KAPITEL III.

Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von

Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam

und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des

oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer

Charakter des Apu Kajan--Äussere Gestaltung

Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische

Verhältnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte

Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und

Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und

Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.--Organisation

eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der

Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und

Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung

des Häuptlings _Akam Igau_.

Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 quad. km

nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal

so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man

eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man,

dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen

hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite

Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so

grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle

herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist

in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch

machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen

bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde

die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der

Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt.

In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt

keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_

im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches

Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren

einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen

Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese

Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen,

dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als

1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden

_Georg Müller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge:

Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager

enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich

in der Tertiärzeit gebildet sein muss.

An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst,

liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch

negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet

auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet

von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe

gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse

eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein

Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich

angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln

an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren

sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden.

Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen

Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich

bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen

zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten

Schieferschichten.

Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge,

nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark

abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr

200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal

die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren

obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten

Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen.

Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses

Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter

bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das

er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch

später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge,

das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben

einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt,

steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits

1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900

m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam,

wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll

seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des

Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein.

Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den

Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis

zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt,

verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen

Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch

unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich

ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt.

Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflüsse

des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht

aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte

Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült

sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also

nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden

sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe,

am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m

Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden,

war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach

Norden ein und das Streichen ist 236º.

Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar,

im Bungan und Bulit, an der Südseite des Kettengebirges antraf,

stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mündung des Sikè

und im Boh in der Nähe der Ogamündung fest.

Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar

in seiner westlichen Reihe von Wasserfällen bei Long Tepai, wo

beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m

erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten

des grossen Gebirgszuges überlagert, der die Wasserscheide zwischen

dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach

Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong,

seine südliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo.

Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben

abgeflachter Rücken. Seine grobkörnigen Sandsteinschichten erreichen

eine Mächtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8º nach Süden.

Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmässigen Form wegen von

den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer

Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blúu konstatierte ich,

dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wänden aus den Flussbetten,

welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Süden in den Busan

und Belatung wegführen, erhebt. Der Hauptrücken ist nur 1-2 km breit

und sendet nach Norden eine Reihe von Querrücken, welche die Täler

der Nebenflüsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin

fallen diese Querrücken oft sehr steil ab, zwischen dem Blúu und

Danum Parei mit einer Höhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal,

dass sie kaum für einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird

durch die üppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Höhe

des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur

noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter

stets beibehält, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Süden;

es scheint das vulkanische Müller-Gebirge nach Osten zu begrenzen.

Die nördlichen, zwischen dem Sumwé und Merásè gelegenen Nebenflüsse

des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben

sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern

erodieren müssen. Diese gehören dem ursprünglich augenscheinlich

mit dem Batu Lesong zusammenhängenden Ong Dia (ong = Gebirge) der

Bahau an. Der Ong Dia ist nicht über 900 m hoch, läuft in Form eines

schmalen Rückens dem Batu Lesong parallel, fällt dem Mahakam zu steil

ab und dehnt sich in nördlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden

Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wände des Ong Dia

lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hügeln in Gestalt von

200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins

aufzuhalten scheinen.

Das eben erwähnte nördliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata

und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentümlichen Formen bis

zu einer Höhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Merásè, Tepai,

Glat und anderen Flüssen den Ursprung, während südlich von ihm der

obere Mahakam einen mächtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den

Weg nach Süden einschlägt. Die höchsten Berge dieser Kalkformation

heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu.

Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler,

sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Höhe an, welche ich

längs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakatè und weiter östlich

längs dem Mahakam bis an den Blúu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte

Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40

m Mächtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefähr

gleich unter 44° nach Süden und das Streichen ist 242°, also im

wesentlichen gleich dem der oben erwähnten Sandsteinschichten.

Zu den höchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehört der Liang Karing

an der Mündung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und

der Batu Baung am Mahakam.

In den zahlreichen Höhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre

Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. Ähnliche grosse

Felsenhöhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu

Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen.

Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet

des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die

sich im Tal des Blúu von Süden nach Norden hinzieht. Der nördlichste

dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenüber an der Mündung

des Blúu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter südlich der Moang 900

m. Am Fuss dieser Hügel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und

Kohlensäure liefern; die Bevölkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei

einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glückte

es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Häuptling der Mahakam

Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf

Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem

Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines

ausgehöhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der

senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen

zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und

aus dem das Wasser kräftig hervorsprudelte. Die Baumstämme dienten

dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu

schützen. Gegenwärtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen

nicht mehr ausgebeutet, in früherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser

aufgefangen und in grossen Töpfen verdampft.

Trotz der Einfuhr von Salz von der Küste her benutzten die Ma-Suling

am Merásè noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle,

Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des

mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile

per Liter Wasser (neutral).

Kieselsäure (Si O2) 0.068 g

Chlor (Cl) 3.592 g

Kalk. (Ca O) 0.202 g

Magnesia. (Mg O) 0.098 g

Kali (K2 O) 0.095 g

Natron (Na2 O) 3.260 g

Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah

ich unterhalb der Mündung des Kaso, bis oberhalb der westlichen

Wasserfälle, jüngere Schiefer in dünnen Schichten mit 1-10 cm

dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten

streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung

des Flusslaufes übereinstimmend.

Von der Vereinigung des Selíku und Selírong an bis zur Mündung des

Blúu fällt der Mahakam von 550 auf 200 in Höhe; bei der Fahrt den Boh,

Oga, Temha und Meseai aufwärts steigt man von 150 bis 600 m Höhe,

wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt.

Von hier aus kann man die Wasserscheide längs einem ins Tal des Laja,

eines Duellflüsschens des Kajan, hinabführenden Querrücken in einem

Tage überschreiten. Der Kajan entspringt in der Nähe auf dem Batu

Telunjôn und strömt in nördlicher Richtung, in 600 m Höhe, durch ein

ausgedehntes Hügelland, das die Bahau Apu Kajan nennen.

Die Erhebungen bestehen hier hauptsächlich aus Rücken, die sich

von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie

die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet,

das unter der allgemeinen Büschbedeckung verborgen, fast nur in

den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach

gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45°-70° nach Süden; das

Streichen ist 245°-275°. An einigen Stellen werden die Schiefer

von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen

horizontal den älteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer

werden von Basaltgängen durchbrochen.

