Der die Nordsee mit der Ostsee verbindende _Kaiser-Wilhelm-Kanal_

oder _Nord-Ostsee-Kanal_ ist in den Jahren 1887--1895 mit einem

Kostenaufwand von rund 156 Mill. Mark erbaut. Er ist an 99 km lang

und wurde mit einer Sohlenbreite von 22 m ausgeführt; seine Tiefe

beträgt 8 m bis 10,3 m. Die Breite des Wasserspiegels beläuft sich

bei gewöhnlichem Wasserstande, der dem mittleren Wasserstande der

Ostsee gleicht, auf 67 m. Als Wendestelle für die größern, den Kanal

durchfahrenden Schiffe dient der Audorfer See bei Rendsburg. Der Kanal

ist nur an seinen beiden Enden, bei Brunsbüttel an der Elbe und bei

Holtenau an der Kieler Föhrde, mit Schleusen, und zwar mit je zweien

ausgestattet. Dieselben sind für gewöhnlich geschlossen und werden

nur geöffnet, wenn Schiffe hindurchgelassen werden. Die Brunsbütteler

Schleuse dient außerdem noch der Entwässerung. Die Endschleusen

waren erforderlich, um die Schwankungen des Wasserstandes der Elbe,

die schon bei gewöhnlichem Flutwechsel 2,6 m betragen, und die der

Kieler Föhrde, die bei starkem Winde sehr beträchtlich sind, von dem

Kanal fernzuhalten. Als dieser erbaut wurde, rechnete man damit, daß

man es in der absehbaren Zukunft mit Schiffen von höchstens 145 m

Länge, 23 m Breite und 8,5 m Tiefgang zu tun haben werde, und man

rechnete mit einem Verkehr von etwa 18000 Schiffen mit 5-1/2 Mill.

Netto-Registertonnen[1] Raumgehalt. Allmählich überstiegen aber die

Schiffe nach Zahl und Inhalt diese Voraussetzungen. Im zehnten Jahre

nach der Eröffnung (1905) durchfuhren den Kanal 33147 Schiffe mit

5749949 Netto-Registertonnen; hierbei hatte die Durchschnittsgröße der

Schiffe sich von 94 auf 175 Netto-Registertonnen erhöht.

[1] 1 Registertonne = 100 Kubikfuß englisch = 2,83 cbm.

Inzwischen wuchsen die Abmessungen der Schiffe, sowohl der Kriegs-,

wie der Handelsmarine derart, daß auf eine Erweiterung des Kanals

gesonnen werden mußte; war dieser doch für Schiffe von den Abmessungen

der »Mauretania«, »Lusitania«, »Olympic«, »Imperator« und »Vaterland«

nicht benutzbar; dasselbe galt von den neueren Linienschiffen und den

großen Kreuzern. Der seitens des Kanalamts in Kiel und des Reichsamts

des Innern zu Berlin ausgearbeitete Entwurf für die Erweiterung des

Kaiser-Wilhelm-Kanals fand daher im Jahre 1907 sofort die Zustimmung

der gesetzgebenden Körperschaften des Deutschen Reichs. Bei den

Einfahrten des Kanals sah man sogleich von einem _Umbau_ der Schleusen

ab und man ging zu deren völligem _Neubau_ über. Dagegen wurde für das

Kanalbett nur eine dem voraussichtlichen spätern Bedarf entsprechende

Erweiterung angenommen, da jenes jederzeit anstandslos erweitert werden

kann. Der neue Querschnitt des Kanals hat bei einer Sohlenbreite von

44 m eine Wassertiefe von 11 m und eine Breite des Wasserspiegels von

102 m. Für das Begegnen der Schiffe sind 10 zweiseitige Ausweichen

von 600 bis 1100 m Länge und eine einseitige von 1400 m Länge

vorgesehen. Vier der erstgenannten Ausweichen (von 1000 m Länge) sind

mit Wendestellen versehen. Die Erweiterungsbauten sind so ausgedehnt,

daß die für dieselben erforderlichen Bodenaushebungen im Betrage von

rund 102 Mill. cbm erheblich größer sind als die bei der Herstellung

des ursprünglichen Kaiser-Wilhelm-Kanals ausgebaggerten, 83 Mill. cbm

betragenden Erdmassen. _Die neuen Kanalschleusen sind größer als die

des Panama-Kanals und die größten der Welt._ Jede derselben hat eine

nutzbare Kammerlänge von 330 m, eine lichte Weite von 45 m und eine

Drempel- und Sohlenbreite von 13,77 m unter dem mittlern Wasserstande

des Kanals. Dies bedeutet eine Tiefe von 12,4 m unter dem gewöhnlichen

Elbniedrigwasser, sowie von 13,77 m unter dem mittleren Ostseewasser.

