Bei dem Gotthardtunnel hatte man sich mit derjenigen Lüftung

begnügt, die durch die aus den Gesteinsbohrmaschinen austretende

Abluft bewirkt wurde. Diese genügte jedoch bei weitem nicht, und

die vor Ort herrschende, durch die Sprengstoffe, die Lampen und die

menschlichen Ausdünstungen hervorgerufene Luftverschlechterung hatte

zahlreiche Krankheits- und Todesfälle unter der Tunnelmannschaft zur

Folge. Man mußte bei dem Simplontunnel nach dieser Richtung um so

vorsichtiger verfahren, weil man auf außergewöhnliche Temperaturen

im Innern des Gebirges gefaßt sein mußte, und weil der Tunnel der

längste bisher in Angriff genommene war. Man nahm die für 500 Arbeiter

erforderliche Luftmenge zu 1500 cbm in der Minute an und gelangte zu

einem überaus eigenartigen und wirksamen Hilfsmittel, um diese große

Menge tatsächlich an Ort und Stelle zu schaffen. Dieses Hilfsmittel

bestand in einem Parallelstollen, den man in gleicher Höhenlage neben

dem eigentlichen Tunnel vortrieb und den man als Luftzuführungsrohr

benutzte. Diese beiden Stollen wurden in Abständen von je 100 m durch

Querschläge miteinander verbunden. Von diesen Querschlägen wurde

jeweilig nur der am nächsten vor Ort liegende, also der letzte,

offen gehalten, während alle übrigen Querschläge geschlossen wurden.

Mittels gewaltiger Fliehkraftgebläse wurde in den einen Stollen Luft

eingetrieben; diese trat durch den vordersten Querschlag in den anderen

Stollen über, um dann durch diesen und dessen Mundloch wieder ins

Freie zu treten. Unsere Abb. 9 läßt die Mundlöcher der beiden Stollen

deutlich erkennen. Auf diese Weise strich also durch den Tunnel

andauernd ein für die erforderliche Lufterneuerung und Luftkühlung

hinreichender Luftstrom hindurch. Diejenige kurze Strecke, welche

zwischen dem letzten Querschlag und der vordersten Arbeitsstelle lag,

wurde durch besondere Leitungen mit Frischluft versorgt. Der Abstand

der beiden Tunnelachsen beträgt 17 m. Einer dieser Tunnel wurde sofort

auf den erforderlichen Querschnitt ausgearbeitet. Der zweite Tunnel

wird erst jetzt zu einem Volltunnel erweitert.

Entsprechend den großen im Innern des Berges auszuführenden Arbeiten

waren die vor dem Tunnel zu errichtenden Werk- und Kraftanlagen

bemessen. Die hierauf verwandten Kosten belaufen sich auf 4 Mill. Fr.

auf jeder Tunnelseite. Auf der Nordseite konnte man der Rhone eine

dem Kraftbedarf von 2000 P.S. genügende Wassermenge entnehmen; auf

der Südseite stellte die Diveria die gleiche Menge nebst Gefälle zur

Verfügung. Bevor die Wasserkraftanlagen in Benutzung genommen werden

konnten, behalf man sich mit Halblokomobilen. Die im Innern des Tunnels

verkehrenden Lokomotiven wurden mit Preßluft von 80 Atm. betrieben.

Elektrische Beleuchtung kam nur außerhalb des Tunnels zur Anwendung.

Die Werkstätten hatten einen derartigen Umfang und waren außerdem mit

den verschiedenartigsten Einrichtungen in einer Weise ausgestattet,

daß weitestgehende Ausbesserungsarbeiten und Neuherstellungen in ihnen

ausgeführt werden konnten. Besonders hervorzuheben sind die großen

auf das vorzüglichste eingerichteten Bade- und Waschhäuser für die

Arbeiter und Ingenieure, die Krankenhäuser und die Arbeiterwohnungen.

Der Gesamtverbrauch an Sprengstoffen belief sich auf 2000 t oder 200

Eisenbahnwagenladungen.

[Illustration: Abb. 10. Das Profil des Simplonmassivs.]