Nach Auffassung der Bevölkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan

bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unüberwindlicher

Wasserfälle, Baröm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss

dort über eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen

sein.

Etwas Näheres wissen auch die Eingeborenen nicht über dieses ihnen

selbst unbekannte und mystische Gebiet; künftige Forschungsreisen

werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen.

Nach diesem kurzen geologischen Überblick über Mittel-Borneo betrachten

wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner

äusseren Gestalt darbietet.

Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes

Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flussläufe unter 200 m

Höhe liegen und dessen höchste Bergspitzen 2000 m nicht überragen. So

grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nähe menschlicher Wohnungen

nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flüssen und

höher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo überhaupt nicht.

Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wäldern

bedeckt, die, je nach der Höhe ihrer Lage, von einander verschieden

sind. Diejenigen Wälder, mit denen der Mensch in Berührung kommt,

zeigen eine äusserst üppige Vegetation, die zwischen einem Gerüst

von Riesenstämmen mit alles überdeckendem Blätterdache eine Menge

kleinerer Bäume, Sträucher und Kräuter gebildet hat, so dicht,

wie sie hohe Temperatur und ständige Feuchtigkeit auf humusreichem

Boden allein zu schaffen vermögen. Auf dieses alles überwuchernde

Pflanzenkleid übt die menschliche Tätigkeit wenig Einfluss aus. Für

seine relativ geringen Bedürfnisse fällt der Mensch stellenweise den

Wald, dessen Boden für 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld)

gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lücke in

der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder

ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte

die Spuren früherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in

früherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wälder durch seine

Bewohner gefällt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gerätschaften

zurückgeblieben wären, käme man schwerlich auf die Vermutung, dass

an Stelle dieser sogenannten Urwälder einst Reisfelder gestanden.

Die ungestörte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen,

gestattet dem Gestrüpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich

einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im

übrigen Indien so häufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im

Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln können. Erst seit ungefähr

dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen

Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jäten müssen.

Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine

mächtige Stütze, da der Einfluss der Passatwinde, der in höheren

Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier

nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von

Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Dürre, die

den Graswuchs öfters begünstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung

der Wälder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere,

einen Überschuss an Feuchtigkeit in der Luft, während in den kühlen

Räumen unter dem Blätterdache und im Boden beständig ein grosser

Feuchtigkeitsvorrat angehäuft bleibt.

Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den übermässigen

Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur

da, wo die Bevölkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des

schützenden Pflanzenkleides zerstört hat, steigt um die Mittagszeit

die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30°-31°

C, sinkt aber auch nachts selten unter 20° C.

In unmittelbarer Nähe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als

im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewölkt, und nachts

bedecken tief hängende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel

beginnt die Bewölkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet

bei Sonnenaufgang; daher gehört ein klarer Sternhimmel in vielen

Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch

an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt,

mit geringen Ausnahmen, auch für die Küstengebiete, nur bewirken hier

die Seewinde bisweilen kühlere Nächte.

In höheren Regionen verändert sich der Charakter der Vegetation

unter dem Einfluss häufiger und regelmässiger Regen auffallend

schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf

stark geschwängerten Luftströme ihre Wassermassen in Form von Regen

anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwärme;

dadurch kühlen die höheren Stellen so stark ab, dass man auf einer

Höhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bäumen und niedrigem

Gestrüpp, eine dicke, alles überdeckende Moosvegetation antrifft,

der man in Java nur auf einer Höhe von 2500-3000 m begegnet.

Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprünglichen

Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevölkerung)

eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die

Küsten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und

da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevölkerung das Land bis

zur Küste, andrerseits leben Stämme, die sich auch Malaien nennen,

bis tief ins Innere an den grossen Flüssen. Diese zwei Hauptgruppen

sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark

vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler

Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber

beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer

Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr ähnelt als

dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger häufig,

Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung

wird durch die grossen Flüsse, die für Fahrzeuge der Eingeborenen

bis tief ins Innere des Landes zugänglich sind, stark befördert. Die

vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich längs diesen Strömen

leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu

Wasser gebunden fühlen, erkennt man überall daran, dass sie sich

hauptsächlich an den grossen Strömen niederlassen und die Dajak in

das Bergland an die Nebenflüsse zurückdrängen.

Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevölkerung

Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus

verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen

zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im

Gebiete des oberen Kapuas ausgeführten anthropologischen Messungen

scheinen sich diese Gruppen auch körperlich sehr verschieden

zu verhalten. Dr. _Kohlbrügge_, der die Freundlichkeit hatte,

meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen

Verschiedenheiten der Stämme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse

der Schädelmessungen und anderer Körpermerkmale zu der Vermutung,

dass Mittel-Borneo von zwei Völkergruppen bewohnt wird, von denen die

eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den

Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehören die

Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom

ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre

sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind

sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehören zur grossen Gruppe

der Bahau- und Kenjastämme von Ost-Borneo, während die Ulu-Ajar zu den

Stämmen gerechnet werden müssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen

Melawi, oberen Kahájan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrügge_

die Kajan auf Grund der Messungen für ein Mischvolk ansieht, ist sehr

richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland

Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele

Sklaven, Abkömmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und

Individuen benachbarter Stämme durch Heirat in den Stamm aufgenommen

wurden.

Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden

Stämme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl,

auch Jägerstämme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan

in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Ströme, ein

Nomadenleben führen. Diese Stämme betreiben wenig oder gar keinen

Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrüchten. Sie

scheinen älter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehören

vielleicht zu den ältesten Bewohnern Borneos.

Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme haben zum gemeinsamen Stammland

das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan

oder Po Kedjin genannt wird. Früher wurden alle Stämme der Bahau und

Kenja unter den Namen Paristämme zusammen gefasst.

Augenblicklich bewohnen diese Stämme die Stromgebiete des ganzen

Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos

Ostküste ins Meer münden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flüsse,

die nach Norden strömen: des Limbang, des Baram und des Balúi oder

Batang-Rèdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevölkerung

in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt.

Die Bewohner dieser Ländergebiete nennen sich, wie oben gesagt,

teils Bahau teils Kenja.

