Inmitten der jagenden und sich überstürzenden Bilder und Gedanken, die aus

einem unerschöpflichen unterirdischen Brunnen zu strömen und sich über mich

zu ergießen schienen, spürte ich manchmal eine kühle und sanfte Decke, die

sich über alles breitete und die Bilder auslöschte, so daß eine wohltätige

Dunkelheit mich umfing und ich sachte und tief hinuntersank in ein

Nichtwissen, das ich nur wie von ferne als etwas Gutes empfand. Ich mühte

mich hie und da, die Augen aufzumachen, um die Decke zu sehen, die mir von

purpurroter Farbe zu sein schien und sich leicht und weich anfühlte, aber

ich konnte die Lider nicht heben. Doch hörte ich dann halblaut gesprochene

Worte, die mich seltsam beruhigten, obgleich ich sie nicht verstand, und

schlief unter ihnen ein, wenn ich so sagen soll, da ich ja nie wach war,

bis mich neue Traumbilder, die mein kochendes Blut auf dunklen Bahnen

herzutrug, zu neuen Mühsalen aufschreckten. Dann war es einmal lange

schwarz und kühl. In einer Nacht schlug ich die Augen auf. Ich glaubte

soeben unzählige Staffeln aus unendlicher Erdtiefe emporgestiegen und aufs

höchste ermüdet auf die oberste niedergesunken zu sein, und war nun

verwundert, mich im Bett zu finden in einer Umgebung, die mir bekannt

vorkam, die ich mir aber nicht mit mir selbst zusammenreimen konnte. Auf

dem Tisch an der nächsten Wand stand brennend eine kleine Lampe mit grüner

Glasglocke, und neben ihr lag ein schlafender Kopf mit schweren Zöpfen, auf

ausgebreitete Arme hingelagert. Ich hatte die schwierige Aufgabe,

herauszubringen, wem er gehöre, aber in diesem Augenblick hob er sich und

sah zu mir herüber. Es war meine Schwester Luise. Sie stand auf und kam zu

mir her. »Ach, da bist du,« sagte sie mit glückseligem Ausdruck, und auf

einmal rannen ihr die Tränen stromweis über die Wangen. Davon verstand ich

nichts. Ich betrachtete sie aufmerksam, bis mir die Augen wieder zufielen

und ich tief einschlief.

So kehrte ich nun wieder in die Wirklichkeit zurück, die sich nach und nach

bei mir anmeldete mit Geräuschen und Lichtern des Tages, die ich wahrnahm,

ohne ganz wach zu sein, bis sich die Nebel, die mein Denken und Fühlen noch

umgaben, auf einmal lichteten und ich mit jähem Erschrecken meiner selbst

und der jüngsten Vergangenheit bewußt wurde.

Sie war aber nicht mehr ganz so jung, wie ich meinte, denn ich war

wochenlang krank gewesen, ohne es zu wissen. Luise erzählte mir, daß ich

viel gesprochen und auch gegessen und getrunken habe, aber ohne jemals mit

klarem Blick um mich zu sehen, so daß sie fast noch mehr für meinen

Verstand als für mein Leben gefürchtet habe und darum so erschüttert

gewesen sei, als ich zum erstenmal mit sichtlichem Bewußtsein die Augen

auf sie gerichtet habe. Sie hatte bei mir gewacht und mich gepflegt, und

die kühle Decke, die meine wirren Träume gebannt und zugedeckt hatte, war

ihre Hand gewesen, die auf meiner Stirn geruht und mich stets beschwichtigt

hatte, wie sie mir einmal gestand, fast beschämt über die starke Wirkung,

die sie auf mich ausübte, da sie ihr selber neu und verwunderlich war. Sie

fragte mich nichts, sondern brachte Helene herüber, die mit dem kleinen

Mädchen auf dem Arm erschien und wortlos meine Hände streichelte, bis ich,

da mir alles nacheinander einfiel, was mich beschweren mußte, mich nach der

Wand drehte und stöhnte.

