werden an die Händler verkauft. Es werden viele
verschiedene Arten und Varietäten des Reises gebaut. Ichselbst
beobachtete 18 Arten des gewöhnlichen Reises, _parei_ (Oryza sativa)
und 12 Arten von Klebreis, _púlut_ (Oryza sativa var. glutinosa).
Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der
Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Männer sehr gut mit dem
Kochtopf umzugehen.
_Kanen_, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit
das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt
gereicht.
Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewöhnlichen
Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder
wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmblätter und kochen
ihn in Wasser oder sie rösten ihn. Der geröstete und nachher zu
grobem Mehl gestampfte Klebreis wird _kertap_ genannt und bildet,
besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft,
einen geschätzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum
herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist
werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere
Schälchen oder hölzerne Teller (_uwit_) gegossen und mit einem
gefalteten Bananenblatt als Löffel gegessen. Falls ein Kessel nicht
vorhanden ist, werden die Fische geröstet.
Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch
zubereitet; der Bratprozess ist gänzlich unbekannt, obgleich das
hierfür geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als
Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hühner werden nur bei
religiösen Festmahlzeiten genossen, während Wild auch an gewöhnlichen
Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen
hinzugefügt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stückchen
nebenbei gereicht.
Als Würze für die Speisen dienen verschiedene essbare Blätter; am
beliebtesten sind die Blätter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die
jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl.
Für lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen,
nimmt man in Bambusgefässen oder in Palmblättern gerösteten Klebreis,
unverändert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang
aufbewahrt werden, ohne zu verderben.
Die Kajan essen in gewöhnlichen Zeiten zweimal täglich und zwar, je
nach Umständen, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach
der Heimkehr um vier oder fünf Uhr. Bei Nahrungsmangel oder wenn sie
still zu Hause sitzen, begnügen sie sich bisweilen mit einer einzigen
Mahlzeit gegen zwölf Uhr; bei Überfluss an Reis oder schwerer Arbeit
dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal täglich
Zufuhr.
Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben
einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet.
Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kenja, sehr mässig im Essen
und Trinken. Das tägliche Getränk besteht in Wasser und nur bei
grossen Versammlungen und Festen wird _tuwak_, gegohrener Reiswein,
getrunken. Die Stämme am Mendalam geniessen den Branntwein überhaupt
nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus
gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Töpfen
gähren lassen.
Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch
keinen _tuwak_ trinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau
das Getränk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kenja Uma-Tow,
zur Begrüssung bei öffentlichen Zusammenkünften öfters grosse Töpfe
_tuwak_ leeren sah.
Die Kenja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getränk;
ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der häufigere oder
seltenere Gebrauch derartiger Getränke scheint mit dem grösseren oder
geringeren Überfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen
Stämme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber
werden alkoholische Getränke weder bei den Bahau noch bei den Kenja
regelmässig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch
scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen,
die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden.
Eigentümlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevölkerung von
Mittel-Borneo schon längst bekannt, während das Betelkauen erst vor
kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustämmen eingeführt worden
ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei
der Küstenbevölkerung das grösste Genussmittel bildet.
Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr
durch die des Betelkauens verdrängt. Der Tabak, den sie hierzu
gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevölkerung auch
eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden
zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten.
Unter den Mahakamstämmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel
und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Männer und Frauen noch
ausschliesslich, während die jüngeren auch Betel kauen; die Pnihing,
bei denen nur das Rauchen gebräuchlich ist, bauen den Tabak selbst und
lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefässen
fest zusammengepresst aufbewahren, gähren. Auch bei den Kenja, die
nur das Rauchen kennen, legen sich Männer und Frauen von früher Jugend
an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks.
Erwähnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch
die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen
Genussmittel gelüstet; so beobachtete ich, dass Männer und Frauen,
hauptsächlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem
gelblichen oder rötlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer
bestand; sie nannten ihn _batu keröp_ oder_ tana keröp_.
Die jungen Männer und Mädchen geniessen bei den Kajan im Verkehr
mit einander die grösste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt
ihre gesellschaftliche Sitte an den männlichen Teil in moralischer
Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses
Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst
im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, überein. Die jungen Leute haben
daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und
sich selbst zu prüfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei
ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten
Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle
Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die
Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen,
aber meist mit schlechtem Erfolge.
Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen
die Sitte für ein ungestörtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten.
Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der
milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade genügend
erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmückt
sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen
Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine
besondere Zierde bilden schwarze Armbänder und Büschel Riechgras,
welche er am Kopf und an den Armen befestigt. Sein schönstes, oft
mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite,
mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jüngling zum Flusse,
wo er mit kräftigen Ruderschlägen den Kahn bald in die Nähe der
Harrenden bringt. Die gleichfalls schön gekleidete Geliebte steigt mit
wohlgefüllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende
des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht
mit dem Wurfnetz (_djala_) vorn im Kahn und schleudert es da, wo
er Fische vermutet, mit kräftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses
Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn-
oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch
grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmässig auf
die Wasserfläche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den
aufmerksamen Blicken der Schönen mit besonderer Anspannung ausgeführt
und, beim Fischreichtum dieser Gewässer, selten ohne Erfolg. So
treibt das Pärchen den Fluss hinunter; liefert der Fang genügend
Fische für eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine
leerstehende Hütte auf dem Reisfeld oder ein trautes Plätzchen unter
den hohen Uferbäumen das Endziel der Bootfahrt. Dort stört niemand die
Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit
des Mädchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern
im stande ist. Die weichen Töne der Nasenflöte geben dem Ganzen
einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese
klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, für die das sanfte
Gemüt der Kajan sehr empfänglich ist.
In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem
Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze
um die Niederlassungen der Kajan herumschwärmten, halten Freunde
nachts in der Nähe des Pärchens Wacht. Die Freunde helfen auch
später beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der
glückliche Jüngling zur Erinnerung an die schöne Nacht beim Häuschen
zurücklässt. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen
Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel für derartige Liebesfeste
mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfähle
aufrichten können. Eine derartige Unbeständigkeit der Gefühle wird
aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute
geniessen, von der öffentlichen Meinung streng gerügt.
Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Pärchen, lassen sich fischend
und kosend den Fluss abwärts treiben und kehren nicht vor dem folgenden
Mittag zurück.
Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten
günstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die
Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies
nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf
harte Probe gestellt.
So erlebte ich einst, dass ein jungen Mädchen, mit ebenso schönem
Äusseren als kräftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten
ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil
er für schwere Feldarbeit und den Bau von Böten noch keine genügende
Leistungsfähigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie
durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mühe, im Hause
der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten.
Bei allen Bahau herrscht nämlich die Sitte, dass der junge Gatte
zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei
bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner
Eltern übersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal
entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins
folgen. Eine Übertretung dieser Sitte gestattet die _adat_ dem jungen
Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der
einzige Sohn des Hauses ein Mädchen aus einer zahlreichen Familie
heiratet, kommen die Eltern oft überein, dass die Schwiegertochter
von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht.
Hie und da findet ein Pärchen in dem Zustand der jungen Frau,
bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine
etwas unerwünschte Hilfe für die Erlangung der Heiratszustimmung der
Eltern. Unter solchen Umständen wird das Verhältnis der jungen Leute
baldmöglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft
einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein
Mädchen sitzen lässt, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt
daher nur höchst selten vor und wird, wenn besondere Umstände eine
Heirat unmöglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern
der Verlassenen und den Häuptling gestraft.
Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch
am Mendalam, als die beiden Häuptlinge in Tandjong Karang und
Tandjong Kuda aus persönlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen
nicht gestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu
vermählen. Eines der Opfer, ein junges Mädchen, das ich gern hatte
und das früher häufig zu mir kam, um sich in meiner Hütte auszuruhen,
zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum
ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen,
obgleich ich mir alle Mühe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen;
auch später besuchte sie mich nur noch einige Male.
Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehören
Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten.
Obwohl Unverheiratete die grösste Freiheit geniessen und Verheirateten
viele Beschränkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan
auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Männer,
wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25
Jahren beinahe alle verheiratet; Mädchen verheiraten sich meist vor
dem zwanzigsten Jahr.
Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern über
die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern
bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die
Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehörige oder den Häuptling
vertreten.
Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch,
mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewöhnlich
zufrieden; reiche Häuptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu
bezahlen.
Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen
Häuptlingen am Mahakam vor, die sie kürzlich von den Malaien übernommen
haben.
Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander
eingehen, dem gleichen Stande angehören. Häuptlinge verlieren viel
an Ansehen, wenn sie sich mit gewöhnlichen Kajan verheiraten und ihre
Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich
jemals mit Leibeigenen verheirateten, hörte ich nie.
Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten,
sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den
gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher müssen
die wenigen Häuptlinge am Mendalam, die aus Standesrücksichten auf
Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung
eine Busse für die Übertretung der _adat_ bezahlen.
Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stämmen sind zwar
nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan
z.B. länger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu
vermischen. Die meisten fremden Männer einer Niederlassung gehören
verwandten Stämmen an und halten sich ihrer Heirat wegen für längere
oder kürzere Zeit dort auf.
Für die Heirat, insbesondere für die Zeit von der Hochzeit bis zu dem
folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen,
dass die Kajan, um diese lästige Periode abzukürzen, vorzugsweise
kurz vor diesem Feste heiraten.
Bei den gewöhnlichen Kajan verläuft eine Hochzeit sehr schlicht;
die Häuptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder
grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle
angesehenen Dorfbewohner beteiligen.
Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Bräutigam
durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat
vorher entfernt wurde, ist mit Grün und bunten Tüchern festlich
geschmückt und die Wände sind mit allem, was die Eltern der Braut
dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behängt. Die Freunde haben
denn auch das Recht, alles Schöne, das ihnen durch die Freigebigkeit
des Häuptlings und die Beiträge der Dorfgenossen angeboten wird,
mit sich heim zu nehmen.
Unter den Geschenken, die Braut und Bräutigam einander geben und
auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige
Rolle. Von dem Bräutigam erhält die Braut zuerst einen _taksa hawa_
(Gürtel für die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten
Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis;
ausserdem erhält sie noch eine besonders schöne Perle, die "_koho
guman" (kuman = essen)_.
Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (_dje)_, die
so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit
der Geber, einen höheren oder geringeren Wert besitzt.
Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des
Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hände der stärkeren
Persönlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene
Treue verlangt, auch für den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen
unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint übrigens selten
vorzukommen. Der Mann hat eine höhere Busse zu bezahlen als die Frau.
Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten
Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so
ist die öffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit
zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen,
so helfen ihm die Verwandten und Bekannten.
Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der überlebende Teil wieder
verheiraten will, muss er nach dem Gebot der _adat_ mindestens 1 1/2
Jahre warten; eine Übertretung erfordert Busse.
Daher hatte _Akam Igau_, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner
ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben
mit _Tipong_, der Schwester seines Schwiegersohnes _Sigau_, verheiratet
hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschädigung auszubezahlen. Die
Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong
Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Sühnung der Schuld zwanzig
Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare
alte Perle und ein Stück schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder,
wie man mir erklärte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen,
bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen.
In der Ehe herrscht Gütertrennung. Vater und Mutter sorgen
gemeinschaftlich für den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal
erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber
mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie
leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die
sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Tätowierkünstler, Priester
u.s.w. erwerben. Müssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun,
in grösseren Mengen von Händlern an Ort und Stelle gekauft oder von
der Küste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme
von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat
gebraucht jeder nach Bedürfnis. In allen derartigen Angelegenheiten
hat der Vater die Hauptstimme.
Kommen Eheleute überein, dass sie sich auf gutwillige Weise
trennen wollen, so behält bei der Scheidung jeder Teil sein
Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so
muss ihm der andere als Entschädigung sein Heiratsgut überlassen. Die
Kinder dürfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten
wollen; die kleinen folgen gewöhnlich der Mutter, meist stehen sie
aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss.
So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts
anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren
eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn
die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen
sie auseinander, so erben Söhne und Töchter gleich viel. Speziell
bei den Mendalam Kajan erben die Töchter mehr als die Söhne, mit der
Begründung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen können.
Die Familienerbstücke (_dawan una_) fallen gewöhnlich dein ältesten
Kinde zu; die übrigen Kinder werden durch andere Wertgegenstände
schadlos gehalten.
Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da
sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurück.
Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die
Angehörigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben.
Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele
des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel, _Apu Kesio_, über und jeder
beeilt sich, ihr alles für die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die
Vorbereitungen für das Begräbnis gewöhnlicher Kajan dauern zwei bis
drei Tage, für Häuptlinge bis zu acht Tagen.
Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und
mit schönen Kleidern geschmückt.
Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen
Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung
erhält der Tote eine altmodische Baumbastmütze. Den Schmuck,
den die Kajan im Jenseits tragen wollen, wählen sie sich schon bei
Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten
Qualität. (Näheres über Totenkleidung siehe Kap. VII).
Zur Besänftigung der bösen Geister, die sich der Leiche des
Verstorbenen bemächtigen könnten, versehen die Hinterbliebenen diese
in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten
alte Perlen mit, die Unbemittelteren begnügen sich mit neueren. Die
Perlen haben, je nach dem Körperteil auf dem sie angebracht werden,
verschiedene Namen:
_kali mata_, 2 × 4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen,
werden auf jedes Auge gelegt.
_kali pro_, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird.
_kali djela_, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird.
_kali lo-ong_, eine grössere Perle, die mitten auf den Leib gebunden
wird.
_usut usu_, Perlen, die um die Finger gebunden werden.
_tewel buwa awong to_, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird.
_usut tudak_, 2 × 4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden.
_aaset udjong halöbw_, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird.
Einem Häuptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hölzerner
_rimau_ oder _ledjo_ (Tiger) mitgegeben.
Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind
die Zeit über Gäste der Leidtragenden.
Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hälften
ausgehöhlter Baumstämme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die
Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht
verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrüsting, die dem Toten
ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird
der Sarg von Männern auf den Begräbnisplatz getragen und, je nach
dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt
oder auf ein hölzernes Gerüst gestellt, das oft mit einem schön
geschnitzen hölzernen Dache überdeckt wird. An die Bäume und Sträucher
ringsherum werden bunte Tücher und Wimpel gehängt und neben dem Sarge
werden die übrigen für den Aufenthalt in _Apu Kesio_ notwendigen
Gegenstände, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt;
es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefässe),
Kleidungsstücke, Hausgerät und dergleichen. Die kostbaren Gegenstände
werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch
Zerbrechen wertlos gemacht.
Wenn es sich um einen vornehmen Häuptling handelt, wird der Sarg in
einem _salong_, einem nach allen Seiten geschlossenen Häuschen aus
Eisenholz, beigesetzt. Der _salong_ ist oft mit künstlerisch schönen
Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In dem
_salong_ werden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt,
bis er gefüllt ist oder verfällt.
Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begräbnisplatz
getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir,
wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von
einem anderen auf dem Rücken zum Flusse getragen und in einem Boote
weggeführt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Männer wieder
zurück. Während die Bekannten beim Tode eines freien Kajan die Rolle
von Klageweibern übernehmen und das Weinen der Familie verstärken,
hatte für den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern
ertönen lassen.
Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen,
geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begräbnisses noch ist
ihnen, nach der Überzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein künftiges Leben
in _Apu Kesio_ beschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmörder,
Verunglückten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen
und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei
anderen Orten, wo sie mit ähnlichen Unglücklichen, wie sie selbst,
weiterleben müssen. Die Leichen dieser Armen flössen den Kajan Abscheu
ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein
besonderes Grauen erregen die Leichen von Wöchnerinnen; kein Mann und
keine jüngere Frau darf sie berühren; sie werden auch nicht durch die
Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung
einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in
Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhestätte geschleift.
Bei Begräbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben
sind, geben sowohl Männer als Frauen das letzte Geleite, letztere
müssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen.
Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des
Verschiedenen und dauert vierzehn bis fünfzig Tage.
Während der Trauerzeit ist es Besuchern von auswärts verboten,
die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim
Tode eines Häuptlings wird der ganze Mendalam für verboten (_lali_)
erklärt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles über den
Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen,
aber das _lali_ ist damit zu Ende.
Während der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck
getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse
Trauermütze mit hängenden Zipfeln auf. (Siehe Kap. VII).
Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit
wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes
das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen
Nähe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Hütte.
Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterin
eine _mela_ (siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hühner geopfert
und von den Hausgenossen und Gästen bei einem Festmahl verspeist
werden. Nach der _mela_ muss sich die Familie noch einen, Tag still
verhalten, _melo_, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die
Priesterin erhält für ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und
vier bis fünf mehr oder minder wertvolle Perlen.
In früheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter
Schädel oder irgend ein anderer menschlicher Körperteil erforderlich
gewesen, der, wenn es Häuptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden
(_ajo_) erlangt wurde. Gegenwärtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas
überhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schädel werden
nur noch in besonders ernsten Fällen bei benachbarten Stämmen geliehen;
in der Regel begnügt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr
wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein
Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins
Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Häuptlinge sich Diener halten,
wurden begreiflicherweise auch nur für diese Köpfe gejagt.
Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines
Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich
oder in früheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich während
meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kenja nie ermitteln können. Ich
glaube mit Sicherheit erklären zu können, dass die _adat_ diese
Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das
Schlachtopfer auf dem Häuptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie
dies die Stämme am Barito und Kahájan und die Batang-Lupar noch jetzt
zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern
und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet,
sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise,
im Jahre 1893 am Mahakam, als _Bang Jok_, ein Häuptling in Long Deho,
beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines Vaters _Jok Bang_, einen
Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch
Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht getötet werden.
Wir sehen somit, dass die Religion bei den Kajan am Kapuas auch
früher nur beim Tode des Häuptlings die Opferung eines Menschen
erforderte und dass gegenwärtig eine Erinnerung an diesen Brauch
genügt. Dagegen besteht noch jetzt bei ihnen die Sitte, die Schädel
ihrer erschlagenen Feinde aufzubewahren; man findet daher in einigen
ihrer Häuser, besonders aus früheren Zeiten, derartige Trophäen
in grosser Zahl. Trotzdem bei den friedliebenden Bahau Tapferkeit
und Stärke nicht zu den geschätztesten Eigenschaften gehören (Siehe
f. Kap. Schöpfungsgeschichte: die Stärksten und Gewandtesten werden
zu Sklaven), ist es doch für Häuptlingssöhne wünschenswert, wenn
auch nicht unerlässlich, dass sie irgend welche Beweise ihres Mutes
liefern. Daher hat sich jetzt noch die Sitte bei ihnen erhalten,
dass erwachsene Häuptlingssöhne die Gelegenheit, die sich ihnen
bietet, eine gefahrvolle Reise zu unternehmen oder einen Menschen
zu töten, wahrnehmen. Selbst das Töten gekaufter alter Frauen wird
nicht verschmäht; denn das Vergiessen von Menschenblut an und für
sich sehen die Bahau schon als eine mutvolle Tat an, eine Auffassung,
die mit ihrem furchtsamen Charakter völlig übereinstimmt. Auch suchen
die jungen Häuptlinge stets auf eine für sie selbst ungefährliche
Weise ihr Opfer zu treffen. Besonders geeignet zur Erbeutung eines
Kopfes sind Handelszüge, hauptsächlich die zu den im Norden wohnenden
nichtverwandten Stämmen; hierauf beruht auch die alte Feindschaft
der Bahau mit den Batang-Luparstämmen am mittleren und unteren
Batang-Rèdjang.
In früheren Zeiten unternahmen die Bahau auch Züge zu dem alleinigen
Zwecke, Köpfe zu erbeuten; sie jagten hauptsächlich bei ihren Feinden
am oberen Kahájan und Miri oder Mengiri, die sie früher aus dein
Gebiet des oberen Mahakam vertrieben hatten.
Bei den Mendalam Kajan können Kopfjagden seit langer Zeit nicht mehr
stattgefunden haben; am oberen Mahakam haben die Kajan am Blu-u ihre
letzte Kopfjagd vor 13 Jahren am Kahájan unternommen. Obgleich sich
nur 15 Mann an dem Unternehmen beteiligten und keine Köpfe, sondern
nur ein Gefangener erbeutet wurden, betrachtete man diesen Zug doch
als einen richtigen Kriegszug. Der gefangene Kahájan Dajak lebte noch
bei meiner Ankunft am Blu-u, war mit einer der hübschesten Sklavinnen
verheiratet und besass vier Kinder. Ein anderer Sklave, _Sorong_, trug
auf seinen Waden eine Ot-Danom Tätowierung und war augenscheinlich in
beinahe erwachsenem Alter erbeutet worden; er was Vater von elf Knaben,
besass als Ratgeber des Häuptlings _Kwing Irang_ eine bevorrechtete
Stellung und war durch seinen Handel zu Wohlstand gelangt.
