Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich

die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige

Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr

gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung

gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und

war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser

eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos

untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit

hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen

auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und

konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte,

den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und

ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und

Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.

Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem

silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und

mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit

freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie

sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.

Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins

Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde

Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden,

die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in

ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des

jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was

sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von

fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der

Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu

erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der

erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.

Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so

furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken

gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner

nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf

einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug

Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft

vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung

wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war

mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den

Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen

wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden,

und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des

Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen

können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem

Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte

der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir

hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen

wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder

mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne

ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der

Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit

hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war,

umfing: »Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns

berühren und du noch zu mir gehörst,« so kam doch nicht der leiseste Laut,

nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im

Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte,

niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen

Augen streng und grausam an.

Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr

wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu,

aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging.

Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam,

heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und

liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.

Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht

gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und

still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen

gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und

habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei

ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den

Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie

gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem

und traurigem Lächeln gesagt: »Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu

Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.«

Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das

Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne

herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.

Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien

an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine

Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und

Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans

jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll

blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust

bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken

liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf

einmal gesagt habe: »Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,« und

angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch

darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht

weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem

Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.

Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im

Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit

geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie

nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh'

ihr Herz stillstand, gekommen sei.

Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden

Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten,

indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten

wollte.

Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein

liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und

starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller

Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten

und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz

umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben

Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder,

sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres

Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art

von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.

Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten

Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen

vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und

dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen

und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus

schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die

von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die

also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte

wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen

hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und

ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter

blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten,

dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht,

wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber,

vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist

ausgelöscht.

* * * * *

Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen

Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen

Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam

in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern

Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern

sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog

ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre

Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in

das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein

und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte

ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte

den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit

fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner

Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als

kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte

Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig

und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine

Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre,

wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam

fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege,

und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine

Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte.

Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und

verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses

überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes

Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der

Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten

als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer

mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den

Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein

Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner

Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit

andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten,

da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und

sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten

Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum

erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken

war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß:

»Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',

Alles geht vorüber, und auch du.

Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller

Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du

vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch

du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.«

Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas

wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise

berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht

vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und

trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und

Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch

das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es

hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es

mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren

und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in

Sehnsucht hingewallt waren.

Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß

und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein

anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir

erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war

vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen

gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in

ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um

vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu

führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie

ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte

nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend

möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie,

einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe

und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg

gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben

mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.

Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und

nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der

begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der

schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich

vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.

* * * * *

Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie

für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen

versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber

nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich

mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob

die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald

erfuhr.

Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein

Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit

Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es

häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und

sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße

erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter

Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner

Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes,

verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein

Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er

auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in

seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar

gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch

wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und

händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er

sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen

seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren

Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die

ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das

Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten

Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so

asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und

mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens

entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner

Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden

gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es

dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So

wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil

sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der

Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen

Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner

Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte

leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr,

schmunzelnd gesagt: »So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter

Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen

die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,« wobei

er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht

wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische

Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon

anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte

sich erholte und ernst werdend sagte: »Man kann es natürlich auch anders

ausdrücken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt

hinausgeht.« Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche

einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte

wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht

hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls

ich Lust dazu hätte.

Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere

Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die

Bedingungen leicht und möglich machte.

Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer

gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und

halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt

vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur

von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und

sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen

etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher

Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es

ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends

auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier

bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als

ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten

Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun

selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch,

der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die

nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt

zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte.

Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn

jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei

Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer

seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne

Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch

mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich

gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich

sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt,

sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit

leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge

betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann

Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen

Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen,

schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar

Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und

Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich

dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir

leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens,

als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue

Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch

machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft

auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag

hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und

jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug

brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt

hatte.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 22 / 24 段