Diese Tiefe soll auch beschädigten und infolgedessen tiefer gehenden

Schiffen noch das Einlaufen ermöglichen.

Die Schleusen bestehen im wesentlichen aus Beton. Jede derselben hat 3

Schiebetore, von denen das mittlere die 330 m betragende Länge zwischen

Außen- und Binnentor in zwei kleinere Kammern von 100 m und 221 m

nutzbarer Länge zerlegt und außerdem zur Reserve dienen soll. Jede

der beiden Schleusenanlagen umfaßt an 400000 cbm Mauerwerk. Auf der

Kopfbreite der Schleusentore können zwei beladene Heuwagen von einer

Schleusenkammer zur andern hinüberfahren.

Zur Überführung der den Kanal kreuzenden Landverkehrswege dienten

bei dem ursprünglichen Kanale zwei eiserne Eisenbahn- und

Straßenhochbrücken (Bogenbrücken), bei Grünenthal und Levensau, mit

42 m lichter Höhe über dem gewöhnlichen Wasserspiegel, eine einarmige

Eisenbahndrehbrücke bei Taterpfahl, zwei Eisenbahndrehbrücken

derselben Bauart und eine Straßendrehbrücke bei Rendsburg, ferner

eine Prahmdrehbrücke für den Straßenverkehr in Holtenau, außerdem

eine Anzahl durch Handbetrieb oder motorisch bewegter Fähren. Diese

Überführungen mußten infolge der Erweiterung des Kanals wesentlich

ergänzt und umgebaut werden. Die eisernen Hochbrücken bei Grünenthal,

für die Eisenbahn Neumünster--Heida und eine Landstraße, und bei

Levensau (Eisenbahn Kiel--Flensburg und eine Landstraße) konnten

bestehen bleiben und erforderten nur neue Ufersicherungen, da ihre

Spannweiten auch für den erweiterten Kanal genügten. Dagegen mußten die

Drehbrücken bei Taterpfahl und Rendsburg sowie die Prahmdrehbrücken

bei Holtenau durch eiserne Hochbrücken und die Straßendrehbrücke

bei Rendsburg durch eine neue, weitergespannte Drehbrücke ersetzt

werden. Die drei neuen Hochbrücken müssen, gleich den beiden

bestehenden Hochbrücken, eine lichte Höhe von 42 m über dem mittleren

Kanalwasserstand besitzen. Da diese Bauwerke in niedrigen Gegenden

zu errichten waren, erforderten sie beiderseits lange Rampen mit

Dammschüttungen. Hierbei gestaltete sich die Einfahrt in den Bahnhof

Rendsburg sehr schwierig; sie konnte nur unter Zuhilfenahme einer

Schleife ermöglicht werden, die an die den Kanal überspannende

Hochbrücke führt und die größte Brückenanlage Deutschlands bildet.

Die Kosten der Kanalerweiterung sind auf insgesamt 223 Mill. Mk.

veranschlagt. Bemerkenswert ist, daß, wenn auch im ganzen die Kosten

der Kanalerweiterung -- insbesondere die Baggerarbeiten und die Anlage

der Schleusen -- die entsprechenden Kosten des ursprünglichen Kanals

erheblich übertreffen, dennoch infolge der inzwischen erfolgten

Fortschritte der Technik eine im Durchschnitt billigere Ausführung

möglich war.

