Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles

noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß

ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise

werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann

beieinander eine Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. »Komm zu

mir, so viel du willst,« sagte sie, »je öfter je lieber, und ich will auch

nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem

Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann,

wie es ihm paßt.« Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein

Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich

würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt

nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und

Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei

mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für

mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck

oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist,

der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts

abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so

lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern

erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu

erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich

zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen

Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im

häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal

recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den

unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so

recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der

sich nach und nach herauswagte, als sich mein trübseliger Ernst erhellte.

Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller

Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen,

über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder

verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen,

die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte

aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher

Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich

geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit

ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als

mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich

die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von

seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe

beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte,

ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe

zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn

wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten

an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner

Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie

sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie

war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut

vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war

ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und

auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich

traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend

sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund,

mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher,

die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in

den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute

Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem

leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter,

sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat

meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es

gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang

gewann.

* * * * *

Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall

gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe

und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche

unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige

Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie

ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste

gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel

verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich

durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber

zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich

früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, nahen Verkehr mit den

Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich

es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von

selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie

in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu

sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich

irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete,

und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen

konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig

genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab,

für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe

viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen

konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit

und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus-

und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn

die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder

in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über

sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und

allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich

betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen

und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich

wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den

Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind.

Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein

ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa

ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und

Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl

sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und

freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.

Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein

anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch

unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben

hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als

zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen,

nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es

ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich

mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und

vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein,

die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt

klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich

hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde

durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen

und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner

selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt.

Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue

hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem

Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen,

und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus

meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu

führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es

sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was

uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns

miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten

Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich

zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch

zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer

längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen

Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch

der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: »-- -- doch nahm ich

zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder

Leides gewesen, so sagte ich ihm: >Ich lasse dich nicht, du segnest mich

denn.< Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den

Sieg behalten und bin nun dennoch -- --«

Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein

Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken

wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl

auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens

in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun

auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.

Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst

und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste

abzugewinnen versuche: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,« wie es

einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel

schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater

hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte

nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was

einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich

andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft

hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich

wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und

lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was

hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: »Und bin nun dennoch ...?« Was

war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?

Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem

Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es

wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit

mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder

in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell

werden.

Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen,

was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn

ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem

zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.

Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen

Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften

den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten

sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht

so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser,

schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf

auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der

Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das

trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen

großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der

Herzkammertür sitzend: »Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften

gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes

aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.« Das kam mir auf einmal

frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel,

so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu

sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.

Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will.

Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben

beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal

unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr

gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber

bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht

unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe

ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe

immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug

gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie

es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er

nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe,

und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte

stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich

in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich

unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen

Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig

sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen.

(Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)

Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus

Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines

bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene

Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber

stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und

Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn

es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.

Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm

aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig

klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause

Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen

mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand,

und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich

jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so

wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun

die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem

Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er

sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen

kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan

habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts

dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie

Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel

das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien,

was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der

ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen

war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos

aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders

auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in

eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als

sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht

gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder

gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich

der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, daß

ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen

gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der

vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen

ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich

in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte

Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind,

wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden

Frühjahrslüften aufgetrunken werden.

Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich

hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines

sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken,

Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich

ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum

Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da

ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam

begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen

war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.

Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben,

und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne,

wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste

alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an

gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für

mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer

ihrer fleißigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen

Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer

Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen

Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe.

Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte

sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen,

blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es

fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da

sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch

das Leben auf solche Weise unterlegen war.

Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing,

wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach

dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und

Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden

auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr

hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei,

nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr

mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: »Nein, nein, Ludwig,

so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer

sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere

Seite, und so wollen wir auch tun.« Damit war sie mir nun wieder einen

Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein

ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.

In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der

Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte

nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine

Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen,

so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den

letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken

in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich

nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine

Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es

gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie

aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an

dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie

erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen,

sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine

Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir

lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: »Alles

geht vorüber, und auch du.«

Ich gedachte alles Fernen und Verlorenen in meinem Leben, und auch meines

Freundes Olbrich, den ich nie wieder gesehen und mit dem ich auch keine

Briefe gewechselt hatte. Ich hatte seinen Namen hie und da in der Zeitung

gelesen, denn er nahm starken Anteil am politischen Leben des Landes und

ergriff in Reden und gedruckten Artikeln oft das Wort, wenn es eine

wichtige Sache zu verfechten gab. Aber ob er noch an mich denke, und wie,

das wußte ich nicht, und ich hatte sowohl das Verlangen, ihn wieder zu

sehen, als auch eine Scheu davor.

Doch wußte ich, daß es einmal geschehen mußte, da die Erde nicht groß genug

ist, um sich zwei Menschen nicht wieder begegnen zu lassen, unversehens,

die eigentlich nahe zusammen gehören.

