Die im Juli 1913 in Betrieb genommene _Möhnetalsperre_ bei Soest

erhielt einen Inhalt von 130 Mill. cbm, ist vom Ruhrtalsperrenverein

erbaut und bildet die zehnte im Ruhrgebiet errichtete Sperre. Sie

umfaßt die Flußgelände der Möhne und Heve; der Rückstau erstreckt

sich im Möhnetal auf 10 km, im Hevetal auf etwa 5 km. Ihrem Bau

fielen die Dörfer Kettlersteich und Delecke zum Opfer, außerdem noch

Teile einiger andrer Dörfer, so daß insgesamt 200 von 700 Personen

bewohnte Gebäude niedergerissen werden mußten. Das dem Staubecken

zugehörige Niederschlagsgebiet umfaßt 416 qkm mit einem jährlichen

mittleren Abfluß von 245 Mill. cbm. Zur Verbindung der Ufer des

Sperrbeckens, das im Grundriß die Gestalt einer ungleichschenkligen

Gabel hat und sich aus dem Möhnesee und dem Hevesee zusammensetzt,

sind außer der Sperrmauer zwei umfangreiche Viadukte und mehrere

kleine Anlagen erbaut; der eine dieser Viadukte, der Delecke-Viadukt,

besteht aus 16 Steinbogen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa

22 Mill. Mk. Der Grundriß der Mauer verläuft nach einer Parabel.

Die Länge derselben beträgt an der Krone 650 m, die Höhe von der

Fundamentsohle ab 40 m, vom Talboden ab 33 m, die Breite unten

am Fuß 34,20 m, oben an der Krone 6,25 m. Die Abgabe des Wassers

erfolgt durch vier schmiedeeiserne Rohre von 1,40 m Durchmesser;

jedes derselben ist dreifach verschließbar. Das gegenwärtig seiner

Verwirklichung entgegengehende großzügige »Bayernwerk« Oskar von

Millers bezweckt, ein Hochspannungsnetz zu schaffen, das alle

im rechtsrheinischen Bayern zerstreuten Wasser- und Dampfkräfte

sammelt und deren gegenseitige Unterstützung und bessere Ausnutzung

gewährleistet. Es wird darauf gerechnet, daß durch die Kuppelung der

einzelnen Elektrizitäts-Erzeugungsanlagen an sonst durch Dampfkräfte zu

erzeugender Elektrizität 166 Mill. Kilowattstunden jährlich im ersten

und 253 Mill. Kilowattstunden im zweiten Ausbau erspart werden. Während

des ersten Ausbaues kommen in der Hauptsache nur die Wasserkräfte des

Walchensees in Betracht, zu denen im zweiten Ausbau noch die des Lechs

bei Schwangau hinzutreten. Im Lennetal wird eine Riesentalsperre mit

einem Inhalt von 180 Mill. cbm errichtet werden. Sie hat die Aufgabe

des von uns bereits erwähnten Ruhrtalsperren-Vereins wesentlich zu

erweitern und den genossenschaftlichen Bau von Talsperren zu fördern,

indem den Vereinigungen der Triebwerkbesitzer Zuschüsse gewährt werden.

Überaus rührig sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Bau von

Talsperren vorgegangen. Diese dienen hier vielfach der Wasserversorgung

der Städte. Hier ist zunächst der in den Jahren 1886--1888 mit einem

Aufwand von 1200000 Fr. erbaute _Sweetwater-Damm_ in Kalifornien

zu nennen. Seine Stauhöhe betrug ursprünglich 18,3 m, wurde aber

später auf 27,45 m gebracht. Die Länge der Mauerkrone beläuft sich

auf 103,6 m. Der Radius, nach welchem die Mauer verläuft, beträgt

67,66 m. Die Entnahme des Wassers erfolgt von einem in 15 m Abstand

von der Mauer errichteten Turm, von dem aus sieben Öffnungen, die in

verschiedenen Höhenlagen angebracht sind, bedient werden können. Das

Becken faßt 22 Mill. cbm und hat eine Oberfläche von 2,95 qkm. Den

im Laufe eines Jahres durch Verdunstung erfolgenden Wasserverlust

schätzt man auf 1,22 m Wasserhöhe. Der in einem Nebental des

Hudsons gelegene _Croton-Damm_ liefert einen Teil der für New York

erforderlichen Wassermenge; er hat einen Inhalt von 121 Mill. cbm und

ein Niederschlagsgebiet von 349 qkm. Der _Roosevelt-Damm_ in Arizona,

der in den Jahren 1906--1911 mit einem Kostenaufwand von 15 Mill. Mk.