Mit dem Wachsein wuchs nun die Angst, wie es um mich stehe, und ich mußte

nun anfangen, zu reden, obgleich ich lieber wieder ins Unbewußte

hinübergedämmert wäre. Da fand es sich, daß Luise genug von mir wußte,

vielleicht mehr als ich selbst, weil ich ohne die Hemmungen der wachen

Scham fortwährend geredet hatte, zwar oft unzusammenhängend, aber

verständlich genug, um sehen zu lassen, daß mir der Garten verhagelt und

ich selber mit verwüstet sei. Das alles hatte sie im Tiefsten erbarmt und

ihr bei aller Erschütterung und Enttäuschung aber auch ein warmes

Glücksgefühl gegeben, weil ich mich von meinem Scherbenhaufen weg zu ihr

geflüchtet und mich, wie ich war, in ihre Hut und Pflege gegeben hatte.

Nun konnte sie mir mit allerlei Berichten entgegenkommen. Ich hatte mich

nicht zu Bett bringen lassen wollen, eh' ich einen gewissen Brief

geschrieben hätte, der vor allem sein müsse, hatte aber einen Bogen um den

andern mit vergeblichen Anfängen bedeckt und war schließlich fiebernd

darüber eingeschlafen, worauf dann die eigentliche Krankheit, die sich wohl

schon lange in mir vorbereitet hatte, ausgebrochen war.

Luise, die sogleich sah, daß es sich bei mir um eine große Erschütterung

handle, schrieb nun an Herrn Kasimir, daß ich krank heimgekommen und ohne

Bewußtsein sei, was sie mir, da ich ja jetzt der Genesung entgegenging, mit

einer kleinen Beimischung von Genugtuung erzählte, weil sie

begreiflicherweise keine Sympathien für Eleonore hatte und nun den

traurigen Triumph erlebte, mich, wo es galt, am nächsten bei sich zu haben.

Darauf war Herr Kasimir hergereist gekommen, ohne meine Braut, wie Luise

nicht zu sagen vergaß, war lange an meinem Bett gesessen und hatte mich

allerlei gefragt, was ich auch beantwortet hatte, alles ohne nachher noch

davon zu wissen. Herr Kasimir war, was Luise gleichfalls freute, sehr

bedrückt und bekümmert gewesen; besonders als er aus meinen Reden erfuhr,

was mich fortgetrieben hatte.

Eleonore hatte ihm in der Bestürzung über mein rätselhaftes Verschwinden

und über die Nachricht von meiner Erkrankung mitgeteilt, daß sie sich mit

ihrem früheren Liebhaber getroffen und ausgesprochen habe, daß sie sich

aber nicht denken könne, auf welche Weise ich das habe erfahren können,

obgleich sie annehmen müsse, daß es so sei, was er ja nun bestätigt fand,

ohne zu wissen, wie sehr ich selber gerichtet und in mir zerschlagen sei.

Im Gegenteil glaubte nun er und auch Eleonore, ich sei in meiner großen

Liebe zu dem Mädchen so tief verwundet worden, daß ich in Verzweiflung

geraten sei, was sie mir zugute schrieben als einem tiefen und warmen

Gemüte, und was sie den Weg, den es genommen hatte, beklagen ließ. Sie

sahen aber wohl ein, daß aus der Hochzeit nun nichts werden könne, und es

war bereits die Nachricht eingelaufen, daß Eleonore für längere Zeit

verreise, um dem Gerede in der Stadt aus dem Wege zu gehen, während Herr

Kasimir nun aufs neue angebunden sei, bis sich für ihn eine Lösung finde.

Er habe, sagte Luise mit Stolz, gejammert, daß er mich nun wohl auch

verlieren müsse, wobei ihr die Augen darüber aufgegangen seien, daß meine

Berufung in das Haus Hagenau, über die sie sich so gefreut hatte, einem

doppelten Zweck gedient habe.

