Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort und jeder Ton und jeder

Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl

sehen konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles

Schmerzliche und Beschämende noch einmal zu sagen und es einfach

aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch

war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der Zufall, der mich

wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort führte, mein Leben aus den

falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch anders gehen

können, und ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre.

* * * * *

Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden und selbstanklagenden

Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der

Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber

zurückgekommen und hatte Eleonore auch schon ein paarmal getroffen mit

ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren

wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren geben könne, der

ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den

Kauf genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so weiter. Er nannte sie

du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß die

Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwürdigen Grad von

gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich lassen müßten,

weil sie das nötige Geld nicht hätten, um einen Haushalt zu führen, der

ihren Bedürfnissen entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit

anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu

können, ohne daß die Liebe darunter litte und sie dann einander quälten.

Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, daß

es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es

von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und

geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei

denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu

gehören scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es möglichst wenig

nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, daß wohl

eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten,

aber kein Geld mehr, und daß die Kinder arm seien wie Kirchenmäuse. Der

Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten können, da er mit

den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen

Zuschüssen. Eleonore aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre

Wünsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lässigen

Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur

als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttäuscht

gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen

noblen Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem

beiderseits so hochentwickelten Schönheitssinn.

Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs ein bloßer Geldsack sei,

den man nach Belieben auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine

Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus und Geschäft, dem er

freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen könne, da er das

Heiraten versäumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens

verhindern könne, nicht wolle in fremde Hände kommen lassen, und das er

darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche Vermögen

fast ganz darin stecke, so wolle man es vorläufig auch beisammen lassen,

denn so halte es sich am besten und so weiter.

Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte.

Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so

genau, wie ich es hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, um

nur das eine und andere Wort darüber verlieren zu müssen, das mich aber

genugsam über ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon

vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft

entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu

wiederholen, sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander

auszusprechen und sich bewußt zu werden, wie sie es ins Künftige halten

wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim

Wiedersehen inne geworden, daß sie fester aneinander hingen, als sie gewußt

hatten. Das drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie möge jetzt

noch von mir ablassen, da sie sonst verderben müsse. Er sprach mit großer

Geringschätzung von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber,

Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es

sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie,

offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau

nannte, aber mit spöttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß

er sie glühend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch

in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit

für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, da das Glück in der

Hütte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger

Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei

meinem Lauschen, das ich doch nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja

der Augenblick kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich konnte immer noch

nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und

das geschah nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch aus dem

hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt hätte, einen

Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt

hatte.

Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als der Doktor mich

geringschätzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre

Liebe, die er getroffen hatte.

»O still,« sagte sie, »so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals,

das weißt du wohl, und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, was

ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht

sein kann. Das heißt gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Kräften.«

Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte spöttisch: »Wir wollen

einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn

er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem

Onkel dazu anwerben ließ.«

Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff

mit der Hand heftig in die grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war

mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, da sich ja der

innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte.

»So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist,« sagte sie mit herbem

Entschluß, »denn es muß sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen

Dingen reden, da ich nicht zurück kann noch will.« Sie sah jetzt blaß aus

und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflügel

bebten. Dann, als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir und

sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts.

Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm

und ihrer Liebe fertig werden zu können, da das andere, das Bedürfnis nach

Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren stärker als alles in ihr gewesen

sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar

dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen nicht zuwider handle, habe ihr in

allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis

erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber

um ihre Hand habe ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der

tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals beide so viel gelacht

hätten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tüchtigen

Geschäftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle

bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel

besonders viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich (oder

vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so

gesagt, aber sie habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich

hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne

solchen, der in Betracht komme, in allem gefügig und abhängig bleiben

werde, trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art von

Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles in den Kram gepaßt habe.

Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich habe ihr nicht genügen

können nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt

hätte, sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch darauf nicht

ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle.

Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie

anhalten würde, denn Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne

gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das

habe sie sich nicht verborgen.

Es sei aber dann ganz anders gekommen.

Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und

zwar je länger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der

Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in

der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe

sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen können, da es

ja nachher das gleiche gewesen wäre wie zuvor.

Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, und zwar ganz verwandelt

gegen sonst, nicht mehr der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen

Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glühend und

bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er

habe sie mit Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit dem

Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt,

ob sie die Seine sein wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe

die Augen abwenden können. Es sei aber dann über sie gekommen, daß er mit

den heißen Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr

gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült habe, und sie habe

sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der

Flucht vor ihm, dem Geliebten.