errichtet wurde, faßt 1500 Mill. cbm und wäre imstande, 5200 qkm mit

einer 0,3 m hohen Wasserschicht zu bedecken. Die Stärke der Mauer

beträgt unten an der Wurzel 51,5 m, oben an der eine Fahrstraße

tragenden Krone 5 m. Die Höhe der Mauer beträgt 85 m. Unterhalb des

Dammes liegt eine Kraftstation, in welcher durch sechs Turbinen

elektrischer Strom erzeugt wird, der auf 45000 Volt transformiert

und über Berge und wüste Strecken zu den Ortschaften Mesa und Phönix

geleitet wird.

Sammelbecken von außergewöhnlichen Abmessungen umfaßt auch die neue

Wasserversorgung von New York. Zu den allerneusten und größten

Stauwerken gehört eines, das in der Wiege der Stauwerke, in Ägypten,

in erweiterter Gestalt dem Betrieb übergeben wurde. Es ist dies der

bei _Assuan_ errichtete _Nildamm_. Dieser wurde im Jahre 1903 zuerst

für eine Staumenge von 1000 Mill. cbm ausgeführt, in neuerer Zeit

aber derart erhöht, daß er 1300 Mill. cbm staut und nach Bedarf zur

Bewässerung Unterägyptens abgibt.

Die größte elektrische Kraftzentrale liegt an den Niagarafällen und

versorgt über Hunderte von Kilometern hinaus zahlreiche industrielle

Werke und Verkehrsanlagen mit Strom. Dort wurde im Jahre 1879 die

erste Dynamomaschine mit einer Leistung von 36 Pferdekräften für die

Beleuchtung der Fälle aufgestellt. Jetzt leisten die elektrischen

Anlagen rund 850000 Pferdestärken. Die aus den Niagarafällen zu

erzielenden Pferdekräfte werden auf 2500000 P.S. geschätzt. Das größte

Dampfkraftwerk der Erde, das bei Bitterfeld belegene _Golpawerk_ wurde

während des Krieges fertiggestellt und führt u. a. der Stadt Berlin

mittels einer 132 km langen Leitung 30000 Kilowatt zu.

Eine jede elektrische Kraftübertragungsanlage besteht aus folgenden

Teilen: dem den Strom erzeugenden Kraftwerke (Wassermotoren,

Dampfmaschinen, Großgasmaschinen), der Hochspannungsleitung,

den Transformatoren, den den Strom am Verbrauchsort aufnehmenden

Einrichtungen, bestehend in Motoren, Lampen, chemischen Apparaten usw.

Für die elektrische Kraftübertragung haben sämtliche Arten des

elektrischen Stroms: Gleichstrom, Wechselstrom und Drehstrom Anwendung

gefunden. Unter _Gleichstrom_ versteht man diejenige Stromart, bei

welcher der Strom wie ein ständig laufender Wasserstrahl stets

in derselben Richtung sich bewegt. Der _Wechselstrom_ ändert in

rascher Folge seine Stärke und Richtung, und zwar in seiner üblichen

Form fünfzigmal in der Sekunde. Man kann ihn mit dem in einer

gewöhnlichen Kolbendampfmaschine wirkenden, hin- und hergehenden

Dampfstrom vergleichen. Werden mehrere solcher Wechselströme benutzt,

die ihre Richtung zu verschiedenen Zeiten wechseln, so erhält

man den _Mehrphasen- oder Drehstrom_, so benannt, um ihn von dem

Einphasenstrom zu unterscheiden. Um den Vergleich mit der Dampfmaschine

beizubehalten, entspricht der Mehrphasen- oder Drehstrom dem in einer

Mehrzylinder-Dampfmaschine mit gegeneinander versetzten Kurbeln

arbeitenden Dampfstrom.

Der elektrische Strom besitzt eine gewisse _Spannung_ und eine gewisse

_Stärke_. Erstere entspricht, wenn wir uns des Vergleichs mit dem

dahinströmenden Wasser weiter bedienen, dem Druck, letztere der Menge

des dahinströmenden Wassers. Die Spannung wird in Volt, die Stromstärke

in Ampere gemessen. Die Leistung erhält man durch die Multiplikation

der in Volt gemessenen Spannung mit der in Ampere gemessenen

Stromstärke. Das Produkt: 1 Volt mal 1 Ampere nennt man 1 Watt; 1000

Watt nennt man 1 Kilowatt. 0,6 Kilowatt entsprechen einer Pferdekraft.

