Ich habe gesehen, daß es Liebe gibt, die bis zum Ende nicht an sich selber

denkt und noch aus der letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tröstlich

und verheißungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie selber ist, die

nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie stark und mächtig die Willigen

sind, die keine Bedingungen stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen

dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn er ihnen zum Mitkommen winkt, so

daß sie den schweren Feind überwinden mit einem demütigen Neigen ihres

Hauptes und ihn sich zum Freunde machen. Ich sah, wie, wer von Herzen

gelebt hat, auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und Frommsein

freudige, starke Dinge sind, anders als viele meinen, und als auch ich

zuzeiten gemeint habe.

Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes Andenken und ein reiches

Blatt in dem Buche meiner Erinnerung, das so manche töricht verkritzelte

Seite hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in meine jetzigen

Tage herein, voll und dunkel und auch weich und süß, und wenn ich ihn höre,

so sänftigt er mir das Herz und läßt es aufmerken auf das, was hinter den

Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich mitten drin stehe. Denn mein

Lebenstag liegt noch weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will ihn

leben als ein Mensch und Mann.

* * * * *

Ich habe, liebste Frau, in später Nachtstunde das Buch noch einmal

durchgelesen, dessen Blätter zu beschreiben ich aufgehört habe, als du in

mein Leben tratest. Du wußtest nicht, daß ich dich sah. Du kamest die

Straße herab, die Hände voll Blumen, und dein Gesicht sah aus, als ob du im

stillen ein Liedchen summest, das nur du selber hörest. Da dachte ich, wer

dir wohl die Blumen gegeben habe und wem du sie bringest? Am andern Tag

hingen Kinder an deinen beiden Seiten und drängten sich an dich, und ihre

Gesichter sahen eifrig in das deine; ich hätte hören mögen, was du zu ihnen

sagtest, aber ihr ginget vorüber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest

immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene Lieder auf den

Lippen. Das war in der Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben

anschickte und zu mir sagte: »Gelt, du machst aber die Augen auf und holst

dir ein Stück Leben ins Haus, es geht immer draußen vorbei.« Sie wußte

nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich schrieb, daß es so

vorwitzig und ungebärdig geredet habe, rief in die Trauer meines Herzens

hinein: »O, wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!« so daß es

mich in aller Betrübnis ein bißchen lächerte, worauf Luise der Spur nach

mitlachte, wenn auch bläßlich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen

wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein geblinkert, du

Sonnenvöglein, denn es dauerte da nicht mehr lange bei ihr.

Ich muß mir noch ein wenig Mut machen, weil du nicht selber da bist. Ich

will daran denken, wie ich dich draußen am Badeplatz traf mit deiner Schar.

Sie stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprühte ein Tropfenregen

um sie her von den nassen Mähnen und den blanken Leibern, das glitzerte

alles in der Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. Ich sah eine

Weile zu, eh' ich vorbei ging und grüßte. Sie wühlten sich in den warmen

Sand ein, und du sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest noch

nicht, denn es stand ein Kind neben draußen, das riß mit finsterem und

trotzigem Gesicht Blätter und Zweige von einem Weidenbusch und stampfte

dazu mit den braunen Füßen den Boden. Da gingest du hin und hattest ein

solches Lachen in deinem Gesicht, daß das Zornteufelchen davor ausfuhr,

wenngleich mit erbärmlichem Wehren, und das Kind sich an dich hin verkroch.

Ich hätte hören mögen, was du sagtest, aber auch vom Sehen wußte ich, daß

du Schatten aufhellen kannst.

Das weiß ich nun noch besser als damals, denn ich habe die Sonnenkraft

deines Wesens verspürt. Du sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und

dein Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest durch tiefe

Schatten gegangen.

Daran habe ich den Mut gefaßt, dich auch in die meinigen hineinsehen zu

lassen, dich allein von allen Menschen. Du siehst, sie herrschen auch über

mich nicht mehr.

Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?

Aus was für Quellen hast du getrunken?

Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie ich hoffen muß, daß du die

Neunundneunzig verlässest und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander

daraus.

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription

Seite 40: »eh, man sich's versehe« wurde geändert in

»eh' man sich's versehe«

Seite 83: »und sie ist erst sachte« wurde geändert in

»und sie erst sachte«

Seite 120: »mir wohlgesinnt und zugetan sein« wurde geändert in

»mir wohlgesinnt und zugetan sei«

Seite 155: »mit großen Augen entgegenlächelten« wurde geändert in

»mit großen Augen entgegenlächeln«

Seite 162: »ich nur zu tun« wurde geändert in »ich hatte nur zu tun«

Seite 192: »Sängerinnnen« wurde geändert in »Sängerinnen«

Seite 198: »So sind sie es also doch gewesen« wurde geändert in

»So sind Sie es also doch gewesen«

Seite 211: »werden ihre Künste verlassen« wurde geändert in

»werden Ihre Künste verlassen«

Seite 245: »nicht so gelegen dasür« wurde geändert in

»nicht so gelegen dafür«

Ludwig Fugeler: Roman · 第 24 / 24 段