Unter den zahlreichen Kanalbauten der Gegenwart nimmt der

_Großschiffahrtsweg Berlin--Stettin_ insofern eine besonders

hervorragende Stellung ein, weil er bezweckt, die Hauptstadt des

Deutschen Reiches mit dem Meere zu verbinden. Als bester Anschlußort

Berlins an die See bot sich Stettin dar. Der Verkehr zwischen Berlin

und Stettin vollzog sich in früheren Zeiten zunächst in der Weise,

daß die Waren die Spree aufwärts bis zum oberhalb von Fürstenwalde

belegenen Kersdorfer See befördert wurden, von hier auf dem Landwege

bis Frankfurt a. O. und von dort die Oder abwärts nach Stettin

gelangten. Im 17. Jahrhundert wurde eine Verbindung zu Wasser zwischen

der Havel und der Oder durch den Bau des Finow-Kanals hergestellt.

Dieser war aber bei weitem nicht imstande, den zwischen Berlin und

Stettin bestehenden lebhaften Verkehr zu bewältigen, und so schritt man

dann im Jahre 1904 zu dem Bau des Großschiffahrtsweges Berlin--Stettin.

Derselbe hat eine Länge von 100 km; er beginnt in zwei Armen von

Spandau und von Plötzensee aus, die sich im Tegeler See vereinigen.

Sodann folgt er dem Laufe der Havel bis zum Lehnitzsee und geht von

hier nach Nieder-Finow a. d. Oder. Die Spiegelbreite des Kanals beträgt

33 m, seine Tiefe 3 m. Der zu bewältigende Jahresverkehr beträgt

4900000 t. Für den Transport der Waren dienen 600 t-Kähne; zwei dieser

Kähne können sich im Kanal anstandslos ausweichen. Die Gesamtkosten

belaufen sich auf etwa 43 Mill. Mk., für die die Zinsgarantie seitens

der Städte Berlin, Stettin und Charlottenburg ihrem wesentlichen

Betrage nach übernommen wurde. Zwischen dem Lehnitzsee und Nieder-Finow

bietet der Kanal etwas Eigenartiges dar, indem er hier höher als das

benachbarte Gelände liegt. Er muß also in einem Damm dahingeführt

werden, dessen Sicherung gegen Durchsickern besondere Maßnahmen,

nämlich das Aufbringen einer Tonschicht erforderte, deren Stärke

zwischen 30 und 80 cm schwankt. Auf dieser 50 km langen Strecke würde

ein Dammbruch die Gefahr mit sich bringen, daß die Wasser des Kanals

sich über die benachbarte Gegend ergießen, daß der Kanal sich entleerte

und die unterwegs befindlichen Schiffe auf Grund gerieten. Um allen

diesen bösen Vorkommnissen vorzubeugen, ist auf dieser Strecke an drei

Stellen eine sog. Wassertorbrücke oder ein Sicherheitstor in den Kanal

hineingebaut. Diese Vorrichtung besteht in einer senkrecht auf- und

abwärts bewegbaren Wand, die erforderlichenfalls in das Profil des

Kanals hinabgelassen werden kann und dieses absperrt, im übrigen aber

stets oberhalb des Wasserspiegels schwebt und den Verkehr nicht hindert.

[Illustration: Abb. 13. Das projektierte Schiffshebewerk bei

Nieder-Finow.]

Der Abstieg in das Odertal bei Nieder-Finow, wo ein Höhenunterschied

zwischen der Scheitelhaltung und der Oder von 36 m besteht, geschieht

durch vier Schleusen. Später soll hier noch ein Hebewerk errichtet

werden. Dieses Hebewerk ist in Abb. 13 dargestellt und besteht aus

einem gewaltigen aus Eisenfachwerk hergestellten Wagebalken, der

an seinen beiden Enden einen Trog trägt, in welchen die Schiffe

hineinfahren. Wird der Wagebalken gedreht, so senkt sich dessen eines

Ende nach unten, während das andere Ende aufwärts schwingt. Hierbei

werden die die Schiffe enthaltenden Tröge entweder mit der oberen oder

mit der unteren Haltung in Verbindung gebracht, so daß die Schiffe

dann ihre Fahrt weiter fortsetzen können. Bei Hohensaaten sind zwei

Schleppzugsschleusen erbaut. Dieselben haben eine Länge von 220 m und

eine Breite von 19 m; sie können einen ganzen Schleppzug von sechs

großen Kähnen nebst dem Schleppdampfer auf einmal durchschleusen.