Will man _Gleichstrom_ für die Kraftübertragung benutzen, muß man in

der Maschine selbst Strom von entsprechend hoher Spannung erzeugen.

Dies ist schwierig und nur in gewissem Maße möglich. Nun ist aber

die Kraftübertragung auf die hochgespannten Ströme angewiesen, wie

nachstehende Überlegung ergibt. Der Querschnitt des zur Fortleitung

des Stromes dienenden Drahtes ist proportional der zu befördernden

Zahl der Ampere. Man kann also einen um so dünnern, das ist billigern

Draht benutzen, je geringer die Zahl der Ampere ist. Der Wechselstrom

hat dem Gleichstrom gegenüber den großen Vorzug, daß er sich auf

sehr hohe Spannungen transformieren läßt. Hierbei verringert sich

die Zahl der Ampere, so daß man den Strom in Leitungen geringen

Querschnitts fortleiten und alsdann am Orte des Verbrauchs wieder

auf Strom von der niedrigern für den jeweiligen Zweck geeigneten

Spannung heruntertransformieren kann. Demgemäß benutzt man Gleichstrom

innerhalb von industriellen Anlagen und Ortschaften geringerer

Ausdehnung und zum Betriebe von Straßenbahnen. Soll aber die

Übertragung über beträchtlichere Entfernungen hin erfolgen, so benutzt

man Wechselstrom, und zwar meist Drehstrom, da dieser hinsichtlich der

Wirtschaftlichkeit den Einphasenstrom übertrifft.

Die elektrische Kraftübertragung im heutigen Sinne datiert vom 25.

August 1891. An diesem Tage wurde die Kraft des bei Lauffen belegenen

Neckarfalls nach Frankfurt a. M. übertragen, und zwar anläßlich des

dort tagenden Internationalen Elektrotechniker-Kongresses und der dort

veranstalteten elektrotechnischen Ausstellung. Die Übertragung von 300

P.S. erfolgte hier mit 8000 Volt auf eine Entfernung von 170 km bei

einem Wirkungsgrad von 75%. In Europa sind jetzt Überlandzentralen mit

Spannungen bis zu 110000 Volt, in Amerika sogar bis zu 140000 Volt und

mehr im Betriebe. Die Übertragung kann in wirtschaftlich einwandfreier

Weise bis auf 5000 km erfolgen. Weitere Steigerungen auf größere

Entfernungen und auf 200000 bis 250000 Volt Spannung liegen bereits im

Bereiche technischer und wirtschaftlicher Möglichkeit. Die Verlegung

der viele Kilometer entlang das Land überspannenden Leitungsnetze

gestaltet sich häufig sehr schwierig, insbesondere dann, wenn breite

Ströme oder Meeresarme zu überschreiten sind. Die größte Spannweite von

1463 m weist die den St. Lorenzstrom bei Three Rivers überschreitende

Leitung auf. An den Ufern sind zwei Gittertürme von 107 m Höhe

errichtet, die an ihren Spitzen zwei das Kabel tragende 31 m lange Arme

besitzen.

Die Leben und Gesundheit bedrohenden Eigenschaften des elektrischen

Stromes, die man anfangs stark unterschätzt hat, und die von den

Freileitungen aus ihren verderblichen Weg nehmen können, sind geeignet,

die Entwicklung des Luftverkehrs stark zu beeinträchtigen.

Jedes mit einer Freileitung in Berührung kommende Luftfahrzeug ist dem

Verderben ausgesetzt. Hier eine alle Teile befriedigende Lösung zu

finden, erscheint z. Z. unmöglich, und es wird von den Vertretern des

Luftverkehrs die Forderung erhoben, die gefahrbringenden Freileitungen

durch Kabel zu ersetzen oder unterirdisch zu verlegen. Man hat

bisher versucht, unter großem Kostenaufwande die Freileitungen durch

Blechhauben, farbige Ringe, Isolatoren usw., durch ungewöhnlich

gefärbte oder gebaute Masten auf weite Entfernungen hin kenntlich zu

machen. Alle diese Mittel versagen bei Dunkelheit und unsichtigem

Wetter, werden auch meist erst dann erkannt, wenn es zu spät ist.