Zu den Bahau rechnen sich die Stämme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb

der Wasserfälle gehören also zu ihnen die:

Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum

Sumwé; Kajan vom Sumwé bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den

Wasserfällen; Ma-Suling am Merasè.

Unterhalb der Wasserfälle des Mahakam gehören zu den Bahau die:

Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring

in Tepu.

Am oberen Batang-Rèdjang oder Balui fasst man die Bahaustämme unter dem

Namen Kajan, der wieder verschiedene Stämme begreift, zusammen. Ebenso

wohnen am Mendalam, dem nördlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die

Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling

und Uma-Pagong weiter flussaufwärts.

Zu den Kenja rechnen sich vor allen die Stämme, die augenblicklich

noch im Apu Kajan wohnen, ferner die, welche sich an den nach Osten

strömenden Flüssen niedergelassen haben, nämlich die am Tawang,

Brau und Kajan. Auch die Stämme am oberen Limbang und oberen Baram

gehören zu den Kenja.

Die Kenjastämme, die gegenwärtig den Apu Kajan bewohnen, haben ihre

Heimat an dem östlich gelegenen Iwan, einem linken Nebenfluss des

Kajan. Neben diesem Nebenflusse befindet sich ein anderer, der Bahau,

von dem wahrscheinlich der Name der Bahau herrührt, so dass diese

also ursprünglich ebenfalls aus dem Osten herstammen.

Es entspricht nämlich der Gewohnheit der Kenja und Bahau, den Stämmen

den Namen des Flusses, an dem sie lebten oder leben, zu geben. So

setzt sich der Name "Long-Glat" zusammen aus: "_long_" = Mündung und

"Glat" = Name eines Nebenflusses des Oga. Ma-Suling = Uma Suling =

Haus am Suling; Uma-Mehak = Haus am Mehak (Nebenflüsschen des Boh);

Uma-Tepai =- Haus am Tepai (Nebenfluss des Mahakam); Hwang-Tring =

Stamm vom Tring (Berg im Gebiet des Boh).

Am Kajan wohnen von seinem Ursprung flussabwärts folgende Kenjastämme,

die:

Uma-Tow; Uma-Bom; Uma-Djalan; Uma-Tokong; Uma-Kulit; Uma-Baka;

Uma-Bakong; Uma-Leken (unmittelbar oberhalb des Baröm).

Die Bahau- und Kenjastämme wissen noch sehr wohl, dass sie vom Apu

Kajan herstammen und die meisten können auch noch die Zeit ihrer

Auswanderung angeben. Auch gegenwärtig finden solche Auswanderungen

noch statt. Vor ungefähr dreissig Jahren sind die Kenja Uma-Time,

die jetzt am Tawang wohnen, vom Kajan dorthin übergesiedelt; der

Stamm der Uma-Bom hat jetzt den Plan, in das Tal des Boh zu ziehen

und sich dort niederzulassen. Im Lauf der Zeit wandert ein solcher

Stamm immer weiter flussabwärts, den Weg der meisten Bahaustämme,

die jetzt am Mahakam wohnen, folgend.

Obgleich die Geschichte ihrer Auswanderung den Stämmen sehr wohl

bekannt ist, hat doch auch die Legende die Tatsache, dass alle vom

Apu Kajan gebürtigen Stämme jetzt nach allen Himmelsgegenden zerstreut

wohnen, zu erklären versucht:

In alten Zeiten, heisst es, entstand zwischen dem Feuer (_apui_) und

dem Wasser (_ata_) ein Zwist, der sich so steigerte, dass beide im

Kampfe die Kräfte aufs äusserste anspannten. Wind und Regen kamen dem

Wasser zu Hilfe, welches infolgedessen so sehr stieg, dass es alles

Land mit Wäldern und allem überflutete. Dadurch erlosch das Feuer,

aber auch alle Menschen bis zum Apu Kajan hinauf kamen um. Nur einige

wenige, die in Böten sassen, blieben am Leben. Diese sahen keine andere

Möglichkeit, das Wasser zum Sinken zu bringen, als eine der Ihren,

_Hillo_, die Tochter eines Häuptlings, zu töten, indem sie ihr die

Schulter durchhieben. Da fiel das Wasser plötzlich vom hohen Bergland

hinunter und führte zugleich die in den Böten überlebenden Menschen

nach verschiedenen Seiten auseinander. So wurden die Bewohner von

Apu Kajan in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sprechen heute so

viele verschiedene Sprachen.

Wenn irgend möglich, wohnen die Stämme im Mahakam- und Kajangebiete am

Hauptfluss selbst; nur wenn der Wohnplatz für unsicher gehalten wird,

wie nach dem Einfall der Batang-Lupar im Jahr 1885 am Mahakam, oder

wenn eine starke Zunahme der Bevölkerung es gebietet, wie am Kajan,

lassen sich Bahau und Kenja auch an Nebenflüssen, häufig hoch im

Gebirge, nieder. Das Gleiche sehen wir am oberen Barito oder Murung,

wo sich die Dajak vor den am Hauptfluss sich ansiedelnden Malaien an

die Ufer der Nebenflüsse zurückgezogen haben.

Eine Eigentümlichkeit aller Bahau besteht darin, dass sich ihre

selbständigen Stämme, obgleich sie einander nicht bekriegen, doch

auch nur wenig vermischen. Heiraten zwischen Pnihing, Kajan und

Long-Glat kommen, beispielsweise, nur selten vor, noch viel seltener

sind Verbindungen zwischen Bahau und Kenja. Demnach müssen Heiraten

zwischen Gliedern von Stämmen, die verschiedenen Gruppen angehören,

wie Bahau und Ot-Danum, früher eine grosse Seltenheit gewesen sein. Man

sollte daher erwarten, dass sich das Blut der Stämme von Mittel-Borneo

sehr rein erhalten habe, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bahau

haben nämlich alle ihre gegenwärtigen Wohnplätze erst erobern müssen;

am Mahakam fanden sie Stämme vor, die mit den Ot-Danum vom Kahájan und

Melawie und den Siang vom oberen Barito verwandt waren. Die Bewohner

wurden teils vertrieben, teils zu Sklaven gemacht und den Häuptlingen

der Stämme zugeteilt. Diese Sklaven lebten anfangs in Familien,

getrennt von den freien Gliedern des Stammes, aber allmählich wurden

sie durch Heirat in den Stamm selbst aufgenommen, bei den Long-Glat

z.B. beinahe vollständig. Daher bestehen die Bahaustämme am Mahakam

gegenwärtig aus einer Mischung der dolichozephalen Ot-Danum mit den

ursprünglichen Bahau, die wahrscheinlich brachyzephal waren.