Während des Baues stellten sich unvorhergesehene, nur mit äußerstem

Aufwande besonderer neuer Maßnahmen zu überwindende Schwierigkeiten

ein. Man hatte dieselben um so weniger erwartet, als die geologischen

Verhältnisse sich im Laufe des Vortriebs des Tunnels nicht im Einklang

mit den Gutachten der Sachverständigen ergaben, die eine überaus

günstige Gesteinslagerung als wahrscheinlich vorhanden angegeben

hatten. Unsre Abb. 10 gibt in ihrem oberen Teile das geologische Profil

wieder, wie man es erwartet hatte, und in ihrem unteren Teile, wie

es auf Grund der gemachten Erfahrungen sich ergab. Die auftretenden

Schwierigkeiten waren mehrfacher Art. In der mittleren 7 km langen

Strecke hatte man trockenen, steil aufgerichteten Gneis erwartet.

Statt dessen traf man auf wasserführende, flach und selbst wagerecht

verlaufende Schichten, wodurch die Bohrarbeit und die Ausmauerung des

Tunnels auf das äußerste erschwert wurden. Auf der nördlichen Seite,

wo man auf eine Gesteinswärme von höchstens 42° C gerechnet hatte,

stieg diese auf die gewaltige Höhe von 56° C. Auf der Südseite schlug

man kalte Quellen an, die unter hohem Druck bis zu 1200 l Wasser

in der Sekunde in den Stollen ergossen. Um die Schwierigkeiten zum

Übermaß zu steigern, schloß sich an diese wasserführende Strecke eine

Druckstelle an mit derartig brüchigem Gestein, daß dessen Druck selbst

die stärksten Holzrüstungen nicht zu widerstehen vermochten. Hier

mußte ein besondrer 42 m langer Eisenbetonstollen geschaffen werden,

dessen Vortrieb, Ausweitung und Ausmauerung allein etwa 1-1/2 Jahre

in Anspruch nahm, mit einem Kostenaufwand von rund 20000 Mk. für das

laufende Meter. Schließlich traten, als die Vortriebsarbeiten sich

von Norden und Süden her bis auf etwa 2 km genähert hatten, heiße

Quellen von 45° C, ja bis zu 50° C auf, die an die Arbeiter die

übermenschlichsten Anforderungen stellten. Am 25. Februar 1905 erfolgte

der Durchschlag. Hierbei wichen, wie bereits erwähnt wurde, die

Tunnelachsen nur 202 mm in der Wagerechten und 87 mm in der Höhe ab,

gewiß ein glänzender Beweis für die Sorgfalt, mit der die Vorarbeiten

ausgeführt waren. Die Zahl der Todesopfer, die der Bau gefordert

hatte, betrug auf der Nordseite 22, auf der Südseite 20. Am 25.

Januar 1906 durchfuhr der erste Zug den Tunnel; am 1. Juni 1906 wurde

dieser dem Verkehr übergeben. Die Kosten beliefen sich einschließlich

der Herstellung und teilweisen Ausmauerung des Parallelstollens

sowie Beschotterung und Gleisverlegung im Haupttunnel auf 58,2 Mill.

Fr.; hiervon entfielen 8,4 Mill. auf die Werkstattsanlagen vor den

Tunnelmündungen in Brig und Iselle.

Der auf der Simplonbahn sich vollziehende Verkehr hat eine große

Förderung durch den Bau der _Lötschbergbahn_ erfahren, die am 1.

Juli 1913 dem Betrieb übergeben wurde. Diese Bahn hat insgesamt nur

eine Länge von 74 km. Auf dieser kurzen Strecke aber häuften sich

die zu überwindenden Schwierigkeiten in ganz außergewöhnlichem Maße.