Da Kopfjagden unter grossen Anstrengungen und Entbehrungen mit viel
Vorsicht unternommen werden und viele Monate, bisweilen ein ganzes
Jahr, dauern, Arbeitskräfte in einem Dorfe in der Regel aber nicht
entbehrt werden können, ist es begreiflich, dass sie nur selten
stattfinden.
Bemerkenswerter Weise trifft man weder bei den Bahaustämmen am Kapuas
noch am Mahakam auf der Galerie ihrer Häuser die Schädeltrophäen,
die den Eintretenden an anderen Orten so unangenehm berühren. Auch
in den vier Niederlassungen der Bahau am Mendalam und in denen
der Kajan, Long-Glat, Ma-Suling und anderer Stämme unterhalb der
Mahakamfälle bemerkte ich keine Schädel. Nur in der Niederlassung des
Pnihinghäuptlings _Belarè_, der selbst halber Punan ist und dessen
Stamm wahrscheinlich nicht zu den Bahau gehört, fand ich Schädel
hängen. Indessen besitzen auch alle anderen Häuptlinge Schädel,
sie bewahren sie aber an einem Ort, wo sie nicht sogleich ins Auge
fallen. So bemerkte ich einen Teil eines Schädels in Batu Sala,
einer Long-Glat Niederlassung, an der Aussenwand des Hauses, er war
aber hinter einem Büschel Palmblätter kaum sichtbar.
Bahau und Kenja trocknen die Köpfe über dem Feuer, ohne die
Fleischteile von den Schädeln zu entfernen; auch werden diese nie
mit Figuren verziert.
Ich glaube die Tatsache, dass die Bahau keine Schädel auf die
Galerie hängen, dem Umstande zuschreiben zu können, dass ihnen die
Schädel selbst Abscheu und Angst einflössen. Sogar sehr alte Männer,
denen die _adat_ die geweihtesten Dinge zu berühren gestattet, fassen
einen Schädel nur sehr ungern an. Als Beweis für diese Auffassung mag
auch das folgende Begebnis dienen, das ich selbst am oberen Mahakam
erlebte. Dort war nämlich das alte Haus der Ma-Suling am Merasè
so baufällig geworden, dass der Stamm sich einen neuen Wohnplatz
suchen musste. Aller Besitz und die noch brauchbaren Materialien
wurden mitgenommen, nur die Schädel wagte man nicht aus dem alten
Hause zu entfernen. Man rief daher den Pnihinghäuptling _Belarè_ zu
Hilfe, der die Schädel vorläufig in einer Hütte vor dem alten Hause
unterbrachte und selbst als Belohnung für seine Mühe die Hälfte der
Schädel mitnahm, um seine Galerie mit ihnen zu verzieren, was ihm
sehr zu statten kam, da ihm bei der Brandschatzung seines Hauses im
Jahre 1885 seine eigenen Trophäen verloren gegangen waren. Dieses
geschah im Jahre 1897 und noch im Jahre 1900 standen die Schädel
auf dem inzwischen verwilderten Platze vor dem verfallenen Hause,
wo wilde Rinder, Hirsche und Schweine den ganzen Boden aufgewühlt
hatten. _Belarè_ sollte damals noch einmal kommen, um die Schädel in
dem inzwischen vollendeten Hause der Ma-Suling aufzuhängen.
Die Schädel, die man bei den Stämmen in Mittel-Borneo antrifft, sind
so verschiedenen und unsicheren Ursprungs, dass es keinen Wert hat,
sie aus anthropologischem Interesse anzukaufen. Wie aus Obenstehendem
hervorgeht, werden Schädel auf Kopfjagden erbeutet oder gekauft
oder als Belohnung oder aus weit entfernten Gebieten als Geschenk
erhalten. Der Sultan von Kutei schenkte z.B. dem Häuptling _Kwing
Irang_ zwei Köpfe, die im Gebiete des unteren Bulungan erbeutet worden
waren. Bedenkt man, dass die Kopfjäger in ihrer Eile und Erregung oft
nicht wissen, wessen Kopf sie eigentlich erbeutet haben, so nimmt es
nicht Wunder, dass die Besitzer der Schädel selbst nicht immer angeben
können, von wo oder von welchem Stamme diese herrühren; ausserdem
teilen die Bahau den Fremden, aus Furcht vor Rache, nicht gern mit,
auf welche Weise sie zu ihren Schädeln gelangt sind.