V. Elektrische Fernbahnen.

Die erste elektrische Eisenbahn wurde auf der Berliner

Gewerbeausstellung im Jahre 1879 durch Werner Siemens in Betrieb

gesetzt (Abb. 16). Auf Grund der mit dieser ersten, gewissermaßen nur

einen Versuch bildenden Elektrobahn gemachten Erfahrungen erbaute

sodann die Firma Siemens & Halske, Berlin, eine dem regelrechten

Personenverkehr dienende Bahn zwischen dem Anhalter Bahnhof und der

Hauptkadettenanstalt zu Lichterfelde bei Berlin. _Es war dies die erste

elektrische Eisenbahn der Welt im heutigen Sinne._

Werner Siemens hatte bereits erkannt, daß der elektrische Betrieb

sich besonders für die Überwindung starker Steigungen, für Bergwerke

und für städtische Hochbahnen eigne. Die Entwicklung der elektrischen

Eisenbahnen hat sich in der Weise vollzogen, daß diese zunächst sich

auf die von Werner Siemens vorstehend skizzierten Verhältnisse sowie

auf den Betrieb von Straßenbahnen beschränkten, sich dann aber auch

unter dem Vorgange Amerikas dem Betriebe der Fernbahnen zuwendeten. In

den Vereinigten Staaten von Amerika ging man infolge der Stärke des

dortigen Verkehrs mit dem Bau elektrischer Bahnen mit außerordentlicher

Schnelligkeit vor. Schon im Jahre 1890 waren dort 2600 km elektrischer

Eisenbahnen im Betrieb. Einige Jahre später begann auch in Europa

eine Zunahme des elektrischen Betriebes, zunächst allerdings nur bei

den Straßenbahnen. Vom Jahre 1911 aber setzte, unterstützt durch

die Leistungen der deutschen Elektrizitätswerke, der Allgemeinen

Elektrizitäts-Gesellschaft, der Union Elektrizitäts-Gesellschaft,

Siemens & Halske, Schuckertwerke, Bergmann A.-G. auch in Europa unter

Führung der preußischen und der schwedischen Staatsbahnverwaltung,

der Bau von elektrischen Vollbahnen kräftig ein. Schon im Jahre 1903

waren von der _Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen_ auf

der Strecke Marienfelde--Zossen Versuche mit elektrischen Lokomotiven

der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft und der Firma Siemens &

Halske angestellt, die Fahrgeschwindigkeiten von mehr als 200 km in

der Stunde ergaben, also die Geschwindigkeiten der Dampflokomotiven

verdoppelten. Hier wurde hochgespannter Drehstrom benutzt, der den

Motoren durch drei seitlich des Gleises angeordnete Drahtleitungen

zugeführt wurde. Die Gründe, die die Preußische Staatsbahnverwaltung

dazu geführt haben, für den Betrieb von Vollbahnen den elektrischen

Strom, und zwar den sog. einphasigen Wechselstrom zu benutzen, sind

die folgenden. Für Fernbahnen und Güterverkehr ist der Betrieb

mittels Gleichstrom von niedriger Spannung zu kostspielig. Bei

Verwendung von Drehstrom ist allerdings ein elektrischer Betrieb von

Fernbahnen möglich, jedoch ist -- abgesehen von der erforderlichen

doppelten Leitung -- die notwendige Wirtschaftlichkeit nur bei wenigen

bestimmten Geschwindigkeiten zu erzielen, wodurch die Anwendbarkeit des

Drehstroms stark beschränkt wird. Demgegenüber bietet der einphasige

Wechselstrom eine Betriebsform der elektrischen Zugförderung, die den

Anforderungen des Eisenbahnbetriebes in weitestem Umfange zu genügen

vermag. Er gestattet, elektrische Leistung mit sehr hoher Spannung und

daher in praktisch fast unbegrenzter Größe auf weite Entfernungen zu

übertragen und den Triebfahrzeugen oder Lokomotiven durch eine einfache

Fahrleitung, ähnlich wie bei den Straßenbahnen, zuzuführen. Auch können

Triebmaschinen verwendet werden, die sich in vollkommenster Weise den

wechselnden Bedingungen des Bahnbetriebes anpassen.

[Illustration: Abb. 16. Die erste elektrische Lokomotive. 1879.]