Unter den zahlreichen Bauten dieser Bahn steht an erster Stelle der

_Lötschbergtunnel_ mit einer Länge von 14,536 km. Derselbe verläuft

nicht nach einer geraden Linie, sondern weist beiderseits erhebliche

Kurven auf. Während des Baues sah man sich sogar genötigt, die Achse

des Tunnels zu verlegen. Es war dies eine Folge des Umstandes, daß am

24. Juli 1908 man unerwarteterweise das Gasteinertal anbohrte, was

das Hereinbrechen großer Schlamm- und Schuttmassen zur Folge hatte,

in denen 25 Arbeiter den Tod fanden. Die nunmehr dem Tunnel gegebene

neue Richtung umgeht das Gasteinertal, hat aber eine Verlängerung des

Tunnels um nicht weniger als 800 m zur Folge. Der erzielte tägliche

Vortrieb betrug auf der Nordseite gegen 9, auf der Südseite etwa 5 m.

Dem Tunnelbau werden in nächster Zeit voraussichtlich eine Anzahl

besonders schwieriger Aufgaben gestellt werden. Zwar wird der in

Kellermanns Roman »Der Tunnel« anschaulich geschilderte Bau des

Tunnels Europa--Amerika noch lange auf sich warten lassen, aber die

Untertunnelung des _Ärmelkanals_, der _Straße von Gibraltar_, der

_Beringstraße_, des _Bosporus_ u. a. m. rücken der Verwirklichung

immer näher. Dieses erscheint um so wahrscheinlicher, als die

Untertunnelung breiter Flußläufe, so der Themse bei London, der Elbe

bei Hamburg, der Spree bei Berlin sowie verschiedener amerikanischer

Ströme mit vollem Erfolg ausgeführt wurde.

III. Kanalbauten.

Der Plan eines Durchstichs der Landenge von Panama wurde schon alsbald

nach der Entdeckung Amerikas, seit dem Jahre 1524, zum Teil unter

Benutzung des Nicaragua-Sees, erwogen und ist dann im Laufe der

Jahrhunderte wiederholt aufgetaucht, um erst in jüngster Zeit zur

Ausführung gebracht zu werden. Auch Alexander von Humboldt und Goethe

haben sich mit dieser gewaltigsten Verkehrsfrage beschäftigt. Letzterer

hat hierbei eine verblüffende prophetische Voraussicht entwickelt.

Im Jahre 1827 äußerte er sich: »Wundern sollte es mich, wenn die

Vereinigten Staaten es sich sollten entgehen lassen, ein solches

Werk in ihre Hände zu bekommen. Es ist vorauszusehen, daß dieser

jugendliche Staat bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen in 30

bis 40 Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge

in Besitz genommen und bevölkert haben wird ... Ich wiederhole also:

Es ist für die Vereinigten Staaten durchaus unerläßlich, daß sie sich

eine Durchfahrt aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean

bewerkstelligen, und ich _bin gewiß, daß sie es erreichen_.«

Die Ereignisse haben Goethes Voraussicht bestätigt: die Vereinigten

Staaten haben das Erbteil der Franzosen angetreten, die als die ersten

sich an das große Werk herangewagt haben, ohne es der Vollendung

entgegenführen zu können. Im Jahre 1879 trat zu Paris unter dem Vorsitz

von Ferdinand v. Lesseps eine internationale Kommission zusammen,

um von den für den Durchstich des Isthmus von Panama eingegangenen

elf Plänen einen zur Ausführung auszuwählen. Unter diesen Plänen

befanden sich die verschiedensten Lösungen. Mehrere schlugen einen

Durchstich in der Höhe des Meeresspiegels vor, das sogenannte

»Seehöhenprojekt«, wobei für den Durchschlag der Kordilleren ein Tunnel

oder ein Einschnitt erforderlich wurde. Andere brachten einen Kanal in

Vorschlag, der durch Schleusentreppen das Gebirge überschritt. Nach

eingehenden Beratungen entschloß man sich für den Bau eines von Meer

zu Meer ohne Schleusen verlaufenden Niveau- oder Seehöhen-Kanals.

Der Kanal sollte eine Länge von 75 km, eine Tiefe von 8,5 m, eine

Breite von 56 m in der Ebene und eine Breite von 22 m im Berglande

erhalten. Das Gebirge sollte in einem 6 km langen Tunnel durchstochen

werden. Die Kosten waren auf 843 Millionen Fr. veranschlagt. Die

Bauzeit war vertragsmäßig auf 12, höchstens auf 18 Jahre festgesetzt.