Ich war spät gekommen, als schon der Saal verdunkelt war und die Musik

angefangen hatte, und hatte nur gerade meinen Platz gefunden, ohne nach

rechts oder links zu sehen. Da schrak ich denn aus meinen Gedanken auf, die

zwischen der Musik hergingen, als sich auf einmal eine Hand auf meinen Arm

legte und es der Freund war, der neben mir saß und mir zunickte. Ich mochte

mich nicht rühren, denn ich spürte in einem ruhigen Wohlsein, daß wir uns

nahe waren und daß ich ihn lieb hatte, wie je.

Man sollte nicht reden müssen, dachte ich. Man sollte alles so

stillschweigend voneinander wissen und einer in den andern hinüberfließen

lassen, was er ihm sagen möchte. Vielleicht ist es so, wenn man sich auf

einem andern Stern wieder findet. Vielleicht spürt man nur: Du bist da, und

begrüßt und durchdringt einander mit der Seele, und alles, was auf der Erde

geschah, löst sich auf in einem großen und weiten Verstehen und Liebhaben.

Da bot ich meinem Freund leise die Hand und er nahm und drückte sie

kräftig, und ich wußte: Er ist doch auch noch der meine. Wie sehr ich ihn

vermißt und wie seinetwegen ein Druck auf mir gelegen hatte, das spürte ich

erst jetzt recht, als ich ihn wieder hatte. Denn wir ließen es dann doch

nicht bei der stummen Begrüßung bewenden, die wir gar nicht geübt hätten,

wenn nicht die Musik das Wort gehabt hätte, sondern hielten nachher eine

lange Nachtsitzung, und zwar, da es eine schöne Sommernacht war, in einem

Garten unter einer alten Platane, in deren Ästen eine Lampe hing.

Dort ließen wir so viel von der alten Zeit und auch dem, was dazwischen

lag, zwischen uns auferstehen und hinwandeln, als dazu gehörte, wieder

zusammen zu kommen, nicht mehr und nicht weniger. Denn es handelte sich

jetzt nicht ums Rechthaben und Abbitten, wie wir beide wohl spürten,

sondern darum, daß einer des andern Freund sei, wie der alte Claudius sagt,

wobei freilich ich am besten wegkam.

Es schwirrte allerlei Nachtgeziefer um uns her, und einmal kam auch ein

großer Falter und stieß mit seinen Flügeldecken an mein Glas, daß es einen

feinen Klang gab. Da hob mir Olbrich das seinige entgegen und sah mir mit

dem schönen Lächeln in die Augen, das er selten hatte und an dem ich ihn

überall erkannt hätte. Denn es war uns, als hätte eine feine Seele, die

einmal mit uns zu dritt gewesen war, mit zartem Finger angeklopft und wolle

einen Augenblick mit uns sein. Das kam und ging so in mir.

Dann zog Olbrich ein Bild aus der Brusttasche und zeigte es mir mit

glücklichem Gesicht: eine junge, mütterlich blickende Frau, die ein Bübchen

auf dem Arm trug. Beide sahen den Beschauer voll an und hatten ein gut Teil

Schelmerei in allerlei Grübchen sitzen. »Das sind die Meinen,« sagte

Olbrich. »Du siehst, es geht mir gut.«

Er brachte, wie man so sagt, den Mund nicht zusammen vor Behagen an dem

Bildchen oder vielmehr vor dem freudigen Wissen um die lebendigen

Urbilder; er wollte es aber nicht wahr haben vor mir und sagte

achselzuckend: »Ich habe es der alten Frau zulieb getan, denn ich bin ihr

doch Enkelchen schuldig gewesen. Daheim liegt mir schon der zweite Bub in

der Wiege.«

Dabei überglänzte es ihn aber doch, so daß ich schon wußte, was es

geschlagen habe, und daß er sein gutes Teil erworben habe; da fiel mir doch

noch irgend ein Band von meinem Herzen.

»Und du?« fragte Olbrich fast zart.

Aber ich wußte im Augenblick nichts zu sagen, denn ich hatte wohl schon

einen Schimmer, er hatte aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein Glas

und sagte halb verlegen: »Ich komme nach.«

Das alles erzählte ich am andern Abend meiner Schwester Luise, zu der ich

von der Bahn her ging mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in

allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten Augen noch offen

standen über meinem Leben. Es war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es

war mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, so daß es mich

reuen wollte, fort gewesen zu sein, was mich doch um Olbrichs willen freuen

mußte und auch freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, weißen

Krankenhand und sagte glücklich, es sei ihr ein Stein vom Herzen, weil wir

Freunde uns nun wieder hätten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den

ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.

Ich mußte die Tage über im Geschäft sein, wenigstens die meiste Zeit; aber

die Abende und oft bis tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie

näher und näher gegen die Grenze hin, an der es für die Zurückbleibenden

umkehren heißt.

Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich dennoch viel gesehen und auch

viel gelernt, das man nicht aus Büchern und nicht aus dem Umgang mit den

Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht vergessen werde.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 23 / 24 段