Bemerkenswert ist noch der Brückenkanal, der bei Eberswalde den Kanal

über die 11 m tiefer liegende Eisenbahn Berlin--Stettin hinwegführt.

Zum Ablassen des Kanals dient eine ungefähr in der Mitte der

Scheitelhaltung vorgesehene Anlage. Diese besteht aus einem durch eine

kleine Pumpe in Gang zu setzenden Heber, der in der Sekunde bis zu

4000 l Wasser über den Kanaldamm hinweg in den Mäckersee hinüberpumpt,

der dann das Wasser durch den Finow-Kanal der Oder zuführt.

[Illustration: Abb. 14. Das Schiffshebewerk bei Henrichenburg.]

Die Erfahrungen des Weltkrieges haben ergeben, daß das Fehlen eines die

Eisenbahnen entlastenden Netzes von Wasserstraßen sich sehr störend

bemerkbar macht, sobald erstere in Folge anderweitiger Überlastung die

Beförderung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, der Kohle, des Eisens

und sonstiger Massengüter nicht ausführen können. Daher befinden sich

jetzt zwei wichtige deutsche Kanalverbindungen im Bau und in weiterer

Ausgestaltung: der vom Westen zum Osten führende _Mittellandkanal_ und

der die Donau mit dem Rhein verbindende _Rhein-Donau-Kanal_. Der Bau

dieser Wasserstraße wurde schon von Goethe als erforderlich bezeichnet,

der aber die Kosten für unerschwinglich hielt »zumal in Erwägung

unserer deutschen Mittel«.

Wenngleich zur Überwindung der von Kanälen zu überschreitenden

Höhenzüge und Gebirge meist Schleusentreppen genügen, die die Höhe

allmählich erklimmen, so treten doch hin und wieder auch Verhältnisse

auf, die dazu zwingen, die Höhendifferenzen in einem einzigen Absatz

zu überwinden. Das vorstehend beschriebene bei Nieder-Finow geplante

Schiffshebewerk bildet hierfür ein Beispiel. Ein anderes Beispiel,

das im Zuge des Dortmund-Ems-Kanals bei Henrichenburg im Betrieb

befindliche Hebewerk, stellt Abb. 14 dar. Bei diesem ruht der das zu

hebende oder zu senkende Schiff aufnehmende Trog auf fünf Schwimmern,

die sich in in die Erde hineingebauten Brunnen auf- und abwärts bewegen

können, je nachdem in diese Brunnen Wasser hineingelassen wird, das

die Schwimmer und den Trog emporhebt. Soll der Trog gesenkt werden,

so wird das Wasser aus den Brunnen hinausgelassen. Bei einer Anzahl

von Schiffshebewerken ruht der das Schiff aufnehmende Trog auf Kolben,

die in hydraulischen Zylindern durch Wasserdruck gehoben werden. Soll

das Schiff gesenkt werden, so läßt man das Wasser aus den Zylindern

hinaustreten.

IV. Staudämme, Talsperren und elektrische Überlandzentralen.

Die ersten Anfänge des Baus von Staudämmen und Talsperren reichen bis

in das frühe Altertum zurück. Schon damals erkannte man deren hohen

Wert, der für jene Zeiten darin sich verkörperte, daß in wasserreichen

Monaten Vorräte gesammelt wurden, die während der wasserarmen,

trockenen Zeit zur Bewässerung der Ländereien dienten. Schon vor

Tausenden von Jahren baute man derartige zum Teil sehr ansehnliche

Wasserspeicher in Ägypten, auf Ceylon, in China, Japan und in Indien.

Zu den bedeutendsten Staudämmen des Altertums gehört der Möris-See,

so benannt nach seinem Erbauer, dem König Möris. Dieser gewaltige See

war imstande, Milliarden von Kubikmetern Wasser aus dem Nil zur Zeit

der Hochwasser aufzunehmen und aufzuspeichern. Am Euphrat errichtete

schon die Königin Nitokris eine großartige Stauanlage. Aus der späteren

Zeit, beginnend um die Mitte des 16. Jahrhunderts, sind die planmäßig

angelegten Stauanlagen des Oberharzes zu nennen, die für die dortigen

Bergwerke das Aufschlagwasser lieferten und während des Weltkrieges

die Aufrechterhaltung der Kupfergewinnung ermöglichten, die an andern

Orten Deutschlands durch den Kohlenmangel gehindert wurde.