»Man hat dich,« sagte sie, »eingefangen für die stolze Jungfer, und du bist

ahnungslos ins Garn gegangen, weil du ein guter und harmloser Mensch bist;

jetzt, wo nichts aus der Heirat werden kann, fällt auch die Notwendigkeit,

dich im Geschäft zu haben, dahin. Du wirst aber, wenn du doch so tüchtig

bist, schon etwas anderes finden.«

Ich hörte das alles an, ohne etwas darauf zu sagen, es senkte sich aber

immer schwerer und tiefer eine abgründige Traurigkeit auf mich herab, die

noch dadurch vermehrt wurde, daß Luise es vermied, mir auch nur den

kleinsten Vorhalt über meine Handlungsweise gegen sie zu machen, oder die

Rede auf Maidi zu bringen, sondern nur mit großer Zartheit und Güte um mich

war und alles sagte, was mich beruhigen und trösten konnte ihrer Meinung

nach. Vielleicht hielt sie mich für sehr schwach und schonungsbedürftig

oder auch für genug gestraft, wo ich etwa tadelhaft gehandelt habe. Sie

hatte, wie ich wohl merkte, eine wenig gute Meinung von Eleonore, mit der

sie sich nach und nach hervorwagte, so lang ich nicht widersprach, und war

geneigt, sie für herzlos, kalt und falsch, und mich für umgarnt und

betrogen zu halten, was ich endlich nicht mehr aushielt. Es war an einem

späten Abend. Luise hatte mich für die Nacht besorgt und wollte sich

zurückziehen, da es nicht mehr nötig war, bei mir zu wachen, als ich ihre

Hand ergriff und sagte: »Ich bin selber an allem schuld; es trifft keinen

Menschen ein Vorwurf, als mich,« was auszusprechen mich aber einen solchen

Kampf und Krampf kostete, daß ich das bißchen Kraft, das mir noch blieb,

zusammenraffen mußte, um nicht fassungslos hinauszuweinen.

Ich kehrte mich nach der Wand und verbarg mein Gesicht. Luise aber stellte

die Lampe, die sie schon in der Hand hatte, auf den Tisch und setzte sich

auf meinem Bettrand, um still zu warten, bis sich die hohen Wellen in mir

gelegt hätten oder wenigstens mich ihres Dabeiseins zu versichern.

Es wurde mir aber, nachdem ich jetzt angefangen hatte, nicht mehr so

schwer, ja, es schien mir eine Erlösung, mir vom Herzen herunterzureden,

was da angesammelt war. Ich schonte mich nicht und beschönigte auch nichts

von allem, was mein blindes und selbstsüchtiges Wesen an mir selbst und

andern angerichtet hatte, und mein lang beschwichtigtes und unterdrücktes

Herz kam wieder einmal zu Worte, ohne daß ich ihm das Reden verbot, was ihm

zu gleicher Zeit wohl und weh tat. Das will ich nun nicht mehr alles

heraufholen. So wenig ich wollte, daß ich diese Stunde nicht erlebt hätte,

so wenig könnte ich noch einmal ausbreiten, was mir unter Schauern und

Schrecken als mein Ich gezeigt worden war wie im Spiegel. Es waren oft

genug Boten des lebendigen Lebens an meinem Weg gestanden, und es hatte

mich auch etwas zu ihnen gezogen, aber ich war dennoch dem Äußerlichen und

Niedrigen in mir nachgegangen, dem ich noch wackere und tüchtige Namen

gegeben hatte, um es vor mir aufzuputzen. Die falsche Richtung der Wünsche

und Begierden hatte ich schon lange eingeschlagen, und was ich diesen

Sommer getan hatte, das war alles nur als reife Frucht vom Baum gefallen.

