die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige
Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr
gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung
gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und
war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser
eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos
untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit
hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen
auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und
konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte,
den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und
ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und
Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.
Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem
silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und
mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit
freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie
sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.
Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins
Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde
Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden,
die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in
ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des
jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was
sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von
fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der
Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu
erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der
erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.
Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so
furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken
gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner
nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf
einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug
Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft
vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung
wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war
mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den
Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen
wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden,
und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des
Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen
können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem
Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte
der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir
hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen
wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder
mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne
ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der
Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit
hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war,
umfing: »Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns
berühren und du noch zu mir gehörst,« so kam doch nicht der leiseste Laut,
nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im
Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte,
niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen
Augen streng und grausam an.
Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr
wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu,
aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging.
Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam,
heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und
liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.
Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht
gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und
still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen
gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und
habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei
ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den
Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie
gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem
und traurigem Lächeln gesagt: »Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu
Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.«
Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das
Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne
herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.
Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien
an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine
Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und
Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans
jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll
blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust
bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken
liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf
einmal gesagt habe: »Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,« und
angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch
darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht
weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem
Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.
Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im
Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit
geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie
nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh'
ihr Herz stillstand, gekommen sei.
Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden
Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten,
indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten
wollte.
Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein
liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und
starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller
Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten
und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz
umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben
Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder,
sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres
Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art
von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.
Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten
Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen
vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und
dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen
und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus
schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die
von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die
also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte
wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen
hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und
ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter
blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten,
dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht,
wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber,
vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist
ausgelöscht.
* * * * *
Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen
Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen
Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam
in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern
Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern
sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog
ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre
Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in
das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein
und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte
ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte
den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit
fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner
Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als
kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte
Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig
und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine
Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre,
wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam
fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege,
und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine
Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte.
Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und
verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses
überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes
Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der
Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten
als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer
mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den
Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein
Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner
Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit
andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten,
da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und
sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten
Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum
erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken
war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß:
»Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',
Alles geht vorüber, und auch du.
Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller
Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du
vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch
du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.«
Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas
wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise
berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht
vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und
trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und
Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch
das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es
hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es
mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren
und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in
Sehnsucht hingewallt waren.
Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß
und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein
anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir
erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war
vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen
gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in
ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um
vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu
führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie
ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte
nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend
möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie,
einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe
und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg
gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben
mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.
Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und
nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der
begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der
schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich
vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.
* * * * *
Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie
für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen
versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber
nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich
mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob
die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald
erfuhr.
Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein
Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit
Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es
häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und
sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße
erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter
Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner
Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes,
verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein
Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er
auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in
seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar
gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch
wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und
händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er
sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen
seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren
Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die
ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das
Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten
Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so
asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und
mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens
entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner
Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden
gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es
dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So
wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil
sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der
Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen
Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner
Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte
leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr,
schmunzelnd gesagt: »So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter
Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen
die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,« wobei
er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht
wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische
Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon
anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte
sich erholte und ernst werdend sagte: »Man kann es natürlich auch anders
ausdrücken, +item+, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt
hinausgeht.« Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche
einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte
wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht
hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls
ich Lust dazu hätte.
Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere
Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die
Bedingungen leicht und möglich machte.
Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer
gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und
halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt
vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur
von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und
sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen
etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher
Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es
ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends
auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier
bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als
ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten
Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun
selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch,
der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die
nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt
zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte.
Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn
jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei
Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer
seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne
Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch
mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich
gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich
sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt,
sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit
leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge
betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann
Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen
Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen,
schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar
Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und
Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich
dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir
leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens,
als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue
Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch
machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft
auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag
hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und
jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug
brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt
hatte.