Ähnlich verhält es sich mit den Kajan am Mendalam.

Die Kenjastämme im Apu Kajan jedoch müssen den ursprünglichen Charakter

der Bewohner dieses Stammlandes noch sehr rein erhalten haben, und

dürften daher für künftige anthropologische Untersuchungen einen

ausgezeichneten Ausgangspunkt bilden.

Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit

eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass

die Zahl seiner Glieder für die Macht und den Einfluss eines Stammes

auf die anderen von grösster Wichtigkeit ist, streben die meisten

Häuptlinge danach, diese Zahl nach Möglichkeit zu vergrössern. Vor

allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stämme zu

verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fühlen, wie die

Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwächere

Stämme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre

Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits

getrennten Long-Glat die Stämme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai,

Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebürtig

sind. Merkwürdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zählenden

Stämme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit

den Long-Glat kommen jedoch häufig vor. So kann auch auf diesem Wege

Vermischung stattfinden.

In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das

die scharfen Gegensätze zwischen den verschiedenen Völkergruppen

und die grosse Feindschaft, die früher zwischen ihnen herrschte,

zum Verschwinden bringt: es ist die europäische Nachfrage nach den

Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge

dieser Nachfrage vereinigen sich Männer aus den entlegensten Gegenden

der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher überall hin,

wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug,

um den Widerstand einzelner Stämme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu

brechen und sich allmählich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu

stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich früher,

wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des

Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar

eine vorübergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein.

Auch die Malaien der Küste haben begonnen, sich an dem Sammeln von

Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Männer

aus ihren Dörfern am Unterlauf der Flüsse nach deren Quellgebieten,

um in ihren noch unberührten Wäldern nach Rotang und Guttapercha

zu suchen. Man findet daher gegenwärtig in ganz Borneo Malaien, was

für die einheimische Bevölkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse

Nachteile mit sich bringt.

Bei sämmtlichen Bahau und Kenja ist die Organisation der Gemeinwesen

in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft

dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklären lässt. Ich beschränke

mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam

Kajan ausführlich zu besprechen und bei anderen Stämmen vorkommende

Abweichungen gelegentlich zu erwähnen. Es sei mir gestattet, einige

geschichtliche Bemerkungen über diese Kajan vorauszuschicken.

Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der

Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen

Überlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des

Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete

die zu starke Zunahme der Bevölkerung; den unmittelbaren Anstoss gab

aber ein unter den Stämmen ausgebrochener Zwist.

Die Vorfahren der eben erwähnten Bahaustämme durchzogen damals das

zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land,

in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer früheren

grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem

Njangéjan, einem Nebenfluss des Batang-Rèdjang, den sie später wieder

verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen.

Der eine Teil zog an den oberen Mahakam, wo er heute noch im Tal

seines Nebenflusses, des Merasè, wohnt; der andere Teil begab sich

in das Gebiet des oberen Kapuas, wo er jetzt am Mendalam lebt. Bevor

er sich jedoch hier niederliess, bewohnte er lange Zeit das Tal des

Sibau, in welches er längs dem Batang-Rèdjang, auf dem heute noch

gebräuchlichen Wege, gelangt war. Obgleich es sicher 150 Jahre her

sind, seit die Mendalam Kajan dort wohnten, machen ihre Häuptlinge

doch jetzt noch auf diese Gebiete und besonders auf die damals

gepflanzten Fruchtbäume Ansprüche geltend. Während ihres Aufenthaltes

am Sibau trennte sich auch dieser Zweig nochmals; ein Teil blieb am

oberen Kapuas, der andere fuhr den Fluss hinunter und liess sich an

verschiedenen Orten des Hauptstromes bis unterhalb Semitau nieder. Aus

verschiedenen Ursachen nahmen seine Glieder hier aber so stark an Zahl

ab, dass ihre Häuptlinge beschlossen, zum alten Zweig am oberen Kapuas

zurückzuziehen. Sie wurden dort aufgenommen, nachdem sie sich eidlich

verpflichtet hatten, nicht wieder fortzuziehen. Als sie später trotz

ihres Eides wiederum den Kapuas abwärts auswanderten, gingen sie dort

aus unbekannten Ursachen völlig zu Grunde. Die drei überlebenden Kinder

aus der Häuptlingsfamilie wurden von dem alten Stamm wieder aufgenommen

und verbanden sich durch Heirat mit ihren früheren Stammesgenossen.

Auch dieser sesshaftere Teil der Bahaustämme wechselte seinen

Wohnplatz, sei es aus Mangel an geeignetem Boden für seine Reisfelder,

sei es, weil er an einem bestimmten Ort zu stark von Krankheiten, die

von den vielen dort hausenden Geistern ausgehen sollen, heimgesucht

wurde.

Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erhielten die Kajan den

unerwünschten Besuch von Scharen ihrer Verwandten aus dem Gebiet

des oberen Mahakam. Diese waren damals sehr mächtig und zogen unter

Anführung zweier grosser Long-Glathäuptlinge, _Ledju_ und _Ibau_,

durch ganz Mittel-Borneo brandschatzend umher. Während aber das Haus

der Taman am Mendalam und viele andere am Kapuas von ihnen verwüstet

wurden, blieb das der Kajan am Mendalam verschont und zwar, der

Überlieferung nach, aus dem Grunde, dass Ledju, durch das Erscheinen

eines aussergewöhnlich grossen und starken Kajan, namens _Bang_,

erschreckt den Kampf einstellte. Im Friedensschluss kam man überein,

dass Tipong Aging, die Tochter des vornehmsten Kajanhäuptlings,

_Ledju_ als Gattin an den Mahakam folgen sollte.