Dabei konnte ich nicht sagen: »Da und da hat es angefangen und von da an

mußt du bereuen,« sondern es war eines aus dem andern gekommen wie aus

einer Wurzel in aller heimtückischen Ehrbarkeit und Strebsamkeit. Ich hatte

Maidi verlassen und Eleonore belogen und die Schwestern verleugnet und in

allem noch recht gehabt wie ein Tugendmensch und braver Bürger, weil ich ja

doch kein Wort gebrochen und keinen falschen Eid geschworen hatte. Es war

nicht auf den Grund zu kommen mit dem trüben Wasser, und ich schwieg

endlich, mutlos und erschöpft, aber mit einem Frageblick in Luisens gutes

und aufrichtiges Gesicht hinein, ob sie vielleicht weiter wisse.

Sie sah schon lange, daß es da mit Beschwichtigen und Rechtgeben nicht

gemacht sei; sie nickte, solang ich sprach, hie und da nachdrücklich und

ernsthaft mit dem Kopf, als ob sie danebenher ihre eigene Gedankenfäden

spinne. Das war auch so, wie ich gleich sah.

»Ach, lieber Ludwig,« sagte sie, »da muß ich jetzt auch anfangen mit

Bekennen und Bereuen, wenn ich so sagen soll. Ich habe mir schon viel

Gedanken und Herzbrechen gemacht deinetwegen, mit Helene und auch allein.

Vielleicht sind wir an dem, was du da sagst, alle miteinander schuldig. Du

bist uns von klein auf gewesen wie ein goldener Becher, in den wir alle

hineingesehen haben mit Stolz und Hoffnung und auch mit Liebe. Aber die

Liebe hat es vielleicht nicht recht gemacht bei uns. Wir haben dir alles zu

leicht gemacht und alles entgegengetragen, nach was es dich verlangt hat.

Wenn wir gedacht haben, daß du es weit bringen sollest auf der Welt, so

haben wir nicht an deine Seele gedacht, sondern an Ehre und Fortkommen und

gutes Bestehen vor den Menschen. Und auch an uns haben wir gedacht, daß

einer aus unserem Haus hervorgehe, der mehr sei und höher stehe als wir,

und es ist ein Ehrgeiz in uns gewesen, dich dahin zu bringen. Das andere

freilich, das hat sich für uns von selber verstanden, daß wir an dir Teil

haben und du zu uns gehörst, und daß du ein Mensch werdest, an dem man

seine Freude haben könne. Die Mutter hat sich oft gesorgt um dich und

gekümmert, ob alles recht werde. Da haben wir deine Partei genommen und

gesagt, es sei ein Unrecht, daran zu zweifeln. Man müsse dir nur immer

zeigen mit der Tat, daß du einem wichtig seiest und wert, so kommest du nie

von uns los. Dann, wie wir dich allein gehabt haben, ist es auf und ab

gegangen, das weißt du ja. Ich mache dir keinen Vorwurf, lieber Ludwig, du

machst ihn dir ja selber. Das erbarmt mich und erfreut mich auch, wenn ich

ehrlich sein soll, denn ich hätte es nicht tun können, ich habe es nie

gelernt, dir so etwas zu sagen. Sieh, es haben dich immer alle Leute gern

gehabt, wo du auch hingekommen bist, weil du so die Anlagen gehabt hast,

daß du heiter und gesellig und auch gescheit gewesen bist. Das ist dir

alles ganz natürlich gewesen, als ob es so sein müßte. Ich sehe alles, wie

es gekommen ist, eins aus dem andern. Es ist wie bei kleinen Kindern: man

muß ihnen hartes Brot zu beißen geben, daß sie feste und gesunde Zähne

bekommen. Es ist nichts, wenn man es einem Menschen zu gut macht, er muß es

mit der Not zu tun haben und mit Mühe und Sorge, damit er sieht, was es für

eine ernste Sache ist um das Leben. Sonst geht ihm alles obenhin, und er

meint, es sei sein Recht, daß es so fortgehe.«

Ich hatte Luise noch nie so viel auf einmal reden hören, da sie sonst eher

still war als gesprächig, und ich merkte, daß es ihr eine Wohltat und eine

Vereinigung mit mir bedeutete, sich einmal über all das auszusprechen.