Das habe freilich nicht lang dauern können, denn sie habe ja sogleich

wieder gespürt, daß sie nichts für mich fühle, was auch nie anders

geworden sei.

Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit

so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt,

und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und

freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger

Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen Liebe von ihr erwarte, so

als ob ich dächte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht

besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine

Kosten käme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im

Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein,

wie sie es nötig habe, das sehe er daran, daß sie die große Hochzeit halten

werde, denn so sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie

wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht haben.

Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden.

Dann wieder habe sie Respekt davor, daß ich so an ihr hange, so ernst und

ehrlich. Sie denke oft, es wäre gut, wenn wir einmal Mann und Frau wären,

denn dieser Brautstand sei eine Komödie, und es werde nachher alles besser

sein.

»Oder wenigstens,« setzte sie zögernd hinzu, »war es so, bis du wieder

kamest und alles neu aufwecktest. Es wäre wohl alles recht geworden ohne

das. Ich hatte die besten Vorsätze.«

Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich unter seinem standhaften Blick.

Es war, als ob er sie zu sich heranzöge. »Und nun?« fragte er. »Nun hast

du die große Hochzeit eingerichtet und wirst sie halten, nicht?«

»Nun wirst du mir zu mächtig. Ich weiß nicht mehr, was ich kann und soll,

du wendest alles in mir um. Du hättest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe

umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine Dirne eine Liebschaft

habe hinter dem Mann, der mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore

Bitterolf, die einst so stolz war. Ich muß es wieder sein können, ich halte

das nicht aus. Nein, schüttle nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht

belogen; ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich habe dir nichts

gegeben, keinen armen Kuß mehr. Nichts als meine Gedanken, nichts als mein

Herzklopfen bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, das ihm nie geklungen

hat, und --«

»Komm,« sagte er und breitete die Arme aus. »Und dein Herz? Ist es nicht

so?«

Sie tat einen zögernden Schritt nach ihm hin. Wenn ich mir einmal gewünscht

hatte, sie erregt zu sehen, von einem starken Gefühl übermannt, so konnte

ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, ganz durchglüht von innerem

Feuer und doch zerrissen, stolz und unterjocht zugleich.

Ich konnte es nicht hindern, daß ich einen stöhnenden Laut ausstieß. Sie

hörten mich aber nicht. Sie sahen nur einander an. Es fielen jetzt große,

schwere Tropfen. »Geh'!« hörte ich Eleonore auf einmal sagen. Es klang hart

und hochmütig. Das Feuer in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das

Steinbild, das ich kannte.

»Nein, mein Herz nicht. Ich muß es für mich behalten. Ich hätte dich nicht

mehr sehen sollen. Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will

wenigstens ich sein, so viel ich auch dafür bezahlen muß. Es wird wohl von

uns dreien keiner glücklich sein, aber es kommt schließlich auch nicht

darauf an.«

Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr nicht. Er ging die schmalen

Staffeln hinunter, die nach der Stadt führten, im Regen, der nun

herniederströmte.

* * * * *

Ich hörte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte das ausgestoßen? Ich sah

mich um. Es war niemand in der Nähe. So mußte ich es wohl selber gewesen

sein. Es kam noch einmal, aber diesmal war es der Wind. Er lachte, daß es

dröhnte. Also dies ist nun der Schluß, dachte ich, dies ist nun der Schluß.

Ich mußte irgendwo hingehen, um mich zusammenzulesen, denn es war mir, als

sei ich in Fetzen gerissen. Es brauste immer stärker, ich wußte aber nicht,

ob es in mir sei, oder in der Natur. Es konnte der Sturm sein, ich fragte

aber nicht darnach. Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm

hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Güssen hernieder. Die Schwüle war

vergangen, aber nun war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, das war

ganz plötzlich gekommen. Man sah kaum vor sich hin, es war aber gleich, ich

brauchte nicht mehr zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen

einzigen, und ich mühte mich, ihn ins Auge zu fassen. Aber wenn ich es

wollte, dann kam das Lachen wieder, vor dem mir graute. Ich blieb stehen

und versuchte, einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer

zusammenzubringen, ich mußte scharf denken. Endlich hatte ich ihn und sagte

mit schwerer Zunge: »Also diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.« Ich