Auffallenderweise hatte das Großkapital bei der Zeichnung der Aktien

eine starke Rückhaltung beobachtet. Die Vereinigten Staaten von Amerika

brachten den Unternehmern unter Betonung der Monroedoktrin ein starkes

Mißtrauen entgegen. Auch England bewies kein Wohlwollen. Als man

mit dem Bau am 1. Februar 1882 begonnen hatte, zeigte sich, daß man

die Schwierigkeiten des Unternehmens erheblich unterschätzt hatte.

Diese bestanden nicht nur in zu überwindenden Hindernissen, die die

eigenartigen Boden- und Wasserverhältnisse mit sich brachten, sie lagen

vielmehr auch großenteils auf gesundheitlichem Gebiet und stellten den

Fortgang der Arbeiten durch mörderische Seuchen in Frage. Bis zum Jahre

1884 mußten vier Anleihen aufgenommen werden. Im folgenden Jahre, als

man sich vor täglichen Ausgaben von mehr als 1 Mill. Fr. sah, schätzte

Lesseps die für den Bau erforderliche Summe auf 1400 Mill. Fr. Etwa

20000 Arbeiter waren bei dem Bau beschäftigt, 150 Lokomotiven, 5000

Kippwagen, 20 Naßbagger, 80 Trockenbagger, 4 Seebagger zählten zu den

Betriebsmitteln der Bauunternehmer. Schon damals hatten die Erdarbeiten

durch massenhafte Rutschungen zu leiden. Der Chagresfluß erwies sich

durch die gewaltigen Wassermassen, die er zur Zeit der Regenzeit

dahinwälzt, als überaus tückisch. Im Laufe des Jahres 1886, als man 22

Mill. cbm Erde ausgeschachtet und festgestellt hatte, daß dies nur ein

Viertel der gesamten Erdarbeiten ausmachte, kam man zu der Überzeugung,

daß der Bau eines Niveaukanals nicht ausführbar sei. Man entschloß sich

daher zum Bau eines Schleusenkanals, für welchen das erforderliche

Betriebswasser in mehreren großen Sammelbecken aufgespeichert werden

sollte. Die finanziellen Schwierigkeiten nahmen aber inzwischen

immer mehr zu; im März 1889 geriet die Baugesellschaft in Konkurs,

nachdem Lesseps kurz vorher die Leitung des Unternehmens niedergelegt

hatte. Den Passiven im Betrage von 1172 Mill. standen Aktive nur im

Betrage von 231 Mill. gegenüber. Zahlreiche kleine Kapitalisten hatten

den Verlust ihrer Spargroschen zu beklagen. Die Gerichte griffen

ein, und es entrollte sich jener hinfort zum Schlagwort gewordene

_Panamaskandal_, in den eine große Zahl von Beamten, Parlamentariern

und Geldleuten verwickelt wurde. Lesseps, der 87jährige Erbauer des

Suezkanals, wurde mit 5 Jahr Gefängnis bestraft. Dieses Urteil wurde

aus formalen Gründen wieder aufgehoben, da das Vergehen verjährt war.