Fährt man heute den Mendalam einige Stunden weit aufwärts, so

trifft man zuerst die Niederlassung von Tandjong Karang, bewohnt von

dem Stamm, genannt Kajan Uma-Aging; etwas weiter oben, in Tandjong

Kuda, wohnt ein anderer Teil des gleichen Kajanstammes, während noch

weiter oben am Fluss die Ma-Suling und der Stamm Uma-Pagong gemeinsam

wohnen. Der Rest des Tamanstammes, der vor der Ankunft des _Ledju_

sehr stark war, lebt jetzt teils mit den Ma-Suling und Uma-Pagong,

teils mit den Kajan in Tandjong Karang zusammen.

Die Kajan Uma-Aging haben sich erst vor wenigen Jahren infolge von

Zwistigkeiten in der Häuptlingsfamilie getrennt. Sie wohnten früher

gemeinsam in Tandjong Karang, aber neben _Seniang_, dem Manne der

_Bulan_, die eigentlich allein erbberechtigter Häuptling war, hatte

auch _Akam Igau_, der Gatte von _Seniangs_ verstorbener Schwester, viel

Einfluss und Ansehen gewonnen; die beiden Schwäger konnten sich jedoch

nicht vertragen. Als _Seniangs_ Sohn _Tigang_ einst einen heftigen

Streit herbeiführte, zog _Akam Igau_ mit einem grossen Teil der freien

Kajan und Leibeigenen an das gegenüberliegende Ufer und. baute sich

dort ein neues Tandjong Karang. Auch _Seniangs_ Familie zog später

mit dem Rest der Kajan weiter den Fluss hinauf und liess sich in dem

jetzigen Tandjong Kuda nieder. Seit ungefähr zehn Jahren wohnen diese

Häuser oder Stämme nun getrennt in kleinem Abstand von einander und

die gegenseitigen Eifersüchteleien und Zwistigkeiten haben in dieser

Zeit nicht abgenommen.

Trotz des vielen Herumschweifens haben die Kajan die ursprüngliche

Organisation ihres Gemeinwesens nicht verändert.

Ein Stamm der Kajan besteht aus folgenden Gliedern: einem Häuptling

(hipui), Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen)_. Während der Häuptling

stets einer bestimmten, bevorrechteten Familie angehört, setzen sich

die Freien aus lauter Familien von der gleichen Rangstufe und den

gleichen Rechten zusammen.

Die Leibeigenen sind meistens Nachkommen von Kriegsgefangenen und

Eigentum des ganzen Stammes; ihre Arbeit kommt dem Häuptling zu Gute,

der sie dafür zu unterhalten hat. Ab und zu werden Sklaven von den

nomadisierenden Jägerstämmen, die sie auf ihren Kopfjagden erbeuteten,

gekauft.

Die eingeborenen Sklaven und auch die, welche einmal das Haus ihrer

Herren betreten haben, dürfen nie mehr verkauft und auch nie auf den

Gräbern der Häuptlinge geopfert werden; zu letzterem Zweck wurden

früher die gekauften Sklaven verwendet.

Wegen Schulden oder Missetaten wird bei den Bahau nie jemand zum

Sklaven gemacht.

Das Ansehen eines Häuptlings hängt im allgemeinen von der Höhe seiner

Geburt ab. Die Häuptlingswürde ist erblich. Bei der Nachfolge wird aber

nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf deren Befähigung

für das Häuptlingsamt Rücksicht genommen: Der Häuptling bestimmt oft

schon bei Lebzeiten den Nachfolger und ist dieser einmal erwachsen,

so spielt er häufig eine grössere Rolle als sein Vater.

Zu den physischen Gebrechen, die einen Sohn an der Nachfolge hindern,

gehören Taubheit und Blindheit. So konnte _Adjang_, der älteste Sohn

_Seniangs_, seiner Taubheit wegen, nicht Häuptling von Tandjong

Kuda werden; es erbte daher sein jüngerer Bruder, _Tigang_, die

Häuptlingswürde. Charakterfehler können die Nachfolge nicht verhindern,

sie geben aber öfters zu heftigem Widerspruch seitens der Untertanen

und nicht selten auch zu einer Spaltung des Stammes Anlass.

Die grössten Tugenden eines Häuptlings sind: Uneigennützigkeit

und Rechtschaffenheit; neben diesen werden auch Tapferkeit und

Redegewandtheit geschätzt, aber in geringerem Masse. Der Häuptling

gewinnt sich die Gunst der Seinen hauptsächlich durch Milde und

Freigebigkeit und diese Eigenschaften sind auch für alle, die mit den

Bahau in Berührung kommen, eine Grundbedingung zu einem guten Empfang.

Die Häuptlingswürde kann auch auf die Töchter übergehen, die Söhne

werden aber bevorzugt. Ist eine Frau jedoch einmal zum Häuptling

gewählt, so geniesst sie alle Ehren, die ihrer Stellung zukommen.

Der Häuptling vertritt seinen Stamm nach aussen, übt durch Auferlegung

der Strafen die richterliche Gewalt im Stamm, hat die Nutzniessung

der Leibeigenen und ist Inhaber des allgemeinen Eigentums, wie alter,

halb heiliger Erbstücke (_dawan una)_.

Nicht nur weltlichen, sondern auch geistigen Mächten gegenüber muss ein

Häuptling die Interessen der Seinen vertreten; daher leitet er alle

bei den Ackerbaufesten stattfindenden religiösen Zeremonien ein. Da

jedes Verfahren, das der Reisbau erfordert, mit einer religiösen Feier

begonnen werden muss, giebt der Häuptling das Zeichen für den Anfang

jeder neuen Periode.

Obgleich der Häuptling nicht zur eigentlichen Priesterschaft gehört,

muss er doch die Verbotsbestimmungen, gleich wie die Priester,

strenger als alle übrigen befolgen.

Ferner fallen dem Häuptling grösstenteils die Kosten der öffentlichen

Festmahlzeiten und der Sold für die Priester zur Last; auch hat er

für die Entrichtung der Bussen, die dem Stamm durch Feinde oder die

Regierung auferlegt werden, zu sorgen.