Nach Dr. _G. Respondek_ ergibt sich folgende Übersicht über die in den

wichtigsten Industrieländern vorhandenen Wasserkräfte:

+-------------------+--------------+------------+------------+

| Land | ausgenutzte | verfügbare | ausgenutzt |

| |--------------+------------+ |

| | Wasserkräfte in P.S. | v. H. |

+-------------------+--------------+------------+------------+

|Vereinigte Staaten | 7000000 | 28100000 | 24,9 |

|Kanada | 1735000 | 18803000 | 9,2 |

|Frankreich | 1100000 | 5587000 | 11,6 |

|Norwegen | 1120000 | 5500000 | 20,4 |

|Spanien | 440000 | 5000000 | 8,8 |

|Schweden | 7045000 | 4500000 | 15,6 |

|Italien | 976300 | 4000000 | 24,4 |

|Schweiz | 511000 | 2000000 | 25,5 |

|Deutschland | 618000 | 1425000 | 43,4 |

|Großbritannien | 80000 | 963000 | 8,3 |

+-------------------+--------------+------------+------------+

Demnach steht Deutschland bezüglich der Ausnutzung seiner Wasserkräfte

an erster Stelle. Dagegen entfallen von seinen Wasserkräften nur

0,02 P.S. auf den Kopf der Bevölkerung, während dieser Betrag in den

übrigen Ländern um ein vielfaches höher ist. Will also Deutschland im

Wettkampf mit den übrigen Industrieländern nicht unterliegen, so muß es

seine Wasserkräfte voll ausbauen.

In der neuesten Zeit hat der Bau der Staudämme und Talsperren auf Grund

wissenschaftlicher Vertiefung einen ungeahnten Aufschwung genommen, und

wir begegnen zurzeit in allen Weltteilen Neubauten und Plänen, deren

einer den andren an Größe überbietet. Es ist dies zu einem erheblichen

Teil das Verdienst des im Jahr 1904 verstorbenen Aachener Professors

Intze.

Die Talsperren können verschiedenen Zwecken dienen, von denen meist

mehrere bei den einzelnen Anlagen in Betracht kommen. Hier ist an

erster Stelle die Gewinnung von Kraft zu nennen; diese ist in der

neusten Zeit um deswillen von besonderer Bedeutung, weil der mittels

der Wasserkräfte erzeugte elektrische Strom bequem und wirtschaftlich

vorteilhaft über weite Strecken dahingeleitet und zum Betrieb

von Arbeitsmaschinen aller Art benutzt werden kann. An sonstigen

Aufgaben, die die Staudämme zu erfüllen haben, sind zu nennen: der

Hochwasserschutz, die Bewässerung von Ländereien, die Versorgung von

Ortschaften mit Trinkwasser, die Erhöhung des Niedrigwassers der

Flüsse und -- was neuerdings von besonderer Wichtigkeit ist -- die

Speisung der Schiffahrtskanäle.

Die Anlage der Staudämme ermöglicht sich am bequemsten im Gebirge,

denn hier kann durch Errichtung einer Staumauer ein Tal alsbald in

einen Stausee verwandelt werden. Die Vorarbeiten bestehen in der auf

Grund meteorologischer und statistischer Aufzeichnungen erfolgenden

Feststellung der im Laufe des Jahres aus Niederschlägen und Zuflüssen

zu erwartenden Wassermengen. Besondere Sorgfalt ist der Berechnung der

Abmessungen der Staumauern zuzuwenden, für welche als Baustoffe in

erster Linie Erde und Mauerwerk in Betracht kommen. Der Querschnitt

der Mauer nimmt entsprechend der Beanspruchung, die sie durch das im

Becken aufgestaute Wasser erfährt, von oben nach unten hin zu und

weist oft sehr erhebliche Abmessungen auf. Fehlerhafte Berechnung

der letzteren kann zu den folgenschwersten Ereignissen führen. Wir

erwähnen hier als den verderblichsten Dammbruch, dem am 31. Mai 1889

der im Tale des South Forkflusses in der Nähe der Stadt Johnstown in

Pennsylvanien belegene im Jahre 1842 erbaute Staudamm zum Opfer fiel;

derselbe kostete gegen 4000 Menschen das Leben und verursachte einen

Schaden von 35 Mill. Dollar. Dem am 27. April 1895 erfolgten Einsturz

der Sperrmauer von Bouzy fielen 90 Menschen zum Opfer.