Lesseps aber starb am 7. Dezember 1894 in geistiger Umnachtung. Eine

Liquidationskommission wurde eingesetzt, der es gelang, eine neue

Gesellschaft mit einem Kapital von nur 65 Mill. Fr. zu bilden, während

900 Mill. erforderlich gewesen wären. Dieser Gesellschaft wurde die

inzwischen erloschene Baukonzession bis zum Jahre 1903 verlängert,

und sie suchte nunmehr, ihre Rechte an die _Vereinigten Staaten_ zu

verkaufen. Hier stellte sich aber eine unvorhergesehene Schwierigkeit

ein, indem der Staat Kolumbien sich weigerte, an die Vereinigten

Staaten das für den Kanalbau erforderliche Land zu überlassen. Diese

Schwierigkeit wurde schließlich dadurch beseitigt, daß der Staat

Panama sich von Kolumbien trennte und den Vereinigten Staaten zu

beiden Seiten des Kanals einen Landstrich von 18 km Breite nebst

allen Hoheitsrechten abtrat. Dies geschah im November 1903. Nunmehr

begann eine erneute Prüfung der Frage, in welcher Form der Kanal am

vorteilhaftesten zur Ausführung gelangen könne. Zu diesem Zwecke

wurden zwei Kommissionen, eine amerikanische und eine internationale,

eingesetzt. Erstere entschied sich für einen Schleusenkanal, letztere

für einen Niveaukanal. Präsident Roosevelt entschloß sich für einen

Schleusenkanal. Der Kongreß entschied sich in dem gleichen Sinne, und

die Vereinigten Staaten begannen in der zweiten Hälfte des Jahres 1906

mit dem Bau nach folgendem allgemeinen Plane.

[Illustration: Abb. 11. Der Panama-Kanal.]

Der Kanal (Abb. 11) benutzt so weit als möglich das Bett der Flüsse

Rio Chagres und Rio Grande Superior, so daß der Kanal zum Teil einen

seeartigen Eindruck erweckt. An der Wasserscheide der Landenge, bei

Culebra, steht auf eine Länge von 12,8 km ein Flußlauf nicht zur

Verfügung; hier muß das Gebirge mit einem gewaltigen Einschnitte

durchbrochen werden. Ursprünglich hatte man aus Sparsamkeitsrücksichten

hier eine geringere Kanalbreite in Aussicht genommen. Durch die auf

die Zunahme der Größe der Kriegsschiffe gebotene Rücksichtnahme hat

man sich aber veranlaßt gesehen, auch in diesem Einschnitt die Breite

des Kanals auf 92 m zu bringen. Der Rio Chagres schwillt während

der Regenzeit plötzlich derart an, daß es sich erforderlich machte,

seine Wassermengen aufzustauen und diese allmählich je nach Bedarf

zur Speisung des Kanals zu verwenden. Diesem Zwecke dient ein bei

Gatun errichtetes Staubecken von 425 qkm Fläche, das in einer Höhe

von 26 m über dem mittleren Spiegel der zu verbindenden Ozeane liegt.

Zu diesem Stausee führen vom Stillen Ozean drei Doppelschleusen

und vom Atlantischen Ozean ebenfalls drei Doppelschleusen hinauf.

Für weitere Sicherung des für die Speisung des Kanals und seiner

Schleusen erforderlichen Wassers sind dann noch zwei Vorratsbecken,

bei Miraflores und bei Gamboa, vorgesehen. Der Kanal erstreckt sich

an seinen beiden Enden in das Meer hinaus, und zwar 11 km weit in die

Limonbucht und 13 km in die Bai von Panama. Im Jahre 1906 schätzte man

die Gesamtkosten für die Arbeiten am Kanal auf 140 Mill. Dollar, nach

Verlauf von 3 Jahren schätzte man sie auf das Doppelte. Hierzu kamen

noch für die Hafenbauten in Colon und Panama, für Eisenbahnbauten,

für an die französische Gesellschaft und an die Republik Panama zu

leistende Zahlungen mehr als 200 Mill. Dollar, so daß die Gesamtkosten

im Jahre 1909 durch Taft auf etwa 360 Mill. Dollar oder 1-1/2 Milliarde

Mark geschätzt wurden.

Am 10. Oktober 1913 fiel die letzte Erdwand, die den Gatun-See von

dem Culebra-Einschnitte trennte, durch eine von Washington aus durch

Präsident Wilson bewirkte Sprengung, so daß hinfort die Wasser der

beiden Ozeane miteinander in Verbindung standen.

Am 8. Juni 1914 durchfuhr der erste größere Dampfer von 4000 t

Rauminhalt die Schleusen von Gatun, und am 15. August fand die

Eröffnung des Kanals statt. An diesem Tage legte der Dampfer »Ancon«

mit dem um die Fertigstellung des Kanals hochverdienten Oberst Goethals

an Bord die Fahrt von Christobal zum Stillen Ozean in 9 Stunden zurück,

wovon 70 Minuten auf die Schleusen von Gatun entfielen. Die Summe der

Baukosten wurde zu 1575 Mill. Mark angegeben. Hierin sind 168 Mill.