Alle innerhalb des Stammes ausgebrochenen Zwistigkeiten werden bei

den Kajan durch den eigenen Häuptling geschlichtet, sehr im Gegensatz

zu den benachbarten Stämmen der Taman-, Sibau- und Kantu Dajak, die

keine andere Autorität als die des holländischen Beamten anerkennen

und ihn daher ständig mit kleinlichen Angelegenheiten belästigen. Die

Mendalam Kajan wenden sich nur dann an den Kontrolleur, wenn Häuptlinge

untereinander in Streit geraten und eire entscheidende Macht somit

fehlt.

Erhält der Stamm Besuch von fremden Gästen, so nimmt der Häuptling

die Gastherrnpflichten auf sich, auch wenn der Besuch einen Monat

lang bleibt; sind die Gäste jedoch zu zahlreich, so werden sie unter

die verschiedenen Familien verteilt, die in der Hilfe, die ihnen

die Fremden bei ihrer Arbeit leisten, einigermassen Entschädigung

finden. Ein Besuch kann sich nämlich, durch plötzliches Eintreten

einer Verbotszeit bei Erntefesten oder beim Tode angesehener Personen,

sehr in die Länge ziehen, da Fremde in dieser Zeit das Haus nicht

verlassen dürfen.

Hat sich ein Glied eines Stammes etwas zu Schulden kommen lassen,

so wird sein Vergehen dem Häuptling vorgetragen und diesem liegt die

Rechtsprechung ob; er fällt sein Urteil jedoch nicht nach persönlicher

Überzeugung oder Willkür, sondern nach den überlieferten, dem Stamme

eigenen Gesetzen, die als Gewohnheitsrechte (_adat_) bezeichnet

werden. Da die _adat_ sehr verwickelt ist, ruft der Häuptling vor

jeder Rechtsprechung die tüchtigsten, angesehensten und ältesten

Männer der Freien, _mantri_ genannt, zusammen und berät mit ihnen

die Angelegenheit.

In gleicher Weise wie die Priester für die Erfüllung der religiösen

_adat_ zu sorgen haben, müssen die _mantri_ auf die Befolgung

der weltlichen _adat_ achten; sie bilden die ausführende Macht im

Gemeinwesen der Kajan, üben aber auch auf jeden Beschluss grossen

Einfluss aus.

Vor jeder Rechtshandlung werden nicht nur die _mantri_, sondern mit

deren Hilfe auch die betroffenen Parteien und sämmtliche Bewohner

des Hauses, Leibeigene und Frauen inbegriffen, zu einer öffentlichen

Versammlung einberufen, und jedem steht das Recht zu, sich frei zu

äussern. Derartige Versammlungen werden häufig abends oder an Tagen,

an denen schwere Arbeit oder ein Verlassen des Hauses verboten ist,

abgehalten und dauern oft eine ganze Nacht, bisweilen auch noch den

folgenden Tag.

Lässt sich ein Kajan einem anderen gegenüber Diebstahl, Ehebruch oder

Mord zu Schulden kommen, so kann sein Vergehen mit einer Busse gesühnt

werden. Körperliche Strafen, Gefängnisstrafe und vorgeschriebene

Blutrache kommen in diesem Falle nicht zur Anwendung. Den unmittelbaren

Tod heischt die _adat_ nur für Personen, die dem öffentlichen Interesse

gefährlich sind oder zu sein scheinen.

Die Bussen werden teils der geschädigten Partei, teils dem Häuptling

ausbezahlt, der bei der Auferlegung der Strafen vorsichtig zu Werke

gehen muss; denn zeigt er einen Schimmer von Habsucht, so läuft er

Gefahr, die Volksgunst zu verlieren.

Die Busse trägt den Charakter einer Schadloshaltung. Hat z.B. ein frei

herumlaufendes Schwein einen Teil eines Reisfeldes vernichtet, so steht

es dem Besitzer des Ackers frei, das Tier zu töten. Dessenungeachtet

ist er aber verpflichtet, dem Besitzer des Schweines ein anderes

Tier als Ersatz zu liefern. Der Eigentümer des Schweines wiederum

muss den auf dem Reisfelde verursachten Schaden vergüten.

Auch Mordtaten werden mit Bussen gestraft; nur wenn die Bussen nicht

bezahlt werden oder nicht auferlegt werden können, weil der Täter

entflohen ist oder einem feindlichen Stamme angehört, tritt die Rache

in den Vordergrund. Sie trifft jedoch nicht immer die schuldige Person,

sondern auch deren Stammesgenossen, wenn die Gelegenheit sich gerade

dazu bietet.

Handelt es sich um den Mord mehrerer Personen, der häufig durch

Geisteskranke geübt wird, so wissen sich die Bahau nicht anders zu

helfen, als indem sie den Mörder töten. In einzelnen Fällen, wenn der

Mord nicht vollständig ausgeführt wurde, werden dergleichen Personen

auch in kleinen Häuschen oder in gesonderten Räumen des grossen Hauses

eingesperrt und verpflegt.

Steht ein Stammesglied im Verdacht, Gift (_puli_) zu besitzen, mit

dem es Menschen tötet oder krank macht, so riskiert es, von dem einen

oder anderen niedergemacht zu werden, natürlich oft unschuldiger Weise.

Bei Ehebruch kommt es vor, dass der betrogene Ehemann die Schuldigen,

wenn er sie überrascht, tötet; er ist jedoch verpflichtet, für die

getötete Person Schadenersatz zu bezahlen. Nicht immer hat der Ehebruch

eine Scheidung der Gatten zur Folge.

Frauen, welche ausserehelich schwanger werden, und die schuldigen

Männer haben nach Anschauung der Bahau eine Missetat begangen, welche

die Geister erzürnt und dem Stamme Unglück bringt. Die Strafe, die

man ihnen auferlegt, gleicht daher einem Opfer an die Geister. Die

Long-Glat am Mahakam lassen die Schuldigen mit einem Schwein als

Opfergabe auf einem Floss mit der Strömung flussabwärts treiben. Das

Schwein ertrinkt in den Wasserfällen, während sich das schuldige Paar

durch Schwimmen rettet.

Zur Entdeckung des Schuldigen sah ich die Bahau von folgendem Mittel

Gebrauch machen: Der Bestohlene liess jeden ein Ei anrühren in der

Überzeugung, dass der Schuldige das Ei nicht zu berühren wagen würde,

aus Furcht krank zu werden.