Die elektrische Zugbeförderung hat gegenüber dem Dampfbetrieb folgende

Vorzüge: geringeres Gewicht der Antriebseinrichtungen, bezogen auf

die Einheit der Leistung; wesentliche Ersparnis an Brennstoff bei

dichter Zugfolge, bei kurzen Abständen der Haltepunkte, bei schwerem

Verkehr und großer Fahrgeschwindigkeit, sowie auf Strecken mit starken

und langen Steigungen; Möglichkeit, Wasserkräfte sowie minderwertige

Brennstoffe, wie Braunkohlen und Torf, für die Beförderung der Züge

nutzbar zu machen; Rückgewinnung von Arbeit im Gefälle; geringere

Unterhaltungskosten der Triebfahrzeuge; geringere Aufwendungen für die

Fahrmannschaft, da elektrische Triebfahrzeuge nur mit _einem_ Mann

besetzt zu werden brauchen; die Fahrkurbel kann so eingerichtet werden,

daß der Zug selbsttätig zum Stillstand gebracht wird, wenn der Fahrer

sie nicht in ganz bestimmter Weise handhabt, was eintreten würde, wenn

der Fahrer dienstunfähig wird; geringer Raddruck der Triebfahrzeuge

und daher geringere Beschaffungs- und Unterhaltungskosten des

Oberbaues, weil die Anzahl der Triebachsen weniger beschränkt ist

als bei Dampflokomotiven. Auch lassen sich elektrische Lokomotiven

leistungsfähiger als Dampflokomotiven und in solcher Bauart herstellen,

daß sie enge Krümmungen ohne wesentlichen Zwang durchfahren können.

Hierdurch wird es möglich, bei Anlage neuer Bahnen diese dem Gelände

besser anzupassen als Dampfbahnen, was unter Umständen eine erhebliche

Verminderung der Baukosten zur Folge hat. Ferner läßt sich ein

vorhandenes Bahnnetz besser ausnutzen, da gegenüber Dampfbetrieb

die Zugfolge mehr verdichtet, die Zugbelastung und Geschwindigkeit

erhöht werden können und auch Bahnen mit ungünstigen Steigungs- und

Krümmungsverhältnissen dem großen Verkehr, dem sie sonst schwer

zugänglich sind, dienstbar werden. Zu diesen Vorzügen treten dann noch

Ersparnisse hinzu, die sich aus dem Wegfall der Kohlenvorräte, der

Wasserstationen, Gasanstalten und der besonderen Elektrizitätswerke

zur Beleuchtung und Kraftversorgung der Bahnhöfe und Werkstätten

ergeben. Der Personenverkehr kann durch Einlegen von mit Akkumulatoren

betriebenen Triebwagenfahrten in Fahrplanlücken mit verhältnismäßig

geringem Mehraufwand verbessert werden. Auch ist es möglich, den

Lokomotivbestand wegen der kürzeren Ruhepausen besser auszunutzen und

die Anzahl der Lokomotivgattungen einzuschränken, weil die elektrische

Ausrüstung bei Güter- und Personenzuglokomotiven die gleiche ist, und

nur für den Schnellzugdienst besondere Lokomotiven erforderlich sind.

Andrerseits läßt sich bei Prüfung der Wirtschaftlichkeit des

elektrischen Betriebes im Vergleich zum Dampfbetrieb nicht verkennen,

daß die Kraftwerke und die Leitungen bedeutende Anlagekosten und

daher auch einen großen Aufwand an Zinsen und Rücklagen beanspruchen.

Hieraus folgt, daß elektrischer Betrieb auf Bahnen mit schwachem

Verkehr dem Dampfbetrieb wegen schlechter Ausnutzung der teuren Anlagen

nachsteht, wenn nicht ein Ausgleich durch Abgabe elektrischer Energie

für Nebenzwecke möglich ist. Demnach ist der elektrische Betrieb in

erster Linie für Bahnen mit erheblichen Leistungen ins Auge zu fassen,

und namentlich für solche, wo die elektrische Energie aus Wasserkräften

oder aus billigen Brennstoffen gewonnen werden kann.

Hinsichtlich der Zuverlässigkeit steht der elektrische Betrieb,

wie die bereits vorliegenden reichen Erfahrungen lehren, hinter

dem Dampfbetrieb nicht zurück. Störungen, die durch Unfälle in

einem Kraftwerk verursacht werden, können durch Bereithaltung von

Aushilfsmaschinen oder durch Anlage mehrerer untereinander verbundener

Stromerzeugungsanlagen vermieden werden. Die neuesten Hilfsmittel

der Technik gewährleisten eine sehr betriebssichere Herstellung der

Leitungsanlagen und Triebfahrzeuge. Aus allen diesen Umständen hat

die preußische Staatsbahnverwaltung es als ihre unabweisbare Pflicht

erkannt, die Einführung der elektrischen Zugförderung mit Nachdruck zu

betreiben.