Im Innern der Mauer müssen Stollen und Rohrleitungen angebracht

werden, durch welche das Wasser dem Becken entnommen und seiner

Zweckbestimmung zugeführt wird. Auch müssen für den Fall, daß

die aufgestaute Wassermenge einen die Mauer gefährdenden Betrag

übersteigt, Überläufe und Auslässe vorgesehen werden, um rechtzeitig

eine Entlastung der Mauern herbeizuführen. Die Mauern müssen ferner,

um dem Druck des Wassers widerstehen zu können, nach der Wasserseite

zu gewölbt verlaufen. Die älteste nach neuzeitlichen Grundsätzen

erbaute Stauanlage Deutschlands ist die im Jahre 1889 begonnene

Eschebachtalsperre; dieselbe dient der Wasserversorgung der Stadt

Remscheid. Zu den größten Staubecken der Erde gehört die _Urftalsperre

bei Gmünd in der Eifel_ (Abb. 15); dieselbe vermag gegen 45,5 Mill.

cbm Wasser zu stauen und bezweckt die Verhütung von Hochwasser und die

Lieferung von Kraft. Die Kosten ihrer Herstellung betrugen 4 Mill.

Mk. Die Staumauer hat eine Höhe von 58 m und eine Länge von 228 m.

Auch das Wupper- und Ruhrtal, der Freistaat Sachsen und Schlesien

verfügen über eine Anzahl von großartigen Talsperren. In Schlesien

sind besonders die Gebiete des Bobers und des Queis zu nennen, für

die im ganzen 17 Stauanlagen geplant sind. Hier waren vor allem die

verderblichen Hochwasserkatastrophen des Jahres 1897 die treibende

Ursache. Die bei _Marklissa_ belegene, 15 Mill. Kubikmeter fassende

Talsperre hatte gelegentlich der Hochflut des Sommers 1907 Gelegenheit,

sich segensreich zu bewähren. Diese Anlage erzielte durch Abgabe von

Kraft schon im Jahr 1908 eine Jahreseinnahme von etwa 240000 Mk. Von

umfangreicheren Abmessungen ist eine andre Anlage Schlesiens, nämlich

die in den Jahren 1903--1912 bei Mauer erbaute _Bober-Talsperre_ mit

einem Inhalt von 50,5 Mill. cbm. Die Sperre bei Marklissa hat eine

Länge von 130 m, eine Mauerwerksmasse von 65000 cbm und eine Höhe von

45 m. Die Sperre bei Mauer ist 270 m lang, hat eine Mauerwerksmasse von

250000 cbm und eine Höhe von 60 m.

[Illustration: Abb. 15. Die Urftalsperre.]

Die Abführung des aufgespeicherten Wassers geschieht für gewöhnlich

durch Grundablässe, bei besondern Umständen aber, so z. B. bei

Erreichung einer übergroßen Stauhöhe, durch Überfälle. Die

Grundablässe liegen in der Tiefe des Staubeckens und gestatten,

das Wasser von unten abzulassen. Sie bestehen in Kanälen, die mit

Schieberverschlüssen ausgestattet sind; letztere werden von der Krone

der Staumauer oder von einem in das Becken vorgebauten Häuschen aus

bewegt. Die Weite dieser Kanäle ist oft eine sehr beträchtliche und

beträgt z. B. bei der Marklissa-Sperre 1,10 m, bei der Mauer-Sperre

1,50 m. Die Schieber stehen unter einem sehr hohen Wasserdruck.

