Religiöse Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Götter--Einteilung
des Weltalls--Gute und böse Geister--Seelen der Bahau--Charakter
und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere,
Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklärung der _pemali_--Priester
und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der
_dajung_--Erklärung der _mela_--Das Ei als Opfergabe.
Um die Höhe der geistigen Entwicklung und die Eigenart eines Volkes
beurteilen zu können, muss man vor allen Dingen die Vorstellungen
kennen lernen, die dieses sich von seiner Stellung gegenüber
der umgebenden Natur bildet. In höherem oder geringerem Masse
sind diese Vorstellungen, die wir als Religion bezeichnen, jedem
denkenden Wesen eigen. Je widerstandsfähiger ein Volk sich seiner
Umgebung gegenüber fühlt, desto verschiedener und erhabener wird es
sich ihr gegenüber vorkommen. Ein Volk gewinnt aber nur dann eine
gewisse Furchtlosigkeit und Unabhängigkeit gegenüber den auf sein
Dasein einwirkenden Naturkräften, wenn es bewusst oder unbewusst so
viel Kenntnis von der Natur erlangt, dass es sein Leben mit deren
Forderungen in Übereinstimmung zu bringen im stande ist.
Berücksichtigen wir, dass die Bahau und Kenja von Borneo
ackerbautreibende Stämme sind, deren Lebensunterhalt von der Witterung
und anderen sichtbaren Naturänderungen unmittelbar abhängig ist,
dass ausserdem die schädlichen Einflüsse des Klimas ihr körperliches
Befinden durch Krankheit so stark beeinträchtigen, dass sie an Zahl
wenig zunehmen, so kann es uns nicht wundern, in den religiösen
Überzeugungen dieser Stämme das Gefühl der Abhängigkeit von der
sie umgebenden Natur stark ausgeprägt zu finden. In der Tat ist die
Stellung, die sich die Bewohner von Mittel-Borneo im Reiche der Natur
anweisen, eine sehr bescheidene; denn sie kommen sich selbst von
den Pflanzen, Tieren und Gesteinen ihrer Umgebung nicht wesentlich,
sondern nur graduell, verschieden vor.
Charakteristischer Weise schreiben die Bahau nicht mir sich selbst,
sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen den Besitz von
Seelen (_bruwa_) zu. Nach ihrer Auffassung reagieren die Seelen eines
Baumes, eines Hundes oder eines Felsens auf dieselbe Art wie die eines
Menschen, sie werden von denselben Empfindungen der Lust und Unlust
bewegt. Daher suchen die Bahau die erzürnten Seelen der Tiere, Pflanzen
und Steine, welche sie zu verletzen oder zu vernichten gezwungen sind,
durch Opfer zu besänftigen; im übrigen aber empfinden sie vor ihnen
keine besondere Angst. Die Wirkungen der Naturkräfte erscheinen ihnen
dagegen für das Wohl und Wehe des Menschen viel bedeutungsvoller und
auch gefährlicher.
Die wahren Ursachen von Donner, Blitz, Regen und Wind nicht kennend
stellen sich die Bahau diese als. Äusserungen von Wesen oder Geistern
(_to_) vor, die zwar mächtiger sind als sie selbst, sonst aber
Angenehmes und Unangenehmes auf die gleiche Weise wie die Menschen
empfinden. Die Geister können daher einerseits durch Geschenke und
Opfer von lebenden oder toten Wertgegenständen günstig gestimmt werden,
andererseits durch diejenigen Dinge, die auch den Menschen Abscheu
und Angst einflössen, in die Flucht geschlagen werden. Ich beobachtete
einige Male, dass der Sohn _Kwing Irangs_, des Häuptlings der Mahakam
Kajan, bei heftigem Sturme aus dem Hause stürzte und, um den Geistern
zu imponieren und sie gleichzeitig zu besänftigen, das erste beste
Tier, das ihm in den Weg kam, einmal ein Schwein, einmal ein Huhn,
mit Schwertschlägen tötete. Ein anderes Mal stürzte ein Mann, in der
einen Hand ein gezogenes Schwert in der andern einen Schädel haltend,
während eines Sturmes aus dem Hause, um den Sturmgeist in die Flucht
zu schlagen.