Auf Grund aller dieser Erwägungen ging man dann im Gebiete der

preußisch-hessischen Staatsbahnen mit der Einführung des elektrischen

Betriebes vor. Die hierzu erforderlichen Vorarbeiten konnten als

abgeschlossen gelten, nachdem eine größere Anlage, die Stadt- und

Vorortbahn _Blankenese--Ohlsdorf_, die Brauchbarkeit des elektrischen

Betriebes mit einphasigem Wechselstrom ergeben hatte.

Die erste seitens der preußischen Staatseisenbahn-Verwaltung

in Betrieb gesetzte elektrische Fern-Eisenbahn ist die Linie

_Magdeburg--Bitterfeld--Leipzig_ und _Leipzig--Halle a. d. S._ Zunächst

hat man die Strecke Dessau--Bitterfeld elektrisiert und ist auf Grund

der hier gemachten Erfahrungen zu der Elektrisierung der übrigen

Strecke übergegangen, von denen die von Magdeburg nach Leipzig 118 km

lang ist. Die ursprünglich auf 10000 Volt bemessene Fahrdrahtspannung

ist auf Grund der mit der Fahrleitungsanlage Dessau--Bitterfeld

gemachten günstigen Erfahrungen auf 15000 Volt erhöht. Das den

elektrischen Strom liefernde Kraftwerk liegt bei dem Dorfe Muldenstein

bei Bitterfeld und benutzt als Brennstoff die dort zu billigem Preise

zur Verfügung stehende Braunkohle. Die Betriebsmaschinen dieses

Kraftwerks sind 5 Dampfturbinen von je 5000 P.S. Der Strom von 60000

Volt Spannung wird durch eine kupferne Leitung nach Bitterfeld und

sodann zu den Unterwerken: Gommern bei Magdeburg, Marke zwischen Dessau

und Bitterfeld, Wahren zwischen Halle und Leipzig geleitet. In diesen

Unterwerken wird die Spannung auf 15000 Volt heruntertransformiert.

Die Fahrleitung wird von eisernen Masten getragen. Auf der Strecke

Dessau--Bitterfeld stehen dieselben in Abständen von je 75 m; auf

den übrigen Strecken ist dieser Abstand auf 100 m erhöht. Hierdurch

wird außer einer Verminderung der Porzellanisolatoren auch eine

bessere Übersichtlichkeit der freien Strecke und hiermit eine bessere

Sichtbarkeit der Signale erzielt. Das Tragseil der Fahrleitung besteht

auf der freien Strecke großenteils aus Stahl, teilweise auch aus

Bronze. Auf denjenigen Bahnhöfen, auf denen neben den elektrischen

Lokomotiven auch Dampflokomotiven verkehren, wird die gegen die

Rauchgase weniger empfindliche Bronze oder sog. Monnotmetall,

Kupferpanzerstahl, verwendet.

Auf der Strecke schwillt der Verkehr zur Zeit der Rübenernte stark

an. Die Gewichte der Personenzüge betragen durchschnittlich 170 t,

diejenigen der Schnellzüge 130 t, die der Güterzüge schwanken zwischen

600 t und 1500 t. Die Lokomotiven besitzen einen oder zwei hochliegend

angeordnete Triebmotoren, die ihre Energie unter Vermittlung einer

Blindachse auf die Treibachsen übertragen. Die Vorteile dieser Bauart

liegen in der durch die hohe Schwerpunktslage gewährleisteten guten

Lauffähigkeit der Lokomotiven, in der Zugänglichkeit der Triebmotoren

auch während der Fahrt. Abb. 17 stellt einen Personenzug einer

elektrischen Vollbahn nebst den Drahtleitungen dar.