Sie löschte die Lampe, die anfing zu rauchen und zu spucken und fuhr beim

Scheine des kleinen Nachtlichts, das sie mir angezündet hatte, fort:

»Als dann Maidi zu uns kam in der Zeit, da du eine so erwünschte

Lebensstellung gefunden hattest und ein gemachter Mann zu sein schienest,

da waren wir voller Freude. Es deuchte uns ein besonderer Segen auf dir zu

liegen, der dich durch alle Gefahren und Versuchungen hindurch dennoch zu

einem guten Ziele führe, und wir sagten zueinander, es sei gewiß die

Mutter, die von drüben herüber über dir wache, obgleich Helene dann

hinzufügte, du habest ja jetzt den besten, sichtbaren Schutzengel um dich

und brauchest keinen andern mehr. Denn wir meinten nicht anders, als es sei

zwischen euch ein Einverständnis, was allerdings nur davon herkam, daß uns

das liebe Mädchen gar so gut gefiel und daß wir ihm anmerkten, es sorge

sich um dich und sehne sich nach deinen Nachrichten.«

Als Luise das erzählte, konnte ich nicht verhindern, daß mir ein tiefer

Seufzer entstieg, und sie meinte aufhören und mich der Nachtruhe überlassen

zu müssen, sah aber dann selber ein, daß ich, überwach und erregt, doch

nicht schlafen könne, ehe wir unser Gespräch zu Ende geführt hätten, und

sagte: »In der unglücklichen Zeit, die dich und uns so viele Schmerzen

gekostet hat, träumte mir einmal, daß die Mutter vor dem alten Häuschen am

Graben auf dem Bänklein sitze und zu mir sagte: >Es wird ihm nichts

geschenkt, er muß alles teuer zahlen. Man hätte ihn sollen als klein härter

halten, denn es kommt jetzt doch alles auf ihn heraus.< Da wußte ich, daß

etwas Schweres auf dich wartet, und als du krank und elend heimkamst, war

ich nur froh, daß ich dich da habe, denn es war mir, als sei das Ärgste

schon vorbei, und es komme nun wieder besser. Und du wirst sehen, es kommt

auch.«

Dabei sah sie mir mit einem Anflug von Hoffnungsfreude und fast Schelmerei

in die Augen, und ich wußte, daß sie nun denke, es könne vielleicht, da ich

nun frei sei, wieder ein Weg von mir zu Maidi hin gefunden werden, was ihr

nicht nur ein Glück an sich, sondern auch ein Beweis gewesen wäre, daß nun

das züchtigende Schicksal seinen Grimm über mir erschöpft hätte und mich

fortan durch Güte auf freundlichen Pfaden zum vollen Leben hin zu führen

gedenke. So ließ sie mich, obgleich erregt und aufgewühlt, doch nicht ohne

ein kleines Flämmchen zurück, das, wie das winzige Nachtlicht an die

dunklen Wände meiner Schlafkammer, blasse und sich tröstlich vermehrende

Lichtringe in die Nacht meines Innern warf. Das hatte schon sehnlich darauf

gewartet, daß es noch einmal hoffen dürfe, und fing begierig an, wenn auch

noch zaghaft und scheu, sich der Entfernten, in der Zeit der Untreue am

meisten Geliebten zu nähern.

Ich war noch fiebrig und schwach und zu nichts fähig, als vor mich hin zu

träumen, meistens mit geschlossenen Augen. Manchmal überfielen mich dabei

die dunklen Geister der Vergangenheit. Es reute mich die Zeit, die mir

verloren gegangen war, die Umwege, die ich gemacht hatte. Mein Stolz bäumte

sich auf, wenn ich daran dachte, wie Eleonore und der Doktor über mich

gesprochen hatten. Olbrich fiel mir ein, und Hertha, und der Zeitler. Ich

war überall unten durch; sie hatten alle recht, wenn sie auf mich

heruntersahen, und ich wünschte, nie mehr aufzustehen. Aber öfter und öfter

gewann meine genesende Seele die Macht, sich vor dem Dunkeln zu flüchten.