Dieser beträgt bei 1,10 m Rohrweite und 40 m Wassertiefe 38000 kg;

bei 1,5 m Weite und 48 m Wassertiefe 84000 kg. Diese Belastungen

sind, da das Wasser mit mehr als 20 m Geschwindigkeit in der Sekunde

austritt, mit starken Stößen verbunden. Außerdem bilden sich hinter den

Verschlußvorrichtungen infolge der saugenden Wirkung des ausströmenden

Wassers luftleere Räume. Aus alledem folgt, daß der Bau sicher

wirkender Abschlußvorrichtungen der Grundablässe eine überaus schwer

zu lösende Aufgabe bildet. Auf Grund von Versuchen ist es endlich

gelungen, Schieber herzustellen, die den eigenartigen Anforderungen

genügen. Die Überfälle, die z. B. bei Marklissa während des Hochwassers

780 cbm, bei Mauer sogar 1200 cbm in der Sekunde abführen müssen,

werden entweder in Kaskaden- und Treppenform oder als einziger großer

von der Krone der Sperrmauer sich herabstürzender Fall ausgeführt. Bei

den Kaskadenüberfällen (Abb. 15) ergießt sich das von der Krone der

Sperrmauer herabfallende Wasser über eine Anzahl von Treppenstufen

abwärts.

Das größte Staubecken Europas ist die _Edertalsperre_ bei Hemfurt in

Waldeck mit einer Staumenge von 202,4 Mill. cbm. Dieser Stausee, dem

drei blühende Dörfer vollständig und zwei Dörfer teilweise zum Opfer

fielen, hat eine Länge von 27 km und eine größte Breite von 1 km. Der

Anlaß zum Bau dieses mit einem Kostenaufwand von ca. 20 Mill. Mk.

ausgeführten Riesenwerkes wurde durch die Notwendigkeit gegeben, den im

Bau begriffenen Mittellandkanal aus der Weser zu speisen und zugleich

eine Verbesserung des Fahrwassers der Weser bei niedrigem Wasserstande

zu schaffen. Bei Minden überschreitet der Mittellandkanal die Weser

mittels eines den Strom brückenartig überspannenden Bauwerks, eines

sog. Brückenkanals, und hier sollten aus der Weser 7500 l pro Sekunde

in den Kanal emporgepumpt werden. Diese Wassermenge konnte nun aber

ohne schwere Schädigung der Schiffahrt der Weser nicht dauernd entzogen

werden. Auch eine Kanalisation der Weser erschien nicht angängig, da

der Staat Bremen seine Zusage, die bedeutenden Kosten zu tragen,

zurückzog, als der preußische Landtag den Bau des Kanals nicht sogleich

vom Rhein bis zur Elbe, sondern vorläufig nur bis Hannover bewilligte.

Infolgedessen faßte man den Plan, im Quellgebiet der Weser Talsperren

zu schaffen. Eine derselben liegt an der Diemel bei Niedermarsberg

mit 45 Mill. cbm Staumenge; die zweite ist die Edertalsperre. Hier

lagen die Verhältnisse besonders günstig, da das abzusperrende Tal

besonders eng ist und ein sehr günstiger Baugrund zur Verfügung steht.

Die Sperrmauer hat eine Höhe von 48 m über der Talsohle und eine Länge

von 400 m; sie beanspruchte 300000 cbm Mauerwerk. Am linken Abhang des

Tales liegt eine große Überlandzentrale, welche die in dem Stausee

aufgespeicherten Kräfte in elektrischen Strom verwandelt und in dieser

Form 100 km weit fortleitet, um der Landwirtschaft und der Industrie

dienstbar gemacht zu werden. Außer an den beiden Talhängen zu je sechs

angeordneten 1,35 m bis 1,5 m weiten Eisenrohren ist unmittelbar

unterhalb der Mauerkrone ein Überfall von 145 m Länge für das

Hochwasser angebracht. Außerdem erhielt die Mauer noch 14 Notauslässe

14,5 m unterhalb der Mauerkrone. Diese werden geöffnet, wenn der

Gefahrpunkt erreicht ist, d. h. wenn man das Mauerwerk nicht dem vollen

Wasserdruck aussetzen will. Am Fuße der Mauer ist ein Becken von 6 m

Tiefe angebracht, das zum Abfangen der von der Mauer herabstürzenden

Wassermengen dient. Auf diese Weise wird die Geschwindigkeit dieser

Wassermengen derart gemildert, daß sie unbedenklich ihren Weg

talabwärts fortsetzen können, ohne daß zu befürchten ist, daß sie eine

verheerende reißende Wirkung ausüben können.

Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit · 第 3 / 9 段