Unter den elektrischen Fernbahnen steht, was Überwindung der bei

dem Bau in die Erscheinung tretenden Schwierigkeiten betrifft, an

erster Stelle die zur Spitze _der Jungfrau_ (Abb. 18), führende

elektrische Eisenbahn. Sie geht von der Station Klein-Scheidegg der

Wengernalpbahn in einer Meereshöhe von 2063 m aus und wird mit einer

Gesamtlänge von 12 km bis zur Spitze der Jungfrau (4166 m über dem

Meere) hinaufgeführt. Sie ist im Hinblick auf die zu überwindenden

starken Steigungen als Zahnradbahn von 1 m Spurweite ausgebildet. Die

einzelnen Stationen sind, von Scheidegg ab beginnend: Eigergletscher,

Rothstock, Eigerwand, Eismeer, Jungfraujoch, Jungfrau. Die Station

Jungfrau liegt etwa 70 m unter dem Gipfel; dieser letzte Höhenbetrag

wird durch einen senkrechten Aufzug überwunden.

[Illustration: Abb. 17. Ein Zug einer elektrischen Fernbahn.]

Die größte Steigung beträgt 250 0/00; die kleinsten Krümmungsradien

betragen in den Tunneln 200 m, auf der freien Strecke 100 m. Der

bei weitem überwiegende Teil der Bahn liegt in Tunneln; nur 2,2 km,

nämlich von Scheidegg bis kurz hinter Eigergletscher, liegen frei. Der

Betrieb erfolgt durch Drehstrom. Dieser wird mit 7000 Volt Spannung in

einem bei Lauterbrunnen belegenen Kraftwerk erzeugt, nach der Kleinen

Scheidegg geleitet und hier für den Lokomotivenbetrieb auf 500 Volt

umgeformt. Den Lokomotiven wird der elektrische Strom durch eine

Oberleitung zugeführt; jede Lokomotive hat 2 Motoren von je 150 P.S.

Die Fahrgeschwindigkeit beträgt nicht über 8,5 km in der Stunde. Zur

Sicherung der Züge sind drei voneinander unabhängige Bremseinrichtungen

vorgesehen, von denen jede einzelne den ganzen Zug halten kann.

[Illustration: Abb. 18. Die Jungfraubahn.]

Die Stationen sind in den Fels eingesprengt, jedoch mit Öffnungen nach

der Außenseite des Berges zu ausgestattet, um einen Überblick über

die Welt des Hochgebirges zu ermöglichen. Die ganze Bahn ist fast

ein einziger scharf aufsteigender Tunnel. Die Station Eigergletscher

wurde, nachdem mit den Bauarbeiten im Jahre 1896 begonnen war, am 19.

September 1898 dem Verkehr übergeben; ihr folgte am 18. Juni 1903 die

Station »Eigerwand« und am 25. Juli 1905 die Station »Eismeer«. Der

Bau ruhte nun bis zum Winter 1907. Man befolgte nämlich bei dem Bau

der Jungfraubahn das Prinzip der stufenweisen Vollendung, da diese

sich als finanziell vorteilhaft erwiesen hat. Ursprünglich sollte

die ganze Linie innerhalb von 7 Jahren mit einem Kostenaufwande von

8000000 Fr. ausgeführt werden. Nun stellte sich aber, wie bei vielen

anderen Riesenwerken, alsbald heraus, daß die veranschlagten Baukosten

erheblich überschritten werden mußten und zwar allmählich um 2000000

Fr. Das zu durchbohrende Gestein zeigte nämlich eine derartige Härte,

daß der laufende Meter des Tunnels über 1000 Fr. kostete. Dadurch, daß

man in die Bauarbeiten Pausen einschaltete, erreichte man eine bessere

Verzinsung des aufgewendeten Kapitals.

Die Tunnelstrecke Eismeer--Jungfraujoch hat eine Länge von 3,5 km

und wurde am 1. August 1912 eröffnet. Man begann zunächst hinter

der Station Eismeer mit dem Ausbruch eines Raumes zur Aufnahme

der Einrichtungen für den Betrieb der Bohrmaschinen und für die

Aufrechterhaltung der Lüftung. Auch trieb man einen Querstollen ins

Freie hinaus, aus dem man das ausgebrochene Gestein in die Tiefe

hinabstürzte. Im Juni 1911 brach man einen zweiten Hilfsstollen, den

60 m langen Mönchsstollen zur Südwestwand des »Mönch« hindurch, wodurch

die Ventilation erheblich verbessert und der Abwurf des losgesprengten

Materials wesentlich erleichtert wurde. Der Vortrieb des Tunnels betrug

wegen der großen Härte des Gesteins (Gneis) nur etwa 3,5 m täglich.

Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit · 第 4 / 9 段