Mark eingeschlossen, die die französische Kanalgesellschaft erhalten

hat, aber nicht deren auf 700 bis 800 Mill. Mark bezifferte Verluste.

Die Unterhaltungskosten werden auf jährlich 2205000 Mark geschätzt;

hierzu kommen noch 1050000 Mark für die an Panama zu zahlende Rente.

Die ernsteste Gefahr droht dem Kanal, abgesehen von Erdbeben

und vulkanischen Ausbrüchen, auch nach seiner Vollendung von

den Abrutschungen, die an den Böschungen auftraten und im

Culebra-Einschnitt immer wieder neue Erdmassen in das Kanalbett warfen.

Dieser Einschnitt erreicht eine Tiefe von 160 m unterhalb seines

Randes; der Kölner Dom könnte also in demselben stehen, ohne mit seinen

Turmspitzen über die Böschung emporzuragen. Das hier zu durchfahrende

Gestein ist allerdings, so lange es im Gebirge ansteht, überaus hart,

verwittert jedoch, wenn es mit der Luft in Berührung kommt, schnell.

Außerdem ist es mit Ton durchsetzt, der durch die tropischen Regengüsse

erweicht wird und das Gestein in das Kanalbett hinabgleiten läßt. Schon

im Jahre 1887 stürzten in einer Nacht 78000 cbm von den Böschungen. Am

9. Februar 1911 stürzten 300000 cbm Erde und Fels ab, 50 Menschenleben

vernichtend und 3 Eisenbahnzüge unter sich begrabend; am 5. September

1912 stürzte eine Erdmasse ab, die auf 1200000 cbm, von andrer Seite

sogar auf 7 Mill. cbm geschätzt wurde. Am 4. August 1915 begann ein

riesiger Erdrutsch im Culebra-Einschnitt, der vom 18. September 1915

bis zum 16. April 1916 eine Sperrung des Kanals verursachte. Die

abgestürzten Erdmassen beliefen sich auf etwa 10 Mill. cbm. Außerdem

aber wölbte sich der Boden des Kanalbettes um 4 bis 5 m empor,

eine Erscheinung, die man bei der Planung des Kanals nicht erwartet

und daher nicht berücksichtigt hatte. Wie Professor Balschin in der

Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin ausführte, stellt

die Erdoberfläche eine Gleichgewichtsfläche dar, die bestrebt ist,

bei derartigen gewaltsamen Eingriffen, wie es der Culebra-Einschnitt

ist, ihre ursprüngliche Form wiederherzustellen. Jedenfalls haben die

im Culebra-Einschnitt auftretenden Schwierigkeiten deutlich ergeben,

daß der von Lesseps und andern Sachverständigen geplante schleusenlose

Niveaukanal unausführbar gewesen wäre.

Während der langen Bauzeit haben sich inzwischen die Abmessungen der

Ozeanschiffe derart erhöht, daß man die Dimensionen des Kanals und

seiner Schleusen erheblich vergrößern mußte. Trotzdem aber steht

der Kanal dem erweiterten Nord-Ostsee-Kanal, wie die nachstehende

Zusammenstellung erkennen läßt, in den Abmessungen seiner Schleusen

nicht unwesentlich nach:

Panama-Kanal Nord-Ostsee-Kanal

Schleusenlänge 304,8 m 330 m

Schleusenbreite 33,53 m 45 m

Wassertiefe 12,19 m 13,77 m

Wasserinhalt 124581 cbm 207900 cbm

Die Sohlenbreite des Kanals auf der freien Strecke, das heißt außerhalb

der Schleusen, beträgt zwischen 150 bis 300 m in den Seestrecken, im

Culebra-Einschnitt 92 m, in den Zufahrtskanälen an beiden Ozeanen

150 m. In der oberen Haltung hat der Kanal eine Tiefe von 13,80 m,

innerhalb des Sees ist diese vielfach größer. Zwischen dem tiefen

Wasser der beiden Ozeane beträgt die Gesamtlänge des Kanals 80 km. Die

Schleusentreppen, die von den beiden Ozeanen zu der obern Kanalhaltung

emporführen, überwinden eine Höhe von 26 m. Alle Schleusen wurden

als Doppelschleusen ausgeführt, das heißt jede Schleuse besitzt zwei

Kammern nebeneinander, so daß gleichzeitig nach beiden Richtungen hin

durchgeschleust werden kann. Die Abmessungen sind bei allen Schleusen

die gleichen, in der vorstehenden Zusammenstellung angeführten. Die

Sohlen und die Seitenwandungen der Schleusen sind aus Beton ausgeführt.