sah mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber die Bäume standen

schweigend, der Regen floß an ihren Stämmen herunter und rieselte auf dem

Boden weiter. Da sagte ich es noch einmal. »Also diese Hochzeit kommt nun

nicht zustande.« Ich ging mit eiligen Schritten weiter und hörte mich

einmal sagen: »Ich bitte höflichst, mir den Kaufpreis zurückzuzahlen.« Dann

dachte ich, ich sei ja wohl verrückt geworden, und verbot mir das Denken,

es konnte ebensogut später noch geschehen. Es wurde allmählich dunkel. Ich

fand mich auf einer breiten Fahrstraße, die durch den Wald führte. Der

Sturm hatte aufgehört, es regnete aber weiter. Es handelte sich für mich

darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen und nachdenken konnte, denn im

Marschieren ging es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schärfer aus.

Die Kleider klatschten um mich herum, und in den Stiefeln schwappte es beim

Gehen vor Nässe. Plötzlich blieb ich stehen und dachte: »Muß ich mir nun

das Leben nehmen?« Aber auch diese Entscheidung mußte ich verschieben, bis

ich irgendwo in Ruhe saß. Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte

ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof vorbei. Ein Hund schlug an,

Licht schien aus den Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber ich

ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht sein. Es ging zwischen

Äckern hindurch, dann wieder durch den Wald, es löste sich eine unbändige

Kraft in mir; es war mir, als könnte ich die ganze Welt durchwandern bis zu

dem Platz hin, wo ich mit mir abrechnen mußte. Es wurde schlimm, ich wußte

es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wie lang ich so gegangen

war, wußte ich nicht. Es war auf einer Waldblöße. Der Mond kam einen

Augenblick zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte er sagen: Da ist

es. Es stand eine offene Blockhütte da, wie sie die Holzknechte zum

Unterstand benützen. Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank,

die der Wand entlang lief.

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, daß ich geschlafen habe mit dem Aufruhr

in meinem Innern, aber ich fuhr plötzlich empor mit klaren, wachen Sinnen.

Es schüttelte mich, ich wußte nicht, war es vor Nässe oder Kälte, oder vor

Entsetzen, vielleicht war es alles zusammen. Das ist nun also das Ende,

dachte ich noch einmal. Denn es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie

eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel lag, ein heller Blitz

hindurchfährt, so daß sie auf einen Augenblick bis in die hintersten Gründe

erhellt ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden zu verachten

oder zu befehden; mein Unglück lag in mir selber und war meine Schuld.

Eleonore war viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die ganze

Zeit mein Wesen und Handeln mit einem bunten Mäntelchen aus Scheingründen,

guten Vorsätzen und gewollten Tugenden behängt hatte. »Ich habe ihn nicht

belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,« hatte sie gesagt. Und ich? O

still, wohin war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen und nicht

gut zu machen. Ich konnte nicht zurück und auch nicht vorwärts, und wenn

mich die Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. Es reichte

alles weit zurück, weiter als man sagen konnte, und auch das Nachdenken

half nichts. Es war auch gar nicht nötig, ich wußte alles ohnehin gut

genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch nicht im Hause bleiben. Und

überall hatte ich mir die Wege verschüttet, zu allen Menschen hin, die

einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, wie ich vordem gewesen

war. Es graute mir vor dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so

einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, ob es etwas half. Ich

hatte da noch nie recht getraut, schon bei andern Menschen nicht, und nun,

da es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob ich dann wirklich

tot sein würde, und was etwa nachkäme. Doch lag ein kleiner, ferner Trost

in dem Gedanken, daß ich das Mittel ja immer noch versuchen könne, wenn es

gar kein anderes gebe, da ja der Tod eine offene Tür sei, durch die man

jederzeit eingehen könne.

Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo her erscholl ein Hahnenschrei,

dem ein anderer antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war kühl. Ich

war auf einer Hochebene; es strich ein Wind darüber hin. Als ich aus der

Hütte trat, hörte ich, wie die nassen Bäume erschauerten und ihre Tropfen

versprühten. Ich besann mich, wo ich sei und was ich tun wolle, und

beschloß, dem Hahnenschrei nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann den Weg

erfragen könne. Es war alles so entsetzlich wüst und leer in mir; ich hätte

gern geschlafen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich dann wieder aufwachen

müsse, und wenn mich nicht das starke Gefühl der Kälte und Nässe getrieben

hätte, eine Abhilfe zu suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr mit

der Kraft der Erregung von vorher, sondern mit schweren Füßen, die sich

widerwillig einer vor den andern setzten. Als es Tag war, fand ich mich in

einem Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich ging in ein Wirtshaus

und trank Kaffee. Die Wirtin sah mich verwundert an und sagte teilnehmend:

»Sind Sie krank?« und ich schüttelte den Kopf, dachte aber, ich sei es doch

und fürchtete nun plötzlich, nicht mehr weiter zu können, da sich ein

dumpfer Druck über mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang an dem

Wirtstisch gesessen sein, und die Wirtin begann besorgt zu werden. Sie

sagte, der Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, und sie

wolle meine Kleider trocknen. Aber ich raffte mich auf und ging, und als

ich an dem kleinen Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein

durch den überhand nehmenden Nebel meiner Gedanken scheinen: Ich wollte

heimfahren. Es war mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich als

Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz mit dem Bild des Vaters.

Das war nicht der Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der

Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die Schwestern. Es stach und

brannte, als ich das dachte, aber das Verlangen war größer als alles. Ich

saß in der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort kam alles Übrige,

ich mußte nur einmal in meiner Kammer geschlafen haben. Das Klingelbähnchen

fuhr so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. Ich wartete

wieder auf einem Bahnhöfchen und saß endlich im Zug, der nach meiner

Vaterstadt fuhr. Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, weiß ich

nicht mehr. Es war schon Licht in der Schreinerwerkstatt. Ein kleines

Bübchen spielte unter der Tür mit Holzklötzen. Drinnen bei dem Mann sah

ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem Arm. Ich ging leise durch

die offene Haustür und machte die Flurtür auf. Eine kleine Schelle

klingelte atemlos an der Tür; da kam Luise aus der Bügelstube und sah mich.

Sie machte die Tür hinter sich zu und ergriff mich stumm an der Hand. »Bist

du da?« sagte sie und umfaßte alles, was an mir war mit einem einzigen

Blick, ohne nach irgend etwas zu fragen.

* * * * *

Ich lag in ihrer Stube und in ihrem Bett, das vordem das unserer Mutter

gewesen war, aber ich wußte es nicht. Ich ging in schweren Träumen durch

unterirdische Gänge, um jemanden zu suchen, den ich um Lebens und Sterbens

willen finden mußte. Manchmal war es meine Mutter und manchmal Maidi,

manchmal auch der Zeitler. Aber wenn ich eins von ihnen von weitem sah, so

war es doch nur von hinten, und es ging durch eine Tür, die sich in der

Mauer auftat und wieder hinter ihm schloß. Ich wollte rufen und konnte

nicht, ich stemmte mich gegen die Tür, um sie zu öffnen, und mußte machtlos

davon ablassen. Oder sie öffnete sich, und irgend ein anderer Mensch trat

mir entgegen, der mich aufhielt, indes das Gesuchte schon wieder in halber

Dunkelheit lautlos verschwand. Einmal war es Rosa, das Dienstmädchen der

Pfarrerswitwe, bei der Maidi wohnte. Sie grüßte mich mit vertraulichem

Lächeln und hatte Maidis blaugepunktetes Sommerkleid an, und auch das

Samtbändchen war wie einst durch die Spitze am Halsausschnitt gezogen.

»Wissen Sie es nicht?« sagte sie. »Das Fräulein ist lebendig begraben

worden. Es ist ja aber gleich, es gibt noch andere.« Sie drängte sich an

mich, und ich spürte ihre volle Brust an meiner und ihre Arme um meinen

Hals. Ich wollte mich wehren, da ich soeben von weitem Maidi gehen sah mit

geschlossenen Augen und schlicht herabhängendem Haar, und ich sie zu

errufen hoffte; aber knöcherne Finger drückten mir die Gurgel zu, so daß

mir die Luft ausgehen wollte, und ich sah ein Gesicht über mir, das mich

aus starren Augen schrecklich anblickte, und hörte von weitem Eleonore

sagen: »Die Tischkarten müssen zuerst geschrieben sein,« was mir klang wie

ein Todesurteil.

Ludwig Fugeler: Roman · 第 20 / 24 段