Ich konnte noch nicht an Maidi schreiben, und es war mir, als könne ich es

überhaupt nicht, als müsse ich zu ihr gehen und ihr alles sagen, und sie

würde mich nicht von sich weisen, denn sie liebte mich, wie ich war. Ich

ließ mir von Luise erzählen, was sie von mir gesagt hatte, als sie

dagewesen war. Luise sagte lächelnd: »Sie meinte, du seiest dir selber

gefährlich und eigentlich gar kein Kraftmensch, aber sie machte ein so

liebes Gesicht dazu, als ob ihr gerade das das liebste an dir sei. Das kann

auch sein, denn ich glaube, sie hat das Sichere und Bestimmte, das dir

manchmal fehlt, und das will sich gern mit dir vermischen. Überhaupt ist

sie ein Mensch, der lieben kann und sich nicht besinnt, welche

Eigenschaften ihr Geliebter haben soll; sondern sie liebt, weil sie liebt,

und aus keinem andern Grunde.«

»Hat sie dir denn das gesagt?« fragte ich verwundert.

»Nein,« sagte Luise, »so etwas brauchen wir Frauen einander nicht zu sagen,

das merken wir auch so.«

Dieses Gespräch war mehr als Arznei für mich. Ich fühlte neuen Saft in mir

aufsteigen und sah den Baum meines Lebens wieder Knospen treiben. Draußen

ging der Oktober zu Ende mit sonnigen, warmen Tagen, hinter denen der

Winter kommen mußte, ich aber rief mir den Frühling herauf, der gewesen

war, und schöpfte aus ihm die Hoffnung auf einen neuen.

Ich dachte daran, wie Maidi von ihrer Mutter geredet hatte und von ihrer

harrenden Liebe, die durch nichts ertötet werden konnte, und wie die

Tochter sich einer gleichen fähig gefühlt hatte. Freilich hatte ich damals

gedacht, Maidi würde nie solche Schmerzen erleiden, denn etwas so

Köstliches wie sie würde niemand verlassen, der es besitzen könne, und nun

war ich selber es gewesen, der an ihr gesündigt hatte. Aber darum konnte

ich doch zu ihr zurückkehren, denn sie war treu, daran konnte ich nicht

zweifeln. Alles andere aber mußte sich finden und fand sich auch, wenn ich

nur wieder mit ihr einig war.

Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür

hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie

vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe

Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach

dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden.

Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es

mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe.

Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so

großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie

sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte

sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur

trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn

das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie

sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich

Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir

vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte,

teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen

Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht

kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte.

Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und

aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen

überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst

in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte,

und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in

meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber

doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch

allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen

vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber

einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse,

die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein

frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen.

Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter

gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach,

auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt

habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus

meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten

von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen

lehrte.

Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am

Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl

sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner

zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und

gesunden nahm. »Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,« sagte

sie; »wir warten alle darauf.« Es schien, als wolle sie mir noch etwas

mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie

fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen

wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien

zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die

Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es

still; nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren

der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten;

es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war

schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um

meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam,

um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst

konnte ich nicht neu anfangen zu leben.

Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr

reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit

darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi

wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch

über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran,

daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit

geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im

innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit

auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich

Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos

schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner

starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß

Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil.

Ich rührte sie an der Schulter und sagte: »So gib doch Antwort,« worauf sie

den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte:

»Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer

Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!«

* * * * *

Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so

wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es

rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit

schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag

eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als

ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel

verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle.

Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht

zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der

aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines

Stromes, der in der Niederung angelangt ist.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 21 / 24 段