Unsre Abb. 12 gewährt einen Einblick in den Bau einer Schleusenwandung.

Wir sehen hier links die steilabfallende Innenwandung, die mit Hilfe

eines großen verschiebbaren eisernen Gerüstes fertiggestellt wird. An

ihrer rechten Außenseite fällt die Wand treppenförmig ab. Die in dem

Querschnitt der Wand sichtbare runde Öffnung, ein sog. Umlauf, dient

zur Zuführung und Abführung des die Schleusen füllenden Wassers. Sie

würde imstande sein, einem Eisenbahnzug Durchgang zu gewähren und steht

durch Querkanäle mit einem entsprechenden in der anderen Schleusenwand

angebrachten Umlauf in Verbindung; von diesen Umläufen tritt das

Wasser durch im Schleusenboden angebrachte Öffnungen in die Schleuse

hinein. Sollen kleinere, eine geringere Wassermenge erfordernde Schiffe

durchgeschleust werden, so können die Schleusen durch Zwischentore in

Abschnitte von 120 m und 185 m Länge zerlegt werden. Zum Abschluß der

Schleusen dienen eiserne Stemmtore von 20 m Länge, 14 m bzw. 25 m Höhe

und 2,15 m Stärke. Jedes Schiff wird durch elektrische Lokomotiven in

die Schleusen eingebracht; Sicherheitstore und Schutzketten schützen

die eigentlichen Schleusentore vor dem Rammen. Versagen diese Maßnahmen

den Dienst, so kann noch eine von der Seitenmauer aus einschwenkbare

Nottür den Abschluß der Schleuse bewirken.

[Illustration: Abb. 12. Eine Schleuse des Panama-Kanals im Bau.]

Die Zahl der insgesamt beschäftigten Arbeiter betrug im Jahre

1911 44000, davon 12000 Europäer. Im Jahre 1912 war sie auf 36000

vermindert; hiervon entfielen auf den eigentlichen Kanalbau 28000.

Neben den umfangreichen Erdrutschungen bildet die Beschaffung der für

die Speisung des Kanals, insbesondere der Schleusen, erforderlichen

Wassermenge den Gegenstand der Sorge. Als Wasserhaltung dient in

erster Linie der künstlich aufgestaute Gatun-See. Hier besteht die

Schwierigkeit, den Staudamm und den Boden des Sees so dicht zu

gestalten, daß nicht unverhältnismäßig große, die Aufrechterhaltung

des Betriebs gefährdende Sickerverluste auftreten. Zwar hat man dem

Damm an seiner Wurzel die außerordentliche Stärke von 518 m gegeben.

Trotzdem aber wird von Fachleuten die Befürchtung ausgesprochen, daß

man hierdurch eine unbedingte Wasserdichtheit nicht erzielt haben wird.

Dies erscheint um so wahrscheinlicher, als der Damm an zwei Stellen

über alten Flußbetten steht, die bis zu 88 m Tiefe mit Geröll, Lehm und

andern Flußablagerungen angefüllt sind.

Über allen dem Kanal drohenden Fährnissen steht die Erdbebengefahr. Wie

er dieser gegenüber sich verhalten wird, bleibt abzuwarten.

Während der ersten sechs Betriebsjahre, jeweilig vom 1. Juli bis

30. Juni gerechnet, hat sich der Verkehr im Panamakanal wie folgt

entwickelt:

1914/15 4970000 t

1915/16 3140000 t

1916/17 7229000 t

1917/18 7640000 t

1918/19 6878000 t

1919/20 9374000 t.

Schöpfungen der Ingenieurtechnik der Neuzeit · 第 2 / 9 段