Die Bahau schwören auf den Zahn des Königstigers; in ernsten Fällen

jedoch geschieht die Eidesleistung unter gleichzeitigem langsamem Töten

eines Hundes. Dem Tiere werden mittelst eines Schwertes Stichwunden

beigebracht und derjenige, der den Eid leistet, bestreicht sich

mit dem ausströmenden Blute. Bei Meineid wird der Schuldige, nach

dem Glauben der Bahau, später durch den Hund, d.h. durch den Geist,

der in ihm steckte, verfolgt, gebissen und getötet.

Die Vollziehung der Strafen ist für die _mantri_ keine leichte

Aufgabe, denn sie besitzen keine Zwangsmittel und im Kajanstaat

geniesst jeder die grösste Freiheit. Die _mantri_ finden aber für

die Aufrechterhaltung der Ordnung in zwei Faktoren eine wesentliche

Stütze: erstens in der Achtung der Kajan vor der öffentlichen Meinung,

zweitens in ihrer Furcht, bei Übertretung der _adat_ zur Strafe krank

zu werden, dem sog. "_takut parid_."

Dass Menschen, die ihr ganzes Leben gemeinsam in einem

Hause, in unmittelbarer Nähe von einander, verbringen, doch

ein so ausgesprochenes Gefühl der Eigenwürde und beinahe eine

Überempfindlichkeit für die Meinung ihrer Umgebung besitzen, setzt uns

in Erstaunen. Die _adat_ und die Art ihrer Handhabung ist überhaupt

nur bei einem Stamm mit derartigem Charakter denkbar.

Wird in einer öffentlichen Versammlung oder durch den Häuptling und

die _mantri_ einem Schuldigen eine Busse auferlegt, so wagt er es

nur in seltenen Fällen, sich zu widersetzen. Es kommt noch hinzu,

dass sich seine ganze Familie bei der Angelegenheit betroffen fühlt.

Nicht minder als die öffentliche Meinung trägt das "_takut parid_"

dazu bei, im Staate und in der Familie der Kajan Ordnung und Sitte

aufrecht zu erhalten. Der Aberglaube _parid_, krank, kachektisch zu

werden, sobald man dieses oder jenes Verbot übertritt, übt auf das Tun

und Lassen von alt und jung den grössten Einfluss aus. Im allgemeinen

wird bei den Kajan jemand _parid_, wenn er etwas tut oder anrührt, das

nur Älteren oder Höherstehenden zukommt. Das _takut parid_ gilt somit

nicht für sämmtliche, sondern nur für besondere Übertretungen. Kindern

ist es verboten, Gegenstände, die älteren Männern oder dem Häuptling

gehören, hauptsächlich aber Kriegswaffen, anzurühren. Junge Männer

dürfen keine Schwertgriffe aus Horn schnitzen oder eiserne Schwerter

und Speere gravieren oder Gestelle für Reiskörbe mit Rotang umflechten

oder endlich sich nicht mit den Schwanzfedern des Nashornvogels

schmücken--alle diese Dinge sind nur alten, tapferen Männern gestattet.

In bezug auf alles, was den für die Borneobewohner mystischen

Tiger (_ledjo_) betrifft, ist jeder in hohem Masse _takut parid_;

nur einige der vornehmsten Häuptlinge wagen es, den Zahn eines

Königstigers anzurühren. Als ich daher auf meiner letzten Reise

als grosses Geschenk für die obersten Häuptlinge am Mahakam einige

Tigerzähne aus Java mitnahm, hütete ich mich davor, zu verraten, in

welcher Kiste sie sich befanden, da sonst kein Kajan sie hätte tragen

wollen. Aus dem gleichen Grunde musste ich auch einen Tigerschädel

in Putus Sibau zurücklassen. Jeder fürchtete sich davor, auch nur

mit dem Staub des Tigerzahnes in Berührung zu kommen, den _Demmeni_

für den Pnihinghäuptling _Belarè_ einst feilte.

Auch in allem, was den Gottesdienst angeht, seien es Gebräuche, Verbote

oder religiöse Gegenstände, ist jeder Laie _takut parid_. Selbst die

jungen Priesterinnen können _parid_ werden und nur die ältesten,

wie _Usun_ in Tandjong Karang, wagten es, über ihre Wissenschaft

zu sprechen und religiöse Gegenstände (_barang lali_) für mich

nachzumachen.

Dass in einem Gemeinwesen, das, wie wir gesehen haben, mehr durch die

öffentliche Meinung und abergläubische Furcht als durch Gesetz und

Recht zusammengehalten wird, einzelne Individuen mit ausgesprochener

Persönlichkeit; leichter als wo anders, eine leitende Rolle zu

übernehmen im stande sind, ist selbstverständlich. Daher hat der

Häuptling auch hauptsächlich diesen einzelnen Rechnung zu tragen,

die grosse Menge folgt von selbst.

Treten jedoch aussergewöhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine

Expedition zum Mahakam, so fühlt sich auch eine Persönlichkeit wie

_Akam Igau_ auf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht,

keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Häuptling seinen Untergebenen

gegenüber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Häuptlings Hilfe nichts

zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an

einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst

selbst, ob er mithält oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum

grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhängt, zieht

sich ein Häuptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewöhnliches

durchzusetzen, gern zurück und schiebt die Entscheidung am liebsten

einem anderen zu:

Der freie Kajan (_panjin_) hat dem Häuptling gegenüber keine andere

Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau

erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausführung

grösserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von

Böten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein.

Wird für den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede

Familie, ausser dem Material für die eigene Wohnung, noch einen Pfahl,

einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Häuptlingswohnung (_amin

aja)_. Der Häuptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven

demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht

bebauen kann oder sonst der Unterstützung bedürftig ist.

Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr

üblich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man

sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit

der Verwandten und Dorfgenossen.

Heiratet z.B. ein Kind des Häuptlings, so beteiligen sich alle

Stammesgenossen an den Festkosten; für öffentliche Festmahlzeiten

liefert jeder etwas gewöhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Häuptling

eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wie _Akam Igau_, als er sich zu

bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trägt

jeder seines. Anteil bei.

Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine

Anverwandten, in zweiter der Häuptling verpflichtet ihm zu helfen.