Auch durch Schreien suchen die Bahau die Wind- und Regengeister zu
vertreiben; hilft dieses Mittel nicht, so stellen sie zur Abschreckung
einen Schädel vor das Haus. Als wir auf einer Reise mit den Mendalam
Kajan von einem heftigen Gewitter überfallen wurden und sehr nahe
Donnerschläge uns erschreckten, zogen die Kajan sogleich ihre Schwerter
halb aus der Scheide, um die gewaltigen Geister zu verjagen.
Diese Naturgeister üben auch direkten Einfluss auf das Leben der
Menschen aus; so werden bestimmte Vergehen durch die _to belare_,
Donnergeister, bestraft. Das Lachen über Tiere z.B., das bei den Bahau
als Verbrechen gilt, wird durch die _to belare_ sogleich gestraft,
indem sie dem Schuldigen den Hals umdrehen. Es ist daher sehr
unvorsichtig, mit einem Huhn, Hund oder Schwein etwas vorzunehmen,
was die Leute zum Lachen bringen könnte. Als am Mahakam plötzlich
ein kleines Mädchen, wahrscheinlich an Vergiftung, starb, schrieben
die Dorfbewohner ihren Tod dein Umstand zu, dass sie über irgend ein
Tier gelacht haben sollte.
Ausser diesen Naturgeistern, die sich als Blitz, Donner, Wind und
Regen äussern, kennen die Bahau noch eine Schar anderer _to_,
die, je nachdem wie sie sich den Menschen gegenüber verhalten,
als gute und böse bezeichnet werden. An jene wendet man sich bei
Krankheit, Unglücksfällen und bösen Träumen um Hilfe, diese, als die
Unglücksträger, sucht man durch Gewaltmittel zu vertreiben oder durch
Opfer zu beschwichtigen.
Die _to_ werden, je nach der geistigen Entwicklungsstufe, welche die
einzelnen Bahau einnehmen, verschieden aufgefasst. Während man die
gewöhnlichen Leute nur von den _to_, als den Urhebern ihrer Freuden
und Leiden, sprechen hört, betrachten die höher Stehenden, wie die
Häuptlinge und Priester, die _to_ nur als die direkten oder indirekten
Werkzeuge eines obersten Gottes _Tamei Tingei_ (= unser hoher Vater).
Wenden wir uns, bevor wir näher auf die _to_ eingehen, im folgenden
den höheren geistigen Mächten der Bahau zu.
Ihr ganzes Weltall wird von dem eben genannten _Tamei Tingei_,
dem Allvater, beherrscht, der mit seiner Gemahlin _Uniang Tenangan_
über allen anderen von Geistern und Menschen bewohnten Regionen lebt.
Ausser dem Allvater erkennen die Bahau noch andere hohe Götter an,
die unter _Tamei Tingeis_ Oberherrschaft im Weltall bestimmte Rollen
zu erfüllen haben. Es sind dies:
_Djaja Hipui_ (= alter Häuptling), die Mutter der Kajanwelt und
Beherrscherin der guten Geister, jetzt mit _Howong Hwan_ vermählt
und _Amei Awi_ (= Vater Awi) und dessen Gemahlin _Buring Une_, welche
die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen.
Götter, Geister, Menschen und Seelen der Verstorbenen wohnen im Weltall
nicht durcheinander, sondern in bestimmten Schichten oder Regionen,
die zum Teil besondere Namen tragen; es existieren deren fünf, nämlich:
1. oberste Region, bewohnt von _Tamei Tingei_ und dessen Gemahlin
_Uniang Tenangan;_
2._ Abu Lagan_, bewohnt von _Djaja Hiwi_ und dessen Gemahl _Howong
Hwan;_