Nicht nur bei öffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat

der Häuptling eine besondere Rolle zu erfüllen: die Kinder, die zu

Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit

Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung

hineinheiraten, so muss ihm der Häuptling hierzu seine Bewilligung

erteilen und der neue Häuptling erhält ein Geschenk; sind keine

Angehörigen vorhanden, so fällt dem Häuptling die Vormundschaft und

die Vermögensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljährigkeit zu.

Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (_dipen_) gegenüber dem

Häuptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwähnt, alle Arbeit in Wald,

Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Männer

und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten,

die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung

und dergleichen übernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht

der Häuptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Häuptling

erwählter Personen. Das Verhältnis von Herr und Knecht ist jedoch

derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen,

wer eigentlich Leibeigener ist.

Besonders fähige Sklaven schickt der Häuptling oft für Monate auf

Reisen, um unter verwandten Stämmen am Mahakam oder Batang-Rèdjang

Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes

zufällt, bringen sie es oft zu grösserer Wohlhabenheit als die

freien Kajan.

Die Leibeigenen dürfen ausserdem noch für ihren unmittelbaren Vorteil

arbeiten; früher scheint der Häuptling regelmässig einen bestimmten

Prozentsatz ihres Gewinnes für sich beansprucht zu haben, gegenwärtig

macht _Akam Igau_ nur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhält

es sich in Tandjong Kuda, wo der Häuptling arm ist.

Für 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen;

ich habe aber nie von einem solchen Fall gehört. Ebenso ungewöhnlich

sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit über ihr Los. Die

meisten der gegenwärtigen Sklaven sind im Stamme geboren und können

sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Häuptling sie

nicht unter seinen Schutz nimmt.

Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach

Gelegenheit, sich durch persönliche Eigenschaften eine einflussreiche

Stellung zu verschaffen; sie können sogar in die Priesterschaft

aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen

erwerben; auch können sie es im Kriege bis zum Anführer bringen.

In der Häuptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen

sie in besonderen Abteilungen.

Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit

freien Kajan gehört nicht zu den Seltenheiten. Die Freien übernehmen

durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie "heiraten in

die grosse Wohnung" = "_ngahawa halam amin aja_," wie der offizielle

Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten

in die Häuptlingswohnung, meist erhält es eine selbständige Wohnung

im grossen Hause.

Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen früheren Stand zurück

und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere

Bestimmung hierüber habe ich nicht ausfindig machen können.

Als allgemeines Eigentum des Stammes dürfen die Sklaven nie verkauft,

bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Häuptlings von ihm

in eine andere Niederlassung mitgeführt werden. Den Sklaven wird nur

selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten.

Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank

seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persönliche

Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefühl für

Standesunterschiede sehr ausgeprägt ist--und doch ist dies bei den

Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen

nicht nur Häuptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch

verschiedene Übergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte

Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich,

zukommt. Dem Häuptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen

Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder

verwandter Stämme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen

diesen Verhältnissen ist sein Ansehen abhängig. Unter den _panjin_

wiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehören, in

die womöglich Glieder der Häuptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen

worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten

und die überdies reich sind; man nennt sie _Panjin saju_ = schöne

Freie. Ihre ältesten Glieder üben einen besonderen Einfluss im

Staate. Dagegen giebt es andere _panjin_, denen alle diese günstigen

Umstände fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche

Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie

öfters Sklaven oder Glieder fremder Stämme durch Heirat aufgenommen,

so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen

als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder

zu den Ihrigen zählen.

Die Kajan dichten ihren Häuptlingen gern eine besonders hohe Herkunft

an, so lassen sie _Akam Igau_, dessen Vater vom Mahakam gebürtig war,

von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet

folgendermassen

In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan

einst das Saatfest (_tugal_). Nachdem der Häuptling _Ledjo Aging_

mit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (_luma lali_)

alle Zeremonien ausgeführt und einen _pelale_ (Opfergerüst mit

Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen,

dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem

Opferplatze hatte liegen lassen. Als _Ledjo_ allein auf das Feld

zurückkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher

Geister aus dem _Apu Lagan_ (Aufenthaltsort der guten Geister), die die

Aufforderungen der Priesterinnen er hört hatten und sich an den auf

dem _pelale_ niedergelegten Opferspeisen gütlich taten. Bei _Ledjos_

Kommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen,

prachtvollen Haar am Opfergerüst hängen blieb und so dem Häuptling

in die Hände fiel. _Ledjo_ nahm das schöne Mädchen mit der heller

Hautfarbe nach Hause und überredete es, als seine Gattin bei ihm zu

bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher

schämte sich Jungfrau _Mang_ vor innigeren Beziehungen und stieg zu

ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nächtlichen Dunkels

in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen. _Mang_ brachte die

Finsternis in einem _samit_ (Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause

angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen

Reise etwas Erholung und Erfrischung gönnte. Ein neugieriges Kind,

das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch

hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken

des Stammes über das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst

nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Pläne, um dem

Unglück zu wehren, als die Hähne zu krähen anfingen und es wieder

Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmässig zu den

Menschen zurück.

Nun war _Mangs_ Eheglück vollkommen und bald darauf wurde sie

schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres

Stammes auf einer Geröllbank mit Fischen beschäftigt war, fühlte sie,

dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurück und hockte

in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen. _Ledjo_ und

die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedürfnis nachkommen

wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan üblich gewesen, wenn

ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib

aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren;

denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Töchterchen, _Do Neha_ (_neha_

= Geröllbank).

Als _Do Neha_ erwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht länger

bezwingen und kehrte zum _Apu Lagan_ zurück. Ihre Tochter vermählte

sich mit _Tigang Aging_, dem sie einen Sohn, _Batang Huwang_,

schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr

Söhnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte

sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten

begann, dass sie starb. Seither dürfen die Häuptlinge von dem Stamme

Aging ihre Haare nicht schneiden lassen.

Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die

Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte

das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob

und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sich _Batang Huwang_,

der keine Lust mehr verspürte, nach seinem Stamm zurückzukehren,

nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen,

nur _Akam Igaus_ Vater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm

der Ma-Aging (= Uma-Aging).

Durch diese Erzählung erhält _Akam Igau_ eine Abstammung von

den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der

Häuptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 37 / 66 题